Doris Knecht
| 09/09
| Kurier-Kolumne
Ein bisserl schwanger gibt’s nicht. Ein bisserl diskriminiert auch nicht. Es gibt auch nicht halb-, viertel- oder achtelgerecht: Gerechtigkeit und Gleichberechtigung sind unteilbar. Entweder es ist gerecht oder ungerecht, entweder man gleichberechtigt oder benachteiligt, nicht diskriminiert oder diskriminiert.
Aber kaum geht es um Homosexualität, wird die ÖVP irrational, nagen an ihr alle Ängste und Vorurteile, die sie offiziell längst nicht mehr hat. Allerdings kann man nicht auf der einen Seite sagen: Alle Menschen, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung, haben gleiche Rechte – um ihnen auf der anderen, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, die Institutionen zu versperren, die sonst allen Österreicherinnen und Österreichern, die sich an die Gesetze halten, offen stehen. Zum Beispiel: das Standesamt.
Dass die ÖVP die Familie als solche gefährdet sieht: geschenkt, bei diesen Scheidungsraten. Und es ist legitim, nach Gründen und Auswegen zu suchen. Aber: Es sind nicht die die heiratswilligen lesbischen und schwulen Paare, die das System Familie bedrohen. Familien zerbrechen aus vielerlei Gründen; weil der Alltag sie zerreibt, weil sich die Partner nicht mehr lieben, wegen Betrugs, wegen Gewalt, wegen Überforderung. Aber niemals deshalb, weil auch lesbische und schwule Paare am Standesamt heiraten dürfen. Der Homo-Ehe das Standesamt zu verweigern, rettet das System Familie nicht.
Mag sein, dass unser traditionelles Wertesystem in Gefahr ist, aber gewiss nicht wegen homosexueller Paare, die ihre Liebe legalisieren und sich vor der Öffentlichkeit zueinander bekennen wollen.
Wer JA sagt, Volkspartei, soll wirklich JA sagen: auch zum und am Standesamt.