28.10.09

Vor den Vorhang, bitte

Doris Knecht | 10/09 | Kurier-Kolumne

Den ersten Schnee erlebte Leserin Birgit M. heuer an einer Straßenbahnstation, nämlich jener der Linie 31 am Floridsdorfer Markt. Es war kalt, es stürmte und durch das erste Schneetreiben bahnte sich eine Truppe Kindergartenkinder mit roten Backen den Weg Richtung Haltestelle: In der eine Bim, die Türen schon geschlossen, gerade bereit war, abzufahren.
Normal ergeht es einem Fahrgast da so, wie es erst letzten Freitag Ihrer Autorin erging, die in unglaublich unvernünftigen Stöckelschuhen auf dem Weg zu einer Veranstaltung war. Die Bim fuhr ein, als ich noch etwa 100 Meter von der Straßenbahnhaltestelle entfernt war. Nie hat die Welt eine Frau in zehn-Zentimeter-Stöckeln schneller rennen sehen, selten waren zwei Knöchel in größerer Gefahr, aber: ich schaffte es. Und genau, ganz genau in dem Augenblick, in dem ich in keuchendem Triumph meinen Finger auf den Türöffner drückte, exakt als meine Fingerspitze nur noch einen knappen Hundertstelmillimeter von der Türöffner-Oberfläche entfernt war, erlosch dessen Licht und die Bim fuhr ohne die Frau mit den Mörder-Absätzen los.
Das ist eine Art Wiener Gesetz. Im ersten Schneetreiben am Floridsdorfer Markt war die Kindergartengruppe noch nicht einmal an der Haltestelle, als die Bim abfahren wollte, und was geschah? Die Fahrerin sah die kleinen Kinder, öffnete die Türen wieder, wartete, bis sich alle durch das Wetter über die Straße und in die Straßenbahn gerettet hatten und fuhr erst dann los.
Und sowohl Leserin M. als auch Ihre halsbrecherische Autorin finden: Dergleichen unvorschriftsmäßiges Nettsein gehört einmal gründlich gelobt. Was hiermit geschieht.
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