Weil ich letztes Mal von tröstendem Konsumismus
aufgrund massiven Erschöpfungsschwächelns sprach: Die Idee wär natürlich, dass
man den ganzen Tag auf einer wohlbeschatteten Südterrasse sitzt, frohmachende
Getränke trinkt und Eselsohren in den Manufaktum-Katalog biegt. Jössas. Ich
weiß gar nicht, wie ich ohne diese Stiefel aus Bergschuhleder mit den
Filzgamaschen so weit gekommen bin. Und ohne diesen Edelstahldoppelgriller kann
ich, fürchte ich nun, nicht weiterleben. Und ab sofort fehlt mir auch das, das
das und das zum Glück.
Aber jetzt, zwischen "Glück" und "Aber" war ich
drei Tage in Berlin und habe dort aufgehört, über Manufaktum-Kataloge und die
darin erwerblichen fahrbaren Hühnerställe (Euro 1520,-), Edel-Gartenschläuche
(Euro 249,-) und Lärchenholz-Kompostkisten (Euro 316,-) nachzudenken. In Berlin
radelte ich auf einem alten Hollandrad durch Tag und Nacht, traf interessante
Männer und Frauen und saß an Straßenrändern und schaute zu. Und dachte nach.
Das war gut. Und meine Wünsche haben sich jetzt auf drei reduziert: bessere
Haare, saubere Fingernägel und einmal John Grant live sehen. (Kaufen sie sofort
die neue CD dieses Mannes, "Queen of Denmark", sie werden es nicht bereuen.
Fangen Sie mit "Sigourney Weaver an". Zum Weinen schön.) Was ich mir nicht
wünsche, ist einmal im Soho Club gewesen zu sein, weil dort war ich schon. Den
Soho Club hat mir Sedlacek, der gerade nicht in Berlin war, als den letzten
heißen Scheiß verkauft, also noch heißer als der Grill Royal. Obwohl Sedlacek
gleich sagte, dass im Soho Club das Essen nicht gut und der Wein überteuert
sei, trotzdem. Was er nicht sagte, war, dass alles im Soho Club, außer der
Aussicht und den schwulen Männern, relativ gruselig ist und dass man den
überteuerten Wein aus Plastikgläsern trinken muss, zumindest oben auf der
Terrasse, was, wie mir ein schöner schwuler Mann erklärte, natürlich daran
liegt, dass die Prominenz im Taumel des exklusiven In-Seins gerne einmal ihr
Champagner-Glas von der Terasse wirft, die sich samt Pool auf dem Dach eines
ungefähr zwanzigstöckigen Gebäudes befindet. Mit etwas Wurfgeschick trifft man
die Gäste vor der Bar 3, wo Anna und ich dann recht schnell wieder waren, mit
Reverend Tobi Müller und seinem netten Clan, nachdem wir den Soho Club, been
there, done it, gesehen hatten. Dank Anna und ihrer hervorragenden Kontakt zu
schönen schwulen Männern übrigens.
In Berlin, also jetzt speziell vor der offenbar nicht mehr angesagten Bar 3, wo ich, da es sich um den fünften Programmpunkt dieses Abends handelte, etwas angetütert herumstand, machte ich eine ähnliche Erfahrung wie vor zehn Jahren, als ich mich anschickte, Zürich zu erobern: Die Leute fragten sich, wer um alles in der Welt diese merkwürdige, laute, angetüterte Frau ist. In Zürich haben sie es dann relativ bald geschnallt. Gut, Berlin ist etwas größer und ein wengerl weniger provinziell, aber das wird auch noch.