Doris Knecht
| 03/10
| Kurier-Kolumne
Ihre Kolumnistin lernt gerade die Eigenheiten ihrer schönen Nebenwahlheimat Niederösterreich kennen. Und ist, siehe letzte Kolumne, ein wenig verwundert über die Direktwahl-Besonderheiten bei den Gemeinderatswahlen.
Was Leser-Reaktionen bewirkte: Einige zeigten sich über die niederösterreichischen Demokratie-Spezialitäten gleichfalls irritiert, andere schimpften mich „ahnungslos“, reimten mir „Gepolter“ an und begrüßten die Regelung.
Eine Gemeinderätin berichtete mir, was das System in der Praxis bewirkt – und um das zu veranschaulichen, erfinden wir hier einmal eine niederösterreichische Gemeinde. Nennen wir sie Vorderdings.
In Vorderdings gibt es 70 Wahlberechtigte, und die sind mit ihrem Bürgermeister so zufrieden, dass er von 60 der 70 wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern wiedergewählt wird. Von den 60 haben – und genau das komme, berichtet die Gemeinderätin, in der Realität ständig vor – 20 nicht nur mit dem amtlichen Stimmzettel gewählt, sondern auch noch den Direktwahl-Zettel dazugesteckt.
Bei der Auszählung werden nun alle Kuverts aus- und alle Zettel auf einen Haufen geleert. Die Auszählung ergibt: Von den 70 wahlberechtigten Vorderdingsern haben 90 – amtlich und direkt – gewählt, zehn davon stimmten für die andere Partei: 80 der 70 Wahlberechtigten wählten also den Bürgermeister.
114 Prozent: Das ist ein Resultat, das normalerweise nicht einmal von Diktatoren totalitärer Ein-Partei-Regime erreicht wird. In weniger zivilisierten Ländern mit Demokratie-Defiziten würde eine Wahl mit einem derartigen Ergebnis von OSZE-Wahlbeobachtern vermutlich als ungültig betrachtet werden. In Niederösterreich geht so etwas.