Es war auch endlich warm. Man konnte die Hosen hochkrempeln und barfuss laufen und sich einen Sonnenbrand an den Waden holen und Bienenstiche an den Fussohlen. Das Bubenmimi hat sehr geheult, es war ihr erster Bienenstich, wir schmierten dick eine wichtig aussehende Creme darauf, und das Kind erholte sich schnell. Später gingen wir zur Waldlichtung, dort standen drei Gestalten in grotesker weißer Schutzkleidung in der Sonne und sahen aus, als drehten sie ein billiges Sequel von „Outbreak“. Spooky irgendwie. Es waren aber nur der Horwath und sein Freund, der Polz und die Freundin vom Polz an Tag eins nach der Absolvierung des Imkerkurses. Der Horwath macht jetzt auch Honig; soll mir recht sein. Wir fotografierten den Horwath und den Polz und seine Freundin mit dem Handys, später fotografierte der Horwath die Kinder und ihre Papp-Medaillen und ihr Siegerlächeln. Denn sie hatten alle die 400 Meter Ersatzmarathon geschafft, die wir ihnen ausgesteckt hatten, weil wir dann doch nicht in aller Herrgottsfrüh nach Wien gefahren waren, damit die Kinder an diesem Kinderlauf teilnehmen konnten. Stattdessen fand der Kinderlauf auf einem Waldviertler Kiesweg statt, es gab wertvolle-Panini-Preise, alle waren froh. Auch die Eltern, die sich nachher wieder in den Schatten von Horwaths Sonnenschirm in Horwaths Garten setzen, Zeitungen lesen, einen Sonnenbrand auf dem Hirn kriegen, deppert reden und überlegen konnten, was man als nächstes essen soll. Es wird viel gegessen im Garten der Horwaths. Später gab es eine kleine Krise, als der Horwath „elf“ antwortete, auf meine Frage, wie schrecklich das Ritterfest auf der zehnteiligen Schrecklichkeitsskala jetzt ehrlich gewesen sei. Elf! Wir hattens versprochen gehabt, aber ein gütiger Geist, der Lange nämlich, hatte mir die Klänge von Schalmeien und sich kreuzender Schwerter erspart. Und Bekleidung, neben der man sich freut, dass man eine elegante pestogrüne Wanderjacke tragen darf. Ich schaukelte auf der Hollywoodschaukel, während der Lange und der Horwath auf dem Burgfest den Horwath verfluchten, der seit Wochen am Spielplatz von diesem Burgfest geredet hatte, dass man dort unbedingt hin muss, und wie toll es die Kinder finden und alles. Der Horwath hatte wohl, wenngleich er normal nicht zu Kinderglücksverklärungsbedingter Bewusstseintrübung neigt, kurz verdrängt gehabt, wie arsch es die Erwachsenen finden. Jetzt weiß er es wieder. Dafür bekam ich Sonnenbrand auf den Fußssohlen, überlegte, warum verdammt ich mir eigentlich nichts kurzärmeliges Unschwarzes eingepacken hatte können, ärgerte mich über das Zeit-Magazin (Wolfgang Joop, Chef des teuersten deutschen Modelabels, in einer Geschichte über Mahlzeiten in seiner Potsdamer Villa: „Ich erzähle oft von Zeiten des Mangels und der Improvisation.“) und ein Vogel schiss mir aufs Handy. Es war ein aber kleiner Vogel, und seine Ausscheidungen trübten mein Frühlingsglück nicht.
Man sollte viel mehr ans Altwerden denken. Wenn sich die Jungen öfter das Altsein vorstellen würden, hätten nicht so viele Alte so ein Scheißleben in Pflegeheimen, wo nachmittags um sechs die Rollos dichtgemacht werden, damit man um sieben nicht mehr so viel teures Personal braucht. Das nur, weil sich Sedlacek darüber verwundert zeigte, dass ich eine relativ klare Vorstellung davon habe, wie ich meinen Lebensabend zu gestalten trachte, nämlich als schrullige Hexe mit ein paar dreckigen Hennen in einem schiefen Haus in einem weltvergessenen Kuhkaff. Wenn ich mit den schrulligen alten Horwaths die im selben Kuhkaff von der selben moldawischen Pflegerin betreut werden, nicht gerade übers Kreuz bin, werden wir uns am Küchentisch darüber beklagen, dass uns unsere Enkel nie besuchen kommen und darüber, dass wir schon wieder eine neue moldawische Pflegerin finden müssen, weil die aktuelle das Kuhkaff und uns schon wieder keinen Tag länger erträgt. Sedlacek sagt, ich spinne. Aber vielleicht blicke ich dem Alter deshalb derzeit offenenSinns entgegen, weil es mir gerade noch gelungen ist, meine galloppierende Frühvergreisung abzustoppen. Meine Freundinnen haben sich schon Sorgen gemacht, aber seit ich mal wieder in die Prä-Mimi-Jeans passe (voraussichtlich übernächste Woche werde ich damit auch sitzen können) und Sätze mit den Worten „Wie ich unlängst im Flex-Café aufgelegt habe“ (alternativ: „im rhiz“) beginnen kann, hat sich mein Zustand spürbar gebessert. Es hat sich auch herausgestellt, dass es beim Auflegen kein Schad ist, wenn man bissi älter ist als sein Publikum, weil es auch vor zwanzig Jahren schon ziemlich gute und immer noch funktionelle Musik über 130 bpm gab, ich sage nur Gun Club oder The Fall. By the way, Mark E. Smith, die böse Hexe: ein super Role-Model für nicht umweltschonende Altersverschrullung auf hohem Niveau. Sehr inspirierend in dieser Hinsicht auch das erste Kapitel von Rick Moody´s „Omega Force“ in seinem Novellen-Band „Paranoia“, während man sich die durchgebrunzten Windeln, die Nathan Zuckerman in Roths neuem Roman trägt, noch nicht unbedingt an den eigenen Hintern imaginieren möchte. Und sowas will man ebenfalls vorläufig nicht wahrhaben: So sehr spinne ich jetzt auch wieder nicht.
Das ist eine glückliche Familie auf Fahrrädern, Vater, Mutter, Kleinkind, sie strahlen, das Kind winkt, sie lachen, und das sehe ich alles nicht. Ich sehe: Das Kind trägt keinen Helm, und ich will rufen: Verantwortungslos! Total verantwortungslos! Aber ich habe das mal bei den Finks gemacht, als sie das Kind für eine Strecke von 200 Metern oder so nicht angeschnallt haben, und das kam nicht gut an. Auch Vater Breuß verdreht periodisch die Augen, er sagt, ich muss mehr Vertrauen zu meinen Kindern haben, weil ich tendenziell hysterisch werde, wenn die Kinder am Rande eines 100-Meter-Abgrunds Fangerl spielen. Der Breuß sagt, ich übertrage meine eigenen Ängste auf meine Kinder, und das kann schon sein, aber erklär das mal einer, die mit fünf von einem Auto überfahren wurde und vier Wochen im Spital liegen musste, Elternbesuchszeit zwei Stunden pro Woche. Das hat relativ hohes Angstübertragungspotential, was soll ich machen. Vielleicht hat auch mein Herumgeeiere mit der Schule der Mimis mit alten Traumata
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Der Kollege McDings, der all meine Offerten, ihm schnell itunes zu installieren, mit aggressivem Schweigen beantwortet hat, schreibt mir ein Mail: Er möchte sich so ein winziges Kasterl kaufen, wo man Musik hineinzaubern kann, er brauchts zum Laufen. Ob ich ihm sagen kann wie das funktioniert. Ich mail ihm zurück, ich kann, ob ich schnell hochkommen und ihm itunes installieren soll. McDings mailt, er will kein blödes itunes, er will in einen ipod Songs von seinen CDs einitun, weil die Scheißindustrie keine Kassettenwalkmen mehr herstellt. Ich mail ihm, itunes also, und der McDings, IQ irgendwo im Bereich 140 plus, mailt, ich soll ihn mit so einem neuen Mist in Ruhe lassen, er kann nicht mal den Senderspeicher vom Autoradio. Ich mail ihm: wenns der Lange kapiert, kapierst es auch du. Der McDings mailt, er hasst hasst hasst aber
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Oben hui, unten pfui: die Zustände im Stadthallenbad. (Falter 10/08) (Fotos: Knecht) Wie die Sonne durch das Glas bricht. Wie das 50-Meter-Becken schimmert. Wie sich die roten Stahlträger elegant darüberschwingen. Das Stadthallenbad, zwischen 1971 und 1974 von Roland Rainer erbaut, ist bis heute ein schönes Bad, ja was, eines der schönsten. Schwimmer betreten das Stadthallenbad aber vom Bauch des Bades her, und der sieht bis heute so aus wie 1974. Und an manchen Stellen so, als sei seit 1974 nicht geputzt worden. Wobei die Kittelschürzen-Damen tun, was sie können: Als man zum Beispiel kürzlich bei der Schlüsselrückgabe deponierte, dass die Treppe vom Bad herunter zu den Duschen blutbespritzt sei (was sie, Kehre für Kehre, auch schon gewesen war, als man eineinhalb Stunden zuvor Richtung Bad hinauf stieg), sandte die Dame sofort jemanden, die Misere zu beseitigen.
Wobei jene Hygiene-Miseren, die von den Damen schnell beseitigbar sind, zu den minderen gehören. Was da unten im Bereich der Damen-Kästchen und Duschen pickt und wuselt, keimt und wächst, würde man in einem privaten Wiener Hallenbad eher nicht erwarten – soweit man ein Bad „privat“ nennen möchte, das zu einem Unternehmen der Wiener Holding gehört, welche wiederum zu 100 Prozent im Besitz der Gemeinde Wien steht. Immerhin: Erst kürztlich wurde aus einzelnen, nicht zwingend harmonierenden PVC-Buchstaben ein neuer DAMEN-Schriftzug an der Tür vor dem Sanitärbereich angebracht. Gleich dahinter: abgewetzte Kästchen, halbblinde Spiegel, lackblätternde Bänke. Darüber eine Decken-Konstruktion aus rostigen Belüftungsrohren, aus der Kabelenden lose baumeln: An einer Stelle, über einem der Mülleimer, lässt intensiver Rostbefall vermuten, dass Feuchtigkeit direkt über einer hängenden Steckdose austritt. (Die Kabel führen, versichert die Verwaltung, keinen Strom.)
Überall, vor allem unten an den Wänden, wo sie offensichtlich durch wiederholten Putzbürsten-Kontakt gelockert wurden, fehlen Fliesen und wurden unbürokratisch durch Schmutz ersetzt. Die Bodenfliesen an einer Stufe zur Dusche sind mit Gaffertape befestigt. In den Nassräumen klebt Dreck in den Ecken zwischen Wand und Boden, Haarfilzteppiche picken auf den Stufen zu den Duschen, in den Duschen vermehrt sich in den Ecken schwarzer Schimmel. Dass man meistens durch ein Flokati aus Mädchenhaaren watet, liegt einerseits daran, dass Kurzhaarfrisuren bei weiblichen Teenagern offenbar als überaus bähh gelten. Andererseits ist der Sanitärbereich der Stadthallenbads schlicht nicht dafür konzipiert, dass täglich ein Dutzend Schul- und Kindergartenklassen dort durchgeschleust werden. Was allerdings der Fall ist und unter der Woche zu längeren Wartezeiten vor den Duschen und dem großen Rohrfön führt, sowie der Notwendigkeit, meterweise Frauen- und Kinderhaar in allen Farbtönen wieder von den Zehen abzuwickeln.
An den Rohren an der Wand links neben dem Aufgang zum Bad, gleich neben dem Anti-Fußpilz-Sprühhahn, hängen die Damen die Putzfetzen zum Trocknen auf: Auf Zink- und Kunststoffrohren vermehrt sich Kalk und Schimmel, und ganz oben gedeiht satt und dunkelgrün eine Algenart, deren Ausläufer prächtig über die Rohre hängen. Die Treppe zum Bad hinauf ist mit eingetretenen Kaugummis dekoriert.
Die Stadthallenbad-Verwaltung, mit den hygienischen Details konfrontiert, ist sich der Misere bewusst: Die Zeit nage am Bad, viele Sachen seien uralt. Die Fliesen würden nicht mehr hergestellt und können deshalb nicht ersetzt werden, die Tücher an den Rohren seien keine Putztücher, sondern sollen die Feuchtigkeit auffangen, die von den undichten Schwimmbecken unaufhaltsam heruntertropfe. Nach der EURO, heißt es, sei „ein Projekt für eine Generalsanierung“ geplant, bis dahin seien die Kittelschürzendamen angehalten, zu putzen, was nur geht. Soweit es eben geht. Aber das Bad oben: herrlich.
Ich bin mit dem Sedlacek zum Frühstück verabredet, und zur Begrüßung sagt er, das sei jetzt schwer zu glauben, aber er hat vorhin auf der Straße einen großen Mann mit einem Kind im Genick und Brillen wie zwei kleinen Fernsehern gesehen, war das vielleicht der Horwath? Das war zuverlässig der Horwath. Coole Brille, sagt der Sedlacek, sehr einprägsam. Sagte ich doch, sage ich, wie geht es dir? Einen doppelten Espresso und ein großes Glas Wasser, sagt der Sedlacek, nein, zum Essen nichts.
Es geht dem Sedlacek gut. Der Sedlacek ist zufrieden. Naja, bis auf die Weiber. Aber über die Auftragslage kann sich der Sedlacek nicht beschweren. Es ist natürlich anstrengend. Diese Woche war er schon in London, letzte Woche in Kopenhagen und in Mailand und vorletzte Woche in Hongkong. Und die ewige Fliegerei macht dir nichts aus?, sage ich. Nein, sagt Sedlacek. Ich flieg nicht mehr gern, sage ich. Ich bin auch nicht gern länger als zwei Tage weg von der Familie, es ist wie früher, als Kind, ich bekomme Heimweh. Echt, sagt Sedlacek. Ja, sage ich, wie damals im Jungscharlager: Weißt du, der Schmerz ist nicht kleiner geworden, nur die Person rundherum größer. Der Sedlacek schaut mich
Ich will jetzt wirklich nicht ewig auf der Sache herumreiten, aber die Kollegen H. und T. wussten nicht, was ein Tabuleh ist. Bitte: Kurz gesagt handelt es sich beim Tabuleh um den Nudelsalat des 21. Jahrhunderts. Oder der Bobos, wenn man gern diesen Begriff strapaziert. Und, doch, ich habe diese Woche auch Interessanteres erlebt, möchte aber nicht darüber sprechen. Auch nicht über das Kindertheater. Auch nicht über die erste Vorführung in der Zirkusschule, gerade weil es nett und beeindruckend war. Auch nicht über die spontan einberufene Kinderfaschingsparty bei den Schwarzens, denn klischeehafter können sich die Insignien eines für Mutter praktisch vollständig versauten Nachmittags nicht aneinanderketten (liegengebliebene Arbeit, Streit mit dem Langen, Langeweile, Frust, Prosecco, Magenübersäuerung, mehr Streit mit dem Langen.) Und das hatten wir schon, das hatten wir schon. Die Geschichte wiederum, die Geschichte, die ich erzählen wollte, über Eltern, die Nicht-Eltern anlügen, geriet unfreiwillig irgendwie ketzerisch und
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Maria ruft an und sagt, sie glaubt, es heißt DIE Tabuleh. Philipp smst, es gehören aber unbedingt Rosinen rein. Mark mailt, schön und gut, aber ein Tabuleh wär doch schon eher ein Sommeressen. Die E. sagt bei der Geburtstagsparty vom D., danke, jetzt kann sie sich beim Tabulehmachen endlich das depperte Couscous-Einweichen ersparen, das hat sie eh immer so genervt.
Und sehen Sie, genau das ruiniert den Journalismus. Genau das korrumpiert die Journalisten, die hunderte messerscharfe Hintergrundanalysen über politische Ereignisse in die Zeitung schreiben können, tausende blitzblanke Blicke auf die Aktualitäten der Realität werfen oder in Millionen Kolumnenzeilen die diversen Elende in der Welt beprangern: Auf all das kriegt man kaum ein Reaktiönchen. Nichts, praktisch. Man ist wie gar nicht da. Aber schreiben Sie einmal ein Rezept in Ihre Kolumne, dann wird
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Nun wurde das neue, in Venedig erstandene Ledernotizbuch eröffnet: Eine herrliche und dabei preiswerte Handarbeit aus gutem, erstklassig gebundenen Papier innen und dickem, geprägtem Rindsleder außen, in das ich nur mit dem Akkuschrauber zwei Löcher bohren musste; für das Gummiband. Das Gummiband ist das einzige, was das alte Moleskine-Notizbuch dem venezianischen voraus hatte, ansonsten ist dieses gesamte Moleskine-Zeug völlig überschätzt und überpreist. Bei meinem musste ich schon nach wenigwöchiger Nutzung die Außenhülle mit Gaffertape reparieren, was nicht wundert, ist ja keine Maulwurfshaut, sondern offenbar chinesisches Polyester, und innen rissen die Fäden. Man müsste meinen, dass ein mit dem Etikett „legendär“ erworbenes Notizbuch die regelmäßige Aufnahme von Notizen verkraften können müsste. Allerdings stehen, was ich von dem venezianischen noch nicht behaupten kann, im alten Fetzenbuch verwendbare Notizen drin, und zwar nicht nur deswegen, weil ich sie
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Die Breussin ruft an; ich hebe ab und sage, Breussin, tut mir leid, ich kann grad gar nicht. Das ist untertrieben. Tatsächlich passiert gerade folgendes gleichzeitig: Das Mädchenmimi, das mit dem Langen im steckengebliebenen Lift gefangen ist, will mit einem Strohhalm durchs Gitter mit Saft gefüttert werden, die erste der drei eingeladenen Freundinnen hat gerade meine Küche betreten und ist zur Begrüßung spontan in Tranen ausgebrochen, die zweite Freundin begehrt unten an der Haustür Einlass, die Zwiebeln von den Kässpätzle sind am Herd gerade in ihrer kritischen Phase und der Mann von der Liftfirma ruft, unmittelbar nach dem ich der Breussin aufgelegt habe, nochmal an, um sich zu erkundigen, ob der Techniker schon da ist. Zum Glück sind nicht alle Abende so. An anderen Abenden werde ich einfach ganz normal von Theaternerds beschimpft. Das ist in Ordnung: Niemand