So wie es ausschaut werde ich heute Abend etwas tun, das sowohl mit meiner Natur als auch mit meinen Prinzipien üblicherweise kein sehr harmonisches Verhältnis am Laufen hat und vermutlich auch künftig nicht haben wird: Ich werde im Rahmen einer Theaterproduktion auf einer Theaterbühne stehen. Natürlich habe ich die Hosen bis übern Bund voll und bereue schon seit Tagen bitterlich, dass ich mich dazu habe überreden lassen.
Ach was, man musste mich nicht einmal überreden. Harald Posch von der Garage X sagte einfach nur: Schorsch Kamerun will dich. Und ich sagte: Bin schon da, wann, wo? Weil: Schorsch Kamerun. Schorsch Kamerun, von Goldenen Zitronen, wers nicht weiß, habe ich ja sehr gern . Immer schon gehabt. Schätze ich außerordentlich, ist einer dieser richtig guten Männer, von denen es irgendwie nie genug gibt: gescheit, streitbar, kreativ, laut, mutig. Wobei ich insgeheim natürlich nicht ganz verstehe, wie sich so einer mit dem Theater einlassen kann, aber wenn es Kamerun tut, kann es wohl nicht ganz verreckt sein. Und außerdem bin ich allmählich geneigt, Annas Wording zu folgen, dass meine Probleme mit dem Theater MEINE Probleme seien und nicht die des Theaters. Obwohl. Ganz überzeugt bin ich davon nicht, und soviel ich weiß, hat sich Anna in den letzten Wochen aus mehreren hochgelobten Aufführungen heimlich geschlichen und mir aus anderen, aus denen es sich nicht heimlich schleichen ließ, SMSe des Inhalts "Ich stähärbäääää!" geschickt. Es ist also auch Annas Affäre mit dem Theater nicht mehr ganz so verschmust und frei von Friktionen wie einst. Was meinereiner einerseits einen hochbefriedigten Händerieb verschafft, mich andererseits aber trotzdem nicht daran hinderte, meine Partizipation an dieser Kamerun-Produktion völlig gedankenlos zu versprechen. Fehler, Fehler, Fehler. Fehler!
Denn es hieß, es gehe um die Teilnahme an einer Jury und Popkultur und vergebliche Versuche, und das kann ich alles so einigermaßen. Allerdings ging es in der ersten Besprechung auch darum, ob ich dabei ein Kostüm tragen würdemüssesolle, und da stieß ich gleich brutal an die Grenzen meiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Vergeblichkeit. Mich kann man ja schon mit den verhaltendsten Andeutungen völlig harmloser Dress Codes von Feierlichkeiten fernhalten: Ich soll mich verkleiden? Sorry, geht GAR nicht, sucht euch gefälligst einen andern Gast. Ich weiß auch nicht warum, vielleicht hat man mich als Kind einmal zu oft in ein Clownkostüm gesteckt, ich weiß auch nicht.
Die Chancen, dass ich heute auf der Bühne der Garage X einen pipifeinen Nervenzusammenbruch erleide, stehen also nicht schlecht. Wenn Sie auf derlei gut verzichten können, schauen Sie sich Kameruns Stück lieber morgen oder übermorgen an. Da bin ich schon in der Geschlossenen.
Schorsch Kamerun: Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur. Garage X, Petersplatz 1, 12., 13. und 14. Mai, 20 Uhr.
Verzeihung, es geht gerade nicht. Ich muss den Kaffee aufwischen, den ich eben über meinen ganzen Kramuri geschüttet habe, zwei Kolumnen schreiben und dann mit den Mimis zum Zahnarzt und mich vom Zahnarzt schief anschauen lassen, weil mit dem einen Zahn von dem einen Kind ist eindeutig was, und der Zahnarzt wird garantiert erkennen, dass das schon länger ist. Auch wenn die Mutter schwören wird, das sei erst vor ein paar Tagen passiert, was gelogen sein wird. Jaaaa! Meine Schuld! Ich weiß! Aber was soll ich denn noch alles schaffen?? Arbeiten, kochen, Laudatio halten, auflegen, arbeiten, Kinder antreiben, Salat pflanzen, Radieschen säen, Gästebetten beziehen, Kinderfahrräder ersteigern, Mitteilungshefte lesen, Termine ausmachen, hässige Mails mit gelassener Gutmütigkeit beantworten, rauchen aufhören, die Hängematte flicken, aufräumen, gelassen sein, den Installateur anrufen, den Strom zahlen, Schiefer ziehen, Kind trösten, arbeiten, Steuern zahlen, eine gute Mutter sein, eine gute Lebensgefährtin sein, eine gute Freundin sein, nett sein, Kaffee aufwischen: Ja, ich schaff das eh alles!! Irgendwie!! Jetzt bis auf das mit dem Rauchen. Das mach ich dann nächstes Wochenende, unter dem traurigen, sorgenvollen Blick meiner Mutter, der hilft in manchen Situationen immer noch am besten.
Immerhin: Das mit der Laudatio war fein. Also, der zugehörige Anlass, weil mein Lebenswirt, der Herb Molin, das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen hat. Und mit was? Mit Recht. Viele Leute waren da und danach saßen die ganzen Nachteulen aus dem rhiz mit riesigen Sonnenbrillen am Maria-Treu-Platz, aßen Pizza und bekamen Sonnenbrand. Es war ein bisschen, wie wenn die Vampire in Rimini Urlaub machen. Nett war es.
Und der Lange? Ach, der Lange. Wie ich gesagt habe. Nein, nicht ganz. Er hat mit dem Positiv-Denken nicht wieder aufgehört, er hat es diversifiziert. Er denkt jetzt spartenspezifisch positiv. Also, einerseits schimpft er wieder ganz normal. Andererseits sitzt er auf der Gartenbank, schaut in die Wiese, sieht, wie hoch das Gras steht und sagt: Der Rasen sollte dringend gemäht werden. Aber er lässt sich von derlei banalen Widrigkeiten nicht mehr belasten, soweit hat er den Glauben an die Kraft des Optimismus schon verinnerlicht. Er denkt jetzt positiv, dass der Rasen, wenn man nur mit radikaler, Richard-Fordscher-Gelassenheit daran glaubt, schon gemäht werden wird. Dass alles ganz von selber gut wird. Und das wird es auch, weil der Lange fährt jetzt erst einmal zehn Tage weg, und wenn er zurückkommt, wird vermutlich jemand den Rasen gemäht haben. Für den Erheiterungsprozess des Langen ist das natürlich gut, weil es gezeigt haben wird, dass das positive Denken zu konkreten, begrüßenswerten Resultaten führt. Für mich ist es schlecht, weil ich es getan haben werde. Aber ich mache das schon, jaja, ich schaff das irgendwie.
Was jetzt? Ich weiß nicht. Die letzte Woche war: Ich weiß nicht. An vielen Orten gewesen. Jägerschule, Prater-Schihütte, Büro, Hold, Laternenfest, Annas Sofa, Polly Adlers Sofa, Kunsthalle, Bett, Internet, Roter Elefant, Folio-Fest, Millis neuer Küche, Wetter, Novelli und hinter den Plattentellern vom phil. Mit vielen interessanten Leuten geredet oder leider nicht, aber ich weiß nicht. Das führt mich wieder nur geradeaus in eine Faustwatsche des Kollegen Dings, der mich rügt, dass ich neuerdings nicht einmal mehr die elementarsten Regeln des Kolumnismus berherzige, nichts als verschwommene Andeutungen, deppertes Namedropping, lose Enden und narrative Sackgassen, aus denen sich der Leser dann genervt wieder auf den Rückweg machen muss, und du kommst dabei im übrigen ziemlich unsympatisch rüber. Ja. Weiß ich. Aber wenn das nun einmal mein Leben ist?
Dann erfinde dir ein besseres, nein: erfinde mir ein besseres, ein schachtelsatzfreies, mit einer Struktur und guten Pointen an den richtigen Stellen, ist mir völlig powidl, ob das gelogen ist oder wahr. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Erst einmal frühstücken. Und an etwas Schönes denken.
Schön ist zum Beispiel das Wetter. Also das neue Lokal am Yppenplatz, von Lea Redolf und Raetus Wetter, vormals Expedit. Dort stimmt alles so wunderbar (bis auf den, so die Mimis, höchst beklagenswerten Umstand, dass es zur Weißwurst kein Ketchup gibt), ich könnte dort tagelang versacken, was allerdings elementar damit zusammenhängt, dass man sich, nachdem man eine von Wetters Appenzeller Käsefladen gegessen hat, stundenlang nicht mehr rühren und gerade noch den Arm zum Verdauungschnapsordnern lupfen kann.
Wien wird ja augenblicklich von einem Bobo-Wettrüsten in Atem gehalten: Brunnen- oder Karmeliterviertel? Wo gibt es die lässigeren Lokale, die besseren Marktstände, das Slow-Food-Futter, die Bio-Artischocken, die selbstgepupsten Marmeladen, wo wohnen die cooleren Promis? Seit der Wetter das Wetter eröffnete, steht es 103 zu 102, wenngleich ich am Yppenplatz jetzt nur einen toten Schriftsteller weiß und am Karmeliter-Platz drei lebende; dafür am Yppenplatz viel mehr Musiker, und zwar von den guten; einer tauchte im Wetter auf, als ich gerade drohte, ob der Last der Käseflade unter den Tisch zu rutschen.
Überhaupt kannte ich im Wetter die halbe Gästeschaft, was Neo-Phobiker wie ich zu schätzen wissen, die vor Neuem scheuen und es gerne haben, wenn alles vertraut ist, wenn alles so bleibt wie es ist und es eine Woche oder drei immer das gleiche großartige Essen und den gleichen fantastischen Song gibt, die nie den Mann wechseln und sich die perfekte Jeans gleich dreimal kaufen. Die Pointe für den Dings wäre jetzt, dass sich das mit den Jeans bewährt hat, weil mir noch am Samstag, vermutlich käsefladeninduziert, das Hosentürl platzte, und es wäre zudem original wahr, aber das ist mir zu aufgelegt, sorry, echt nicht.
Allmählich erreiche ich den Punkt, wo es schwierig wird, etwas zu erzählen, weil das Sommerprogramm „Ereignisarmut“ seine Wirkung beängstigend effizient entfaltet. Seit zwei Monaten erschlage ich tagsüber Wespen und lausche abends dem Fluss, und es ist gut. Nichts fehlt. Ich bin soweit, dass ich dem McDings, der seine Ferien ebenfalls in vertrauter Umgebung verbracht hat, maile, ja, genau, das sei doch gut, die Menschen erlebten viel zu viel, allgemeines Mindererleben sei doch für die Menschheit und für den Klimawandel viel gesünder. Also quasi diesen Satz von Pascal, von dem Unglück, das allein daher rühre, dass die Menschen nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen, als Ökobilanzrechnung. Ich vermag das mittlerweile unglaublich gut, wenn man jetzt einmal das Zimmer etwas größer fasst und ein bisschen Wiese, den Fluss, ein paar Bäume und Kinder hineinstellt. Und etwas zu essen und zu trinken, was weil man nicht immer nur Holundersirup, Zucchini, Erdäpfel oder Paradeiser aus dem Garten zu sich nehmen mag, was zugegebenermaßen Autofahrten nach großzügig entfernten Das und Dorts erfordert. Der Dings mailte etwas überaus Bedachtes zurück, nämlich, dass das, was ich eben gemailt habe, ein kompletter Unsinn sei, man müsste im Gegenteil die Menschen dazu zwingen, viel mehr zu erleben und tüchtig was von der Welt sehen, weil das das Hirn erweitere. Ja ja! Ich meinte doch eh: uns. Wir haben uns das wenigstens temporäre Nichtserlebenmüssen unter selbstloser Gefährdung unserer Gesundheit redlich verdient. Ja, mailte der Dings. Damit war auch dieses Ereignis vorbei.
Es ist zudem schwierig, zu arbeiten, weil sich ein Arbeitszimmer hier nicht ausgeht und die Kinder sich den Satz „Ich muss jetzt arbeiten“ nicht länger als zwei Minuten merken. Merken können. Wollen. Dann verlangen sie ein Honigbrot oder stellen sich mucksmäuschenstill in einem 45-Grad-Winkel neben den Computer, treten von einem Bein auf das andere und strahlen mich mit ihren glänzenden Kinderaugen rücksichtsvoll an. WAS!!!! Es ist, weil sie diese Erstklässlerrechenaufgabe auf ihrem Nintendo nicht verstehen. Es gibt für den Nintendo ja auch pädagogisch unheimlich wertvolle Lernspiele. „Fülle die leeren Kästchen richtig aus. Rechne mit Plus oder Minus.“ Wie? Welche leeren Kästchen? Was rechnen? Versteh ich auch nicht, frag den Papa. Der Lange kapitulert ebenfalls, also spielen sie wieder Supermario.
Und zwar ohne den Nachbarsbuben, weil dem habe ich, damit es zu keiner Straftat kommt, ganz auf erwachsen eine freundliche Rede gehalten, dass er bitte ein paar Tage nicht kommen soll, weil uns das zuviel wird. Jetzt war er schon so viele Tage nicht da, dass ich Angst habe, dass ich seine zarte Nachbarsbubenseele nachhaltig gekränkt habe. Ich überlege schon, ob ich ihn mit einem Honigbrot herüberlocken soll. Nein, lieber nicht, der kommt schon wieder.
Diese Woche brachte die erfreuliche Nachricht, dass die Mimis einen Platz an dieser kuscheligen, kleinen Schule haben. Es sind dort alle sehr nett und engagiert und pro Klasse gibt es, schätze ich, ungefähr zwei Ausländer, Schweizer oder Dänen oder so, deren Eltern vermutlich im Management eines BioFood-Distributors arbeiten. Oder bei der UNO. Wir haben den Kindern auch realitätsnähere Schulen gezeigt, mit rauchenden, kraftwörterspuckenden Hauptschülern am Schulhof, in die sie trotzdem nicht wollten. Zugegeben, es ist leicht, zwei Sechsjährige dazu zu kriegen, unbedingt an die kleine, engagierte Schule zu wollen, wenn sie dort beim Tag der offenen Tür zehn frühere Kumpels aus dem Kindergarten in den Klassen treffen und die Kinder der Freunde, der Nachbarn und anderer bildungsnaher Eltern, die ihren Nachwuchs ebenfalls gern an einer kuscheligen, kleinen, engagierten Volksschule ohne gewaltaffine 14jährige wissen. Und wo das schlimmste Wort, das die Erstklässler nach Hause bringen, etwas ist wie wie wie... wie Nutella. Mama, was bedeutet das: Nutella? Das, Kind, ist ein ganz böses
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Nun wurde das neue, in Venedig erstandene Ledernotizbuch eröffnet: Eine herrliche und dabei preiswerte Handarbeit aus gutem, erstklassig gebundenen Papier innen und dickem, geprägtem Rindsleder außen, in das ich nur mit dem Akkuschrauber zwei Löcher bohren musste; für das Gummiband. Das Gummiband ist das einzige, was das alte Moleskine-Notizbuch dem venezianischen voraus hatte, ansonsten ist dieses gesamte Moleskine-Zeug völlig überschätzt und überpreist. Bei meinem musste ich schon nach wenigwöchiger Nutzung die Außenhülle mit Gaffertape reparieren, was nicht wundert, ist ja keine Maulwurfshaut, sondern offenbar chinesisches Polyester, und innen rissen die Fäden. Man müsste meinen, dass ein mit dem Etikett „legendär“ erworbenes Notizbuch die regelmäßige Aufnahme von Notizen verkraften können müsste. Allerdings stehen, was ich von dem venezianischen noch nicht behaupten kann, im alten Fetzenbuch verwendbare Notizen drin, und zwar nicht nur deswegen, weil ich sie
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Wichtige Fragen müssen erörtert werden: Wird man tot, wenn man sich das Schnitzmesser in den Bauch rammt? Oder muss man nur ins Krankenhaus, wo sie einem die Eingeweide mit langen Nadeln zusammennähen? Das Schnitzmesser ist Teil des üblichen Russisch Roulette des Kindergroßziehens, welches dadurch verkomplizierrt wird, dass hundert Eltern von Fünfjährigen hundert Vorstellungen davon haben, was Fünfjährige können müssen oder dürfen sollen. Sollen beispielsweise Fünfjährige allein eine mittelstark befahrene Landstraße überqueren dürfen? Ich bin dagegen, was aber damit zu tun haben könnte, dass ich mit fünf auf einer mittelstark befahrenen Landstraße über den Haufen gefahren wurde, vier Wochen im Krankenhaus lag, dort von meinen Eltern nur einmal die Woche besucht
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Diesmal sind wir einen halben Tag vor den Horwaths im Landhaus der Horwaths und hallo, ist der Garten grün. Fett. Alles explodiert in Blatt, Blüte und Frucht und, schau, die Ribisel sind auch reif, sie sind so reif und süß, dass sie die Kinder freiwillig mit vollen Händen in ihre Mäuler schaufeln. Wenn die Ribisel im Garten meiner Oma selig so reif war, plegte meine Oma uns Kinder und wen sie sonst erwischen konnte, mit Küberln zu behängen, und die Ribiseln wurden, bevor sie die Sonne vertrocknen und die Vögel fressen konnten, abgenommen, abgebeerlt, zu Marmelade verkocht, tschüss bis nächstes Jahr. Und weil ich so eine Streberin bin und immer die Suprigste und Patenteste sein will, nehm ich mir gleich ein Küberl und brock die Ribisel, und noch ein Küberl und noch eins, und während ich meinen Rücken trotz Hexenschusswarnung nicht schone, fühle ich mich unglaublich gut: Ich bin nämlich keine von denen, die
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Na klar ist der Einzelhandel gegen den deutschen Vorschlag einer „Fettsteuer“: Damit sollen künftig Lebensmittel belegt werden, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass immer mehr Menschen, sprechen wir’s gelassen aus, fett und fetter werden. Wär’s ein individuelles Problem wär’ s ja keins, aber es ist längst ein gesellschaftliches, das das allgemeine Gesundheitskonto erheblich belastet. Weil halt so viele Krankheiten damit zusammenhängen, wieviel wovon die Leute essen. So argumentieren natürlich auch die Gegner der Fettsteuer: Liegt ja nicht an den Lebensmitteln an sich, an Schokolade und Chips, liegt an den Leuten, die es bei deren Verzehr über- und bei der Fettverbrennung untertreiben. Und das stimmt natürlich. Aber es sind ja sowieso alle Einzelmaßnahmen per se sinnlos. Notwendig wäre: Ein gesamtgesellschaftliches Bekenntnis zu einer besser ernährten, gesünderen Bevölkerung. Eine weitreichende von Politik, Handel, Industrie und Medien getragene Initiative, die in absolut alle Bereiche dringen müsste: effizient dringen müsste. Was heißt: von der Kinderkrippe bis ins Altersheim müsste die Dreifaltigkeit Evaluierung, Aufklärung, Veränderung wirksam werden. Ein Ruck müsste durchs Volk gehen. Weil es zum Beispiel nichts bringt, wenn Kinder im Unterricht lernen, wie man gesund lebt und dann in der Kantine Schnitzi, Cola und Schokoriegel snacken und zuhause vorm Fernseher oder Computer zu Abend essen. Allerdings: Bei vielen Leuten wohnt das Bewusstsein nun mal im Portemonnaie. So gesehen ist eine Fettsteuer vielleicht eine sinnvolle Maßnahme. Aber eben nur eine unter vielen koordinierten.
Meine Mutter hat den Muttertag schon vor Jahren abgeschafft: Danke, Kinder, lassen wir das jetzt. Sie braucht sowas nicht, sagt meine Mutter. Sie finde das eher lästig. Ehrlich gesagt habe sie das schon früher ziemlich unnötig gefunden, und als die Phase der selbstgebastelten Muttertagspräsente von vier Kindern endlich vorüber gewesen sei, habe sie das, seid’s mir nicht bös, mit herzlicher Dankbarkeit erfüllt. Natürlich habe sie sich über jedes aufgestotterte Gedicht, jedes schräg intonierte Lied, jede beschmierte Gipsschale, jeden schiefen Häkeltopflappen, jeden laubgesägten Kleiderbügel so aufrichtig gefreut, wie man es von einer glücklichen Mutter erwarte, keine Frage. Aber jetzt sei sie über gleichmäßig übers Jahr verteilte Zeichen von Liebe, Zuneigung und Respekt wesentlich glücklicher. Etwa in dem wir sie regelmäßig besuchen und anrufen und sie nicht über die Maßen mit Enkelkinder-Beaufsichtigungswünschen belästigen. Denn meine Mutter ist der Meinung, dass sie sich nach mehr als 25 Jahren Kindervollversorgung inkl. beträchtlicher Aufopferung ein natürliches Recht auf ein wenig Selbstverwirklichung erworben habe, und falls wir ihr dafür unsere Dankbarkeit erweisen wollen, dann bitte, indem wir uns um unsere eigenen Kinder wenn möglich selber kümmern. Also, dass wir das nicht falsch verstünden, sie liebe ihre Enkel, habe sie gern um sich und nichts dagegen, hin- und wieder ein wenig auf einen oder zwei von ihnen aufzupasse, aber nicht auf einer täglichen Basis. Das alles - besser: auch das alles - finde ich an meiner Mutter so großartig. Und auch zum Dank dafür rufe ich sie am Muttertag nicht an. Aber am Tag davor. Und am Tag danach.
Alle freuen sich wie dulliö auf die Fußballeuropameisterschaft, nur ich nicht. Na ja, Ursula Stenzel auch nicht. Frau Stenzel fürchtet die Massen, den Lärm und den Dreck, den die Euro 08 in ihre City spülen wird. Und mit was: mit Recht. Nun erwägt die Innenstadt-Bezirksvorsteherin offenbar ein Pinkelverbot mit entsprechender Beschilderung für die Parks entlang der geplanten Fanmeile am Ring, denn sie sorgt sich um die innerstädtischen Grünräume; um die Rosen im Volks- und die Bäume im Burggarten. Das tut sie auf der Basis schlechter Erfahrungen: Nicht eigener, sondern deutscher, denn bei der letztjährigen Fußball-WM, es beutelt mich schon beim bloßen Hinschreiben, wurde der Berliner Tiergarten, der unglücklicherweise entlang der Fußball-Fanmeile zu liegen gekommen war, täglich mit ca. 200.000 Litern Menschenurin getränkt. Ua. Das Urinieren an dafür nicht vorgesehen öffentlichen Orten wurde ja erst unlängst in den anschwellenden Unarten-Beschwerdegesang aufgenommen, der hier seit einiger Zeit erklingt, und den wir ab sofort Liste lässlicher Laster, kurz LLL, nennen wollen: Insofern ist ein Verbot öffentlichen Herumbrunzens nur zu begrüßen. Befremdlich daran ist einzig, das es offenbar bislang nicht verboten war. Was einerseits natürlich als positiver Hinweis auf ein scheinbar einigermaßen selbständig funktionierendes Wiener Verantwortungsbewusstsein gewertet werden kann. Andererseits wundert gerade auch deshalb die allgemeine Vorfreude-Euphorie auf ein Ereignis, bei dem das fröhliche Rudel-Komatrinken mit allen bekannten Folgen der Körperfunktionsbeeinträchtigung und (Verantwortungs-)Bewusstseinstrübung ziemlich im Mittelpunkt steht. Darauf könnte ich persönlich irrsinnig gut verzichten.
Nach Koch-und Deko-Dokusoaps sehen die Deutschen jetzt gerne Auswanderer-Geschichten. Was die Prophezeiung zulässt, dass auch bei uns bald Auswandererdokus wie „Mein neues Leben“ laufen werden, in denen Menschen versuchen, Ausland Fuß zu fassen. Weil das Geschäft nicht läuft oder gar keine Arbeit zu finden ist, suchen sie mit ihren Familien ihr Glück an einem anderen, besseren Ort. Da kann man sehen, wie die Exilanten, ist ja normal, mit Bürokratie, Sprach- und Anpassungsproblemen zu kämpfen haben und versuchen, ihr neues Leben zu meistern, was nicht immer leicht ist. Aber nie wird in Frage gestellt, dass jeder seines Glückes Schmied sein kann, dass jeder die Freiheit hat, selbst zu wählen, wo und wie man sein Glück finden und maximieren will. Und keine Idee davon, dass diese deutschen Familien - und bei den österreichischen wird es nicht anders sein-, wenn sie sich über die Jahre assimiliert, Existenzen aufgebaut, Steuern gezahlt, in Gemeinschaften, Arbeitsstellen, und Schulen integriert haben, plötzlich aus der selbstgewählten, hart erarbeiteten Heimat vertrieben werden könnten. Was Glück-Suchern, die es in Österreich gefunden, sich hier neue Existenzen aufgebaut, Steuern gezahlt, Kinder geboren, sich assimiliert, integriert und eine neue Heimat gefunden haben, jederzeit passieren kann. Sie werden auseinandergerissen, abgeschoben, aus der Heimat verjagt. Im Namen des Gesetzes. Immer mehr echte Österreicher sagen: Nicht in meinem Namen. Diesen Namen kann man jetzt unter eine Petition setzen, die die Grünen für ein faires, menschenwürdiges Bleiberecht initiert haben: www.dahamisdaham.at. Mögen es viele werden.
Wenn jetzt noch ein paar Tausend unterschreiben, ist bald die Quote von „Mitten im Achten“ erreicht. Na, Witz, aber: Immerhin 1038 Unterschriften hat die „Petition ohne Namen“ im Moment beieinander, ganz ohne mediales Getrommel. Die Petition fordert, die Schlaumeier ahnen es bereits, die Wiederaufnahme der „Sendung ohne Namen“. Die wurde nämlich soeben nach ihrer 114. Folge abgeschafft: Nicht wegen Erfolglosigkeit, nicht wegen mieser Quoten, nicht wegen Abgenutztheit oder weil sie umstritten war, sondern aus dem offenbar einzigen Grund, dass die Sendung nicht mehr ins neue ORF–Sendeschema passe. Das ist schon möglich, aber natürlich eine interessante Begründung für die Absetzung einer Sendung, deren Grundprinzip sozusagen auf ihrer Contraschematik basiert: Die „Sendung ohne Namen“ war immer auch die Sendung, die in kein Schema passt. Was genau ihren anarchischen Charme ausmachte, ihren Witz, ihr Überraschungsmoment: Dass in den 25 Sendungsminuten alles passieren konnte. Und meistens passierte ziemlich viel ziemlich schnell, was für gewöhnlich das Gegenteil eines Garants dafür ist, dass das was geschieht, auch was Gescheites ist. Bei der „Sendung ohne Namen“ war es das aber praktisch immer. Dafür gab es 2003 eine Romy, dafür wurde die Sendung beim New York TV-Film-Festival und in Luzern für eine Goldene Rose nominiert. Und das wollten am späten Abend immer noch bis zu 140.000 Menschen sehen. Was in etwa der M.I.A.-Quote am prominenten Vorabend entspricht. Jetzt wollen schon 1165 Unterschreiber die „Sendung ohne Namen“ zurückhaben. Und falls das neue ORF-Schema nicht dazu passt: Das stört die nicht.
Marketingtechnisch wäre es vielleicht keine schlechte Idee gewesen, sich beim Namen auf etwas Einfaches, Unzungenbrecherisches zu einigen. So wie: Sacher-Torte. Oder Mozart–Kugel; etwas das auch japanische Kindergärtler und Rednecks from Texas problemlos memorieren und artikulieren können. A Sacher-Torte, please. And twelve Mozart-Kugels. Die werden sich in St. Pölten schwerer tun, wenn sie „das neue süße Wahrzeichen“ ordern, als das die dort frisch kreierte Nuss-Mandel-Schoko-Birnenmarmelade-Torte angepriesen wird: A Original-St.Pölten-Prandtauer-Torte, please. Und selbst, wenn man das „Ortginal“ weglässt... es bleibt ein Kampfausdruck. Was dem Erfolg der Süßspeise abträglich sein könnte – und so dem Versuch, den Reisenden das schöne St. Pölten mit Kuchen zu versüssen, das in der der Touristen-Gunst halt, Landeshauptstadt hin oder her, hinter dem idyllischen Wein–Krems liegt. Das Schicksal der Linksliegengelassenheit teilt St. Pölten mit Nicaragua, wenngleich nicht aus den selben Gründen. Gleichwohl hatte man in Nicaragua eine ähnliche Idee wie in St. Pölten, aber während die Niederösterreicher die Menschen nur an deren Zuckerseite packen, greifen die Nicaraguaner auch zu viel härteren Mitteln: Neben Guaven-, Orangen- und Limonensaft, Zuckersirup, Eis und einer grünen Kirsche soll das neue nicaraguanische Nationalgetränk vor allem weißen Rum enthalten. Der im Rahmen eines Wettbewerbs kreierte Drink heißt (St. Pöltner, aufgepasst) kurz, prägnant und memorabel El Macua. Erfunden wurde er, so ein Jury-Mitglied, weil Nicaragua eine „neue Identität“ brauche, „die nichts mit Revolution zu tun hat“. Das Problem hat St. Pölten allerdings nicht.
Österreich habe, sagte Österreichs Kanzler beim SPÖ-Parteitag „einen Aufholbedarf, was den Anstand betrifft“. Gusenbauer bezog sich auf die Sache mit den Eurofightern und die unschöne Angewohnheit einiger Militärs, Politiker und Berater, die Herkunftsangaben auf Geschenken nicht so genau zu studieren oder sie sich legal zu schwindeln: Denn möglich ist es ja, dass einer wie der Airchief Wolf sich wirklich einzureden vermag, er habe hier eine lautere Herzensentscheidung für eine Fliegertype getroffen und dort ist halt einer, der seiner Frau gern etwas Geld geben will; reiner Zufall, dass der so bussibussi mit dem Fliegertypenkonzern und so weiter. Anders kann man es sich ja eigentlich nicht erklären, warum die am Ende so leicht zu derwischen sind: Der Wille zur Vertuschung setzt ja ein Vertuschungsbedarfsbewusstsein voraus, das Wissen über das Kriminelle am eigenen Tun. Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Leute glauben, sie handelten rechtens oder wenigstens im Rahmen einer im Ertappensfall geduldeten Kavaliersdelikthaftigkeit. Insofern ist des Kanzlers Appell an Moral und Anstandsgefühl überaus notwendig, und es soll sich ihn bitte auch jener Herr hinter den Ohrwascheln notieren, den meine Freundin S. vor ein paar Tagen dabei beobachten musste, wie er in der U-Bahnstation Stephansplatz in eine Ecke urinierte. Womit wir uns bequem auf Platz 3 der kürzlich hier begonnenen Unarten-Beschwerdeliste hanteln. Platz 1: auf den Boden spucken, Platz 2: überall Müll herumliegen lassen, Platz 3 also: an Hauswände, Parkbäume oder in U-Bahnstationen brunzen. Böse! Denken Sie im Ernstfall an den Kanzler, der mahnt: „Wir wollen nicht, dass hier saure Wiesen oder Sümpfe entstehen.“ Das gilt insbesondere für U-Bahnstationen.
Wie ich dann vor meinem Rad stehe, ist es mir doch nicht egal. Weil von meinem Rad, meinem schnittigen, noch fast nagelneuen Rad ist nicht viel übrig. Wenigstens ist es versichert, und immerhin: das Schloss ist noch da; braves Schloss. Und der Rahmen, den ich damit an einem Kellergitter befestigt hatte. Und die Räder, bei denen die Diebstahlsicherung offenbar verfangen hatte. Der absolut diebstahlsicher festgenagelte Sattel: weg. Der diebstahlsichere Lenker: weg. Die Gangschaltung, die Zahnräder, der Lenker: weg, weg, weg. Ein paar gekappte Kabel schwankten traurig im Frühlingswind. Als ich das Wrack später in den Kofferraum lade, fällt es auseinander. Hurra. Zuerst aber: zur Polizei, Diebstahl anzeigen. Was eine freudvollere Sache ist, als zu erwarten war, nachdem mir eine Freundin kürzlich erzählt hatte, die Anzeige des Diebstahls ihres Rads (bei ihr: das komplette) habe mehr als eine Stunde gedauert. Bei dem netten, fingerfertigen Beamten, an den ich gerate, dauert es nur eine halbe. Schneller geht es nicht, denn dem extrem sperrigen Computerprogramm ist es einerlei, dass ein Fahrraddiebstahl hierzustadt eine Routine ist, die jährlich zehntausend Mal angezeigt wird. Sattelfarbe: äh, schwarz. Material: tja; Leder? Nein, warten Sie, war wohl irgendein Kunststoff. Ok: Kunststoff. Usw. Danach wird der Polizist, sagt er, eine weitere halbe Stunde brauchen, bis der Anzeigendienstweg erledigt ist. Meistens für nichts, denn die Aufklärungsquote ist minimal. Danach bringe ich die Reste meines Rads zu meinem Händler, der so etwas nicht zum ersten Mal sieht, aber angesichts Gründlichkeit der Demontage trotzdem überrascht wirkt. Hui. Präzisionsarbeit. Am Mittwoch werde ich es komplettiert wiederkriegen. Und ihr Diebe: Denkt nicht mal daran.
Drei Jahre wohnen wir jetzt in dieser Wohnung, sechs Mal hatten die Nachbarn das Wasser in der Decke. Jedesmal, wenn bei uns ein Abfluss gereinigt wird, klingelt es anderntags an unserer Wohnungstür, vor der dann die Nachbarin aus dem vierten Stock steht und sagt, Entschuldigung, sie stört uns ungern, aber es tropft ihr wieder von der Decke, haben wir vielleicht? Ja, wir haben, beziehungsweise nein, wir haben nicht, Fritz Schiller hat, der Installateur mit den Strähnchen. Denn wir greifen hier schon lang kein Rohr mehr an, wenn etwas mit einem Rohr ist, rufen wie die Hausverwaltung an, die schickt den Schiller, der schaut und dann wo stemmen lässt und die viel zu dünnen Rohre richtet, die ein Vormieter, der dafür kein Talent hatte, selbst in Wände und Böden verlegt hatten. Was auch die merkwürdige Terrassierung unserer Wohnung erklärt. Nachdem letztes Mal das Küchenabwasser in der Badewanne stand, kam der Schiller und machte mit Druckluft etwas, das dazu führte, dass das Smega, das innen in so einem Abflußrohr pickt, an der frischgestrichenen Decke von dem neuen Badezimmer landete, das wir bekamen, nachdem der Schiller auf der Suche nach einem Leck das alte ungefähr zur Hälfte weggespitzt hatte. Während ich den Dreck
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Unvorsichtigerweise prahlte ich hier im Herbst einmal damit, was für eine brave, klimaschonende Radfahrerin ich doch sei, die sich leider regelmäßig über Autofahrer-Rücksichtslosigkeiten ärgern müsse. Worauf ich korbweise Leserpost erhielt, deren geringster Teil von applaudierenden Umweltschonern verfasst war. Nachdem ich alles gelesen hatte, fühlte ich mich wie ein neuer Mensch: Wie militante Außenseiterin, ja: eine gewaltbereite Minderheit unter Terrorismusverdacht. Denn Ärger über Autofahrer, las ich, sei ein hochtouriger Motor für Tätlichkeiten gegen das Automobil, und die so viel wie ein Angriff auf Leib und Leben, denn: Das Auto ist ja nicht nur Fortbewegungsmittel – es ist ein Symbol der Bewegungsfreiheit, ja: der Freiheit an sich! Ein Angriff auf diese Freiheit, und sei er auch rein verbaler Natur, muss also als Angriff auf das unser Gesellschaftsprinzip u.s.w! Ketzerei allemal. Über meine Fortbewegungsmodalitäten schwieg ich seither. Nun aber gestehe ich erneut: Ich fahre Rad! Täglich! Denn ich weiß jetzt einen Minister an meiner offenen Pedalistenflanke: Umweltminister Josef Pröll ordnete kürzlich an, die Presse zu informieren; er wünsche Rad zu fahren. Oho! Aha! Ein Raunen ging durch die Redaktionsstuben, und alle Fotografen eilten sogleich zum Ring, um am Ringradweg dem Minister zu lauern. Und, pardauz!, da kam er angeradelt und pedalte, ohne Pause und ohne einen einzigen Tropfen Transpiration, den ganzen Weg von der Alma Mater bis zur Urania. Und wer wollte, konnte hinter ihm in flammenden Lettern die Worte „Folget mir! Ich will euch Vorbild sein!“ am Horizont erglühen sehen. Seither pedale auch ich wieder stolz und erhobenen Hauptes durch die schöne Wienerstadt.
Wenn drei Viertel der Bevölkerung eine Sache nicht wollen: Soll man sich dann dem Wunsch dieser drei Viertel entsprechen ? Oder soll man die drei Viertel von der Sache überzeugen? Soll man versuchen, ihr die Notwendigkeit gesellschaftlichen Wandels zu vermitteln? Ich würde meinen: Kommt auf die Sache an. Aber wenn sie es, wie die Kinderbetreuung, Wert ist: nein, ja, ja. Warum ist es den Regierungen der letzten 35 Jahre (und die meisten davon waren sozialdemokratisch geprägt) nicht gelungen, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Berufstätigkeit der Mütter den Kindern nicht schaden muss, dass ausreichende Betreuungsangebote notwendig sind? Vielleicht, weil man es halbherzig tat, oder weil Kinderbetreuung in der Sozialdemokratie stets beim Frauenministerium resortiert. Und Frauenministerin heißt: geht Männer nix an. Die Meinung der Männer ist sicher mit ein Grund dafür, dass sich in der Studie der Instituts für Familienforschung 43 Prozent der Frauen gegen die Fremdbetreuung Unter-Dreijähriger aussprachen. So gesehen könnte die SPÖ allmählich zugeben, dass es falsch war, Kinderbetreuung jahrzehntelang zur Frauensache zu machen. Das Studienergebnis ist auf jeden Fall ein Beispiel-Klassiker dafür, was passiert, wenn die Politik wichtige Anliegen zu wenig oder falsch kommuniziert. Apropos mies kommuniziert: Verstörte JVPler mailen mir, bei dem vorgestern hier erwähnten Jugendabend in Markt Piesting gebe es selbstverständlich nur Antialkoholisches! Auch die Cocktails: total alkfrei!! Liebe JVPler, die Einladung vermittelte exakt das Gegenteil. Aber ich stelle die Sache gerne richtig: Es liegt mir fern, ein gutes Anliegen zu bestrafen, weil es ruinös kommuniziert wurde. Das macht, s.o., eh der Wähler.
Es ist natürlich klar, warum der Bund, warum Infrastrukturminister Werner Faymann auf stur schaltet: Wer einmal nachgibt undsoweiter. Und wer sagt: In Bregenz ist die Situation aber speziell, da muss eine Sonderregelung her, der schafft einen Präzedenzfall. Andererseits: Es nicht zu tun, ist auch verheerend. Im speziellen Fall (und richtig, ich bin gerade in der Gegend) für Bregenz. Bregenz ist eine Naturstadt (der Bodensee, die Berge), eine Kulturstadt (Festspiele, Kunsthalle) und eine Autotransitstadt, und letzteres wollen die Bregenzer, nona, unbedingt ändern. Und das könnte man: Das enorme Verkehrsaufkommen in Bregenz entsteht durch die Vignettenpflicht im Pfänderautobahntunnel, der im Transitverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz eine wichtige Rolle spielt. Bevor sich die PKW-Fahrer, die die österreichische Autobahn sonst gar nicht benutzen wollen, wegen einer Fahrt von wenigen Kilometern eine Zehn-Tages-Vignette um Euro 7,60 kaufen, weichen sie, logisch, lieber auf die mautfreien Straßen aus, die durch Bregenz und die Umlandgemeinden führen. Während andere Städte mit Citymauten autofrei gemacht werden, lotst man im Ländle die Autos von der Autobahn, durch Bregenz und die Dörfer. Danebener geht’s kaum. 29.000 Unterschriften wurden dagegen gesammelt, die Vorarlberger Bundesräte schlugen einen Pfändertunnel-Mautbefreiungspilotversuch vor, die Grünen wollen sowieso Roadpricing statt Vignette und der jetzige Bundeskanzler Gusenbauer zeigte sich vor den Gemeinderatswahlen 2005 angetan von der Idee einer Tagesvignette, kann sich aber jetzt nicht mehr erinnern. Minister Faymann verspricht: eine zweite Tunnelröhre. Wieder mit Vignettenpflicht. So unlöst man Probleme.
Als im November aus Paris zu vernehmen war, dass dort schon 2007 alle Plastiksackerl verboten würden, um jährlich 8000 Tonnen schwer belastenden Müll zu vermeiden, klang das wie eine Nachricht von einem anderen Planeten: Äh? Wie soll das funktionieren, ein Leben ohne Plastiksackerl? Wie tragen wir unsere Einkäufe, wie wiegen wir Obst, worin verpacken wir Lebensmittel? Vier Monate und eine volksübergreifende Klimawandel-Gehirnwäsche später klingt die gleiche Nachricht, diesmal aus San Francisco, ganz vernünftig: Dort hat der Stadtrat vorgestern das Verbot von Plastikeinkaufssackerln beschlossen: 180 Millionen dieser dünnen Sackerl werden von den Supermärkten in San Francisco jährlich zum Einkauf verschenkt. Das wird sich ändern: Künftig dürfen nur noch Papier- und Stoffsäcke abgegeben werden. Der feine leichte Kunststoff, den der Wind von den Müllhalden in die Luft und in Bäume trägt und der die Meere nachhaltig verschmutzt (in einer Küstenstadt ist man da wohl sensibler), soll verschwinden.Für immer. In Wien ist außer grünem Wünschen und vagem roten Absichtserklären bisher nicht viel passiert. Höchstens in den Köpfen, wenn ich ausnahmsweise meinen Kopf als exemplarisch für die österreichischen hernehmen darf: Jedes neue Nylonsackerl erzeugt bei mir mittlerweile schlechtes Gewissen. Wenn ich im Supermarkt Gemüse in Sackerl packe oder Einkäufe, für die meine Bürotasche zu klein ist: automatisch Schuldgefühle. Seit neuestem finden sich deshalb in dieser Tasche stets drei leichte Einkaufsnetze (solche wie in den 1970ern; habe ich bei einer Wiener Parfümeriekette endlich wieder entdeckt). Und da schau her: Es gibt ein Leben neben dem Sackerl. Nicht immer ganz erfolgreich; aber immer öfter.
Dem Manfred Stallmajer könnte das egal sein. Der führt das spitzenfeine, von Stars bevorzugt beehrte Hotel „Das Triest“, und sein neues Projekt, das kürzlich frisch renoviert wiedereröffnete Cafe Drechsler ist, was man so hört, ungefährt 23 Stunden am Tag vollbesetzt. Dem Manfred Stallmajer könnte es (und dem durchschnittlichen Wiener Wirt wärs das) komplett egal sein, dass dort zwei von circa 100.000 Gästen unzufrieden raus sind; Schicksal, schmecks. Es ist ihm nicht egal. Kürzlich berichtete ich in dieser Kolumne von zwei Frauen, die im neuen Drechsler gegessen und getrunken hatten und, als sie danach nichts mehr bestellen wollten , vom Kellner freundlich hinauskomplimentiert wurden. Ich benutzte dabei die Worte „Turbokapitalismus“ und „Schnellabspeis-Prinzip“, und kurz danach rief mich Drechsler-Wirt Stallmajer an und drohte mir nicht mit seinem Anwalt. Sondern er meinte extrem freundlich, dass er die Sache aufklären wolle, weil er das Drechsler sehr wohl als ein typisches Kaffeehaus inkl. aller gemütlichen Wiener Kaffeehaus-Eigenschaften führen wolle. Er glaube, es handle sich um ein Missverständnis, ob ich ihm bitte einen Kontakt zu dieser Dame herstellen könne. Ich konnte, und Stallmajer rief sogleich die Frau an, ließ sich die Geschichte nochmal erzählen, recherchierte im eigenen Haus, fand heraus, dass es sich um ein Schichtwechsel-Kommunikationsproblem gehandelt hatte, kontaktierte die Dame abermals, entschuldigte sich und lud die zwei Frauen ins Drechsler zum Essen: Um den einen schlechten Eindruck ganz auszuradieren. Was ihm gelang: Die Kundin ist, wie sie mir sagte, von dieser Reaktion höchst angetan. Ich bin auch beeindruckt von diesem extrem unwienerischen Service-Verständnis: Respekt. Das darf sich in Wien ruhig durchdrechseln.
Sprachalarm in Deutschland, CDU-Politiker sorgen sich ums Deutsche: Die Durchseuchung mit englischen Begriffen müsse gebremst, Regierung und Wirtschaft sollten ermuntert werden, in Gesetzestexten, Kampagnen und Gebrauchsanweisungen wieder Wert auf eine verständliche, deutsche Ausdrucksweise zu legen. Der Vorstoß kommt periodisch, unberechtigt ist er dennoch nicht; und das gilt nicht nur für Deutschland. Folgende Begriffe sind einer dünnen Tageszeitungsfarbbeilage entnommen – einer österreichischen wohlgemerkt: Shoe-Addict, Fashion-Tempel, Location, Performance, Leading Lady, Life-Style-Queen, Learning-By-doing, Model, Team, Life & Style, Concept-Store, Streetwear, cool, sexy, Designer-Outlet, Shop, shoppen, Single, Weekend, Top-Label, chatten, Fatburner, Trends, Charts, Patchwork-Familie, Live-Show, Show-Start, Warm-Up, backstage, Latin-Feeling, Lover, Outfit, Tracks, on air, TV-Movie, Comedy-Talk und natürlich Dancing Stars, die wunderbare Wortschöpfung des ORF. Man braucht kein Purist zu sein, um dieses Denglisch, den auch bei Journalisten immer hipperen Mischmasch aus Deutsch und Englisch, allmählich ein wenig scary zu finden. Ja, klar: Eine Sprache ist kein Museum, sie lebt, verändert und entwickelt sich durch die Einflüsse, denen sie ausgesetzt ist. Die globale Kommunikation übers Internet erfordert eine global verbindliche Begrifflichkeit. Was dazu führt, dass man schon ganz unbewusst ins Deunglisch fällt: bestellt in der Früh einen coffee-to-go, stresst sich in Job und Meeting, strebt nach Work-Life-Balance, geht lunchen, hält sich fit beim Workout, relaxt bei der Happy Hour undflirtet beim Event. Schaffen wir überhaupt noch einen einzigen Tag ohne Denglisch? Einen Versuch wär’s wert.
Heute: Unerfreuliches aus der Welt des Konsums. Frau T. war mit einer Freundin aus, was an sich noch nicht unerfreulich ist. Die Damen hatten ein Ziel, das Cafe Drechsler. Endlich wieder mal im Cafe Drechsler sitzen, endlich das neue Cafe Drechsler sehen, das nach seiner Schließung ja lange leerstand, und dann zu jedermanns Verblüffung nicht von einer Fastfood-Kette, sondern von Leuten übernommen wurde, die Respekt vor dem Kaffeehaus im Allgemeinen und dem legendären Drechsler im Speziellen zu haben schienen, sowie das Kapital, es mit Hilfe eines gefeierten britischen Architekturbüros zu erneuern und auf zeitgemäße Weise weiterzuführen Oder et was in der Art, wie die Freundinnen feststellen mussten, nachdem sie sich an einem Samstag Abend im Drechsler getroffen, dort gegessen, getrunken und sich „im neuen Ambiente sehr wohl gefühlt“ hatten. Ziemlich genau bis 22 Uhr. Ziemlich genau um 22 Uhr sei ein Kellner an den Tisch gekommen und habe gefragt, ob man noch etwas zu konsumieren wünsche, was die Damen abschlägig beschieden, worauf der Kellner augenblicklich die Rechnung auf den Tisch gelegt und noch einen schönen Abend gewünscht habe. Das verwirrte die Freundinnen. Sie wollten wissen, ob das ein Rausschmiss sei, worauf der Kellner stereotyp geantwortet habe, wenn die Damen nichts mehr konsumierten, wünsche er ihnen einen schönen Abend, was die Damendanach vor lauter Zorn nicht mehr hatten. Denn das ist nun so überaus undrechslerisch, so gar nicht Wiener Kaffeehaus, so uncharmant effizienzorientiert, dass man befürchten muss, das gute, alte Drechser sei vielleicht doch dem turbokapitalistischen Schnellimbiss-Prinzip zum Opfer gefallen: Es hat sich nur fein gemacht.
Das sagte Karl-Heinz Grasser im SonntagsKURIER-Interview: „Wenn man weiß, dass man sich mit mehr und mit weniger Geld sehr glücklich fühlen kann, dann ist dieses Geld eigentlich bedeutungslos.“ Ich versuche gerade mir vorzustellen, was sich ein Karl-Heinz Grasser unter „wenig Geld“ vorstellt, weil ich glaube, dass er davon keine Ahnung hat. Brauchen Reiche auch nicht: Sie sollen ihr Jet-Set-Leben führen in Kitzbühel oder sonstwo, in Capri und der Karibik von Jachten hüpfen, mal eben ein paar Tausend Euro für Wein im Restaurant oder ein Adoptivkind im Entwicklungsland ausgeben, bei den Modeschauen in Paris, New York und Mailand dekorativ in der ersten Reihe sitzen, Maybachs und Ferraris fahren, Haute Couture an makellosen Körpern tragen, ihre Kinder in Schweizer Internate stecken, in eigenen oder geborgten Privatjets nach Mailand in die Oper fliegen, mit den anderen Reichen prestigeträchtige Sportarten ausüben und Oldtimer-Rennen fahren. Aber nie sollen sie sich anmaßen, sich vorstellen zu können, was es bedeutet, wenig oder kein Geld zu haben. Nie sollen sie von der Bedeutungslosigkeit von Geld faseln, weil sie keinen Tau davon haben, was arm sein bedeutet. In Österreich heißt es, in einem Haushalt mit einem Einkommen unter 848 Euro zu leben, ein Betrag, den der Durchschnittsreiche pro Monat vermutlich für die Esstischdeko ausgibt. Ob Grasser sich mit 848 Euro im Monat „sehr glücklich fühlen“ würde, wage ich zu bezweifeln. Mehr als eine Million Österreicher müssen aber mit diesem Betrag oder weniger überleben: Wohnung, Essen, Mobilität, Kleidung, Kinderbetreuung; Kurse, Sport, Spiel. Ja, Geld ist völlig bedeutungslos, wenn man genug davon hat.
Wenn Anfang Februar ein Packerl von der Familie eintrifft, weiß ich, aha, ich habe wieder Namenstag. Wenn Anfang März plötzlich deprimierende Statistiken über Fraueneinkommen erscheinen, wenn selbst Boulevardblätter, die Frauen sonst bevorzugt mindertextiliert zeigen, sich überraschend für mehr Gleichberechtigung stark machen, und wenn ich auf meiner Mailbox eine Anfrage zur Teilnahme an einer ZiB-Diskussion vorfinde, dann weiß ich, aha! Es muss wieder Frauentag sein. Kurz überlegte ich, diese Frauentag-Kolumne erst übermorgen zu schreiben, weil was wäre passiert? Man hätte mir verwundert den Vogel gezeigt, der Frauentag ist ja vorbei; für die nächsten 364 Tage ist alles besprochen. Genau das ist das Problem mit dem Frauentag. Das einzige, was den Frauen wirklich nützt, sind, wie sich immer mehr zeigt, Frauen in Positionen, in denen sie dafür sorgen, dass sich die ganz normalen Lebensumstände, die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten, Arbeits- und Rahmenbedingungen von Frauen verbessern: Managerinnen, Direktorinnen; Familienministerinnen, Wirtschaftsministerinnen, Finanzministerinnen, Kanzlerinnen. Ziemlich für die Fisch dagegen, der ministerialisierte Frauentag praktisch, sind isolierte Frauenministerien ohne Budget: Viel irrsinnig guter Wille, viele schockierende Statistiken, viele wahnsinnig wichtige Worte, total viel Zustimmung, keine Kompetenz. Seit ich ein großes Mädchen bin, und das bin ich jetzt schon lang, höre ich etwa von SPÖ-Frauenministerinnen die dringliche Forderung nach mehr Kinderbetreuungsplätzen. Ich hörte sie von Dohnal, Konrad und Prammer, was so viel genützt hat, dass ich sie von Bures nun wieder höre. Und natürlich um den Frauentag rum: Danke, ganz lieb! Morgen ist eh wieder alles super.
Mit großem Interesse vernahm ich dieser Tage Ihren Vorschlag, die Österreicher sollten auf Fernreisen mit dem Flugzeug verzichten. Bravo! Ja, an die Selbstverantwortung der österreichischen Bevölkerung muss man appellieren, auf dass dieser endlich bewusst werde, wie sehr der Einzelne für Erderwärmung und Klimawandel mitverantwortlich ist. Zudem liegen Sie mit Ihrer mutigen Verkündigung unbequemer Wahrheiten perfekt im Trend: Erst vergangene Woche erhielt der amerikanische Ex-Vizepräsident Al Gore einen „Oscar“ für seinen Film „Eine unbequeme Wahrheit“: Klimaschutz kleidet den politischen Herrn von heute ungemein, und zwar, wenn ich das sagen darf, gerade auch Sie, geschätzter Herr Minister. Dass dem braven Herrn Gore nun vorgeworfen wird, er lebe in einem großen Anwesen mit beheiztem Pool und fliege gern mit großen Privatjets herum, finde ich ungeheuer ungerecht. Denn selbstverständlich ist die Mobilität mancher Menschen gemeinwohldienlicher als die anderer. Es käme mir also nie in den Sinn, Sie, werter Herr Minister, zu fragen, wie Sie so leben, heizen und reisen, und ob Sie per Dienstwagen, Öffi, Rad oder pedes in Ihr Umweltminister-Büro und von dort zu auswärtigen Terminen gelangen. Schließlich haben Sie kürzlich mal erwähnt, Sie führen „so oft es geht mit dem Rad“, und wie oft es geht, geht mich nichts an. Oder welches Verkehrsmittel Sie am Wochenende zu Ihrer Familie nach Niederösterreich bringt. Oder wie oft Sie mit Flugzeugen in nahe- und an der Bahn gelegene Städte wie Salzburg, Innsbruck, Prag oder München reisen, aus der Flughafenperipherie abgeholt und mit dem Auto in die Innenstadt gefahren werden. Aber interessieren täte es mich schon, Ihre Doris Knecht
Es ist ein schönes Gefühl, wenn man bei einer alten Mission endlich auf Verbündete trifft; besonders wenn sie so seriös sind wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Die sah sich in ihrer letzten Ausgabe unter dem Titel „Der Herrenwitzbold“ veranlasst, „Wetten-dass...?“-Moderator Thomas Gottschalk „endlich mal gewaltig auf die Finger“ zu klopfen, weil es nicht sein könne, „dass man sich nur als Freak verkleiden muss, um das Betatschen schöner Frauen vor zwölf Millionen Zuschauern als gesellschaftsfähiges Verhalten zu etablieren.“ Genau. Heute Abend ist wieder „Wetten dass...?“, ich werde, Faszination des Gruselns, wieder reinspähen und mich wieder fragen, ob wir in der Evolutionskette nicht schon viel weiter waren. Und warum weibliche Superstars, die 1000 Mal be-rühmter sind als Gottschalk, sich sowas gefallen lassen. Vielleicht, weil sie vor lauter Überrumpelung einfach nicht glauben können, was ihnen hier an Frechheit geschieht. Realitischer aber ist, dass Gottschalks Handarbeit als Handel betrachtet wird, als eine Art sozial anerkannter Prostitution light: sowohl von den Frauen, die Gottschalk die Gefälligkeit erweisen, ihm nicht in die Fresse zu hauen, wenn er sie ausgreift, wie auch von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die Gottschalk das Bor... äh Forum zum Ausleben seiner Phantasien zur Verfügung stellen. Und davon profitieren. Weil das ist ja so witzig! Und charmant! Nein, ist es nicht. Die FAS nennt es „sexuelle Belästigung“ und konstatiert, „Gottschalks Verfehlungen“ seien „keine dumme Angwohnheit, die er sich abtrainieren könnte“, sondern der Ausdruck eines antiquierten Verständnisses von Unterhaltungsfernsehen. Das er auch heute wieder zur Schau stellen wird, Hand aufs Herz.
Kürzlich lief eine dieser vielgelobten dänischen Krimiserien, in denen die Polizisten und Polizistinnen, während sie brutale Morde bearbeiten, ständig Beziehungsprobleme besprechen, mit Einsamer-Wolf-Ermittlern und schicken, hantigen Polizeichefinnen. In dieser hatte der Einsame Wolf eine Affäre mit der schönen Ermittlerin, und die Polizeichefin stand vor der Pensionierung. Also nahm sie sich die schöne Ermittlerin zur Brust und machte ihr klar, dass sie gute Chancen auf ihre Nachfolge habe, aber sie solle sich doch endlich einen soliden Kerl finden und sich ein paar Kinder machen lassen, denn „in diesem Job kannst du nur Karriere machen, wenn du auch einen Ausgleich hast“. Soll heißen: glückliches Familienleben und berufliche Selbstverwirklichung, das macht man am besten gleichzeitig. Da schlenkert unsereins natürlich mit den Ohren, weil: sapperlott! Ist das überhaupt erlaubt? Die Frage drängt sich auch angesichts der Leserbriefe zur deutschen Krippendebatte gestern im KURIER auf, in denen fast durchwegs die Ansicht vertreten wurde, ein Kind, das die ersten drei Lebensjahre nicht ausschließlich von seiner Mutter (zur Not: vom Vater) betreut werde, nehme irreparablen Schaden. Was die Kinderpsychologie nicht bestätigt. Gesellschaftlicher Konsens herrscht dagegen darüber, dass nicht genug Kinder geboren werden und der Kinderwunsch der jungen Frauen dringend irgendwie angezwirbelt werden sollte... aber wie? Viele fänden es halt immer noch am pragmatischsten, wieder allen Frauen ein unbezahltes Vollzeit-Hausfrau-und-Mutter-Modell als total befriedigend schmackhaft zu machen, das spart Steuergeld und Arbeitsplätze. Aber, wie auch CDU- und ÖVP-Frauen klar machen: Die 1950er Jahre sind nicht nur lange vorbei; sie sollen es auch bleiben.
Jetzt erwische ich mich ständig beim Keppeln und schäme mich. Keppeln ist unter aufgeschlossenen Erziehungsberechtigen striktes No-No-Territorium, die moderne Erziehungsberechtigte keppelt nicht, sie kommuniziert. Sie kommuniziert mit ihrem Kind auf eine das Kind nicht überfordernde Weise. Sie sagt in kurzen klaren Worten, was sie will. Das Kind reagiert darauf, so sieht es die Pädagogik vor, aufgeschlossen und positiv, was ich so verstehe, dass das Kind tut, was ich will. Leider funktioniert es nicht. In den letzten Wochen habe ich wiederholt den Satz „Rede ich eigentlich gegen eine Wand?!“ ge ähm keppelt, genau so, wie ich ihn von meiner Mutter gekeppelt kriegte, und das ist natürlich... Absolutes Sperrgebiet ist das natürlich. Würdelos. Aber meine Kinder sind in die beunruhigende Phase getreten, in der sie über meine Schmähs nur noch bemüht grinsen (wozu hat man Kinder?? Wegen der Bedingungslosigkeit von Zuneigung und allzeit positiver Schmährezeption!! Das war nicht ausgemacht, dass das schon vor dem fünften Geburtstag vorbei ist!!) und mich, wenn ich etwas will wie Zähneputzen, aufräumen, anziehen, ins Bett gehen, einfach ignorieren, ohne ihre augenblickliche Tätigkeit auch nur
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Nette Meldungskoinzidenz: Restaurants in Hongkong belegen ihre Gäste jetzt mit Strafen, wenn sie nicht aufessen. Während Nichtaufessen für den österreichischen Durchschnittsmann offenbar von Vorteil wäre: Der schaffte es soeben, gleich hinter dem Griechen, auf Platz 2 der dicksten Europäer. 50,8 Prozent der heimischen Männer sind laut Eurostat, dem statistischen Amt der EU, übergewichtig. Allerdings hat die Hongkong-Maßnahme nichts mit dem BMI der Hongkonger zu tun, sondern mit Müllvermeidung: 700 Tonnen Speisereste fallen in den Restaurants täglich an, die möchte man lieber incorporieren. Auch die heimische Männerbladheit hat mit Müllvermeidung zu tun: Mit vermeidbarer Müllaufnahme, denn übergewichtig werden die Leute – und jedes vierte österreichische Kind – nun mal deshalb, weil sie zu viel ungesundes Zeug aufessen und zu viel fernsehen. So ein Satz generiert stets gut gemeinte Belehrungsmails des Inhalts, dass das schlechte Zeug halt auch das billige Zeug, Übergewicht folglich ein Minderprivilegiertenproblem sei. Nur wer es sich leisten könne, habe auch Zugang zu vernünftigen Nahrungsmitteln. Der Legende vom Kaloriat widerspricht jetzt aber erstens die Eurostat: Denn in ganz EU-Europa sind die Männer durchschnittlich dicker als die Frauen, egal ob arm oder reich. In Österreich etwa sind die Frauen EU-durchschnittlich sogar am dünnsten. Zweitens ein kleiner Billa-Preisvergleich: 1 kg Pommes Frites: € 2,92, 1 kg Chips € 2.80, 1 kg Erdäpfel € 0,85. 1 Tiefkühlpizza € 2,29, 1 kg Karotten € 0,89. 1 kg Schwedenbomben € 9,91, 1 kg Bananen € 1,99. Gesund essen kostet nicht mehr, weniger fernsehen gleich gar nichts. Da geht es nicht ums Können; da geht es ums Wollen.
Irgendwas hat es, da oben am Küniglberg. Irgendwas ist da. Weil so hoch liegt der Küniglberg ja auch nicht, dass man es der dünnen Luft zuschieben könnte, dass dort so viele Männer so dumme Ansichten über Frauen entwickeln. Es könnte eventuell daran liegen, dass so dumme Ansichten über Frauen, die ja immer mehr vom Aussterben bedroht sind, nur in so einer geschützten Werkstätte wie dem ORF gedeihen können. Vielleicht ist ja der Künglberg-ORF so eine Art Dumme-Ansichten-über-Frauen-Gewächshaus, wo Dumme-Ansichten-über-Frauen-Gärtner, die außerhalb dieser Anstalt nur schwer vermittelbar wären, die dummen Ansichten gießen und düngen, hegen und pflegen, wie man das mit bedrohten Pflanzen halt tut. Manchmal macht einer der Gärtner den Fehler und präsentiert, weil er so stolz ist auf sein seltenes Pflänzchen, der Öffentlichkeit so eine dumme Ansicht über Frauen, und wird dann ausgelacht, beschimpft, es wird ihm der Vogel gezeigt oder sonst etwas total Ungerechtes. Wo die Öffentlichkeit doch lieber froh sein sollte, dass es so einen Ort, eine Art gallischen Sicherheitstrakt gibt, wo noch jemand die dummen Ansichten über Frauen vor der missgünstigen Außenwelt beschützt. Wo richtig dumme Ansichten über Frauen noch eine Chance haben, wo es noch Männer gibt, die sich ganz bewusst um dumme Ansichten über Frauen bemühen, überall sonst verkümmern die dummen Ansichten über Frauen ja zusehends, gehen ein, sterben aus, da muss doch wer was unternehmen. Zum Glück also schaut einer wie der ORF-Fernsehchefredakteur Karl Amon darauf, *dass förderungswürdige Frauen nicht überfordert werden und sich zu schnell entwickeln“. Jawoll! Der Mann verdient bitte einen Artenschutzorden, einen fetten, so ist es doch.
Mail vom 30.1., 14.25 Uhr an die PR-Firma Hochegger/COM: Sehr geehrte Fa. Hochegger, bitte schicken Sie mir keine Presseaussendungen mehr. Herzlichen Dank! Doris Knecht. Mail vom 30.1., 16.16 Uhr, an presse@hochegger.com: Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe sie heute gebeten, mir keine Presseaussendungen mehr zu schicken und bitte Sie hiermit erneut darum: Bitte entfernen Sie meinen Namen aus Ihrer Mailingliste! Mit freundlichen Grüßen, D.K. Mail vom 31.01., 10.38 Uhr an abmeldungen@hochegger.com: Sehr geehrte Damen und Herren, ich fordere Sie hiermit zum dritten Mal auf, mich von Ihrer Mailingliste zu entfernen und mir keine Aussendungen mehr zu schicken. Danke, mfg, DK. Mail vom 8.2. von presse@hochegger.com an doris.knecht@kurier.at: Anbei senden wir Ihnen eine aktuelle Presseinformation von... und so weiter. Im Taumel meiner Niederlage gegen hochegger.spam erblicke ich anderntags die Chance, wenigstens die Post in die Schranken zu weisen, denn zufällig betrete ich den Postboten dabei, wie er unadressierte Blätter von einem großen Stapel in jedes Brieffach stopft, auch in meins. „Sie!“, sage ich, „da steht 'Bitte keine unadressierte Werbung'!“ Der Postler aber erklärt mir, es handle sich bei dem Blatt mit der Titelzeile "wien.at. Voller Elan für Wien", keineswegs um Reklame, sondern um eine „amtliche Mitteilung“ der Stadt Wien: die müsse gesetzlich in jedes Fach. Und da eine amtliche Mitteilung sicher wichtige Infos enthält, führe ich sie pronto der Lektüre zu und erfahre u. a., dass „unsere Stadt“ nun „in besten Händen“ sei, von „starkem Abschied“ (Rieder) und „steilem Aufstieg“ (Faymann). Ach ja, „Tipps & Tricks für weniger Abfälle in den Haushalten“ weiß das Blatt ebenfalls. Mir fiele da spontan auch einer ein.
Der Abgeordnete Josef Broukal lacht gerade über die Blasmusik, nichts zu lachen hat er dagegen mit der Post, ein Schicksal, das er mit vielen anderen Österreichern teilt. Das Primärproblem mit der Post ist ja: Das Prinzip Bürgergesellschaft perlt an ihr ab. Der verärgerte Postkunde kann die Sache nicht selbst in die Hand nehmen, Lobbyismus, Kolumnismus, Kapitalismus: ist der Post dudeldei, gibt ja keine Alternative. Das ermöglicht ein Unternehmensprinzip, in dem Kunden gegen Angestellte ausgespielt werden und Angestellte gegen Kunden, und am Ende weiß meistens einer nicht, wohin mit seinem Ärger. Der Abgeordnete Broukal zum Beispiel wohnt im 14. Bezirk und ist, wie der Medienkonsument weiß, tagsüber recht berufstätig. Es geschieht also, dass Broukal, wenn die Post ihm Pakete und eingeschriebene Briefe zustellt, nicht daheim ist, wofür die Post die Hinterlegung erfunden hat, nur dass in Broukals Fall die Briefe im Postamt 1140, die Pakete aber im Postamt 1142 hinterlegt werden. Dazwischen liegen zwei Kilometer, die sich Broukal gern ersparen würde, weshalb er vor einiger Zeit schriftlich anfrug, ob es nicht möglich wäre, Briefe wie Pakete bei 1142 zu hinterlegen. Er erhielt einen etwas zynischen Antwortbrief: Dessen Verfasser bedankte sich dafür, dass Broukal sich so viele Gedanken über die Post mache und verwies auf postinterne Probleme, tja, leider, mit freundlichen Grüßen. So holt Broukal seine Briefe weiterhin bei 1140 ab, seine Pakete aber bei 1142, und könnte der Post noch elf weitere Briefe schreiben, einer schärfer als der letzte, nur lassen die Erfahrungsberichte zahlreicher anderer Postkunden vermuten, dass das die Antwortqualität nicht optimieren würde. Oder dass sich gar was ändert... haha. Hahahahaha.
Eigentlich raucht R. nicht mehr. Vor einem Jahr hat er damit aufgehört und lange keinen Tschick angerührt. Es kam eine Stresssituation, ein Bier abends im Lokal, eine geschnorrte Zigarette. Sie schmeckte noch, und das tut sie seither öfter. Trotzdem beharrt R. darauf, dass er nicht mehr raucht, weil er weitgehend nicht mehr raucht: Er raucht nicht in seiner Wohnung, er raucht nicht im Auto, er raucht nicht im Büro, wo auf seine Intitiative hin ein Rauchverbot durchgesetzt wurde. Er raucht, wenn er raucht, abends im Lokal, wo auch andere rauchen, wo das Rauchen immer noch normal ist. R. sagt aber, dass er über eine Denormalisierung des Rauchens prinzipiell nicht unglücklich wäre, und dass er eigentlich immer ganz froh darüber ist, wenn wo nicht geraucht werden darf: Dann tun’s die anderen nicht, dann fällt’s ihm auch nicht ein, dann fehlt ihm nichts. Dennoch habe ich meine anfängliche Begeisterung über allgemeine Rauchverbote ein wenig relativiert. Es stimmt nämlich: Man kann nicht hier auf die Freiheit des Menschen pochen, und dort ihre Einschränkung begrüßen. Wobei ich immer noch meine, dass die Freiheit der Raucher zur Unfreiheit der Nichtraucher führt; dennoch: Die Wirte sollen selber entscheiden, ob in ihren Lokalen geraucht werden darf oder nicht. Irritierend finde ich nur, dass so viele Wirte ganz selbstverständlich eher ihre rauchenden Gäste vor Entzugserscheinungen und Verboten schützen wollen als ihre nichtrauchenden vor dem Rauch. Als seien die Raucher das wertvolle Publikum; als seien die Nichtraucher Gäste 2. Klasse, deren Wunsch nach Rauch- und Gesundheitsrisikofreiheit man nur unter Strafandrohung zu erfüllen bereit ist, die nervigen Nörgler, die. Da fühl ich mich unwillkommen, und R. sagt, das versteht er.
Die allabendlichen „kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“ machen ziemlich süchtig, was ziemlich schlecht ist, weil der Sender „Arte“ sie nur noch bis Freitag zeigt: Die Berliner Köchin aus Wien fährt darin in einem etwas prätentiösen roten Käfer-Cabrio durch Frankreich und kocht in hervorragenden kleinen Landgasthäusern für eine kleine, lokale Auskennerjury jeweils eine regionale Spezialität. Ihr dabei zuzusehen, macht jeden Tag solches Vergnügen, dass man es ungern verpasst, wenn man nicht gerade durch etwas viel Wichtiges verhindert ist; wie etwa letzten Montag durch das fantastische Konzert der fantastischen Kärntner Band Naked Lunch im Radiokulturhaus; aber ich schweife ab. Sarah Wiener ist ein Typ Frau, der nicht bei allen Männern gut ankommt: sie ist selbstbewusst, selbstständig, hantig, kein bisschen hilflos und aus eigener Kraft überaus erfolgreich, was manche ältere Herren wie etwa der deutsche FAZ-Restaurantkritiker Jürgen Dollase nicht gerne sehen: Er bezeichnete die Fernsehköchin und Restaurantbesitzerin Wiener in einer Abrechnung einmal als „Verena Pooth der Gourmandise“ . Was unrichtig ist. Denn Wiener zeigt in ihrer „Arte“-Show genau nichts Künstliches, Geschminktes, Aufgemotztes. Sondern ansteckende Begeisterung für etwas, das die Menschen im globalisierten Absolut-alles-zu-jeder-Zeit-Supernahrungsmarkt schon fast verlernt haben: Wie man aus guten, einfachen, regionalen Zutaten der Saison etwas richtig Feines kocht, das nach dem schmeckt, aus dem es gemacht ist. Und dass es eine Rolle spielt, wie und unter welchen Umständen diese Zutaten hergestellt worden sind. Und was für eine Freude es macht, wenn das Gericht gelingt. Da freut man sich gerne mit.
Nichts gegen die Blasmusik, bitte. Die Blasmusik ist etwas Wunderbares, außer vielleicht, man ist Landeshauptmann oder Bürgermeisterin, hat in der Silvesternacht ausgiebig gefeiert, und verlässlich trompetet einem, kaum ist neue Jahr zehn Stunden alt ist, die örtliche Blasmusik vor der Tür das Schädelweh wach. Und außer vielleicht, man ist Blasmusiker, hat in der Silvesternacht ausführlich gefeiert, und muss, Schmerz, zwei Stunden später einen Würdenträger ins neue Jahr posaunen. Und außer man wohnt direkt neben dem lokalen Blasmusikheim und mag keine Blasmusik. Und außer natürlich, man ist eine Blasmusikerin mit kräftigen Wadeln und wird gezwungen, diese mit weißwollenen Stulpenstutzen zu betonen. Aber das sind natürlich marginale Probleme im Vergleich mit dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Blasmusik. Dieser Nutzen ist unschätzbar. Ist der junge Mensch – und in Österreich sind das 80.000 – Mitglied einer der 2400 Blasmusikkapellen, probt er ein bis zweimal wöchentlich im Kreise Gleichgesinnter im Blasmusikheim, kann also in dieser Zeit keine Drogen nehmen, keine Killerspiele spielen, nicht ungewollt schwanger werden oder sonstigen Unfug anstellen, der ihm einfallen könnte, wäre er nicht bei der Blasmusik. Er hat mit der Blasmusik schöne Gemeinschaftserlebnisse und bereist mit ihr die Welt, manchmal sogar bis nach Wien hinein, wo er beim Blasmusik-Treffen einmal im Jahr auch Menschen wecken darf, die keine Würdenträger sind. Er ist zumindest periodisch anständig angezogen, also die Hose über der Unterhose, den Bauch- und Hüftspeck unter gnädiger Bedeckung. Wenn also die Blasmusik nicht gemeinnützig und studiengebührenbefreiungwürdig sein soll, fragt man sich schon, was dann.
Gegen Orkane mögen wir machtlos sein, gegen keinen Schnee sind wir es nicht. Gegen keinen Schnee können wir etwas unternehmen, denn der Schnee nährt in Österreich ganze Landstriche, wir leben vom Schnee, wir brauchen den Schnee. Liegen muss der Schnee, Schirennen müssen darauf gefahren werden, die Welt muss im TV sehen können, dass man in Österreich beim Schivergnügen nicht auf die Natur angewiesen ist. Die Natur machen wir uns, wenn nötig, selber, und fällt der Schnee nicht vom Himmel, schießen wir ihn aus Kanonen und schaufeln ihn auf liftuntauglichen Gipfeln zusammen, wo der Schnee ja völlig unbrauchbar herumliegt. Wir haben Bundesheersoldaten und andere Freiwillige, wir haben Hubschrauber, also fliegen wir den Schnee dort herunter, werfen ihn auf die aperen Hänge, das ist fast wie echtes Schneien, nur effizienter. Und dann Achtung, fertig, los, alle herschauen! Wir fahren Schi! Bei uns in Austria fällt nämlich Schnee! Gut, auch der Strandtourismus läßt Volkswirtschaften blühen... Darüber sollten wir auch einmal nachdenken. Denn wenn wir fähig sind, grüne Hügel in Schigebiete zu verwandeln, wird es uns wohl gelingen, einen heimischen Ozean zu errichten, damit Österreich endlich am Meer liegt: Das wär ein Tourismus! Strandleben unten, Schihollareitulliö oben! Kann ja nicht so schwer sein! Die Mittel dafür haben wir doch, oder? Und es würde, ta-da!, das Darabos-Problem lösen, denn wer wäre für die Ozean-Grabungen besser geeignet als die tüchtigen österreichischen Wehrdiener, und einen derartigen Einsatz befehl kann der Verteigigungminister mit seinem Ex-Zivildienergewissen tadellos vereinbaren. Grabt Männer! Grabt! Wenn die Natur nicht will, machen wir sie uns nämlich selber.
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Der neue Wissenschaftsminister Johannes „Gio“ Hahn ist ein Mann schöner Worte, das zeigte schon das Festhalten nicht nur an seinem Spitznahmen, sondern auch an dessen falscher Prononciation. Tschio. Hübschio. Drei Interviews gab Hahn in den letzten Tagen, drei Mal nahm er Stellung zur Studiengebühren- und Sozialdienstdebatte. Er sagte zum Standard: „Mir ist es ganz wichtig, dass es da nicht um einen Sozialdienst geht, wo jemand vergenusswurzelt wird, am Krankenbett zu stehen, obwohl er keine innere Berufung dazu hat (...).“ Er sagte zur Presse: „Und dann sollte niemand vergenusswurzelt werden, eine soziale Tätigkeit auszuüben, wenn er gar nicht innerlich dazu imstande ist.“ Er sagte zum KURIER: „Man muss eine soziale Ader haben, es soll niemand vergenusswurzelt werden.“ Wir bemerken: Hier hat der Wissenschaftsminister ein Wort erblickt, hat sich in das Wort verliebt, hat es ergriffen, in seinen Worthaushalt aufgenommen und es mit den anderen interessanten Hahn-Wörtern bekanntgemacht: „Darf ich vorstellen: Gio – Vergenusswurzelt, Vergnusswurzelt – Gio“. Nun, da das Wort seins geworden ist, zeigt er es natürlich auch gern her (so auf: mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Wort), indem er es so oft wie möglich verwendet. Aber was bedeutet das Wort? Wikipedia führt es nicht. Der Duden kennt es nicht; es fehlt zwischen „vergelten“ und „vergesellschaften“, es findet sich auch nicht unter den Synonymen für „zwingen“, „gezwungen“ oder „drängen“. Wenn es verwendet wird, dann in Internet-Chatforen: stets erotisch konnotiert, im Sinne von sexueller Beglückung. Juchzio! Mit Minister Hahn wird selbst die Sozialdienstdebatte sexy.
Dass eine reiche verwöhnte 25-jährige, die für Publicity so gut wie alles zu tun bereit ist, sich von einem Wiener Kaufhausbesitzer, der für Publicity so gut wie alles zu tun bereit ist, in seine Loge beim Opernball einladen lässt, ist in Wirklichkeit so wurscht, wie wenn ein Kiesel in die Donau fällt: pltsch. So wie der ganze Opernball so wurscht ist, dass es sogar jugendlichen Links-Rebellen längst zu blöd ist, dagegen zu demonstrieren, gibt doch sinnvollere Zeitvertreibe. Ja. Und spannendere. Wenigstens dem ORF ist es nicht zu blöd, die Spekulationen darüber, ob das amerikanische Schnepfenmädchen nun kommt oder nicht, tagelang als Hauptnachricht auf seiner Website zu spielen, neben Gusenbauers Regierungserklärung und dem Ortstafelkonflikt. First things first, denn Lugner scheine, so der ORF, „damit heuer als Gastgeber der ganz große Coup gelungen zu sein“. Pltsch. Da fällt einem spontan diese andere 23jährige ein, die auch gerade von von sich reden macht, aber nicht, weil ihr die goldenen Höschen, in denen sie geboren wurde, manchmal vom Popsch fallen. Nein, die ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha trat enttäuscht aus der SPÖ aus, und das sollte der SPÖ sehr weh tun. Denn dieses Mädchen ist vom Leben kein bisschen verhätschelt worden, ein Arbeiterkind mit sechs Geschwistern, der Vater weg, die Mutter vor wenigen Jahren jung gestorben: Die hat dann ihren kleinen Bruder zu sich genommen, sie lebten von Kinderbeihilfe, Stipendium und den Nachhilfestunden, die Blaha gab. Wessen Partei will die SPÖ noch sein, wenn solche Menschen resigniert austreten? Es heißt, Kanzler Gusenbauer gehe heuer auch auf den Opernball. Vielleicht trifft er dort wen, der ihn gerne wählen würde. Paris vielleicht. Oder Mausi... pltsch.
Das Abwasser steht, schlimm genug, und es steht, wo es nicht stehen sollte. Das Küchenabwasser steht in der Badewanne, und was sehen wir: gestern gab es Coq au Vin mit tüchtig Petersilie, dazu Reis und grünen Salat. War gut, nur ziehe ich es vor, die Reste davon nicht in der Badewanne wiederzusehen, was ich dem Installateur am Telefon erkläre. Ich erkläre ihm nicht, noch nicht, dass ich nicht beabsichtige, die Rechnung für die Abflussreinigung vom Juli zu zahlen, ja, dass ich es ziemlich gewagt von ihm finde, diese Rechnung für die letzte Abflussreinigung überhaupt zu schicken. Aber der Installateur ist ein mutiger Mann, das konnte man schon letztes mal an seinen kecken, neuen Strähnchen sehen, sehr hübsch an einem Kerl, der wie ein Viva-Moderator aussieht, aber der Installateur sieht aus wie Elmar Oberhauser. Die letzte Abflussreinigung, für die der Installateur sich anschließend erlaubte, Euro 259, 20 in Rechnung zu stellen (Abwasserleitung mit Motorfeder gereinigt, Verstopfung dadurch behoben, Sifone bei Abwäsche, Badewanne und Waschtisch zerlegt, gereinigt und wieder zusammengebaut.) hatte zur Folge, dass der Sifon (Dichtheits- und Funktionskontrolle durchgeführt ) weiter tropfte, was allerdings zugegebenermaßen nicht der Grund dafür war, dass den Nachbarn unter uns wenig später zum zweiten Mal in zwei Jahren unser
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Andererseits war Karin Gastinger eine gute Justizministerin, die Wichtiges geschafft hat, von der was bleibt; und die hatte davor mit Justiz auch nur am Rande zu tun. Was war die nochmal, bevor sie Justizministerin von Österreich wurde? Leiterin der Abteilung für Wasserrecht in Kärnten, richtig. Dass Ministern ihre künftigen Agenden nicht schon in die Wiege gelegt wurden, ist also nicht zwingend von Nachteil. Dennoch ist der Einwand jenes Mitglieds der Offiziersgesellschaft Vorarlberg gerechtfertigt, das verzürnt auf einen Verteidigungsminister reagiert, der einst seinen Wehrdienst durch Zivildienst ersetzte. In einem offenen Brief an die Zeitungen gibt der Mann zu bedenken, dass Verteidigungsminister Norbert Darabos damals noch aus „Gewissensgründen“ den Dienst an der Waffe ablehnte, es also mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, eine Waffe in die Hand zu nehmen. 24 Jahre später hat er kein Problem damit, ein ganzes, bewaffnetes Heer zu leiten. Zu seiner eigenen Verteidigung könnte Darabos jetzt anführen, dass er das unbewaffnet zu tun gedenkt, damit wäre die Sache nach Art der Sozialdemokratie 2007 irgendwie hingebogen. Aber jetzt, wo die Sozialdemokraten erneut an der Macht sind, gilt halt auch wieder, was Bruno Kreisky einst scherzte: „Die Rache der Geschichte an jungen Revolutionären besteht darin, dass sie in späteren Jahren mit Frack und Orden zum Opernball gehen müssen.“ Manche erwischen es noch schlechter und müssen ein Heer verteidigen. Andererseits war der frühere Infrastrukturminister ein begeisterter Autofahrer, und was hat er geschafft? Eine Tempo-160-Rennstrecke. Hurra. So gesehen gereicht zu viel in die Wiege gelegte Hingabe zur ministeriellen Materie dem Amt nicht zwingend zum Vorteil.
Während sich die Rumänen scheint’s nur schwer von der Sitte trennen können, Schweinen zum Jahresausklang rituell den Hals abzuschneiden, tut sich die SPÖ mit den Studiengebühren hart: ja, nein, vielleicht oder vielleicht ein bissl? Die Rumänen haben es vergleichsweise leicht (und die Schweine sagen: mulţumesc!), denn ab dem neuen Jahr verbietet die EU den beliebten Brauch. Die Sozialdemokraten aber müssen sich selbst überlegen, ob sie einer Koalition mit der ÖVP eine ihrer heiligen Kühe opfern wollen. Oder nicht. Oder nur ein bissl . . . Das Schulterscherzl vielleicht oder eine saftige Wade. Das neue Jahr wird es weisen. Da dieses neue Jahr noch so
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Wir schreiben die Tage des faszinierenden Demokratie- und Politikverständnisses. Über das BZÖ und seine aktuellen Aussagen zum aktuellen Verfassungsgerichtsentscheid im Ortstafelstreit wundern wir uns nicht. Haider hat ja stets betont, dass er keine weiteren zweisprachigen Ortstafeln will, und nur Idealisten glaubten, konstruktive Kompromisse seien mit dem Kärntner Landeshauptmann und seiner Partei möglich: sind sie nicht. Reizvoll aber auch eine Bemerkung des neuen Zweiten Nationalratspräsidenten Michael Spindelegger, ÖVP. Der meinte am Donnerstag in einem Interview mit den Vorarlberger Nachrichten, er halte es für „gefährlich“, das Wahlalter auf 16 zu senken.
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Weihnachten: vorbei; Geschenke: ausgepackt bzw. kaputt; Wünsche: für den Geburtstag aufsparen. Aber halt, das neue Jahr. Da geht noch was. Ich wünsch mir 2007 also einen Schnee, aber nur im Winter, und einen sonnigen Juni von März bis Oktober. Ich wünsche mir endlich hundegackifreie Straßen und Grünzonen und keine stinkigen Überraschungen nach der Schneeschmelze. Oder bei der Regierungsbildung. Ich wünsch mir ein Asylgesetz, das der Not von Flüchtlingen nicht mit Unbarmherzigkeit begegnet. Und eine Bildungspolitik. Ich wünsche mir einen gerechteren Einkommensbericht, und dass auf den Spielplätzen nicht immer nur Mütter sitzen. Mehr Bänke und Mistkübel wären fein, wobei mir vorkommt, als erfüllte die
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Gut, die Sache mit der selektiven Mutterverblödung in meiner gestrigen Kolumne war ein bisschen flapsig formuliert, denn, aufgepasst, es gibt viele blitzgescheite, geistig hellwache Hausfrauen. Zu denen gehörte ich nicht, denn von der Zeit, in der ich daheim bei den Kindern war, profitieren die Wohnungshygiene, meine Kochkünste (ich sagte ja: selektiv) und meine Sauerstoffsättigung, aber meine geistige Fitness nicht. Gilt nicht für alle, klar. Und es mag auch, wie Ernst M. schreibt, anspruchsvoller sein, ein „erfolgreiches kleines Unternehmen“ namens Familie zu führen, als Waren in eine Supermarktkassa zu scannen. Allerdings übersieht Herr M., wer an den Supermarktkassen sitzt und warum: häufig sind das nämlich Mütter, die Teilzeit arbeiten, weil sie sich zusätzlich um
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Das Kindergeld, so wie es ist, hält die Frauen daheim, das ist mittlerweile Konsens. Natürlich finden das nicht alle schlecht. Frauen, die zu Hause sind, belasten nicht den Arbeitsmarkt. Frauen, die zu Hause sind, ermöglichen es einzelnen Bundesländern, ihre Kinderbetreuungsangebote auf 50er-Jahre-Niveau zu halten. Frauen, die zu Hause sind, ermöglichen es ihren Männern, sich um Wichtigeres zu kümmern als den Abwasch. Aber Frauen, die zu Hause bei den Kindern bleiben, machen sich halt auch vom erwerbstätigen Partner abhängig (bis auf jene Sparkünstlerinnen, denen es tatsächlich gelingt, mit 436 Euro Kindergeld Unterkunft und Familie zu erhalten). Sie verlieren den Anschluss an ihre Arbeit und bleiben in ihrer Qualifikation hinter ihren Kollegen zurück. Sie verbringen alle Tage mit kleinen Kindern und anderen Frauen, die alle
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Heuer verzichten 80 Prozent der britischen Unternehmen auf Weihnachtsfeiern, 74 Prozent verbieten Weihnachtsschmuck: muslimische Mitarbeiter sollen nicht mit christlichen Ritualen vergrätzt werden. Dass man aus Rücksicht auf die Gefühle der muslimischen oder jüdischen Kollegen Weihnachten auslässt: das ist hier eher unvorstellbar. Dabei ist Idee, sich eine gewisse Sensibilität im Umgang mit den Gepflogenheiten anderer Religionen anzueignen, an sich nicht übel. Allerdings ist die Abschaffung der
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Die Frage ist, ob es einen Sinn hat, sich dagegen zu stemmen. Und wenn ja, welchen. Und ob es, da der Druck von Unternehmern und Verbrauchern zweifellos zunehmen wird, nicht besser wäre, sich um optimale Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter zu kümmern, anstatt so zu tun, als ginge das Österreich gar nichts an. Mitte November, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft, fiel in Berlin der Ladenschluss. An Werktagen gilt: Wer offen halten will, hält offen; wann er will, so lange er will. An Sonntagen gelten die alten Regelungen, zehn Sonntage im Jahr ausgenommen. Der Rest von Deutschland folgt. Österreich folgt auch, aber heimlich. In Salzburg zum Beispiel werden, wie die SN berichten, für zahlungswillige Touristen auch Sonntags die Geschäfte aufgesperrt: Die Rezeptionen der vier- bis fünf-Sterne-Hotels führen Listen von Läden, die willig sind,
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Meine Verwinterung schreitet fort. Weil Sonntag ist, habe ich mit den Kindern Kekse gebacken (harte Sache, immer noch, und das bezieht sich nicht auf die Kekse). Rindfleisch in Rotwein und Knoblauch geschmort, für Montag, wenn die Horvaths und die Breusses nach dem Kindergarten kommen, dazu, thanks to „Babette´s“-Chefin Nathalie Pernstich und ihrem suprigen neuen Kochbuch „Schummelküche“ (avbuch), eine pipifeine Angeber-Hühnerleber-Paté, nur so als Vorspeise. Genauer: Nur so, mit etwas Weißbrot, als Nachmittagshappen zu den selbst eingelegten Balkontomaten, für die zwei Stunden, in denen die Eltern sich fürs richtige Essen warmmachen, während die Kinder... Ich möchte noch gar nicht daran denken, was die Kinder wieder vorzeigen weden. Der Breuss-Bub geht gerade durch eine ziemlich monomanische Epoche, eins meiner Kinder regrediert bei jedem Widerstand zum Schluchz- Baby: die Werdarfwas- und Wermitwem- und WeristderBestimmer-Agressionen bergen für das Publikum ein ähnliches Begeisterungspotential wie die Koalitionsverhandlungen. Das ist es, was mit Speisen und Fürs sonntägliche Familienessen bastle ich dann noch ein paar Ravioli mit ... weiter lesen ...
Vor Weihnachten springt in den Menschen verlässlich der Altruismus-Detektor an, ortet in ihnen eine Anlage zum Gutsein, ein bisschen schlechtes Gewisses oder beides; dann tun sie Gutes oder spenden oder beides. Schlecht? Im Gegenteil: davon leben Hilfsorganisationen das ganze Jahr. Vor Weihnachten interessiert man sich zudem viel mehr als sonst für die Situation von Kindern; und zwar auch fremden. Schlecht? Nein. Es gibt aber auch Leute, denen Wohl und Weh fremder Kinder das ganze Jahr über nicht egal ist, und die sich einfach so, obwohl sie eigentlich gar nichts damit zu tun haben, etwas überlegen, um das Wohl mehr und das Weh weniger zu machen. Vor Weihnachten werden jetzt schon zum achten Mal Bilder zugunsten der Österreichischen Muskelforschung versteigert, u.a., um die
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Der Bständig ist immerhin passé. Das Lokal ist verwaist, der Bständig hat sich in die Wipplingerstraße umquartiert, das konveniert viel vorteilhafter: An den Kohlmarkt, zwischen Burberry und Breguet, hat der Bständig wirklich nicht mehr gepasst. Nun ist der Kohlmarkt fest in Luxushand; gestern eröffnete endlich – ENDLICH! – Bulgari: ohne Bulgari war Wien ja kaum mehr zu ertragen. Nach London, Paris oder Madrid musste man jetten, wenn man dringend Manschettenknöpfe um 3100 oder eine Sonnenbrille um 368 Euro brauchte, unzumutbar ist sowas und glücklicherweise jetzt Geschichte. Der Kohlmarkt ist nun endlich soweit komplett, bis auf das leere Bständig-Lokal, aber dieser Minderleister-Schandfleck, dieses Fanal
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Zuerst wird das Papier erzeugt: schweres schneeweißes Papier, dafür benötigt man Rohstoff und Energie. Das Papier wird in eine Druckerei gefahren (Energie, Umweltbelastung), bedruckt, geschnitten, gefaltet, geklebt (Energie, Druckfarbe, Klebstoff, Abfall), dann mit bedruckten weißen Adressetiketten beklebt (Energie, Druckfarbe, Kleber Abfall), sortiert (Energie), in die Poststellen gefahren (Energie, Umwelt), sortiert und vom Postboten in mein Brieffach gelegt. Dem ich es dann entnehme: Ein großes, adressiertes Kuvert mit grünem Rand und dem orthografienostalgischen Warnhinweis „Stop!“, das ein weiteres grüngerandetes Kuvert mit Warnhinweis („Bis hierher und nicht weiter!“) enthält, das ein weiteres Kuvert mit
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Ärger mit der Post hat dieser Tage praktisch ein jeder. Am Postamt wartet man ewig (mit etwas Spezialglück am falschen Schalter), daheim geht das Brieffach über, oder das Brieffach ist kaputt, oder im Brieffach liegt kein Paketabholaufforderungsschein, was man aber erst bemerkt, wenn man von dieser oder jener Firma kontaktiert und informiert wird, dass das verschickte Paket wegen fortgesetzter Nichtabholung soeben retour gekommen sei: Das passiert mir momentan immer wieder gern. Dem Leser H. passiert etwas anderes. Denn Montags erhält der Herr H. immer wieder seinen abonnierten KURIER nicht. Auf dem KURIER steht sein Name, und wenn man eine Tageszeitung abonniert, bezahlt man vor allem auch dafür, dass man diese Tageszeitung, so man
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Jetzt wissen wirs: Europa habe, sagt der Vorsitzende des UNO-Büros für Drogen und Kriminalität, Antonio Maria Costa, ein Kokainproblem. Weltweit sei der Kokainkonsum rückläufig oder stabil, in Europa nimmt er zu. Ist halt so eine schicke Droge, dieses Kokain. Ist eine Idiotendroge, dieses Kokain. Ist, muss man mal sagen, eine der dümmsten, gefährlichsten und destruktivsten Drogen. Trotzdem: Verboten zwar, aber sozial wenig geächtet. Im Unterschied zu, jetzt nur zum Beispiel, Heroin. Böses, böses, BÖSES Heroin! Macht die jungen Menschen total kaputt! Man muss sich nur mal das soziale Elend der Fixer-Wracks am
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Schimpft mich gestrig, heißt mich technologiefeindlich, unterstellt mir ein gestörtes Verhältnis zur Moderne: Aber Computerspiele machen mir Angst. Genauer, die Computerspielerei, wie sie Besitz von Menschen ergreift, wie sie in der Lage ist, Menschen von der Realität zu entfremden. Wie sie ihnen den Eindruck vermittelt, die Teilnahme an dieser altmodischen und technologisch ziemlich überholten Realität sei nicht verpflichtend, wo es doch eine schöne Auswahl an weit attraktiveren neuen Realitäten gibt, ganz easy per Konsole zu bedienen. Ein neues Online-Rollenspiel nennt sich extrem folgerichtig „Second Life“ und ermöglicht es den Mitspielern, sich
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Sitz ich mit meinen Freundinnen beim Skopik & Lohn, sehr feines neues Beisl in der Leopoldstadt, übrigens. Wir haben uns länger nicht gesehen, dementsprechend wird sich gefreut, und gut, wir tun das eventuell minimal über Zimmerlautstärke. Aber echt minimal. Ja, es mag stimmen, dass das glockenhelle Lachen der Polly Adler an einem windstillen Tag von hier bis in die Schreyvogelgasse (haha: Witz.) zu vernehmen ist, aber gerade auch deshalb bin ich so gern ihre Freundin. So ein herrliches Lachen. An einem Tisch in der Nähe sitzt ein Hans-Peter-Martinfarbener Herr mit zwei Damen und dem Rücken zu uns; und noch bevor das erste Veltliner-Achterl ausgetrunken ist, lange, bevor wir vom Aufwärmgekicher zum ernsthaften Gelächter übergegangen sind, also im Prinzip, bevor überhaupt irgendwas geschehen ist, erhebt sich.
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Der Plan war, heute mal wieder was Nettes zu schreiben. Was Lustiges, Leichtes, Unbeschwertes: aus dem egoistischen Grund, dass ich diese Woche schon genug Leser-Prügel kassiert habe; danke, reicht. Nun haben aber die Wiener Grünen gerade die Einkommenssituation der Frauen in Wien untersucht, und die ist so unrosig, dass man sich kurz mal wieder fragt, wohin all die Jahrzehnte Rotes Wien denn eigentlich abstrahlen. War der Plan der Sozialdemokraten nicht immer auch die faktische Gleichberechtigung der Frauen? Fakt ist, dass die Frauen in Wien dramatisch schlechter verdienen als die Männer. Im Schnitt 5319 Euro pro Jahr weniger als ihre männlichen Kollegen. Mit 5319 Euro kann man sich einen Gebrauchtwagen kaufen oder
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Sie haben mir doch eh nicht geglaubt, dass ich es schaffe, mich nicht mehr in Sachen einzumischen, die mich eigentlich nichts angehen (wobei „eigentlich“ in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext natürlich sowieso relativ ist), die Hofingers auch nicht, und die Kaiserin sowieso nicht. Ha ha ha, hat die Kaiserin gesagt. Die Breussin hat es auch nicht geglaubt, allerdings musste ich die zurechtweisen, weil eine blöde Bemerkung über einen Vierjährigen, der noch immer nach den Brüsten seiner Mutter langt, wenn ihm das Essen wo nicht schmeckt, kein Einmischen ist, sondern deppertes Reden. Das muss man bitteschön unterscheiden, und dass ich nie mehr deppert reden will, habe ich nie gesagt. Ich muss auch von was leben. Geglaubt – besser: gehofft - haben es die Horvaths, die luden uns zum Essen ein, und die Vorspeise verlief reibunglosmit einer Konversation über den freundlichen und überaus kompetenten Herrn Manfred aus der lokalen Metzgerei, mit dem der Horvath und der Lange immer befriedigende Unterhaltungen über steirische Mufflons und ostschweizer Charolais-Kälber führen. Aber wenn ich beim Einkaufen an den Herrn Manfred gerate, brauche ich verlässlich gerade zwei Kilo Leberkäsbrät oder80 Deka gemischtes Faschiertes, und jedesmal hab ich ein total schlechtes Gewissen, dass ich den kompetenten Herrn Manfred, der sich mit so vielen Dingen auskennt, mit so einem Mist belästige, und ich werde total nervös, vor allem, wenn hinter mir ein paar Leute anstehen, die sich unbedingt mit dem Herrn Manfred über die Beiried vom steirischen Biorind beraten müssen. Letztes Mal hat der Herr Manfred gesagt, ich soll nicht so nervös sein, so eilig hat er es ja nicht, da ist mir dann auch noch der Schweiß ausgebrochen. Das erzählte ich, obwohl bei den Horvaths auch Dinge geschahen, die einen Kommentar erfordert hätten, aber. Dann öffnete der Horwath einen unglaublichen Brunello und servierte ein herrliches Kalbsgulasch mit Nockerl, jeder Fleischbrocken hundertprozentig vom Herrn Manfred persönlich erwählt. Dann schenkte er vom Brunello nach, und am nächsten Morgen, wie ich mit Lotte und der Kaiserin schwimmen gehe, muss ich sagen, liebe Kaiserin, danke, dass du exakt um 19 Uhr 34 angerufen hast, weil das Gespräch war gerade an einem sehrsehr kritischen Punkt. Die Kaiserin sagt, lass mich raten, du hast dich in was eingemischt, was dich nichts anging, und ich hab gesagt, was heißt eingemischt, die Königsdisziplin vom Einmischen: Kindererziehung, Spezialgebiet: wieviel soll ein Vierjähriger fernsehen, und die Kaiserin sagt: Ich. Will. Es. Nicht. Wissen. Aber Lotte sagt, sie begrüßt, dass ich jetzt zumindest den Willen zeige zu reflektieren, wie ich mich eingemischt habe, da schimmere doch ein Charakteroptimierungswunsch durch, sagt Lotte, Babyschritte zwar, sagt Lotte, aber immerhin, dreißig Längen heute?, und die Kaiserin und ich sagen, okay, los.
Das ist nicht gut, wenn eine Supermarkt-Kette eine Bio-Hirse zurückrufen muss, weil sie lebensgefährliche Giftstoffe enthält. Sowas gefährdet nämlich nicht nur meine Gesundheit und mein Vertrauen in die Unbedenklichkeit von biologisch hergestellter Nahrnung, sondern in gewisser Weise auch mein ganz persönliches kleines Gutmenschenprogramm. Denn ich gehöre zu jener wachsenden Käuferschicht, die begeistert bio konsumiert, seit sie dafür nicht mehr ins Reformhaus muss: Wenn mir im Supermarkt zwei gleichwertige Erzeugnisse angeboten werden, von denen eines mit Zutaten aus biologischer Landwirtschaft hergestellt wurde, dann greife ich fast stets zum Bioprodukt, und zwar nicht nur der Gesundheit wegen. Nein, das wurde zu einerLebenseinstellung, denn
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Jetzt mal Reaktionen. Denn nach der „Alphatier“-Kolumne vom Mittwoch flogen die Watschen zahlreich. Au. Stadträtin Ulli Sima schreibt, sie falle oft „um 10 halbtot ins Bett, wenn beide Kinder nach Hausaufgaben kontrollieren, Gute-Nacht-Geschichten erzählen und Schnuller bringen seelig schlummern“. Als Ministerin würde sie ihre Kinder überhaupt nur noch schlafend sehen: „Ist das unfeministisch? Vielleicht. Aber genauso unfeministisch finde ich die Ich-bin-eine-Powerfrau-und-es-ist-alles-eine-Sache-der-Organisation-Wonderwoman-Nummer.“ Stimmt. Margret G. schreibt dazu, Frauen seien „nicht die richtige Adresse für Forderungen, wie Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen seien“. Ja: aber ich erlaube mir dennoch, jene Frauen, die es bequemer finden, mal acht, neun, zwanzig Jahre bei den Kindern daheim
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Während ich auf der Post derzeit nur immer wieder die Kunst des Schlangestehens perfektioniere, wurde Leserin Hedi S. kürzlich aufgefordert, die 27 Briefe, die sie zu verschicken trachtete, doch bitte selbst zu stempeln. Der Beamte des Postamtes, vor dem Frau S. ihren Brief-Stapel ablegte, habe ihr im Gegenzug, berichtet Frau S., Stempel und Stempelkissen ausgehändigt: bitte sehr. Frau S. habe ein bisschen gelacht, Scherz und so. Der Beamte nicht. Frau S., im Glauben, der arme Beamte wisse vor lauter Arbeit nicht ein noch aus, vermeinte, einem Nächsten Gutes zu tun und stempelte. Der Beamte sah ihr völlig reglos dabei zu, worauf Frau S. eine Frage in der Art, ob sonst schon alles in Ordnung sei, gestellt habe, und der Beamte habe gemeint, ja, absolut: Wenn er selber stempeln würde, hätte er ihr pro Brief zehn Cent zu verrechnen. Sowas hab ich auf meinem Postamt noch nicht erlebt; aber ich steh
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Sie habe, sagte die Wiener Stadträtin Ulli Sima in einem Interview nach der Wahl, sie habe „lange überlegt, aber ich habe eine zweijährige Tochter, die hat jetzt Vorrang“. Ministrabilität tragen SPÖ-Funktionäre dieser Tage wie einen access-all-areas-Pass vor der Brust, aber natürlich winkt, das gehört zum guten Ton, ein jeder erst mal überrascht ab: Minister? Moi??? Wie kommen Sie denn darauf?! Dass jemand gleich von vornherein erklärt, für so ein Amt nicht zur Verfügung zu stehen, ist erstens ungewöhnlich, zweitens
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Was ist das Besondere an Wien? A) Wien ist Gemeinde, Bundesland und Hauptstadt. B) Wien ist ein Vorort von Graz. C) Wien ist die Hauptstadt von Kärnten." Da hat sich die Gemeinde Wien ein bisserl einen Karl gemacht: Die Frage ist Teil des Staatsbürgerschaftstests, der von potenziellen Österreichern seit gestern bestanden werden muss. Und die Meinung, dass ein solcher Test fragwürdig ist, herrscht offenbar auch in der Wiener Regierung vor. Denn die hat sehr augenscheinlich versucht, den landesgeschichtlichen Teil dieses Test einerseits mit Fragen zu unterwandern, die vor allem dazu angetan sind, die Leistungen des sozialdemokratischen Wien zu bewerben, andererseits mit Antwortmöglichkeiten, die
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Was macht man, wenn man nach der Nachmittagsvorstellung von "Cars" noch was trinken will? Es regnet; die Kinder (4, 4, 4, 5, 6) wollen noch nicht heim, die Erwachsenen sind hungrig: Wir gehen ins Kaffeehaus. Das ist ein Fehler, wie der Ober uns mit Bei-uns-ist-nichts-frei-Miene gleich wissen lässt: Ja, bitte? Ja, bitte, was könnten wir hier wohl wollen? Einen Tisch und zehn Stühle, wenn's genehm ist, und dann eine Karte, herzlichen Dank. Es ist in diesem hübsch schäbigen Kaffeehaus nämlich so gut wie alles frei; dennoch dürfen Sie uns ruhig in restgästeschonender Distanz platzieren, das ist okay. Aber wenn Sie dann so freundlich wären, diesen angewiderten Ausdruck von ihrem Gesicht zu nehmen. . . Das sagen wir nicht; das hoffen
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Beim abendlichen Zappen gerate ich derzeit ständig in nicht eine, sondern mehrere Feminismus-Debatten, ausgelöst von der deutschen Ex-"Tagesschau"-Moderatorin und Buchautorin Eva Herman. Herman hatte schon vor ein paar Monaten im Magazin Cicero mit lustigen Ideen zur modernen Weiblichkeit aufhorchen lassen, die sie nun in ihrem Buch "Das Eva-Prinzip" auf 264 Seiten breiter trampelt. Die Frauen, meint Herman, 48, seien heutzutage keine richtigen Frauen mehr, rieben sich wund an übertriebenen Ansprüchen an sich selbst und sollten es, so Herman, besonders wenn sie Mütter werden, doch viel ruhiger angehen. Und zwar, wie die berufstätige Mutter eines Sohnes empfiehlt, entspannt daheim in Küche und Kinderzimmer, ohne die brutale
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Das Mädchen auf dem Wahlplakat wirkt nicht froh. Sie sitzt neben Wolfgang Schüssel auf der Albertinatreppe, zupft unentspannt an ihrem rotweißroten Plastikarmband rum und lacht verlegen: Es ist ihr anzusehen, dass ein begeistertes, animiertes, bisschen verführtes Lachen von ihr erwartet wird, so als hätte Schüssel gerade eine für einen Kanzler extrem locker-amüsante Bemerkung gemacht, und es ist ihr anzusehen, dass sie das dazugehörige Lachen auch ehrlich gern bringen würde, aber irgendwie gelingt es nicht. Vielleicht sagt Schüssel was Peinliches. Vielleicht sagt er was zu Nettes. Vielleicht sagt er etwas, das sie offensichtlich dazu bringen soll, begeistert zu lachen, und die Durchschaubarkeit macht sie unrund. Vielleicht rückt er zu sehr ran. Vielleicht wäre sie lieber das andere Mädchen auf der Treppe, das mit einem hübschen Burschen ihres Alters flirten darf. Vielleicht findet sie, dass so ein Plastikarmband an einem Mann über 25 etwas lächerlich aussieht. Vielleicht tut ihr Schüssel leid, weil er junge Mädchen dafür bezahlen muss, sich mit ihm auf Treppen zu setzen. Vielleicht ist sie eine unterbezahlte Altenpflegerin aus der Slowakei, die nebenbei bisschen modelt und überhaupt nicht versteht, was der merkwürdige kleine Mann mit dem
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In der Pflegedebatte bieten sich momentan eigentlich nur zwei Lösungen an: Entweder Frauen werden ausgebeutet, oder Frauen werden schlimmer ausgebeutet.
Im Rahmen der Pflegenotstandsdebatte wurde eine Zahl immer wieder genannt: von den 80 Prozent der Pflegepatienten, die zuhause betreut werden, werden 80 Prozent von Frauen versorgt. Denn: Nach wie vor ist das Pflegen und Versorgen von Hilfsbedürftigen eine praktisch ausschließlich weibliche Domäne. Vor allem, wenn solche Pflege unter- oder ganz unbezahlt ist.
Ja: Es wäre besser, wenn alle pflegebedürftigen Personen in Österreich von ausgebilden, gutbezahlten und sozialversicherten PflegerInnen versorgt werden würden. Aber das ist nun mal nicht möglich, da private Haushalte meist nicht in der finanziellen Lage sind, eine legale Rund-um-die-Uhr-Versorgung ihrer alten und dementen Angehörigen zu finanzieren. Die öffentliche Hand wiederum verfügt momentan nicht über die Mittel, eine solche Versorgung soweit zu subventionieren, dass sie für Privatpersonen
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Die Hitze und ihre Folgen auf die Ästhetik im öffentlichen Raum: Was dürfen Männer alles zeigen?
Es gibt wichtigere Sachen, über die man jetzt schreiben könnte. Über den Krieg im Libanon, die vielen toten und verletzten Zivilisten, die zerstörten Existenzen. Über die in den USA entstehende öffentlich abrufbare Sexualtäter-Datenbank. Über eine hübsche Russin, die für ihren schönen Gesang eine österreichische Staatsbürgerschaft geschenkt gekriegt, während gleichzeitig Wissenschaftler aus Österreich ausgewiesen und Familien gnadenlos auseinandergerissen werden. Über Elisabeth Gehrers Drohung, als Wissenschafts- und Unterrichtsministerin auch der nächsten Regierung zur Verfügung zu stehen. Über Erwin Pröll, der immer noch nicht genug Haiderei in der Regierung hatte und über eine Fortsetzung von schwarz-orange halluziniert. Über den neuesten Skandal im Radsport und ob man Doping nicht einfach erlauben sollte.
Trotzdem diesmal: Männer in zu kurzen Hosen. Männer in Socken und Sandalen. Männer in labberigen T-Shirts. Männer ohne labberige T-Shirts, mitten im
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Die Kinder sind fünf Tage bei Oma in den Ferien, und selbstverständlich machen wir all die Sachen, die Erwachsenen in Anwesenheit ihrer Kinder streng verboten sind: Wir sitzen jeden Tag schon um halbsieben in Unterhosen vor dem Fernseher, zupfen mit fettigen Fingern Pizza und Cheeseburger aus dem Karton und schauen uns acht bis zehn Folgen von „Curb your Enthusiasm“ in Serie an. Ja, geil. Es geht da um Larry David, einen „Seinfeld“-Produzenten mit ungesundem Hang zur Rechthaberei, und in Anbetracht eines Konflikts um einen Liegestuhl im Kongressbad ein paar Tage zuvor, konstatierte ich beunruhigende Parallelen zu meiner eigenen Charakterkonstruktion. Ja, ich hab den Streit angefangen. Ja, ich war im Unrecht, obwohl andererseits wirklich alle Welt weiß, dass ein Liegestuhl ohne Badetuch ein freier Liegestuhl ist, egal ob er zwischen zwei akut bewohnten Liegestühlen eingekeilt ist oder nicht. Ja, die beiden dummen Schnepfen hatten Recht, als sie sich den Liegestuhl, kaum dass ich mich für zwanzig Sekunden von ihm entfernte, wieder
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Die Wohnungen, in die ich dieser Tage eingeladen werde, sind dazu angetan, die ungutesten Aspekte meiner eh schon beklagenswerten Tierkreisdisposition zu herauszuarbeiten. 150 qm Architekten-Neubau mit Riesenterrasse und grünem Rieseninnenhof, 200 qm Loft mit Terrasse und Garten, 400 qm Altbau mit einer Art Privat-Au. Neid. Willauch. Warumhabendiewasichnichthabe. WarumistdasSchicksalsogemeinzumir. Das Übliche. Aber das Wohnen mit Wiese steht im Moment nun Mal in meiner Prioritätenliste ganz oben; hat wohl was mit der Hitze zu tun und damit, dass mir die Kinder alle Tage zur Kenntnis bringen, dass sie auch so einen Garten wollen wie der Jakob und die Fritzi, nicht nur so einen popeligen kleinen Balkon wie wir. Einen Gar-ten. Ja, ich habs kapiert. Mir steht der Sinn allerdings mehr nach einer Wochenendhütte am Land, in der richtigen Natur sozusagen, und Honzo
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Trotz des Ungemachs bezüglich seines Bulldingshundes lud der Herr Kabarettist den Langen und mich zur Feier seines Geburtstages. Und kürzlich erst hatten wieder mit irgendjemandem, der sie gleichmaßen großartig fand, über die großartige Möetly-Crüe-Bio „The Dirt“ gesprochen, da fanden wir, das sei für einen Kabarettisten mit Stil und Geschmack ein feines Präsent. Also überreichten wir das Buch mit so zittriger Vorfreude auf die unvermeidlich folgende Verzückung, als sei es ein Packen Fotos unserer Kinder. Erst als der Kabarettist das Geschenk enthüllte, fiel uns spontan ein, dass es der Kabarettist gewesen war, mit dem wir jüngst so begeistert über die schöne Möetly-Crüe-Bio konversiert hatten. Scheißpeinlich, wenn Sie mich fragen.
Dafür musste ich dann wieder mal erklären, warum ich denn immer so schiarch über mein Familienleben schriebe. Für alle, die neu dazugekommen sind: Weil der Unterhaltungswert der idyllischen Familie als solche unterirdisch ist. Weil Sie es in Wirklichkeit zero amüsant finden, Familien beim Miteinander-Liebsein zuzusehen. Weil Sie sich dagegen an
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Am Sonntag abend finde ich in meiner Mailbox 53 Wobistus in den gängigen Variationen vor, 47 davon von Honzo. Honzo hätte dringend einen Rat gebraucht, aber ich war im Urlaub, was Honzo nicht wusste, weil es mir nicht gelungen war, in meiner Mailbox irgendwas Auto-Reply-artiges einzustellen. Wo bist du?!?! Ich war in Grado, Darling, was ist so dringend? Hab ich vergessen, mailt Honzo, wie wars in Grado?
Für Grado kriege ich unaufgefordert drei Bobo-Punkte gutgeschrieben und rücke auf der Spießerskala einen Platz vor, was mich mit Stolz erfüllt, bis ich
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Das ist der Sommer, in dem ich nicht mehr aufstehe. Diesen Sommer bleibe ich sitzen. Diesen Sommer wate ich nicht mehr knietief durch das seichte, verseichte Wasser städtischer Kinderbecken: Ich bleibe sitzen und schaue meinen planschenden Kindern zu, und solange nicht geröchelt und leblos auf dem Wasser getrieben wird, sehe ich keinen Grund, mich vom Liegestuhl zu erheben. Diesen Sommer tauche ich nicht mehr stundenlang Schaukeln an, höcher! noch höcher! Nein. Ich sitze auf einer Bank im Schatten, lese Feuilletons oder unterhalte mich mit den anderen Müttern, die diesen Sommer auch sitzen bleiben. Gut, heuer laufen wir gebückt hinter Kinderfahrrädern her, jaaa! supaaaaa!, priiiiiiima machst du das, ganz toll, du musst nur lenken!, lenken!!, LEN-KEN!!!, aber sonst bleiben wir sitzen. Und ok, wir dürfen noch einmal die schon vergessenen Wonnen der Wasserrutschen erleben, und noch einmal, und noch einmal, und noch einmal, und
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Das muss schneller gehen. Ich muss raus, ich brauch ein neues Rad. Und ich muss bis zwölf raus. Denn wie ich gestern mit Commandantina Dusilova beim Lunch im Palmenhaus saß und wir über dies und das und Talkshows und Fahrraderwerb konversierten, sagte ich mit den roten Backen der Gerechten, dass ich, nein, mein neues Rad nicht in einer Großhändlerfiliale kaufen werde, nein, sagte ich strahlend, ich unterstütze den Einzelhandel, ich will belebte Innenstädte und ein florierendes Kleingewerbe und wohlgenährte Kleinunternehmerkinder, ja. Nachdem ich vor dem Palmenhaus auf Dusilovas Rad eine Runde gedreht und die Stoßdämpfer bewundert hatte, schwang ich mich auf meine alte Kraxn und radelte
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Das Osterwochenende verbrachten wir mit Freunden auf einem Bauernhof; wir hatten drei Flaschen Wein mit, zwei Flaschen Prosecco und zwei 6er-Tragl Bier, aber das Duschgel und die Zahnbürsten für die Kinder hatten wir vergessen. Plus das ganze Zeug, dass ich für die Osternester besorgt hatte. Das bedeutet entweder, dass wir Alkoholiker sind, denen die Fähigkeit, eine Tasche fürs Wochenende zu packen, abhanden kam. Oder dass uns ein einfaches Wochenende am Land massiv überfordert. Letzteres gilt uneingeschränkt für die Kinder, denen man beim Waldspaziergang ständig
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In der aktuellen „Freizeit“ hält Trend-Lady Isabella Klausnitzer mit verständlichem Besitzerstolz ihre Balenciaga-Tasche in eine Kamera und erklärt im dazugehörigen Text, solche Taschen würden vor allem von „’Ich bin im Herzen ein Punk-Rebell“-Fashionistas’ getragen. Dieses ungemein fesselnde Verständnis von Punk und Rebellentum vermag selbst eine allem Ideologischen gegenüber längst abgestumpfte Spießersau wie mich zu interessieren: Ach, das ist also Punk, diese drei verstörenden Lederriemen an einer 1150 Euro-Tasche? Ich hatte es immer für eine ungewaschene und ziemlich reiche-Schnepfen-feindliche Jugendbewegung aus den späten Siebzigern gehalten. Aber aha. Man lernt ja nie aus. So also. Aber ehrlich wahr, ich lass mir von
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Apropos Spießer. Kollege Misik hat im letzten „Standard“-Album einen hübschen Essay über das neue Spießertum verfasst, der nur einen Makel aufweist: Er beantwortet nicht die zentrale Frage, was denn nun die Insignien der klassischen Spießerei sind. Was exakt zeichnet den gemeinen Spießer aus, welche Dinge hütet, welche Haltungen pflegt er? Trägt er zuhause Filzpatschen, zwingt er seinen Säugling in eine Religionsgemeinschaft, wäscht er jeden Samstag sein Auto, hat er ein Biokistl-Abonnement, wäscht er nie sein Auto, besitzt er eine Gemüsebürste, bezieht er ein „Du“-Abo, hat er einen Buena-Vista-Social-Club-Klingelton, zieht er seine eigenen Tomaten und lässt es alle wissen, besitzt er von Nirvana das Unplugged-Album (und nur das Unplugged-Album), ordnet er seine Bücher
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Die Sichtung der aktuellen Nachrichtenlage bestätigt den Trend, dass Grazer ihre Babies offenbar signifikant öfter misshandeln, und sie scheinen signifikant depperter zu sein. Nehmen wir mal die Grazerin, die am Wochenende mit ihrem zerstörten Sohn ins Krankenhaus kam und die lebensgefährlichen Verletzungen des vier Monate alten Säuglings damit begründete, dieser sei gestürzt. Manche Leute sind zu dumm und zu degeneriert zum Kinderhaben. Im speziellen Fall – die Mutter drogensüchtig, das Kind schon bei der Geburt abhängig, der Säugling offenbar nicht nur akut, sondern chronisch misshandelt - fragt man sich zudem, wo eigentlich das Jugendamt schon wieder war. Müsste man bei so einer Familie nicht alle drei Tage nachsehen, ob alles ok ist? Oder besser täglich? Und falls das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, sollten diese Gründe aus der Welt geschafft werden, und zwar dalli. Es handelt sich hier um ein Problem, das aktuelln den deutschen Feuilletons heftig abgehandelt wird: Dass erstens zuwenige Leute Kinder kriegen, zweitens die falschen. Die Gründe dafür, warum eine hohe und wachsende Zahl von Akademikern (und vor allem Akademikerinnen) keine Kinder will, wird rauf- und runtergebetet: fehlende Kinderbetreuung, falsches Kindergeldsystem, verfehlte Arbeitsmarktpolitik, allgemeiner Werteverfall. Im „Wochenende“ der „Süddeutschen Zeitung“ wurde noch ein weiteres Argument eingebracht: Es ist den Akademikern scheints nicht vermittelbar, dass es schön ist, Kinder zu haben. Die bedingungslose Liebe von Kindern, die hundert täglichen Gründe für Gelächter, das ständige Staunen über die überraschende Präsenz von Glück, kommt im akademischen Wertekatalog offenbar nicht vor. Damit soll übrigens nicht angedeutet werden, gebildete Leute seien bessere Eltern als ungebildete; allerdings: wenn Wissen tatsächlich zu Bewußtsein führt, müssten man hoffen dürfen, dass das Bewußtsein darüber, dass und warum man Kinder nicht misshandeln darf, bei gebildeteren Leuten höher ausgeprägt sein müsste. Andererseits kommen in den „Supernanny“-Sendungen vielleicht auch nur deshalb nie Akademiker-Familien vor, weil die auf das Geld, das man dort fürs Vorgeführtwerden bekommt, nicht angewiesen sind... Ich weiß es nicht. Vielleicht sind aber einfach auch die anderen Eltern Schuld. Eben erreichte mich das Mail einer jungen Leserin, die meinte, seit sie eine Zeitlang als Kellnerin im Dschungel-Café gearbeitet habe, sei sie völlig sicher, dass sie nienienie eigene Kinder wolle. Im Dschungel habe sie Mütter und Kinder irreversibel hassen gelernt: ständig Flascherl aufwärmen, immer über Krabbelkinder steigen, sogar dreckige Windeln vom Tisch entsorgen müssen und dann mieses Trinkgeld kriegen. Das wirft bei mir mehrere Fragen auf: Erstens, warum Mütter so oft der Meinung sind, sie dürften sich, aus Gründen der Demographiepolitik oder was, mehr erlauben als andere. Zweitens aber frage ich mich, warum man ins Dschungel-Café arbeiten geht, wenn man mit Kindern und ihren Bedürfnissen nichts zu tun haben will. Es ist nämlich selbstverständlich, dass das Personal im drei-Hauben-Lokal jeden Furzwunsch der Gäste ohne zu murren erfüllt, und in einem dezidiert familienfreundlichen Café muss man halt mit Mutterkindfurzwünschen leben können, und wenn man das nicht kann, soll man in einem der 3920 Wiener Lokale, in denen Eltern mit Kindern nicht gern gesehen sind, arbeiten. Das ist nämlich das Problem: Dass Kinder in den meisten Lokalen so unerwünscht sind, dass die paar anderen Lokale zu mütterüberrannten Gettos werden. Ich geb dort übrigens immer mörder Trinkgeld.