So wie es ausschaut werde ich heute Abend etwas tun, das sowohl mit meiner Natur als auch mit meinen Prinzipien üblicherweise kein sehr harmonisches Verhältnis am Laufen hat und vermutlich auch künftig nicht haben wird: Ich werde im Rahmen einer Theaterproduktion auf einer Theaterbühne stehen. Natürlich habe ich die Hosen bis übern Bund voll und bereue schon seit Tagen bitterlich, dass ich mich dazu habe überreden lassen.
Ach was, man musste mich nicht einmal überreden. Harald Posch von der Garage X sagte einfach nur: Schorsch Kamerun will dich. Und ich sagte: Bin schon da, wann, wo? Weil: Schorsch Kamerun. Schorsch Kamerun, von Goldenen Zitronen, wers nicht weiß, habe ich ja sehr gern . Immer schon gehabt. Schätze ich außerordentlich, ist einer dieser richtig guten Männer, von denen es irgendwie nie genug gibt: gescheit, streitbar, kreativ, laut, mutig. Wobei ich insgeheim natürlich nicht ganz verstehe, wie sich so einer mit dem Theater einlassen kann, aber wenn es Kamerun tut, kann es wohl nicht ganz verreckt sein. Und außerdem bin ich allmählich geneigt, Annas Wording zu folgen, dass meine Probleme mit dem Theater MEINE Probleme seien und nicht die des Theaters. Obwohl. Ganz überzeugt bin ich davon nicht, und soviel ich weiß, hat sich Anna in den letzten Wochen aus mehreren hochgelobten Aufführungen heimlich geschlichen und mir aus anderen, aus denen es sich nicht heimlich schleichen ließ, SMSe des Inhalts "Ich stähärbäääää!" geschickt. Es ist also auch Annas Affäre mit dem Theater nicht mehr ganz so verschmust und frei von Friktionen wie einst. Was meinereiner einerseits einen hochbefriedigten Händerieb verschafft, mich andererseits aber trotzdem nicht daran hinderte, meine Partizipation an dieser Kamerun-Produktion völlig gedankenlos zu versprechen. Fehler, Fehler, Fehler. Fehler!
Denn es hieß, es gehe um die Teilnahme an einer Jury und Popkultur und vergebliche Versuche, und das kann ich alles so einigermaßen. Allerdings ging es in der ersten Besprechung auch darum, ob ich dabei ein Kostüm tragen würdemüssesolle, und da stieß ich gleich brutal an die Grenzen meiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Vergeblichkeit. Mich kann man ja schon mit den verhaltendsten Andeutungen völlig harmloser Dress Codes von Feierlichkeiten fernhalten: Ich soll mich verkleiden? Sorry, geht GAR nicht, sucht euch gefälligst einen andern Gast. Ich weiß auch nicht warum, vielleicht hat man mich als Kind einmal zu oft in ein Clownkostüm gesteckt, ich weiß auch nicht.
Die Chancen, dass ich heute auf der Bühne der Garage X einen pipifeinen Nervenzusammenbruch erleide, stehen also nicht schlecht. Wenn Sie auf derlei gut verzichten können, schauen Sie sich Kameruns Stück lieber morgen oder übermorgen an. Da bin ich schon in der Geschlossenen.
Schorsch Kamerun: Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur. Garage X, Petersplatz 1, 12., 13. und 14. Mai, 20 Uhr.
Jetzt habe ich 60 Stunden nicht geraucht, drei komplette Aufwachphasen ohne die je drei Aufwachzigaretten überstanden; die Rauchentwöhnung ist also so gut wie vollbracht. Und es war, wie ich prophezeit hatte, kollossal hilfreich, sie unter mütterlicher Aufsicht durchzuführen, denn wenn meine Mutter sagt „wie kann man nur?“, dann will man das, was man nur kann, zuverlässig lieber so schnell wie möglich nicht mehr können.
Was sich auch abseits des Nikotinentzugs wieder zeigte: Man glaubt nur, man habe bestimmte Alltags- und Kulturtechniken längst soweit perfektioniert, dass ein relativ unfallfreies und gesetzestreues Überleben in Stadt und am Land möglich ist. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Tätigkeit, die nicht massiv verbesserungswürdig wäre, kaum einen Handgriff, den man nicht sehr viel effizienter durchführen könnte. Dabei sind die meinen wirklich vorbildliche, offene, unübergriffige Eltern. Solange ihre Kinder glücklich sind, mischen sich diese Eltern nie in deren große Lebensentwürfe ein, selbst wenn die Weltanschauungsübereinstimmung ganz nahe an der Nullline herumhoppelt. Über die elementaren Ideologie-Differenzen können sie in gelassenster Großzügigkeit hinwegsehen. Über praktische Defizite nicht.
So wie letzte Woche der Lange auf der Gartenbank saß und dem Gras beim Wachsen zusah, sitzt jetzt meine Mutter auf der Gartenbank und sieht ihrer Tochter beim Rasenmähen zu. Also, sie sieht nicht zu, und zwar sehr aufdringlich nicht. Offiziell liest sie Arno Geiger. Inoffiziell beäugt sie mich, und zwar so lange, bis ich den Rasenmäher abstelle und sage: Was!!!
Ich will dir nicht dreinreden!, sagte meine Mutter.
Was, Mutter, sage ich, werde es los.
Ich will mich wirklich nicht einmischen, sagt meine Mutter, aber tätest du dir nicht leichter, wenn du nicht über das schon gemähte Gras drübermähst? Und wenn du das Ding da an der Seite vom Rasenmäher abmontierst, da verstopft sich ja immer das Gras darin.
Und sie hat natürlich recht, und trotzdem oder gerade deshalb will ich die Hauswand hochgehen, weil egal, wie lange man brav bewiesen hat, dass man den Titel „erwachsen“ mit Fug und Berechtigung trägt: Kaum sitzt die Mutter auf der Gartenbank, weiß man wieder, dass man es nicht tut: Man ist nur eine Betrügerin, man hat das Erwachsensein nur vorgetäuscht und jetzt wurde man erwischt.
Und es erwischt einen nicht nur Mutter, sondern auch das eigene Kind, das bei meiner moralischen Demontage etwas subtiler vorgeht, indem es seit neuestem ansprechende, kleine Geschichten verfasst, an deren Ende immer zuverlässig die Mutter stirbt: entweder aus Gram über den Tod ihrer aufgrund mütterlicher Vernachlässigung tragisch verreckten Kinder und/oder weil sie zuviel Algahol getrunken und Tschigg geraucht hat. Ja, ich weiß, dass mir das zu denken geben sollte. Immerhin, ich rauche jetzt nicht mehr.
Verzeihung, es geht gerade nicht. Ich muss den Kaffee aufwischen, den ich eben über meinen ganzen Kramuri geschüttet habe, zwei Kolumnen schreiben und dann mit den Mimis zum Zahnarzt und mich vom Zahnarzt schief anschauen lassen, weil mit dem einen Zahn von dem einen Kind ist eindeutig was, und der Zahnarzt wird garantiert erkennen, dass das schon länger ist. Auch wenn die Mutter schwören wird, das sei erst vor ein paar Tagen passiert, was gelogen sein wird. Jaaaa! Meine Schuld! Ich weiß! Aber was soll ich denn noch alles schaffen?? Arbeiten, kochen, Laudatio halten, auflegen, arbeiten, Kinder antreiben, Salat pflanzen, Radieschen säen, Gästebetten beziehen, Kinderfahrräder ersteigern, Mitteilungshefte lesen, Termine ausmachen, hässige Mails mit gelassener Gutmütigkeit beantworten, rauchen aufhören, die Hängematte flicken, aufräumen, gelassen sein, den Installateur anrufen, den Strom zahlen, Schiefer ziehen, Kind trösten, arbeiten, Steuern zahlen, eine gute Mutter sein, eine gute Lebensgefährtin sein, eine gute Freundin sein, nett sein, Kaffee aufwischen: Ja, ich schaff das eh alles!! Irgendwie!! Jetzt bis auf das mit dem Rauchen. Das mach ich dann nächstes Wochenende, unter dem traurigen, sorgenvollen Blick meiner Mutter, der hilft in manchen Situationen immer noch am besten.
Immerhin: Das mit der Laudatio war fein. Also, der zugehörige Anlass, weil mein Lebenswirt, der Herb Molin, das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen hat. Und mit was? Mit Recht. Viele Leute waren da und danach saßen die ganzen Nachteulen aus dem rhiz mit riesigen Sonnenbrillen am Maria-Treu-Platz, aßen Pizza und bekamen Sonnenbrand. Es war ein bisschen, wie wenn die Vampire in Rimini Urlaub machen. Nett war es.
Und der Lange? Ach, der Lange. Wie ich gesagt habe. Nein, nicht ganz. Er hat mit dem Positiv-Denken nicht wieder aufgehört, er hat es diversifiziert. Er denkt jetzt spartenspezifisch positiv. Also, einerseits schimpft er wieder ganz normal. Andererseits sitzt er auf der Gartenbank, schaut in die Wiese, sieht, wie hoch das Gras steht und sagt: Der Rasen sollte dringend gemäht werden. Aber er lässt sich von derlei banalen Widrigkeiten nicht mehr belasten, soweit hat er den Glauben an die Kraft des Optimismus schon verinnerlicht. Er denkt jetzt positiv, dass der Rasen, wenn man nur mit radikaler, Richard-Fordscher-Gelassenheit daran glaubt, schon gemäht werden wird. Dass alles ganz von selber gut wird. Und das wird es auch, weil der Lange fährt jetzt erst einmal zehn Tage weg, und wenn er zurückkommt, wird vermutlich jemand den Rasen gemäht haben. Für den Erheiterungsprozess des Langen ist das natürlich gut, weil es gezeigt haben wird, dass das positive Denken zu konkreten, begrüßenswerten Resultaten führt. Für mich ist es schlecht, weil ich es getan haben werde. Aber ich mache das schon, jaja, ich schaff das irgendwie.
Das war pädagogisch eher bedenklich. Gebe ich unumwunden zu. Ich habe auch gleich die Hortbetreuerin angerufen und gesagt, bevor du es von den Kindern erfährst, ich gestehe alles. Denn damit die Kinder uns nicht zwingen, am Sonntag in aller Herrgottsfrühe nach Wien hineinzufahren, damit sie beim Marathon einen Kilometer im Pulk laufen und dann eine Medaille abgreifen können, haben wir mit ihnen einen Deal gemacht: Ihr verzichtet auf den Marathon, wir bleiben im Waldviertel, und ihr bekommt dafür diese Nintendo-Speicherkarte, wegen der ihr uns permanent auf den Sack geht. Mit 25 Spielen darauf. Die Kinder haben gesagt: okay. So macht man das als echter Pharisäer: Man predigt Kinder-Bewegung und drängt ihnen dann ersatzweise etwas auf, bei dem sie blöd herumsitzen und fett und deppert werden. Bekannte mit frischen Säuglingen erklären mir, dass ihr Kind aber garantiert nie einen Nintendo bekommt, aber erstens kann das Baby halt noch nicht widersprechen, und zweitens halte ich das, ja, sogar für möglich, aber nur weil es in sieben Jahren wesentlich geileres Computer-Verblödungszeugs geben und der Nintendo dann im Subotron-Shop als Antiquität verkauft werden wird.
Das Ergebnis war, dass mich das eine Mimi am Samstag um zehn nach sechs geweckt hat, damit ich die Nintendos herausgebe. Ich musste ihm drohen, dass es das Ding bis Weihnachten nicht mehr zu sehen bekommt, wenn es das noch einmal macht, und so konnte ich am Sonntag bis sieben Uhr ausschlafen. Aber bitte. Man muss das positiv sehen. Ich weiß im Moment gerade nicht wie, aber ich kann jetzt nicht plötzlich mit negativer Weltsicht kommen, wo ich den Langen eben erst dazu überredet habe, das Leben auch einmal ein bisschen positiver zu betrachten, es sei wahrlich nicht immer alles so geschissen, wie er es immer sehe!, man müsse nicht immer schimpfen!, man könne das auch anders betrachten, freundlicher! Worauf der Lange jetzt tatsächlich positiv denkt, und zwar auf eine so radikale Weise, dass ich mir heimlich wünsche, er möge wieder zu seinem alten Grumpyismus zurückfinden.
Der Lange findet jetzt alles total super. Und er lächelt nun manchmal, das macht mich extrem nervös. Das passt nicht zum Langen, dieses Lächeln. Ich bin es nicht gewohnt, die Zähne des Langen außerhalb der Essenszeiten zu Gesicht zu bekommen. Er schreibt jetzt von Orten, von denen er gewöhnlich Ich-wäre-eigentlich-lieber-tot-als-hier-SMSe schickt, Botschaften mit Inhalten wie: es ist wunderbar hier. man muss nur auf die menschen zugehen, das ist das geheimnis. Und ja! Das finde ich wirklich! Ich glaube an Freundlichkeit und die Kraft ihrer Potenzierung! Aber wenn es vom Langen kommt, ist es irgendwie spooky. Andererseits glaube ich eh nicht, dass es anhält. Ich gebe ihm eine Woche, dann ist er wieder der Alte. Acht Tage, neun höchstens, dann schimpft er wieder ganz normal.
Muss heute Büsche galore besorgen und eilends einpflanzen. Der nachbarliche Rohbau tut mir in den Augen weh. Sind nette Menschen, die Rohbauer, und wir schauen ihnen jetzt schon das dritte Jahr zu, wie sie Wochenende für Wochenende je drei Ziegel aufmauern und dann pro Ziegel erschöpft je zwei Bier trinken. Andere Nachbarn haben erzählt, die Rohbauer planten, ihr Haus fertig zu haben, wenn sie in Pension gehen, und die Rohbauer sind etwa in unserem Alter und arbeiten, soweit mir bekannt ist, nicht bei Post und Bundesbahn. Muss also Büsche besorgen. Wir suchten gestern abend, nach dem Essen bei Horwaths, in den Horwathschen Baumbüchern nach dichten, schnellwachsenden Bäumen, und Pfirsich, Kirsche, Zwetschke leider nein. Holunder und Haselnüsse, das wirds.
Man ist wieder am Land. Die Kinder hämmern zufrieden Nägel in Bretter. Der Lange verdaute schnell die schöne Hilde-Party, die noch schöner gewesen wäre, wenn wir nicht aufgelegt hätten. No more, absofuckinglutely no more Party-DJing. Ich hatte dem Hilde-Mann gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist, ich habe noch die Mails, in denen ich ihm erklärte, dass das nicht funktioniert, denn auch wenn er und die Hilde hundert Mal sagen, dass wir spielen können, was uns Spaß macht: Die Gäste von so einer Party sehen das nie so, für die bist du Personal, das genau das zu spielen hat, zu dem sie gern tanzen, was immer irgendetwas aus den Achtziger Jahren ist, zu dem sie letztes Mal so geil getanzt haben. Und auf dieser Party gab es ein paar Gäste, äh, ja.
Also, ich gab nach fünf Nummern auf und übergab an den Langen, der das normal besser drauf hat mit der Tanzmusik. Und der hätte einfach auch nach fünf Nummern aufgeben sollen, aber der Lange ist ein sturer Hund, der sich von blonden Mauserln nicht sagen lässt, was er zu tun hat. Bald konnte ich von der Bar aus beobachten, wie der Lange und der Freund von der Blonden über das DJ-Pult hinweg ein einschlägiges Gespräch führten. Mit so nach hinten gereckten Fäusten, Nase an Nase, wo man sich denkt: ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut. Der Lange hatte der Blonden wohl nach ihrem fünften spiel-gefälligst-Auftritt gesagt, sie möge sich schleichen. Der Freund von der Blonden hatte dem Langen wohl gesagt, so rede er aber nicht mit seiner Freundin. Der Lange hatte dem Freund wohl gesagt, und er schleiche sich bitte gleich mit etcetera etcetera. Daraus lernen wir dreierlei: Erstens, ich bin ein Sitzmusik-DJ, zweitens der Lange auch, drittens man bleibt am besten immer in seinem eigenen kleinen Biotop mit seinen eigenen Leuten, die auf solche Ideen gar nicht kommen. Natürlich macht man sich so keine Freunde, aber: brauchen wir auch nicht. Die paar, die uns aushalten, haben wir schon; die Hilde ist uns, glaub ich, eh nicht mehr bös, und da kommt schon der Horwath, und, schau, er hat einen Busch unterm Arm.
Man muss die Dinge genau so lange liegen lassen, bis man vor Angst kurz vor dem Herzinfarkt steht und keine Nacht mehr durchschläft. Die Angst muss einem auf der Seele liegen und auf den Magen schlagen. Der Selbsthass muss einem bis einen Millimeter unter den Nasenlöchern stehen. Praktisch ist, wenn man in so einem Fall über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt, die einen gelehrt hat, dass es dann, unmittelbar bevor man mit einer Panik-Attacke eingeliefert wird, auf einmal geht. Darauf vertraue ich jetzt erst einmal. Das große, das zukunftsweisende Projekt wurde projektiert, dingfest gemacht und auch letzte Woche wieder offensiv vertrödelt, ist ja noch Zeit. Der Selbsthass steht auch erst knapp bei den Brustwarzen, das reicht nicht, das ist für einen kreativen Schub noch lang nicht genug, da geht noch was.
Das kleinere Projekt dagegen ist so gut wie im Kasten, nur eins der Mimis, die dafür je zwei völlig unschuldige Körperteile für ein Buch-Cover in eine Kamera halten sollten, ist jetzt doch nicht bereit, bei dem Unsinn mitzumachen. Sicher nicht, such dir ein anderes Kind. Will ich nicht, ich brauch dich. Nein. Du kriegst einen Euro. Hahaha. Drei Euro. Nein. Fünf! Trotzdem nicht. Aber der Fotograf hat schon gaaanz berühmte Leute fotografiert, zum Beispiel die Christina Stürmer und den Bundespräsidenten! Mir wurscht. Du machst da mit, Herrschaftszeiten! Nein.
Ich werde Anna auf das Mimi ansetzen müssen, von Anna fühlt das Kind sich verstanden, ganz anders als von seiner blöden Mutter, die immer nur herumkeppelt, einen zum Essen, zum Baden und zum Schlafen zwingt, einen in der Früh aus dem Traum reißt, nie mit einem das "Frühlingsfest der Volksmusik" anschaut und einem nicht einmal Geschenke mitbringt, wenn sie verreist. Dabei ist es ein klares Geburtsrecht jedes Kindes, dass Eltern, die mit Koffern das Haus verlassen, mit Geschenken wiederzukommen haben. Das ist ein DJ-Koffer, Schatzl, ich verreise nicht, ich lege nur im phil auf. Es ist ein Koffer, bring mir was mit. Anna bringt mir auch immer was mit.
Anna wird das machen, das mit der Fotosache, das ist sie mir auch schuldig, wenn sie schon unbedingt ihre perverse Veranlagung an den Mimis ausleben muss. Denn Anna schaut so gern das Dingsfest der Volksmusik, aber sie schaut es nicht gern allein, und außer den Mimis, die sich alles anschauen, solange es nicht gruselig ist, macht das ja keiner mit. Ich habe versucht, den Kindern zu erklären, dass das aber wohl gruselig ist, Entschuldigung, das ist womöglich das Gruseligste, was das Fernsehen überhaupt zu bieten hat, aber ich finde wie stets kein Gehör. Und in Anna diesmal keine Komplizin, sondern darf mir jetzt 24/7 volkstümliche Lieder aus Kinderkehlen anhören, Schwerpunkt Liebe im Frühling. Herrlich, vergeltsgott. Dafür regelst du das mit dem Foto, dankeschön, dann bin ich eventuell bereit, das zu verzeihen, e-ven-tu-ell.
Nicht nur die Kirche muss derzeit darüber nachdenken, was man mit Kindern alles nicht tun darf, auch ich. Der Wunsch, mein Kind zu hauen, ist dieser Tage überwältigend. Ich tue es, wie immer, nicht, würde aber sehr gern. Es ist nämlich nicht so, dass Trotzphasen kommen und gehen und irgendwann aufhören, nein, das Kind performt jetzt einen Trotzphasen-Remix mit besonderem Engagement in den hohen Frequenzen. Die, bei denen ich leicht die Beherrschung verliere, was, wie mir einer meiner Psychiater am Samstag bei Wirtens erklärt hat, wahrscheinlich von einem selektiven Hörschaden herkommt: Wenn im Lokal der Geräuschpegel hoch ist, höre ich meinen Gesprächspartner zu wenig, wenn das Kind mich angreint, leider zu viel. Immerhin haben sie uns bei Wirtens das fantastische Abendessen zu Ehren von Horwaths nichtendenwollendem 50er nicht ruiniert, sie waren im Kinderzimmer damit beschäftigt, ihre Strategien im Geschlechterkampf zu verfeinern und Schuhe anzuzünden: nicht meine Wohnung, geht mich nichts an, ich muss mich mit dem Rindfleischsalat, den scharfen Garnelen-Nudeln, dem Steak mit Garnitura Dalmatinska, dem Tiramisu und der Jogurt-Panacotta beschäftigen, ich habe gerade keinen Kopf für etwas anderes.
Und ich war auch zu dankbar, überhaupt endlich stabil an Wirtens Tisch zu sitzen, die Kinder wollten ja zuerst nicht hin. Nachdem sie sich die ganze Woche über bitter beklagt hatten, dass ihre grausamen Eltern ihnen ständig aus purem Egoismus den Kontakt zu anderen Kindern verwehrten, den und die und die und den hätten sie jetzt schon seit ewig, was heißt: seit Jahren praktisch nicht gesehen, NIE führe man sie anderen Kindern zu. Und wie wir am Samstag zu Wirtens und ihren Kindern aufbrechen wollten, erscholl großes Geheul, das sei ja wieder eine spezielle Grausamkeit, einem überarbeiteten, erschöpften Schulkind seine verdiente Wochenend-Freizeit zu rauben, nie könne man sich ausruhen, nie erholen, nie in Ruhe spielen (aka fernsehen), es sei eine unablässige Quälerei. Und nein, man gehe auf keinen Fall mit und ziehe sich jetzt sicher nicht die Schuhe an; überhaupt, was sei das für eine Art der Kommunikation, den ganzen Tag nur Befehle, Befehle, Befehle. Natürlich vernahmen wir, als wir sie um elf bei Wirtens einpackten, das gleiche, nur in anderen Worten, aber da hatte das viele Essen und Trinken meinen selektiven Hörschaden derart verstärkt, dass ich gar nichts mehr hörte.
Der Horwath hatte bei Wirtens zu unser aller Erstaunen die Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler an den Füßen, in die er, gegen alle Prognosen - außer meiner - offenbar sofort nach Überreichung eingezogen ist. Der Horwath sagt, super, alles, was das Leben verlangsame, sei ihm gerade sehr recht. Mein Leben würde derzeit schon von einer partiellen Verleiserung massiv profitieren, und den Kindern ist das wieder einmal komplett powidl.
Drei Wochen lang hatten wir Lazarett. Kind krank, Kind krank, Mutter krank, Kind krank, Kind krank, und jetzt sind die Mimis komplett ruiniert vom Fernsehen. Sie singen und tanzen Werbespots nach, träumen schlecht, haben das Spielen verlernt und zucken wegen jedem Scheiß aus. Die Mutter im Übrigen auch. Die Mutter würde wieder einmal gern ein paar Stunden lang nicht angesprochen werden, von niemandem, einfach nur gar nicht. Nur den Sound of Silence hören, verziert mit paar Geräuschen von der Straße und aus dem Ballkäfig, die mit mir nichts zu tun haben und an denen keine Forderungen und Beschwerden appliziert sind. Wieder ganze Tage nur unter Erwachsenen verbringen, in Ruhe in der Redaktion schreiben, Mittagessen gehen mit dem C. oder dem T. oder der B., dazu Wein trinken, statt Nutella-Brote schmieren und magenschonendes Karottensüppchen nach dem Rezept von Dr. Urban kochen, das dann sowieso abgelehnt wird. Gemoser, den ganzen Tag.
Dieses wurde immerhin am Samstag unterbrochen von Horwaths 50er, im Wetter, sehr nett. Wir schmissen die Kinder in der Ecke auf einen Haufen, warfen Nintendos und Weißwürste mit Ketchup hinterher (die vorbildlich guten Wetter-Menschen haben die Ketchup-Anregung sofort aufgenommen) und konnten so mehrere Stunden ungestört mit Erwachsenendingen verbringen, aka trinken, rauchen, reden und Blut- und Leberwürste vom Metzger Fontain in Dornbirn essen, ohne dass die Kinder dazu Würgegeräusche machten. Das war sehr schön, obwohl das Geschenk für den Horwath nicht rechtzeitig angekommen war, dabei hätte es so gut zu den Würsten gepasst. Und der gute Herr Devich war extra noch am Mittwochnachmittag in Bezau, Bregenzerwald, mit einem Paar wunderhübscher, lammfellgefütterter Rindsfell-Hölzler der Größe 45 zur Post marschiert, wo man es dann genau so lange liegen ließ, dass es dann pünktlich nicht ankommen, sondern erst Montag früh geliefert werden konnte. Danke, liebe Post. Deswegen kann ich auch noch nichts über die Horwathsche Reaktion erzählen, der uns exilierte Xiberger (plus dem Langen) jetzt seit Jahren wegen dem Schuhwerk verlästert, das wir im Waldviertel praktisch ausschließlich an den Füßen tragen. Aber heuer hat ja auch Lagerfeld Holz-Clogs, das überzeugt den Horwath vielleicht von der Sinnhaftigkeit seines Geschenks.
Weil: Was schenkt man einem wie dem Horwath zum Fünfziger? Das Werkzeug, damit er endlich mal eins seiner fetten Sulmtaler mordet, hat er schon gekriegt. Gut: Die Felders schenkten ihm ein Kochbuch mit Hendl-Rezepten, das wird er hoffentlich bald benützten. Er nennt die Hendln jetzt auch schon „Hendln“ und nicht mehr bei ihren Namen, wir waren von Anfang an gegen die Namen, da wird doch das Verhältnis vom Bauern zu seinem Schlachtvieh viel zu intim und vertraulich. Wir halten es für einen Schritt in die richtige Richtung, dass der Horwath dieses Verhältnis jetzt allmählich auf eine prosaischere Ebene herunterschraubt, und hoffen sehr auf Ostern.
Tatsächlich hat der Lange, glauben Sie es oder nicht, die Lesben von vis a vis kürzlich beim Sex beobachtet, während er zum Fenster hinausrauchte. Die, die nie Pornos schauen. Hat er mir erst nach Lektüre der letzten Kolumne erzählt. Dabei waren, wie immer, die Schlafzimmervorhänge zu, aber einer zufällig im richtigen Winkel offen stehenden Tür und daraus resultierenden Spiegelungen verdankte der Lange eine Sichtung, deren Einzelheiten ich dann nicht so genau wissen wollte. Das Leben imitiert wieder einmal die Kunst; nein, die Kolportage. Sonst habe ich diese Woche nichts zu erzählen, auf Wiedersehen.
Doch, ich habe die Bühnenhemden der Fehlfarben gesehen. Das hat mich merkwürdig berührt. Die Hemden hingen an der Wand eines Ateliers, und ich hätte sie gerne fotografiert, so wie sie da hingen, habe mich aber nicht getraut. Auch nur zu fragen, wäre mir wie ein Sakrileg vorgekommen. Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an, und zwar eine, die erst gemacht wird, wenn die Fehlfarben bald ihr neues Album "Glücksmaschinen" live vorspielen. Ich habe es schon, Peter Hein hat es mir geschenkt. Hein sitzt übrigens heuer in der Jury des Protestsongcontests, was, weil ich mir keinen denken könnte, der dort mit größerer Berechtigung säße, der substantielle Grund ist, warum ich doch auch wieder dort sitze. Obwohl ich mir und jedem, der es hören wollte, ein knappes Jahr lang schwur, dass ich mir das gewiss nicht mehr antue, hundertausendprozentig nicht. Weil, wozu? Damit der junge Mensch mir wieder seinen Mittelfinger präsentieren kann? Ich habe auch andere schöne Hobbies, dankeschön; zum Beispiel backe ich einen ausgezeichneten Kärntner Reinling, und Faschingskostüme für die Kinder sind leider auch wieder zu nähen. Ich könnte dabei die kollossale neue Fehlfarben hören, die mir Peter Hein geschenkt hat, ja.
Beziehungsweise ich würde, wie ich voreilig zugesagt habe, auf die Faschingsparty von der Fischer gehen, gemeinsam mit Anna im knappen Flugbegleiterinnen-Kostümchen, das verpasst die Welt jetzt leider auch, und ich werde stattdessen nach Mitternacht in der Verkleidung eines zart angeflaschelten Protestsongcontestjurymitglieds erscheinen, wenn alle anderen schon lustig sind und ich nur ausgebuht. Ich habe mir den Anschiss von der Fischerin und der Anna schon abgeholt, wobei die Anna nur noch resigniert geseufzt hat: sie wurde jetzt schon wiederholt Opfer meiner nachlässigen Kalenderführungspolitik. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich vergesse, dass am 12. Februar immer und immer am 12. Februar Protestsongkontest im Rabenhof ist, und ich natürlich trotz gegenteiligsten Geschwörs erneut da oben auf meinen Stühlchen sitzen und Punkte vergeben werde, selbstverständlich wie stets an die falschen, jaja. Aber diesmal wird Peter Hein neben mir sitzen, dort in der Politdisko, und das Leben wird die Kunst angrinsen und die Kunst wird zurückgrinsen, und es wird gut sein, ja, es wird.
Jetzt schaue ich abends beim Abwaschen immer Lesbenpornos. Gegenüber sind zwei eindeutig zusammengehörige Damen eingezogen und der Fernseher steht wieder da, wo er schon stand, als noch eine alte Frau dort lebte, die immer Kinderfernsehen sah. Die ist wohl jetzt im Heim, und ich schaue beim Abwaschen immer Lesbenpornos, und brauche fürs Abwaschen eine Stunde. Boah. Da schau. Manchmal komme ich aber gar nicht dazu, weil der Lange eine Stunde lang genau aus diesem Küchenfenster rauchen muss; dabei haben wir einen Balkon, aber nein, dieses Fenster muss es sein.
Gar nicht wahr. Ich wollte nur, wie letztes Mal leichtfertig angekündigt, mehr Sex ins neue Jahr bringen; es wird aber doch wieder nur das Sudern und das Streiten übrigbleiben. In Wahrheit tragen die Lesben von gegenüber immer Jogginghosen und sehen den ganzen Tag amerikanisches Sportfernsehen, ununterbrochen, sogar wenn sie gar nicht zu Hause sind.Sie haben einen Mops, der ist so fett, dass er für den Weg zwischen der Couch und der Tür 18 Sekunden braucht, ich habe einmal mitgezählt, aber nicht während des Abwaschens, sondern während ich darauf wartete, dass das Teewasser kocht. Wir haben eine Spülmaschine, ich wasche eigentlich selten ab. Nur, dass der Lange, das Lulu, aus diesem Fenster raucht, stimmt, was ich total unsportlich finde. Wer rauchen kann, kann auch am Balkon frieren, habe ich bitte fast den ganzen letzten Winter gemacht, bis ich das Rauchen aus div. Gründen wieder aufgab, u.a., weil mich der Lange, der jetzt immer zum Fenster hinaus raucht, mit seinem ständigen Genörgle genervt hat, weil ich schon wieder rauche, hatte ich nicht eben gerade geraucht? Ja. Und?!?
Heuer streiten wir ersatzweise darüber, dass ich zu oft vor dem Computer sitze und sonntags immer arbeite, ja, Entschuldigung, damit verdiene ich nun einmal mein Geld. Und darüber, dass ich abends vor dem Einschlafen keine Filme sehen will, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, eigentlich will ich überhaupt nie mehr Filme sehen, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, weshalb ich auch in Zukunft von dem Wissen ausgeschlossen sein werde, wofür genau Christoph Waltz den Golden Globe bekommen hat. Ich möchte lieber nur noch warmherzige, gutgläubige Filme sehen wie Woody Allens "Whatever works", der sich in jede aufgelegte Pointe schmeißt und sich darin wälzt, wie eine verspielte Sau in einem warmen Schlammloch, was natürlich irgendwie nur bei Woody Allen funktioniert und lustig ist. Und wo am Ende die Schöne den Schönen abkriegt und der Schwule den Schwulen und die Künstlerin zwei Künstler und der Suderant die Nette, und der ist dann sogar so etwas ähnliches wie glücklich.Schön. So will ich das, und natürlich hat der Lange nur gesudert, wie wir wieder aus dem Kino raus sind, kein Geballere nichts, aber ich habe gar nicht hingehört.
„Wann immer jemand in unserem Haus die Stimme erhebt, wird alles gestoppt, egal was wir gerade machen. Time-Out sage ich. Du hast etwas auf dem Herzen, nimm dir ein paar Minuten und rede mit mir.“
So ist das bei uns nicht. So ist das, jedenfalls berichtete das André Agassi kürzlich dem Kurier, bei den Graf-Agassis in Las Vegas. Wenn in unserem Haus jemand die Stimme erhebt, kommt gleich einer gelaufen und brüllt mit, um auf diese Weise seinen eigenen Ärger über was auch immer loszuwerden. Zu Spitzenzeiten brüllen vier Leute gleichzeitig.
Tagesanbrüche haben eine gute Anlage, Spitzenzeiten zu sein, wobei meistens ich die erste bin, die ihre Stimme erhebt, denn nach all den Jahren kapiert meine Familie noch immer nicht, dass, wer dauerhaft mit mir auskommen will, mich frühmorgends nicht anspricht. Nicht ansingt. Nicht einmal anschaut. Nicht seinen Kakao auf mein Kissen schüttet. Sich nicht darüber beschwert, dass in seinem Adventkalendersackerl schon wieder die ganz falschen Pickerl drin waren. Von mir keinen launigen Kommentar zu dieser abseitigen Zeitungsmeldung oder zur Lage der Nation erwartet. Mich nicht aus der Dusche holt, um mir eine voll lustige Stelle aus dem neuen Lottmann vorzulesen oder mich einen Gürtel suchen zu lassen. Mich nicht fragt, was ich abends essen oder kochen will. Mit mir nicht über die Autoversicherung spricht, die Gasrechnung oder einen Heftumschlag, den ich jetzt gefälligst endlich besorgen soll. Mich keine Fäden einfädeln lässt und mich nicht um Hilfe bei Häkelarbeiten bittet. Mich nicht anmotzt, weil ich schon wieder das ganz falsche Gewand herausgelegt habe und Schinken statt Salami in das Jausenbrot tue. Mich nicht fragt, wie viel kalt es heute eigentlich wird oder ob man noch schnell ein Ärzte-Video auf Youtube anschauen darf.
Auf all diese Dinge reagiere ich ab, sagen wir, elf, aufgeschlossen und gelassen, doch wer in der Früh gegen mehr als zwei meiner Gebote verstößt, muss mit einer Dezibel-Erhöhung rechnen, angesichts derer man bei Agassis sofort die Cops rufen würde. Natürlich ist das meiner rücksichtslosen Brut völlig wurscht und man lässt mich unter vier Verstößen und ohne Gebrüll keinen Tag beginnen. Dankeschön. Aber so ist das bei uns eben. Und bei uns läuft es auch nahrungsaufnahmetechnisch etwas anders als bei Agassis, wo Steffi, so erzählt André, streng auf Ausgewogenheit achte. „Die Kinder dürfen nach einer Pizza nur Proteine und Gemüse essen. Zwei Kohlehydrate-Mahlzeiten hintereinander sind nicht erlaubt.“ Ja, du. Und ich bin sicher, wenn Steffi ihre mütterliche Autorität verströmt, hat das auf ihre Familie die vorgesehene Wirkung. Auf meine nicht, aber daran werde ich jetzt arbeiten, denn auch meine Nullerjahre sind jetzt vorbei, ja, definitiv. Wünschen Sie mir also bitte ein schönes, erfolgreiches, respektgeladenes neues Jahr voller friedlicher Morgen im Kreise einer liebenden, kuschen Familie, ich wünsche es Ihnen auch.
Nachdem die Kinder tagelang kränkelten und von ihren erwerbstätigen und/oder ebenfalls kranken Eltern nervenschonend vorm Fernseher gelagert wurden, konnten wir live und vor Ort den Einfluss elektronischer Medien auf den Familienalltag überprüfen. Denn leider macht das Kinderfernsehen die Kinder nicht nur pflegeleicht und gusch, sondern auch klüger, nicht immer im Sinne der Erzeuger. Im inkriminierten Fall entlud sich die neue Kinderklugheit in einer morgendlichen Konversation zwischen einem der Mimis und dem Langen.
Der Lange „Zieh dir bitte die Jacke an.“
Das Mimi: „Glaheich.“
Der Lange: „Jetzt!“
Das Mimi: „Du hast mir gar nichts zu sagen, du hast ja nicht einmal ein Sorgerecht.“
Die Mutter, vom Langen mit einem irritierten Blick beworfen: „Ich kann nichts dafür, das hat sie aus dem Fernsehen“. Hatte sie, Kindernachrichten, Thema EU-Sorgerechtsvereinheitlichung. Das hatte Fragen aufgeworfen. Die wahrheitsgetreu beantwortet worden waren.
Andere haben jetzt was aus dem Radio, den Frenk Lebel nämlich, den FM4 jetzt löblicherweise doch spielt, nachdem ich die FM4sche Ignoranz in der letzten Kolumne bitter beklagte. Bravo, sage ich jetzt und lasse mich von diesem Erfolg natürlich sofort dazu verleiten, hier weitere unerbetene Vorschläge zu machen. Was den FM4lern sicher ungefähr so taugt wie mir, wenn einer, wie am Sonntag im phil, mit einer CD am DJ-Pult erscheint, die er bitte jetzt gern gespielt haben möchte. Tschaulitschau, baba und tschüss. Aber anhören kannst du es dir wenigstens. Nein! Jetzt nicht! Immerhin ergings mir besser als dem Kollegen R. denn der Kerl verzog sich murrend, während beim R. ein adäquater Vorgang damit endete, dass der Kerl dem R. die Pappn panierte. Das war aber auch im Flex, nicht im phil: im phil wirkt noch die Kraft des Wortes: Zupfst du dich jetzt bitte? Pfff, na gut. Danke, ich muss jetzt nämlich noch einmal "America" von Simon & Garfunkel spielen, ist gerade mein Lieblingslied. Ja, lacht doch, ist mir powidl.
Kraftderwortemäßig hat dann auch die Laokoongruppe am Sonntag hervorragend live ins phil gepasst, eine meiner diesjährigen Heimspiel-Lieblingsbands. "Walzerkönig", bitte! Unfassbar großartige Nummer. Gehört auf FM4 täglich zur Stoßzeit gespielt. (Jaja, ich zupf mich eh schon.) Habe ich auch letztens im rhiz wieder aufgelegt, leider vor praktisch leerer Hütte, denn Eugene Chadbourne hatte sein zweieinhalbstündiges Solo-Set gerade mit einer eineinhalbstündigen Banjo-Session beendet. Ein sehr höflicher Mensch, der Herr Chadbourne und ein kraftvoller Performer, solange er nur die Finger vom Banjo lässt. Danach hab ich den "Walzerkönig" gebraucht wie die drei Liter Grünen Tee gegen den Kater anderentags. Den "Walzerkönig" schaut man sich erst auf Youtube an (großartiges Video von Adnan Popovic und dann noch "Komm und tanz mit mir" und dann rennt man sofort los und kauft die CD. ("Walzerkönig", konkord). Schon, um den Gröbchen ein bisschen zu ärgern, aber das verstehen Sie jetzt nicht.
Haemmerli lässt schöne Grüße aus Taipeh ausrichten und dass er, bitteschön, natürlich schon wegen den Minaretten abgestimmt hat, brieflich, im voraus. Er macht schließlich auch immer noch das Abstimmungsportal votez.ch, das die Leute dazu bewegen soll, ihr Abstimmungsrecht in Anspruch zu nehmen, auch wenn ihnen die direkte Demokratie grundsätzlich eher am Arsch vorbei geht. Weil was passiert, wenn sie das bei zu vielen tut, hat man ja vorletzten Sonntag gesehen, an dem Haemmerli selbstverständlich so abgestimmt hat, wie ich es ihm unterstellt hatte. Weil Haemmerli fürchtet sich vor praktisch nichts, und sicher nicht vor ein paar Muslimen, die ihre Religion ausüben wollen.
Ich finds ja auch auch kindisch, dass nun gleich ein paar Lustige auch alle Kirchtürme niederreißen wollen, wo samma denn, müssen jetzt alle gleich sein? Und darf jetzt niemand mehr einen Vogel haben? Ob das ein religiöser ist oder ein kultureller ist ja eigentlich wurscht, solange mich niemand zu bekehren versucht, sei es jetzt zum Islam oder zu Ja, Panik. Soll jeder glauben, an was er will. Mir ist ja auch diese Hysterie wegen Scientology eher unerklärlich, weil wenn du mich fragst, richtet ein Bischof Küng mehr Unheil an als ein Titan Cruise, und Cruise ist wenigstens ein guter Schauspieler. Soll doch jeder glauben, was er will.
Apropos Ja, Panik, wenn ich etwas empfehlen dürfte, dann wäre das die neue Rotifer, „The Children on the Hill“ (monkey), wenngleich ich dem Rotifer jetzt einmal dringend davon abraten möchte, die Plattencover auch künftig selber zu gestalten. Man muss nicht alles können, und wenn einer so spitzenmäßige Songs schreibt und vorträgt (live vor allem, man muss den Rotifer unbedingt live sehen), dann muss er nicht zwingend auch ein großer Maler sein. Haemmerli möchte ich zum Beispiel lieber nicht singen hören. Und das neue Rotifer-Cover ist zwar lieb, verführt das interessierte Publikum aber doch sehr dazu, das Werk mit einer Kinder-CD zu verwechseln. Was schad wäre.
Und weil Weihnachten ist, gleich noch eine Lobpreisung eines local hero: den FM4 nicht spielt, weil er für dort zu kommerziell sei (was zB bei Julian Casablancas oder MGMT kein Problem darstellt), und Ö3 nicht, weil zu underground. Beides ist eine totale Schande, weil Frenk Lebel Songs schreibt, die man sowohl da wie auch dort gerne hören würde, weil warum: Sie sind großartig. Zeitlos und großartig. Man kennt hierzulande nicht viele, die das Talent haben, so komplexe Ohrwürmer zu komponieren wie Frenk Lebel, und das muss natürlich, wir sind hier in Austria, sofort abgestraft werden. Da kann einer was? Das geht ja gar nicht. Ich erlaube mir hiermit wieder einmal, einen ausdrücklichen Anhör-Befehl zu erteilen: Frenk Lebel: Poems, Contradictions. (Halleluya, Hoanzl). Man kann das auch herumschenken, genauso wie den Rotifer; beides passt auf jeden Fall.
Das passiert, wenn man sich nicht an die eigenen Regeln hält. Aktuell diese: Nie die Kinder mit ins Restaurant nehmen. Was auch hier wiederholt in missionarischer Absicht postuliert wurde. Am Samstag verstießen der Lange und ich dagegen und gingen mit ihnen – aus!nahms!wei!se! Und nur weil ihr euch immer beschwert, dass wir euch abends nie mitnehmen! - zum ersten Mal seit zwei Jahren oder so abends ins Restaurant.
Der Tisch war auf sieben reserviert. Um zehn nach sieben bettete eins der Mimis – das eine, das man sonst nur unter Einsatz schwerster, mit der Menschenrechtskonvention nicht konformen Drohungen gegen halb neun oder neun ins Bett bekommt – sein schweres Haupt auf selbigen und flüsterte matt, es sei entsetzlich müde und würde gern nach Hause und zu Bett gebracht werden. Hallo?! Geht’s noch? Um viertel nach sieben fragte das andere, ob wir sie eigentlich in böser Absicht mit in ein Restaurant nahmerten, in dem es für ein Kind absolut nichts zu essen gibt? Um zwanzig nach sieben hatten wir uns mühsam auf Nudeln mit Tomaten und auf Ravioli mit nichts geeinigt. Um fünf vor halb acht fragten sie, ob es für uns ok wäre, wenn sich die Schuhe auszögen und sich zum Schlafen auf die Bank legten. Nein! Ist es nicht! Um eins nach halb acht zwang ich ihnen die Nintendos auf, die ich eigentlich nur als allerletztes Notprogramm eingepackt hatte und dann saßen sie uns mit abgewandeten Blick gegenüber und ließen ihre Daumen sprechen.
Dafür warfen uns Leute am Nebentisch genau die Blicke zu, die wir Leuten wie uns früher vom Nebentisch aus zugeworfen haben: Was sind denn das für welche, die ihre armen Kinder abends mit in ein Restaurant zwingen und sie dann deppert Nintendo spielen lassen? Nie was von Babysittern gehört?
Zweiter Fehler: Dazu auch noch technisch anspruchsvolles Essen bestellen, mit dem man dann nicht weiß wie umgehen. Ist das die Art Artischocke, die man Blatt für Blatt auszuzelt oder isst man die mit Messer und Gabel? Dieser Stiel: Ist der Deko oder essbar, und blamiere ich mich mehr, wenn ich ihn esse oder wenn ich ihn nicht esse? Ich aß ihn nicht und blamierte mich mehr, denn der war natürlich, wie ich beim abservieren lernte, das Beste an der Sache. Selbstverständlich aßen die Leute am Nebentisch ihre Artischocke mit bravouröser Eleganz und in der richtigen Reihenfolge und es rutschte ihnen auch nicht das Besteck zweimal in die Buttersoße. Ja, danke. Noch ein Fass Wien bitte. Und der Wildschweinbraten war fantastisch, aber ich kann nicht mehr. Die Mimis hatten derweil ihre Jacken angezogen und warf uns von unter den Kapuzen stabil vorwurfsvolle Blicke zu.
Um neun waren wir draußen. Und sollte ich es wieder vergessen, erinnert mich bitte daran, dass wird die Kinder erst wieder mit ins Restaurant nehmen, wenn sie uns einladen. Und das wird teuer, ich schwöre bei Gott.
Was jetzt? Ich weiß nicht. Die letzte Woche war: Ich weiß nicht. An vielen Orten gewesen. Jägerschule, Prater-Schihütte, Büro, Hold, Laternenfest, Annas Sofa, Polly Adlers Sofa, Kunsthalle, Bett, Internet, Roter Elefant, Folio-Fest, Millis neuer Küche, Wetter, Novelli und hinter den Plattentellern vom phil. Mit vielen interessanten Leuten geredet oder leider nicht, aber ich weiß nicht. Das führt mich wieder nur geradeaus in eine Faustwatsche des Kollegen Dings, der mich rügt, dass ich neuerdings nicht einmal mehr die elementarsten Regeln des Kolumnismus berherzige, nichts als verschwommene Andeutungen, deppertes Namedropping, lose Enden und narrative Sackgassen, aus denen sich der Leser dann genervt wieder auf den Rückweg machen muss, und du kommst dabei im übrigen ziemlich unsympatisch rüber. Ja. Weiß ich. Aber wenn das nun einmal mein Leben ist?
Dann erfinde dir ein besseres, nein: erfinde mir ein besseres, ein schachtelsatzfreies, mit einer Struktur und guten Pointen an den richtigen Stellen, ist mir völlig powidl, ob das gelogen ist oder wahr. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Erst einmal frühstücken. Und an etwas Schönes denken.
Schön ist zum Beispiel das Wetter. Also das neue Lokal am Yppenplatz, von Lea Redolf und Raetus Wetter, vormals Expedit. Dort stimmt alles so wunderbar (bis auf den, so die Mimis, höchst beklagenswerten Umstand, dass es zur Weißwurst kein Ketchup gibt), ich könnte dort tagelang versacken, was allerdings elementar damit zusammenhängt, dass man sich, nachdem man eine von Wetters Appenzeller Käsefladen gegessen hat, stundenlang nicht mehr rühren und gerade noch den Arm zum Verdauungschnapsordnern lupfen kann.
Wien wird ja augenblicklich von einem Bobo-Wettrüsten in Atem gehalten: Brunnen- oder Karmeliterviertel? Wo gibt es die lässigeren Lokale, die besseren Marktstände, das Slow-Food-Futter, die Bio-Artischocken, die selbstgepupsten Marmeladen, wo wohnen die cooleren Promis? Seit der Wetter das Wetter eröffnete, steht es 103 zu 102, wenngleich ich am Yppenplatz jetzt nur einen toten Schriftsteller weiß und am Karmeliter-Platz drei lebende; dafür am Yppenplatz viel mehr Musiker, und zwar von den guten; einer tauchte im Wetter auf, als ich gerade drohte, ob der Last der Käseflade unter den Tisch zu rutschen.
Überhaupt kannte ich im Wetter die halbe Gästeschaft, was Neo-Phobiker wie ich zu schätzen wissen, die vor Neuem scheuen und es gerne haben, wenn alles vertraut ist, wenn alles so bleibt wie es ist und es eine Woche oder drei immer das gleiche großartige Essen und den gleichen fantastischen Song gibt, die nie den Mann wechseln und sich die perfekte Jeans gleich dreimal kaufen. Die Pointe für den Dings wäre jetzt, dass sich das mit den Jeans bewährt hat, weil mir noch am Samstag, vermutlich käsefladeninduziert, das Hosentürl platzte, und es wäre zudem original wahr, aber das ist mir zu aufgelegt, sorry, echt nicht.
10.11.09
Den Teil mit der Parkbank lasse ich vielleicht aus
Nur Stunden, was heißt, Minuten nach Erscheinen der letzten Kolumne erhielt ich ein freundliches Mail vom freundlichen Herrn Stermann, in dem er mir freundlicherweise folgendes schriftlich bestätigte: Ich war definitiv nicht gemeint. Mit dieser angeflaschelten Journalistin mit der Zauselfrisur. In diesem seinem Anzengruber-Sauftext. Das beruhigte mich ungemein, und ich ließ es in diversen Internet-Foren und Live-Gesprächen nicht unerwähnt, bis selbigen Abends kurz vor Mitternacht bei der Viennale-Abschlussparty, als ich, nachdem ich auch dort mehrere Menschen, die nicht danach gefragt hatten, über Stermanns Quasi-Freispruch informiert hatte, auf dessen Kumpel Grissemann traf, der irgendetwas sagte wie: Ha ha, so so, aber der Stermann hat mir gesagt, dass er beim Schreiben speziell an dich gedacht hat, doch, hat er.
Ich sagte: Sagamal, Grissemann, findest du eigentlich, dass ich eine versoffene Funzen bin?, und verließ die Viennale-Party, ohne Grissemanns Antwort abzuwarten, mit einem schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand. Dann hätte mich Grissemann eigentlich um vier Uhr früh schlafend auf einer Parkbank betreten sollen, aber ich ließ diesen Teil angesichts der frostigen Temperaturen lieber aus, sonst wäre ich jetzt erfroren und könnte diese Kolumne nicht schreiben. Und ich könnte nicht den Deutschen und ein paar Korrektoren dieser Stadt erklären, dass es sich, wie mir das Österreichische Wörterbuch schriftlich und hoffentlich stabil unwiderlegt bestätigt, beim Ausdruck „betreten“ um altes Wiener Amtsdeutsch handelt: Das ich mir letztes Mal herauskorrigieren habe lassen, weil das, falls es überhaupt existiere, kein Schwein verstehe, wie mir wiederholt versichert worden war.
Aber auf Versicherungen gebe ich sowieso nichts mehr. Man hat ja gesehen, wie viel sie wert sind. Vielleicht lässt sich die ganze peinliche Angelegenheit aber doppelt profitabel verwerten, als ich ja erstens in der göttlichen Position bin, jede mir widerfahrende Demütigung unmittelbar in bares Gerstl verwandeln zu können. Zweitens kann sie als Beweis dafür herhalten, wie ungemein rockbitchig ich im Grunde meines Herzens eben bin, also voll im Trend, wenn man sich die ganzen angejahrten Damen mit 1.-Bezirk-Strähnchen-Frisuren und voll hoaten Preis-auf-Anfrage-Motorradjacken so anschaut, die gerade überall auf cool aus der Zeitung äugen; Oida. Oder auf den Covern eigener Magazine ihre bislang mühsam unterdrückte ur-oage-Rockerbrauthaftigkeit mithilfe eines Visagisten, einer Stylistin, einer Chanel-Bikerjacke und eines professionell gestylten 300-Euro-Zauselkopfs auch endlich einmal freilegen dürfen. Eh nur diese Saison, fürs Frühjahr hat Stella McCartney Blümchen und Rüschen verordnet. Dann verräumen die Bankergattinnen die Lederjacken im Schrank und föhnen wieder; nur ich, ich bin immer noch zerzaust.
Leider sehe ich mich gezwungen, folgendes zu verlautbaren: Ich bin nicht die „Journalistin“ in Dirk Stermanns „Bottle-in-a-Message“-Text von vor zehn Tagen im Standard-Album. Ich bin niemand in Stermanns Text, ich komme Gottseilobunddank in dem Text überhaupt nicht vor, auch wenn ich sonst gerne in Texten vorkomme, in diesem: nicht.
Tatsächlich habe ich dem Stermann sofort ein Mail geschickt: „Ha! Lustiger Text! Wurde in der Sekunde zur Temperenzlerin!“, nachdem ich seinen Anzengruber-Alkoholismus-Aufsatz gelesen hatte: Einen von Mitleid unverstellten Blick auf Stermanns unmittelbares Tschecheranten-Umfeld, der dieser Tage bei Czernin in dem Buch „Wir sind gekommen um zu bleiben: Deutsche in Österreich“ erscheint. Jedenfalls sitze ich ein paar Tage später anlässlich einer anderen Buchpräsentation mit der Herausgeberin des Werks, der ansonsten klugen und unbestechlichen Eva Steffen im Jin´s, als sie mir über die Tafel hinweg zuruft, sie habe jetzt übrigens wiederholt das Gerücht gehört, ich sei die „Journalistin“ in Stermanns Text, stimme das denn. Himmel, Heiliger, Kruzitürken, nein, das stimmt natürlich nicht!Allein dafür, dass du das fragst, müsste ich dich schon verklagen, Steffen!
Die Journalistin in dem Text ist, wer ihn noch nicht gelesen hat, eine Post-40erin mit zerzausten Haaren, die im Anzengruber abwechselnd Rot- und Weißwein trinkt. Im Laufe der Geschichte tritt sie an Stermanns Tisch, um ihn zu fragen, ob er glaube, dass sie eine versoffene Funze sei, verlässt dann mit einem „schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand“ das Lokal und wird später von Stermann schlafend auf einer Parkbank betreten. Ganz langsam, zum Mitschreiben: diese Frau hat mit mir nichts gemein als das ungefähre Alter und an schlechten Tagen die Frisur. Ich mische keine Weinsorten, ich bin so gut wie neverever im Anzengruber anzutreffen, ich schlafe nicht auf Parkbänken, ich schleppe keine Männer ab und ganz gewiss keine dünnen, und ich bin, soweit ich weiß, auch nicht die direkte Nachfahrin eines „ranghohen Sozialdemokraten aus dem Burgenland“, wie Stermann ausdrücklich schreibt. Also ich glaube, das ist jetzt geklärt, Steffen. Meinen Ruf ruiniere ich mir nämlich, wenns Recht ist, immer noch selber.Und ich bin in Wirklichkeit eine nette - ja: nett, in seinem ganzen, diffamierten Wortsinn - dezente, diskrete, schüchterne und im Grunde langweilige Person, die jetzt gleich noch ein Scheitchen ins Feuerchen werfen und ihren Liebsten ein Süppchen kochen wird
Aber es war überhaupt eine ziemlich lausige Woche. Ich zankte mit Hans Hurch über die Bedeutung des Wortes „Gala“, kam nur einmal zum Schwimmen, verlor meinen Kalender, und als der Lange nach fünf Tagen Halligalli aus Istanbul zurückkam, legte er sich sofort drei Tage mit Husten ins Bett. Wenns diese Woche ein bissl lustiger wird, hätte ich im Prinzip nichts dagegen.
27.10.09
Insofern wäre es nur gerecht, wenn wir auch Läuse hätten
Zwei Tage, nachdem der kleine Dings bei uns war, mit den Mimis eine Kissen-und Jackenburg zum Hineinköpfeln gebaut, sich mit ihnen in alle Decken eingewickelt, über jeden Teppich gewälzt und dann mit beiden Mimis in einem Bett übernachtet hat, informiert mich sein Vater am Telefon darüber, dass der kleine Dings Läuse hat. Hallo, das ist einmal eine gute Nachricht, speziell an einem Tag, an dem mir der Lange gerade aus dem 15. Stock eines Luxushotels in einer künftigen Kulturhauptstadt am Meer eine SMS geschickt hat, um die grandiose Aussicht und den vorbildlichen Zimmerservice zu loben.
Warum bin ich nie tausend Kilometer weit weg, wenn dergleichen passiert? Weil ich immer da bin. Ich sollte viel öfter verreisen. Haemmerli zum Beispiel habe ich schon seit mehr als einem Jahr nicht gesehen, ebenso die anderen Zürcher Spezis. Und in Berlin war ich auch schon ewig nicht, wieviele Jahre war ich bitte schon nicht mehr in Berlin? Und habe ich schon mal bei Pia in Paris besucht? Habe ich nicht. Du kannst schon einmal das Gästebett herrichten, Pia, ich komme jetzt. Ich muss vorher nur noch alle Textilien in der Wohnung bei 60 Grad waschen, alle Teppiche tagelang auf den Balkon hängen, alle 200something Kuscheltiere in luftdicht verschlossenen Müllsäcken am Dachboden verstauen und alle Mimis mit scharfzinkigen Nissenkämmen zerkratzen. Dann komm ich aber sofort, Pia, verlass dich darauf.
Aber es hülfe eh nichts. Wenn ich einmal 1000 Kilometer weit weg bin, sprechen die Kinder ihr erstes Wort, machen ihren ersten Schritt, verlieren ihren ersten Zahn, haben endlich genug von der Bernhard-Fibich-CD, schießen ihr erstes Tor oder spielen erstmals fehlerfrei „Stairway to Heaven“. Wenn der Lange weg ist, bekommen sie Scharlach, fallen vom Hochbett, schlagen sich Zähne aus, verlieren ihr Lieblingskuscheltier, ihren Impfpass oder ihr Fahrrad und bringen, ich wette darauf, ihren ersten Fünfer heim. Und ihre erste Geschlechtskrankheit, irgendsowas. Sowie ihre ersten Läuse.
Natürlich sind wir eh priviliegiert. Alle anderen hatten schon Läuse, beziehungsweise: hatten schon oft Läuse. Auch die Horwaths, mit der Verschärfung, dass nicht nur der kleine, sondern auch der große Horwath Läuse hatte, was beim Horwath seiner Frisur, also dem, wasvom Horwath seiner Frisur noch übrig ist, original in der Kategorie der echten Wunder resortiert. Insofern wäre es nur gerecht, wenn wir jetzt auch einmal Läuse hätten, ja, tatsächlich sind Läuse bei uns überfällig, wie schaut das denn aus, wenn wir als einzige nie welche hatten. Und es ist ja eh schon wurscht, jetzt wo ich eh schon jedes Stück Heimtextil in geradezu lehrbuchmäßiger maternaler Präventiv-Hysterie gewaschen habe; meine Oma selig wäre mächtig stolz auf mich. Zürich, Berlin, Paris habe ich mir jedenfalls verdient; weil wann krieg ich schon einmal etwas umsonst: nie.
Ich will nichts mehr hören. Keiner von euch braucht deppert herumzutstsen, weil: IHR seid Schuld. Und IHR wart auch letztes Mal, bei der weihevollen Schalko-Buchpräsentation im Rabenhof Schuld, denn einer von EUCH hat mir jedes Mal, wenn ich gesagt habe: HEIM! JETZT!, noch einen Spritzer hingestellt, einer geht ja immer noch, und das ging, typisch Rabenhof, auch diesmal wieder so lange, bis die Grenze der Vernunft spürbar überschritten war. Und am nächsten Tag konnte ich dann im Blumenau-Journal ein Gespräch nachlesen, das ich bis zu diesem Augenblick vollständig vergessen hatte, woran IHR Schuld seid, und wenn Blumenau behauptet, ich hätte geschrien (und ich habe allerhöchstens milde gebrüllt), dann seid auch IHR daran Schuld, keine Frage, also ich will kein ts ts hören, still jetzt.
Außerdem ist nun alles besser. Ich habe am Wochenende auf den Fluss geschaut und bin im Wald marschiert. Ich habe eine komplette Staffel von „The Wire“gesehen. Ich habe entgiftet, gekocht, geräumt und dabei die neue Goldenen Zitronen gehört. Ich habe mir überlegt, wie es möglich ist, dass zwei CDs wie die neue Distelmeyer und die neue Goldenen Zitronen gleichzeitig erscheinen können, und trotzdem halten alle Distelmeyer für einen großen Dichter, ja: den Dichter der Stunde. (Entschuldigen bitte, der Mann ist nackt, und ich erlaube mir, das dem Chor der geblendeten, bäuchlings sabbernden Bewunderer zuzurufen: NAHACKT! Aber auf mich hört ja sowieso keiner. Ist ja jedem wurscht.) Immerhin die zweite Nummer, die mit dem Hass, die rockt ganz gut beim Auflegen. Also, wenn man es schafft, den Text zu ignorieren. Was bei den Zitronen nie nötig ist, niemals.
Jedenfalls war das Wochenende im Vergleich zur Vorwoche mönchisch, also ich würde fast sagen: eine Form der Meditation. Wenngleich das Besuchskind, das mit uns am Land war, zuhause schon etwas zu erzählen hat, nämlich wie laut der Lange und ich uns anbrüllen können: DAS, Blumenau, war laut, ungefähr so laut wie ein sehr großer Traktor mit einem mit Stahlrohren beladenen Anhänger, wenn er in einem Tunnel über große Steine rumpelt. Der Grund für das Gebrüll steht in so krassem Gegensatz zu meinen einleitenden Worten, dass ich mich nicht in der Lage sehe, ihn hier auszuführen, aber, wirklich, wer bitte stellt einem Kater Futter in einem handbemalten Schüsserl aus einer urseltenen, nur in Vorarlberg gebräuchlichen und dort in Museen konservierten Porzellanserie, welche die Frau seit Jahren mühsam zusammenschnorrt und -sammelt, vor die Haustür, so dass das nächstbeste Kind zuverlässig hineinsteigt? Der Lange, wer sonst. Drei Kinder standen in der Küche und hielten sich die Ohren zu, und die Besuchskindeltern haben diese Woche wieder einiges zu tstsen. Und was lernen wir daraus? Wurscht, wie ich lebe, getstst wird sowieso immer, eh egal, ich geh jetzt schwimmen.
Jetzt schickt mir Sedlacek jede Woche ein SMS des Wortlauts: du bist super. Immer: du bist super, alle paar Tage. Seit ungefähr acht Wochen geht das so. Ich habe noch kein einziges Mal darauf geantwortet, was einen normalen, sensiblen Menschen vermutlich an der Effizienz der gewählten Strategie zweifeln ließe. Allerdings handelt es sich beim Absender um Sedlacek, deshalb rechne ich noch mit weiteren acht, zehn, zweiundzwanzig gleichlautenden Nachrichten. Die ich ebenso ignorieren werde.
Das Nachtragendsein gelingt mir bei Sedlacek, das fällt mir auf, jetzt immer besser und besser als bei anderen: Was aber möglicherweise im Kontext damit steht, dass ich mir Sedlaceks damaliges Arschloch-SMS noch immer jederzeit vergegenwärtigen kann, und es regt mich noch immer mörder auf, und der Trottel hat sich noch immer nicht dafür entschuldigt. Das wiederum dürfte unmittelbar damit zusammenhängen, dass Sedlacek zwar niemals vergisst, wie ihn einer, zum Beispiel der Hofer Pepi in der zweiten Klasse Volksschule, nicht von seinem Käsbrot hat abbeißen lassen, oder dass ich ihn zu seinem 36. Geburtstag nicht beschenkt, ja nicht einmal angerufen habe, weil ich in boshafter Ignoranz gerade in den Wehen lag oder derlei. Anderseits vergisst er schon circa übermorgen auch die ungeheuerlichsten Untergriffe, die miesesten Frechheiten, die ihm anderen gegenüber ausgekommen sind, ja er erinnert sich nicht einmal an die wirklich gezielten, mit äußerstem Vorsatz auf das zumeist amikal gesonnene Gegenüber abgeschossenen Treffer. Wahrscheinlich, weil es funktioniert; die meisten Menschen halten Sedlacek für nicht hundertprozentig zurechnungs- und somit auch nicht für satisfaktionsfähig, und sehen ihm seinen periodischen Arschlochismus mit der Generosität der Gescheiteren nach. Habe ich auch gemacht. Mache ich nicht mehr. Fertig, da brauchts jetzt einmal ein bisschen mehr, der soll jetzt einmal etwas lernen.
Nach ein paar mit der charakteristischen Sedlacekschen Zärtlichkeit formulierten wasistjetzts, warumspinnstdennduschonwieders und zicknichtimmersoherums seinerseits ließ ich ihn meinerseits kurz wissen, dass seine penibel ausformulierte Kränkung durchschlagenden Erfolg gehabt habe und er nun bitte mit den Folgen leben soll. Und genau wie ichs erwartet habe, kroch Sedlacek keineswegs zu Kreuze, sondern schickte eine patzige, völlig verständnislose SMS zurück, dass er keine Ahnung habe, wovon ich da rede. Das soll der jetzt einmal ohne meine Hilfe herausfinden. du bist super. Meine Güte.
Die Frage ist, wer an so einem Sedlacek Schuld trägt. Ich sags ungern, aber ich verdächtige seine Mutter. Die hat ihn vermutlich zu lange gestillt oder ihn fürs Deppertsein tüchtig belohnt, in der Hoffnung, das würde aus ihm einen sensiblen, dankbaren Menschen machen. Das hat nicht funktioniert, aber gar nicht.
Der Plan wäre jetzt, ein bisschen fiktionale Distanz zwischen diese Kolumne und meine Wirklichkeit zu legen. Es wird auf die Dauer langweilig, wenn es jedes Mal, wenn ich was erzählen will, heißt: Weiß ich schon, hab ich schon gelesen. Plus werde ich immer harmoniesüchtiger und sehe nicht mehr so gern die hochgezogenen Augenbrauen von Leuten, die nicht darum gebeten haben, ihre privaten Angelegenheiten im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wiederzufinden.
Vielleicht sollte ich es machen wie Rubinowitz, der es macht wie Lottmann und ein paar reale Personen in ein paar fiktive Situationen schicken, aber ich glaube, ich mag Lottmann nicht. Also jetzt als Schriftsteller, privat kenne ich ihn ja nicht, obwohl es natürlich ein erster Schritt wäre, hier zu behaupten, ich sei letztes Jahr mit Lottmann und Rubinowitz aus dem Meinl am Graben geworfen worden und mit lebenslangem Hausverbot belegt worden, weil Lottmann und Rubinowitz sich dort in meinem Beisein einen Faustkampf mit Spucken und Tellerwerfen geliefert hätten. Und ich hätte einmal mit Lottmann in Darmstadt Rainald Goetz getroffen und wir hätten im Landgraf Ludwig VIII ein Hirschragout zurückgehen lassen, bevor wir im Nachtcafé-Club gemeinsam die Glieder schüttelten. Wäre aber eben ein peinlicher Abklatsch und überdies ein Schritt in die falsche Richtung; da will ich nicht hin, dort gefällt es mir nicht.
Und vielleicht kann ich ja überhaupt nur Wirklichkeit, vielleicht ist mir das Talent der Dichtung gar nicht gegeben. Aus der Wirklichkeit der letzten Woche, als ich auf einer Hochzeit beschimpft wurde, wäre noch etwas nachzureichen: Denn den Kerl hätte ich, so erklärten Braut wie Bräutigam hinterher, ruhig tüchtig zurück beschimpfen, ja von ihnen aus gerne auch mit der einen oder anderen Tätlichkeit bedenken dürfen; offenbar hätte es keinen Falschen getroffen. Und ich war wohl auch bereits der fünfte oder sechste Hochzeitsgast, der sich über den Herrn beschwert hatte. Hätte ich gern gemacht; zu spät. Aber ich habe ja regelmäßig im rhiz Gelegenheit, Gäste zu beschimpfen, die meinem Musikgeschmack erstens reserviert gegenüberstehen und das zweitens nicht für sich behalten können. Der Lange ebenfalls: Wobei ich mich frage, wie der auflegt, wenn ich nicht dabei bin, weil ich ihm letztes Mal von jeder zweiten CD die Titel vorlesen musste. „Now I’m a Fool“, welcher Track ist das? Sechs, Schatz. Zu kleine Schrift. Daran denkt die Musikindustrie wieder nicht, dass zahllose Djs bereits fortgeschrittenes Alter erreicht haben und ihre Arbeit in den Clubs und Underground-Lokalen ungern mit einer Lesebrille verrichten. Und, jajaja, ich WEISS, dass ich dir das schon einmal erzählt habe.
Doris Knecht liest am Do, 17.9., 20 Uhr, im Rahmen der unik.at-Vernissage in der Gartenvilla Albertgasse 33, 1080 Wien und legt am So, 20.9. im rhiz auf, live: Glen Meadmore
Anderswo mag eine muhende Kuh als Sinnbild ländlicher Idylle gelten, hier tut sie einem leid. Die Kuh steht mit 30 oder 40 anderen in einem sogenannten Freilaufstall. Den hat die EU den Bauern aus Gründen des Tierschutzes verordnet. Der Stall gehört dem Nachbarbauern, und die Kuh kann dort so ein bisschen herumspazieren. Das könnte sie auch auf einer der unzähligen Wiesen, die dem Bauern rund ums Dorf herum gehören, aber der Bauer fährt lieber mit einem seiner sechs Traktoren auf die Wiesen, mäht das Gras und bringt es der Kuh in den Stall. Bitte, ich bin kein Bauer und will auch keiner sein, aber das kommt mir ein wenig schwachsinnig vor. Plus es führt dazu, dass die Kuh ihr Leben lang nie ein Stück Grün oder Himmel sieht, sondern ihre gesamte Existenz in dem kuhfreundlichen EU-Freilaufstall mit Betonboden verbringt, aus dem ihr Muhen erbarmungswürdig durch das ganze Dorf hallt. Und zwar ab sechs Uhr früh. Die armen Viecher. Die Kühe von dem anderen Bauer vis a vis grasen friedlich auf der Wiese oberhalb von seinem Hof, weshalb der Bauer hier in der Gegend als kauziger Spinner gilt. Das macht hier sonst keiner. Hier siehst du praktisch nie und nirgendwo eine Kuh. Du hörst sie nur.
Nicht mehr lange, wir fahren bald in die Stadt. Es ist Zeit. Ich habe unstillbare Bedürfnisse nach schlechter Luft, Autolärm, Sushi, Schuhen (im Sinne von: Schuhen, die diese Bezeichnung verdienen), speckfreier Kost, meinem Friseur, einem erfolgreichen Shoppingerlebnis, urbanem Halligalli in zwielichtigen Tränken, honigbrotfreien Mittagspausen und einem klimatisierten, Kinder- und Langenlosen Büro. Wir haben uns jetzt neun Wochen am Stück auf einer 24/7-Basis ausgehalten, es war erstaunlich friedlich, und es langt jetzt. Ich will jetzt wieder egoistisch sein, autonom und Marmeladefleckenfrei, mindestens acht Stunden am Tag, dankeschön. Und es ist jetzt auch genug idyllische Natur und Gemuhe und Viecher aller Art: obwohl, die Kinder haben gerade das Angeln entdeckt. Die Pollaks waren da, und der Pollak fuhr mit seinen Buben und den Mimis an den Fischteich, Abendessen fangen. Wir waren ein wenig besorgt, wie die Kinder das Fischeerschlagen wegstecken würden, und als sie zurückkamen, zeigte sich auch tatsächlich eine gewisse Blässe, und zwar um die Nase vom Pollak, dem das überhaupt nicht taugt. Die Kinder dagegen hielten stolz und völlig untraumatisiert ihre selbstgekillten Forellen in die Höh, grillten sie am Feuer, verspeisten sie gewissenlos und schliefen danach gut und tief. Aha. Interessant. Der Lange versucht auch etwas zu fangen, nämlich die Maulwürfe, die unsere Wiese umgraben, wird aber täglich von neuen Haufen ausgelacht. Das macht ihn aggressiv. Und drüben muht noch immer erbarmungwürdig diese Kuh. Und irgendwo kräht jetzt auch noch ein Hahn. Aus, fertig, packts eure Sachen, Kinder, wir fahren in die Stadt.
Die Frage, ob man alle Kinder mögen muss, wird täglich virulenter. Es ist kurz nach neun, draußen auf der Schaukel sitzt der Nachbarsbub, spielt Nintendo und wartet, dass sich einer erbarmt. Wenn sich einer erbarmt haben wird, pickt er bei uns, bis wir ihn abends heimschicken. Es macht ihm nichts aus, wenn Gäste da sind. Er gibt, das sind die Regeln, den Nintendo ab, hält ersatzweise kenntnisreiche Vorträge über Super Mario, Mario Kart undMario Party und erkundigts sich periodisch, wann es endlich wieder etwas zu essen gibt. Wenn es endlich wieder etwas zu essen gibt, nimmt er sich von den acht Marmeladebroten sechs und schöpft er sich drei Mal, bevor die anderen Kinder auch nur einen halben Teller ausgegessen haben. Er sagt nicht bitte und nicht danke, aber vorgestern beim Mittagessen meinte er während der dritten Portion Spagetti Bolognese, dass er so eine Soße bisher nur einmal schlechter gegessen hat, und zwar letztes Jahr im Burgenland. Bei einem niedlichen Kind wäre das möglicherweise, nun ja, niedlich. Der Nachbarsbub ist kein niedliches Kind. Einmal setzte er sich bei uns uneingeladen zum Abendessen und verfiel beim Coq Au Vin in ein derartiges Weah und Würg und dass das die grausigste Soße sei, die er je gegesse habe, dass ich ein wenig ausfällig wurde. Naja, sehr ausfällig, jedenfalls entschuldigte ich mich danach bei ihm. Der Nachbarsbub verzieh mir großzügig und brachte mir andertags ein von seiner Mutter handgeschriebenes Rezept einer anständigen Champignonsoße mit zwei Rindssuppenwürfeln und einem halben Liter Schlagobers mit.
Wenn wir mit den Kindern ins Schwimmbad oder an den See fahren wollen, verschwindet er für zwanzig Sekunden, und kommt dann wieder mit einem Handtuch, einer Badehose und der Information, seine Mutter hätte erlaubt, dass wir ihn mitnehmen, wenn wir gut auf ihn aufpassen. Ob wir Lust haben, ihn mitzunehmen, auf ihn aufzupassen, ihn mit Sonnencreme einzuschmieren und ihm ein Eis und Pommes zu kaufen, interessiert hier niemanden.
Die Mutter erscheint alle vier oder fünf Tage, jeweils kurz nachdem der Nachbarsbub seine drei Mittagsportionen gegesssen hat, um mitzuteilen, dass sie ihrem Buben jetzt etwas gekocht hat. Wir sagen ihr wie immer, dass der Bub schon gegessen hat. Sie sagt, aha, dann geht der Nachbarsbub mit hinüber, um endlich wieder einmal wieder etwas Anständiges in den Magen zu bekommen. Eine Viertelstunde später ist er wieder da. Gestern nutzten wir diese Viertelstunde, um heimlich ohne ihn ins Bad zu fahren. Nach einer halben Stunde ruft die Horwathin an, ob wir schon im Bad sind, sie kommen jetzt auch, fahren danach aber weiter zu einem Heurigen, ob wir bitte den Nachbarsbub vom Bad mit heim nehmen können, der ist nämlich vorhin aufgetaucht und geht sich jetzt nur schnell ein Handtuch und eine Badehose holen. Ich muss die Regeln ändern, sonst geschieht hier eine Straftat.
19.08.09
Ich hätte vielleicht nicht so lange schlafen sollen
Der Nachbar ist fertig mit Wiese sensen, jetzt verputzt er von morgens früh bis Abends spät sein Haus und hat auch damit nichts als Probleme. HUR! Meine Sippe ist schon wieder weg: was, HUR!, ernsthaft schade ist, denn der Besuch war sehr viel netter, als die Wirren der Vorbereitung es vermuten hatten lassen. Zudem festigte er die Kinder in ihrer politischen Sozialisation; denn um eine Verlängerung des Aufenthalts zu ertrotzen, gründeten sie eine Lobby; organisierter Widerstand in seiner unschuldigsten Form, mit Parolen, Plakaten und Sprechchören. Wer so weit fährt, bleibt länger da! Auch Kinder haben ein Recht auf Verwandschaft! Wir! Bleiben! Hier! Sie! Bleiben! Hier! Wir! Bleiben! Hier! Selbstverständlich fiel ich meinen Schwestern in den Rücken, die diese geballte Renitenz hinter ihren Prosecco-Gläsern zu ignorieren trachteten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, nämlich den prognostizierten Regentag zur Heimreise in ihre staubentstellten Häuser zu nutzen: Querulantismus, meine Kernkompetenz bitte.
Das muss man doch unterstützen, rief ich. Entschuldigung, Schwestern, habe ich gesagt, wenn ihr das jetzt abwürgt, könnt ihr euren Kindern gleich das Rückgrat herausoperieren, dann seid IHR Schuld, wenn aus ihnen devote Duckmäuser werden, mutlose, apathische Befehlsempfänger, unfähig, ihren legitimen Forderungen Gehör zu verschaffen! Stimmt!, riefen die Kinder. Wenn ihr ihnen dieses erste gemeinschaftliche Dagegensein, diesen Mut zum Einspruch jetzt zum Misserfolg macht, prägt das ihre Zukunft! Ihr macht sie schwach! Ihr macht sie klein! Ihr macht sie feig! Das könnt ihr doch nicht wollen. Ja!, riefen die Großeltern! Na gut, seufzten die Schwestern. Gib mir fünf!, brüllten die Kinder.
Allerdings hätte ich am nächsten Tag nicht so lange schlafen sollen, denn anders als tags zuvor, als ich, kein Scheiß, um 9.21 Uhr in der Früh von Sektkorkengeknalle meiner Morgenlektüre entfremdet wurde, zwangen sie diesmal, HUR!, ihre Kinder mit brutalen Bestechungmaßnahmen in einen Umdenkprozess, der in allgemeiner Abreise endete. Kinder sind ja so korrupt. Tja, schade, wenn ihr meint. Ja, wir meinen. Ich meinte dann auch, weil die Aussicht, meinen Schwestern einen Regentag lang beim anschwellenden Unrundsein Gesellschaft leisten zu dürfen, machte mir ein wenig Angst. Soviel Prosecco habe nicht einmal ich im Keller. Also stellte ich mich mit den Kindern an die Straße und wir winkten ihnen lange nach. Eins der Mimis weinte sehr, und wurde am Rückweg zum Haus, wohin ich es mit mit mütterlichen Trostworten leitete, auch noch, HUR!; von einer Wespe gestochen. Aber danach, als das Weinen mithilfe einer halben Zwiebel, zwei Packerl Gogos und einem Kinderfilm verebbte, war es: still. Ich lauschte dem Regen, den Birnen, die auf die Wiese platschten, dem Wind in den Bäumen und dem Nachbarn. HUR! Tja.
Die 85jährige Nachbarin aus dem ersten Stock fragt mich, ob sie dem Langen etwas getan hat. Oder ob der Lange sie leicht nicht mag. Nicht dass ich wüsste. Weil immer, sagt die Nachbarin, grüßt sie den Langen freundlich und immer brummt der nur unfreundlich zurück.
Ah ja. Kenn ich schon. Schon wieder nichts Neues in meinem Leben. Der meint das gar nicht so, erkläre ich der Nachbarin, der ist einfach so, der kann nicht anders, das Grummelige liegt dem in der Natur. Wenn der ganz normal aufgelegt ist, wirkt das auf andere so, als sei er auf dem Weg zu einer Bluttat, und wenn er glücklich ist, erkennt man das an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Und das Brummen, das er Ihnen aus dem Gestrüpp seiner Kinnregion schickt, bedeutet: Ihnen auch einen schönen guten Morgen, liebe Frau Weiß, ist es nicht ein herrlicher Tag?
Eins der Kinder hat das auch. Klarer Fall von Vererbung. Grundstimmung: ruppig, muffig, spröde, mit viel Ausbau-Potential ins Saugrantige. Aber sonst sehr lieb eigentlich. Ich weiß noch nicht, wie ich das Kind beim Abreagieren unterstützen soll: Der Lange hat jetzt eine Spitzhacke, aber für eine Siebenjährige ist das suboptimal. Eine Freundin probierts bei ihrem ähnlich veranlagten Kind mit Lach-Yoga, aber ich bin ja eher nicht so yoga-affin. Wenn es bei anderen wirkt, toll; bei mir greift das nicht. Der Lange reflektiert auch wenig auf meditative Selbstkalmierungstechniken, jetzt einmal abgesehen von abendlichen Naturbetrachtungen bei Bier. (Immerhin, dabei entdeckt der Lange viel Schönes: Kinder, kommt schnell, schaut, da drüber ist ein Wildschwein! Wo. Da, da drüben, am Waldrand! Wo. DAS BRAUNE DA, GENAU VIS A VIS, KRUZIFIX! Das ist ein Hund. DAS IST KEIN HUND, SEIDS IHR ALLE KOMPLETT BLIND!? Papa, das ist ein Hund, hörst du, jetzt bellt er. Grummel, brumm.)
Nicht nur aufgrund einer vom Langen strikt ignorierten Sehschwäche begrüße ich es, dass er nun die Spitzhacke als sein neues Lebenswerkzeug entdeckt hat. Viel besser, der Lange reagiert sich mit der Spitzhacke ab als mit der Kettensäge. Man kann sich zwar auch mit einer Spitzhacke weh tun, aber mit der Kettensäge effizienter. Die Kettensäge steht in des Langen Werkzeug-Rangliste jetzt zum Glück auf Platz drei, erstens Spitzhacke, zweitens Danelectro, drittens Stihl, was mich stark beruhigt, weil ich zehndäumige Doppelinkshänder mit rustikalem Charakter und ohne besonderes Talent im Technischen plus Kettensäge für eine relativ erhebliche Gefahr für Leib, Leben, Haus und Garten halte. Mit der Spitzhacke dagegen hat er jetzt schon zwölf Thujen-Wurzeln und einen einbetoierten Zaun aus der Erde gehauen und einen Stein-Weg zum Schuppen gemacht, das tut ihm richtig, richtig gut: Ich sehs an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Wenn wir jetzt noch dem Kind sein Werkzeug finden, werden wir noch eine richtig fröhliche Famile, passts auf.
Fk: Super Mario. Die aktuelle Niederlage im meinem niederlagsreichen Leben. Das kann ich nämlich auch nicht, wie ich Sudoku nicht kann, und den Zauberwürfel nicht. Die Mimis, und das sind die einzigen Konversationen, die wir derzeit mit ihnen führen, versuchen eh, es mir zu erklären: Da musst du hüpfen, das musst du kriegen, da pack es, neeeeiiiiiiin! Wieder keine zwei Leben erwischt, wieder kein Riese geworden, wieder nicht alles niedertrampeln dürfen. Wieder tot. Auch Super Mario ist nichts für mich.
Und Nintendos sind nichts für Kinder: Seit die Mimis je einen besitzen, weiß ich das noch besser. Nintendos sind etwas für Erwachsene, weil die sich nämlich, wie wir schon bei der Mimi-Geburtstagsparty feststellen konnten, in Ruhe alkoholisieren und anderen Erwachsenensachen widmen können, während sich alle Kinder in Trauben um die zwei oder drei versammeln, die auf einem Nintendo herumdrücken. Sie sehen dabei weit weniger intelligent aus, als wenn sie jetzt zum Beispiel eine Sandburg bauen; auch das weiß ich genau, denn davor waren wir mit der ganzen Party-Partie am Spielplatz. Einem kleinen Spielplatz. Die Siebenjährigen stellten sich an den Rand der Sandkiste und sprachen: Entschuldigung, aber was mache ich hier? Du spielst. Du meinst, ich soll da reingehen und mich schmutzig machen wie ein Kleinkind? Das wäre eine Möglichkeit; wir können aber auch Topfklopfen. Die Siebenjährigen starrten mich mit einem Was-will-die-Geisteskranke?-Blick an, weil Topfklopfen, Entschuldigung, babyischer geht’s ja wohl nicht. Rück die Süßigkeiten einfach so raus; und holst du bitte die Nintendos herunter? Nein. Dann gib den Topf her, wir brauchen Wasser, wir müssen den Dings einbetonieren. Bitte gern. Es wurde eine ausgefieselt schöne Sandburg, mit Wassergräben und Türmen und statisch einwandfreien Tunneln, und zwar völlig ohne mein Zutun.
Seit danach sind die Mimis praktisch nicht mehr da: Sie sitzen abwesend auf dem Sofa und sprechen mit ihren Computern. Jetzt geh da! Juchuuu! Scheiße, ich bin schon wieder tot! Es ist beängstigend, aber der Plan geht so: Eine Woche spielen sie, soviel sie wollen, danach brutales Reglement. Selbstverständlich hegte ich die Illusion, dass meine Kinder, meine Kinder nämlich, das Gerät schon nach wenigen Stunden weglegen und bekannt geben würden, das werde ihnen jetzt allmählich zu blöd, sie wöllen nun wieder etwas Kreatives tun. Passiert natürlich überhaupt nicht, und wieso auch, sie entstammen schließlich einer Klein-Dynastie von Computernerds und Süchtlern, denen das Talent zur Mäßigung nicht gegeben ist. Also zum Beispiel ihre Mutter musste sich mit schmerzhaften Schnitten zuerst vom Rauchen und danach vom Facebook abschneiden, weil ein bisschen geht einfach nicht. Es geht nur volle. Bis Mittwoch noch, Mimis. Dann will ich eure Gesichter wieder sehen, auch wenn schmerzverzerrt sein werden.
Der Lange liegt mit dem kranken Mimi im Bett und zeigt ihm am Laptop AC/DC-Videos. Das Kind wirkt so glücklich, wie ich es von unseren Kindern, wenn sie ein AC/DC-Video sehen, erwarte, und will nun doch Gitarre lernen. Das ist gut; denn wenn sie im Herbst Gitarrenunterricht nehmen, muss ich nicht mehr mit dem schlechten Gewissen leben, dass ich meine Kinder vor allem zum Fußball und zum Judo schicke. Statt mich um die Förderung ihres musischen Talents zu kümmern, wie es gute, verantwortungsvolle Eltern tun würden, und zwar egal, ob in ihrem Kind ein musisches Talent verborgen liegt oder nicht. Und ich hätte ja gerne, dass die Mimis ein, zwei und dann vielleicht sieben Instrumente beherrschen, dass sie irgendwann virtuos Klavier oder in einem Orchester spielen können. Aber damit sie irgendwann virtuos Klavier spielen können, müsste ich sie schon jetzt jeden Tag vom Spielen, Fußballen, Balgen und Herumdüsen abhalten, und stattdessen mit ihnen das Instrument üben. Ich finde aber, dass siebenjährige Kinder ihre Nachmittage lieber mit Herumgespiele und sozialer Interaktion verbringen sollen, als mit konzentriertem Lernen und Üben, nur führt es halt wahrscheinlich dazu, dass sie keine Konzertpianisten werden. Allerdings können sie sich von ihrem Vater abschauen, dass es komplett unnötig ist, ein Instrument zu beherrschen oder auch nur singen zu können, um Frontman einer Band zu werden und wiederholt Tonträger zu veröffentlich; ja, dass zu große Kunstfertigkeit am Instrument im Gegenteil den Geist des Rock`n`Roll übel kontaminiert, wie der Lange gerne predigt. Oder hat man am Konservatorium je die Hells Bells erklingen hören? Eben. Es hat alles zwei Seiten.
Weil ich gerade die Zahl sieben erwähnte. Es naht das Wiegenfest der Mimis, und was ist? Am Tag der Feierlichkeiten, die dieses Jahr in einem Freibad stattfinden sollen, ist mit schweren Stürmen und Temperaturen unter zwanzig Grad zu rechnen. Das heißt, dass ich in der Wohnung Platz für ca. 22 Kinder plus ihre Erziehungsberechtigen schaffen muss. Wobei, das geht alles noch, richtig schwierig wird es, dann den heiteren und gelassenen Eindruck zu erwecken, den man von einer alltagsgestählten Mutter während der Party ihrer eh nur zwei Kinder erwartet, und leider sollte sie dabei nicht lallen. Und nicht mir ihrem Lebensgefährten streiten, was sich im Kinderpartystress gerne aufdrängt, wenn der Lange schließlich findet, er habe nun genug geschuftet, sich auf seine seine Kernkompetenz besinnt und mit den anderen Vätern beim Bier lustig plaudert. Die Eltern, die uns davor noch nicht gekannt haben, werden am Heimweg finden, dass der Vater ein heiterer und gelassener Kerl ist, aber die Mutter stresst leider entsetzlich, und hat die nicht gelallt? Die hat doch gelallt! I´m direkt on the highway to hell, aber das ist jetzt auch nichts Neues.
Das Problem mit den Süßigkeitenverstecken im Kinderzimmer hat sich jetzt insofern für alle Zeiten erledigt, als in einem davon eine Fleischfliege ihr Nest gebaut und ein paar Dutzend Eier ausgebrütet hat. Nachdem ich vor den Augen der Mimis ungefähr 40 fette und zum Glück noch nicht komplett flugtüchtige Fliegen erschlug, räumten die Mimis ihre diversen Geheimlager freiwillig aus; zumindest die, an die sie sich noch erinnern konnten. Die Liste der noch anstehenden Erziehungsaufgaben wurde also mit tatkräfitger Unterstützung der Natur um eins verkürzt. Einiges steht dagegen noch aus. Auf der Das-gewöhnen-wir-uns-ab-Seite: Nägelbeißen, Lügen, Stehlen, Zündeln, Jausenvollkornbrote gegen Milchschitten tauschen, bösartiges sams- und sonntägliches Frühaufstehen, scharfkantige Legoteile unter den frisch pedikürten Sohlen der Eltern deponieren, vorsätzliches Hausaufgabenhefte vergessen, Kreischen auf dieser Mörderfrequenz. Auf der Das-lernen-wir-noch-Seite: regelmäßige Betätigung der Klospülung, Händewaschen, Zähneputzen, Gemüseessen, Zimmeraufräumen, Befehlebefolgen, mucksmäuschen still am Rücksitz sitzen und die vorbeifliegende Natur bewundern, den guten Eltern stets dankbar sein.
Aber nicht nur die Fauna unterstützte die Erfüllung von Elternwünschen, auch der ORF. Leider ist Dancing Stars, das über die letzten Wochen in unserem Haushalt eine Blitz-Karriere als beliebtestes Druckmittel zur Durchsetzung von Forderungen machte, jetzt aus: Mit befriedigendem Ergebnis für eins der Mimis und zum sehr großen Unmut des anderen, das es extrem unlogisch fand, dass Ramesh Nair nicht Dancing Stars werden durfte, weil er tanzen konnte. Darum geht’s doch, schimpfte das Mimi und malte dem aus einer Zeitung gerissenen Inder über seinem Bett gerade extra einen Heiligenschein. Gemein!
Ach, ja, gemein: Ich habe Sedlacek ein SMS geschickt, dann hat mir Sedlacek ein SMS geschickt. Das SMS war beleidigend. Das SMS war unheimlich beleidigend. Wahrscheinlich habe ich nie zuvor in meinem ganzen Leben ein beleidigenderes SMS bekommen, nicht einmal von Sedlack, der bekanntlich sehr nah an der Beleidigung gebaut ist. Aber diese SMS war so unvorstellbar, ja obszön beleidigend, dass ich Sedlaceks nächste vierzig, nein, HUNDERTvierzig SMSe ignorieren werde. Und mindest 200 Mal hebe ich nicht ab. Ich freue mich richtig darauf, nicht abzuheben, ein Strichelliste werde ich mir anlegen, weil ich unter keinen Umständen weniger als 200 Mal nicht abheben werde, und vielleicht werde ich danach auf 300 erhöhen oder auf 350; genetische und austrologische Voraussetzungen ermöglichen mir das. Und ganz bestimmt werde ich Sedlacek nie, nie niemals wieder an seinem Geburtstag ins Telefon singen, wie an seinem letzten, wo er vor Rührung fast ein Ei gelegt hat, das war das erste und letzte Mal, ja, ja, sagt ihm das ruhig, wenn ihr ihn seht, ist mir völlig wurscht.
Es war die Woche des Lebenswandelswandels. Zuerst deaktivierte ich mein Facebook-Konto, was von Facebook nicht akzeptiert wird. Ich werde offenbar weiter als ganz normales Mitglied geführt, allerdings als Arschloch, das mit allen seinen Freunden Schluss gemacht hat. Walter T. fragte bereits in einem traurigen Mail, warum ich ihn denn aus meiner Freundesliste entfernt habe. Habe ich nicht! Ich habe nur mich selbst entfernt; hat mich zu sehr abgelenkt.
Dann marschierte ich bei meinem Friseur ein. Friseur, sagte ich, künftig will ich glänzendes Haar. Ich will jetzt nicht mehr struppig sein. Mein Haar soll jetzt das Sonnenlicht zurückwerfen und in elastischen Naturwellen mein Antlitz umschmeicheln. Geht das?
Bei dem Friseur bin ich seit 15 Jahren. Ich fühle mich bei dem Friseur wohl. Er spielt schönen Countryfolk, während er meine Haare schneidet. Er tut, was ich will. Ich sage, so, so und so, und er schneidet so, so und so. Er quält mich nicht mit Styling-Tipps. Er ist taktvoll und erklärt mir nicht, was mir besser stehen würde, als so, so und so. Er sagt nicht, wie der Friseur der Schneebergerin, dass die Schneebergerin sich mehr pflegen sollte, langsam mal ein wengerl Sport machen, und einmal wöchentlich eine Haarkur, Minimum. Wenn mein Friseur irgendeine michbezügliche außercoiffeurliche Sorge hätte, dann wäre das höchstens etwas in der Art, ob ich eh genug trinke. Hat er aber nicht. Mit meinem Friseur rede ich über den Fink, das Waldviertel, die Kinder und die Konzerte, die man in nächster Zeit sehen sollte und nicht darüber, was für eine Frisur mir vielleicht besser stehen würde.
Und genau das problematisierte ich kürzlich im Zuge einer schlaflosen Nacht: Sollte ich andere Haare haben? Längere? Elegantere? Und das vielleicht schon längst? Laufe ich seit Jahren mit falschen Haaren herum, weil mein Friseur so ein freundlicher, taktvoller Mensch ist? Sollte man einen Friseur haben, der einem fremde Frisuren, Haarpackungen und Stylingtipps aufdrängt?
Ich ließ mir die Haare ein wenig wachsen. Ich erwog, einmal die Friseurin ums Eck aufzusuchen, die den Mimis die Haare schneidet und uns am Heimweg immer zuwinkt. Aber was, wenn das dann auch nicht passt? Hoppel ich dann reuig zu meinem alten Friseur zurück? Und muss dann jeden Tag einem Umweg machen, aus schlechtem Gewissen der netten Friseurin gegenüber?
Die Unübersichtlichkeit der Problemlage bewog mich letzten Mittwoch gegen neun dazu, mir die Haare selbst bissl zu schneiden. Gegen halb zehn rief ich meinen Friseur an und bekam einen Termin um drei. Erstens, sagte ich, ist mir ein kleinen Missgeschick passiert, und zweitens mach mir bitte glänzendes Haar, ich werde auch nicht mehr die Silikon-oder-was-Paste verwenden, die schon seit Jahren dein Misstrauen auf sich zieht. Mein Friseur sagte: Bitte gern, wie soll es sein? So, so und so, sagte ich, und wer ist das, der da singt?
Der Protestsongcontest manövrierte mich letzte Woche in einen Generationskonflikt hinein, und noch nie war es so definitiv: ich stehe jetzt auf der anderen Seite. Ich stehe jetzt bei den alten Säcken, die Jugendkultur nicht verstehen und Jugendkultur verhindern und sich deshalb bitte nicht über Jugendkultur äußern sollen. Auf keinen Fall sollten alte Säcke wie ich in der Jury des Protestsongcontests sitzen. Was hat die da verloren, lese ich bei den Postings (Postings lesen: immer ein Fehler) auf der FM4-Website.
Zum Beispiel: Alte Säcke wie ich haben ihn erfunden. Ohne uns alten Säcke gäbs den Protestsongcontest gar nicht, so ist es nämlich, und ihr kleinen Scheißer könntet nicht im Publikum stehen und uns ausbuhen, weil unsere Altesackheit so krass nervt, und euch danach darüber ausheulen, dass alte Säcke gewonnen haben. Woran ich übrigens völlig unschuldig bin, weil ich meine neun Punkte an die tüchtig jungen Squishy Squid gegeben habe. (Und nirgends steht, dass der PSC ein Kiddy-Kontest mit anderen Mitteln sei. Oder? Nein.)
Natürlich hat es überhaupt keinen Sinn, in dieser Kolumne Botschaften an die Jugend zu richten, weil die Falter-Kolumnen sowieso nicht liest. Um ein Uhr früh stand ich vor dem Rabenhof auf der Straße und wartete auf ein Taxi, schnorrten mich drei Zwanzigetwasse um Tschik an. Und ich war, ich sage es ungern, in der Position, ihrem Wunsch zu entsprechen; aber gerne, wo ihr mich doch vorher so nett ausgebuht habt. Oh, na, sagte der junge Herr, das sei er nicht gewesen, das war sein Bruder, könnten sie vielleicht zwei haben? Aber klar. Man begehrte zu wissen, was ich denn so mache, normalerweise? Ich sagte wahrheitsgemäß, ich schrübe Kolumnen. Wo denn? Kurier und Falter. Kannten sie nicht, aber eine der jungen Frauen meinte, Kolumnen, aha, dazu müsse sie sagen, wir fladerten ja doch nur ihre Ideen, also die der Jungen. Sie trug dazu eine putzige Brille aus den 1970er Jahren.
Aha. So also. Unablässig wird einem vorgeworfen, man verspießere, das sei, gerade angesichts dessen, wie man früher einmal gewesen sei, richtig gruselig, dieses aggressive Verspießern jetzt. Aber kaum tut man es einen Abend lang nicht, ist es auch nicht recht. Gar nicht recht ist es. Einmischung ist es, feindliche Übernahme von Ideen, die uns nichts mehr angehen. Geht’s heim, Greise, haltet euch raus.
Ich habe eine eigene Idee: Machts euch euren Protestsongcontest doch selber, in eurem eigenen, selbsteroberten altesäckefreien Jungemenschenlokal und überträgts ihn in eurem eigenen Radio. Derlei haben wir alten Säcke in eurem Alter gemacht, aber das braucht euch nicht zu interessieren. Uns ists eh wurscht, wir sind mit dem Verspießern hübsch ausgelastet und mit der Aufzucht jener Generation, die euch den alten Sack überstülpen wird, lange bevor ihr mit dem Jungsein auch nur annähernd fertig seid. Huachts zua: das ist bälder, als ihr denkt.
Neuer Plan. Die Mimis kriegen den Nintendo DS jetzt nicht mit acht oder zehn oder nie, sondern zum siebenten Geburtstag. Das beruht keineswegs auf innerer Überzeugung oder neugewonnener Einsicht, sondern ich weiche dem Druck all der anderen, vollkommen verantwortungslosen Eltern, die ihren Kindern längst Nintendo Dses gekauft haben und die jetzt meinen Kindern mit den Benefizien mehr oder weniger verkofferter Computerspiele das Hirn nachhaltig verbrennen. Wochenlang habe ich nichts anderes gehört als Nintendo DS, Nintendo DS und Mario Kart und Pokemonfürnintendo, und dass es übrigens auch ein Jamie-Oliver-Kochkurs-Spiel gebe, das sei ja wohl überhaupt nicht deppert, den ganzen Scheiß, wochenlang, und das gebe es jetzt auch in rot, so schön!, und kriege ich dann auch eins, vielleicht mit acht?, zum Geburtstag?, kriege ich?, kriege ich?, bittebittebittebittebittebitte!, und jetzt kann ich einfach nicht mehr. Der Lange auch nicht. Man wird es zeitlich beschränken. Sie dürfen aber nicht jeden Tag. Zwei Spiele pro Kind, und aus. Und für die Fahrten ins Waldviertel ist es sicher ganz praktisch. Undundund. So weichgedögelt sind wir, dass wir uns jetzt schon Gründe überlegen, warum das Klumpert auch noch gut sein sein soll, und in Wirklichkeit sind wir einfach alt und haben die Nerven nicht mehr. (Soviel dazu, dass man das Richtige tun muss: meistens sagen einem jetzt die Sechsjährigen, was richtig ist, so lange und hochfrequent, dass mans schließlich glaubt.)
Apropos richtig, falsch und ins Hirn einigedingst: Als Folge der Folge der Folge von war es am Sonntag notwendig, wieder einmal mit der Nikotin-Entwöhnung zu beginnen. Ist es nicht schön, wenn die schlimmsten Eiferer, die eiferndsten Bekehrten wieder Gefallen an ihren alten Lastern finden? Was heißt: wieder so voll hineinkippen, dass schon nach wenigen Wochen erneut ein Entzug notwendig wird. Nach mehreren schlaflosen Nächten, in denen mich verzweifelte, echoverzerrte Kinderstimmmen („Davon wird man touhouhout!“) peinigten und ich mir ein Lungenkarzinom in seiner ganzen, grausigen Schönheit imaginierte, besorgte ich mir Nikotinkaugummi, Geschmacksrichtung Freshmint. Die armen Mimis die davon nicht einmal etwas ahnen, weil ihnen Mutter ihren Rückfall in die Sucht aus Moralpredigtvermeidungsgründen („Davon wird man toooooot!!!!“) verheimlichte, werden nun ein paar Tage lang übel angegrantelt werden. Der Lange auch, aber da triffts wenigstens keinen Falschen.
Der Lange raucht heimlich auch schon längst wieder, besitzt aber offenbar ein Suchtkontrollgen, das es ihm erlaubt, zwischendurch jeweils tagelang ohne Zigarette überleben zu können. Dieses Gen fehlt mir, wie ich nach sieben Jahren totaler Nikotinfreiheit, die auf zwanzig Jahre totale Nikotinsucht gefolgt waren, erneut erfahren durfte. Und Sie werden gleich die Folgen davon kennenlernen, wenn Sie mir jetzt also bitte lieber aus dem Weg gingerten, ich bin gerade gar nicht gut drauf.
Ich will jetzt nicht näher darauf eingegehen, dass noch Zeichen und Wunder geschehen, aber. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, ba ba, Cedric, grüß Gott, alte Frau. Und ich beantworte gerne die Frage, ob in meinem Leben nichts Aufregenderes passiere als bildlicher Ärger: Weil, richtig, tut es nicht. Und das ist überaus erwünscht, nach diesem Partyherbst, der mich ziemlich zerzaust ins neue Jahr schickte. Nun sitze ich abends endlich wieder an gedämpftem Schreibtischlampenlicht; lese Thomas Bernhard, trinke mäßig, rauche nicht und genehmige mir als äußerste Tollerei eine pfiffige Statusmeldung im Facebook. (Na gut, letzte Woche habe ich einmal im Flex-Café aufgelegt, und es war so, dass die Musikwünsche Michael Jackson - „Thriller“!!! - Usher und 50 Cent an mich herangetragen wurden. Oida. Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war.)
Im Facebook habe ich 323 Freunde und ich könnte 324 haben, wenn der Kollege F. seine Facebook-Personality nicht suicidiert und 325, wenn die geschätzte junge Autorin auf Anfrage nicht gefunden hätte, sie wolle ihre Freunde lieber auf der Straße wiedererkennen und das träfe auf mich nun mal nicht zu. Ich mailte zurück, dass ich der Meinung zuneige, man solle wahre Freundschaft und Facebook-Freundschaft nicht miteinander verwechseln: aber man dürfe natürlich, und darauf antwortete sie nicht mehr. Eh klar kenne ich drei Viertel meiner fb-Freunde nicht persönlich, das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, Facebook ist ja kein Poesialbum und kein Weiberabend, sondern ein virtuelles Stammkaffeehaus, wo man auch nicht jeden persönlich kennt und kennen will und von den meisten auf keinen Fall mehr wissen möchte als die Konversationsfetzen, die es zufällig vom Nebentisch herüberweht. Die können sehr öd oder sehr inspirirend sein. Oder sehr nervig, wie beispielsweise die Anmache von Dick Johnson, dem ich hiermit versichere, dass ich ihn aus meinem Freundeskreis entferne, wenn er mir jetzt noch ein einziges Herz schickt und oder noch einmal sehen will, „how similar you are on the "Excuses to have Sex" quiz. Take this quiz to see your match score with Dick“. Ich matsche nicht mit Dick, das weiß ich unheimlich genau und werde es ihm mit der Löschtaste beweisen, was im Kaffeehaus übrigens leider nicht funktioniert. Und es ist dort auch nicht möglich, täglich meine echten erkenn-ich-auf-der-Straße-Freunde aus der Schweiz und Paris und Übersee anzutreffen, im Facebook aber schon. Wie Haemmerli, der gerade in Saigon lebt, guten Morgen, guten Tag, auch schon wach, was liegt an heute.
Haemmerli, der sich vor drei Wochen oder so eingeloggt hat, hatte in zwei Stunden 180 Freunde und hat mittlerweile ungefähr 520, was Haemmerlis informationssüchtiger, diskursgieriger Persönlichkeit entspricht, während es meinem phlegmatischen Charakter entspricht, lieber nur den anderen beim Diskursen zuzusehen. Doris Knecht ist der Gruppe „Faule Voyeure“ beigetreten. Neuer Status, genau.
Du kriegst nicht immer was du willst. Das hat, hier ist eine kleine Rückschau in die überwundene festliche Saison nötig, eins der Mimis unterm Christbaum bemerkt: Es saß vor einem Geschenkberg vom Ausmaß der Aiger Nordwand und heulte wie ein Iltis, denn das Christkind brachte ihm keine Stifte und keinen Teddy. Erklärungen, dass es 47 Kuscheltiere besitzt und Stifte jeweils in der Sekunde bekommt, in der es darum fragt, erwiesen sich als unfruchtbar. Das hat es extra auf den Wunschzettel geschrieben! Ja, möglich dass ich einen der 116 Wünsche auf den 44 Wunschzetteln nicht so ernst genommen habe. Fehler. Immerhin kriegte auch seine Mutter nicht, was sie wollte, obwohl sie nur einen Wunsch immer wieder in ihren Wunschzettel hineingeschrieben hat: dass ihr Kolumnenbildnis weniger wie Cedric, 16 und mehr wie sie selbst aussehen möge. Aber der Falter heilte mich von meinem Irrglauben. Du glaubst noch ans Christkind? Hahaha. Ha. Jetzt nicht mehr.
Ich glaube aber auch nicht mehr daran, dass es einen Sinn hat, weitere höfliche Mails an den verantwortlichen Künstler, den Artdirektor und den Stv. Chefredakteur zu richten, da diese in jüngster Zeit die 100prozentige Tendenz zeigen, unbeantwortet zu bleiben. Auch die Idee, mich mit der Bitte, gemeinsam eine jeden begeisternde Lösung zu finden, freundschaftlich an den Chefredakteur und Herausgeber zu wenden, habe ich verworfen, seit ich den Chefredakteur und Herausgeber bei der Weihnachtsfeier nach langer Zeit wieder einmal traf und ein Gespräch begann, während welchem er die Lektüre der Zeitung nicht unterbrach.
Und jetzt glaube ich, ich will Cedric behalten. Denn je ohrenbetäubender das Schweigen wird, das meine Anfragen auslösen, desto weniger glaube ich, dass eine Kolumnenbildüberarbeitung zu meinen Gusten ausfallen würde. Erstens. Zweitens bin ich nun endlich in die Phase der Akzeptanz getreten: Nach den Phasen Ungläubligkeit, Realtiätsverweigerung, Wut und Trauer akzeptiere ich jetzt. Ich bin nun bereit, den unausgeschlafenen, extasyverkaterten kleinen Cedric da anzunehmen, ja: Cedric, ich nehme dich an. Denn drittens habe ich mich jetzt an den Kleinen gewöhnt. Was soll ich sagen, ich gewinne ihn lieb. Ich will, dass es ihm gut geht, ich will ihn beschützen. Wer wird sich um ihn kümmern, wenn er nicht mehr in meiner Kolumne wohnt? Wird ihn jemand aufnehmen, ihm Obdach geben? Der Falter? Glaube ich noch ans Christkind? Eben. Und viertens habe ich in letzter Zeit angefangen, zu reagieren, wenn ich mit Cedric angesprochen werde, Cedric? Ja?, er geht mir allmählich ins Blut über, er wird ein Teil von mir, meine Nasolabialfalte passt sich der seinen schon an und solange er nicht mehr als 49 Prozent von mir fordert, ist es ok mit mir.
Deswegen muss ich die freundlichen Offerte von mehreren Künstlern, die sich meiner erbarmten und die Anfertigung neuer Kolumnenbildnisse anboten, leider ablehnen. Danke, sehr nett. Aber Cedric und ich, wir sind jetzt eins.
Zwei Wochen lang fanden die Kinder die Schule supsi: neu, spannend, interessant, uraufregend. In der dritten wurde ihnen klar, dass das jetzt immer so sein wird. Immer so früh aufstehen, immer rechtzeitig da sein, immer vier oder fünf Stunden Unterricht und danach immer Hausaufgaben. Es ist praktisch ein Schock. Macht sie muffig, patzig, aggressiv und wenn man einmal die Stimme auch nur ein halben Milimeter erhebt, fangen sie hysterisch an zu heulen, aber so hysterisch. Dabei sind sie Lautstärke gewohnt, bei uns sind alle laut, aber jetzt muss man als Erziehungsberechtige ganz leise sein. Ganz sanft. Meine Mutter sagt, das schadet nichts, das senkt euren Gebrüllpegel endlich ein bisschen, und dass ich vom Hinunterschlucken von dringlich veräußerungswürdigem Hochdruckgekeppel wahrscheinlich ein Magengeschwür kriege, ist ihr wurscht. Und die Mimis geben mir zu Gekeppel vielerlei Anlass: Ess ich nicht, trink ich nicht, mach ich nicht, will ich nicht, zieh ich nicht an, räum ich nicht auf. Nein, nein, nein, nein; wenn man überhaupt eine Antwort kriegt. Eine der Mimis hieß mich gestern dumme Kuh, das hätte sie früher nie gemacht, ich bin bitte ihr Idol, und ich habe sie, wie ich es aus der TV-Debatte HC gegen VdB gelernt habe, hypotisch angeflüstert: wenn ich das noch einmal höre, gibt’s kein kein kein... kein Irgendwas, du wirst du es jedenfalls bereuen. Die Schule macht uns fertig. Führt dazu, dass ich mir Sanktionen ausdenken muss. Aber wie sanktionierst du Kinder, die sowieso nicht computerspielen dürfen.
Computer, by the way, Abt. Gameboy: Es gibt im Hort einmal im Monat einen Gameboytag, da dürfen alle, die einen haben, ihren Gameboy mitbringen, und alle die keinen haben, wollen am Abend auch einen. Ich habe beim Elternabend gesagt, wenn ich einmal etwas sagen darf, ich bin unheimlich dagegen. Alle anderen schauten nicht mal hoch; nächster Punkt. Ich sagte noch einmal, ich bin übrigens strikt gegen den Gameboytag, und da erbarmte man sich meiner und erklärte mir in mitleidigem Ton, wie wichtig es sei, die Kinder einen vernünftigen Umgang mit modernen Massenmedien zu lehren. Gehöre nun mal zum Alltag; verbieten bringe nichts. Verbieten bringt wohl was, ich verbiete seit Jahren mit großem Erfolg und beabsichtige nicht, mein Konzept zu ändern, was durch den Gameboytag allerdings massiv verkompliziert wird. Im Gegenzug werde ich beim nächsten Elternabend vorschlagen, auch einen monatlichen Drogen-Tag einzuführen, an dem die Kinder ihre Zigaretten und Alkopops mit in den Hort bringen dürfen, was ich circa gleich schädlich finde wie Computerspiele: aber sie kommen ja doch früher oder später doch in Kontakt damit, besser man lehrt sie rechtzeitig einen vernünftigen Umgang mit dem Zeug. Verbieten bringt doch nichts.
Und Sie brauchen jetzt gar nicht zu sagen, dass die Kinder ihren Hang zum Hysterischen schon irgendwo herhaben... Ich habe schon eine Mutter, die mir revanchistische Referate hält, herzlichen Dank.
Wieder Stadt. Und fängt ja gut an, denn die Pfeifen aus dem dritten Stock haben inzwischen den Aufzug ruiniert, fanden es aber unnedig, wegen so einer Kleinigkeit die Hausverwaltung zu informieren. Sechs mal sechs Stockwerke mit Gepäck: sehr gesund, vor allem nach einem Monat Bier, Brot, Speck, über offenem Feuer verbrannten Käsekrainern im Dutzend und Serien-Nudelessen. Das Landleben ist nur punktuell gesund; spitzenmäßiger Frischluftfaktor, aber ernährungsmedizinisch eher im bedenklichen Bereich. Das muss jetzt anders werden, dafür gibt es zahlreiche Gründe, über die ich nicht sprechen möchte, plus sind die Mimis ab sofort Schulmimis.
Das Wochenende verbrachten wir damit, in der Stadt die letzten zwei verstaubten Schultüten aus einem Schaufenster heraus zu erobern, weil Schulantritt ohne Schultüte ist heutzutage undenkbar, und mit einer selbergebastelten Schultüte zu erscheinen gilt unter Schulbeginnern, wie mir die Mimis erklärten, während sich in ihren Augen Tränen der Enttäuschung zu Glühbirnengröße aufbliesen, eine Schmach, die in ihrer zarten Kinderseele bis minimum Matura untilgbare Flecken hinterließe. Die Mimiseelenunversehrtheit kostet mich Euro 25,80, die Füllung der Monsterstanitzeln nicht eingerechnet, aber mit mir kann mans ja machen. Danach pickten wir stundenlang winzige Etiketten mit den Namen der Mimis auf jeden einzelen Blei-, Bunt-, Wachsmal- und Filzstift, das muss man heute, die Lehrerinnen habens in ihren teilweise mehrseitigen Manuals, was für die 1. Klasse zu besorgen sei, ausdrücklich befohlen.
Und, apropos Ernährung, wir testeten, wie das in gesunden Familien zu Schulbeginn gang und gäbe ist, gesunde Jausen, mit dem Ergebnis, dass die Mimis nun Montags, Mittwochs und Freitag Salamivollkornbrote mit Gurkerl und Dienstags und Donnerstags Putenschinkenvollkornbrote mit Gurkerl schuljausnen werden, mehr Diversifizierung ins Gesunde ist nicht drin, die anderen acht Probebeläge waren nämlich, so die Mimis, einem Schulkind absolut nicht zumutbar. Eventuell noch eine Traube und ein winziges Streiferl Karotte dazu, okay. Nein, den Thunfischaufstrich probier ich nicht, ich bin ja nicht lebensmüde. Nein, Avocado auch nicht. Käse?! Topfen mit frischen Kräutern?!? Spinnst du? Nein, koste ich sicher nicht. Nein, auch nicht, wenn ich dafür Schokolade bekomme. Nein, ich geh jetzt in mein Zimmer und heule dort so lange laut und elendiglich, bis mein guter Vater sich erbarmt, und mir die Schokolade auch ohne vorangehende Makrobiotikfolter verabreicht. Aber immerhin: Sie hätten auch den Putenschinken ablehnen können. Läuft doch gut.
Es war auch endlich warm. Man konnte die Hosen hochkrempeln und barfuss laufen und sich einen Sonnenbrand an den Waden holen und Bienenstiche an den Fussohlen. Das Bubenmimi hat sehr geheult, es war ihr erster Bienenstich, wir schmierten dick eine wichtig aussehende Creme darauf, und das Kind erholte sich schnell. Später gingen wir zur Waldlichtung, dort standen drei Gestalten in grotesker weißer Schutzkleidung in der Sonne und sahen aus, als drehten sie ein billiges Sequel von „Outbreak“. Spooky irgendwie. Es waren aber nur der Horwath und sein Freund, der Polz und die Freundin vom Polz an Tag eins nach der Absolvierung des Imkerkurses. Der Horwath macht jetzt auch Honig; soll mir recht sein. Wir fotografierten den Horwath und den Polz und seine Freundin mit dem Handys, später fotografierte der Horwath die Kinder und ihre Papp-Medaillen und ihr Siegerlächeln. Denn sie hatten alle die 400 Meter Ersatzmarathon geschafft, die wir ihnen ausgesteckt hatten, weil wir dann doch nicht in aller Herrgottsfrüh nach Wien gefahren waren, damit die Kinder an diesem Kinderlauf teilnehmen konnten. Stattdessen fand der Kinderlauf auf einem Waldviertler Kiesweg statt, es gab wertvolle-Panini-Preise, alle waren froh. Auch die Eltern, die sich nachher wieder in den Schatten von Horwaths Sonnenschirm in Horwaths Garten setzen, Zeitungen lesen, einen Sonnenbrand auf dem Hirn kriegen, deppert reden und überlegen konnten, was man als nächstes essen soll. Es wird viel gegessen im Garten der Horwaths. Später gab es eine kleine Krise, als der Horwath „elf“ antwortete, auf meine Frage, wie schrecklich das Ritterfest auf der zehnteiligen Schrecklichkeitsskala jetzt ehrlich gewesen sei. Elf! Wir hattens versprochen gehabt, aber ein gütiger Geist, der Lange nämlich, hatte mir die Klänge von Schalmeien und sich kreuzender Schwerter erspart. Und Bekleidung, neben der man sich freut, dass man eine elegante pestogrüne Wanderjacke tragen darf. Ich schaukelte auf der Hollywoodschaukel, während der Lange und der Horwath auf dem Burgfest den Horwath verfluchten, der seit Wochen am Spielplatz von diesem Burgfest geredet hatte, dass man dort unbedingt hin muss, und wie toll es die Kinder finden und alles. Der Horwath hatte wohl, wenngleich er normal nicht zu Kinderglücksverklärungsbedingter Bewusstseintrübung neigt, kurz verdrängt gehabt, wie arsch es die Erwachsenen finden. Jetzt weiß er es wieder. Dafür bekam ich Sonnenbrand auf den Fußssohlen, überlegte, warum verdammt ich mir eigentlich nichts kurzärmeliges Unschwarzes eingepacken hatte können, ärgerte mich über das Zeit-Magazin (Wolfgang Joop, Chef des teuersten deutschen Modelabels, in einer Geschichte über Mahlzeiten in seiner Potsdamer Villa: „Ich erzähle oft von Zeiten des Mangels und der Improvisation.“) und ein Vogel schiss mir aufs Handy. Es war ein aber kleiner Vogel, und seine Ausscheidungen trübten mein Frühlingsglück nicht.
Man sollte viel mehr ans Altwerden denken. Wenn sich die Jungen öfter das Altsein vorstellen würden, hätten nicht so viele Alte so ein Scheißleben in Pflegeheimen, wo nachmittags um sechs die Rollos dichtgemacht werden, damit man um sieben nicht mehr so viel teures Personal braucht. Das nur, weil sich Sedlacek darüber verwundert zeigte, dass ich eine relativ klare Vorstellung davon habe, wie ich meinen Lebensabend zu gestalten trachte, nämlich als schrullige Hexe mit ein paar dreckigen Hennen in einem schiefen Haus in einem weltvergessenen Kuhkaff. Wenn ich mit den schrulligen alten Horwaths die im selben Kuhkaff von der selben moldawischen Pflegerin betreut werden, nicht gerade übers Kreuz bin, werden wir uns am Küchentisch darüber beklagen, dass uns unsere Enkel nie besuchen kommen und darüber, dass wir schon wieder eine neue moldawische Pflegerin finden müssen, weil die aktuelle das Kuhkaff und uns schon wieder keinen Tag länger erträgt. Sedlacek sagt, ich spinne. Aber vielleicht blicke ich dem Alter deshalb derzeit offenenSinns entgegen, weil es mir gerade noch gelungen ist, meine galloppierende Frühvergreisung abzustoppen. Meine Freundinnen haben sich schon Sorgen gemacht, aber seit ich mal wieder in die Prä-Mimi-Jeans passe (voraussichtlich übernächste Woche werde ich damit auch sitzen können) und Sätze mit den Worten „Wie ich unlängst im Flex-Café aufgelegt habe“ (alternativ: „im rhiz“) beginnen kann, hat sich mein Zustand spürbar gebessert. Es hat sich auch herausgestellt, dass es beim Auflegen kein Schad ist, wenn man bissi älter ist als sein Publikum, weil es auch vor zwanzig Jahren schon ziemlich gute und immer noch funktionelle Musik über 130 bpm gab, ich sage nur Gun Club oder The Fall. By the way, Mark E. Smith, die böse Hexe: ein super Role-Model für nicht umweltschonende Altersverschrullung auf hohem Niveau. Sehr inspirierend in dieser Hinsicht auch das erste Kapitel von Rick Moody´s „Omega Force“ in seinem Novellen-Band „Paranoia“, während man sich die durchgebrunzten Windeln, die Nathan Zuckerman in Roths neuem Roman trägt, noch nicht unbedingt an den eigenen Hintern imaginieren möchte. Und sowas will man ebenfalls vorläufig nicht wahrhaben: So sehr spinne ich jetzt auch wieder nicht.
Das ist eine glückliche Familie auf Fahrrädern, Vater, Mutter, Kleinkind, sie strahlen, das Kind winkt, sie lachen, und das sehe ich alles nicht. Ich sehe: Das Kind trägt keinen Helm, und ich will rufen: Verantwortungslos! Total verantwortungslos! Aber ich habe das mal bei den Finks gemacht, als sie das Kind für eine Strecke von 200 Metern oder so nicht angeschnallt haben, und das kam nicht gut an. Auch Vater Breuß verdreht periodisch die Augen, er sagt, ich muss mehr Vertrauen zu meinen Kindern haben, weil ich tendenziell hysterisch werde, wenn die Kinder am Rande eines 100-Meter-Abgrunds Fangerl spielen. Der Breuß sagt, ich übertrage meine eigenen Ängste auf meine Kinder, und das kann schon sein, aber erklär das mal einer, die mit fünf von einem Auto überfahren wurde und vier Wochen im Spital liegen musste, Elternbesuchszeit zwei Stunden pro Woche. Das hat relativ hohes Angstübertragungspotential, was soll ich machen. Vielleicht hat auch mein Herumgeeiere mit der Schule der Mimis mit alten Traumata
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Der Kollege McDings, der all meine Offerten, ihm schnell itunes zu installieren, mit aggressivem Schweigen beantwortet hat, schreibt mir ein Mail: Er möchte sich so ein winziges Kasterl kaufen, wo man Musik hineinzaubern kann, er brauchts zum Laufen. Ob ich ihm sagen kann wie das funktioniert. Ich mail ihm zurück, ich kann, ob ich schnell hochkommen und ihm itunes installieren soll. McDings mailt, er will kein blödes itunes, er will in einen ipod Songs von seinen CDs einitun, weil die Scheißindustrie keine Kassettenwalkmen mehr herstellt. Ich mail ihm, itunes also, und der McDings, IQ irgendwo im Bereich 140 plus, mailt, ich soll ihn mit so einem neuen Mist in Ruhe lassen, er kann nicht mal den Senderspeicher vom Autoradio. Ich mail ihm: wenns der Lange kapiert, kapierst es auch du. Der McDings mailt, er hasst hasst hasst aber
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Oben hui, unten pfui: die Zustände im Stadthallenbad. (Falter 10/08) (Fotos: Knecht) Wie die Sonne durch das Glas bricht. Wie das 50-Meter-Becken schimmert. Wie sich die roten Stahlträger elegant darüberschwingen. Das Stadthallenbad, zwischen 1971 und 1974 von Roland Rainer erbaut, ist bis heute ein schönes Bad, ja was, eines der schönsten. Schwimmer betreten das Stadthallenbad aber vom Bauch des Bades her, und der sieht bis heute so aus wie 1974. Und an manchen Stellen so, als sei seit 1974 nicht geputzt worden. Wobei die Kittelschürzen-Damen tun, was sie können: Als man zum Beispiel kürzlich bei der Schlüsselrückgabe deponierte, dass die Treppe vom Bad herunter zu den Duschen blutbespritzt sei (was sie, Kehre für Kehre, auch schon gewesen war, als man eineinhalb Stunden zuvor Richtung Bad hinauf stieg), sandte die Dame sofort jemanden, die Misere zu beseitigen.
Wobei jene Hygiene-Miseren, die von den Damen schnell beseitigbar sind, zu den minderen gehören. Was da unten im Bereich der Damen-Kästchen und Duschen pickt und wuselt, keimt und wächst, würde man in einem privaten Wiener Hallenbad eher nicht erwarten – soweit man ein Bad „privat“ nennen möchte, das zu einem Unternehmen der Wiener Holding gehört, welche wiederum zu 100 Prozent im Besitz der Gemeinde Wien steht. Immerhin: Erst kürztlich wurde aus einzelnen, nicht zwingend harmonierenden PVC-Buchstaben ein neuer DAMEN-Schriftzug an der Tür vor dem Sanitärbereich angebracht. Gleich dahinter: abgewetzte Kästchen, halbblinde Spiegel, lackblätternde Bänke. Darüber eine Decken-Konstruktion aus rostigen Belüftungsrohren, aus der Kabelenden lose baumeln: An einer Stelle, über einem der Mülleimer, lässt intensiver Rostbefall vermuten, dass Feuchtigkeit direkt über einer hängenden Steckdose austritt. (Die Kabel führen, versichert die Verwaltung, keinen Strom.)
Überall, vor allem unten an den Wänden, wo sie offensichtlich durch wiederholten Putzbürsten-Kontakt gelockert wurden, fehlen Fliesen und wurden unbürokratisch durch Schmutz ersetzt. Die Bodenfliesen an einer Stufe zur Dusche sind mit Gaffertape befestigt. In den Nassräumen klebt Dreck in den Ecken zwischen Wand und Boden, Haarfilzteppiche picken auf den Stufen zu den Duschen, in den Duschen vermehrt sich in den Ecken schwarzer Schimmel. Dass man meistens durch ein Flokati aus Mädchenhaaren watet, liegt einerseits daran, dass Kurzhaarfrisuren bei weiblichen Teenagern offenbar als überaus bähh gelten. Andererseits ist der Sanitärbereich der Stadthallenbads schlicht nicht dafür konzipiert, dass täglich ein Dutzend Schul- und Kindergartenklassen dort durchgeschleust werden. Was allerdings der Fall ist und unter der Woche zu längeren Wartezeiten vor den Duschen und dem großen Rohrfön führt, sowie der Notwendigkeit, meterweise Frauen- und Kinderhaar in allen Farbtönen wieder von den Zehen abzuwickeln.
An den Rohren an der Wand links neben dem Aufgang zum Bad, gleich neben dem Anti-Fußpilz-Sprühhahn, hängen die Damen die Putzfetzen zum Trocknen auf: Auf Zink- und Kunststoffrohren vermehrt sich Kalk und Schimmel, und ganz oben gedeiht satt und dunkelgrün eine Algenart, deren Ausläufer prächtig über die Rohre hängen. Die Treppe zum Bad hinauf ist mit eingetretenen Kaugummis dekoriert.
Die Stadthallenbad-Verwaltung, mit den hygienischen Details konfrontiert, ist sich der Misere bewusst: Die Zeit nage am Bad, viele Sachen seien uralt. Die Fliesen würden nicht mehr hergestellt und können deshalb nicht ersetzt werden, die Tücher an den Rohren seien keine Putztücher, sondern sollen die Feuchtigkeit auffangen, die von den undichten Schwimmbecken unaufhaltsam heruntertropfe. Nach der EURO, heißt es, sei „ein Projekt für eine Generalsanierung“ geplant, bis dahin seien die Kittelschürzendamen angehalten, zu putzen, was nur geht. Soweit es eben geht. Aber das Bad oben: herrlich.
Ich bin mit dem Sedlacek zum Frühstück verabredet, und zur Begrüßung sagt er, das sei jetzt schwer zu glauben, aber er hat vorhin auf der Straße einen großen Mann mit einem Kind im Genick und Brillen wie zwei kleinen Fernsehern gesehen, war das vielleicht der Horwath? Das war zuverlässig der Horwath. Coole Brille, sagt der Sedlacek, sehr einprägsam. Sagte ich doch, sage ich, wie geht es dir? Einen doppelten Espresso und ein großes Glas Wasser, sagt der Sedlacek, nein, zum Essen nichts.
Es geht dem Sedlacek gut. Der Sedlacek ist zufrieden. Naja, bis auf die Weiber. Aber über die Auftragslage kann sich der Sedlacek nicht beschweren. Es ist natürlich anstrengend. Diese Woche war er schon in London, letzte Woche in Kopenhagen und in Mailand und vorletzte Woche in Hongkong. Und die ewige Fliegerei macht dir nichts aus?, sage ich. Nein, sagt Sedlacek. Ich flieg nicht mehr gern, sage ich. Ich bin auch nicht gern länger als zwei Tage weg von der Familie, es ist wie früher, als Kind, ich bekomme Heimweh. Echt, sagt Sedlacek. Ja, sage ich, wie damals im Jungscharlager: Weißt du, der Schmerz ist nicht kleiner geworden, nur die Person rundherum größer. Der Sedlacek schaut mich
Ich will jetzt wirklich nicht ewig auf der Sache herumreiten, aber die Kollegen H. und T. wussten nicht, was ein Tabuleh ist. Bitte: Kurz gesagt handelt es sich beim Tabuleh um den Nudelsalat des 21. Jahrhunderts. Oder der Bobos, wenn man gern diesen Begriff strapaziert. Und, doch, ich habe diese Woche auch Interessanteres erlebt, möchte aber nicht darüber sprechen. Auch nicht über das Kindertheater. Auch nicht über die erste Vorführung in der Zirkusschule, gerade weil es nett und beeindruckend war. Auch nicht über die spontan einberufene Kinderfaschingsparty bei den Schwarzens, denn klischeehafter können sich die Insignien eines für Mutter praktisch vollständig versauten Nachmittags nicht aneinanderketten (liegengebliebene Arbeit, Streit mit dem Langen, Langeweile, Frust, Prosecco, Magenübersäuerung, mehr Streit mit dem Langen.) Und das hatten wir schon, das hatten wir schon. Die Geschichte wiederum, die Geschichte, die ich erzählen wollte, über Eltern, die Nicht-Eltern anlügen, geriet unfreiwillig irgendwie ketzerisch und
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Maria ruft an und sagt, sie glaubt, es heißt DIE Tabuleh. Philipp smst, es gehören aber unbedingt Rosinen rein. Mark mailt, schön und gut, aber ein Tabuleh wär doch schon eher ein Sommeressen. Die E. sagt bei der Geburtstagsparty vom D., danke, jetzt kann sie sich beim Tabulehmachen endlich das depperte Couscous-Einweichen ersparen, das hat sie eh immer so genervt.
Und sehen Sie, genau das ruiniert den Journalismus. Genau das korrumpiert die Journalisten, die hunderte messerscharfe Hintergrundanalysen über politische Ereignisse in die Zeitung schreiben können, tausende blitzblanke Blicke auf die Aktualitäten der Realität werfen oder in Millionen Kolumnenzeilen die diversen Elende in der Welt beprangern: Auf all das kriegt man kaum ein Reaktiönchen. Nichts, praktisch. Man ist wie gar nicht da. Aber schreiben Sie einmal ein Rezept in Ihre Kolumne, dann wird
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Nun wurde das neue, in Venedig erstandene Ledernotizbuch eröffnet: Eine herrliche und dabei preiswerte Handarbeit aus gutem, erstklassig gebundenen Papier innen und dickem, geprägtem Rindsleder außen, in das ich nur mit dem Akkuschrauber zwei Löcher bohren musste; für das Gummiband. Das Gummiband ist das einzige, was das alte Moleskine-Notizbuch dem venezianischen voraus hatte, ansonsten ist dieses gesamte Moleskine-Zeug völlig überschätzt und überpreist. Bei meinem musste ich schon nach wenigwöchiger Nutzung die Außenhülle mit Gaffertape reparieren, was nicht wundert, ist ja keine Maulwurfshaut, sondern offenbar chinesisches Polyester, und innen rissen die Fäden. Man müsste meinen, dass ein mit dem Etikett „legendär“ erworbenes Notizbuch die regelmäßige Aufnahme von Notizen verkraften können müsste. Allerdings stehen, was ich von dem venezianischen noch nicht behaupten kann, im alten Fetzenbuch verwendbare Notizen drin, und zwar nicht nur deswegen, weil ich sie
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Die Breussin ruft an; ich hebe ab und sage, Breussin, tut mir leid, ich kann grad gar nicht. Das ist untertrieben. Tatsächlich passiert gerade folgendes gleichzeitig: Das Mädchenmimi, das mit dem Langen im steckengebliebenen Lift gefangen ist, will mit einem Strohhalm durchs Gitter mit Saft gefüttert werden, die erste der drei eingeladenen Freundinnen hat gerade meine Küche betreten und ist zur Begrüßung spontan in Tranen ausgebrochen, die zweite Freundin begehrt unten an der Haustür Einlass, die Zwiebeln von den Kässpätzle sind am Herd gerade in ihrer kritischen Phase und der Mann von der Liftfirma ruft, unmittelbar nach dem ich der Breussin aufgelegt habe, nochmal an, um sich zu erkundigen, ob der Techniker schon da ist. Zum Glück sind nicht alle Abende so. An anderen Abenden werde ich einfach ganz normal von Theaternerds beschimpft. Das ist in Ordnung: Niemand
Dass die dumme Herman jetzt auf die Fresse gefallen ist, nehme ich, obzwar ich sonst nicht zur Schadenfreude neige, mit viel Wohlgefallen zur Kenntnis. Dagegen möchte ich alles zurück nehmen, was ich Sehnsüchtigtes über den Herbst gesagt habe. Sommer ist super. Schwitzen, stinken, freie Sicht aufs Bauchfleisch, alles ure super. Beziehungsweise erlaube ich mir, den Herbst, insbesondere den Frühherbst, mit sehr viel netteren Eigenschaften zu konnotieren als mit grauskaltem Dauerregen: süße, reife Früchte, bitte! Betörend schön verfärbte Blätter, der Glanz auf den Kastanien, der feine Nebel des Atems, wenn man in kühler Früh auf die Straße tritt! Dünne, bunte Hauben auf den Köpfen der Kinder, feste Turnschuhe an ihren Füßen, gesundes Rot auf den Backen und die Taschen ihrer strapazierfähigen und wasserabweisenden Herbstjacken voller Kastanien mit tüchtig Glanz darauf! Ein Glas Sturm (ich) und eine heimliche Zigarette (der Lange) abends am Balkon, wenn die Mimis schlafen (tagsüber weisen sie ihn stets erbarmungslos darauf hin, dass man vom Rauchen übrigens tot wird, TOT, Papa!), unter einer kuscheligen Wolldecke... Aber. Nix: Die Kastanien schwimmen in dreckigen Lachen, die Kinder unter Ganzkörpergummi tropfen uns die
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Ich konstatiere über die Jahre eine inflationäre und missbräuchliche Verwendung des Begriffs „frustierte Hausfrau“ in Leserkritiken, inbesondere in solchen, die mir mindergesonnen sind. Das macht eine Begriffsabklärung notwendig. Denn wenn Sie mich professionell beleidigen wollen, werte Verbalinjuriker, muss ich Sie bitten, alternative Insultationsformulierungen zu bemühen, denn mit „frustrierte Hausfrau“ zielen sie einen Kilometer an meiner Pappn vorbei. Als „frustrierte Hausfrau“, gehen wir das kurz durch, bezeichnen wir für gewöhnlich eine Vollzeit-Hausfrau, die überm unbezahlten und unterbedanktem Bügeln, Kochen, Putzen, Aufräumen, Einkaufen und Kinderbetreuen auf Dauer eine eklatante Selbstverwirklungsunterversorgung erleidet und darüber verbittert. Und das trifft ja nun auf mich gar nicht zu; die Verwerfungen in meinem und dem Alltag meiner Freundinnen und, falls vorhanden, assoziierter
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Jetzt hab ich mir bei ebay einen Küchenlampenschirm aus denn 30er Jahren um einen Euro ersteigert, 1 Euro!, womit ich schlagartig zum Mitglied der ekelhaftesten Sekte der Welt wurde, der Schnäppchenjäger. Weah. Aber ich muss, weil bald eine Inspektion von Spießer-Experte Schnitzler droht, eine paar der schlimmsten Leiner- und XXX-Lutz-Teile durch altes Zeug ersetzen, das so ausschaut, als hätte ich es von Oma selig geerbt, von der ich in Wirklichkeit als einzige Erinnerung eine elektrische Zitruspresse von Philipps, ca. 1982, besitze. Oder als hätte ich es mit unbestechlichem Geschmack spottbillig bei einem kleinen Tandler ums Eck und in New York und Odessa gekauft, wie zum Beispiel dieser
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Jetzt, wo Madonna und Al Gore die Welt gerettet haben, können wir uns wieder den wichtigen Dinge zuwenden, also meinen. Wobei, ich rette die Welt auch, ich reise mit dem Zug, was nicht alle Mitreisenden der 1. Klasse im gleichen Maße akklamierenswert finden, als sie unser ansichtig werden. Zwei kleine Kinder mit glockenhellen Stimmen und eine Mutter in fleckigen Hosen und mit einem wenig vertrauenserweckenden Mae-West-Spruch quer über der Brust: Wenn ich gut bin, bin ich gut, wenn ich schlecht bin, bin ich besser. Mehrere Passagiere springen auf, Panik im Blick, um sich dann des Umstands gewahr zu werden, dass die 1. Klasse bis auf den letzten Platz besetzt ist. Was eine kurze, trügerische Hoffnung in ihnen weckt, aber ätschibätsch, wir haben drei reservierte (und, falls mir wieder wer Journalistenprivilegien unterstellen will, mit meinem selbstverdienten Geld finanzierte) Plätze. Wieder einmal wabert dick wie Pudding die Frage durch den Waggon, ob man das eigentlich darf, Kinder in der 1. Klasse mitführen, und falls ja, wann das endlich verboten wird. Aber die Mimis geben ihren Mitreisenden allen Grund, taub vor schlechtem Gewissen über ihre miesen und grundfalschen Vorurteile Kindern gegenüber in ihren Ledersitzen
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Eben hab ich für mein Müsli eine Orange geschält, filetiert, kleingehackt und in den Mistkübel geschmissen. Ich war in Gedanken. Ich dachte über Schopenhauer nach, weil mich Honzo dieser Tage mit Aphorismen eindeckt, und in diesen ging es darum, dass einem beim Lesen die Arbeit des Denkens zum Großteil abgenommen werde, Lesen also eher dumm mache, womit Honzo mich zu beruhigen trachtete. Ich weiß aber, dass Honzo es nicht begrüßen wird, wie ich Schopenhauers Gedanken, wie Rainald Goetz in seinem Blog schreibt, „brutalisiert und auf die letzte Banalität runter-reduziert“ habe. Das schreibt Goetz aber über die Unfähigkeit eines Spiegel-Redakteurs, einen komplexen Sachverhalt wiederzugeben, und das lesen Sie bitte selbst nach, sowie alles, was Goetz in den letzten Monaten geschrieben hat, und was ich jeden Tag wie süchtig einsauge, ohne dass es meine fortschreitende Verdummung aufzuhalten im Stande wäre. Ich glaube aber nicht, dass es Alzheimer
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Nach Koch-und Deko-Dokusoaps sehen die Deutschen jetzt gerne Auswanderer-Geschichten. Was die Prophezeiung zulässt, dass auch bei uns bald Auswandererdokus wie „Mein neues Leben“ laufen werden, in denen Menschen versuchen, Ausland Fuß zu fassen. Weil das Geschäft nicht läuft oder gar keine Arbeit zu finden ist, suchen sie mit ihren Familien ihr Glück an einem anderen, besseren Ort. Da kann man sehen, wie die Exilanten, ist ja normal, mit Bürokratie, Sprach- und Anpassungsproblemen zu kämpfen haben und versuchen, ihr neues Leben zu meistern, was nicht immer leicht ist. Aber nie wird in Frage gestellt, dass jeder seines Glückes Schmied sein kann, dass jeder die Freiheit hat, selbst zu wählen, wo und wie man sein Glück finden und maximieren will. Und keine Idee davon, dass diese deutschen Familien - und bei den österreichischen wird es nicht anders sein-, wenn sie sich über die Jahre assimiliert, Existenzen aufgebaut, Steuern gezahlt, in Gemeinschaften, Arbeitsstellen, und Schulen integriert haben, plötzlich aus der selbstgewählten, hart erarbeiteten Heimat vertrieben werden könnten. Was Glück-Suchern, die es in Österreich gefunden, sich hier neue Existenzen aufgebaut, Steuern gezahlt, Kinder geboren, sich assimiliert, integriert und eine neue Heimat gefunden haben, jederzeit passieren kann. Sie werden auseinandergerissen, abgeschoben, aus der Heimat verjagt. Im Namen des Gesetzes. Immer mehr echte Österreicher sagen: Nicht in meinem Namen. Diesen Namen kann man jetzt unter eine Petition setzen, die die Grünen für ein faires, menschenwürdiges Bleiberecht initiert haben: www.dahamisdaham.at. Mögen es viele werden.
Was ich im Kino definitiv nicht mehr sehen möchte (und eigentlich noch nie sehen wollte): Wie Männer Lebensmittel von nackigen Frauen schlecken, schlürfen, schlabbern. Finde ich eher ekelhaft. Mit Essen spielt man nicht, da halt ich’s mit den Ahnen. Oder besser: mit dem fertigen Essen. Davor, bei der Zubereitung, zum Zwecke der Optimierung des Menüs: gut. Aber wenn das Essen fertig ist, dann gehört es auf einen Teller und einen Tisch, nicht auf eine Frau, und deswegen will ich diesen neuen deutschen Film „Eden“ schon in die Tonne treten, ohne ihn je gesehen zu haben. Obwohl Charlotte Roche die Hauptrolle spielt, oder besser: weil. Denn die frühere MTV-Moderatorin war unter den Fernsehgesichtern immer eins mit spürbar arbeitendem Hirn dahinter, was ja alles andere selbstverständlich ist. Und jetzt lässt die sich in einem Film irgendein Dessert vom nackigen Leib lecken... grusel: Zuviel Kult ums Essen. Eh sind Essen und seine Zubereitung ein Thema: Und sollen es auch bleiben, weil die Fastfood-Industrie dringend ein Contra braucht. Weil der Umstand, dass viele Menschen nicht mehr essen, sondern sich nur noch dalli verpflegen, letztlich daran Schuld ist, dass die Fetten fetter und mehr werden. Weil immer mehr Kinder immer seltener von Tisch und Tellern essen, und immer öfter aus Karton-verpackungen. Womit vielleicht auch das Jugend-Kampftrink-Problem zusammenhängt: Viele Jugendliche haben halt nie gelernt, wie viel wovon gut für sie ist, beim Essen und beim Trinken. Neue Ausweise für Jugendliche und ihre strenge Kontrolle können Heranwachsende schützen, aber sie können sie nichts über ihre Grenzen lehren. Das müssen andere viel früher tun: die Eltern. Wenn möglich bei Tisch.
Wenn jetzt noch ein paar Tausend unterschreiben, ist bald die Quote von „Mitten im Achten“ erreicht. Na, Witz, aber: Immerhin 1038 Unterschriften hat die „Petition ohne Namen“ im Moment beieinander, ganz ohne mediales Getrommel. Die Petition fordert, die Schlaumeier ahnen es bereits, die Wiederaufnahme der „Sendung ohne Namen“. Die wurde nämlich soeben nach ihrer 114. Folge abgeschafft: Nicht wegen Erfolglosigkeit, nicht wegen mieser Quoten, nicht wegen Abgenutztheit oder weil sie umstritten war, sondern aus dem offenbar einzigen Grund, dass die Sendung nicht mehr ins neue ORF–Sendeschema passe. Das ist schon möglich, aber natürlich eine interessante Begründung für die Absetzung einer Sendung, deren Grundprinzip sozusagen auf ihrer Contraschematik basiert: Die „Sendung ohne Namen“ war immer auch die Sendung, die in kein Schema passt. Was genau ihren anarchischen Charme ausmachte, ihren Witz, ihr Überraschungsmoment: Dass in den 25 Sendungsminuten alles passieren konnte. Und meistens passierte ziemlich viel ziemlich schnell, was für gewöhnlich das Gegenteil eines Garants dafür ist, dass das was geschieht, auch was Gescheites ist. Bei der „Sendung ohne Namen“ war es das aber praktisch immer. Dafür gab es 2003 eine Romy, dafür wurde die Sendung beim New York TV-Film-Festival und in Luzern für eine Goldene Rose nominiert. Und das wollten am späten Abend immer noch bis zu 140.000 Menschen sehen. Was in etwa der M.I.A.-Quote am prominenten Vorabend entspricht. Jetzt wollen schon 1165 Unterschreiber die „Sendung ohne Namen“ zurückhaben. Und falls das neue ORF-Schema nicht dazu passt: Das stört die nicht.
Österreich habe, sagte Österreichs Kanzler beim SPÖ-Parteitag „einen Aufholbedarf, was den Anstand betrifft“. Gusenbauer bezog sich auf die Sache mit den Eurofightern und die unschöne Angewohnheit einiger Militärs, Politiker und Berater, die Herkunftsangaben auf Geschenken nicht so genau zu studieren oder sie sich legal zu schwindeln: Denn möglich ist es ja, dass einer wie der Airchief Wolf sich wirklich einzureden vermag, er habe hier eine lautere Herzensentscheidung für eine Fliegertype getroffen und dort ist halt einer, der seiner Frau gern etwas Geld geben will; reiner Zufall, dass der so bussibussi mit dem Fliegertypenkonzern und so weiter. Anders kann man es sich ja eigentlich nicht erklären, warum die am Ende so leicht zu derwischen sind: Der Wille zur Vertuschung setzt ja ein Vertuschungsbedarfsbewusstsein voraus, das Wissen über das Kriminelle am eigenen Tun. Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Leute glauben, sie handelten rechtens oder wenigstens im Rahmen einer im Ertappensfall geduldeten Kavaliersdelikthaftigkeit. Insofern ist des Kanzlers Appell an Moral und Anstandsgefühl überaus notwendig, und es soll sich ihn bitte auch jener Herr hinter den Ohrwascheln notieren, den meine Freundin S. vor ein paar Tagen dabei beobachten musste, wie er in der U-Bahnstation Stephansplatz in eine Ecke urinierte. Womit wir uns bequem auf Platz 3 der kürzlich hier begonnenen Unarten-Beschwerdeliste hanteln. Platz 1: auf den Boden spucken, Platz 2: überall Müll herumliegen lassen, Platz 3 also: an Hauswände, Parkbäume oder in U-Bahnstationen brunzen. Böse! Denken Sie im Ernstfall an den Kanzler, der mahnt: „Wir wollen nicht, dass hier saure Wiesen oder Sümpfe entstehen.“ Das gilt insbesondere für U-Bahnstationen.
Wie ich dann vor meinem Rad stehe, ist es mir doch nicht egal. Weil von meinem Rad, meinem schnittigen, noch fast nagelneuen Rad ist nicht viel übrig. Wenigstens ist es versichert, und immerhin: das Schloss ist noch da; braves Schloss. Und der Rahmen, den ich damit an einem Kellergitter befestigt hatte. Und die Räder, bei denen die Diebstahlsicherung offenbar verfangen hatte. Der absolut diebstahlsicher festgenagelte Sattel: weg. Der diebstahlsichere Lenker: weg. Die Gangschaltung, die Zahnräder, der Lenker: weg, weg, weg. Ein paar gekappte Kabel schwankten traurig im Frühlingswind. Als ich das Wrack später in den Kofferraum lade, fällt es auseinander. Hurra. Zuerst aber: zur Polizei, Diebstahl anzeigen. Was eine freudvollere Sache ist, als zu erwarten war, nachdem mir eine Freundin kürzlich erzählt hatte, die Anzeige des Diebstahls ihres Rads (bei ihr: das komplette) habe mehr als eine Stunde gedauert. Bei dem netten, fingerfertigen Beamten, an den ich gerate, dauert es nur eine halbe. Schneller geht es nicht, denn dem extrem sperrigen Computerprogramm ist es einerlei, dass ein Fahrraddiebstahl hierzustadt eine Routine ist, die jährlich zehntausend Mal angezeigt wird. Sattelfarbe: äh, schwarz. Material: tja; Leder? Nein, warten Sie, war wohl irgendein Kunststoff. Ok: Kunststoff. Usw. Danach wird der Polizist, sagt er, eine weitere halbe Stunde brauchen, bis der Anzeigendienstweg erledigt ist. Meistens für nichts, denn die Aufklärungsquote ist minimal. Danach bringe ich die Reste meines Rads zu meinem Händler, der so etwas nicht zum ersten Mal sieht, aber angesichts Gründlichkeit der Demontage trotzdem überrascht wirkt. Hui. Präzisionsarbeit. Am Mittwoch werde ich es komplettiert wiederkriegen. Und ihr Diebe: Denkt nicht mal daran.
Drei Jahre wohnen wir jetzt in dieser Wohnung, sechs Mal hatten die Nachbarn das Wasser in der Decke. Jedesmal, wenn bei uns ein Abfluss gereinigt wird, klingelt es anderntags an unserer Wohnungstür, vor der dann die Nachbarin aus dem vierten Stock steht und sagt, Entschuldigung, sie stört uns ungern, aber es tropft ihr wieder von der Decke, haben wir vielleicht? Ja, wir haben, beziehungsweise nein, wir haben nicht, Fritz Schiller hat, der Installateur mit den Strähnchen. Denn wir greifen hier schon lang kein Rohr mehr an, wenn etwas mit einem Rohr ist, rufen wie die Hausverwaltung an, die schickt den Schiller, der schaut und dann wo stemmen lässt und die viel zu dünnen Rohre richtet, die ein Vormieter, der dafür kein Talent hatte, selbst in Wände und Böden verlegt hatten. Was auch die merkwürdige Terrassierung unserer Wohnung erklärt. Nachdem letztes Mal das Küchenabwasser in der Badewanne stand, kam der Schiller und machte mit Druckluft etwas, das dazu führte, dass das Smega, das innen in so einem Abflußrohr pickt, an der frischgestrichenen Decke von dem neuen Badezimmer landete, das wir bekamen, nachdem der Schiller auf der Suche nach einem Leck das alte ungefähr zur Hälfte weggespitzt hatte. Während ich den Dreck
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Wenn drei Viertel der Bevölkerung eine Sache nicht wollen: Soll man sich dann dem Wunsch dieser drei Viertel entsprechen ? Oder soll man die drei Viertel von der Sache überzeugen? Soll man versuchen, ihr die Notwendigkeit gesellschaftlichen Wandels zu vermitteln? Ich würde meinen: Kommt auf die Sache an. Aber wenn sie es, wie die Kinderbetreuung, Wert ist: nein, ja, ja. Warum ist es den Regierungen der letzten 35 Jahre (und die meisten davon waren sozialdemokratisch geprägt) nicht gelungen, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Berufstätigkeit der Mütter den Kindern nicht schaden muss, dass ausreichende Betreuungsangebote notwendig sind? Vielleicht, weil man es halbherzig tat, oder weil Kinderbetreuung in der Sozialdemokratie stets beim Frauenministerium resortiert. Und Frauenministerin heißt: geht Männer nix an. Die Meinung der Männer ist sicher mit ein Grund dafür, dass sich in der Studie der Instituts für Familienforschung 43 Prozent der Frauen gegen die Fremdbetreuung Unter-Dreijähriger aussprachen. So gesehen könnte die SPÖ allmählich zugeben, dass es falsch war, Kinderbetreuung jahrzehntelang zur Frauensache zu machen. Das Studienergebnis ist auf jeden Fall ein Beispiel-Klassiker dafür, was passiert, wenn die Politik wichtige Anliegen zu wenig oder falsch kommuniziert. Apropos mies kommuniziert: Verstörte JVPler mailen mir, bei dem vorgestern hier erwähnten Jugendabend in Markt Piesting gebe es selbstverständlich nur Antialkoholisches! Auch die Cocktails: total alkfrei!! Liebe JVPler, die Einladung vermittelte exakt das Gegenteil. Aber ich stelle die Sache gerne richtig: Es liegt mir fern, ein gutes Anliegen zu bestrafen, weil es ruinös kommuniziert wurde. Das macht, s.o., eh der Wähler.
Die Gesundheitsministerin sage, so war dieser Tage häufig zu lesen, dem jugendlichen Kampftrinken den Kampf an. Putziges Wortspiel, das man natürlich gerne in Bilder umgesetzt sehen möchte. Welche Waffen wird Andrea Kdolsky dabei einsetzen? Wird sie, ähnlich wie bei ihrem Olla-Aktionismus, ein Schnapsglas über jeden Finger stülpen und sich dabei fotografieren lassen, wie sie diese Insignien der Trunksucht zerschmettert? Wird sie in Lokale mit jugendgefährdenden Billigschnaps-Angeboten gehen und den Wirten ihren Fusel ins Gesicht schütten oder sie ihn gar selber saufen lassen? Oder geht sie am 13. April nach Markt Piesting in Niederösterreich ins Cafe Lehn auf die Party der JVP und des NÖAAB und löst dort ihren „Getränke-Bon für einen Cocktail“ ein, den man aus der Einladung ausschneiden kann? Wenn sie den vertrunken hat, kann sie weitere „Getränke um Euro 1,-“ konsumieren: falls sie nicht weiß, welche, hilft ihr ein kleines Foto, das drei Gläser zeigt, eins mit was rotem, fruchtigem, eins das ausschaut wie ein Mojito, bei dem man bei der Minze gespart hat, und eins, das stark einer Margarita ähnelt. Aber, halt, nein: Die Ministerin kriegt gar nichts, denn sie ist für die JVP/NÖAAB-Sause zu alt. Die Einladung gilt, wie fett vermerkt wird, „exklusiv für 13- bis 24-Jährige“. Die Einladung wurde mir von der Mutter eines 13-Jährigen gemailt, der den Zettel nach Haus gebracht hat. Sie sei, schrieb die Frau, höchst irritiert davon, dass „eine Partei bereits 13-Jährige zu Saufgelagen einlädt“. Der Sohn jedenfalls habe die Einladung mit den Worten weggeschmissen, er fühle sich „zu jung für sowas“. Kluger Kerl. Wenn jetzt nur auch noch die JVP so gescheit würde: Vielleicht hilft ihr die Gesundheitsministerin mit einer putzigen Aufklärungskampagne dabei.
Es ist natürlich klar, warum der Bund, warum Infrastrukturminister Werner Faymann auf stur schaltet: Wer einmal nachgibt undsoweiter. Und wer sagt: In Bregenz ist die Situation aber speziell, da muss eine Sonderregelung her, der schafft einen Präzedenzfall. Andererseits: Es nicht zu tun, ist auch verheerend. Im speziellen Fall (und richtig, ich bin gerade in der Gegend) für Bregenz. Bregenz ist eine Naturstadt (der Bodensee, die Berge), eine Kulturstadt (Festspiele, Kunsthalle) und eine Autotransitstadt, und letzteres wollen die Bregenzer, nona, unbedingt ändern. Und das könnte man: Das enorme Verkehrsaufkommen in Bregenz entsteht durch die Vignettenpflicht im Pfänderautobahntunnel, der im Transitverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz eine wichtige Rolle spielt. Bevor sich die PKW-Fahrer, die die österreichische Autobahn sonst gar nicht benutzen wollen, wegen einer Fahrt von wenigen Kilometern eine Zehn-Tages-Vignette um Euro 7,60 kaufen, weichen sie, logisch, lieber auf die mautfreien Straßen aus, die durch Bregenz und die Umlandgemeinden führen. Während andere Städte mit Citymauten autofrei gemacht werden, lotst man im Ländle die Autos von der Autobahn, durch Bregenz und die Dörfer. Danebener geht’s kaum. 29.000 Unterschriften wurden dagegen gesammelt, die Vorarlberger Bundesräte schlugen einen Pfändertunnel-Mautbefreiungspilotversuch vor, die Grünen wollen sowieso Roadpricing statt Vignette und der jetzige Bundeskanzler Gusenbauer zeigte sich vor den Gemeinderatswahlen 2005 angetan von der Idee einer Tagesvignette, kann sich aber jetzt nicht mehr erinnern. Minister Faymann verspricht: eine zweite Tunnelröhre. Wieder mit Vignettenpflicht. So unlöst man Probleme.
Augenblicklich kann ich gar nicht sagen, was mich mehr aufregt: Erstens die Geschichte von den beiden irrtümlich im Frachtraum einer FedEx-Maschine eingesperrten französischen Frachtarbeitern, die nach einem unfreiwilligen Flug nach Wien von den Schwechater Kollegen nicht befreit wurden: Nein, die schlugen die Tür sofort wieder zu und ließen die beiden Franzosen weiter im Frachtraum des Flugzeugs frieren, bis die Polizei sie endlich befreite. Die Namen der beiden Franzosen, Hicham O. und Abdessamad C., lassen vermuten, dass ihre Haut eventuell nicht claudiaschifferweiß war; und ich bin ziemlich sicher, dass die österreichischen Arbeiter auf der Basis einer offiziellen Dienstanweisung taten, was sie taten: Nicht schauen, ob die vermeintlichen Flüchtlinge vielleicht Hilfe nötig haben, ob sie, wie das nach Flügen in Frachträumen relativ häufig der Fall ist, vielleicht unterkühlt oder ausgetrocknet sind, sondern ihnen die Tür vor den Nasen zuzuschlagen und abzuwarten. Aber in einem Land, in dem Flüchlinge per se als Kriminelle gelten, die man, straffällig oder nicht, jugendlich oder erwachsen, ins Gefängnis sperrt und endlos in Schubhaft hält, braucht man sich nicht wundern, wenn Flughafenarbeiter angesichts eines in einem Frachtraum gefangenen Menschen als Primär-Impuls nicht helfen wollen, sondern sich und das Land vor dem Eindringling schützen. Es ist beschämend. Zweitens die vom KURIER recherchierte Geschichte über die Wiener Wirte, die ungerührt 15jährige Jugendliche mit Billigschnaps abfüllen; rücksichtslos profitgeil. Die gehören rigoros kontrolliert und, wenn nötig, schikaniert bis zum Konzessionsverlust, das ist meine Meinung. Über die Gleichgültigkeit der Eltern dieser Kinder rege ich mich dann ein ander Mal auf.
Dem Manfred Stallmajer könnte das egal sein. Der führt das spitzenfeine, von Stars bevorzugt beehrte Hotel „Das Triest“, und sein neues Projekt, das kürzlich frisch renoviert wiedereröffnete Cafe Drechsler ist, was man so hört, ungefährt 23 Stunden am Tag vollbesetzt. Dem Manfred Stallmajer könnte es (und dem durchschnittlichen Wiener Wirt wärs das) komplett egal sein, dass dort zwei von circa 100.000 Gästen unzufrieden raus sind; Schicksal, schmecks. Es ist ihm nicht egal. Kürzlich berichtete ich in dieser Kolumne von zwei Frauen, die im neuen Drechsler gegessen und getrunken hatten und, als sie danach nichts mehr bestellen wollten , vom Kellner freundlich hinauskomplimentiert wurden. Ich benutzte dabei die Worte „Turbokapitalismus“ und „Schnellabspeis-Prinzip“, und kurz danach rief mich Drechsler-Wirt Stallmajer an und drohte mir nicht mit seinem Anwalt. Sondern er meinte extrem freundlich, dass er die Sache aufklären wolle, weil er das Drechsler sehr wohl als ein typisches Kaffeehaus inkl. aller gemütlichen Wiener Kaffeehaus-Eigenschaften führen wolle. Er glaube, es handle sich um ein Missverständnis, ob ich ihm bitte einen Kontakt zu dieser Dame herstellen könne. Ich konnte, und Stallmajer rief sogleich die Frau an, ließ sich die Geschichte nochmal erzählen, recherchierte im eigenen Haus, fand heraus, dass es sich um ein Schichtwechsel-Kommunikationsproblem gehandelt hatte, kontaktierte die Dame abermals, entschuldigte sich und lud die zwei Frauen ins Drechsler zum Essen: Um den einen schlechten Eindruck ganz auszuradieren. Was ihm gelang: Die Kundin ist, wie sie mir sagte, von dieser Reaktion höchst angetan. Ich bin auch beeindruckt von diesem extrem unwienerischen Service-Verständnis: Respekt. Das darf sich in Wien ruhig durchdrechseln.
Von Anfang an hatte man bei dieser Regierung ein ungutes Gefühl, und es hält an. Es begann mit gebrochenen SPÖ-Versprechungen, es ging weiter mit kämpferischen Ansagen, die eine nach der anderen zermalmt wurden wie eine Rigipswand unter einem Vorschlaghammer. Die Notwendigkeit der Erbschaftssteuer: Von Kanzler wie Präsident ins mediale Schaufenster gestellt, in das der Koalitionspartner keine drei Tage später einen schweren Stein warf; Totalschaden. Der Eurofighter-Ausstieg: Im Wahlkampf versprochen, zu Regierungsbeginn als Primär- Projekt forciert, jetzt von einem traurig blickenden Verteidigungsminister endgültig im Daraus-wurde-leider-auch-nichts-Schrank verräumt. Wenn der Kanzler heute sagt, der Verkauf von Böhler-Udeholm an die britische CVC „wäre eine Katastrophe“ muss man damit rechnen, dass er eventuell übermorgen die positiven Seiten einer derartigen Übernahme nicht übersehen kann; und vielleicht ist es ja nur ein Investoren-Streich. Das ungute Gefühl, das man von Anfang an bei dieser Regierung hatte, wird höchstens von der Resignation überdeckt, dass es vermutlich nicht besser, konstruktiver oder harmonischer wird: Das bleibt wohl eine Querelen-Legislatur, eine Heute-hier-morgen-dort-Hochschaubahnfahrt. Einzig einige Frauen in dieser Regierung können sich immerhin dazu aufraffen, gemeinsame Ziele anzupeilen: Es passe zwischen sie und die Frauenministerin „kein Blatt“, sagte die Familienministerin im KURIER. Das hört man gern; viel lieber als z.B. das ewige Gezanke, ob jetzt 45.000, 50.000 oder 100.000 Kinderbetreuungsplätze fehlten. Weil, Vorschlag, werte Ministerinnen: Schaffen Sie doch die 44.000, über die Einigkeit herrscht, und zählen dann weiter: Da wär einmal etwas geschafft.
Heute: Unerfreuliches aus der Welt des Konsums. Frau T. war mit einer Freundin aus, was an sich noch nicht unerfreulich ist. Die Damen hatten ein Ziel, das Cafe Drechsler. Endlich wieder mal im Cafe Drechsler sitzen, endlich das neue Cafe Drechsler sehen, das nach seiner Schließung ja lange leerstand, und dann zu jedermanns Verblüffung nicht von einer Fastfood-Kette, sondern von Leuten übernommen wurde, die Respekt vor dem Kaffeehaus im Allgemeinen und dem legendären Drechsler im Speziellen zu haben schienen, sowie das Kapital, es mit Hilfe eines gefeierten britischen Architekturbüros zu erneuern und auf zeitgemäße Weise weiterzuführen Oder et was in der Art, wie die Freundinnen feststellen mussten, nachdem sie sich an einem Samstag Abend im Drechsler getroffen, dort gegessen, getrunken und sich „im neuen Ambiente sehr wohl gefühlt“ hatten. Ziemlich genau bis 22 Uhr. Ziemlich genau um 22 Uhr sei ein Kellner an den Tisch gekommen und habe gefragt, ob man noch etwas zu konsumieren wünsche, was die Damen abschlägig beschieden, worauf der Kellner augenblicklich die Rechnung auf den Tisch gelegt und noch einen schönen Abend gewünscht habe. Das verwirrte die Freundinnen. Sie wollten wissen, ob das ein Rausschmiss sei, worauf der Kellner stereotyp geantwortet habe, wenn die Damen nichts mehr konsumierten, wünsche er ihnen einen schönen Abend, was die Damendanach vor lauter Zorn nicht mehr hatten. Denn das ist nun so überaus undrechslerisch, so gar nicht Wiener Kaffeehaus, so uncharmant effizienzorientiert, dass man befürchten muss, das gute, alte Drechser sei vielleicht doch dem turbokapitalistischen Schnellimbiss-Prinzip zum Opfer gefallen: Es hat sich nur fein gemacht.
Das sagte Karl-Heinz Grasser im SonntagsKURIER-Interview: „Wenn man weiß, dass man sich mit mehr und mit weniger Geld sehr glücklich fühlen kann, dann ist dieses Geld eigentlich bedeutungslos.“ Ich versuche gerade mir vorzustellen, was sich ein Karl-Heinz Grasser unter „wenig Geld“ vorstellt, weil ich glaube, dass er davon keine Ahnung hat. Brauchen Reiche auch nicht: Sie sollen ihr Jet-Set-Leben führen in Kitzbühel oder sonstwo, in Capri und der Karibik von Jachten hüpfen, mal eben ein paar Tausend Euro für Wein im Restaurant oder ein Adoptivkind im Entwicklungsland ausgeben, bei den Modeschauen in Paris, New York und Mailand dekorativ in der ersten Reihe sitzen, Maybachs und Ferraris fahren, Haute Couture an makellosen Körpern tragen, ihre Kinder in Schweizer Internate stecken, in eigenen oder geborgten Privatjets nach Mailand in die Oper fliegen, mit den anderen Reichen prestigeträchtige Sportarten ausüben und Oldtimer-Rennen fahren. Aber nie sollen sie sich anmaßen, sich vorstellen zu können, was es bedeutet, wenig oder kein Geld zu haben. Nie sollen sie von der Bedeutungslosigkeit von Geld faseln, weil sie keinen Tau davon haben, was arm sein bedeutet. In Österreich heißt es, in einem Haushalt mit einem Einkommen unter 848 Euro zu leben, ein Betrag, den der Durchschnittsreiche pro Monat vermutlich für die Esstischdeko ausgibt. Ob Grasser sich mit 848 Euro im Monat „sehr glücklich fühlen“ würde, wage ich zu bezweifeln. Mehr als eine Million Österreicher müssen aber mit diesem Betrag oder weniger überleben: Wohnung, Essen, Mobilität, Kleidung, Kinderbetreuung; Kurse, Sport, Spiel. Ja, Geld ist völlig bedeutungslos, wenn man genug davon hat.
Schreiben vom 7.2. 2007 „an die Mieter des Hauses 19., Krottenbachstrasse 122. Betrifft: Hundehaltung. Liebe Hundehalter und Tiefreunde! Die meisten Hundebesitzer befolgen gewissenhaft die gesetzlichen Regelungen in Bezug auf Hundehaltung. Leider gibt es immer wieder Grund zu Beschwerden und Unmutsäußerungen. Ein paar Richtlinien helfen, dem vorzubeugen und das Zusammenleben von Hundebesitzern und Nicht-Hundebesitzern zu erleichtern: - Achten Sie darauf, dass Ihr Hund seine Notdurft nicht auf dem Gehsteig oder den Gehwegen des/des Wohnhaus/es/anlage, sondern im Rinnsal verrichtet.“ Es folgen drei weitere Punkte, Dank fürs Verständnis, und Hoffnung auf „Ihre Mithilfe, die Lebensqualität unserer Stadt für alle Bewohner zu erhalten! Mit freundlichen Grüßen, Ihre Hausverwaltung Stadt Wien - Wiener Wohnen.“ Danke, Leser D., für dieses schöne Schreiben, in dessen Licht die putzige Gackerl-Sackerl-Kampagne der Stadt Wien, durch die Wiener Hundehalter endlich begreifen sollen, dass es verboten und verantwortungslos ist, den Kot ihrer Hunde egal wo liegen zu lassen, nur noch wie Hohn wirkt. Die selbe Stadt Wien fordert die Gemeindebau-Hundehalter dezidiert dazu auf, ihre Hunde ins „Rinnsal“ koten zu lassen: Worunter das Österreichische Wörterbuch einen „schmalen Wasserlauf, dessen natürliches oder künstliches Bett“ versteht. (Vielleicht mit kleinen Brücken für kotfreies Queren mit Kinderwägen, Rollern und Rädern, was man auf Wiener Straßen aber eher selten vorfindet.) Es ist also eine Aufforderung, Hunde auf die Straße scheißen zu lassen. „Nimm ein Sackerl für dein Gackerl?“ Davon ist in dem Schreiben nicht die Rede; nicht ein einziges Mal.
Es ist ein schönes Gefühl, wenn man bei einer alten Mission endlich auf Verbündete trifft; besonders wenn sie so seriös sind wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Die sah sich in ihrer letzten Ausgabe unter dem Titel „Der Herrenwitzbold“ veranlasst, „Wetten-dass...?“-Moderator Thomas Gottschalk „endlich mal gewaltig auf die Finger“ zu klopfen, weil es nicht sein könne, „dass man sich nur als Freak verkleiden muss, um das Betatschen schöner Frauen vor zwölf Millionen Zuschauern als gesellschaftsfähiges Verhalten zu etablieren.“ Genau. Heute Abend ist wieder „Wetten dass...?“, ich werde, Faszination des Gruselns, wieder reinspähen und mich wieder fragen, ob wir in der Evolutionskette nicht schon viel weiter waren. Und warum weibliche Superstars, die 1000 Mal be-rühmter sind als Gottschalk, sich sowas gefallen lassen. Vielleicht, weil sie vor lauter Überrumpelung einfach nicht glauben können, was ihnen hier an Frechheit geschieht. Realitischer aber ist, dass Gottschalks Handarbeit als Handel betrachtet wird, als eine Art sozial anerkannter Prostitution light: sowohl von den Frauen, die Gottschalk die Gefälligkeit erweisen, ihm nicht in die Fresse zu hauen, wenn er sie ausgreift, wie auch von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die Gottschalk das Bor... äh Forum zum Ausleben seiner Phantasien zur Verfügung stellen. Und davon profitieren. Weil das ist ja so witzig! Und charmant! Nein, ist es nicht. Die FAS nennt es „sexuelle Belästigung“ und konstatiert, „Gottschalks Verfehlungen“ seien „keine dumme Angwohnheit, die er sich abtrainieren könnte“, sondern der Ausdruck eines antiquierten Verständnisses von Unterhaltungsfernsehen. Das er auch heute wieder zur Schau stellen wird, Hand aufs Herz.
Kürzlich lief eine dieser vielgelobten dänischen Krimiserien, in denen die Polizisten und Polizistinnen, während sie brutale Morde bearbeiten, ständig Beziehungsprobleme besprechen, mit Einsamer-Wolf-Ermittlern und schicken, hantigen Polizeichefinnen. In dieser hatte der Einsame Wolf eine Affäre mit der schönen Ermittlerin, und die Polizeichefin stand vor der Pensionierung. Also nahm sie sich die schöne Ermittlerin zur Brust und machte ihr klar, dass sie gute Chancen auf ihre Nachfolge habe, aber sie solle sich doch endlich einen soliden Kerl finden und sich ein paar Kinder machen lassen, denn „in diesem Job kannst du nur Karriere machen, wenn du auch einen Ausgleich hast“. Soll heißen: glückliches Familienleben und berufliche Selbstverwirklichung, das macht man am besten gleichzeitig. Da schlenkert unsereins natürlich mit den Ohren, weil: sapperlott! Ist das überhaupt erlaubt? Die Frage drängt sich auch angesichts der Leserbriefe zur deutschen Krippendebatte gestern im KURIER auf, in denen fast durchwegs die Ansicht vertreten wurde, ein Kind, das die ersten drei Lebensjahre nicht ausschließlich von seiner Mutter (zur Not: vom Vater) betreut werde, nehme irreparablen Schaden. Was die Kinderpsychologie nicht bestätigt. Gesellschaftlicher Konsens herrscht dagegen darüber, dass nicht genug Kinder geboren werden und der Kinderwunsch der jungen Frauen dringend irgendwie angezwirbelt werden sollte... aber wie? Viele fänden es halt immer noch am pragmatischsten, wieder allen Frauen ein unbezahltes Vollzeit-Hausfrau-und-Mutter-Modell als total befriedigend schmackhaft zu machen, das spart Steuergeld und Arbeitsplätze. Aber, wie auch CDU- und ÖVP-Frauen klar machen: Die 1950er Jahre sind nicht nur lange vorbei; sie sollen es auch bleiben.
Das W gefällt mir nicht, ich finde, das W ist zu groß. Das W sollte massiv kleiner sein oder überhaupt: weg. Das W ist im Vergleich zu den Ziffern zu dominant, finde ich, und lästig ist es auch, speziell in der Provinz, wo einen das W immer sofort als Gscherten ausweist, wurscht ob man qua Geburt eine Gscherte ist, oder ob einen nur die Wohnadresse dazu gemacht hat. Das W finde ich diskriminierend; auf das W werde ich verzichten. Oder vielleicht, dass ich’s ganz mini, hinter dem Endbuchstaben aufmale, so klein, dass es von Weitem wie ein Punkt aussieht? Oder ich könnte das Wappen ein bisschen kleiner machen, schön mittig rücken und das W darunter picken. So könnt’s gehen. Der blaue Balken muss aber weg; den finde ich überhaupt nicht schön. Dieses Yves-Klein-Blau ist doch haargenau diese Saison schick und dann erträgt diese Kreischfarbe niemand mehr. Steht auch keinem. Und es passt mit dem Rot-weiß-rot von den Rändern oben und unten null zusammen und mit dem Lack von meinem Auto sowieso nicht. Wenn, dann müsste das Blau viel dunkler sein; so ein edles Nachtblau vielleicht, aber eigentlich ist blau auf so einem kleinen Ding einfach eine Farbe zuviel, also weg damit. Die Sternchen kann man ja rot machen und schön verteilen. Und das Weiß müsste mehr ins Elfenbeinige tendieren... nein, Eierschale! Ja, Eierschale ist gut. Weil wenn der Haider ungestraft an seinen Ortstafeln rumbasteln darf, kann mir das doch bei meinen Autokennzeichen keiner verbieten. Mein Kennzeichen nämlich. An meinem Auto. Und beim Haider wird auch nicht wirklich eingeschritten, wieso also bei mir. Und falls doch... Dann gründe ich unter meiner Adresse einfach einen kleinen Freistaat: In meinem Land kann ich mein Kennzeichen ja gestalten wie ich will. Oder.
Irgendwas hat es, da oben am Küniglberg. Irgendwas ist da. Weil so hoch liegt der Küniglberg ja auch nicht, dass man es der dünnen Luft zuschieben könnte, dass dort so viele Männer so dumme Ansichten über Frauen entwickeln. Es könnte eventuell daran liegen, dass so dumme Ansichten über Frauen, die ja immer mehr vom Aussterben bedroht sind, nur in so einer geschützten Werkstätte wie dem ORF gedeihen können. Vielleicht ist ja der Künglberg-ORF so eine Art Dumme-Ansichten-über-Frauen-Gewächshaus, wo Dumme-Ansichten-über-Frauen-Gärtner, die außerhalb dieser Anstalt nur schwer vermittelbar wären, die dummen Ansichten gießen und düngen, hegen und pflegen, wie man das mit bedrohten Pflanzen halt tut. Manchmal macht einer der Gärtner den Fehler und präsentiert, weil er so stolz ist auf sein seltenes Pflänzchen, der Öffentlichkeit so eine dumme Ansicht über Frauen, und wird dann ausgelacht, beschimpft, es wird ihm der Vogel gezeigt oder sonst etwas total Ungerechtes. Wo die Öffentlichkeit doch lieber froh sein sollte, dass es so einen Ort, eine Art gallischen Sicherheitstrakt gibt, wo noch jemand die dummen Ansichten über Frauen vor der missgünstigen Außenwelt beschützt. Wo richtig dumme Ansichten über Frauen noch eine Chance haben, wo es noch Männer gibt, die sich ganz bewusst um dumme Ansichten über Frauen bemühen, überall sonst verkümmern die dummen Ansichten über Frauen ja zusehends, gehen ein, sterben aus, da muss doch wer was unternehmen. Zum Glück also schaut einer wie der ORF-Fernsehchefredakteur Karl Amon darauf, *dass förderungswürdige Frauen nicht überfordert werden und sich zu schnell entwickeln“. Jawoll! Der Mann verdient bitte einen Artenschutzorden, einen fetten, so ist es doch.
Mail vom 30.1., 14.25 Uhr an die PR-Firma Hochegger/COM: Sehr geehrte Fa. Hochegger, bitte schicken Sie mir keine Presseaussendungen mehr. Herzlichen Dank! Doris Knecht. Mail vom 30.1., 16.16 Uhr, an presse@hochegger.com: Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe sie heute gebeten, mir keine Presseaussendungen mehr zu schicken und bitte Sie hiermit erneut darum: Bitte entfernen Sie meinen Namen aus Ihrer Mailingliste! Mit freundlichen Grüßen, D.K. Mail vom 31.01., 10.38 Uhr an abmeldungen@hochegger.com: Sehr geehrte Damen und Herren, ich fordere Sie hiermit zum dritten Mal auf, mich von Ihrer Mailingliste zu entfernen und mir keine Aussendungen mehr zu schicken. Danke, mfg, DK. Mail vom 8.2. von presse@hochegger.com an doris.knecht@kurier.at: Anbei senden wir Ihnen eine aktuelle Presseinformation von... und so weiter. Im Taumel meiner Niederlage gegen hochegger.spam erblicke ich anderntags die Chance, wenigstens die Post in die Schranken zu weisen, denn zufällig betrete ich den Postboten dabei, wie er unadressierte Blätter von einem großen Stapel in jedes Brieffach stopft, auch in meins. „Sie!“, sage ich, „da steht 'Bitte keine unadressierte Werbung'!“ Der Postler aber erklärt mir, es handle sich bei dem Blatt mit der Titelzeile "wien.at. Voller Elan für Wien", keineswegs um Reklame, sondern um eine „amtliche Mitteilung“ der Stadt Wien: die müsse gesetzlich in jedes Fach. Und da eine amtliche Mitteilung sicher wichtige Infos enthält, führe ich sie pronto der Lektüre zu und erfahre u. a., dass „unsere Stadt“ nun „in besten Händen“ sei, von „starkem Abschied“ (Rieder) und „steilem Aufstieg“ (Faymann). Ach ja, „Tipps & Tricks für weniger Abfälle in den Haushalten“ weiß das Blatt ebenfalls. Mir fiele da spontan auch einer ein.
Der Abgeordnete Josef Broukal lacht gerade über die Blasmusik, nichts zu lachen hat er dagegen mit der Post, ein Schicksal, das er mit vielen anderen Österreichern teilt. Das Primärproblem mit der Post ist ja: Das Prinzip Bürgergesellschaft perlt an ihr ab. Der verärgerte Postkunde kann die Sache nicht selbst in die Hand nehmen, Lobbyismus, Kolumnismus, Kapitalismus: ist der Post dudeldei, gibt ja keine Alternative. Das ermöglicht ein Unternehmensprinzip, in dem Kunden gegen Angestellte ausgespielt werden und Angestellte gegen Kunden, und am Ende weiß meistens einer nicht, wohin mit seinem Ärger. Der Abgeordnete Broukal zum Beispiel wohnt im 14. Bezirk und ist, wie der Medienkonsument weiß, tagsüber recht berufstätig. Es geschieht also, dass Broukal, wenn die Post ihm Pakete und eingeschriebene Briefe zustellt, nicht daheim ist, wofür die Post die Hinterlegung erfunden hat, nur dass in Broukals Fall die Briefe im Postamt 1140, die Pakete aber im Postamt 1142 hinterlegt werden. Dazwischen liegen zwei Kilometer, die sich Broukal gern ersparen würde, weshalb er vor einiger Zeit schriftlich anfrug, ob es nicht möglich wäre, Briefe wie Pakete bei 1142 zu hinterlegen. Er erhielt einen etwas zynischen Antwortbrief: Dessen Verfasser bedankte sich dafür, dass Broukal sich so viele Gedanken über die Post mache und verwies auf postinterne Probleme, tja, leider, mit freundlichen Grüßen. So holt Broukal seine Briefe weiterhin bei 1140 ab, seine Pakete aber bei 1142, und könnte der Post noch elf weitere Briefe schreiben, einer schärfer als der letzte, nur lassen die Erfahrungsberichte zahlreicher anderer Postkunden vermuten, dass das die Antwortqualität nicht optimieren würde. Oder dass sich gar was ändert... haha. Hahahahaha.
Man ist in diesem Winter schon froh, wenn es mal tüchtig regnet oder man eine schlimme Erkältung hat, damit man die Jahreszeit wenigstens ungefähr spürt. Ah, meine Nase läuft, es könnte Februar sein. Dem jungen Herrn, der vor zwei oder drei Wochen in kurzen Ärmeln auf dem Fahrrad an mir vorbeipedalte, konnte ich den Januar jedenfalls nicht ansehen, wenngleich ich finde, dass der Herr übertrieb: So warm war’s nun auch wieder nicht. Aber wegen mir braucht’s nicht schneien. Schnee sei auch nur aufgemascherltes Wasser, las ich kürzlich so ähnlich irgendwo, und so ist es nicht nur ehrlicher, dass auch im Moment Wasser vom Himmel fällt: Aus Regen wird auch nicht im Augenblick, in dem er Wiener Grund berührt, schwarzer, kiesversetzter Match: und mit dem wird einem dann von passierenden PKWs das Paletot paniert. Plus, der Regen tut den Rosen gut; am Balkon wollen die ersten ja schon wieder zum Blühen anfangen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das von den Rosen eine vernünftige Idee ist. Was, wenn doch noch Frost kommt? Die Kinder aber sind sauer, sie finden, es ist kein Winter wenn kein Schnee fällt und kein Schnee liegt: Sie wissen es nicht besser, sie sind halt noch nicht so viele Winter durch den Wiener Gatsch gepflügt, noch keine unbewarnten Fensterbrettlawinen glitschten ihnen unversehens in ihre Mantelkragen, sie haben noch nicht so viele bräunliche Schneedecken wegschmelzen und langsam die darunter verborgenen Hundstrümmerl freilegen sehen, bevor der Frühlingswind sie langsam trocknet, zersetzt, zerkrümelt, zerstäubt und als besonders leckeren Feinstaub durch die Straßen weht... Der Regen spült den Dreck wenigstens weg, runter in den Gulli: braver, guter Regen. Wegen mir braucht’s wirklich nicht schneien.
Eigentlich raucht R. nicht mehr. Vor einem Jahr hat er damit aufgehört und lange keinen Tschick angerührt. Es kam eine Stresssituation, ein Bier abends im Lokal, eine geschnorrte Zigarette. Sie schmeckte noch, und das tut sie seither öfter. Trotzdem beharrt R. darauf, dass er nicht mehr raucht, weil er weitgehend nicht mehr raucht: Er raucht nicht in seiner Wohnung, er raucht nicht im Auto, er raucht nicht im Büro, wo auf seine Intitiative hin ein Rauchverbot durchgesetzt wurde. Er raucht, wenn er raucht, abends im Lokal, wo auch andere rauchen, wo das Rauchen immer noch normal ist. R. sagt aber, dass er über eine Denormalisierung des Rauchens prinzipiell nicht unglücklich wäre, und dass er eigentlich immer ganz froh darüber ist, wenn wo nicht geraucht werden darf: Dann tun’s die anderen nicht, dann fällt’s ihm auch nicht ein, dann fehlt ihm nichts. Dennoch habe ich meine anfängliche Begeisterung über allgemeine Rauchverbote ein wenig relativiert. Es stimmt nämlich: Man kann nicht hier auf die Freiheit des Menschen pochen, und dort ihre Einschränkung begrüßen. Wobei ich immer noch meine, dass die Freiheit der Raucher zur Unfreiheit der Nichtraucher führt; dennoch: Die Wirte sollen selber entscheiden, ob in ihren Lokalen geraucht werden darf oder nicht. Irritierend finde ich nur, dass so viele Wirte ganz selbstverständlich eher ihre rauchenden Gäste vor Entzugserscheinungen und Verboten schützen wollen als ihre nichtrauchenden vor dem Rauch. Als seien die Raucher das wertvolle Publikum; als seien die Nichtraucher Gäste 2. Klasse, deren Wunsch nach Rauch- und Gesundheitsrisikofreiheit man nur unter Strafandrohung zu erfüllen bereit ist, die nervigen Nörgler, die. Da fühl ich mich unwillkommen, und R. sagt, das versteht er.
Dass eine reiche verwöhnte 25-jährige, die für Publicity so gut wie alles zu tun bereit ist, sich von einem Wiener Kaufhausbesitzer, der für Publicity so gut wie alles zu tun bereit ist, in seine Loge beim Opernball einladen lässt, ist in Wirklichkeit so wurscht, wie wenn ein Kiesel in die Donau fällt: pltsch. So wie der ganze Opernball so wurscht ist, dass es sogar jugendlichen Links-Rebellen längst zu blöd ist, dagegen zu demonstrieren, gibt doch sinnvollere Zeitvertreibe. Ja. Und spannendere. Wenigstens dem ORF ist es nicht zu blöd, die Spekulationen darüber, ob das amerikanische Schnepfenmädchen nun kommt oder nicht, tagelang als Hauptnachricht auf seiner Website zu spielen, neben Gusenbauers Regierungserklärung und dem Ortstafelkonflikt. First things first, denn Lugner scheine, so der ORF, „damit heuer als Gastgeber der ganz große Coup gelungen zu sein“. Pltsch. Da fällt einem spontan diese andere 23jährige ein, die auch gerade von von sich reden macht, aber nicht, weil ihr die goldenen Höschen, in denen sie geboren wurde, manchmal vom Popsch fallen. Nein, die ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha trat enttäuscht aus der SPÖ aus, und das sollte der SPÖ sehr weh tun. Denn dieses Mädchen ist vom Leben kein bisschen verhätschelt worden, ein Arbeiterkind mit sechs Geschwistern, der Vater weg, die Mutter vor wenigen Jahren jung gestorben: Die hat dann ihren kleinen Bruder zu sich genommen, sie lebten von Kinderbeihilfe, Stipendium und den Nachhilfestunden, die Blaha gab. Wessen Partei will die SPÖ noch sein, wenn solche Menschen resigniert austreten? Es heißt, Kanzler Gusenbauer gehe heuer auch auf den Opernball. Vielleicht trifft er dort wen, der ihn gerne wählen würde. Paris vielleicht. Oder Mausi... pltsch.
Das Abwasser steht, schlimm genug, und es steht, wo es nicht stehen sollte. Das Küchenabwasser steht in der Badewanne, und was sehen wir: gestern gab es Coq au Vin mit tüchtig Petersilie, dazu Reis und grünen Salat. War gut, nur ziehe ich es vor, die Reste davon nicht in der Badewanne wiederzusehen, was ich dem Installateur am Telefon erkläre. Ich erkläre ihm nicht, noch nicht, dass ich nicht beabsichtige, die Rechnung für die Abflussreinigung vom Juli zu zahlen, ja, dass ich es ziemlich gewagt von ihm finde, diese Rechnung für die letzte Abflussreinigung überhaupt zu schicken. Aber der Installateur ist ein mutiger Mann, das konnte man schon letztes mal an seinen kecken, neuen Strähnchen sehen, sehr hübsch an einem Kerl, der wie ein Viva-Moderator aussieht, aber der Installateur sieht aus wie Elmar Oberhauser. Die letzte Abflussreinigung, für die der Installateur sich anschließend erlaubte, Euro 259, 20 in Rechnung zu stellen (Abwasserleitung mit Motorfeder gereinigt, Verstopfung dadurch behoben, Sifone bei Abwäsche, Badewanne und Waschtisch zerlegt, gereinigt und wieder zusammengebaut.) hatte zur Folge, dass der Sifon (Dichtheits- und Funktionskontrolle durchgeführt ) weiter tropfte, was allerdings zugegebenermaßen nicht der Grund dafür war, dass den Nachbarn unter uns wenig später zum zweiten Mal in zwei Jahren unser
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Andererseits war Karin Gastinger eine gute Justizministerin, die Wichtiges geschafft hat, von der was bleibt; und die hatte davor mit Justiz auch nur am Rande zu tun. Was war die nochmal, bevor sie Justizministerin von Österreich wurde? Leiterin der Abteilung für Wasserrecht in Kärnten, richtig. Dass Ministern ihre künftigen Agenden nicht schon in die Wiege gelegt wurden, ist also nicht zwingend von Nachteil. Dennoch ist der Einwand jenes Mitglieds der Offiziersgesellschaft Vorarlberg gerechtfertigt, das verzürnt auf einen Verteidigungsminister reagiert, der einst seinen Wehrdienst durch Zivildienst ersetzte. In einem offenen Brief an die Zeitungen gibt der Mann zu bedenken, dass Verteidigungsminister Norbert Darabos damals noch aus „Gewissensgründen“ den Dienst an der Waffe ablehnte, es also mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, eine Waffe in die Hand zu nehmen. 24 Jahre später hat er kein Problem damit, ein ganzes, bewaffnetes Heer zu leiten. Zu seiner eigenen Verteidigung könnte Darabos jetzt anführen, dass er das unbewaffnet zu tun gedenkt, damit wäre die Sache nach Art der Sozialdemokratie 2007 irgendwie hingebogen. Aber jetzt, wo die Sozialdemokraten erneut an der Macht sind, gilt halt auch wieder, was Bruno Kreisky einst scherzte: „Die Rache der Geschichte an jungen Revolutionären besteht darin, dass sie in späteren Jahren mit Frack und Orden zum Opernball gehen müssen.“ Manche erwischen es noch schlechter und müssen ein Heer verteidigen. Andererseits war der frühere Infrastrukturminister ein begeisterter Autofahrer, und was hat er geschafft? Eine Tempo-160-Rennstrecke. Hurra. So gesehen gereicht zu viel in die Wiege gelegte Hingabe zur ministeriellen Materie dem Amt nicht zwingend zum Vorteil.
Es gab diese Woche auch schöne Geschichten; die schönste las ich gestern in der Süddeutschen Zeitung. Hat also nichts mit einem neuem Kanzler zu tun, aber auch ein wenig mit gebrochenen Versprechen oder zumindest: unerfüllten Erwartungen. Die Geschichte handelt von Frau Maria Milz aus Blankenheim in der Eifel, die wieder aus dem Altersheim auszog, in das sie zwei Monate zuvor übersiedelt war. Das ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Erstens hört man selten von Menschen, die das Altersheim auf eigenen Wunsch wieder verlassen, zweitens
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Ein Vorschlag zur Güte: Vielleicht sollte die neue Regierung , damit das Gekreische und Gedemonstriere ein Ende hat, die Studiengebühren doch noch abschaffen, in dem sie schnell und unkompliziert in „Studiengebüren“ umbenennt, ähnlich wie im „Holland Blumenmark“, daran hat sich auch jeder gewöhnt, und die Beugung der Orthografie wird ja nicht bestraft, oder. Was die SPÖ im Wahlkampf versprochen hat – die Studiengebühren abzuschaffen – wäre damit gehalten, da könnte man nichts dagegen sagen. Gar nichts. Zugleich könnte erwogen werden, im nächsten Wahlkampf mit einer kämpferischen Ansage zur Abschaffung der Studiengebüren zu punkten. Denn wenn die Abschaffung des Wahlkampfs. Vielleicht die Wahl auch gleich? Nein, halt!, das ist ja verboten.
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Bevor ich hier im Ländle in Schnee-Betrachtungen versinke (leider nicht im Schnee: bis ins Tal herunter hat er’s auch hier nicht geschafft, trotz schwurhafter Beteuerungen der Meteorologie. Und obwohl dieses Tal ein wenig gnädige Schneeverdeckung ästhetisch gut vertragen würde), erinnert mich ein Freund daran, wo ich übrigens daheim bin. In Wien. Der Freund fuhr vorgestern mit seinem Baby gegen halb zwei in einem Wagen (Nummer bekannt) der Linie N in Richtung Friedrich-Engels-Platz. An der Haltestelle Heinestraße wollte er mit dem Kinderwagen aussteigen, und folgender Dialog
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Ja, es kommt vor, dass ich mich mit sturer Besserwisserei zur Idiotin mache, indem ich behaupte, ich hätte das und das gesagt, geschrieben oder nicht bestellt, worauf die Gegenseite mir prompt das Gegenteil beweist. Peinlich; und zur Festigung meiner Rolle als charakterfeste Vertrauensperson wenig hilfreich. Aber diesmal habe ich alles richtig gemacht. Ich habe rechtzeitig drei Plätze 1. Klasse mit Tisch im Autoreisezug von Wien nach Feldkirch reserviert. (Es gibt Gründe für die 1. Klasse, z. B. eine defekte Klimaanlage im 2.-Klasse-Kinderspielwagen letzten Juli auf gleicher Strecke; Außentemperatur: 34 Grad; Fluchtmöglichkeit mit Kindern und Gepäck: null; Hilfsangebote
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Nicht alle Anrainer waren prinzipiell dagegen, als bekannt wurde, die Wiener Sängerknaben planten einen eigenen Konzertsaal im Augarten. Das Parkplatzproblem, ja: aber was man von dem Projekt in Zeitungen sah, wirkte zumindest architektonisch interessant. Zudem liegt der Augartenspitz, Ecke Castellezgasse/Obere Augartenstraße, praktisch brach: aus den oberen Etagen der Anliegerhäuser sieht man Parkplätze, Gestrüpp, einen Wassertank. Von unten nicht: Parkbesuchern ist der Spitz verschlossen. Ein 430-Plätze-Saal hätte also auch eine Öffnung des Spitzes für alle bringen können: der ließe sich ja auch für anderes nutzen, als nur für Sängerknaben-Konzerte. Einige der Anrainer gingen also letzte Woche offenen Herzens
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Bei uns war Nikolo immer ein großes Fest mit vielen Kindern und vielen Großen; es gab Mandarinen bis zum Magendurchbruch (das war in den 1970ern noch was) und Süßigkeiten und frischgebackenen Leberkäs soviel man essen konnte. Es gab keinen Krampus, nur einen lieben, harmlosen Knecht Ruprecht, der dem Nikolaus die Säcke trug. Der Nikolaus und sein Knecht waren stets Väter aus der Runde; die größeren Kinder wussten das, und die kleinen kamen auch bald drauf, und das machte überhaupt nichts. Das Lob für jedes Kind war groß und reichlich und der Tadel hielt sich in engen Grenzen. Bei uns war Nikolo immer ein schönes, großes Fest, deshalb will es mir einfach nicht gelingen, eine kritische Einstellung dazu zu kultivieren. Den Krampusbrauch dagegen könnte man, ginge es nach mir, ganz abschaffen. In den Tiroler
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Zuerst wird das Papier erzeugt: schweres schneeweißes Papier, dafür benötigt man Rohstoff und Energie. Das Papier wird in eine Druckerei gefahren (Energie, Umweltbelastung), bedruckt, geschnitten, gefaltet, geklebt (Energie, Druckfarbe, Klebstoff, Abfall), dann mit bedruckten weißen Adressetiketten beklebt (Energie, Druckfarbe, Kleber Abfall), sortiert (Energie), in die Poststellen gefahren (Energie, Umwelt), sortiert und vom Postboten in mein Brieffach gelegt. Dem ich es dann entnehme: Ein großes, adressiertes Kuvert mit grünem Rand und dem orthografienostalgischen Warnhinweis „Stop!“, das ein weiteres grüngerandetes Kuvert mit Warnhinweis („Bis hierher und nicht weiter!“) enthält, das ein weiteres Kuvert mit
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Früher hat man geil gesagt, oder cool oder lässig, heute sagt man sexy. Es ist jetzt vieles sexy: sexyness beschränkt sich längst nicht mehr auf Anwendungen im erotischen Kontext: Gegenstände können sexy sein, Gebäude, ganze Städte. So konstatierte kürzlich der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, die deutsche Hauptstadt sei „arm aber sexy“. Cool. Das hat man auch in Wien gehört. Gilt Wien doch international als schöne Stadt – aber geil, cool, lässig oder gar sexy sind nicht die Adjektive, die in Reiseführern in Zusammenhang mit der Wienerstadt gebracht werden: Immer nur Schnitzel, Fiaker und Mozart, stets bloß Kaisers hier und Sissi dort, ewig gnä Frau hin und küss die Hand her, aber sexy: nie. Offenbar dachte nun der Finanzstadtrat, dass man das ändern müsste, dass Wien auch anders und viel cooler konnotiert sein sollte, ging tapfer voran und sprach bei einer Budgetdebatte die Worte, Wien sei „sexy aber nicht arm“. Wohl weil es ihm sehr gefiel, wie das Wort sexy
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Ärger mit der Post hat dieser Tage praktisch ein jeder. Am Postamt wartet man ewig (mit etwas Spezialglück am falschen Schalter), daheim geht das Brieffach über, oder das Brieffach ist kaputt, oder im Brieffach liegt kein Paketabholaufforderungsschein, was man aber erst bemerkt, wenn man von dieser oder jener Firma kontaktiert und informiert wird, dass das verschickte Paket wegen fortgesetzter Nichtabholung soeben retour gekommen sei: Das passiert mir momentan immer wieder gern. Dem Leser H. passiert etwas anderes. Denn Montags erhält der Herr H. immer wieder seinen abonnierten KURIER nicht. Auf dem KURIER steht sein Name, und wenn man eine Tageszeitung abonniert, bezahlt man vor allem auch dafür, dass man diese Tageszeitung, so man
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Einmal davon sprechen, dass man die stärkere Tabuisierung des Rauchens begrüßen würde, weil man es, nun ja, vorzöge, lieber nicht mehr nach Fremdrauch zu stinken, wird man gleich von Eigenverantwortungsfetischsten angefallen. Weil, um Himmels Willen! Mit dem Gutheißen so einer Idee protegiere man doch die Beschneidung der Freiheit des Menschen, sich nach eigenem Gutdünken zu runinieren! Geselle sich also jetzt ebenfalls zu den gemeinen Selbstverantwortungsräubern! Vor allem auch zu den Totalregulierern!, die durch den Brutaleinsatz von Vorschriften, Verboten und Gesetzen das naturgegebene menschliche Gespür für gut und böse, für richtig und falsch, für vernünftig und
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Herr M. brauchte neue Reisepässe für seine beiden Kinder und begab sich auf ein Bezirksamt. M. hatte sich zu diesem Zweck von der Arbeit frei- und die Kinder für einen Tag aus der Schule genommen. Um neun Uhr früh zogen sie im Wartesaal eine Nummer: 521. Eine digitale Anzeigentafel informierte darüber, dass im Augenblick die Nummer 475 an der Reihe war: Das konnte dauern, M. beschloss, die Wartezeit zu nutzen und ging mit den Kindern ein Handy kaufen. Eine Dreiviertelstunde später kehrten sie zurück, die Tafel zeigte die Nummer 476. Herr M. und seine Kinder verließen den Wartesaal für eine weitere Stunde, fanden bei der Rückkehr die Nummer 479 vor, begannen zu rechnen und
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Und nachdem Geena Davis die Welt vor einem Atomkrieg bewahrt hat, geht sie rüber in den Kinderflügel des weißen Hauses und liest ihrer jüngsten Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte vor. „Ist jetzt alles wieder gut, Mami?“, fragt das Kind, und während sie das Licht ausmacht, sagt Mrs. President, „ja, Mausi, jetzt ist alles wieder gut.“ Denn Mami hat den Planeten gerade nochmal gerettet, das Böse in die Schranken gewiesen, dem Guten zum Sieg verholfen und jetzt gute Nacht und schlaf schön. Sowas geschieht natürlich nur im Fernsehen, in Sat1, wo in „Welcome Mrs. President“ US-Präsidentin Mackenzie Allen immer Dienstag Nacht beweist, dass es durchaus möglich ist, Kinder und Weltherrschaft unter einen
Wenn ich geschrieben hätte, meine Freundinnen und ich würden gern öffentlich, ich weiß nicht, Parkbänke in Brand stecken, kleine Katzen foltern oder an fremde Wände wischerln, die Reaktionen hätten kaum empörter ausfallen können. Wir haben aber nur öffentlich gelacht. Die praktisch einhellige Lesermeinung (Leser diesmal akkurat im Sinne von männlicher Leser): Lachen Sie zu Hause! Der Beislbesucher habe ein natürliches Recht auf Unbelachtheit! Rücksichtslos, egoistisch und eine Zumutung sei das, anderen Leuten die eigene gute Laune aufzuzwingen! Und ein bissl einen Anstand müsste man sich selbst von einer wie mir erwarten dürfen. Na na na na. Jetzt aber. Drängt sich nämlich die Frage auf: In diesem öffentlichen Raum – im inkriminierten Fall das Innere eines Beisls – wer hat da die stärkeren Rechte? Die Ruhebedürftigen oder
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Der Plan war, heute mal wieder was Nettes zu schreiben. Was Lustiges, Leichtes, Unbeschwertes: aus dem egoistischen Grund, dass ich diese Woche schon genug Leser-Prügel kassiert habe; danke, reicht. Nun haben aber die Wiener Grünen gerade die Einkommenssituation der Frauen in Wien untersucht, und die ist so unrosig, dass man sich kurz mal wieder fragt, wohin all die Jahrzehnte Rotes Wien denn eigentlich abstrahlen. War der Plan der Sozialdemokraten nicht immer auch die faktische Gleichberechtigung der Frauen? Fakt ist, dass die Frauen in Wien dramatisch schlechter verdienen als die Männer. Im Schnitt 5319 Euro pro Jahr weniger als ihre männlichen Kollegen. Mit 5319 Euro kann man sich einen Gebrauchtwagen kaufen oder
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Sie haben mir doch eh nicht geglaubt, dass ich es schaffe, mich nicht mehr in Sachen einzumischen, die mich eigentlich nichts angehen (wobei „eigentlich“ in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext natürlich sowieso relativ ist), die Hofingers auch nicht, und die Kaiserin sowieso nicht. Ha ha ha, hat die Kaiserin gesagt. Die Breussin hat es auch nicht geglaubt, allerdings musste ich die zurechtweisen, weil eine blöde Bemerkung über einen Vierjährigen, der noch immer nach den Brüsten seiner Mutter langt, wenn ihm das Essen wo nicht schmeckt, kein Einmischen ist, sondern deppertes Reden. Das muss man bitteschön unterscheiden, und dass ich nie mehr deppert reden will, habe ich nie gesagt. Ich muss auch von was leben. Geglaubt – besser: gehofft - haben es die Horvaths, die luden uns zum Essen ein, und die Vorspeise verlief reibunglosmit einer Konversation über den freundlichen und überaus kompetenten Herrn Manfred aus der lokalen Metzgerei, mit dem der Horvath und der Lange immer befriedigende Unterhaltungen über steirische Mufflons und ostschweizer Charolais-Kälber führen. Aber wenn ich beim Einkaufen an den Herrn Manfred gerate, brauche ich verlässlich gerade zwei Kilo Leberkäsbrät oder80 Deka gemischtes Faschiertes, und jedesmal hab ich ein total schlechtes Gewissen, dass ich den kompetenten Herrn Manfred, der sich mit so vielen Dingen auskennt, mit so einem Mist belästige, und ich werde total nervös, vor allem, wenn hinter mir ein paar Leute anstehen, die sich unbedingt mit dem Herrn Manfred über die Beiried vom steirischen Biorind beraten müssen. Letztes Mal hat der Herr Manfred gesagt, ich soll nicht so nervös sein, so eilig hat er es ja nicht, da ist mir dann auch noch der Schweiß ausgebrochen. Das erzählte ich, obwohl bei den Horvaths auch Dinge geschahen, die einen Kommentar erfordert hätten, aber. Dann öffnete der Horwath einen unglaublichen Brunello und servierte ein herrliches Kalbsgulasch mit Nockerl, jeder Fleischbrocken hundertprozentig vom Herrn Manfred persönlich erwählt. Dann schenkte er vom Brunello nach, und am nächsten Morgen, wie ich mit Lotte und der Kaiserin schwimmen gehe, muss ich sagen, liebe Kaiserin, danke, dass du exakt um 19 Uhr 34 angerufen hast, weil das Gespräch war gerade an einem sehrsehr kritischen Punkt. Die Kaiserin sagt, lass mich raten, du hast dich in was eingemischt, was dich nichts anging, und ich hab gesagt, was heißt eingemischt, die Königsdisziplin vom Einmischen: Kindererziehung, Spezialgebiet: wieviel soll ein Vierjähriger fernsehen, und die Kaiserin sagt: Ich. Will. Es. Nicht. Wissen. Aber Lotte sagt, sie begrüßt, dass ich jetzt zumindest den Willen zeige zu reflektieren, wie ich mich eingemischt habe, da schimmere doch ein Charakteroptimierungswunsch durch, sagt Lotte, Babyschritte zwar, sagt Lotte, aber immerhin, dreißig Längen heute?, und die Kaiserin und ich sagen, okay, los.
Erstens finde ich, es wär an der Zeit, dass Wolfgang Schüssel und die ÖVP dann mal das Wahlergebnis anerkennen. Für die eher nicht so Schnellen hier nochmal: SPÖ erster Platz, ÖVP zweiter Platz, Grüne dritter Platz, Rechts 1 und Rechts 2 vierter und fünfter Platz. Also, das bedeutet, dass es mehr Österreicher gibt, die wollen, dass die SPÖ regiert, als solche, die wünschen, dass wieder die ÖVP an der Macht ist. Und, ja, 15 Prozent der Wähler haben rechte und ausländerfeindliche Parteien gewählt, aber 85 Prozent haben sie nicht gewählt. Man könnte das Ganze so interpretieren, dass die Österreicher keine schwarz-rechte-Regierung mehr wollen. Haben das jetzt alle verstanden? Offenbar nicht, denn wie ich letzte Woche mit Freunden in einem sehr sehr guten Wiener Restaurant einen Geburtstag feierte, saßen zwei Tische weiter ein ehemaliger FPÖ-Vizekanzler, ein BZÖ-Staatssekretär und
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Eigentlich will ich mich heute nur darüber aufregen, dass nicht Philip Roth den Literaturnobelpreis bekommen hat. Schon wieder nicht Philip Roth! Warum schon wieder nicht Philip Roth?! Was kann ein Schriftsteller noch leisten, als seit Jahrzehnten Jahr für Jahr den besten, prägnantesten, sarkastischsten, bösesten, aktuellsten und/oder wichtigsten Roman zu veröffentlichen? Stattdessen ist der Literaturnobelpreis auch heuer wieder ein Wir-sagen-einer-Regierung-hintenrum-die-Meinung-Nobelpreis; das ist eine echte Sauerei Roth gegenüber, und bis Roth den Literaturnobelpreis nicht kriegt, ist der Preis nicht mehr ernst zu nehmen. So! Aber vermutlich liest das jetzt schon wieder keiner von der Nobelpreisjury. Die tatsächlichen Leser aber
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Dann muss ich dem nachfausten und hinterherbrüllen, aber der ist schon weg. Du Depp. Du Irrer. Dieser Irre ist mir von der Geradeausspur aus direkt vor dem Rad rechts abgebogen, ohne zu blinken, und ich wär pfeilgrad in den reingerast, wenn ich nicht wüsste, dass man als Radfahrer in Wien immer auch für die Autofahrer denken, also stets bedenken muss, dass der im nächsten Moment etwas total StvO-konträr Kriminelles machen könnte, etwa ohne zu blinken von der Geradeausspur rechts abzubiegen. Du Vollidiot. Überhaupt lässt die Rechtsauffassung
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Das Mädchen auf dem Wahlplakat wirkt nicht froh. Sie sitzt neben Wolfgang Schüssel auf der Albertinatreppe, zupft unentspannt an ihrem rotweißroten Plastikarmband rum und lacht verlegen: Es ist ihr anzusehen, dass ein begeistertes, animiertes, bisschen verführtes Lachen von ihr erwartet wird, so als hätte Schüssel gerade eine für einen Kanzler extrem locker-amüsante Bemerkung gemacht, und es ist ihr anzusehen, dass sie das dazugehörige Lachen auch ehrlich gern bringen würde, aber irgendwie gelingt es nicht. Vielleicht sagt Schüssel was Peinliches. Vielleicht sagt er was zu Nettes. Vielleicht sagt er etwas, das sie offensichtlich dazu bringen soll, begeistert zu lachen, und die Durchschaubarkeit macht sie unrund. Vielleicht rückt er zu sehr ran. Vielleicht wäre sie lieber das andere Mädchen auf der Treppe, das mit einem hübschen Burschen ihres Alters flirten darf. Vielleicht findet sie, dass so ein Plastikarmband an einem Mann über 25 etwas lächerlich aussieht. Vielleicht tut ihr Schüssel leid, weil er junge Mädchen dafür bezahlen muss, sich mit ihm auf Treppen zu setzen. Vielleicht ist sie eine unterbezahlte Altenpflegerin aus der Slowakei, die nebenbei bisschen modelt und überhaupt nicht versteht, was der merkwürdige kleine Mann mit dem
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Eins muss ich jetzt mal sagen, es ist besser geworden mit dem Hundedreck auf den Straßen, Applaus, anbetungswürdiges Brigittenauer Mütterrudel. Und Applaus für die sich vermehrenden Hundebesitzer, die beim Gassigehen demonstrativ ein Sackerl tragen, weil sie sich nicht dem Verdacht aussetzen wollen, sich der kriminellen Straßenverscheißung schuldig zu machen. Applaus für den hübschen Herrn, den ich kürzlich dabei betrat, wie er das Trümmerl, das sein Hund vor unseren Kindergarten gesetzt hatte, unaufgefordert entfernte. Es zeigt sich: Das Unrechtsbewusstsein im Zusammenhang mit Hundekot steigt allmählich. Das ist gut; deshalb applaudieren wir hier auch dem Kollegen S., dem die Steigerung der Gacki-ins-Sacki-Moral in seiner Hund-und-Herrl-Kolumne ein stetes Anliegen ist. Und er hat, auch wenn ich die Windeln meiner Kinder immer selbst besorgt und bezahlt habe, Recht: Herr Bürgermeister, Frau Stadträtin, es müssen mehr Gackerlsackerl-Spender her, an jede Ecke eins, auch wenns stadtbildgestalterischproblematisch ist. Sie können ja einen Gackerlsacker-Spender-Wettbewerb ausschreiben, und dann wieder wen gewinnen lassen, der mit demselben Entwurf schon mal was anderes gewonnen hat, wie bei der Plakatkampagne, wo das Siegerhundefoto schon mal für
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Jetzt hab ich mir gedacht, schreib ich doch mal darüber, wie letzte Woche, als wir an einem tüchtig über 30 Grad heissen Tag mit der Österreichischen Bundesbahn fuhren, in Tirol die Klimananlage des Kinderspielwaggons ausfiel und bis Wien nicht repariert wurde, und wie dann praktisch überhaupt kein Personal in dieser unbelüfteten Mobilsauna mehr erschien, schon gar nicht, um irgendwelche Hilfe anzubieten, etwa beim Finden von Plätzen in kllimatisierteren Zugzonen, oder beim Transfer von Kindern und Gepäck dort hin, und wie dann ein Mitreisender, der schon in Innsbruck aussteigen durfte, sagte, er lebt jetzt seit ein paar Jahren in der Schweiz, und irgendwie passiert sowas dort nie. Und das kann ich bestätigen: Sowas passiert in Schweizer Zügen nie, und das würde ich den österreichischen Bahnverantwortlichen gerne mitteilen, also, dass ein nahezu schikanefreies öffentliches Verkehrsnetz in anderen Ländern möglich ist, aber Honzo sagt, nichts Uncooles sei
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Sehr geehrte Kundin! Sehr geehrter Kunde!
Herzlichen Dank für Ihr Mail! Ihr Mail ist in der Servicestelle der ÖBB-Personenverkehr AG angekommen und wird einem/einer SachbearbeiterIn zugewiesen. Die Post unserer Kunden ist uns wichtig. Wir werden Ihr Mail möglichst rasch beantworten. Da allerdings vor der Beantwortung meist Recherchen notwendig sind, bitten wir Sie um etwas Geduld!
Mit freundlichen Grüßen
ÖBB-Personenverkehr AG
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