13.10.09

Haus, Auto, Sessel, Frau

Doris Knecht | 10/09 | Kurier-Kolumne

Keine Models mehr: Das ist das neue Konzept der deutschen Frauen-Zeitschrift „Brigitte“: Man will eigene Fotostrecken – Mode, Schönheit, Lifestyle - künftig nur noch mit „normalen“ Frauen produzieren. Das tut man unter anderem deshalb, um das stete Sinken der Leserinnenzahlen aufzuhalten: Offenbar ist man zu dem Schluss gekommen, dass Frauen „Brigitte“ eher kaufen werden, wenn sie nicht mehr mit idealisierten Geschlechtsgenossinnen vollgestopft ist. Das könnte funktionieren.
Ideale Wesen, ideale Körper: schön anzuschauen, ja. Aber der Mensch ist nun einmal so gebaut, dass es ihm besser geht, wenn er seine eigene Unvollkommenheit bei anderen wiederfindet und wiedererkennt. Er fühlt sich dann weniger allein und nicht so erfolglos, wenn auch andere jene Messlatte nicht erreichen, die uns irgendwer oder wir selbst weit oben angeschraubt haben. Es ist ja nicht so, dass wir anderen ein bisschen Perfektion nicht gönnen, aber es ist auch ok, wenn man nicht der/die Einzige ist, die/der sich mit Perfektion schwertut, was heißt: sie mit zusammengekniffenen Augen irgendwo am Rande der eigenen Existenz gerade noch ausmachen kann.
Natürlich kann man das einerseits als  faule Nivellierung ästhetischer Positionen kritisieren; ein allgemeines Einrichten im garstigen Mittelmaß. Andererseits kann man ästhetische Mindestanforderungen für, sagen wir,  Architektur diskutieren und fordern, für Möbel, für Autos, auch für Mode: aber für Frauen?
Am Schönheitsideal wird ein Vorstoß wie jener von „Brigitte“ so schnell nichts ändern: Die Frauen werden trotzdem jung, schön und dünn sein wollen. Aber er hilft ihnen vielleicht dabei, sich weniger schlecht zu fühlen, wenn es eh nicht funktioniert.
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