Wir fuhren im Taxi zum Flughafen und vom Flughafen mit dem Taxi nach Mitte, Anna, Mitzi, Polly und ich. Die ganze Zeit erzählte Anna, dass sie dieses Wochenende Joachim Lottmann treffen würde, endlich Joachim Lottmann kennenlernen. Joachim Lottmann! Ich sagte, bei allem, was ich über Lottmann gehört habe, möchte ich Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen. Ich habe mit Lottmann gemailt, das war ok, aber so persönliches Kennenlernen, das muss eigentlich nicht sein. Anna sagte, sie trifft Lottmann schon am Nachmittag und am Abend kommt er vielleicht mit uns essen. Ich sagte, also, nichts gegen Lottmann an und für sich, aber wegen mir braucht Lottmann nicht zum Essen mitkommen, allerdings ist es dein Geburtstag, da kannst du natürlich einladen, wen du willst. Aber wenn du Lottmann nicht einlädst, bin ich nicht böse. Anna sagte, sollten wir Lottmann für den nächsten Abend nicht auch gleich einladen, sie meine, Lottmann, Joachim Lottmann! Ich sagte, ja, gerade weil es Lottmann ist, solltest du Lottmann vielleicht erst einmal kennen, ich zum Beispiel würde Lottmann am liebsten gar nicht treffen. Aha, sagte Anna.
Ich sagte: Tatsächlich möchte ich Joachim Lottmann wirklich lieber nicht kennenlernen, nein, es macht mir überhaupt nichts aus, wenn Joachim Lottmann nicht kommt. Ja, mir gehts relativ gut ohne Joachim Lottmann, ich kenne auch so schon genug Schriftsteller, die meisten sind verrückt, und mein Bedarf an Verrückten, Depressiven, Borderlinern, Sexmaniacs und Koksschädeln ist derzeit völlig gedeckt, und ich muss schließlich auch noch mit mir selber fertigwerden, und das ist, ihr kennt mich, auch nicht einfach. Und Lottmann soll ja noch verrückter sein. Noch viel verrückter soll der sein. Wirklich, sagte ich, ich kann sehr gut ohne Lottmann, tatsächlich ist mir ein Berlin-Wochenende ohne Lottmann sehr viel lieber als eins mit.
Am Nachmittag traf Anna Joachim Lottmann, kam erschöpft und aufgewühlt zurück, und hatte erst einmal genug Lottmann. Dann aber schon bald nicht mehr. Ich sagte, du, wegen mir muss Lottmann heute eh nicht ins Restaurant kommen, aber es hieß dann doch: Lottmann kommt. Ich setzte mich an einen Platz, an dem sich Lottmann, falls er käme, nicht neben mich setzen würde können, weil eigentlich wollte ich lieber nicht mit Lottmann essen. Oder mit Lottmann plaudern. Eigentlich wollte ich Lottmann gar nicht kennenlernen. Ich glaube, ich machte am Tisch die eine oder andere diesbezügliche Bemerkung, manche davon mögen zugegebenermaßen ein wenig engstirnig und überzogen geklungen haben. Lottmann kam nicht, aber es wurde fast den ganzen Abend über Lottmann gesprochen, eine Konversation, während derer ich ein- oder zwanzigmal erwähnte, dass das okay für mich ist, wenn Lottmann nicht kommt, auch wenn ich Lottmann dann gar nie treffe und niemals kennenlerne. Dann rief Lottmann an, er vermeldete, er sei in der Kingsize Bar. Ich sagte, ich will eigentlich nicht in die Kingsize Bar gehen, weil zufällig Lottmann dort sitzt, ich will überhaupt nicht in die Kingsize Bar, und ich brauche Lottmann heute eigentlich nicht mehr, und nur, falls ich es noch nicht erwähnt habe, ich würde Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen. Ich glaube, dass ein Leben ohne Lottmann möglich ist. Ich sagte, ich kann sehr gut ohne Lottmann, sagte ich das schon. Wenn Lottmann in der Kingsize Bar ist und ich nicht, ist das total ok mit mir, echt, es macht mir nichts aus. Und wenn Lottmann nicht in der Kingsize Bar ist und ich auch nicht, dann geht das für mich ebenfalls völlig in Ordnung.
Wir gingen dann in die Kingsize Bar, die ungefähr so groß ist wie mein Badezimmer, aber zweihundert Mal mehr Leute fasst. Wir quetschten uns einmal von Süd nach Nord und dann von Nord wieder nach Süd. Auf dem Weg in den Süden erblickte ich ganz im Südwesten Joachim Lottmann. Ich weiß, wie Lottmann ausschaut, ich habe Lottmann schon auf Fotos gesehen, ich bin mit Lottmann auf Facebook befreundet, mir braucht man Lottmann nicht vorzustellen. Ich erkannte also Lottmann und zwängte mich weiter nach Süden, wieder hinaus aus der Kingsize Bar. Irgendwo auf dem Weg war ein Bier in meine Hand gelangt. Ich setzte mich draußen auf die Bank und trank das Bier. Ich fühlte Lottmann hinter mir, hinter der Glasscheibe, aber ich drehte mich nicht um, ich trank das Bier und konnte mir Lottmann, noch während ich das Bier trank, erneut auf einem Foto anschauen, einem noch warmen Polaroid, das Anna gerade gemacht hatte, da schau, der Lottmann, der steht da drinnen, direkt hinter dir, hinter der Scheibe, willst du ihn nicht kennenlernen? Lass mich mal überlegen, sagte ich, nein, eigentlich nicht. Die Polly und die Mitzi kamen dann auch heraus und sagten, weißt du was, der Lottmann steht tatsächlich da drinnen an der Bar! Ich sagte, ach was, ne, isses die Möglichkeit, ihr meint, wir sollten reingehen, einen trinken mit Lottmann, hmm, aber weißt du, wenn ich es recht bedenke, nein, eigentlich will ich Lottmann lieber nicht begegnen. Jetzt ist es heraussen: ich denke, dass ich Lottmann nicht kennenlernen möchte.
Wir gingen dann ins Hotel und schliefen. Am nächsten Nachmittag sandte Joachim Lottmann Anna ein SMS. Anna rief, ach, der Lottmann! und sandte Lottmann ein SMS zurück. Ich sagte: ach, der Lottmann, wie schön. Lottmann sandte noch ein SMS. Anna sagte, du ich werde Lottmann für heute Abend jetzt doch auch zum Essen in die Paris-Bar einladen, das wäre doch wahnsinnig gut, oder? Ich dachte, vielleicht sollte ich einmal bemerken, dass ich Joachim Lottmann sehr gerne nicht kennenlernen würde, weil ich glaube, dass Lottmann und ich eventuell nicht so kompatibel sind. Ich sagte aber gar nichts, ich fand, dass ich den Wunsch, eine Begegnung mit Lottmann zu vermeiden, eventuell schon leise hatte anklingen lassen. Anna sagte, also was meinst du? Ich sagte: Frag einfach die anderen. Anna frug die anderen, rief, super!, und sandte Lottmann ein SMS, ob er nicht am Abend zu uns in die Paris-Bar zu kommen wünsche, wir würden uns alle sehr freuen. Lottmann musste zur Geburtstagsfeier seines Bruders, erwog allerdings, diese, da in unmittelbarer Paris-Bar-Nähe, zwischendurch zu verlassen, um sich zu uns zu gesellen. Ja, teilte Lottmann per SMS mit, genau das werde er tun. Lottmann wird doch kommen, ist das nicht wahnsinnig gut?, sagte Anna. Ich sagte, wenn du mich so direkt fragst, würde ich Joachim Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen.
Wir gingen in die Paris-Bar. Ich wählte einen Stuhl, neben dem kein anderer frei war. Es war sehr schön in der Paris-Bar, wir aßen Austern, Blutwürste und Rindfleisch und tranken Weißwein. Alle außer mir warteten auf Lottmann. Lottmann blieb fern; ich vermisste ihn nicht.
Anderntags musste ich früher als geplant nach Wien zurückfliegen. Die anderen frühstückten derweil mit Lottmann. Sie machten viele Fotos von sich und Lottmann und von Lottmann und sich. Ich habe die Fotos gesehen. Auf den Fotos sieht Joachim Lottmann aus wie Joachim Lottmann, wenn er mit Polly, Mitzi und Anna frühstückt. Sehr sympathisch eigentlich, und das Frühstück soll interessant und lustig gewesen sein. Da hättest du endlich einmal den Lottmann kennenlernen können, sagte Anna, schade, dass du nicht dabei warst. Ja, jetzt habe ich doch tatsächlich Joachim Lottmann nicht getroffen, so ein Pech auch.
Aus: Moderne Nerven / Brennstoff, Hg von Ela Angerer, Czernin, Frühjahr 2011