Doris Knecht
| 02/11
| Kurier-Kolumne
Wachsendes Problem: die Kennzeichnungen und Inhaltsangaben auf den Produkten. Ich kann sie nicht mehr lesen. Ja, man kommt in ein Alter, in dem
allmählich die Sehkraft nachlässt: Aber hat man nur ein Recht zu wissen,
was für Stoffe ein Produkt, was für Ingredienzen ein Lebensmittel
enthält, wenn man jung und mit Adler-Augen gesegnet ist? Oder stets eine
Lesebrille parat hat?
Muss ich mich damit abfinden, dass ich beim Einkaufen jetzt immer eine
Lupe dabei haben muss? Oder die Kinder, damit die mir vorlesen können,
was alles in dem Joghurt drin ist oder in dem Kaviar-Ersatz
(Überraschung: das Kind liest sechs verschiedene E-Nummern vor), und ob
das Shampoo eher für trockenes Haar ist oder für fettiges? Immerhin: Für
die Kinder ist es eine gute Schule; so lernen die schon früh, was in
ganz natürlich aussehenden Produkten so alles enthalten ist. Und was
Antioxidantien, künstliche Aromen, Geschmacksverstärker,
Konservierungsmittel und Farbstoffe eigentlich sind.
Aber nicht jeder hat ständig einen Vorleser oder eine Lesehilfe zur
Verfügung. Und wem nützt eine Kennzeichnungsverordnung, die zwar penibel
vorschreibt, was in welchem Land genau auf dem Produkt aufgeführt
werden muss, aber nicht, wie groß es geschrieben sein muss? Was bringt
es, wenn die Angaben auf Verpackungen zwar in zwölf verschiedenen
Sprachen aufdruckt sind, aber in einer Vier-Punkt-Schrift, die nur
scharfsichtige Zwölfjährige zu lesen imstande sind und, als zusätzliche
Herausforderung, vielleicht auch noch in Weiß auf Gelb? Ihre Autorin hat
aufgegeben und sich zur Minimierung des Problems eine Brille zugelegt.
Gelöst wird es dadurch nicht.