1.02.11

Tigermutter im Ehrgeizwahn

Doris Knecht | 02/11 | Kurier-Kolumne

Liebe kommt auf 250 Seiten zwei Mal vor, Glück wird in einem Absatz abgehandelt. Denn "in der chinesischen Erziehung", schreibt Amy Chua, "kommt der Zustand des Glücklichseins nicht vor". Von der handelt ihr derzeit weltweit kontrovers debattierter Erziehungsratgeber "Die Mutter des Erfolges": und von der chinesischen Mutter, die nicht zwingend Chinesin sein muss.

Chuas Bericht, wie sie ihre beiden Töchter zu musikalischen und schulischen Höchstleistungen drillt, gehört zum Abstoßendsten und Beängstigendsten, was je über Kindererziehung geschrieben wurde. Chua, chinesischstämmige Yale-Professorin, vertritt die Meinung, die Kindheit sei einzig dazu da, Kinder zum maximalen Erfolg zu drillen: Für die Kinder einer chinesischen Tigermutter gibt es keine Partys, kein Schultheater, kein TV, nur Bestnoten und keine Freizeitaktivitäten und Instrumente außer Geige und Klavier.

Die zwang Chua ihre Kinder täglich - auch auf Ferienreisen - drei bis sechs Stunden zu üben, wenn nötig mit Guantanamo-Methoden: Ihre Siebenjährige ließ sie "nie aufstehen, sie bekam weder Wasser, noch durfte sie aufs Klo", sie beschimpft ihre Töchter als "Müll" und droht ihnen mit Prügeln und Essensentzug - damit sie als "Wunderschwestern" Konzerte spielen und mit ihrer Mutter die Bewunderung aller anderen ernten.

Denn nur darum geht es Chua: den Beifall anderer. So berichtet sie etwa, wie ihre Dreijährige Sartre las. Bringt das der Dreijährigen etwas? Nein, nur ihren ehrgeizigen Eltern, die damit prahlen können. Aber das ganze Buch schert sich nie darum, ob es den Kindern gut geht, sondern nur, dass die Kinder gut werden: nein, die Allerbesten. Glückliche Kindheit? Etwas für Schwächlinge und künftige Versager: zumindest nach Tiger Mom Chua.L
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