2.09.09

Bitte, ich bin ja kein Bauer, aber.

Doris Knecht | 09/09 | Beschwerden | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Kinder und andere Mitbewohner | Stadt/Land | Unter Spießern

Anderswo mag eine muhende Kuh als Sinnbild ländlicher Idylle gelten, hier tut sie einem leid. Die Kuh steht mit 30 oder 40 anderen in einem sogenannten Freilaufstall. Den hat die EU den Bauern aus Gründen des Tierschutzes verordnet. Der Stall gehört dem Nachbarbauern, und die Kuh kann dort so ein bisschen herumspazieren. Das könnte sie auch  auf einer der unzähligen Wiesen, die dem Bauern rund ums Dorf herum gehören, aber der Bauer fährt lieber mit einem seiner sechs Traktoren auf die Wiesen, mäht das Gras und bringt es der Kuh in den Stall. Bitte, ich bin kein Bauer und will auch keiner sein, aber das kommt mir ein wenig schwachsinnig vor. Plus es führt dazu, dass die Kuh ihr Leben lang nie ein Stück Grün oder Himmel sieht, sondern ihre gesamte Existenz in dem kuhfreundlichen EU-Freilaufstall mit Betonboden verbringt, aus dem ihr Muhen erbarmungswürdig durch das ganze Dorf hallt. Und zwar ab sechs Uhr früh. Die armen Viecher. Die Kühe von dem anderen Bauer vis a vis grasen friedlich auf der Wiese oberhalb von seinem Hof, weshalb der Bauer hier in der Gegend als kauziger Spinner gilt. Das macht hier sonst keiner. Hier siehst du praktisch nie und nirgendwo eine Kuh. Du hörst sie nur.

 

Nicht mehr lange, wir fahren bald in die Stadt. Es ist Zeit. Ich habe unstillbare Bedürfnisse nach schlechter Luft, Autolärm, Sushi, Schuhen (im Sinne von: Schuhen, die diese Bezeichnung verdienen), speckfreier Kost, meinem Friseur, einem erfolgreichen Shoppingerlebnis, urbanem Halligalli in zwielichtigen Tränken, honigbrotfreien Mittagspausen und einem klimatisierten, Kinder- und Langenlosen Büro. Wir haben uns jetzt neun Wochen am Stück auf einer 24/7-Basis ausgehalten, es war erstaunlich friedlich, und es langt jetzt. Ich will jetzt wieder egoistisch sein, autonom und Marmeladefleckenfrei, mindestens acht Stunden am Tag, dankeschön. Und es ist jetzt auch genug idyllische Natur und Gemuhe und Viecher aller Art: obwohl, die Kinder haben gerade das Angeln entdeckt. Die Pollaks waren da, und der Pollak fuhr mit seinen Buben und den Mimis an den Fischteich, Abendessen fangen. Wir waren ein wenig besorgt, wie die Kinder das Fischeerschlagen wegstecken würden, und als sie zurückkamen, zeigte sich auch tatsächlich eine gewisse Blässe, und zwar um die Nase vom Pollak, dem das überhaupt nicht taugt. Die Kinder dagegen hielten stolz und völlig untraumatisiert ihre selbstgekillten Forellen in die Höh, grillten sie am Feuer, verspeisten sie gewissenlos und schliefen danach gut und tief. Aha. Interessant. Der Lange versucht auch etwas zu fangen, nämlich die Maulwürfe, die unsere Wiese umgraben, wird aber täglich von neuen Haufen ausgelacht. Das macht ihn aggressiv. Und drüben muht noch immer erbarmungwürdig diese Kuh. Und irgendwo kräht jetzt auch noch ein Hahn. Aus, fertig, packts eure Sachen, Kinder, wir fahren in die Stadt.

 

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» 2.09.09 23:13
ingrid schwerdtner

ad kuh auf der wiese: wie! wahr! warum der durchschnittsbauer lieber seine wiese selbst mäht, als das die kühe tun zu lassen, gibt mir als tierärztin immer wieder rätsel auf. Ich fragte mal einen, bei dem die kalbinnen bis zum bauch im stall im dreck standen, anstatt auf der wiese, antwort: ja weil, man hat nicht so viel zeit ???!??? verstehs nicht. solche menschen sollten kuhhaltungsverbot bekommen.
ganz ekklatant ist die sache bei den bauern ( wie der gerade genannte mit der wenigen zeit ), die nochdazu fröhlich "urlaub am bauernhof" anbieten weil die armen stadtkinder ja so froh sind, daß sie endlich kühe sehen können, - im stall ?? im dreck ?? vor sich hin verrottend? wer da ein wenig mitdenkt, der kann doch dort nicht urlaub machen, das schreckt ja ab.
die sache mit den eu-laufställen ist zwar besser als die anbindehaltung, aber auch noch nicht wirklich tiergerecht, ein uferloses thema, leidergottes.

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