Doris Knecht
| 03/11
| Kurier-Kolumne
Nachrichten will man gar keine mehr hören.
Und man will jetzt schon gar nicht hören, dass eine politische
Diskussion zum Thema Atomkraft "deplaziert" sei, wie der deutsche
Umweltminister meinte. Ach so? Deplatziert, angesichts explodierender
Atomkraftwerke?
Also lieber ab in Arno Geiger
s neues Buch "Der alte König in seinem
Exil" (Hanser Verlag). Geiger beschreibt darin das Leben mit seinem
demenzkranken Vater: Von den verlorenen Jahren, in denen sich die
Familie über die wachsende Verschrobenheit des Vaters ärgerte und ihm
vorwarf, er lasse sich gehen, weil man nicht sah, dass er schon krank
war. Und über die Zeit danach, als man akzeptieren lernte, dass der
Vater "nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann", also
"muss ich hinüber zu ihm." Wie Geiger das erzählt, wie er, seine Mutter,
seine Geschwister und die Pflegerinnen des Vaters diese Brücke
beschritten, um den Vater manchmal drüben anzutreffen und mitunter
nicht, das ist voller Zärtlichkeit und Respekt.
Auch, weil Geiger seinen kranken Vater nicht als einen Degenerierenden
sieht, sondern als einen, der in einer neuen Realität lebt: In einer, in
der er sein Haus, das er mit eigenen Händen gebaut und fünfzig Jahre
lang bewohnt hat, nicht mehr als Zuhause erkennt. Und seinen Sohn für
einen Bruder hält. Aber die ihm in Momenten auch überraschend Witz,
Eleganz und Luzidität verleiht.
Der schönste Satz in Arno Geigers Buch: "Wenn die Menschen unsterblich
wären, würden sie weniger nachdenken. Und wenn die Menschen weniger
nachdenken würden, wäre das Leben weniger schön." Das gilt auch für
dieses Buch; das so schön ist, weil da einer präzise nachdenkt. Und
nicht nur mit dem Hirn, sondern auch mit dem Herzen.