Doris Knecht
| 05/09
| Kurier-Kolumne
Susan Boyle, 48, wohnt in einem schiarchen, dunkelgrauen Haus, hat dicke Augenbrauen, tüchtig Übergewicht und in Styling-Fragen ein extrem unglückliches Händchen. Trotzdem ist Boyle Englands neuer Superstar, seit sie kürzlich in einem erschreckenden Kleid und mit Horror-Haaren auf eine TV-Bühne trat, sich von einer Jury verspotten ließ und dann den Mund aufmachte. Die Menschen im Publikum und vor den Fernsehern weinten, als Boyle mit einer ungeheuer großen Stimme einen Musical-Ballade zum Vortrag brachte.
Jetzt steht sie im Finale der TV-Show „Britain’s Got Talent“ und wenn sie nicht gewinnt, wird es in England vermutlich zu Straßenschlachten kommen. Denn Boyle ist die neue Identifikationsfigur der britischen Unterschicht, und anders als Jade Goody, die ihr Leben in Big-Brother-Containern verbrachte und öffentlich starb, kann sie tatsächlich etwas. Und zwar richtig gut.
Und das kann man von Susan Boyle lernen: Glaub an dein Talent, auch wenn es nicht ins Schema passt. Sonst allerdings leider weit weniger, als uns Sozialromantiker verkaufen wollen: Denn die Zentral-Botschaft des Boyle-Märchens ist doch, dass man es unbedingt ins Fernsehen schaffen muss – und das eignet sich als genuines Lebensprinzip nur sehr bedingt. Vor allem haben uns zwei Jahrzehnte Doku-Soap-und Casting-Tralala-Erfahrung gelehrt, dass der dort produzierte Ruhm etwa das gleiche Ablaufdatum hat wie ein Liter Vollmilch. Und was passiert, wenn man es in dieser Zeit nicht schafft, tüchtig Geld zu scheffeln, haben schon viele Big-Brother-, Taxi-Orange-, Ekel-Camp und Starmania-Teilnehmer vorexerziert: Dann muss man leider zurück ins dunkelgraue Haus. Und die von Stylisten gezupften Augenbrauen wachsen sofort nach.