22.04.10

Laudatio zur Verleihung des silbernen Ehrenzeichens an Herb Molin, 22.4.10

Doris Knecht | 04/10

Zuerst hat mir der Herbie einen falschen Termin für diese schöne Zeremonie hier angegeben, er meinte erst, das sei morgen. Das wäre insofern passend gewesen, als ich heute Nacht im rhiz auflege und morgen infolgedessen irrsinnig authentisch rhiz-übernachtig ausgesehen hätte. Aber auch ohne die rhiz-Verkatertheit, und abgesehen davon, dass es eine wirkliche Ehre ist, diese Laudatio halten zu dürfen, bin ich dazu, wie ich nicht ohne Stolz zu behaupten wage, einigermaßen befugt. Denn der Herbert Molin ist, in Abwandlung eines Wortes von Thomas Bernhard, mein Lebenswirt. Und nicht nur mein Lebenswirt: Von den Leuten, die ich als 19-jährige, als ich anfing, regelmäßig in die Blue Box zu gehen, dort kennengelernt habe, treffe ich einen großen Teil immer noch regelmäßig im rhiz. Wir waren immer, wo der Herbie war, und wenn der Herbie woanders hinging, gingen wir selbstverständlich mit. Das hat damit zu tun, dass der Herbie ein perfektes Gespür für den richtigen Ort mit der richtigen Musik in der jeweiligen Zeit hat. Als er 1984, nachdem er drei Jahre lang das Plattengeschäft Ton und Ton betrieben hatte, mit ein paar anderen die Blue Box in der Wiener Richtergasse eröffnet hat, war Wien ein pop- und jugendkulturelles Sperrgebiet: Es gab das U4, das Amerlinghaus, das Ring und das Europa. Und sonst gab es nichts. Und dann gab es endlich die Blue Box: Ein Lokal, in dem meist der Provinz entflohene junge Menschen, die gute, laute Underground-Musik hören wollten und die es nicht nötig hatten, sich mit buntem Gwand lächerlich zu machen, auf andere junge Menschen trafen, denen es ebenso ging. Die Blue Box war der Ort, an dem man sein und so sein konnte, und irgendwie richtig war. Ein öffentliches Wohnzimmer, in das man aus zu kleinen Wohnungen und zu überfüllten WGs flüchtete, um dort Bier zu trinken, Thunfischbaguettes zu essen und Menschen zu treffen, für die Musik nicht nur der eskapistischen Alltagsbeschübschung diente, sondern existentiell war, Überlebensgrundlage. Menschen, mit denen man über Platten und Musik reden konnte – und in der Blue Box konnte man, von vom Wirt selber zusammengestellten Mix-Kassetten, diese Musi auch hören, was in den 80ern und 90er Jahren, als es im Radio außer der Musik Box im Wesentlichen nur Autofahrer-Unterwegs-Musik gab, eine große, substantielle Sache war. Es saßen und kellnerierten dort, so erlebte es jedenfalls ich, die coolsten Menschen der Stadt. Menschen, die Fanzines machten. Menschen, die man auf Konzerten traf. Und vor allem Menschen, die in den tollsten, damals wegweisenden Bands spielten – bei Astaron, Passe Partout, Karl Gott, Rosa Chrom, die Occidental Blue Harmony Lovers, die Vögel Europas, die Extended Versions und den beiden Bands, in denen der Wirt selbst Hand anlegte: Viele bunte Autos und später die Thorns. Für so eine Gesellschaft nahm man es gern in Kauf, ja, es gehörte dazu, dass man vom Personal die ersten, sagen wir, zehn Jahre, in denen man mehrmals wöchentlich die Blue Box aufsuchte, nicht einmal ignoriert wurde, ganz so, wie man es sich von einem exklusiven Club erwarten darf. Das gehörte zum Charme der Blue Box: man war zuverlässig keinerlei Anbiederungen durch das Personal ausgesetzt. Man musste sich die Erkennung und Anerkennung der Kellnerinnen und Kellner mit viel Sitzfleisch und Selbstverleugnung erarbeiten. Aber man hatte etwas davon. Und genau weil die Blue Box, in ihrem inneren Kern, so exklusiv war, zog sie zu allen Zeiten immer neue junge Menschen an, die auch einmal so cool und lässig werden wollten, wie die Blue Box-Leute. Die Blue Box war der perfekte Ort, und zwar die halben Achtziger und noch die ganzen Neuziger hindurch. Die Blue Box war der Ort, an dem die guten Kräfte sich sammeln und, wenn es die Situation erfordete, auch vom Barhocker kippen konnten. Und wo es Inventar-Gästen, Fritz Ostermayer wird mir zustimmen, auch verziehen wurde, wenn sie einmal das Klo nicht mehr fanden. Wo die tollsten Feste gefeiert wurden; die 1. Mai- und die Silvesterfeiern sind bis heute legendär. Wo die Happy-Partie ihre Plüschfantasien ausleben konnte. Wo man auflegen konnte, was man selber hören wollte. Wo Bands, die gerade eine aufreibende Tournee hinter sich hatten, auch einmal ein spontanes, wenngleich nicht mehr ganz standfestes Abschlusskonzert gaben. Wo man nach der durchzechten Nacht praktisch unmittelbar zum Frühstück übergehen konnte. Und der Herbie stand zuverlässig praktisch immer hinter der Bar und wachte mit mildem Lächeln über seine Gäste. Und was die Blue Box auch und ganz besonders war: ein Aufbruchssignal. Ein Zeichen, dass etwas derartiges in dieser Stadt möglich ist – und dass in dieser Stadt mehr möglich ist, viel, viel mehr. Und wie sich in den letzten 25 Jahren gezeigt hat, war es das auch. Die Stadt hat sich verändert, hat sich erneuert, ist so viel jünger, lauter und vielfältiger geworden, hat den juvenilen Wünschen, die auch in und durch die Blue Box erstmals virulent und unüberhörbar geworden sind, nachgegeben. Und das hat der Stadt gut getan und sie davor bewahrt, in Alt-Wien-Nostalgismus zu ersaufen. Und ohne die Blue Box, ohne die Idee, die Vision und die Sturheit von Herbert Molin, wäre das vielleicht so nicht passiert. Dafür hat er sich, meine ich, diese Auszeichnung hundert mal verdient. Und es ist gut, dass die Stadt diese Leistung auch anerkennt. Herbert Molin hat die Blue Box gespürt. Und später hat er das B72, aus dem mittlerweile wieder ausgestiegen ist, vor allem aber das rhiz gespürt, in einer Zeit, in der in Wien etwas neues, wichtiges hörbar wurde: der Elektronik-Underground, dem er, wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dem damals noch sehr rotlichtigen Gürtel, einen Ort schaffte, in dem man Sounds ausprobieren, anhören und anschauen konnte. Und bis heute kann: es ist sehr oft die Bühne des rhiz, auf der junge Musiker und Bands mit Anspruch ihre Musik zum ersten Mal einem Publikum präsentieren. Auch dadurch ermöglich der Herbie einem im und mit dem rhiz etwas, das er selber tut: in Würde älter zu werden. Und „in Würde“ bedeutet in diesem Fall: Älter zu werden, ohne dass man seine alten, seine Jugend-Träume verrät, all die Dinge, an die man einmal geglaubt hat: die Musik, der Lebensstil, die Musik, die Musik, mit offenen Augen ins Leben hinauszuschauen. Vorzugsweise auf einem Barhocker, mit einem Staro vor sich. Denn an diese alten Träume glaubt der Herbie immer noch, und er ermöglicht einem, das, auch wenn man längst erwachsen ist, ebenfalls zu tun, und zwar ohne dabei lächerlich zu wirken: in dem er den Raum zur Verfügung stellt, in dem das möglich und richtig ist. Weil man dort, egal wie jung oder alt man ist, sein kann, wer man ist. Und dabei mit den alten und den neuen Haberern, denen es eben so geht, die beste Musik hören kann. Und mehr kann man von einem Wirten, einem Lebenswirten nicht erwarten.
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