10.04.11

Lass mich rein!

Doris Knecht | 04/11 | Kurier-Kolumne

Eigentlich würde man meinen, der Sessel sei schon erfunden. Und der Tisch, das Regal, das Sofa: Dessen ungeachtet findet jedes Jahr in Mailand die Möbelmesse statt und parallel dazu Interieurssonderhefte und Einrichtungsschwerpunkte. Den spannendsten fand ich den im Magazin der Süddeutschen, das Einlass in Berliner Wohnungen begehrte und bekam.
Leider nur zum Teil  in  ganz normale Wohnungen, im Unterschied zu den anorganischen Designer-Möbel-Abstell-Prachtkammern und klinischen Architektur-Museen, die einem in den Neunzigern verhaftete Einrichtungsmagazine immer noch als Wohn-Räume verkaufen wollen: Nirgends ein Verdacht auf richtiges, schmutzendes Leben. Am schlimmsten jeweils: Die Kinderzimmer, in denen nichts darauf hinweist, dass hier aufgewachsen wird, samt des Aufwachsens stinkenden, contra-ästhetischen und für die Eltern nicht unpeinlichen Aspekten. In diesen Räumen pickt nie mit Tesa  ein Teenie-Star-Poster an der Wand, es liegen keine Stinksocken herum und  keine Frühstückscerealien verschimmeln auf  nicht mehr identifizierbaren Schreibtischen. Vielleicht, weil die angeblichen Bewohner dieser perfekten Kinderzimmer in Wirklichkeit im Internat aufwachsen.
Auch das Süddeutsche Magazin tendierte leider dazu, vor allem exklusiv und teuer eingerichtete Wohnungen zu zeigen. Vielleicht, weil die Leute, die ganz normal wohnen, keine Journalisten hereinlassen: da es in ihren Wohnungen nichts zum Angeben gibt und die paar die guten Stücke, die man sich im Lauf eines Wohnlebens so zusammensammelt, durch Benutzung unherzeigbar wurden. Man liebt sie dennoch, auch wenn's jedes Jahr neue gäbe.
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