Doris Knecht
| 03/11
| Falter-Kolumne
Facebook
ist immer dann am Unerträglichsten, wenn etwas wirklich Großes, Schlimmes
passiert. Derzeit rollt eine riesige Welle der Solidarität durch das soziale
Netzwerk und schwappt ein zweites Mal über Japan, diesmal als Tsunami der Güte.
Deshalb sieht man im Fernsehen auch all die ergriffenen Japaner vor Freude in
die Luft springen und den Facebook-Usern ein ergriffenes DANKE zuhauchen, danke
Hansi Mrzcwicka, danke Biene Kofler, dass ihr so super solidarisch seid mit uns
und auf euren Computern mit aller Kraft ein Gefällt mir bei "Solidarität für Japan" antippt. Der Hansi und
die Biene, der Mike und die Susi
und all die abertausenden, die sich jetzt die guten alten Anti-Atomkraft-Pickerl
aufs fb-profil kleben, waren auch immer schon entschiedene, unbeugsame
Vollblut-Atomkraftgegner. Die haben es immer schon gesagt! Natürlich haben die
vorletzte Woche auch alle - deswegen war es ja so erfolgreich - das
Euratom-Volksbegehren unterschrieben und beziehen längst den teureren Ökostrom,
Ehrensache.
Bitte,
ich habe letzte Woche schon gesagt, dass ich eine Spielverderberin bin. Aber
das geht mir wirklich mächtig auf den Keks, und wenn ich nicht etwas zu
verkaufen hätte und so ungern telefonieren täte (was man muss, wenn man sich
was ausmachen will, aber nicht muss, wenn man auf FB eh erfährt, wann die
Haberer wohin zu gehen trachten), juckerte mich das Aussteigen jetzt wieder
sehr. Allerdings leide ich auch an einem in meinem Beruf eher hinderlichen
Defekt, ich bin nämlich nicht besonders neugierig. Also nicht neugierig genug,
dass ich jemand extra etwas fragen würde, wenn ich nicht unbedingt muss. Mir
ist es lieber, die Leute erzählen mir von selber etwas Wichtiges oder
Interessantes, am liebsten schriftlich, oder sie tun etwas, das von mich für
Interesse ist, oder ich höre oder
lese etwas, das ich bedenkenswert finde. Deswegen brauche ich Facebook, das ist
genau mein Medium.
Ich
bin auf den Stoff aus Facebook angewiesen. Und jetzt noch viel mehr, und zwar
deshalb, weil ich ab sofort nicht mehr über die Mimis schreiben werde. Atmen
Sie auf oder sagen Sie baba zu den Mimis, aber die Leute, die kritisieren, ich
verletzte damit die Privatsphäre meiner Kinder, haben eigentlich Recht. Ich
will auch nicht mehr, dass die Mimis im Internet von Leuten beschimpft werden,
die eigentlich ihre Mutter hassen. Hasst mich, das ist in Ordnung, das gehört
zum Job, dafür werde ich bezahlt. Vielleicht werde ich meine Meinung über das
Mimi-Moratorium ändern, wenn sie mir in ein paar Jahren das Leben zur Hölle
machen und sich für alle meine hier verbrochenen Missetaten in einer Weise
revanchieren, die ihnen und der Leserschaft Anlass zur Genugtuung gibt, man
wird sehen. Aber vorläufig. Vorläufig picke ich auf diese Kolumne einfach einen
Anti-Atomkraft-Kleber, weil die war auch immer schon dagegen, ehrlich.