Doris Knecht
| 11/09
| Kurier-Kolumne
Für ihr Video
„Der Angriff der Zukunft auf die übrige Zeit“ filmte die junge Künstlerin Conny Habbel eine Nacht lang ein paar ihrer Freunde: Sie treffen sich in einem Lokal, sie reden, lachen und trinken, sie holen Geld aus dem Automaten, sie fahren mit dem Taxi in die Disco, sie tanzen, und als es hell wird, gehen sie zusammen frühstücken. Es sieht alles sehr leicht und unbeschwert aus. Aber auf der Tonspur zu dem Film zerstören die Freunde, alle Studierende Anfang bis Mitte 20, die vermeintliche Sorglosigkeit komplett, indem sie von ihren Erwartungen an die Zukunft erzählen: Sie wollen viel und erwarten weniger als nichts. Weil sie, wie einer der jungen Männer sagt, ihre Illusionen über das Leben schon verloren haben: „Etwa, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Aber so ab 18 machen dann ja die meisten die Erfahrung, dass es eben überhaupt nicht so ist.“
Vermutlich geht es den Besetzerinnen und Besetzern des Audimax – mittlerweile vieler solidarischer Audimaxe, auch im Ausland – nicht anders. Nur dass sie beschlossen haben, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, indem sie die Voraussetzungen dafür verbessern wollen; und jener der Generationen nach ihnen. Sie tun es, weil es niemand anderer für sie tut, und weil die, die es in der jüngeren Vergangenheit tun hätten sollen, das Gegenteil taten, indem sie die Universitäten finanziell aushungerten und ihre augenscheinlichen Probleme ignorierten. (Dass man jetzt ausgerechnet den rebellierenden Studierenden vorwirft, ihre Forderungen seien – wie? – schwammig, ist betörend im Kontext einer Bildungspolitik, für die das Prädikat schwammig noch als Kompliment gelten darf.)
Antriebslos und karrieregeil. Wie können es die heutigen Jungen überhaupt richtig machen? Man wirft ihnen vor, sie seien antriebslos und sie seien egoistisch nur auf ihre Karriere fixiert, sie seien völlig unpolitisch und sie seien viel zu ideologisch. Aber in was für eine Gegenwart wurden sie gestellt? In eine Gegenwart eines schulischen Zweiklassen-Systems, in der Eltern ihre Erziehungsveranwortung immer mehr an Fernseher, Computer und darauf nicht vorbereitete Bildungsinstitutionen abgeben. In eine Krise, in der Arbeitsplätze etwas sind, das man nur noch verlieren und kaum noch bekommen kann. In eine Zeit, in der die eigentlichen Privilegien des Jungseins – Fehler machen, Dinge ausprobieren, rebellisch sein, das Maul aufreißen und dabei auch einmal nicht Recht haben zu dürfen – zu Zukunftsrisiken wurden, die sich keiner mehr leisten kann. Dieser Jugend bleibt im Prinzip zweierlei: ein unbestechliches Gespür für das Hier und Jetzt, welches sagt: ungeheuer suboptimal. Und Bildschirmablenkungen, die sie das vergessen lässt.
In Habbels Video sagt einer: „Besser haben es die, die keine Fragen stellen.“ Genau. Aber eine Gesellschaft entwickelt sich nur, wenn elementare Fragen gestellt werden: Die Studierenden tun das gerade. Sie haben ernsthafte Antworten verdient.