Doris Knecht
| 06/09
| Kurier-Kolumne
Auf dem Weg zu einem Termin geriet ich vorgestern beim Parlament unversehens in eine Lichterkette: Tausende junge Menschen hatten sich im Zeichen der Zivilcourage versammelt. Später, nach Mitternacht, saßen noch immer Gruppen junger Menschen bei Kerzenlicht und Bier auf dem Ring-Rundweg. Das war sehr schön. Das erinnerte sehr an die Sit-Ins der 1960-er Jahre, in denen sich Protest und Pop glücklich vereinten. Und das überrascht, dass die Generation Facebook Gefallen an Protestformen findet, mit denen sich schon ihre Großeltern Gehör, besser: Geseh verschafft haben.
Denn nichts transportiert Anliegen wirksamer als eine unübersehbare Menschenmenge. Und nichts hat mehr Kraft: wie die mittlerweile Millionen Demonstranten in Teheran täglich beweisen.
Soziale Internet-Netzwerke wie Facebook und Twitter ermöglichen heutzutage zudem eine unglaublich schnelle und effiziente Mobilisierung von Menschenmassen. Das Internet führt jetzt nicht mehr nur Vereinzelung und Isolation seiner Nutzer, im Gegenteil: Es bringt die Menschen zusammen, und, wenn nötig, sehr schnell gemeinsam auf die Straße. (Oder ins Museumsquartier.) Ausgerechnet via Internet repolitisiert sich endlich die Jugend, deren Gleichgültigkeit gegenüber politischen Prozessen so lange beklagt wurde.
Das Beispiel Iran zeigt zudem, wie wichtig etwa Twitter als Informationsdienst geworden ist: Die etablierten Medienvertreter konnte das Regime einschüchtern oder ausweisen, die Menschen vor Ort, die direkt aus dem Geschehen Nachrichten in die Welt twittern, nicht. Das mag kein objektiver Journalismus sein, aber es ist der O-Ton des Widerstands. Hier findet eine doppelte Revolution statt; und vielleicht verändert sie die Welt.