Doris Knecht
| 09/09
| Kurier-Kolumne
Der „Faust“ also. Gestern war Hartmann-Premiere im Burgtheater: Mit dem Stück über den einflussreichen, alten Gelehrten, der auf einmal feststellt, dass er überm Studieren greis geworden ist, die Juhu-Abteilung des Lebens übersehen hat und jetzt darin keinen Sinn mehr erkennt. Da möcht er sich entleiben. Mephistopheles macht ihn wieder jung. Worauf er ein unschuldiges Mädchen mit Hilfe von Gold und Edelstein erst zu seiner Geliebten und dann unglücklich macht, was ihm aber, da er auf dem Blocksberg von geilen Hexen abgelenkt ist, zu spät auffällt.
Goethes Stück ist so aktuell, dass man es jeden Tag im Fernsehen sehen und in den Zeitungen lesen kann; bei Heinzl, in den „Seitenblicken“, auf den Gesellschaftsseiten. Die Fäuste von heute heißen Briatore, Bohlen und Berlusconi, Lugner, Gibson, Wood, Rourke und Hefner, wohlhabende Männer mit Macht und/oder einem ansehnlichen Lebenswerk, was ihnen das Altern aber offenbar nicht erleichtert. Die Mephistos, die sie wieder jung machen, sind keine Teufel, sondern Schönheitschirurgen, Haar-Transplanteure, Personal Trainer, Pharma-Hersteller und Sportwagenhändler, die die Fäuste fit machen für die Walpurgisnächte in Discotheken, Golf-Ressorts und Privat-Clubs.
Nur eins hat sich seit Goethe definitiv geändert: Die jungen Greteln haben ihre Unschuld längst verloren und sind nicht mehr so leicht herumzukriegen. Und wenn doch, dann wissen die Noemis, Ekaterinas, Hollys, Carinas und Bambis ganz genau, was sie tun und wie sie davon profitieren.
Was lernen wir also vom „Faust“? Die jungen Frauen sind gescheiter geworden; die alten Männer nicht. Aber das ist jetzt vermutlich etwas zu kurz gegriffen.