Doris Knecht
| 07/09
| Kurier-Kolumne
Ein bisschen feig sein hilft. Angst macht vorsichtig. Wenn man zum Beispiel zum ersten Mal in ein mageres Plastik-Kajak steigt und vom sicheren Ufer ins Wasser geschoben wird. Marantjosef. Angst! Zum Glück gibt’s da ein ruhiges Becken, in dem man lernt, wie das Kajak worauf reagiert, bevor man in den reißenden, unheimlich aussehenden Fluss hinaus muss. Und zum Glück ist da der erfahrene Bootsführer, hinter dem man hernach in Schwimmweste und Helm zwölf Kilometer den Fluss hinunter paddelt, und der einen an Felsen und umgestürzten Bäumen sicher vorbeileitet.
Und der, während man auf die anderen wartet, erzählt, wie viele Leute völlig blank und untrainiert in so ein Boot steigen und einfach losfahren. Und zwar nicht nur diese, die relativ ruhige Strecke, sondern auch weiter oben das gefährliche Stück, wo der Strom schnellt und man nach scharfen Kurven unvermutet auf brutale Felsen trifft. Sie fahren dort mit Billig-Schlauchbooten hinunter, mit Kindern darin, die nicht einmal Schwimmwesten tragen. Es sei, sagt der Mann, ein Wunder, dass nicht mehr passiert.
Und dann passiert doch einmal etwas. Der Tourist verschwindet im Berg. Der Paraglider streift eine Tanne. Der Fallschirm öffnet sich nicht. Das Boot prallt gegen einen Felsen.
Wie gefährlich darf Freizeitvergnügen sein? Besser: wie gefährlich muss es sein, dass man davon diesen Kick erhält, der einen den öden Alltag überstehen lässt? Auch das kann passieren, dass man vor lauter Durchschnittlichkeit, vor lauter Vorsicht, vor lauter Feigheit innerlich verfault und das Leben verpasst. Auch davor kann man sich fürchten.
So oder so: Ein bisschen Angst ist gar nicht schlecht.