Es gibt in Amy Chuas heiß
diskutiertem "Tigermutter"-Buch (s. a. die gestrige Kolumne) einen
Punkt, der mir, auch hinsichtlich der heimischen Bildungsdebatte,
bedenkenswert erscheint: Chua schreibt, westliche Eltern sorgten sich
ständig um das Selbstwertgefühl ihrer Kinder: Aber es stärke doch
"nichts das Selbstvertrauen so sehr, wie wenn man etwas zustande bringt,
das man sich erst nicht zugetraut hat".
Unterfordern wir Eltern unsere Kinder? Wenn wir etwa ihre Schwächen
akzeptieren - in einzelnen Schulfächern, bei sportlichen oder musischen
Talenten. Ist es Aufgabe von uns Eltern, sie zu ihrem "Glück" oder
besser ihrem (und damit unserem) Erfolg zu zwingen? Indem wir, wie Chua,
ihren Willen mit entschiedener Härte brechen, sie unnachgiebig zur
Verbesserung ihrer Leistung zwingen?
Schwierige Frage: Einerseits verrotten
beklagenswert viele Kinder samt ihren brachliegenden Talenten vor
Fernsehern und Computern, weil ihre Eltern sich - aus welchen Gründen
auch immer - nicht um sie kümmern: Sie lesen nichts, lernen nichts,
denken nicht, sind völlig unkreativ. Andererseits: Was für eine Zukunft
ermöglichen wir unseren Kindern mit radikaler Strenge und
Unnachgiebigkeit? Eine erfolgreiche, vorzeigbare, gewiss, in elitären,
höchstleistenden Kreisen. Aber werden sie dadurch auch bessere,
zufriedenere Menschen? War die selbst von ihren Eltern gedrillte Amy
Chua zufrieden und voller Selbstvertrauen, während sie ihre Kinder
quälte, um weiter die Großartigste zu sein?
Die jüngere Tochter tat dann etwas für ihr eigenes Selbstwertgefühl und
widersetzte sich schließlich mit eisernem Willen dem Drill der Mutter.
Ihre zerstörte Kindheit aber bleibt irreparabel.