Doris Knecht
| 05/09
| Beschwerden
| Falter-Kolumne
| Schuld und Sühne
Es war die Woche des Lebenswandelswandels. Zuerst deaktivierte ich mein Facebook-Konto, was von Facebook nicht akzeptiert wird. Ich werde offenbar weiter als ganz normales Mitglied geführt, allerdings als Arschloch, das mit allen seinen Freunden Schluss gemacht hat. Walter T. fragte bereits in einem traurigen Mail, warum ich ihn denn aus meiner Freundesliste entfernt habe. Habe ich nicht! Ich habe nur mich selbst entfernt; hat mich zu sehr abgelenkt.
Dann marschierte ich bei meinem Friseur ein. Friseur, sagte ich, künftig will ich glänzendes Haar. Ich will jetzt nicht mehr struppig sein. Mein Haar soll jetzt das Sonnenlicht zurückwerfen und in elastischen Naturwellen mein Antlitz umschmeicheln. Geht das?
Bei dem Friseur bin ich seit 15 Jahren. Ich fühle mich bei dem Friseur wohl. Er spielt schönen Countryfolk, während er meine Haare schneidet. Er tut, was ich will. Ich sage, so, so und so, und er schneidet so, so und so. Er quält mich nicht mit Styling-Tipps. Er ist taktvoll und erklärt mir nicht, was mir besser stehen würde, als so, so und so. Er sagt nicht, wie der Friseur der Schneebergerin, dass die Schneebergerin sich mehr pflegen sollte, langsam mal ein wengerl Sport machen, und einmal wöchentlich eine Haarkur, Minimum. Wenn mein Friseur irgendeine michbezügliche außercoiffeurliche Sorge hätte, dann wäre das höchstens etwas in der Art, ob ich eh genug trinke. Hat er aber nicht. Mit meinem Friseur rede ich über den Fink, das Waldviertel, die Kinder und die Konzerte, die man in nächster Zeit sehen sollte und nicht darüber, was für eine Frisur mir vielleicht besser stehen würde.
Und genau das problematisierte ich kürzlich im Zuge einer schlaflosen Nacht: Sollte ich andere Haare haben? Längere? Elegantere? Und das vielleicht schon längst? Laufe ich seit Jahren mit falschen Haaren herum, weil mein Friseur so ein freundlicher, taktvoller Mensch ist? Sollte man einen Friseur haben, der einem fremde Frisuren, Haarpackungen und Stylingtipps aufdrängt?
Ich ließ mir die Haare ein wenig wachsen. Ich erwog, einmal die Friseurin ums Eck aufzusuchen, die den Mimis die Haare schneidet und uns am Heimweg immer zuwinkt. Aber was, wenn das dann auch nicht passt? Hoppel ich dann reuig zu meinem alten Friseur zurück? Und muss dann jeden Tag einem Umweg machen, aus schlechtem Gewissen der netten Friseurin gegenüber?
Die Unübersichtlichkeit der Problemlage bewog mich letzten Mittwoch gegen neun dazu, mir die Haare selbst bissl zu schneiden. Gegen halb zehn rief ich meinen Friseur an und bekam einen Termin um drei. Erstens, sagte ich, ist mir ein kleinen Missgeschick passiert, und zweitens mach mir bitte glänzendes Haar, ich werde auch nicht mehr die Silikon-oder-was-Paste verwenden, die schon seit Jahren dein Misstrauen auf sich zieht. Mein Friseur sagte: Bitte gern, wie soll es sein? So, so und so, sagte ich, und wer ist das, der da singt?
so, so und so.
So einen Friseur wünsche ich mir auch. Beste Grüße.
So weit so gut, schade um Deine FB-Comments. Und es vermissen Dich so einige. Aber wir finden Dich im Web, was sehr gut ist. Alles Liebe und Gute mit der Wandelwandel-Änderungsphase. Bin neugierig auf die Frisur ;-)
LG, Oli