Nicht nur die Kirche muss derzeit darüber nachdenken, was man mit Kindern alles nicht tun darf, auch ich. Der Wunsch, mein Kind zu hauen, ist dieser Tage überwältigend. Ich tue es, wie immer, nicht, würde aber sehr gern. Es ist nämlich nicht so, dass Trotzphasen kommen und gehen und irgendwann aufhören, nein, das Kind performt jetzt einen Trotzphasen-Remix mit besonderem Engagement in den hohen Frequenzen. Die, bei denen ich leicht die Beherrschung verliere, was, wie mir einer meiner Psychiater am Samstag bei Wirtens erklärt hat, wahrscheinlich von einem selektiven Hörschaden herkommt: Wenn im Lokal der Geräuschpegel hoch ist, höre ich meinen Gesprächspartner zu wenig, wenn das Kind mich angreint, leider zu viel. Immerhin haben sie uns bei Wirtens das fantastische Abendessen zu Ehren von Horwaths nichtendenwollendem 50er nicht ruiniert, sie waren im Kinderzimmer damit beschäftigt, ihre Strategien im Geschlechterkampf zu verfeinern und Schuhe anzuzünden: nicht meine Wohnung, geht mich nichts an, ich muss mich mit dem Rindfleischsalat, den scharfen Garnelen-Nudeln, dem Steak mit Garnitura Dalmatinska, dem Tiramisu und der Jogurt-Panacotta beschäftigen, ich habe gerade keinen Kopf für etwas anderes.
Und ich war auch zu dankbar, überhaupt endlich stabil an Wirtens Tisch zu sitzen, die Kinder wollten ja zuerst nicht hin. Nachdem sie sich die ganze Woche über bitter beklagt hatten, dass ihre grausamen Eltern ihnen ständig aus purem Egoismus den Kontakt zu anderen Kindern verwehrten, den und die und die und den hätten sie jetzt schon seit ewig, was heißt: seit Jahren praktisch nicht gesehen, NIE führe man sie anderen Kindern zu. Und wie wir am Samstag zu Wirtens und ihren Kindern aufbrechen wollten, erscholl großes Geheul, das sei ja wieder eine spezielle Grausamkeit, einem überarbeiteten, erschöpften Schulkind seine verdiente Wochenend-Freizeit zu rauben, nie könne man sich ausruhen, nie erholen, nie in Ruhe spielen (aka fernsehen), es sei eine unablässige Quälerei. Und nein, man gehe auf keinen Fall mit und ziehe sich jetzt sicher nicht die Schuhe an; überhaupt, was sei das für eine Art der Kommunikation, den ganzen Tag nur Befehle, Befehle, Befehle. Natürlich vernahmen wir, als wir sie um elf bei Wirtens einpackten, das gleiche, nur in anderen Worten, aber da hatte das viele Essen und Trinken meinen selektiven Hörschaden derart verstärkt, dass ich gar nichts mehr hörte.
Der Horwath hatte bei Wirtens zu unser aller Erstaunen die Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler an den Füßen, in die er, gegen alle Prognosen - außer meiner - offenbar sofort nach Überreichung eingezogen ist. Der Horwath sagt, super, alles, was das Leben verlangsame, sei ihm gerade sehr recht. Mein Leben würde derzeit schon von einer partiellen Verleiserung massiv profitieren, und den Kindern ist das wieder einmal komplett powidl.
Drei Wochen lang hatten wir Lazarett. Kind krank, Kind krank, Mutter krank, Kind krank, Kind krank, und jetzt sind die Mimis komplett ruiniert vom Fernsehen. Sie singen und tanzen Werbespots nach, träumen schlecht, haben das Spielen verlernt und zucken wegen jedem Scheiß aus. Die Mutter im Übrigen auch. Die Mutter würde wieder einmal gern ein paar Stunden lang nicht angesprochen werden, von niemandem, einfach nur gar nicht. Nur den Sound of Silence hören, verziert mit paar Geräuschen von der Straße und aus dem Ballkäfig, die mit mir nichts zu tun haben und an denen keine Forderungen und Beschwerden appliziert sind. Wieder ganze Tage nur unter Erwachsenen verbringen, in Ruhe in der Redaktion schreiben, Mittagessen gehen mit dem C. oder dem T. oder der B., dazu Wein trinken, statt Nutella-Brote schmieren und magenschonendes Karottensüppchen nach dem Rezept von Dr. Urban kochen, das dann sowieso abgelehnt wird. Gemoser, den ganzen Tag.
Dieses wurde immerhin am Samstag unterbrochen von Horwaths 50er, im Wetter, sehr nett. Wir schmissen die Kinder in der Ecke auf einen Haufen, warfen Nintendos und Weißwürste mit Ketchup hinterher (die vorbildlich guten Wetter-Menschen haben die Ketchup-Anregung sofort aufgenommen) und konnten so mehrere Stunden ungestört mit Erwachsenendingen verbringen, aka trinken, rauchen, reden und Blut- und Leberwürste vom Metzger Fontain in Dornbirn essen, ohne dass die Kinder dazu Würgegeräusche machten. Das war sehr schön, obwohl das Geschenk für den Horwath nicht rechtzeitig angekommen war, dabei hätte es so gut zu den Würsten gepasst. Und der gute Herr Devich war extra noch am Mittwochnachmittag in Bezau, Bregenzerwald, mit einem Paar wunderhübscher, lammfellgefütterter Rindsfell-Hölzler der Größe 45 zur Post marschiert, wo man es dann genau so lange liegen ließ, dass es dann pünktlich nicht ankommen, sondern erst Montag früh geliefert werden konnte. Danke, liebe Post. Deswegen kann ich auch noch nichts über die Horwathsche Reaktion erzählen, der uns exilierte Xiberger (plus dem Langen) jetzt seit Jahren wegen dem Schuhwerk verlästert, das wir im Waldviertel praktisch ausschließlich an den Füßen tragen. Aber heuer hat ja auch Lagerfeld Holz-Clogs, das überzeugt den Horwath vielleicht von der Sinnhaftigkeit seines Geschenks.
Weil: Was schenkt man einem wie dem Horwath zum Fünfziger? Das Werkzeug, damit er endlich mal eins seiner fetten Sulmtaler mordet, hat er schon gekriegt. Gut: Die Felders schenkten ihm ein Kochbuch mit Hendl-Rezepten, das wird er hoffentlich bald benützten. Er nennt die Hendln jetzt auch schon „Hendln“ und nicht mehr bei ihren Namen, wir waren von Anfang an gegen die Namen, da wird doch das Verhältnis vom Bauern zu seinem Schlachtvieh viel zu intim und vertraulich. Wir halten es für einen Schritt in die richtige Richtung, dass der Horwath dieses Verhältnis jetzt allmählich auf eine prosaischere Ebene herunterschraubt, und hoffen sehr auf Ostern.
Tatsächlich hat der Lange, glauben Sie es oder nicht, die Lesben von vis a vis kürzlich beim Sex beobachtet, während er zum Fenster hinausrauchte. Die, die nie Pornos schauen. Hat er mir erst nach Lektüre der letzten Kolumne erzählt. Dabei waren, wie immer, die Schlafzimmervorhänge zu, aber einer zufällig im richtigen Winkel offen stehenden Tür und daraus resultierenden Spiegelungen verdankte der Lange eine Sichtung, deren Einzelheiten ich dann nicht so genau wissen wollte. Das Leben imitiert wieder einmal die Kunst; nein, die Kolportage. Sonst habe ich diese Woche nichts zu erzählen, auf Wiedersehen.
Doch, ich habe die Bühnenhemden der Fehlfarben gesehen. Das hat mich merkwürdig berührt. Die Hemden hingen an der Wand eines Ateliers, und ich hätte sie gerne fotografiert, so wie sie da hingen, habe mich aber nicht getraut. Auch nur zu fragen, wäre mir wie ein Sakrileg vorgekommen. Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an, und zwar eine, die erst gemacht wird, wenn die Fehlfarben bald ihr neues Album "Glücksmaschinen" live vorspielen. Ich habe es schon, Peter Hein hat es mir geschenkt. Hein sitzt übrigens heuer in der Jury des Protestsongcontests, was, weil ich mir keinen denken könnte, der dort mit größerer Berechtigung säße, der substantielle Grund ist, warum ich doch auch wieder dort sitze. Obwohl ich mir und jedem, der es hören wollte, ein knappes Jahr lang schwur, dass ich mir das gewiss nicht mehr antue, hundertausendprozentig nicht. Weil, wozu? Damit der junge Mensch mir wieder seinen Mittelfinger präsentieren kann? Ich habe auch andere schöne Hobbies, dankeschön; zum Beispiel backe ich einen ausgezeichneten Kärntner Reinling, und Faschingskostüme für die Kinder sind leider auch wieder zu nähen. Ich könnte dabei die kollossale neue Fehlfarben hören, die mir Peter Hein geschenkt hat, ja.
Beziehungsweise ich würde, wie ich voreilig zugesagt habe, auf die Faschingsparty von der Fischer gehen, gemeinsam mit Anna im knappen Flugbegleiterinnen-Kostümchen, das verpasst die Welt jetzt leider auch, und ich werde stattdessen nach Mitternacht in der Verkleidung eines zart angeflaschelten Protestsongcontestjurymitglieds erscheinen, wenn alle anderen schon lustig sind und ich nur ausgebuht. Ich habe mir den Anschiss von der Fischerin und der Anna schon abgeholt, wobei die Anna nur noch resigniert geseufzt hat: sie wurde jetzt schon wiederholt Opfer meiner nachlässigen Kalenderführungspolitik. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich vergesse, dass am 12. Februar immer und immer am 12. Februar Protestsongkontest im Rabenhof ist, und ich natürlich trotz gegenteiligsten Geschwörs erneut da oben auf meinen Stühlchen sitzen und Punkte vergeben werde, selbstverständlich wie stets an die falschen, jaja. Aber diesmal wird Peter Hein neben mir sitzen, dort in der Politdisko, und das Leben wird die Kunst angrinsen und die Kunst wird zurückgrinsen, und es wird gut sein, ja, es wird.
Jetzt schaue ich abends beim Abwaschen immer Lesbenpornos. Gegenüber sind zwei eindeutig zusammengehörige Damen eingezogen und der Fernseher steht wieder da, wo er schon stand, als noch eine alte Frau dort lebte, die immer Kinderfernsehen sah. Die ist wohl jetzt im Heim, und ich schaue beim Abwaschen immer Lesbenpornos, und brauche fürs Abwaschen eine Stunde. Boah. Da schau. Manchmal komme ich aber gar nicht dazu, weil der Lange eine Stunde lang genau aus diesem Küchenfenster rauchen muss; dabei haben wir einen Balkon, aber nein, dieses Fenster muss es sein.
Gar nicht wahr. Ich wollte nur, wie letztes Mal leichtfertig angekündigt, mehr Sex ins neue Jahr bringen; es wird aber doch wieder nur das Sudern und das Streiten übrigbleiben. In Wahrheit tragen die Lesben von gegenüber immer Jogginghosen und sehen den ganzen Tag amerikanisches Sportfernsehen, ununterbrochen, sogar wenn sie gar nicht zu Hause sind.Sie haben einen Mops, der ist so fett, dass er für den Weg zwischen der Couch und der Tür 18 Sekunden braucht, ich habe einmal mitgezählt, aber nicht während des Abwaschens, sondern während ich darauf wartete, dass das Teewasser kocht. Wir haben eine Spülmaschine, ich wasche eigentlich selten ab. Nur, dass der Lange, das Lulu, aus diesem Fenster raucht, stimmt, was ich total unsportlich finde. Wer rauchen kann, kann auch am Balkon frieren, habe ich bitte fast den ganzen letzten Winter gemacht, bis ich das Rauchen aus div. Gründen wieder aufgab, u.a., weil mich der Lange, der jetzt immer zum Fenster hinaus raucht, mit seinem ständigen Genörgle genervt hat, weil ich schon wieder rauche, hatte ich nicht eben gerade geraucht? Ja. Und?!?
Heuer streiten wir ersatzweise darüber, dass ich zu oft vor dem Computer sitze und sonntags immer arbeite, ja, Entschuldigung, damit verdiene ich nun einmal mein Geld. Und darüber, dass ich abends vor dem Einschlafen keine Filme sehen will, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, eigentlich will ich überhaupt nie mehr Filme sehen, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, weshalb ich auch in Zukunft von dem Wissen ausgeschlossen sein werde, wofür genau Christoph Waltz den Golden Globe bekommen hat. Ich möchte lieber nur noch warmherzige, gutgläubige Filme sehen wie Woody Allens "Whatever works", der sich in jede aufgelegte Pointe schmeißt und sich darin wälzt, wie eine verspielte Sau in einem warmen Schlammloch, was natürlich irgendwie nur bei Woody Allen funktioniert und lustig ist. Und wo am Ende die Schöne den Schönen abkriegt und der Schwule den Schwulen und die Künstlerin zwei Künstler und der Suderant die Nette, und der ist dann sogar so etwas ähnliches wie glücklich.Schön. So will ich das, und natürlich hat der Lange nur gesudert, wie wir wieder aus dem Kino raus sind, kein Geballere nichts, aber ich habe gar nicht hingehört.
„Wann immer jemand in unserem Haus die Stimme erhebt, wird alles gestoppt, egal was wir gerade machen. Time-Out sage ich. Du hast etwas auf dem Herzen, nimm dir ein paar Minuten und rede mit mir.“
So ist das bei uns nicht. So ist das, jedenfalls berichtete das André Agassi kürzlich dem Kurier, bei den Graf-Agassis in Las Vegas. Wenn in unserem Haus jemand die Stimme erhebt, kommt gleich einer gelaufen und brüllt mit, um auf diese Weise seinen eigenen Ärger über was auch immer loszuwerden. Zu Spitzenzeiten brüllen vier Leute gleichzeitig.
Tagesanbrüche haben eine gute Anlage, Spitzenzeiten zu sein, wobei meistens ich die erste bin, die ihre Stimme erhebt, denn nach all den Jahren kapiert meine Familie noch immer nicht, dass, wer dauerhaft mit mir auskommen will, mich frühmorgends nicht anspricht. Nicht ansingt. Nicht einmal anschaut. Nicht seinen Kakao auf mein Kissen schüttet. Sich nicht darüber beschwert, dass in seinem Adventkalendersackerl schon wieder die ganz falschen Pickerl drin waren. Von mir keinen launigen Kommentar zu dieser abseitigen Zeitungsmeldung oder zur Lage der Nation erwartet. Mich nicht aus der Dusche holt, um mir eine voll lustige Stelle aus dem neuen Lottmann vorzulesen oder mich einen Gürtel suchen zu lassen. Mich nicht fragt, was ich abends essen oder kochen will. Mit mir nicht über die Autoversicherung spricht, die Gasrechnung oder einen Heftumschlag, den ich jetzt gefälligst endlich besorgen soll. Mich keine Fäden einfädeln lässt und mich nicht um Hilfe bei Häkelarbeiten bittet. Mich nicht anmotzt, weil ich schon wieder das ganz falsche Gewand herausgelegt habe und Schinken statt Salami in das Jausenbrot tue. Mich nicht fragt, wie viel kalt es heute eigentlich wird oder ob man noch schnell ein Ärzte-Video auf Youtube anschauen darf.
Auf all diese Dinge reagiere ich ab, sagen wir, elf, aufgeschlossen und gelassen, doch wer in der Früh gegen mehr als zwei meiner Gebote verstößt, muss mit einer Dezibel-Erhöhung rechnen, angesichts derer man bei Agassis sofort die Cops rufen würde. Natürlich ist das meiner rücksichtslosen Brut völlig wurscht und man lässt mich unter vier Verstößen und ohne Gebrüll keinen Tag beginnen. Dankeschön. Aber so ist das bei uns eben. Und bei uns läuft es auch nahrungsaufnahmetechnisch etwas anders als bei Agassis, wo Steffi, so erzählt André, streng auf Ausgewogenheit achte. „Die Kinder dürfen nach einer Pizza nur Proteine und Gemüse essen. Zwei Kohlehydrate-Mahlzeiten hintereinander sind nicht erlaubt.“ Ja, du. Und ich bin sicher, wenn Steffi ihre mütterliche Autorität verströmt, hat das auf ihre Familie die vorgesehene Wirkung. Auf meine nicht, aber daran werde ich jetzt arbeiten, denn auch meine Nullerjahre sind jetzt vorbei, ja, definitiv. Wünschen Sie mir also bitte ein schönes, erfolgreiches, respektgeladenes neues Jahr voller friedlicher Morgen im Kreise einer liebenden, kuschen Familie, ich wünsche es Ihnen auch.
Nachdem die Kinder tagelang kränkelten und von ihren erwerbstätigen und/oder ebenfalls kranken Eltern nervenschonend vorm Fernseher gelagert wurden, konnten wir live und vor Ort den Einfluss elektronischer Medien auf den Familienalltag überprüfen. Denn leider macht das Kinderfernsehen die Kinder nicht nur pflegeleicht und gusch, sondern auch klüger, nicht immer im Sinne der Erzeuger. Im inkriminierten Fall entlud sich die neue Kinderklugheit in einer morgendlichen Konversation zwischen einem der Mimis und dem Langen.
Der Lange „Zieh dir bitte die Jacke an.“
Das Mimi: „Glaheich.“
Der Lange: „Jetzt!“
Das Mimi: „Du hast mir gar nichts zu sagen, du hast ja nicht einmal ein Sorgerecht.“
Die Mutter, vom Langen mit einem irritierten Blick beworfen: „Ich kann nichts dafür, das hat sie aus dem Fernsehen“. Hatte sie, Kindernachrichten, Thema EU-Sorgerechtsvereinheitlichung. Das hatte Fragen aufgeworfen. Die wahrheitsgetreu beantwortet worden waren.
Andere haben jetzt was aus dem Radio, den Frenk Lebel nämlich, den FM4 jetzt löblicherweise doch spielt, nachdem ich die FM4sche Ignoranz in der letzten Kolumne bitter beklagte. Bravo, sage ich jetzt und lasse mich von diesem Erfolg natürlich sofort dazu verleiten, hier weitere unerbetene Vorschläge zu machen. Was den FM4lern sicher ungefähr so taugt wie mir, wenn einer, wie am Sonntag im phil, mit einer CD am DJ-Pult erscheint, die er bitte jetzt gern gespielt haben möchte. Tschaulitschau, baba und tschüss. Aber anhören kannst du es dir wenigstens. Nein! Jetzt nicht! Immerhin ergings mir besser als dem Kollegen R. denn der Kerl verzog sich murrend, während beim R. ein adäquater Vorgang damit endete, dass der Kerl dem R. die Pappn panierte. Das war aber auch im Flex, nicht im phil: im phil wirkt noch die Kraft des Wortes: Zupfst du dich jetzt bitte? Pfff, na gut. Danke, ich muss jetzt nämlich noch einmal "America" von Simon & Garfunkel spielen, ist gerade mein Lieblingslied. Ja, lacht doch, ist mir powidl.
Kraftderwortemäßig hat dann auch die Laokoongruppe am Sonntag hervorragend live ins phil gepasst, eine meiner diesjährigen Heimspiel-Lieblingsbands. "Walzerkönig", bitte! Unfassbar großartige Nummer. Gehört auf FM4 täglich zur Stoßzeit gespielt. (Jaja, ich zupf mich eh schon.) Habe ich auch letztens im rhiz wieder aufgelegt, leider vor praktisch leerer Hütte, denn Eugene Chadbourne hatte sein zweieinhalbstündiges Solo-Set gerade mit einer eineinhalbstündigen Banjo-Session beendet. Ein sehr höflicher Mensch, der Herr Chadbourne und ein kraftvoller Performer, solange er nur die Finger vom Banjo lässt. Danach hab ich den "Walzerkönig" gebraucht wie die drei Liter Grünen Tee gegen den Kater anderentags. Den "Walzerkönig" schaut man sich erst auf Youtube an (großartiges Video von Adnan Popovic und dann noch "Komm und tanz mit mir" und dann rennt man sofort los und kauft die CD. ("Walzerkönig", konkord). Schon, um den Gröbchen ein bisschen zu ärgern, aber das verstehen Sie jetzt nicht.
Haemmerli lässt schöne Grüße aus Taipeh ausrichten und dass er, bitteschön, natürlich schon wegen den Minaretten abgestimmt hat, brieflich, im voraus. Er macht schließlich auch immer noch das Abstimmungsportal votez.ch, das die Leute dazu bewegen soll, ihr Abstimmungsrecht in Anspruch zu nehmen, auch wenn ihnen die direkte Demokratie grundsätzlich eher am Arsch vorbei geht. Weil was passiert, wenn sie das bei zu vielen tut, hat man ja vorletzten Sonntag gesehen, an dem Haemmerli selbstverständlich so abgestimmt hat, wie ich es ihm unterstellt hatte. Weil Haemmerli fürchtet sich vor praktisch nichts, und sicher nicht vor ein paar Muslimen, die ihre Religion ausüben wollen.
Ich finds ja auch auch kindisch, dass nun gleich ein paar Lustige auch alle Kirchtürme niederreißen wollen, wo samma denn, müssen jetzt alle gleich sein? Und darf jetzt niemand mehr einen Vogel haben? Ob das ein religiöser ist oder ein kultureller ist ja eigentlich wurscht, solange mich niemand zu bekehren versucht, sei es jetzt zum Islam oder zu Ja, Panik. Soll jeder glauben, an was er will. Mir ist ja auch diese Hysterie wegen Scientology eher unerklärlich, weil wenn du mich fragst, richtet ein Bischof Küng mehr Unheil an als ein Titan Cruise, und Cruise ist wenigstens ein guter Schauspieler. Soll doch jeder glauben, was er will.
Apropos Ja, Panik, wenn ich etwas empfehlen dürfte, dann wäre das die neue Rotifer, „The Children on the Hill“ (monkey), wenngleich ich dem Rotifer jetzt einmal dringend davon abraten möchte, die Plattencover auch künftig selber zu gestalten. Man muss nicht alles können, und wenn einer so spitzenmäßige Songs schreibt und vorträgt (live vor allem, man muss den Rotifer unbedingt live sehen), dann muss er nicht zwingend auch ein großer Maler sein. Haemmerli möchte ich zum Beispiel lieber nicht singen hören. Und das neue Rotifer-Cover ist zwar lieb, verführt das interessierte Publikum aber doch sehr dazu, das Werk mit einer Kinder-CD zu verwechseln. Was schad wäre.
Und weil Weihnachten ist, gleich noch eine Lobpreisung eines local hero: den FM4 nicht spielt, weil er für dort zu kommerziell sei (was zB bei Julian Casablancas oder MGMT kein Problem darstellt), und Ö3 nicht, weil zu underground. Beides ist eine totale Schande, weil Frenk Lebel Songs schreibt, die man sowohl da wie auch dort gerne hören würde, weil warum: Sie sind großartig. Zeitlos und großartig. Man kennt hierzulande nicht viele, die das Talent haben, so komplexe Ohrwürmer zu komponieren wie Frenk Lebel, und das muss natürlich, wir sind hier in Austria, sofort abgestraft werden. Da kann einer was? Das geht ja gar nicht. Ich erlaube mir hiermit wieder einmal, einen ausdrücklichen Anhör-Befehl zu erteilen: Frenk Lebel: Poems, Contradictions. (Halleluya, Hoanzl). Man kann das auch herumschenken, genauso wie den Rotifer; beides passt auf jeden Fall.
Das passiert, wenn man sich nicht an die eigenen Regeln hält. Aktuell diese: Nie die Kinder mit ins Restaurant nehmen. Was auch hier wiederholt in missionarischer Absicht postuliert wurde. Am Samstag verstießen der Lange und ich dagegen und gingen mit ihnen – aus!nahms!wei!se! Und nur weil ihr euch immer beschwert, dass wir euch abends nie mitnehmen! - zum ersten Mal seit zwei Jahren oder so abends ins Restaurant.
Der Tisch war auf sieben reserviert. Um zehn nach sieben bettete eins der Mimis – das eine, das man sonst nur unter Einsatz schwerster, mit der Menschenrechtskonvention nicht konformen Drohungen gegen halb neun oder neun ins Bett bekommt – sein schweres Haupt auf selbigen und flüsterte matt, es sei entsetzlich müde und würde gern nach Hause und zu Bett gebracht werden. Hallo?! Geht’s noch? Um viertel nach sieben fragte das andere, ob wir sie eigentlich in böser Absicht mit in ein Restaurant nahmerten, in dem es für ein Kind absolut nichts zu essen gibt? Um zwanzig nach sieben hatten wir uns mühsam auf Nudeln mit Tomaten und auf Ravioli mit nichts geeinigt. Um fünf vor halb acht fragten sie, ob es für uns ok wäre, wenn sich die Schuhe auszögen und sich zum Schlafen auf die Bank legten. Nein! Ist es nicht! Um eins nach halb acht zwang ich ihnen die Nintendos auf, die ich eigentlich nur als allerletztes Notprogramm eingepackt hatte und dann saßen sie uns mit abgewandeten Blick gegenüber und ließen ihre Daumen sprechen.
Dafür warfen uns Leute am Nebentisch genau die Blicke zu, die wir Leuten wie uns früher vom Nebentisch aus zugeworfen haben: Was sind denn das für welche, die ihre armen Kinder abends mit in ein Restaurant zwingen und sie dann deppert Nintendo spielen lassen? Nie was von Babysittern gehört?
Zweiter Fehler: Dazu auch noch technisch anspruchsvolles Essen bestellen, mit dem man dann nicht weiß wie umgehen. Ist das die Art Artischocke, die man Blatt für Blatt auszuzelt oder isst man die mit Messer und Gabel? Dieser Stiel: Ist der Deko oder essbar, und blamiere ich mich mehr, wenn ich ihn esse oder wenn ich ihn nicht esse? Ich aß ihn nicht und blamierte mich mehr, denn der war natürlich, wie ich beim abservieren lernte, das Beste an der Sache. Selbstverständlich aßen die Leute am Nebentisch ihre Artischocke mit bravouröser Eleganz und in der richtigen Reihenfolge und es rutschte ihnen auch nicht das Besteck zweimal in die Buttersoße. Ja, danke. Noch ein Fass Wien bitte. Und der Wildschweinbraten war fantastisch, aber ich kann nicht mehr. Die Mimis hatten derweil ihre Jacken angezogen und warf uns von unter den Kapuzen stabil vorwurfsvolle Blicke zu.
Um neun waren wir draußen. Und sollte ich es wieder vergessen, erinnert mich bitte daran, dass wird die Kinder erst wieder mit ins Restaurant nehmen, wenn sie uns einladen. Und das wird teuer, ich schwöre bei Gott.
Was jetzt? Ich weiß nicht. Die letzte Woche war: Ich weiß nicht. An vielen Orten gewesen. Jägerschule, Prater-Schihütte, Büro, Hold, Laternenfest, Annas Sofa, Polly Adlers Sofa, Kunsthalle, Bett, Internet, Roter Elefant, Folio-Fest, Millis neuer Küche, Wetter, Novelli und hinter den Plattentellern vom phil. Mit vielen interessanten Leuten geredet oder leider nicht, aber ich weiß nicht. Das führt mich wieder nur geradeaus in eine Faustwatsche des Kollegen Dings, der mich rügt, dass ich neuerdings nicht einmal mehr die elementarsten Regeln des Kolumnismus berherzige, nichts als verschwommene Andeutungen, deppertes Namedropping, lose Enden und narrative Sackgassen, aus denen sich der Leser dann genervt wieder auf den Rückweg machen muss, und du kommst dabei im übrigen ziemlich unsympatisch rüber. Ja. Weiß ich. Aber wenn das nun einmal mein Leben ist?
Dann erfinde dir ein besseres, nein: erfinde mir ein besseres, ein schachtelsatzfreies, mit einer Struktur und guten Pointen an den richtigen Stellen, ist mir völlig powidl, ob das gelogen ist oder wahr. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Erst einmal frühstücken. Und an etwas Schönes denken.
Schön ist zum Beispiel das Wetter. Also das neue Lokal am Yppenplatz, von Lea Redolf und Raetus Wetter, vormals Expedit. Dort stimmt alles so wunderbar (bis auf den, so die Mimis, höchst beklagenswerten Umstand, dass es zur Weißwurst kein Ketchup gibt), ich könnte dort tagelang versacken, was allerdings elementar damit zusammenhängt, dass man sich, nachdem man eine von Wetters Appenzeller Käsefladen gegessen hat, stundenlang nicht mehr rühren und gerade noch den Arm zum Verdauungschnapsordnern lupfen kann.
Wien wird ja augenblicklich von einem Bobo-Wettrüsten in Atem gehalten: Brunnen- oder Karmeliterviertel? Wo gibt es die lässigeren Lokale, die besseren Marktstände, das Slow-Food-Futter, die Bio-Artischocken, die selbstgepupsten Marmeladen, wo wohnen die cooleren Promis? Seit der Wetter das Wetter eröffnete, steht es 103 zu 102, wenngleich ich am Yppenplatz jetzt nur einen toten Schriftsteller weiß und am Karmeliter-Platz drei lebende; dafür am Yppenplatz viel mehr Musiker, und zwar von den guten; einer tauchte im Wetter auf, als ich gerade drohte, ob der Last der Käseflade unter den Tisch zu rutschen.
Überhaupt kannte ich im Wetter die halbe Gästeschaft, was Neo-Phobiker wie ich zu schätzen wissen, die vor Neuem scheuen und es gerne haben, wenn alles vertraut ist, wenn alles so bleibt wie es ist und es eine Woche oder drei immer das gleiche großartige Essen und den gleichen fantastischen Song gibt, die nie den Mann wechseln und sich die perfekte Jeans gleich dreimal kaufen. Die Pointe für den Dings wäre jetzt, dass sich das mit den Jeans bewährt hat, weil mir noch am Samstag, vermutlich käsefladeninduziert, das Hosentürl platzte, und es wäre zudem original wahr, aber das ist mir zu aufgelegt, sorry, echt nicht.
10.11.09
Den Teil mit der Parkbank lasse ich vielleicht aus
Nur Stunden, was heißt, Minuten nach Erscheinen der letzten Kolumne erhielt ich ein freundliches Mail vom freundlichen Herrn Stermann, in dem er mir freundlicherweise folgendes schriftlich bestätigte: Ich war definitiv nicht gemeint. Mit dieser angeflaschelten Journalistin mit der Zauselfrisur. In diesem seinem Anzengruber-Sauftext. Das beruhigte mich ungemein, und ich ließ es in diversen Internet-Foren und Live-Gesprächen nicht unerwähnt, bis selbigen Abends kurz vor Mitternacht bei der Viennale-Abschlussparty, als ich, nachdem ich auch dort mehrere Menschen, die nicht danach gefragt hatten, über Stermanns Quasi-Freispruch informiert hatte, auf dessen Kumpel Grissemann traf, der irgendetwas sagte wie: Ha ha, so so, aber der Stermann hat mir gesagt, dass er beim Schreiben speziell an dich gedacht hat, doch, hat er.
Ich sagte: Sagamal, Grissemann, findest du eigentlich, dass ich eine versoffene Funzen bin?, und verließ die Viennale-Party, ohne Grissemanns Antwort abzuwarten, mit einem schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand. Dann hätte mich Grissemann eigentlich um vier Uhr früh schlafend auf einer Parkbank betreten sollen, aber ich ließ diesen Teil angesichts der frostigen Temperaturen lieber aus, sonst wäre ich jetzt erfroren und könnte diese Kolumne nicht schreiben. Und ich könnte nicht den Deutschen und ein paar Korrektoren dieser Stadt erklären, dass es sich, wie mir das Österreichische Wörterbuch schriftlich und hoffentlich stabil unwiderlegt bestätigt, beim Ausdruck „betreten“ um altes Wiener Amtsdeutsch handelt: Das ich mir letztes Mal herauskorrigieren habe lassen, weil das, falls es überhaupt existiere, kein Schwein verstehe, wie mir wiederholt versichert worden war.
Aber auf Versicherungen gebe ich sowieso nichts mehr. Man hat ja gesehen, wie viel sie wert sind. Vielleicht lässt sich die ganze peinliche Angelegenheit aber doppelt profitabel verwerten, als ich ja erstens in der göttlichen Position bin, jede mir widerfahrende Demütigung unmittelbar in bares Gerstl verwandeln zu können. Zweitens kann sie als Beweis dafür herhalten, wie ungemein rockbitchig ich im Grunde meines Herzens eben bin, also voll im Trend, wenn man sich die ganzen angejahrten Damen mit 1.-Bezirk-Strähnchen-Frisuren und voll hoaten Preis-auf-Anfrage-Motorradjacken so anschaut, die gerade überall auf cool aus der Zeitung äugen; Oida. Oder auf den Covern eigener Magazine ihre bislang mühsam unterdrückte ur-oage-Rockerbrauthaftigkeit mithilfe eines Visagisten, einer Stylistin, einer Chanel-Bikerjacke und eines professionell gestylten 300-Euro-Zauselkopfs auch endlich einmal freilegen dürfen. Eh nur diese Saison, fürs Frühjahr hat Stella McCartney Blümchen und Rüschen verordnet. Dann verräumen die Bankergattinnen die Lederjacken im Schrank und föhnen wieder; nur ich, ich bin immer noch zerzaust.
Leider sehe ich mich gezwungen, folgendes zu verlautbaren: Ich bin nicht die „Journalistin“ in Dirk Stermanns „Bottle-in-a-Message“-Text von vor zehn Tagen im Standard-Album. Ich bin niemand in Stermanns Text, ich komme Gottseilobunddank in dem Text überhaupt nicht vor, auch wenn ich sonst gerne in Texten vorkomme, in diesem: nicht.
Tatsächlich habe ich dem Stermann sofort ein Mail geschickt: „Ha! Lustiger Text! Wurde in der Sekunde zur Temperenzlerin!“, nachdem ich seinen Anzengruber-Alkoholismus-Aufsatz gelesen hatte: Einen von Mitleid unverstellten Blick auf Stermanns unmittelbares Tschecheranten-Umfeld, der dieser Tage bei Czernin in dem Buch „Wir sind gekommen um zu bleiben: Deutsche in Österreich“ erscheint. Jedenfalls sitze ich ein paar Tage später anlässlich einer anderen Buchpräsentation mit der Herausgeberin des Werks, der ansonsten klugen und unbestechlichen Eva Steffen im Jin´s, als sie mir über die Tafel hinweg zuruft, sie habe jetzt übrigens wiederholt das Gerücht gehört, ich sei die „Journalistin“ in Stermanns Text, stimme das denn. Himmel, Heiliger, Kruzitürken, nein, das stimmt natürlich nicht!Allein dafür, dass du das fragst, müsste ich dich schon verklagen, Steffen!
Die Journalistin in dem Text ist, wer ihn noch nicht gelesen hat, eine Post-40erin mit zerzausten Haaren, die im Anzengruber abwechselnd Rot- und Weißwein trinkt. Im Laufe der Geschichte tritt sie an Stermanns Tisch, um ihn zu fragen, ob er glaube, dass sie eine versoffene Funze sei, verlässt dann mit einem „schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand“ das Lokal und wird später von Stermann schlafend auf einer Parkbank betreten. Ganz langsam, zum Mitschreiben: diese Frau hat mit mir nichts gemein als das ungefähre Alter und an schlechten Tagen die Frisur. Ich mische keine Weinsorten, ich bin so gut wie neverever im Anzengruber anzutreffen, ich schlafe nicht auf Parkbänken, ich schleppe keine Männer ab und ganz gewiss keine dünnen, und ich bin, soweit ich weiß, auch nicht die direkte Nachfahrin eines „ranghohen Sozialdemokraten aus dem Burgenland“, wie Stermann ausdrücklich schreibt. Also ich glaube, das ist jetzt geklärt, Steffen. Meinen Ruf ruiniere ich mir nämlich, wenns Recht ist, immer noch selber.Und ich bin in Wirklichkeit eine nette - ja: nett, in seinem ganzen, diffamierten Wortsinn - dezente, diskrete, schüchterne und im Grunde langweilige Person, die jetzt gleich noch ein Scheitchen ins Feuerchen werfen und ihren Liebsten ein Süppchen kochen wird
Aber es war überhaupt eine ziemlich lausige Woche. Ich zankte mit Hans Hurch über die Bedeutung des Wortes „Gala“, kam nur einmal zum Schwimmen, verlor meinen Kalender, und als der Lange nach fünf Tagen Halligalli aus Istanbul zurückkam, legte er sich sofort drei Tage mit Husten ins Bett. Wenns diese Woche ein bissl lustiger wird, hätte ich im Prinzip nichts dagegen.
27.10.09
Insofern wäre es nur gerecht, wenn wir auch Läuse hätten
Zwei Tage, nachdem der kleine Dings bei uns war, mit den Mimis eine Kissen-und Jackenburg zum Hineinköpfeln gebaut, sich mit ihnen in alle Decken eingewickelt, über jeden Teppich gewälzt und dann mit beiden Mimis in einem Bett übernachtet hat, informiert mich sein Vater am Telefon darüber, dass der kleine Dings Läuse hat. Hallo, das ist einmal eine gute Nachricht, speziell an einem Tag, an dem mir der Lange gerade aus dem 15. Stock eines Luxushotels in einer künftigen Kulturhauptstadt am Meer eine SMS geschickt hat, um die grandiose Aussicht und den vorbildlichen Zimmerservice zu loben.
Warum bin ich nie tausend Kilometer weit weg, wenn dergleichen passiert? Weil ich immer da bin. Ich sollte viel öfter verreisen. Haemmerli zum Beispiel habe ich schon seit mehr als einem Jahr nicht gesehen, ebenso die anderen Zürcher Spezis. Und in Berlin war ich auch schon ewig nicht, wieviele Jahre war ich bitte schon nicht mehr in Berlin? Und habe ich schon mal bei Pia in Paris besucht? Habe ich nicht. Du kannst schon einmal das Gästebett herrichten, Pia, ich komme jetzt. Ich muss vorher nur noch alle Textilien in der Wohnung bei 60 Grad waschen, alle Teppiche tagelang auf den Balkon hängen, alle 200something Kuscheltiere in luftdicht verschlossenen Müllsäcken am Dachboden verstauen und alle Mimis mit scharfzinkigen Nissenkämmen zerkratzen. Dann komm ich aber sofort, Pia, verlass dich darauf.
Aber es hülfe eh nichts. Wenn ich einmal 1000 Kilometer weit weg bin, sprechen die Kinder ihr erstes Wort, machen ihren ersten Schritt, verlieren ihren ersten Zahn, haben endlich genug von der Bernhard-Fibich-CD, schießen ihr erstes Tor oder spielen erstmals fehlerfrei „Stairway to Heaven“. Wenn der Lange weg ist, bekommen sie Scharlach, fallen vom Hochbett, schlagen sich Zähne aus, verlieren ihr Lieblingskuscheltier, ihren Impfpass oder ihr Fahrrad und bringen, ich wette darauf, ihren ersten Fünfer heim. Und ihre erste Geschlechtskrankheit, irgendsowas. Sowie ihre ersten Läuse.
Natürlich sind wir eh priviliegiert. Alle anderen hatten schon Läuse, beziehungsweise: hatten schon oft Läuse. Auch die Horwaths, mit der Verschärfung, dass nicht nur der kleine, sondern auch der große Horwath Läuse hatte, was beim Horwath seiner Frisur, also dem, wasvom Horwath seiner Frisur noch übrig ist, original in der Kategorie der echten Wunder resortiert. Insofern wäre es nur gerecht, wenn wir jetzt auch einmal Läuse hätten, ja, tatsächlich sind Läuse bei uns überfällig, wie schaut das denn aus, wenn wir als einzige nie welche hatten. Und es ist ja eh schon wurscht, jetzt wo ich eh schon jedes Stück Heimtextil in geradezu lehrbuchmäßiger maternaler Präventiv-Hysterie gewaschen habe; meine Oma selig wäre mächtig stolz auf mich. Zürich, Berlin, Paris habe ich mir jedenfalls verdient; weil wann krieg ich schon einmal etwas umsonst: nie.
Ich will nichts mehr hören. Keiner von euch braucht deppert herumzutstsen, weil: IHR seid Schuld. Und IHR wart auch letztes Mal, bei der weihevollen Schalko-Buchpräsentation im Rabenhof Schuld, denn einer von EUCH hat mir jedes Mal, wenn ich gesagt habe: HEIM! JETZT!, noch einen Spritzer hingestellt, einer geht ja immer noch, und das ging, typisch Rabenhof, auch diesmal wieder so lange, bis die Grenze der Vernunft spürbar überschritten war. Und am nächsten Tag konnte ich dann im Blumenau-Journal ein Gespräch nachlesen, das ich bis zu diesem Augenblick vollständig vergessen hatte, woran IHR Schuld seid, und wenn Blumenau behauptet, ich hätte geschrien (und ich habe allerhöchstens milde gebrüllt), dann seid auch IHR daran Schuld, keine Frage, also ich will kein ts ts hören, still jetzt.
Außerdem ist nun alles besser. Ich habe am Wochenende auf den Fluss geschaut und bin im Wald marschiert. Ich habe eine komplette Staffel von „The Wire“gesehen. Ich habe entgiftet, gekocht, geräumt und dabei die neue Goldenen Zitronen gehört. Ich habe mir überlegt, wie es möglich ist, dass zwei CDs wie die neue Distelmeyer und die neue Goldenen Zitronen gleichzeitig erscheinen können, und trotzdem halten alle Distelmeyer für einen großen Dichter, ja: den Dichter der Stunde. (Entschuldigen bitte, der Mann ist nackt, und ich erlaube mir, das dem Chor der geblendeten, bäuchlings sabbernden Bewunderer zuzurufen: NAHACKT! Aber auf mich hört ja sowieso keiner. Ist ja jedem wurscht.) Immerhin die zweite Nummer, die mit dem Hass, die rockt ganz gut beim Auflegen. Also, wenn man es schafft, den Text zu ignorieren. Was bei den Zitronen nie nötig ist, niemals.
Jedenfalls war das Wochenende im Vergleich zur Vorwoche mönchisch, also ich würde fast sagen: eine Form der Meditation. Wenngleich das Besuchskind, das mit uns am Land war, zuhause schon etwas zu erzählen hat, nämlich wie laut der Lange und ich uns anbrüllen können: DAS, Blumenau, war laut, ungefähr so laut wie ein sehr großer Traktor mit einem mit Stahlrohren beladenen Anhänger, wenn er in einem Tunnel über große Steine rumpelt. Der Grund für das Gebrüll steht in so krassem Gegensatz zu meinen einleitenden Worten, dass ich mich nicht in der Lage sehe, ihn hier auszuführen, aber, wirklich, wer bitte stellt einem Kater Futter in einem handbemalten Schüsserl aus einer urseltenen, nur in Vorarlberg gebräuchlichen und dort in Museen konservierten Porzellanserie, welche die Frau seit Jahren mühsam zusammenschnorrt und -sammelt, vor die Haustür, so dass das nächstbeste Kind zuverlässig hineinsteigt? Der Lange, wer sonst. Drei Kinder standen in der Küche und hielten sich die Ohren zu, und die Besuchskindeltern haben diese Woche wieder einiges zu tstsen. Und was lernen wir daraus? Wurscht, wie ich lebe, getstst wird sowieso immer, eh egal, ich geh jetzt schwimmen.
Jetzt schickt mir Sedlacek jede Woche ein SMS des Wortlauts: du bist super. Immer: du bist super, alle paar Tage. Seit ungefähr acht Wochen geht das so. Ich habe noch kein einziges Mal darauf geantwortet, was einen normalen, sensiblen Menschen vermutlich an der Effizienz der gewählten Strategie zweifeln ließe. Allerdings handelt es sich beim Absender um Sedlacek, deshalb rechne ich noch mit weiteren acht, zehn, zweiundzwanzig gleichlautenden Nachrichten. Die ich ebenso ignorieren werde.
Das Nachtragendsein gelingt mir bei Sedlacek, das fällt mir auf, jetzt immer besser und besser als bei anderen: Was aber möglicherweise im Kontext damit steht, dass ich mir Sedlaceks damaliges Arschloch-SMS noch immer jederzeit vergegenwärtigen kann, und es regt mich noch immer mörder auf, und der Trottel hat sich noch immer nicht dafür entschuldigt. Das wiederum dürfte unmittelbar damit zusammenhängen, dass Sedlacek zwar niemals vergisst, wie ihn einer, zum Beispiel der Hofer Pepi in der zweiten Klasse Volksschule, nicht von seinem Käsbrot hat abbeißen lassen, oder dass ich ihn zu seinem 36. Geburtstag nicht beschenkt, ja nicht einmal angerufen habe, weil ich in boshafter Ignoranz gerade in den Wehen lag oder derlei. Anderseits vergisst er schon circa übermorgen auch die ungeheuerlichsten Untergriffe, die miesesten Frechheiten, die ihm anderen gegenüber ausgekommen sind, ja er erinnert sich nicht einmal an die wirklich gezielten, mit äußerstem Vorsatz auf das zumeist amikal gesonnene Gegenüber abgeschossenen Treffer. Wahrscheinlich, weil es funktioniert; die meisten Menschen halten Sedlacek für nicht hundertprozentig zurechnungs- und somit auch nicht für satisfaktionsfähig, und sehen ihm seinen periodischen Arschlochismus mit der Generosität der Gescheiteren nach. Habe ich auch gemacht. Mache ich nicht mehr. Fertig, da brauchts jetzt einmal ein bisschen mehr, der soll jetzt einmal etwas lernen.
Nach ein paar mit der charakteristischen Sedlacekschen Zärtlichkeit formulierten wasistjetzts, warumspinnstdennduschonwieders und zicknichtimmersoherums seinerseits ließ ich ihn meinerseits kurz wissen, dass seine penibel ausformulierte Kränkung durchschlagenden Erfolg gehabt habe und er nun bitte mit den Folgen leben soll. Und genau wie ichs erwartet habe, kroch Sedlacek keineswegs zu Kreuze, sondern schickte eine patzige, völlig verständnislose SMS zurück, dass er keine Ahnung habe, wovon ich da rede. Das soll der jetzt einmal ohne meine Hilfe herausfinden. du bist super. Meine Güte.
Die Frage ist, wer an so einem Sedlacek Schuld trägt. Ich sags ungern, aber ich verdächtige seine Mutter. Die hat ihn vermutlich zu lange gestillt oder ihn fürs Deppertsein tüchtig belohnt, in der Hoffnung, das würde aus ihm einen sensiblen, dankbaren Menschen machen. Das hat nicht funktioniert, aber gar nicht.
Der Plan wäre jetzt, ein bisschen fiktionale Distanz zwischen diese Kolumne und meine Wirklichkeit zu legen. Es wird auf die Dauer langweilig, wenn es jedes Mal, wenn ich was erzählen will, heißt: Weiß ich schon, hab ich schon gelesen. Plus werde ich immer harmoniesüchtiger und sehe nicht mehr so gern die hochgezogenen Augenbrauen von Leuten, die nicht darum gebeten haben, ihre privaten Angelegenheiten im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wiederzufinden.
Vielleicht sollte ich es machen wie Rubinowitz, der es macht wie Lottmann und ein paar reale Personen in ein paar fiktive Situationen schicken, aber ich glaube, ich mag Lottmann nicht. Also jetzt als Schriftsteller, privat kenne ich ihn ja nicht, obwohl es natürlich ein erster Schritt wäre, hier zu behaupten, ich sei letztes Jahr mit Lottmann und Rubinowitz aus dem Meinl am Graben geworfen worden und mit lebenslangem Hausverbot belegt worden, weil Lottmann und Rubinowitz sich dort in meinem Beisein einen Faustkampf mit Spucken und Tellerwerfen geliefert hätten. Und ich hätte einmal mit Lottmann in Darmstadt Rainald Goetz getroffen und wir hätten im Landgraf Ludwig VIII ein Hirschragout zurückgehen lassen, bevor wir im Nachtcafé-Club gemeinsam die Glieder schüttelten. Wäre aber eben ein peinlicher Abklatsch und überdies ein Schritt in die falsche Richtung; da will ich nicht hin, dort gefällt es mir nicht.
Und vielleicht kann ich ja überhaupt nur Wirklichkeit, vielleicht ist mir das Talent der Dichtung gar nicht gegeben. Aus der Wirklichkeit der letzten Woche, als ich auf einer Hochzeit beschimpft wurde, wäre noch etwas nachzureichen: Denn den Kerl hätte ich, so erklärten Braut wie Bräutigam hinterher, ruhig tüchtig zurück beschimpfen, ja von ihnen aus gerne auch mit der einen oder anderen Tätlichkeit bedenken dürfen; offenbar hätte es keinen Falschen getroffen. Und ich war wohl auch bereits der fünfte oder sechste Hochzeitsgast, der sich über den Herrn beschwert hatte. Hätte ich gern gemacht; zu spät. Aber ich habe ja regelmäßig im rhiz Gelegenheit, Gäste zu beschimpfen, die meinem Musikgeschmack erstens reserviert gegenüberstehen und das zweitens nicht für sich behalten können. Der Lange ebenfalls: Wobei ich mich frage, wie der auflegt, wenn ich nicht dabei bin, weil ich ihm letztes Mal von jeder zweiten CD die Titel vorlesen musste. „Now I’m a Fool“, welcher Track ist das? Sechs, Schatz. Zu kleine Schrift. Daran denkt die Musikindustrie wieder nicht, dass zahllose Djs bereits fortgeschrittenes Alter erreicht haben und ihre Arbeit in den Clubs und Underground-Lokalen ungern mit einer Lesebrille verrichten. Und, jajaja, ich WEISS, dass ich dir das schon einmal erzählt habe.
Doris Knecht liest am Do, 17.9., 20 Uhr, im Rahmen der unik.at-Vernissage in der Gartenvilla Albertgasse 33, 1080 Wien und legt am So, 20.9. im rhiz auf, live: Glen Meadmore
Anderswo mag eine muhende Kuh als Sinnbild ländlicher Idylle gelten, hier tut sie einem leid. Die Kuh steht mit 30 oder 40 anderen in einem sogenannten Freilaufstall. Den hat die EU den Bauern aus Gründen des Tierschutzes verordnet. Der Stall gehört dem Nachbarbauern, und die Kuh kann dort so ein bisschen herumspazieren. Das könnte sie auch auf einer der unzähligen Wiesen, die dem Bauern rund ums Dorf herum gehören, aber der Bauer fährt lieber mit einem seiner sechs Traktoren auf die Wiesen, mäht das Gras und bringt es der Kuh in den Stall. Bitte, ich bin kein Bauer und will auch keiner sein, aber das kommt mir ein wenig schwachsinnig vor. Plus es führt dazu, dass die Kuh ihr Leben lang nie ein Stück Grün oder Himmel sieht, sondern ihre gesamte Existenz in dem kuhfreundlichen EU-Freilaufstall mit Betonboden verbringt, aus dem ihr Muhen erbarmungswürdig durch das ganze Dorf hallt. Und zwar ab sechs Uhr früh. Die armen Viecher. Die Kühe von dem anderen Bauer vis a vis grasen friedlich auf der Wiese oberhalb von seinem Hof, weshalb der Bauer hier in der Gegend als kauziger Spinner gilt. Das macht hier sonst keiner. Hier siehst du praktisch nie und nirgendwo eine Kuh. Du hörst sie nur.
Nicht mehr lange, wir fahren bald in die Stadt. Es ist Zeit. Ich habe unstillbare Bedürfnisse nach schlechter Luft, Autolärm, Sushi, Schuhen (im Sinne von: Schuhen, die diese Bezeichnung verdienen), speckfreier Kost, meinem Friseur, einem erfolgreichen Shoppingerlebnis, urbanem Halligalli in zwielichtigen Tränken, honigbrotfreien Mittagspausen und einem klimatisierten, Kinder- und Langenlosen Büro. Wir haben uns jetzt neun Wochen am Stück auf einer 24/7-Basis ausgehalten, es war erstaunlich friedlich, und es langt jetzt. Ich will jetzt wieder egoistisch sein, autonom und Marmeladefleckenfrei, mindestens acht Stunden am Tag, dankeschön. Und es ist jetzt auch genug idyllische Natur und Gemuhe und Viecher aller Art: obwohl, die Kinder haben gerade das Angeln entdeckt. Die Pollaks waren da, und der Pollak fuhr mit seinen Buben und den Mimis an den Fischteich, Abendessen fangen. Wir waren ein wenig besorgt, wie die Kinder das Fischeerschlagen wegstecken würden, und als sie zurückkamen, zeigte sich auch tatsächlich eine gewisse Blässe, und zwar um die Nase vom Pollak, dem das überhaupt nicht taugt. Die Kinder dagegen hielten stolz und völlig untraumatisiert ihre selbstgekillten Forellen in die Höh, grillten sie am Feuer, verspeisten sie gewissenlos und schliefen danach gut und tief. Aha. Interessant. Der Lange versucht auch etwas zu fangen, nämlich die Maulwürfe, die unsere Wiese umgraben, wird aber täglich von neuen Haufen ausgelacht. Das macht ihn aggressiv. Und drüben muht noch immer erbarmungwürdig diese Kuh. Und irgendwo kräht jetzt auch noch ein Hahn. Aus, fertig, packts eure Sachen, Kinder, wir fahren in die Stadt.
Die Frage, ob man alle Kinder mögen muss, wird täglich virulenter. Es ist kurz nach neun, draußen auf der Schaukel sitzt der Nachbarsbub, spielt Nintendo und wartet, dass sich einer erbarmt. Wenn sich einer erbarmt haben wird, pickt er bei uns, bis wir ihn abends heimschicken. Es macht ihm nichts aus, wenn Gäste da sind. Er gibt, das sind die Regeln, den Nintendo ab, hält ersatzweise kenntnisreiche Vorträge über Super Mario, Mario Kart undMario Party und erkundigts sich periodisch, wann es endlich wieder etwas zu essen gibt. Wenn es endlich wieder etwas zu essen gibt, nimmt er sich von den acht Marmeladebroten sechs und schöpft er sich drei Mal, bevor die anderen Kinder auch nur einen halben Teller ausgegessen haben. Er sagt nicht bitte und nicht danke, aber vorgestern beim Mittagessen meinte er während der dritten Portion Spagetti Bolognese, dass er so eine Soße bisher nur einmal schlechter gegessen hat, und zwar letztes Jahr im Burgenland. Bei einem niedlichen Kind wäre das möglicherweise, nun ja, niedlich. Der Nachbarsbub ist kein niedliches Kind. Einmal setzte er sich bei uns uneingeladen zum Abendessen und verfiel beim Coq Au Vin in ein derartiges Weah und Würg und dass das die grausigste Soße sei, die er je gegesse habe, dass ich ein wenig ausfällig wurde. Naja, sehr ausfällig, jedenfalls entschuldigte ich mich danach bei ihm. Der Nachbarsbub verzieh mir großzügig und brachte mir andertags ein von seiner Mutter handgeschriebenes Rezept einer anständigen Champignonsoße mit zwei Rindssuppenwürfeln und einem halben Liter Schlagobers mit.
Wenn wir mit den Kindern ins Schwimmbad oder an den See fahren wollen, verschwindet er für zwanzig Sekunden, und kommt dann wieder mit einem Handtuch, einer Badehose und der Information, seine Mutter hätte erlaubt, dass wir ihn mitnehmen, wenn wir gut auf ihn aufpassen. Ob wir Lust haben, ihn mitzunehmen, auf ihn aufzupassen, ihn mit Sonnencreme einzuschmieren und ihm ein Eis und Pommes zu kaufen, interessiert hier niemanden.
Die Mutter erscheint alle vier oder fünf Tage, jeweils kurz nachdem der Nachbarsbub seine drei Mittagsportionen gegesssen hat, um mitzuteilen, dass sie ihrem Buben jetzt etwas gekocht hat. Wir sagen ihr wie immer, dass der Bub schon gegessen hat. Sie sagt, aha, dann geht der Nachbarsbub mit hinüber, um endlich wieder einmal wieder etwas Anständiges in den Magen zu bekommen. Eine Viertelstunde später ist er wieder da. Gestern nutzten wir diese Viertelstunde, um heimlich ohne ihn ins Bad zu fahren. Nach einer halben Stunde ruft die Horwathin an, ob wir schon im Bad sind, sie kommen jetzt auch, fahren danach aber weiter zu einem Heurigen, ob wir bitte den Nachbarsbub vom Bad mit heim nehmen können, der ist nämlich vorhin aufgetaucht und geht sich jetzt nur schnell ein Handtuch und eine Badehose holen. Ich muss die Regeln ändern, sonst geschieht hier eine Straftat.
19.08.09
Ich hätte vielleicht nicht so lange schlafen sollen
Der Nachbar ist fertig mit Wiese sensen, jetzt verputzt er von morgens früh bis Abends spät sein Haus und hat auch damit nichts als Probleme. HUR! Meine Sippe ist schon wieder weg: was, HUR!, ernsthaft schade ist, denn der Besuch war sehr viel netter, als die Wirren der Vorbereitung es vermuten hatten lassen. Zudem festigte er die Kinder in ihrer politischen Sozialisation; denn um eine Verlängerung des Aufenthalts zu ertrotzen, gründeten sie eine Lobby; organisierter Widerstand in seiner unschuldigsten Form, mit Parolen, Plakaten und Sprechchören. Wer so weit fährt, bleibt länger da! Auch Kinder haben ein Recht auf Verwandschaft! Wir! Bleiben! Hier! Sie! Bleiben! Hier! Wir! Bleiben! Hier! Selbstverständlich fiel ich meinen Schwestern in den Rücken, die diese geballte Renitenz hinter ihren Prosecco-Gläsern zu ignorieren trachteten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, nämlich den prognostizierten Regentag zur Heimreise in ihre staubentstellten Häuser zu nutzen: Querulantismus, meine Kernkompetenz bitte.
Das muss man doch unterstützen, rief ich. Entschuldigung, Schwestern, habe ich gesagt, wenn ihr das jetzt abwürgt, könnt ihr euren Kindern gleich das Rückgrat herausoperieren, dann seid IHR Schuld, wenn aus ihnen devote Duckmäuser werden, mutlose, apathische Befehlsempfänger, unfähig, ihren legitimen Forderungen Gehör zu verschaffen! Stimmt!, riefen die Kinder. Wenn ihr ihnen dieses erste gemeinschaftliche Dagegensein, diesen Mut zum Einspruch jetzt zum Misserfolg macht, prägt das ihre Zukunft! Ihr macht sie schwach! Ihr macht sie klein! Ihr macht sie feig! Das könnt ihr doch nicht wollen. Ja!, riefen die Großeltern! Na gut, seufzten die Schwestern. Gib mir fünf!, brüllten die Kinder.
Allerdings hätte ich am nächsten Tag nicht so lange schlafen sollen, denn anders als tags zuvor, als ich, kein Scheiß, um 9.21 Uhr in der Früh von Sektkorkengeknalle meiner Morgenlektüre entfremdet wurde, zwangen sie diesmal, HUR!, ihre Kinder mit brutalen Bestechungmaßnahmen in einen Umdenkprozess, der in allgemeiner Abreise endete. Kinder sind ja so korrupt. Tja, schade, wenn ihr meint. Ja, wir meinen. Ich meinte dann auch, weil die Aussicht, meinen Schwestern einen Regentag lang beim anschwellenden Unrundsein Gesellschaft leisten zu dürfen, machte mir ein wenig Angst. Soviel Prosecco habe nicht einmal ich im Keller. Also stellte ich mich mit den Kindern an die Straße und wir winkten ihnen lange nach. Eins der Mimis weinte sehr, und wurde am Rückweg zum Haus, wohin ich es mit mit mütterlichen Trostworten leitete, auch noch, HUR!; von einer Wespe gestochen. Aber danach, als das Weinen mithilfe einer halben Zwiebel, zwei Packerl Gogos und einem Kinderfilm verebbte, war es: still. Ich lauschte dem Regen, den Birnen, die auf die Wiese platschten, dem Wind in den Bäumen und dem Nachbarn. HUR! Tja.
Die 85jährige Nachbarin aus dem ersten Stock fragt mich, ob sie dem Langen etwas getan hat. Oder ob der Lange sie leicht nicht mag. Nicht dass ich wüsste. Weil immer, sagt die Nachbarin, grüßt sie den Langen freundlich und immer brummt der nur unfreundlich zurück.
Ah ja. Kenn ich schon. Schon wieder nichts Neues in meinem Leben. Der meint das gar nicht so, erkläre ich der Nachbarin, der ist einfach so, der kann nicht anders, das Grummelige liegt dem in der Natur. Wenn der ganz normal aufgelegt ist, wirkt das auf andere so, als sei er auf dem Weg zu einer Bluttat, und wenn er glücklich ist, erkennt man das an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Und das Brummen, das er Ihnen aus dem Gestrüpp seiner Kinnregion schickt, bedeutet: Ihnen auch einen schönen guten Morgen, liebe Frau Weiß, ist es nicht ein herrlicher Tag?
Eins der Kinder hat das auch. Klarer Fall von Vererbung. Grundstimmung: ruppig, muffig, spröde, mit viel Ausbau-Potential ins Saugrantige. Aber sonst sehr lieb eigentlich. Ich weiß noch nicht, wie ich das Kind beim Abreagieren unterstützen soll: Der Lange hat jetzt eine Spitzhacke, aber für eine Siebenjährige ist das suboptimal. Eine Freundin probierts bei ihrem ähnlich veranlagten Kind mit Lach-Yoga, aber ich bin ja eher nicht so yoga-affin. Wenn es bei anderen wirkt, toll; bei mir greift das nicht. Der Lange reflektiert auch wenig auf meditative Selbstkalmierungstechniken, jetzt einmal abgesehen von abendlichen Naturbetrachtungen bei Bier. (Immerhin, dabei entdeckt der Lange viel Schönes: Kinder, kommt schnell, schaut, da drüber ist ein Wildschwein! Wo. Da, da drüben, am Waldrand! Wo. DAS BRAUNE DA, GENAU VIS A VIS, KRUZIFIX! Das ist ein Hund. DAS IST KEIN HUND, SEIDS IHR ALLE KOMPLETT BLIND!? Papa, das ist ein Hund, hörst du, jetzt bellt er. Grummel, brumm.)
Nicht nur aufgrund einer vom Langen strikt ignorierten Sehschwäche begrüße ich es, dass er nun die Spitzhacke als sein neues Lebenswerkzeug entdeckt hat. Viel besser, der Lange reagiert sich mit der Spitzhacke ab als mit der Kettensäge. Man kann sich zwar auch mit einer Spitzhacke weh tun, aber mit der Kettensäge effizienter. Die Kettensäge steht in des Langen Werkzeug-Rangliste jetzt zum Glück auf Platz drei, erstens Spitzhacke, zweitens Danelectro, drittens Stihl, was mich stark beruhigt, weil ich zehndäumige Doppelinkshänder mit rustikalem Charakter und ohne besonderes Talent im Technischen plus Kettensäge für eine relativ erhebliche Gefahr für Leib, Leben, Haus und Garten halte. Mit der Spitzhacke dagegen hat er jetzt schon zwölf Thujen-Wurzeln und einen einbetoierten Zaun aus der Erde gehauen und einen Stein-Weg zum Schuppen gemacht, das tut ihm richtig, richtig gut: Ich sehs an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Wenn wir jetzt noch dem Kind sein Werkzeug finden, werden wir noch eine richtig fröhliche Famile, passts auf.
Fk: Super Mario. Die aktuelle Niederlage im meinem niederlagsreichen Leben. Das kann ich nämlich auch nicht, wie ich Sudoku nicht kann, und den Zauberwürfel nicht. Die Mimis, und das sind die einzigen Konversationen, die wir derzeit mit ihnen führen, versuchen eh, es mir zu erklären: Da musst du hüpfen, das musst du kriegen, da pack es, neeeeiiiiiiin! Wieder keine zwei Leben erwischt, wieder kein Riese geworden, wieder nicht alles niedertrampeln dürfen. Wieder tot. Auch Super Mario ist nichts für mich.
Und Nintendos sind nichts für Kinder: Seit die Mimis je einen besitzen, weiß ich das noch besser. Nintendos sind etwas für Erwachsene, weil die sich nämlich, wie wir schon bei der Mimi-Geburtstagsparty feststellen konnten, in Ruhe alkoholisieren und anderen Erwachsenensachen widmen können, während sich alle Kinder in Trauben um die zwei oder drei versammeln, die auf einem Nintendo herumdrücken. Sie sehen dabei weit weniger intelligent aus, als wenn sie jetzt zum Beispiel eine Sandburg bauen; auch das weiß ich genau, denn davor waren wir mit der ganzen Party-Partie am Spielplatz. Einem kleinen Spielplatz. Die Siebenjährigen stellten sich an den Rand der Sandkiste und sprachen: Entschuldigung, aber was mache ich hier? Du spielst. Du meinst, ich soll da reingehen und mich schmutzig machen wie ein Kleinkind? Das wäre eine Möglichkeit; wir können aber auch Topfklopfen. Die Siebenjährigen starrten mich mit einem Was-will-die-Geisteskranke?-Blick an, weil Topfklopfen, Entschuldigung, babyischer geht’s ja wohl nicht. Rück die Süßigkeiten einfach so raus; und holst du bitte die Nintendos herunter? Nein. Dann gib den Topf her, wir brauchen Wasser, wir müssen den Dings einbetonieren. Bitte gern. Es wurde eine ausgefieselt schöne Sandburg, mit Wassergräben und Türmen und statisch einwandfreien Tunneln, und zwar völlig ohne mein Zutun.
Seit danach sind die Mimis praktisch nicht mehr da: Sie sitzen abwesend auf dem Sofa und sprechen mit ihren Computern. Jetzt geh da! Juchuuu! Scheiße, ich bin schon wieder tot! Es ist beängstigend, aber der Plan geht so: Eine Woche spielen sie, soviel sie wollen, danach brutales Reglement. Selbstverständlich hegte ich die Illusion, dass meine Kinder, meine Kinder nämlich, das Gerät schon nach wenigen Stunden weglegen und bekannt geben würden, das werde ihnen jetzt allmählich zu blöd, sie wöllen nun wieder etwas Kreatives tun. Passiert natürlich überhaupt nicht, und wieso auch, sie entstammen schließlich einer Klein-Dynastie von Computernerds und Süchtlern, denen das Talent zur Mäßigung nicht gegeben ist. Also zum Beispiel ihre Mutter musste sich mit schmerzhaften Schnitten zuerst vom Rauchen und danach vom Facebook abschneiden, weil ein bisschen geht einfach nicht. Es geht nur volle. Bis Mittwoch noch, Mimis. Dann will ich eure Gesichter wieder sehen, auch wenn schmerzverzerrt sein werden.