8.02.11

Es ist hier einfach viel zu dunkel

Doris Knecht | 02/11 | Falter-Kolumne

Wie ich letztes Mal im rhiz aufgelegt habe, habe ich dem Roland gesagt, was ich schon länger sagen wollte, ich sagte, Roland, man muss da hinten beim DJ-Pult einen kleinen Scheinwerfer installieren, kein Schwein kann da was sehen. Zum Beispiel die Aufschriften auf den CDs. Der Roland hat gegrinst und das Licht ein bisschen aufgedreht, so dass ich, wenn ich die CD ungefähr einen Meter von den Augen weggehalten habe, so circa erkennen konnte, was da steht und nur fünf- oder sechsmal etwas ganz anderes gespielt habe, als ich eigentlich wollte. Es sieht nicht gut aus, wenn ein DJ ununterbrochen mit zusammengekniffenen Augen einen Meter entfernte CDs fokussiert. Es ist auch nicht hilfreich, wenn man die Ingredienzenliste auf der Wurst nicht mehr lesen kann oder die Aufschrift auf dem Shampoo, und wenn einem beim Bücherlesen permanent die Schrift vor den Augen verschwimmt. Und ich bin auch nicht damit einverstanden, dass jetzt in jeder Lampe in der Wohnung 150-Watt-Birnen eingeschraubt werden, wie es der Lange angefangen hat, der auch nicht mehr gut sieht, aber einfach behauptet, es sei hier und überall sonst viel zu dunkel, und das geisteskranke Verbot richtiger Glühbirnen sei daran Schuld, dass jetzt in ganz Europa die Menschen nicht mehr lesen können, man brauche sich über die Pisa-Ergebnisse überhaupt nicht zu wundern. Ich habe gesagt, du brauchst eine Lesebrille. Der Lange, der die Schriftgröße auf seinem Notebook auf 24 eingestellt hat, sagte, es ist hier nur zu dunkel, kauf dir doch selber eine Brille.

Das habe ich gemacht. Ich bin in das Brillengeschäft in der Neubaugasse gegangen und ließ einen Sehtest durchführen, der Optiker hat mir so ein Gestell aufgesetzt und Linsen davor gehalten, bis ich die kleinen projizierten Schriften wieder erkennen konnte. Wissen Sie, was sie einem dort zuletzt vor den Nase halten, um zu testen, ob man jetzt wieder in der Lage ist, die ophtalmologischen Herausforderungen des Alltags zu meistern? Das Falter-Programm. Denn die Fähigkeit, das Falter-Programm lesen zu können, scheidet die Jungen von den Alten und die Sehenden von den Nudelaugen. Ich habe das Falter-Programm seit Jahren nicht gelesen, aus dem schlichten Grund, dass ich nicht konnte. Ich hatte seit ewig keine Ahnung mehr, was in Wien so los ist. Meine neue Lesebrille heißt Erwin, und jetzt habe ich wieder.

Sonst war die Woche von großer Ereignislosigkeit geprägt, außer, dass ich, da ich ja jetzt das Kinoprogramm wieder entziffern kann, mit einer Freundin in "Black Swan" war und das darin transportierte Frauenbild überhaupt nicht packte, und am Schluss haben wir, mitten in die betroppetzte, nur von Schluchzern unterbrochene Stille hinein, laut losgeprustet. Und außer dass ich mich vermutlich nie daran gewöhnen werde, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden, weil gerade die Polizei durchs Schlafzimmer marschiert. Wird schon noch.

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