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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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31.07.09

9.11 Uhr ab Chaos

| 07/09 Kurier-Kolumne

Am Samstag trachtete Margit V. mit ihrem kleinen Sohn nach Gars zu fahren. Sie suchte sich in der Früh auf der ÖBB-Website einen Zug heraus  – 9.28 ab Wien Mitte – buchte, bezahlte und druckte gleich das zugehörige Ticket und begab sich mit Kind zum Bahnsteig.
Dort: Baustelle, alles verspätet, worüber per Durchsage und Anzeige informiert wurden. Nur nicht über ihren Zug, weshalb Frau V. und viele andere Mitreisende allmählich nervös wurden. Man suchte und fand den einzigen Fahrplan-Aushang, auf dem Züge, die an bestimmten Tagen ausfallen, rot markiert waren, darunter der Zug, für den Frau V. ein Ticket hatte. Sie fuhr dann mit ihrem Sohn über den Praterstern nach Floridsdorf, wo sie schließlich einen Zug nach Gars-Thunau besteigen konnten.
Bernhard O., Mitteleuropa-Korrespondent und trotzdem entschiedener Bahnfahrer, hatte tags darauf ebendort weniger Glück. Sonntag früh wartete er mit seiner Familie auf den 9.11-Uhr-Zug nach Retz, den er sich eigens aus den Baustellenfahrplänen am Praterstern und Wien-Mitte herausgesucht hatte.
Der Zug kam nicht. Es gab  am Bahnsteig keine Information darüber. Die Zuginformation 1717 wusste, dass es den Zug, anders als auf den Fahrplänen angegeben, nur wochentags gebe: Aber tatsächlich gibt es den Zug überhaupt nicht mehr – sondern erst wieder einen zwei Stunden später. Die O.s verbrachten mit ihren drei- und siebenjährigen Kindern einen idyllischen Sonntag Vormittag am Bahnsteig Floridsdorf.
Die ÖBB würden sich nicht auf ihren Loorbeeren ausruhen, sagte der neue ÖBB-Chef Mitte Juni auf Ö1. Bei der Lorbeer-Menge schafft das momentan nicht einmal ein Marienkäferl.


30.07.09

Dann passiert es doch.

| 07/09 Kurier-Kolumne

Ein bisschen feig sein hilft. Angst macht vorsichtig. Wenn man zum Beispiel zum ersten Mal in ein  mageres Plastik-Kajak steigt und vom sicheren Ufer ins Wasser geschoben wird. Marantjosef. Angst! Zum Glück gibt’s da ein ruhiges Becken, in dem man lernt, wie das Kajak worauf reagiert, bevor man in den reißenden, unheimlich aussehenden Fluss hinaus muss.  Und zum Glück ist da der erfahrene Bootsführer, hinter dem man hernach in Schwimmweste und Helm zwölf Kilometer den Fluss hinunter paddelt, und der einen an Felsen und umgestürzten Bäumen sicher vorbeileitet.
Und der, während man auf die anderen wartet, erzählt, wie viele Leute völlig  blank und untrainiert in so ein Boot steigen und einfach losfahren. Und zwar nicht nur diese, die relativ ruhige Strecke, sondern auch weiter oben das gefährliche Stück, wo der Strom schnellt und man nach scharfen Kurven unvermutet auf brutale Felsen trifft. Sie fahren dort mit Billig-Schlauchbooten hinunter, mit Kindern darin, die nicht einmal Schwimmwesten tragen.  Es sei, sagt der Mann, ein Wunder, dass nicht mehr passiert.
Und dann passiert doch einmal etwas. Der Tourist verschwindet im Berg. Der Paraglider streift eine Tanne. Der Fallschirm öffnet sich nicht. Das Boot prallt gegen einen Felsen.
Wie gefährlich darf Freizeitvergnügen sein? Besser: wie gefährlich muss es sein, dass man davon diesen Kick erhält, der einen den  öden Alltag überstehen lässt? Auch das kann passieren, dass man vor lauter  Durchschnittlichkeit, vor lauter Vorsicht, vor lauter Feigheit innerlich verfault und das Leben verpasst. Auch davor kann man sich fürchten.
So oder so: Ein bisschen Angst  ist gar nicht schlecht.




29.07.09

"Meinten Sie: Ovarien?"

| 07/09 Kurier-Kolumne

Man lernt nie aus. Es habe, hieß es am Montag frühmorgens auf orf.on, in Bayreuth Buhrufe für die Regisseurin Katharina Wagner gegeben, aber auch „Ovatien für Klaus Vogt“ – beziehungsweise wurde der Sänger ein paar Zeilen später „mit Ovatinen gefeiert“. Aha. Termini, die man noch nicht kennt, also schnell einmal im Internet recherchiert. „Meinten Sie: Ovarien?“ fragt Google. Nein, meinte ich eher nicht. Auch orf.on meinte offenbar etwas anderes: Ein paar Stunden später hat man sich dort dann für den geläufigeren Begriff „Ovationen“ entschieden.
Ähnlich wie im KURIER, wo in einer Abendausgabe der vergangenen Woche im Zusammenhang mit einem Begräbnis zu lesen war, zahlreiche Menschen hätten bei hochsommerlichen Temperaturen „ausgehaart“. Auch hier griffen beherzte RedakteurInnen schließlich ein: Bis zum Morgen hatte ein a einem r großzügig den Platz überlassen und verharrte dort..
Auch selbst ist man, auch wenn es nur schwer zu glauben ist, vor Fehlern nicht gefeit. Letzte Woche behauptete ich, ich hätte die Leserpost bisher  „erst teilweise“ gesichtet, was der strenge, aber gerechte Leser Otto N. nicht glauben wollte.  Er vermutete, was ich eigentlich sagen hätte wolle, wäre  mit dem Begriff  „zum Teil“ korrekt ausgedrückt gewesen. Na gut, stimmt: siehe erster Satz.
Den Irrtum der Saison lieferte allerdings  das britische „Q“-Magazin. Das titelte:  „Michael Jackson Unmasked. Inside His Mad, Bad World.“ Im Heft findet sich eine riesige Geschichte über das „Comeback des Jahres“. Erscheinungsdatum des Magazins: „August 2009“. Wenn der King of Pop das geschafft haben wird, ist seine Unsterblichkeit nicht mehr nur eine Behauptung seiner Fans.
 
26.07.09

Kann gar nicht sein

| 07/09 Kurier-Kolumne

Was macht man am heißesten Tag des Jahres? Zuerst macht man alle Fensterläden zu. Dann geht man schwimmen und sitzt, so lange es geht, bis zum Hals im Wasser. Dann lädt man Freunde zum Grillen ein. Der Wetterbericht hatte nichts dagegen einzuwenden; Regen erst wieder Samstag Nacht.
Das heißt, das finstere Grau, dass da von Nordwesten her den Himmel überzieht, wird sich auflösen, man kann ruhig schon einmal Holz zu fürs Feuer heranschaffen. Die erste Wetterwarnung in Radio Niederösterreich hört man nicht, weil man, ungeachtet der schwarzen Wand da hinten, gerade dabei ist, das Feuer anzuzünden. Alles weitere hört man auch nicht, weil es dann nur noch donnert, prasselt, heult, grollt und scheppert: Letzteres kommt vom Geschirr, das man rennend, fluchend, waschelnass vom Gartentisch zurück in Innenräume verfrachtet.
Soll schlimmeres passieren, als dass man eine Grillage an den Küchenherd verlegen muss. Anderen flogen zu diesem Zeitpunkt die Gartenstühle um die Ohren oder drang das Wasser in die Keller, bis zum Katastrophenalarm: völlig unvermutet,  weitgehend ungewarnt.  Das hatte offenbar niemand kommen sehen. Jedenfalls nicht, bis es eh alle selbst sehen konnten, aber das was sie sahen – in blindem Vertrauen in die Meteorologie – erst einmal nicht glaubten. Wenn es nicht im Wetterbericht steht, kann es definitiv nicht sein.
Manchmal eben doch. In der Früh: Strahlend blauer Himmel,  Vogelgezwitscher, Sonnenschein, der sich im Morgentau bricht, als wär nichts gewesen. Für heute Abend hat wetter.at nur ein paar Wölkchen angesagt. Diesmal probieren es die Nachbarn mit Grillerei. Schaumer einmal.
24.07.09

Heute gibts Spanplatte mit Pommes

| 07/09 Kurier-Kolumne

Natürlich haben es die Kinder nicht gegessen, das gesunde, ganz frische Bio-Grünzeug aus dem Garten, obwohl es ihnen extra mit Faschiertem, Nudeln und Soße aufgemascherlt worden war: Was ist denn das Gelbe da im Fleisch? Dieses Gelbe da ist Mangold und das Gelbe da Zucchini, und es ist in deinem Beet gewachsen. Trotzdem weah, nö, kommt original nicht in Frage.
Es soll Kinder geben –  ich habe erst kürzlich mit eigenen Augen welche gesehen – die gierig alles Neue probieren. Meine gehören zu den anderen. Egal was wir versuchen: Bestechung, Erpressung, schwere Drohung, Partizipation, alles für die Fisch. Es gibt kleine Erfolge bei Brokkoli, Erbsen und Fisolen, immerhin. Aber dazu noch etwas Neues, einmal etwas Anderes ? Auf. Gar. Keinen. Fall.
Wir  lassen uns von Rückschlägen aber nicht entmutigen. Wer, wenn nicht die Eltern können Kindern den Unterschied zwischen richtigem und unvernünftigem, zwischen gutem und vergiftetem und jetzt auch: zwischen echtem und gefälschtem Essen beibringen? Denn das ist der neue Irrsinn des Verpflegen-statt-Ernähren-Zeitalters. Der Schinken ist vielleicht gar kein Schinken. Und das, was auf der Pizza wie Käse aussieht und schmeckt, ist ziemlich sicher keiner.
Obwohl, so neu ist der Irrsinn gar nicht, denn bei den Hendl-und  Fisch-Nuggets handelt es sich  schon lange um keine Stücke vom Tier mehr, sondern um das kulinarische Äquivalent zur gemeinen Spanplatte: gehäckselter, in Form gepresster Abfall. Lebensmittelhygienisch sicher einwandfrei, trotzdem: Früher hat man daraus vermutlich Tierfutter gemacht.
Jetzt füttert man es uns, und mit was? Mit Recht, weil wir fressen es. Am liebsten die Kinder. Auch meine, leider.



23.07.09

Testosteron-Politik

| 07/09 Kurier-Kolumne

Nachdem Anita Alleinerziehberger die Reste von gestern mit Diskont-Nudeln aufmunitioniert hat, stopft sie die Löcher im Gewand ihrer Kinder und sinniert über ihr verspekuliertes Steuergeld. Martin Mindestpensionius, der nie Brot wegwirft und noch immer die Weste vom 50. Geburtstag aufträgt, ebenfalls. Und auch Kurt Kurzarbeiter, der jeden Monat  seine Steuern zahlt, zahlen muss, auch wenn er kaum die Miete für die Familienwohnung aufbringt, überlegt, was das für Leute sind, die sein erschuftetes Geld auf den Cayman-Islands und sonstwo verspekulieren.
Testosteron-Politik. Nur zu, man trägt ja selbst nicht das Risiko. Nein, halt es gab ja gar kein Risiko. Es wurden ja nur ursichere Geschäfte gemacht, Triple-Dings und Mega-Bonität. Aber warum ist es dann jetzt weg?, fragt sich Trudi Teilzeitler, während sie  beim Billig-Diskonter die billigsten Erdäpfel und die billigsten Kekse für ihre drei Kinder kauft. Und wenn ja, wie jetzt alle, allen voran Ex-Minister Grasser versichern, überhaupt nicht spekulativ, sondern nur hoch professionell gearbeitet wurde, warum braucht es dann jetzt ein Risikomanagement und strengere Investionsregeln?
Gleichzeitig stehen zig soziale Organisationen vor dem Aus und müssen sich von ihren Subventionsgebern, den Ländern, dem Bund, anhören, man würde ja gerne helfen, es sei aber leider kein Geld mehr da, Budgets ausgeschöpft, Kassen leer. Wenn man keine Sozialinitiativen, sondern Banken retten muss, dann ist  schon Geld da, und Eva Ehrenamtlichpointner täte, während sie statt Urlaub zu machen, in der Flüchtlingsbetreuung mithilft, gern einmal wissen, woher. Von den Cayman-Islands vielleicht... Soll übrigens schöne Strände geben dort.


22.07.09

Ich bin eigentlich mehr der Ufer-Typ

| 07/09 Falter-Kolumne

Um sieben Uhr früh sitze ich mit einer Tasse Kaffee auf einer steinernen Treppe und schaue hinaus aufs Meer. Die Kinder schlafen noch. Das Meer ist unvorstellbar blau. Es ist still, nur die Zikaden brüllen in den Föhren und weit draußen tuckert ein Fischer vorbei. Von rechts nähert sich ein schlankes Ruderboot mit einer langen, dürren Gestalt darin. „Guten Morgen“, sage ich. „Guten Morgen“, sagt der Xaver. „Wo ruderst du hin“, sage ich. „Steig ein und finde es heraus“, sagt der Xaver.

Sie kennen den Xaver von daher, dass ich einmal mit einer goldenen Heugabel seine Wiese geheut und dabei mit ihm über Dylan und dergleichen geredet habe. Während ich jetzt mit meiner Kaffeetasse vor dem Xaver in seinem Faltboot sitze und mich der Sonne entgegenrudern lasse, erzählt der Xaver meinem Rücken, wo er und der Gery mit dem Boot schon überall waren. Einmal waren sie auf Teneriffa und haben in der Morgendämmerung nach Gomera hinübergeschaut. Der Xaver sagt, er hat gesagt, dass das höchstens 25 Kilometer sind, das packen sie in nicht einmal zwei Stunden. Der Gery, sagt der Xaver, hat genickt, wie es so die Art vom Gery ist, du kennst ihn ja. Ja. Also sind sie, sagt der Xaver, in das Boot gestiegen, mit einer Orange und einer Flasche Wasser. Wie es wieder dunkel geworden ist, hatten sie Gomera immer noch nicht erreicht und erst wie es schon ganz dunkel war, gelangten sie irgendwie an Land. Normal wären der Gery und ich jetzt tot, sagt der Xaver, und dass er das Faltboot danach drei Jahre nicht mehr zusammengebaut hat. Wann war das?, sage ich? Wart, sagt der Xaver, ich glaube, 1996. Aha, sage ich. Was ist das für eine Insel dort drüben, die mit dem Leuchtturm?, fragt der Xaver und deutet mit dem Paddel auf eine dunstige Erhebung am Horizont. Unbewohnt, soviel ich weiß, sage ich, soll einen schönen Sandstrand haben. Schauen wir sie uns an, sagt der Xaver, in einer halben, höchstens einer dreiviertel Stunde sind wir drüben. Ich denke, ich sollte einmal nachsehen, ob die Kinder schon wach sind und Hunger haben, sage ich. Na gut, sagt der Xaver, dann vielleicht morgen. Ja, morgen vielleicht, sage ich.

Ich bin aber nicht mehr in das Boot eingestiegen. Der Xaver hat irgendwann ein winziges Segel daran befestigt und ist um das Kap gesegelt, aber ohne mich. Ich habs nicht so mit Booten. Oder mit Abenteuern. Das Schlauchboot der Kinder, ja, passt, bissl über die Kindergeschreigrenze rudern, bissl in den Himmel schauen, perfekt, aber sonst ist Ufer als solches für mich absolut ausreichend. Am besten um sieben Uhr früh, wenn es ganz still ist.

Jetzt: The weißbrotfaced Woman ist wieder da. Zwei Wochen makelloser Strandurlaub, nothing to write home about. Das dachten sich auch die Kinder, die der Oma in der Autobahnraststätte Gralla mit erheblichem Widerwillen noch schnell eine Karte schrieben. „Liebe Oma, ich war in Krowazien. Mimi 1.“ „Ich auch. Mimi 2“. Brav, Kinder, und JAAA!, die Belohnung kriegt ihr dann.
22.07.09

Ab ins Sommerloch

| Comments (1) | 07/09 Kurier-Kolumne

Zurück nach zwei Wochen  Urlaub und, schalalalala, es ist Sommer. Nein, nicht Sommer, denn im Sommer schneit es nicht. Aber Sommerloch, ein schwarzes, bodenloses Sommerloch, in das der ORF sehr lange geblickt haben muss.
Eine der Hauptnachrichten auf orf.on am Montag früh: „Ansturm auf magischen Hochzeitstag“. Denn es naht   der 9.  9. 09, und – totale Sensation, megaexklusiv – die Standesämter werden überrannt. So wie sie letztes Jahr vor dem 8. 8. und vorletztes Jahr vor dem 7. 7. und vorvorvorvorletztes Jahr vor dem 2. 2. überrannt wurden, und, google beweist’s, jedes Jahr lässt sich daraus eine Exklusivmeldung basteln. Und zur Not auch eine Hauptnachricht. Ist ja nix los, wie auch die stündlichen Nachrichten auf Ö1 beweisen. Die erste, also wichtigste Meldung am Montag um 10 Uhr: Vor 40 Jahren betrat der erste Mensch den Mond. Boah! Danach dann Minderneuigkeitsträchtiges wie der Spitzel-Untersuchungsausschuss und die Opel-Rettung. Es ist Sommer; schön.
Bei meiner Rückkehr fand ich auch, recht schönen Dank, reichlich Leserpost vor, die ich bisher erst teilweise sichten konnte. Herr C. zum Beispiel fände es schön, wenn ich mir eine „andere Beschäftigung aussuchen“ taterte: „Ohnehin mit de Schreiberei lassen Sie es gut sein.“ Dagegen schreibt mir Herr N., eigentlich gefalle ihm meine Glosse ganz gut, nur könnte ich bitte in Zukunft keine Begriffe wie „Damenfußballfrauschaft“ mehr verwenden. Danke!, und ja, könnte ich, und zwar insofern, als ich mir schon in der Vergangenheit eher meinen Lieblingstippfinger abgehackt hätte, als ein derartiges Gruselwort zu verwenden.  Und auch jetzt werfe ich es gleich ins Sommerloch: da, schon weg.
15.07.09

Warum ich nicht mehr bei Facebook bin

| Comments (1) | 07/09 Falter-Kolumne

Weil ich einmal in der Nacht richtig lange wachlag. Ich lag wach und verschob Sorgen. Draußen gings schon los mit dem Getrillere. Die Sorgen wurden nicht weniger durchs Herumgeschiebe. Es fängt übrigens immer der unmusikalischste Vogel mit dem Gelärm an, furchtbares, völlig dissonantes Gequietsche, erinnert ein bissl an den frühen Kurzmann in den Neunzehnneunzigerjahren. Alle anderen spielten schöne Harmonien oder ließen die Walls of Sound tuschen, und Kurzmann ließ die Tröte in Ihrer unmittelbaren Dringlichkeit sprechen. Mit Kurzmann war ich dann Facebookmäßig auch wieder befreundet, ich konnte sehen, wo und mit wem er sich gerade in der Welt herumtreibt, immer noch gern im Beisein eines Saxophons. Als ich ihn letztes Mal, irgendwann im Winter, einmal spielen hörte, klang es aber richtig schön; möglicherweise hat mein musikalisches Harmoniebedürfnis eine Entwicklung oder Umorientierung erfahren und den ersten Vogel Kurzmann jetzt unter „Wohlklang“ abgespeichert. Ich weiß nicht. Den konkreten ersten Vogel in den Bäumen jedenfalls nicht. Grundgütiger; was für ein Versager. Was so pfeift, sollte lieber kein Vogel werden. Ich meine, finden das die anderen Vögel akzeptabel? Als Wecker wohl schon, denn kaum hat der erste Vogel seine ersten, furchtbaren Töne in die Welt getrötet, setzen sofort die talentierteren ein; vermutlich, um ihn zu übertönen

Das war einerseits natürlich nett, einen wie den Kurzmann wieder präsent zu haben. Sehen, was der so macht. Nicht dass es wichtig wäre. Und nicht dass es wichtig wäre, irgendwelchen anderen bei irgendwas zuzusehen. Man macht es aber. Ich hatte 789 Freunde. Ich kannte ihre Kinder und ihre Katzen. Ich war bei ihrer Arbeit dabei, bei ihren Partys, bei ihren Hochzeiten, bei den Hochzeiten ihrer Freunde, bei den Scheidungen ihrer Eltern, und, Himmel, bei ihren Geburten. Ich fühlte mich wie ein Spanner, wenngleich ein eingeladener. Trotzdem: Geht’s mich was an? Und bringts mir was? Nix. Plus: Man kommt dann ja zu nichts mehr. Bespitzeln Sie einmal 789 Leute, daneben gehen sich zwei Kinder, zwei Haushalte und zwei Erwerbsarbeiten knapp nicht mehr aus. Das setzt einen insgesamt so unter Stress, dass man den ersten Vogel, den Trottel, dann immer öfter hört. Vor allem, wenn einem klar wird, dass die alle zurückspannen. 789 Menschen in meinem Nacken, die mir zuschauen, wie ich mit meinen echten Freunden parliere, und 699 von denen kenne ich nicht einmal. Ich meine, ich exponiere mich schon so genug; und wen das interessiert, der soll den Falter kaufen. Ich mach mich ja nicht gratis zum Idioten. Und ich bin in Wirklichkeit schüchtern, fragen Sie meine echten Freunde.

Bin ich raus aus dem Bett und habe im Morgengrauen meinen Account gelöscht. Es fühlte sich befreiend an, und zwei Monate später tut es das immer noch. Den ersten Vogel hab ich jetzt schon ewig nicht gehört.
7.07.09

Ihr braucht gar nicht schauen, ist nichts drin

| Comments (1) | 07/09 Falter-Kolumne

Leser N. macht mich in etwas bitterem Ton darauf aufmerksam, dass übrigens des verbfreie Sprechen schon vor Jahren von einem gewissen Wolf Haas in den Rang der Literatur erhoben wurde. Ja, eh! Und nicht, dass man das damals nicht schon adjektivreich gewürdigt hätte! Allerdings war man da noch nicht von Kinderrudeln umzingelt, die einen durch kollektiven aggressiven Verbverzicht in ein Oberlehrerklischee verwandeln, das den Rotstift praktisch permanent im Munde führt. Was jetzt zugegebenermaßen eine Metapher ist, die ein wengerl Rotstift vertragen könnte. Aber ich kann nichts dafür. Denn während die Kinder nur ein paar Wörter auslassen, möchte ich jetzt gern einmal eine Zeitlang auf alle Wörter verzichten, weil ich, wie ich unlängst beim Längenabarbeiten im Stadthallenbad überschlug, seit letztem Juli ungefähr 330 Texte geschrieben habe, aus insgesamt so circa 145.000 Wörtern. Ich bin ausgeschrieben, völlig leer. Da ist nichts mehr drin. Und das ist, auch wenn Sie wegen pflichtschuldigsten Vorarbeitens nichts davon merken, der letzte Text für zwei Wochen, ich mache jetzt Ferien. Fe.Ri.En. Ich schreibe jetzt 14 Tage lang gar nichts, nicht einmal einen Einkaufszettel. Nichts, habe ich gesagt.

Obwohl, das sage ich immer, und am Schluss verderben sich viele Leute die Augen bei der Lektüre von Ansichtskartenn, die eine Frau, von der sie seit einem Jahr nichts gehört haben, in winziger Psychopathenschrift mit einem 0,18er Rotring vollgekritzelt hat, und zwar weit über den Strich hinaus, unter dem die Post das Beschriften unter Strafe verboten hat. Das Gekritzel materialisiert sich zu elegischen Betrachtungen exotischer Gerichte und pointierten kleinen Schwänken zu den lokalen Bräuchen, was einen gewissen Reiz hatte, als der Lange und ich noch in entlegenen Teilen der Welt herumwunderten und die lokalen Alkoholika verkosteten. Seit wir jedes Jahr am selben kroatischen Ort im selben Haus mit den selben Horwaths unter dem selben Olivenbaum die selben Aussicht auf den selben Meerausschnitt genießen (genießen: ein grausiges Wort. Aber ich bin so fertig, mir fällt kein besseres mehr ein.) und in der selben Bar das gleiche Karlovacko trinken, hat die Sache für das pt. Publikum möglicherweise ein Alzerl an Reiz und verloren, fragen Sie Wolf Haas.

Aber heuer ist das egal, heuer wird das nicht passieren, weil heuer werde ich im Urlaub keine einzige Zeile schreiben. Kein Wort. Und keine einzige Zeitung lesen. Es wird mich null interessieren, was in Österreich und in der der Welt passiert, und ich werde nicht einmal die Idee einer Meinung dazu haben, mir völlig egal. Und ihr brauchts gar nicht in die Post schauen, ist nichts drin. Ich werde auf dem Wasser liegen und leer und immer leerer werden und ins Blaue schauen, bis ich nichts mehr sehe. Bis die Flut kommt. So wird das sein, und gut wird es sein, ja.
1.07.09

Vier Mal gehen sich immer aus

| 07/09 Kurier-Kolumne

Jetzt einmal abgesehen von den, siehe oben, verheerenden Folgen: Der permanente Regen nervt. So gehören Sommer nicht. Sommer haben anders zu sein, sonnig, heiß, schwitzig, und man soll sommers freibaden können. Weil ich eine klug vorausblickende Mutter bin, kaufte ich bereits Anfang Mai Monatskarten für zwei Kinder und mich für die städtischen Bäder: Mit vier Mal Eintritt rechnet sich das, und man muss sich an glühenden Nachmittagen, wenn alle Mütter Wiens mit ihren Kindern schwimmen gehen, nicht in den endlosen Reihen vor dem Bad anstellen. Und, tadaa, wir haben es innerhalb von dreißig Tagen genau zwei Mal ins Bad geschafft, und das lag nicht an uns. Sondern am Regen und am Regen und am Regen. Anfang Juni habe ich trotzdem wieder drei Monatskarten gelöst. (Ein langwieriges und mistträchtiges Unterfangen übrigens, weil da nicht einfach ein neues Pickerl aufgeklebt wird, nein, die penibel von Hand ausgefüllten und schön laminierten Karten werden mittels Schere von den Fotos getrennt und weggeschmissen, worauf die Fotos auf neue Karten geklebt, penibel von Hand ausgefüllt und schön laminiert werden.) Ich dachte: vier Mal geht sich immer aus; seither waren wir nicht mehr im Bad. Und werden, wenn der Wetterbericht, dieser üble Pessimist, Recht behält, vor Anfang Juli auch nicht mehr hinkommen. Bleibt das hygienisch originelle Stadthallenbad (gschmackige Fotos unter dem Suchbegriff „Ekelbad“ in www.dorisknecht.com), das, wie mir versichert worden war, direkt nach der EURO 08 renoviert werden hätte sollen. Einzige Neuerung: Man kann jetzt in der Dusche schwarzen Schimmel von den Wänden kratzen. Schön, das. Es soll BITTE endlich Sommer werden.
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