15.03.10

Wir machen die Mauer, wir halten dicht

Doris Knecht | 03/10 | Kurier-Kolumne

Die Reaktion des Vatikan zum Missbrauchsskandal entspricht genau der Bunker-Athmosphäre, in der er stattgefunden hat: Man schweigt sich aus. Das ist unsere Sache, das besprechen wir intern, geht keinen etwas an, niemand von außen hat sich einzumischen, wir machen die Mauer, wir halten still. Genau so entsteht auch das Umfeld, in dem etwas derartiges wie kollektiver Missbrauch und akzeptierte Misshandlung von Kindern überhaupt möglich wird: eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen und einer eigenen Weltanschauung, in der Dinge möglich sind, die draußen, im wirklichen Leben, verpönt und verboten sind. Eines dieser eigenen Gesetze heißt Zölibat: eine Lebensform, deren Regeln nicht unbedingt der Natur des Menschen entsprechen. In diesem Zusammenhang ist die auch Haltung der Kirche zur Homosexualität interessant, und zwar doppelt. Denn Homosexualität habe, heißt es von kirchlicher Seite her gerne, Gott in der Schöpfung nicht vorgesehen: die Menschen, Mann und Frau, seien dazu geschaffen, sich fortzupflanzen. Der Zölibat entspricht, wenn man sich dieser Sichtweise verschreiben will, wohl auch nicht den göttlichen Vorgaben, speziell wenn er seine Anhänger dazu treibt, sich an Minderjährigen zu vergreifen. Dafür ist sicher nicht nur der Zölibat verantwortlich zu machen; bekanntlich tun das, da es ja mehr mit Macht als Sex zu tun hat, auch nicht zölibatär lebende Männer. Aber Männer, die ihre Sexualität unterdrücken müssen, sind sicher gefährdeter – und wieder schützt sie das geschlossene System – ihre durch ein lebensfernes Reglement stillgelegten Triebe an denen auszuleben, die eigentlich ihres Schutzes bedürften. Die Abschaffung des Zölibats, Peter Rabl hat es gestern an dieser Stelle geschrieben, wäre ein wichtiger Schritt zur Verhinderung weiterer Opfer. Verjährung oder nicht? Ein anderer Schritt, aktuell sowohl in Deutschland als auch hierzulande erwogen, ist die Aufhebung oder Verlängerung der Verjährungsfristen für Kindesmissbrauch. Der Schriftsteller Josef Haslinger, selbst ein Opfer des Missbrauchs durch katholische Pater, der sich aber nicht nur als Opfer sehen möchte, äußert sich dazu in einem bemerkenswerten Beitrag für die deutsche Welt. Er warnt davor, „jetzt eine Hexenjagd“ zu inszenieren. Es habe „einen guten Sinn“ dass es im Gesetz Verjährungsfristen gebe. „Das Hauptaugenmerk kann doch nicht Tätern gelten, deren Straftaten verjährt sind“, schreibt Haslinger: „Das Hauptbestreben der derzeitigen Thematisierung von Pädophilie und Pädosexualität muss es sein, heutige Fälle aufzudecken und künftige zu verhindern.“ Die Opfer aber hätten einen uneingeschränkten Anspruch auf Aufarbeitung der Geschichte. Und genau hier müssen sich jetzt vor allem der Vatikan und der Papst bewegen. Denn eines ist sicher: Nur die schonungslose Offenheit, nur die Wahrheit wird auch die innerkirchliche Realität verändern. Und eine Veränderung ist unumgänglich.
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