Doris Knecht
| 07/09
| Falter-Kolumne
Leser N. macht mich in etwas bitterem Ton darauf aufmerksam, dass übrigens des verbfreie Sprechen schon vor Jahren von einem gewissen Wolf Haas in den Rang der Literatur erhoben wurde. Ja, eh! Und nicht, dass man das damals nicht schon adjektivreich gewürdigt hätte! Allerdings war man da noch nicht von Kinderrudeln umzingelt, die einen durch kollektiven aggressiven Verbverzicht in ein Oberlehrerklischee verwandeln, das den Rotstift praktisch permanent im Munde führt. Was jetzt zugegebenermaßen eine Metapher ist, die ein wengerl Rotstift vertragen könnte. Aber ich kann nichts dafür. Denn während die Kinder nur ein paar Wörter auslassen, möchte ich jetzt gern einmal eine Zeitlang auf alle Wörter verzichten, weil ich, wie ich unlängst beim Längenabarbeiten im Stadthallenbad überschlug, seit letztem Juli ungefähr 330 Texte geschrieben habe, aus insgesamt so circa 145.000 Wörtern. Ich bin ausgeschrieben, völlig leer. Da ist nichts mehr drin. Und das ist, auch wenn Sie wegen pflichtschuldigsten Vorarbeitens nichts davon merken, der letzte Text für zwei Wochen, ich mache jetzt Ferien. Fe.Ri.En. Ich schreibe jetzt 14 Tage lang gar nichts, nicht einmal einen Einkaufszettel. Nichts, habe ich gesagt.
Obwohl, das sage ich immer, und am Schluss verderben sich viele Leute die Augen bei der Lektüre von Ansichtskartenn, die eine Frau, von der sie seit einem Jahr nichts gehört haben, in winziger Psychopathenschrift mit einem 0,18er Rotring vollgekritzelt hat, und zwar weit über den Strich hinaus, unter dem die Post das Beschriften unter Strafe verboten hat. Das Gekritzel materialisiert sich zu elegischen Betrachtungen exotischer Gerichte und pointierten kleinen Schwänken zu den lokalen Bräuchen, was einen gewissen Reiz hatte, als der Lange und ich noch in entlegenen Teilen der Welt herumwunderten und die lokalen Alkoholika verkosteten. Seit wir jedes Jahr am selben kroatischen Ort im selben Haus mit den selben Horwaths unter dem selben Olivenbaum die selben Aussicht auf den selben Meerausschnitt genießen (genießen: ein grausiges Wort. Aber ich bin so fertig, mir fällt kein besseres mehr ein.) und in der selben Bar das gleiche Karlovacko trinken, hat die Sache für das pt. Publikum möglicherweise ein Alzerl an Reiz und verloren, fragen Sie Wolf Haas.
Aber heuer ist das egal, heuer wird das nicht passieren, weil heuer werde ich im Urlaub keine einzige Zeile schreiben. Kein Wort. Und keine einzige Zeitung lesen. Es wird mich null interessieren, was in Österreich und in der der Welt passiert, und ich werde nicht einmal die Idee einer Meinung dazu haben, mir völlig egal. Und ihr brauchts gar nicht in die Post schauen, ist nichts drin. Ich werde auf dem Wasser liegen und leer und immer leerer werden und ins Blaue schauen, bis ich nichts mehr sehe. Bis die Flut kommt. So wird das sein, und gut wird es sein, ja.