7.09.11

Alice Schwarzer kennt sich da nicht aus

Doris Knecht | 09/11 | Falter-Kolumne

Ich bin offenbar circa der einzige Mensch im deutschen Sprachraum, der Charlotte Roche und ihr Buch mag. Findet das sonst niemand voller Witz? Lacht niemand mit mir über die gründliche gut-jungdeutsche Befindlichkeit, über die sich Roche lustig macht? Findet keine andere, dass sie den Alltag modern und korrekt sein wollender junger Mütter sehr scharf beobachtet, mit all den ideologischen und politischen Fallen, mit all Dingen, zwischen denen man sich entscheiden muss und mit all dem Druck, unter dem man steht? Alle sehen immer nur die Würmer wuseln, und gut, da und dort und dort hätte ein entschlossener Rotstift nicht geschadet. Aber es zeigt sich wieder einmal: Wenn Männer etwas Ekelhaftes oder Gewalttätiges beschreiben ist es interessant und mutig, wenn Frauen es tun, ist es ekelhaft und aggressiv. Weil Frauen die ironische Distanz zwischen Sein und Kunst ja offensichtlich nicht gegeben ist, die können da ja von Natur aus nicht abstrahieren, und deshalb kann das höchstens immer nur unfreiwillig komisch oder überraschenderweise gelungen sein. Ich lese auch immer, dass "Schoßgebete" ja viel sei, aber sicher keine Literatur. Wenn ein junger deutschsprachiger Schriftsteller nach dem anderen mit seinen Urlaubsabenteuern Bücher vollschreibt wie weiland Volkschulhefte mit Meinschönstesferienerlebnis, dann sagt niemand, wie es korrekt wäre: Also, übrigens, das ist eigentlich keine Literatur, das nennt man Reportage. Nein, dann erfindet man einfach schnell einmal eine neue Gattung, Doku-Roman oder so, und schon passt alles. Aber Roche: Na, Literatur ist das bei Gott nicht. Irgendwie ist das alles bisschen frauenfeindlich.


Ich habe überhaupt selten so viel Frauenfeindliches gelesen wie jetzt im Kontext mit Roche und wie eine Frau über das Leben schreiben soll. Und wie nicht. Unter anderem von Alice Schwarzer, die es nicht gern hat, wenn eine erfolgreiche junge Frau vergisst, dass sie Alice Schwarzer alles zu verdanken hat. Deshalb muss Schwarzer Roche in einem dummen offenen Brief ugehend daran erinnern und nebenbei ein bisschen von der Debatte profitieren. Man war ja mal befreundet, ne.


Mir gehts wie Charlotte Roche, ich fänds schön, wenn Alice Schwarzer zwischendurch einfach auch einmal die Klappe hielte. Gegen Chauvinismus sein, aber für die BILD arbeiten. Nie ein Kind, nie einen Mann, vielleicht nie Sex mit einem Mann gehabt haben, aber immer genau wissen, wie das geht, und wie man das zu machen, und wie man da zu leben hat. Aber, es tut mir leid, das sind nun einmal ein paar von den Sachen im Leben, wo einen auch die umfassendste Theorie nicht zum Besserwissen in der Praxis legitimiert. Nur wer Kinder und Heterosex hat, weiß wie das ist, und wer's nicht hat, hat keine Ahnung und soll dazu nicht s'Maul aufreißen. In diesem Fall: Roche ja, Schwarzer nein, so einfach.

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