27.05.10

Vielleicht existiere ich gar nicht?

Doris Knecht | 05/10 | Kurier-Kolumne

Seit Tagen kriegen wir keine Post. Keine Briefe, keine Rechnungen, nicht die zwei Tageszeitungen, nicht die Wochenzeitung, nicht einmal Reklame, nichts. Heute fand ich im Postfach die Tageszeitungen vom Samstag, wenigstens: gut, besser als diese immerfort mich angähnende Leere in meinem Postfach, die mich allmählich tief in eine existentielle Krise wirft: Denn vielleicht liegt es ja gar nicht an der Post. Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht existiere ich gar nicht? Denn wer existiert, kriegt auch Post, wer existiert, erhält zumindest Rechnungen und Mitteilungen vom Finanzamt. Wer keine Rechnungen bekommt, den gibt es nicht. Das macht mir Sorgen. Dass die nette Dame vom Post-Kundenservicetelefon, mit der ich mich um 9.39 Uhr unterhalten hatte, mich bislang nicht zurückgerufen hat, nährt weitere Zweifel an meiner Vorhandenheit: Vielleicht habe ich ja gar nicht mit ihr gesprochen, und sie vielleicht nicht mit mir... Es ist alles sehr beunruhigend. Immerhin: Der Herr, der mich um 12.27 Uhr am Kunden-Service-Telefon der Post AG freundlich begrüßt, weiß, dass ich heute schon einmal angerufen habe, um meine Postlosigkeit zu deponieren: Das kann ich als Beweis meiner Tatsächlichkeit einigermaßen akzeptieren. Zumal er mir versichert, dass mein Problem bereits an zuständiger Stelle vorgetragen wurde und man nun einer Antwort harre, die man mir umgehend zur Kenntnis bringen werde. Das kalmiert mich kurz, allerdings ist seither eine weitere Stunde vergangen, ohne dass mich die Post meines Daseins versichert hätte. Ich werde wohl bis morgen vormittag durchhalten müssen, wenn mein Postfach mir hoffentlich endlich wieder meine Existenz bestätigt: Ich habe Post, also bin ich.
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