28.10.11

Weißt eh, wegen der Kinder

Doris Knecht | 10/11 | Falter-Kolumne

Die Sache mit dem Arbeitszimmer verfolgt mich. Danke für das Mitgefühl, das mich vergangenen Freitag während einer Lesung, also des anschließenden Gesprächs mit dem ausgezeichnet vorbereiteten Gastgeber, überwogte: Das war aber eh erfunden, was Sie da letztes Mal geschrieben haben, das mit dem roten Kopfhörer? Nein, leider, war es nicht. Dank auch an den freundlichen Manuel R. und seiner ebensolche Gattin, die mich einluden, wann immer es erforderlich sei, doch gerne ihr Arbeitszimmers zu benützen. Nein, R. sagte: eines unserer beiden Arbeitszimmer.

Das ist reizend und unglaublich großzügig und selbstverständlich ganz und gar unmöglich. Im Endeffekt werde ich nämlich unter einem roten Kopfhörer, umgeben von kochenden, spielenden, raufenden, youtubenden und Karate-übenden Verwandten immer noch produktiver sein, als in einem fremden Arbeitszimmer, in dem ich ohne Unterlass daran erinnert werde, dass ich nicht nur nicht über zwei, sondern über gar kein eigenes Arbeitszimmer verfüge, über keine Tür, um sie für Stunden hinter mir zu schließen, über keine eigenen vier Wände, die mich mit Ruhe umschlössen und die ich schmücken dürfte, wie immer ich wollerte. Was es mir zB. erlaubte, auch ein mal ein kinderunkompatibles Kunstwerk zu erwerben und aufzuhängen, was derzeit naturgemäßig unmöglich ist. Jetzt außer für Eltern, die sich gern mit dem Jugendschutz anlegen. Alles, was ich von befreundeten Künstlern kaufe, muss deshalb immer möglichst harmlos und erbaulich sein, was nicht optimal ist, wenn man von Kunstschaffenden umgeben ist, die gerade der Unharmlosigkeit überaus viel Spannendes abgewinnen können. Aber nie kann ich die wirklich aufregenden Sachen aussuchen, brennende Hendln, geile Madonnen, vögelnde Götter, kiffende Jesuse, masturbierende Amazonen, Fotos penibel nachgestellter Terroranschläge. Weißt eh, wegen der Kinder, hast du auch was, auf dem nicht arschgefickt, gewichst oder der gestorben wird? Hätte ich ein Arbeitszimmer, wäre das alles kein Problem.

Hätte ich ein Arbeitszimmer, hätte ich auch einen Diwan. Mit einem eigenen Fernseher davor. Und einem DVD-Player. Ich könnte dann viel öfter und vor allem zu allen mir genehmen Tageszeiten zum Langen sagen: Weißt was, blas mir den Schuh auf, ich schlafe heute auswärts. Allerdings streitet man natürlich unversöhnlicher, wenn man ein kuscheliges, inhäusiges Schlafasyl zur Verfügung hat, in dem man sein beleidigtes Ich auf weichen Kissen in Ruhe zur Ruhe betten kann. Weil man unmittelbar neben einem, mit dem man gerade einen kleinkriegsförmigen Konflikt durchexerziert, nicht gern und folglich nicht gut schläft. Auch nicht mit einem Kopfhörer auf den Ohren, weshalb es jeweils angezeigt ist, sich vor dem Zapfenstreich wieder zu versöhnen. Was tage-, wochen-, ja: jahrelang unnötig wäre, hätte man ein eigenes Arbeitszimmer aka Arbeitsschlafgemach... Hm. Ich weiß jetzt auch nicht.  

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