Doris Knecht
| 12/09
| Kurier-Kolumne
Manche Ideen und Themen brauchen länger, bis sie in den Köpfen ankommen. Oder bis sie dort einen Platz zum Verweilen und Bleiben gefunden haben. Es hat fast vierzig Jahre gedauert, bis sich die ÖVP endlich an den Gedanken gewöhnen konnte, dass mitunter Männer Männer und Frauen Frauen lieben: jetzt dürfen auch in Österreich lesbische und schwule Paare endlich heiraten. Jeder – auf Seiten der Gegner und der Befürworter– wusste seit Jahren, dass sich Ausweitung der Ehe auch auf homosexuelle Paare irgendwann nicht verhindern würde lassen, dass sie definitiv auch in Österreich kommt. Die Frage war nur, wie lange es noch dauern – bzw. sich verzögern lassen – würde.
Betonierte Ungerechtigkeit. Der Gesamtschule der 10- bis 14jährigen ist ein ähnliches Schicksal beschieden. Denn auch daran führt, das wissen Befürworter wie Gegner, früher oder später kein Weg vorbei. Und auch hier fragt sich nur, wie lange sich der Widerstand dagegen noch halten wird können: Längst protestieren die Bundesländer gegen die zehn-Prozent-Klausel, die bestimmt, dass nur ein Zehntel aller Mittelschulen sich am Schulversuch „Neue Mittelschule“ beteiligen dürfen: Der Bedarf liegt in fast allen Bundesländer weit höher. Aber es werden noch lange die immer gleichen Argumente für die gemeinsame Mittelschule wieder und wieder aufgezählt und heruntergebetet werden müssen, bis die Idee endlich auch in den entscheidenden Köpfen Aufnahme gefunden haben wird. Und zwar auch von immer mehr Expertinnen und Experten aus dem Bildungsbereich: Er kenne, sagt etwa WU-Rektor Christoph Badelt im nebenstehenden Interview, „fast niemanden, der das im privaten Gespräch nicht befürwortet“.
Das ist kein Wunder. Denn gute Gründe für eine echte Reform der Mittelschule liegen längst vor, und die Notwendigkeiten – auch soziale - werden zusehends drängender. Es ist einfach ungerecht, dass man schon zehnjährige Kinder in ein schulisches Zwei-Klassen-System zwingt, das ihre berufliche Zukunft – Universitätsstudium oder nicht, Aufstiegschancen oder nicht – bereits in der Volksschule weitgehend vorbestimmt. Eine vor zwei Jahren veröffentlichte Studie erforschte, dass 77 Prozent der Kinder von Akademikern ein Gymnasium besuchen – aber nur 19 Prozent der Kinder von Eltern mit einem Lehrabschluss und sogar nur zwölf Prozent der Kinder von Eltern mit Pflichtschulabschluss. Das macht deutlich, dass hier soziale Ungleichheiten schon im Kindesalter unverrückbar betoniert werden. Nur eine gemeinsame Mittelschule bietet allen Schulkindern eine Chance zu beweisen, dass sie trotz ungünstiger Herkunft intelligent und ehrgeizig genug für eine Matura und eine akademische Ausbildung sind. Vier Jahre Volksschule sind für diesen Beweis einfach zu wenig.
Das sollte irgendwann auch in den entscheidenden Köpfen ankommen. Und wenn möglich nicht erst in 40 Jahren.