4.10.11

Das kann Alice Schwarzer so nicht gewollt haben.

Doris Knecht | 10/11 | Falter-Kolumne

Mail von Leserin F. Die blätterte offenbar in der Woche nach meiner Charlotte-Roche-Kolumne den Falter durch und suchte vergeblich nach dem Pranger, an den man mich für meine Kritik an Alice Schwarzers Kritik selbstverständlich gestellt haben musste. „Wo sind die Kommentare der erbosten Frauen?" schreibt Frau F. erschüttert. „Keine Entschuldigung oder Rechtfertigung. Darf sich die Knecht das echt leisten?" Ja, weit sind wir gekommen: Auf einmal dürfen Frauen ungestraft alles und jede kritisieren: sogar Alice Schwarzer. Und zwar, ohne dass man danach öffentliche Selbstkritik üben muss oder zumindest von jemandem die Leviten gelesen bekommt, der besser Bescheid weiß über das Leben und wie eine Feministin zu sein und zu schreiben hat. Das kann Alice Schwarzer so nicht gewollt haben. Wir leben in einer kranken, gestörten Welt.

Leider sei, schreibt Frau F. weiter, auch „der lapidare Kommentar" ihrer Freundin zu meiner Kolumne kein echter Trost gewesen, die sagte: „No, die hat wahrscheinlich a Probleme mit ihrem Langen." Das hat mir sehr gefallen. Weil ausgerechnet Feminstinnen sich hier der guten alten machistoiden Frauenmeinungstotschlagskeule bedienen: Die Oido ist offenbar ungfickt, sonst würde sie nicht immer so undsoweiter. Weil Kritik bei Frauen ja immer aus schlechter Laune resulitert, die wiederum bekanntlich stets die Folge sexueller Minderbefriedigtheit u. Ä. darstellt. Aber genau, Frau F., warum sollen nicht auch Frauen mit den brunzdümmsten Argumenten daherkommen dürfen, gleiches Recht für alle! So ungefähr war das doch gemeint mit dem Feminismus, oder. Wobei, ich muss der Freundin Recht geben: Ja, ich habe Probleme mit dem Langen, ständig, immer wieder, Tag für Tag, und das schon bald 20 Jahre lang. Kein Wunder also, dass Alice Schwarzer so schrecklich unter mir zu leiden hat.

Allerdings entkräftete die Feministin, der wir Frauen unendlich viel zu verdanken haben (was ich völlig ernst und aufrichtig meine, es nervt nur, dass man über Schwarzer nie ohne dieses Vorwort sprechen darf, andernfalls man sich der Respektlosigkeit und des Contrafeminismus schuldig macht), selbst schon eine Woche später meine miesepetrigen Unterstellung, sie habe noch nie mit Männern. Indem sie hurtig ihre Autobiografie veröffentlichte, mit einer sensationellen Enthüllung: Sie hat nämlich doch. Boah. Also. Hm. Tja. Auch der FALTER wies mich letzte Woche in seiner Schwarzer-Huldigung auf meinen Irrtum hin, wie er sich überhaupt mit spürbarem Mitgefühl der Kritik an Schwarzer annahm. U.a. sei sie von Zeitungen als „Hexe mit stechendem Blick" tituliert worden, das müsse man „erstmal aushalten, aber Schwarzer hält es aus". Es wird nicht erwähnt, wie sie das aushält, nämlich indem sie für die Zeitung, die sie derart insultierte, jetzt schreibt und wirbt: für BILD, das Zentralorgan des deutschen Chauvinismus. Aber es ist Alice Schwarzer, also ist es gut.
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