14.03.11

Wo ist Zuhause, Sohn?

Doris Knecht | 03/11 | Kurier-Kolumne

Nachrichten will man gar keine mehr hören. Und man will jetzt schon gar nicht hören, dass eine politische Diskussion zum Thema Atomkraft "deplaziert" sei, wie der deutsche Umweltminister meinte. Ach so? Deplatziert, angesichts explodierender Atomkraftwerke?

Also lieber ab in Arno Geigers neues Buch "Der alte König in seinem Exil" (Hanser Verlag). Geiger beschreibt darin das Leben mit seinem demenzkranken Vater: Von den verlorenen Jahren, in denen sich die Familie über die wachsende Verschrobenheit des Vaters ärgerte und ihm vorwarf, er lasse sich gehen, weil man nicht sah, dass er schon krank war. Und über die Zeit danach, als man akzeptieren lernte, dass der Vater "nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann", also "muss ich hinüber zu ihm." Wie Geiger das erzählt, wie er, seine Mutter, seine Geschwister und die Pflegerinnen des Vaters diese Brücke beschritten, um den Vater manchmal drüben anzutreffen und mitunter nicht, das ist voller Zärtlichkeit und Respekt.

Auch, weil Geiger seinen kranken Vater nicht als einen Degenerierenden sieht, sondern als einen, der in einer neuen Realität lebt: In einer, in der er sein Haus, das er mit eigenen Händen gebaut und fünfzig Jahre lang bewohnt hat, nicht mehr als Zuhause erkennt. Und seinen Sohn für einen Bruder hält. Aber die ihm in Momenten auch überraschend Witz, Eleganz und Luzidität verleiht.
Der schönste Satz in Arno Geigers Buch: "Wenn die Menschen unsterblich wären, würden sie weniger nachdenken. Und wenn die Menschen weniger nachdenken würden, wäre das Leben weniger schön." Das gilt auch für dieses Buch; das so schön ist, weil da einer präzise nachdenkt. Und nicht nur mit dem Hirn, sondern auch mit dem Herzen.
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