Doris Knecht
| 12/09
| Kurier-Kolumne
Der Kommentar zur Gesamtschule stieß auf, no na, Zustimmung und Protest. Einige Leserinnen und Leser fühlten sich gar von der Formulierung „ungünstige Herkunft“ beleidigt, was nur möglich ist, wenn man sie aus dem Kontext reißt. Es ging dabei nämlich um eine Studie, aus der hervorgeht, dass 77 Prozent der Kinder von Akademiker-Eltern ein Gymnasium besuchen, aber nur 19 Prozent der Kinder von Eltern mit Lehrabschluss. Das „ungünstig“ beurteilte also die Bildungschance der Kinder: die Abwertung nicht-akademischer Berufe würde einer Studienabbrecherin aus einer Arbeiter- und Handwerkerfamilie auch eher schlecht anstehen.
Aber: Der alte Sager von den Eltern, die wollen, dass ihre Kinder es einmal besser haben (wobei „besser“ eh relativ ist), stimmt wohl nur bedingt. Ich vermute, dass viele Eltern ihre eigene Bildungsvergangenheit als logische Basis für die Bildungszukunft ihrer Kinder hernehmen. Heißt: Wenn eine Lehre mir eine gute Lebensgrundlage beschieden hat, wird das auch für mein Kind gut genug sein. Auf der anderen Seite überschätzen wohl Akademiker-Eltern schon auch einmal die Möglichkeiten des eigenen Nachwuchses: Und zwingen Kinder in ein Gymnasium und zur Matura, die in einem Lehrberuf viel glücklicher würden. Aber wer will das eine wie das andere schon bei Zehnjährigen so genau wissen?
Eine Gesamtschule verbessert die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsschichten in beide Richtungen. Und verhindert Ghettoisierung, denn machen wir uns nichts vor: Derzeit haben Kinder aus unterprivilegierten Familien, häufig mit Migrationshintergrund, schlechtere Bildungschancen. Ich bleibe dabei: die gemeinsame Mittelschule ist der richtige Weg.