Doris Knecht
| 10/09
| Kurier-Kolumne
Der Kollege F. bekommt jeden Tag ungefähr 100 Mails. Von denen kann er, sagt er, jeweils etwa 60 oder 70 ungelesen löschen, und vom Rest bleiben nach Lektüre vielleicht sieben oder zehn mit relevanten Inhalten übrig. Die auszusortieren kostet ihn endlos Zeit.
Mir geht es so ähnlich; in meiner Box finden sich zwar nicht ganz so viele, aber immer mehr unverlangt eingesandte Mails: Einladungen zu Veranstaltungen, die ich nicht besuchen werde, Hinweise auf Bücher, die mich nicht interessieren, Einladungen zu Pressekonferenzen und Führungen, die meine Themenbereiche nicht einmal am Rande streifen, Reisetipps. Und natürlich Spam, jede Menge Spam. Und darüber übersehe ich permanent die wichtigen Nachrichten: denn bis ich Zeit habe, mich um die zu kümmern, sind sie längst unter unverlangt eingesandten Massenmails verschütt gegangen.
Der Kollege F. erwägt jetzt etwas ganz Abartiges: auf seine Mailbox zu verzichten. Seine Mailbox zu löschen, ganz abzuschaffen. Das klingt so gegen die neue Zeit, dass man sich unwillkürlich fragt: Darf man das? Darf man sich aus der modernen Kommunikation einfach ausklinken?
Na, sicher. Ich kenne einen sehr erfolgreichen Anwalt, der besitzt kein Handy. Mein Verleger hat seins so programmiert, dass man ihm keine Nachrichten mehr aufsprechen kann. Und der Kollege F. ist sich gewiss, dass sein Leben leichter wird, wenn ihm die wichtigen Sachen per Telefon mitgeteilt werden und die anderen gar nicht. Was mich ein bissl ängstigt, denn der Kollege ist ein berüchtigter Argumentierer. Das kann man in der Mailbox wegklicken, am Telefon aber nicht. Und ich telefoniere ja so ungern. Vielleicht sollte ich...? Eine Überlegung wäre es Wert.