6.04.10

Gratis-Kindergärten: heute so, morgen so.

Doris Knecht | 04/10 | Kurier-Kolumne

Sollen Kindergärten jetzt gratis sein oder nicht? Der steirische SPÖ-Landeshauptmann Franz Voves ist sich nach der Niederlage bei den Gemeinderatswahlen plötzlich nicht mehr so sicher. Die ÖVP – personifiziert in der Wiener ÖVP-Chefin und Staatssekretärin Christine Marek – ist sich uneins: Marek meinte am Donnerstag, der Kindergarten müsse „nicht zu 100 Prozent gratis sein“, und erklärte am Freitag geschwind, es sei ihr nur um die soziale Staffelung bei den Tarifen für Zusatzangebote gegangen. Die Beitragsfreiheit der österreichischen Kindergärten ist mehr als nur eine Geldfrage. Einerseits erscheint es gerecht, dass die, die es sich leisten können, für die Förderung und Betreuung ihrer Kinder auch einen Beitrag leisten. Andererseits geht es beim Gratiskindergarten um viel mehr als um Gerechtigkeit: Die öffentliche Finanzierung von Kindergartenplätzen ist ein politisches Bekenntnis dazu, dass die Förderung von Klein- und Vorschul-Kindern eine fundamentale, gesellschaftliche Notwendigkeit mit beträchtlichen Auswirkungen sowohl auf das einzelne Kind als auch auf das ganze Land bedeutet. Frühförderung ist, alle Untersuchungen belegen das, eine Investition in die Zukunft. Was ein Land für die Kleinkinder tut, bekommt es später zurück. Umdenk-Förderung. Aber das ist ein Umdenkprozess, der in diesem Land noch intensiver Frühförderung bedarf. Von heute auf morgen gibt es dafür – weil es hier natürlich auch um tüchtig Geld geht, das man in die Hand nehmen muss – keinen gesellschaftlichen und politischen Konsens. Oder einen nationalen: Denn die Fragen rund um den Gratis-Kindergarten müssten auf Bundesebene beantwortet werden, nicht von den einzelnen Ländern heute so und morgen so. Die Stadt Wien hat mit der Einführung der Gratis-Kindergärten Fakten geschaffen – mit Blick auf die Wien-Wahl natürlich. Die Praxis funktioniert bislang durchaus suboptimal: Denn wer sagt, der Kindergarten ist ab dem Tag X gratis, müsste an und für sich rechtzeitig dafür sorgen, dass man genug gut ausgebildetes Personal und ausreichend Kindergartenplätze hat, wenn man sie dann braucht. Das war nun eindeutig nicht der Fall. Und es wird sich erst zeigen, ob man sich nach der Wien-Wahl halt irgendwie durch die Mangelwirtschaft improvisiert und kalmiert, oder ob man tatsächlich für genügend Plätze sorgt und mehr Menschen beiderlei Geschlechts für den Beruf der Kindergartenpädagogin, des Kindergartenpädagogen begeistert. Wofür man für gewöhnlich mit ausreichend guten Ausbildungsplätzen und anständiger Bezahlung sorgt. Von all dem ist man derzeit weit entfernt. Wie labil so ein Bekenntnis sein kann, hat in der letzten Woche auch der steirische Landeshauptmann Franz Voves gezeigt: Kaum wird das Geld knapp, überlegt man gleich die Abschaffung der Gratis-Kindergärten. Und sagt damit: So wichtig ist das bitte auch wieder nicht. First Things First. Und Kinder, ihre Gegenwart und unsere Zukunft, gehören zu den ersten Dingen offenbar nicht. doris.knecht
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