Doris Knecht
| 06/09
Der depperte Perfektionismus macht die Menschen kaputt. Meistens kommt er Hand in Hand mit seinem noch depperteren Bruder, dem Purismus, und gemeinsam zerstören sie Ehen und Familien, bringen Kinder zum Weinen, treiben Mütter ins psychische Elend und früher oder später in die Geschlossene. Weil: Haut ja nie hin. Kann man acht Mal staubsaugen, fuselt es trotzdem. Wird nie alles perfekt. Passt immer etwas nicht dazu. Schlagen sich die Socken vom Kind farblich mit dem Sofa auf dem es sitzt, und die Frage ist, was man austauscht, das Sofa, die Socken oder ein Kind, das auf die Idee kommt, sich mit so aufdringlich dysharmonischen Socken in die Nähe des Sofas zu wagen. Womit ich auch einmal ein Problem aufgreifen will, das ich nicht habe, wovon allerdings spätestens seit der Fleischfliegeneier-Geschichte schon eine leise Ahnung in der Luft lag.
Der Wille wäre schon da allein, es mangelt an Talent. Ich will ja eh alles richtig machen, und dann hapert es immer an der Umsetzung. Ich lese aufmerksam die fünf Mitteilungshefte und schreibe alle Termine nicht in einen, sondern zwei Kalender, mit Schönschrift. Dann hindert mich ein böser Geist, morgens in die Kalender zu blicken und später radle ich aus dem Büro wieder heim, um dem Kind die Flöte noch rechtzeitig in den Hort zu bringen. Und ich rufe den Zahnarzt an und entschuldige ich zum elften Mal in Folge, dass ich den Zahnarzttermin der Kinder vergessen habe. Dabei habe ich ihn nicht vergessen. Er stand in den Kalendern. Er war mir präsent. Ich wusste: heute Zahnarzt. Ich hieß die Kinder extragründlich Zähneputzen. Ich besorgte bizarr teure Pokemon-Karten als Belohnung. Ich schaffte dem Langen das Mitgehen an und entband ihn wieder davon. Ich merkte mir genau die Uhrzeit, und zwar die vom letzten Zahnarzttermin, und wie ich das endlich gneißte, war der aktuelle schon schön verstrichen. Immerhin ist mir das diesmal aufgefallen, bevor ich mit einem nervösen Kind mit der Bim in eine große, gähnende Zahnarztabwesenheit hinein gefahren bin, weil der Termin schon am Vortag war. Das Kind wollte die Belohnung natürlich trotzdem, es hatte bitte schrecklich Angst und kann nichts für seine Huschi-Mutter.
Das wird das Credo ihrer Jugend, ich spür es schon: Wir können nichts für unsere Huschi-Mutter, tuts einfach, als warert sie gar nicht da. Andererseits wird es den Müttern, die mit, ich weiß nicht, Briefen an Konzernleitungen, Konsumentschutz und Lebenskunst-Magazine dafür gesorgt haben, dass auch meine Wäscheklammern jetzt „UV-Schutz“ haben, auch nicht anders gehen. Die können zwar endlich ihre Wäscheklammern unbesorgt der Sonne aussetzen, ohne das sie, was Perfektionisten offenbar in ein systolisches Koma wirft, Farbe verlieren, aber ihre Kinder werden sie trotzdem hassen. Und sie nicht in der Geschlossenen besuchen, während ich daheim glücklich im Kreis der Familie Fleischfliegen erschlage, aber hallo.