4.06.09

Der ist doch schön!

Doris Knecht | 06/09 | Kurier-Kolumne

Der Hocker ist ja hinich, sagt der Mann. Ist er natürlich nicht; er hat nur am Rand einen kleinen, relativ unerheblichen Riss. Er ist kaputt, sagt der Mann. Stimmt nicht, sage ich, weil du sitzt gerade darauf, und wenn er hundert Kilo aushält, bedeutet das, dass er in tadellosem Zustand ist.
Aber er wackelt, sagt der Mann, da schau, er wackelt wie verrückt, und er ist fleckig, warum schmeißt du immer Geld für  altes und hinüberes Zeug hinaus? Das ist Patina, sage ich, und es waren nur zehn Euro. Du hast, sagt der Mann, für dieses Krawukel im Ernst zehn Euro bezahlt? Dieser einwandfreie Hocker ist, sage ich, für zehn Euro überaus wohlfeil, denn er ist von Thonet. Er war von Thonet, sagt der Mann, jetzt ist er ein unbrauchbares Gesprießel. Er ist keineswegs unbrauchbar, sage ich. Das würde ich aber gerne wissen, wofür man den noch brauchen kann, sagt der Mann. Du kannst zum Beispiel einen deiner 18 Zeitschriften-Türme darauf abstellen. Oder, wie jetzt, darauf sitzen. Oder ich könnte ihn zum Sperrmüll bringen, sagt der Mann.
Garantiert nicht. Dieser Hocker und die anderen schönen, alten, so gut wie unkaputten Sachen bringen Geschichte in unser Heim: Dieses Holz hat jemand vor vielen Jahrzehnten ehrlich gebogen und geleimt, geschmirgelt und eingelassen, da hat jemand diese kleine Zierkerbe gefräst und die Sitzfläche mit einem Blumenmuster geprägt, zugeschnitten und angenagelt. Gut, jemand anderer hat ihn ein wengerl mit Lack beschmiert, dennoch: Das ist ein hervorragender Hocker, und obwohl er sichtlich einiges mitgemacht hat, hält er immer noch einen Hundert-Kilo-Kerl aus. Ich meine, bitte: zehn Euro? Geschenkt, absolut geschenkt.
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