2.12.09

Gleiche Sprache, andere Sitten

Doris Knecht | 12/09 | Kurier-Kolumne

Vermutlich kraxeln auch bei uns schon ein paar Gerechte die Kirchtürme hoch, bewehrt mit leistungsstarken Megafonen, um von dort den Ruf nach verfassungsmäßig geregelter Minarett-Freiheit erschallen zu lassen, weil: Was die Schweiz kann, können wir auch! Und hier ruft nun Ihre Kolumnistin ein lautes, krachendes „NEIN!“ zurück, denn sie hat zwei Jahre in der Schweiz gelebt und weiß es darum zufällig genau. (Und auch die Fußball-WM-Qualifikation – Helvetia ja, Austria nein– hat das eben wieder gezeigt.) Aber leider wird ja - tragischer historischer Irrtum auch in Bezug auf Deutschland – oft angenommen, gleiche Sprache, gleiches Volk. Ganz falsch, wie wir (na ja, die meisten) längst begriffen haben und auch im Zusammenhang mit der Schweiz nicht vergessen sollten. Einmal abgesehen davon, dass die Schweizer ja drei Sprachen sprechen, wobei jene, die von ihnen als „deutsch“ bezeichnet wird, sich mit dem Deutsch wie wir es kennen, nicht zwingend deckt. Wer also in die Schweiz kommt, soll nicht damit rechnen, verstanden zu werden oder zu verstehen, auch nicht in den deutschsprachigen Teilen. Sondern damit, auf mannigfache Mentalitätsdifferenzen und mitunter exotische Bräuche zu treffen. Auch wenn man zum Beispiel in der Ostschweiz immer mehr davon abkommt, im Fasching ganz normale Gasthäuser als „dekoriert“ zu deklarieren, was dann nichts anderes heißt, als dass die Kellnerinnen dort halbnackt servieren. Zum Beispiel flüssigen Käse in riesigen Pötten, in die die Schweizer dann ihr Brot tunken, wonach man zehn Schnäpse braucht. Was also die Schweizer für eine gute Idee halten, muss für Österreich noch lange nicht richtig sein. Das sollten die Kirchturmkraxler unbedingt bedenken.
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