2.05.09

Jetzt noch einmal Kind sein

Doris Knecht | 05/09 | Kurier-Kolumne

Jetzt ins Bad. Jetzt lässig mit der Saison- oder Monatskarte wedeln und an der Schlange vor dem Eingang vorbeigockeln. Jetzt sich den besten Platz suchen, da! Nein, dort drüben hat man einen besseren Blick auf’s Geschehen. Jetzt  das Gewand vom Körper gleiten lassen, jetzt ein bisschen einschmieren, wie es die Mutter befohlen hat, jaja, Mama, jajaja.
Jetzt vom Dreimeterbrett springen. Jetzt über die Wiese rasen. Jetzt einmal anfangen, sich an der Rutsche anzustellen, jetzt sich in der Schlange langsam die Treppe hinaufarbeiten. Jetzt die Vordrängler abdrängen. Jetzt die Freunde begrüßen. Jetzt den Sebastian, die Anna bemerken. Jetzt schnell die Badekleidung in Position zupfen, jetzt eine möglichst lässige Haltung einnehmen. Jetzt nur nicht rot werden.
Jetzt sich am Beckenrand versammeln. Jetzt den Bademeister im Auge behalten. Jetzt die Julia packen, an Armen und Beinen schaukeln lassen, jetzt in hohem Bogen werfen, bevor das Gekreisch den  Badewaschl alarmiert. Jetzt illegal vom Beckenrand köpfeln, verwegen und trotzdem elegant.
Jetzt mit der Alex in der Wiese auf dem Badetuch auf dem Bauch liegen liegen, tuscheln, und unter Gekicher den Sebastian mit dem Tom vergleichen. Jetzt schimpfend aufspringen, weil der Tom einem das Handtuch über die Schenkel pfeifen lässt, der blöde Kindskopf. Aber schöne Haare hat er. Jetzt wieder ins Wasser. Jetzt das Obst in der Sonne verfaulen lassen, das einem die Mutter eingepackt hat. Jetzt nämlich ein Eis holen, jetzt vor der Eistafel auf dem glühenden Beton trippeln und das Idealeis des Tages wählen. Jetzt auf der Mauer hocken, Beine baumeln lassen, schlecken.
Jetzt wieder Kind sein: Die Bäder haben offen, jetzt ist es Sommer.
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