15.05.10

Neidgesellschaft an der Biotonne

Doris Knecht | 05/10 | Kurier-Kolumne

Das ist Krise: Oben jonglieren die Finanzminister mit Abermilliarden von Euro, unten streiten sich die sog. kleinen Leute wegen weggeschmissenem Obst. Gestern früh rief mich die die Kollegin U. an, zitternd vor Zorn. Sie hatte eine große Supermarkt-Filiale angesteuert, aber bevor sie diese betreten konnte, wurde sie von einer Auseinandersetzung vor der Biomülltonne abgelenkt. Ein einfach gekleideter Mann um die 60 wollte sich eben ein weggeworfenes Bündel Bananen aus dem Container nehmen, woran ihn in weiterer einfach gekleideter Mann um die 60 zu hindern trachtete: „Des dürfen’S ned.“ Der erste: „Sind aber weggeschmissen.“ Der zweite: „Des dürfen´S trotzdem ned.“ Es geht hin und her, bis sich die Kollegin. einmischt: „Jetzt lassen´S ihn halt die Bananen nehmen.“ Herr Nr. 2: „Das wollte ich letztes Mal auch, aber der Filialleiter hat gesagt, des derf i ned. Also darf der auch nicht.“ Die Kollegin: „Ja, aber bevor die Bananen weggeschmissen werden...“ Der Herr Nr. 2 erklärt vor einem mittlerweile großen Publikum, dass er jetzt den Filialleiter holt. Was geschieht, aber der Herr Nr. 1 macht in der Zwischenzeit einen Abgang. Trotzdem betont der Filialleiter, dass das nicht gehe, dass jeder einfach Obst aus dem Biomüll hole, das sei Diebstahl. Und das ist es rechtlich auch. Aber als die Kollegin den Herrn Nr. 2 fragte, ob es jetzt wirklich notwendig gewesen sei, den ersten Herrn zu vernadern, habe dieser gesagt: „Ja, weil ich habe das auch nicht dürfen.“ Die Kollegin U. rief mich hinterher aufgebracht an: „Kannst du das glauben? Weit haben wirs gebracht, wenn wir es anderen schon neidig sind, dass sie sich etwas aus einem Mistkübel nehmen.“ Die Krise in den Menschen, das ist vermutlich die schlimmste.
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