Also er finde die Lana-del-Rey Diskussion echt überflüssig, sagte Sedlacek. Du bist aber der erste, der fleißig diskutiert, sagte ich. Es gehe hier um die Kreativität, sagte Sedlacek, die Radikalität der künstlerischen Ästhetik, um einen, ja, Kulturbruch. Ja eh. Aber allerweil darf man ein Frauenmodell wie jenes, das uns Frau Del Rey in ihren Videos anbietet, dennoch auch im Windkanal der Alltagstauglichkeit und des feministischen Diskurses testen. Schwerer wog deshalb der Einwand von Kollegin Gini B., die meinte, sie müsse jetzt in diese Debatte doch einmal ein wenig komischhaarige Ernsthaftigkeit reinschütten, weil: Wieso soll uns jetzt auf einmal wieder das Glück der Herren primär wichtig sein? Eh nicht primär. Andererseits glaube ich sehr an glückliche Männer (also an zufriedene Menschen egal welchen Geschlechts), denn, um hier einmal bei den Männern zu bleiben: Unglückliche, unzufriedene Männer sind keine guten Partner. Sie sind schlechte Väter, schlechte Kollegen, schlechte Chefs und schlechte Lehrer. Gute Künstler vielleicht, aber eine Voraussetzung dafür ist der Verbleib im Unglück, denk ich, auch nicht. Allerdings ist es, da bin ich mit B. vollkommen d`accord, natürlich nicht die Aufgabe der Frauen, die Männer glücklich zu machen, so wie überhaupt, jetzt einmal außer bei Kindern, nie ein Mensch für das Glück eines anderen verantwortlich ist. Das muss man selbst wollen: glücklich sein. Was es manchmal nötig macht, sicherzugehen, ob der Ort, an dem man sich befindet, richtig ist oder ob man lieber woanders hinwollerte. Ob man vielleicht unter anderen Umständen anders entschieden hätte, und was das für das Akut-Dasein bedeutet. Ob die großen Entscheidungen richtig waren, und wenn nicht, was jetzt. Und vielleicht muss man zuweilen austesten, ob man nicht in ein falsches Leben geraten ist, ob ein anderes Leben besser und richtiger für einen wäre, ob einen andere Menschen, andere Räume glücklicher machen würde, zufriedener, richtiger. Weil: an den notorisch Unglücklichen geht die Welt zugrunde. Man braucht es mit der Glückssucht jetzt ja nicht gleich so zu übertreiben, wie die Lächel-Sektierer in Paul Poets schönem, zart verstörendem und empfehlenswertem Dokumentarfilm „Empire Me", der gerade in den Kinos läuft. Aber den richtigen Ort finden, den Ort, an dem man sein kann und bleiben will: ja. Doch Und dabei kann es eben hilfreich sein, jemanden in der Nähe zu haben, der einen zuweilen zu dieser Auseinandersetzung mit der eigenen Geworfenheit zwingt. Ich sage nicht, dass Lana das nicht kann. Sie vermittelt nur, und das scheint ja eben einen Teil ihrer Verlockung auszumachen, den Eindruck, dass sie es nicht wird, dass das Leben mit ihr aus Sex und Autokino und seriell durchgefeierten Nächten und Kulturbruchskunst besteht. Ist eh lässig, bloß. Mehr sag ich gar nicht.
Jetzt mal ein paar Worte zu Lana del Rey. Ihr wisst schon, das Mädchen mit den dicken Lippen und den Abermillionen You-Tube-Clicks für gerade mal zwei oder drei Songs. Und ja, die ist schon sehr gut, in ihrer charmanten Verrutschtheit, ihrer sexy Übersexyness: die Schlampenmanicure, der leere Schlafzimmerblick, das wunderschöne „Video-Games"-Video; flimmernder, verschwitzter, verkokster, californicationistischer L.A.-Style. Aber da ich mirs aussuchen darf, nehm ich stattdessen trotzdem lieber etwas anderes. Die puristische Wohnwagenfrau Laura Gibson („La Grande") zum Beispiel, im Moment aber vor allem die kleinen Skandinavierinnen von First Aid Kit, deren zweites Album jetzt gerade erscheint. Der Titeltrack „The Lion´s Roar" läuft bei mir derzeit auf Repeat, man kann dazu, wenn die Kinder im Bett sind, schön betrunken und sentimental und missionarisch werden, also postete ich das Video auf Facebook. In dem Video gehen ein paar Mädchen mit interessanten Nasen im Mittelaltermodus durch einen kalten Wald und rudern in spinnerten Kleidern über kalte Seen, merkwürdig und altmodisch hippie-gothic, aber irgendwie auch sehr schön in seiner distanzierten Strenge und Ernsthaftigkeit. „Olsen Twins meets Enya meets Laura Nyro meets Kelly Family", kommentierte Campolongo. „Totaler Hippiemüll", befand Sedlacek, und ob dafür Ian Curtis sterben habe müssen, damit solcher Dreck wiedererstehe. „Lana del Rey hat beim Autogrammgeben nach dem Berlinkonzert immerhin gesagt: I think, i'm going to die", prahlte der Lange, „auf solche Ansagen wartest du bei denen vergeblich." Natürlich kann man Del Rey und First Aid Kit und Laura Gibson einfach nebeneinander stehen lassen. Natürlich muss man das gar nicht vergleichen. Aber man kann. Weil hier hier zwei sehr verschiedene Frauentypen vorstellig werden, und weil die Herren Facebook-Kommentatoren voll klischee darauf reagiert haben. Na eh hört man lieber ein gehauchtes „It's you, it's you, it's all for you..." als ein hantiges "I´m a goddamn fool, but again: so are you." Aber, Männer: Glücklich werdet ihr nicht mit Lana. Lana wird euch noch ein oder zwei Alben lang sexy Dinge ins Ohr flüstern und dann in eine schwere Depression sinken und vermutlich bei der Selbstmedikation verunfallen. Glücklich werdet ihr mit den komplizierten, strengen Mädchen mit den komischen Haaren, die sich und euch ernstnehmen, die mit euch streiten und euch einen Trottel heißen, wenn ihr wieder einmal besonders deppat warts. Während es Lana nach ein paar Hysterieanfällen wurscht sein wird, und das wird euch bald nicht mehr wurscht sein, und ihr werdet in der Leere ihrer Augen irgendwann nicht mehr das Verlangen sehen, ihr Leben mit Sinn (also euch) zu füllen, sondern Leere. Sagt also nicht, dass ich euch nicht gewarnt habe. Und, btw, der Lange hat gar kein Autogramm von ihr.
Die Sache mit dem Arbeitszimmer
verfolgt mich. Danke für das Mitgefühl, das mich vergangenen
Freitag während einer Lesung, also des anschließenden Gesprächs
mit dem ausgezeichnet vorbereiteten Gastgeber, überwogte: Das war
aber eh erfunden, was Sie da letztes Mal geschrieben haben, das mit
dem roten Kopfhörer? Nein, leider, war es nicht. Dank auch an den
freundlichen Manuel R. und seiner ebensolche Gattin, die mich
einluden, wann immer es erforderlich sei, doch gerne ihr
Arbeitszimmers zu benützen. Nein, R. sagte: eines unserer beiden
Arbeitszimmer.
Das ist reizend und unglaublich
großzügig und selbstverständlich ganz und gar unmöglich. Im
Endeffekt werde ich nämlich unter einem roten Kopfhörer, umgeben
von kochenden, spielenden, raufenden, youtubenden und
Karate-übenden Verwandten immer noch produktiver sein, als in einem
fremden Arbeitszimmer, in dem ich ohne Unterlass daran erinnert
werde, dass ich nicht nur nicht über zwei, sondern über gar kein
eigenes Arbeitszimmer verfüge, über keine Tür, um sie für Stunden
hinter mir zu schließen, über keine eigenen vier Wände,
die mich mit Ruhe umschlössen und die ich schmücken dürfte, wie
immer ich wollerte. Was es mir zB. erlaubte, auch ein mal ein
kinderunkompatibles Kunstwerk zu erwerben und aufzuhängen, was
derzeit naturgemäßig unmöglich ist. Jetzt außer für Eltern, die sich gern mit dem Jugendschutz anlegen. Alles, was ich von befreundeten
Künstlern kaufe, muss deshalb immer möglichst harmlos und erbaulich
sein, was nicht optimal ist, wenn man von Kunstschaffenden umgeben
ist, die gerade der Unharmlosigkeit überaus viel Spannendes
abgewinnen können. Aber nie kann ich die wirklich aufregenden Sachen
aussuchen, brennende Hendln, geile Madonnen, vögelnde Götter,
kiffende Jesuse, masturbierende Amazonen, Fotos penibel nachgestellter
Terroranschläge. Weißt eh, wegen der Kinder, hast du auch was, auf
dem nicht arschgefickt, gewichst oder der gestorben wird? Hätte ich
ein Arbeitszimmer, wäre das alles kein Problem.
Hätte ich ein Arbeitszimmer, hätte
ich auch einen Diwan. Mit einem eigenen Fernseher davor. Und einem
DVD-Player. Ich könnte dann viel öfter und vor allem zu allen mir
genehmen Tageszeiten zum Langen sagen: Weißt was, blas mir den Schuh auf, ich schlafe heute auswärts. Allerdings streitet man
natürlich unversöhnlicher, wenn man ein kuscheliges, inhäusiges
Schlafasyl zur Verfügung hat, in dem man sein beleidigtes Ich auf weichen Kissen in
Ruhe zur Ruhe betten kann. Weil man unmittelbar neben einem, mit dem
man gerade einen kleinkriegsförmigen Konflikt durchexerziert, nicht
gern und folglich nicht gut schläft. Auch nicht mit einem Kopfhörer
auf den Ohren, weshalb es jeweils angezeigt ist, sich vor dem
Zapfenstreich wieder zu versöhnen. Was tage-, wochen-, ja: jahrelang
unnötig wäre, hätte man ein eigenes Arbeitszimmer aka
Arbeitsschlafgemach... Hm. Ich weiß jetzt auch nicht.
Der Kopfhörer ist jetzt rot. Riesig und fett und feuerwehrrot, weil der riesige schwarze, der bislang eine arbeitende, schreibende, nicht gestört werden dürfende Mutter markierte, offenbar leicht zu übersehen war. Ich sitze mit meinem großen, roten Kopfhörer voller Ryan Adams am Tisch und schreibe, während die Kinder sich hinter mir („Was steht da? Ü-ber-do-sis, ach so.") Geschichten aus BRAVO vorlesen und der Lange neben mir endlich wieder einmal Rehragout schmort. Eh total schön! Trotzdem gehe ich, wenn ich eingeladen werde, durch anderer Leute Wohnungen und der Neid rinnt mir gelb und stinkend aus den Ohren: Du hast ein Arbeitszimmer!!! Nur für dich?!?
Wenn das in einer Woche wie der letzten geschieht, wo ein Kind wegen grad ein bisschen Fiebers vier von fünf Tagen nicht in die Schule gehen kann, kommt es vor, dass ich während der Arbeitszimmerbesichtigung in Tränen ausbreche, oh mein schluchz Gott ist das schluchz ein Schloss, kannst du es schnief wirklich von innen absperren? Buhuhu. Die Gastgeber fürchten einen Nervenzusammenbruch meinerseits, und mit was, mit Recht. Ich hätte auch so gern ein Arbeitszimmer; mit einem Schlüssel innen und einem komplizierten Schalldämmungssystem, das Klagen wie „Meine Lieblingsjeans ist immer noch nicht geflickt!!!" automatisch wegfiltert und nur Sätze durchlässt wie „Essen ist fertig!" und „Schatz, da ist ein großes Paket von einem Schuhversand für dich gekommen".
Aber ja. Schon gut. Ich jammere wie immer auf allerhöchstem Niveau und gegen meine eigenen Grundsätze. Wir wollten alles, jetzt haben wir, außer dem Arbeitszimmer, alles. Ist super, ja! Es ist wirklich prima! Nur manchmal ein bisschen dicht.
Aber: Es könnte schlimmer sein. Wir könnten zum Beispiel Läuse haben, und das hatten wir seit Wochen nicht. Oder Ryan Adams könnte kein neues Album gemacht haben. Hat er aber, "Ashes & Fire", und es ist fantastisch und überspringt sozusagen alles, was er seit „Cold Roses" gemacht hat: Was, behaupte ich jetzt einmal mit Nachdruck, sein bestes Album ever ist und vermutlich noch lange bleiben wird, weil es vielleicht überhaupt eines der besten Alben der Welt ist. Ich habe es jetzt jedenfalls drei Monate ohne Unterlass gehört und hätte Adams kein neues gemacht, würde ich es immer noch hören. Liegt an meinem Wiederholungszwang, den ich momentan mit Adams „Rocks" füttere, seit drei Tagen schon, im roten Kopfhörer, während ich schreibe: Tränen, Vogelsang, Flüchtigkeit, wunderschön.
Wir haben das Haus aber auch verlassen und waren mit den Mimis bei der Kunst, schnell noch in der fabelhaften Gelatin-Ausstellung in Krems, in der ich viel über Möbeldesign lernte. Die Kinder lernten viel über Geschlechtsmerkmale und fanden das soweit lustig. Nur angesichts eines Exponats hörten wir den Satz: „Ich weiß schon, Erwachsenen gefällt so etwas, aber Kinder finden das ekelhaft." Ja, ok: Schau, da drüben, ein süßes Plüschpferd.
Wir fuhren im Taxi zum Flughafen und vom Flughafen mit dem Taxi nach Mitte, Anna, Mitzi, Polly und ich. Die ganze Zeit erzählte Anna, dass sie dieses Wochenende Joachim Lottmann treffen würde, endlich Joachim Lottmann kennenlernen. Joachim Lottmann! Ich sagte, bei allem, was ich über Lottmann gehört habe, möchte ich Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen. Ich habe mit Lottmann gemailt, das war ok, aber so persönliches Kennenlernen, das muss eigentlich nicht sein. Anna sagte, sie trifft Lottmann schon am Nachmittag und am Abend kommt er vielleicht mit uns essen. Ich sagte, also, nichts gegen Lottmann an und für sich, aber wegen mir braucht Lottmann nicht zum Essen mitkommen, allerdings ist es dein Geburtstag, da kannst du natürlich einladen, wen du willst. Aber wenn du Lottmann nicht einlädst, bin ich nicht böse. Anna sagte, sollten wir Lottmann für den nächsten Abend nicht auch gleich einladen, sie meine, Lottmann, Joachim Lottmann! Ich sagte, ja, gerade weil es Lottmann ist, solltest du Lottmann vielleicht erst einmal kennen, ich zum Beispiel würde Lottmann am liebsten gar nicht treffen. Aha, sagte Anna.
Ich sagte: Tatsächlich möchte ich Joachim Lottmann wirklich lieber nicht kennenlernen, nein, es macht mir überhaupt nichts aus, wenn Joachim Lottmann nicht kommt. Ja, mir gehts relativ gut ohne Joachim Lottmann, ich kenne auch so schon genug Schriftsteller, die meisten sind verrückt, und mein Bedarf an Verrückten, Depressiven, Borderlinern, Sexmaniacs und Koksschädeln ist derzeit völlig gedeckt, und ich muss schließlich auch noch mit mir selber fertigwerden, und das ist, ihr kennt mich, auch nicht einfach. Und Lottmann soll ja noch verrückter sein. Noch viel verrückter soll der sein. Wirklich, sagte ich, ich kann sehr gut ohne Lottmann, tatsächlich ist mir ein Berlin-Wochenende ohne Lottmann sehr viel lieber als eins mit.
Am Nachmittag traf Anna Joachim Lottmann, kam erschöpft und aufgewühlt zurück, und hatte erst einmal genug Lottmann. Dann aber schon bald nicht mehr. Ich sagte, du, wegen mir muss Lottmann heute eh nicht ins Restaurant kommen, aber es hieß dann doch: Lottmann kommt. Ich setzte mich an einen Platz, an dem sich Lottmann, falls er käme, nicht neben mich setzen würde können, weil eigentlich wollte ich lieber nicht mit Lottmann essen. Oder mit Lottmann plaudern. Eigentlich wollte ich Lottmann gar nicht kennenlernen. Ich glaube, ich machte am Tisch die eine oder andere diesbezügliche Bemerkung, manche davon mögen zugegebenermaßen ein wenig engstirnig und überzogen geklungen haben. Lottmann kam nicht, aber es wurde fast den ganzen Abend über Lottmann gesprochen, eine Konversation, während derer ich ein- oder zwanzigmal erwähnte, dass das okay für mich ist, wenn Lottmann nicht kommt, auch wenn ich Lottmann dann gar nie treffe und niemals kennenlerne. Dann rief Lottmann an, er vermeldete, er sei in der Kingsize Bar. Ich sagte, ich will eigentlich nicht in die Kingsize Bar gehen, weil zufällig Lottmann dort sitzt, ich will überhaupt nicht in die Kingsize Bar, und ich brauche Lottmann heute eigentlich nicht mehr, und nur, falls ich es noch nicht erwähnt habe, ich würde Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen. Ich glaube, dass ein Leben ohne Lottmann möglich ist. Ich sagte, ich kann sehr gut ohne Lottmann, sagte ich das schon. Wenn Lottmann in der Kingsize Bar ist und ich nicht, ist das total ok mit mir, echt, es macht mir nichts aus. Und wenn Lottmann nicht in der Kingsize Bar ist und ich auch nicht, dann geht das für mich ebenfalls völlig in Ordnung.
Wir gingen dann in die Kingsize Bar, die ungefähr so groß ist wie mein Badezimmer, aber zweihundert Mal mehr Leute fasst. Wir quetschten uns einmal von Süd nach Nord und dann von Nord wieder nach Süd. Auf dem Weg in den Süden erblickte ich ganz im Südwesten Joachim Lottmann. Ich weiß, wie Lottmann ausschaut, ich habe Lottmann schon auf Fotos gesehen, ich bin mit Lottmann auf Facebook befreundet, mir braucht man Lottmann nicht vorzustellen. Ich erkannte also Lottmann und zwängte mich weiter nach Süden, wieder hinaus aus der Kingsize Bar. Irgendwo auf dem Weg war ein Bier in meine Hand gelangt. Ich setzte mich draußen auf die Bank und trank das Bier. Ich fühlte Lottmann hinter mir, hinter der Glasscheibe, aber ich drehte mich nicht um, ich trank das Bier und konnte mir Lottmann, noch während ich das Bier trank, erneut auf einem Foto anschauen, einem noch warmen Polaroid, das Anna gerade gemacht hatte, da schau, der Lottmann, der steht da drinnen, direkt hinter dir, hinter der Scheibe, willst du ihn nicht kennenlernen? Lass mich mal überlegen, sagte ich, nein, eigentlich nicht. Die Polly und die Mitzi kamen dann auch heraus und sagten, weißt du was, der Lottmann steht tatsächlich da drinnen an der Bar! Ich sagte, ach was, ne, isses die Möglichkeit, ihr meint, wir sollten reingehen, einen trinken mit Lottmann, hmm, aber weißt du, wenn ich es recht bedenke, nein, eigentlich will ich Lottmann lieber nicht begegnen. Jetzt ist es heraussen: ich denke, dass ich Lottmann nicht kennenlernen möchte.
Wir gingen dann ins Hotel und schliefen. Am nächsten Nachmittag sandte Joachim Lottmann Anna ein SMS. Anna rief, ach, der Lottmann! und sandte Lottmann ein SMS zurück. Ich sagte: ach, der Lottmann, wie schön. Lottmann sandte noch ein SMS. Anna sagte, du ich werde Lottmann für heute Abend jetzt doch auch zum Essen in die Paris-Bar einladen, das wäre doch wahnsinnig gut, oder? Ich dachte, vielleicht sollte ich einmal bemerken, dass ich Joachim Lottmann sehr gerne nicht kennenlernen würde, weil ich glaube, dass Lottmann und ich eventuell nicht so kompatibel sind. Ich sagte aber gar nichts, ich fand, dass ich den Wunsch, eine Begegnung mit Lottmann zu vermeiden, eventuell schon leise hatte anklingen lassen. Anna sagte, also was meinst du? Ich sagte: Frag einfach die anderen. Anna frug die anderen, rief, super!, und sandte Lottmann ein SMS, ob er nicht am Abend zu uns in die Paris-Bar zu kommen wünsche, wir würden uns alle sehr freuen. Lottmann musste zur Geburtstagsfeier seines Bruders, erwog allerdings, diese, da in unmittelbarer Paris-Bar-Nähe, zwischendurch zu verlassen, um sich zu uns zu gesellen. Ja, teilte Lottmann per SMS mit, genau das werde er tun. Lottmann wird doch kommen, ist das nicht wahnsinnig gut?, sagte Anna. Ich sagte, wenn du mich so direkt fragst, würde ich Joachim Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen.
Wir gingen in die Paris-Bar. Ich wählte einen Stuhl, neben dem kein anderer frei war. Es war sehr schön in der Paris-Bar, wir aßen Austern, Blutwürste und Rindfleisch und tranken Weißwein. Alle außer mir warteten auf Lottmann. Lottmann blieb fern; ich vermisste ihn nicht.
Anderntags musste ich früher als geplant nach Wien zurückfliegen. Die anderen frühstückten derweil mit Lottmann. Sie machten viele Fotos von sich und Lottmann und von Lottmann und sich. Ich habe die Fotos gesehen. Auf den Fotos sieht Joachim Lottmann aus wie Joachim Lottmann, wenn er mit Polly, Mitzi und Anna frühstückt. Sehr sympathisch eigentlich, und das Frühstück soll interessant und lustig gewesen sein. Da hättest du endlich einmal den Lottmann kennenlernen können, sagte Anna, schade, dass du nicht dabei warst. Ja, jetzt habe ich doch tatsächlich Joachim Lottmann nicht getroffen, so ein Pech auch.
Aus: Moderne Nerven / Brennstoff, Hg von Ela Angerer, Czernin, Frühjahr 2011
Endlich Herbst. Endlich Wochenenden, an denen man guten Gewissens die frische Luft verweigern kann, weil sie kalt und nass und grau und vermutlich gesundheitschädlich ist. Das heißt, man fläzt mit Kindern und Büchern im Bett ummadum und hört mit Interesse alle Gründe der Kinder ab, wieso es unumgänglich ist, jetzt den Fernseher einzuschalten. Man sei zu erschöpft zum Spielen. Man müsse chillen. Auch ein Kind habe ein Recht zu chillen. Man habe eine urherausfordernde Woche hinter sich und habe etwas Entspannung verdient. Man wolle sich die Art der Entspannung wenns geht selber aussuchen. Wir sähen auch immer fern. Ein bisschen Verblödung sei zumutbar, Man habe den ganzen Sommer nicht fernsehen dürfen. Man werde durch derlei Generalverbote dem Medium völlig entfremdet, das sei auch nicht gut für die Entwickung eines Kindes. Alle anderen dürfen auch fernsehen.
Ich halte mich da allerdings strikt an die Erziehungstipps meines Lebensberaters Dr. A, der unlängst auf meinem Sofa saß und sagte: „Konsquenz ist alles. Ich bin mit meinen Kindern sehr konsequent. Manchmal bis zu zehn Minuten lang." Dann installierte er den quengelnden Kindern auf unserem neuen Fernseher die Wii.
Während ich erst einmal kochen ging. Ich habe jetzt endlich auch „Tiere essen" fertiggelesen, das macht den Langen nicht froh. Er fürchtet um seine Ernährungsroutine, der das sommerliche Landleben, das ihm täglich Fleischstücke auf den Rost zauberte, extrem entgegen kommt. Aber jetzt koche ich auch wieder, weil Herbst ist, und im Herbst lese ich Kochbücher und rühre in den Töpfen. Heuer Schwerpunkt Curry, wobei ich augenblicklich jene Schärfe anpeile, bei der Lange nicht mehr merkt, ob er Schwein oder Kürbis isst. Noch bin ich dort nicht angekommen, aber ich arbeite daran.
Der Lange weiß allerdings auch, dass Hoffnung besteht, weil mein Gehirn zuverlässig auch den Inhalt von Jonathan Safran Foers Buch, wie den jeden anderen Buches, in zwei bis sechs Wochen gelöscht haben wird, und zwar vollständig. Ich kann mich daran erinnern, was ich ich bei der schriftlichen Matura anhatte, ich kann mich erinnern, dass die Doors liefen, als ich zum ersten Mal knutschte und weiß noch, wie ich meine Haare hatte, als ich den Langen zum ersten Mal sah, und was ich zu ihm sagte, und was er zu mir sagte. (Das ist leicht: gar nichts.) Aber ich habe den Inhalt jedes Buches vergessen, das ich meinem Leben gelesen habe. Das ist nicht gut, weil man mit dem Satz: „Ich hab es gelesen, weiß aber nicht mehr, worum es geht" in Konversationen häufig Misstrauen weckt. Auf dieses vollumfängliche Vergessen hofft der Lange nun. Bis dahin macht er seit neuestem wieder täglich Mittagspause macht, lass mich raten, wo.
Mail von Leserin F. Die blätterte offenbar in der Woche nach meiner Charlotte-Roche-Kolumne den Falter durch und suchte vergeblich nach dem Pranger, an den man mich für meine Kritik an Alice Schwarzers Kritik selbstverständlich gestellt haben musste. „Wo sind die Kommentare der erbosten Frauen?" schreibt Frau F. erschüttert. „Keine Entschuldigung oder Rechtfertigung. Darf sich die Knecht das echt leisten?" Ja, weit sind wir gekommen: Auf einmal dürfen Frauen ungestraft alles und jede kritisieren: sogar Alice Schwarzer. Und zwar, ohne dass man danach öffentliche Selbstkritik üben muss oder zumindest von jemandem die Leviten gelesen bekommt, der besser Bescheid weiß über das Leben und wie eine Feministin zu sein und zu schreiben hat. Das kann Alice Schwarzer so nicht gewollt haben. Wir leben in einer kranken, gestörten Welt.
Leider sei, schreibt Frau F. weiter, auch „der lapidare Kommentar" ihrer Freundin zu meiner Kolumne kein echter Trost gewesen, die sagte: „No, die hat wahrscheinlich a Probleme mit ihrem Langen." Das hat mir sehr gefallen. Weil ausgerechnet Feminstinnen sich hier der guten alten machistoiden Frauenmeinungstotschlagskeule bedienen: Die Oido ist offenbar ungfickt, sonst würde sie nicht immer so undsoweiter. Weil Kritik bei Frauen ja immer aus schlechter Laune resulitert, die wiederum bekanntlich stets die Folge sexueller Minderbefriedigtheit u. Ä. darstellt. Aber genau, Frau F., warum sollen nicht auch Frauen mit den brunzdümmsten Argumenten daherkommen dürfen, gleiches Recht für alle! So ungefähr war das doch gemeint mit dem Feminismus, oder. Wobei, ich muss der Freundin Recht geben: Ja, ich habe Probleme mit dem Langen, ständig, immer wieder, Tag für Tag, und das schon bald 20 Jahre lang. Kein Wunder also, dass Alice Schwarzer so schrecklich unter mir zu leiden hat.
Allerdings entkräftete die Feministin, der wir Frauen unendlich viel zu verdanken haben (was ich völlig ernst und aufrichtig meine, es nervt nur, dass man über Schwarzer nie ohne dieses Vorwort sprechen darf, andernfalls man sich der Respektlosigkeit und des Contrafeminismus schuldig macht), selbst schon eine Woche später meine miesepetrigen Unterstellung, sie habe noch nie mit Männern. Indem sie hurtig ihre Autobiografie veröffentlichte, mit einer sensationellen Enthüllung: Sie hat nämlich doch. Boah. Also. Hm. Tja. Auch der FALTER wies mich letzte Woche in seiner Schwarzer-Huldigung auf meinen Irrtum hin, wie er sich überhaupt mit spürbarem Mitgefühl der Kritik an Schwarzer annahm. U.a. sei sie von Zeitungen als „Hexe mit stechendem Blick" tituliert worden, das müsse man „erstmal aushalten, aber Schwarzer hält es aus". Es wird nicht erwähnt, wie sie das aushält, nämlich indem sie für die Zeitung, die sie derart insultierte, jetzt schreibt und wirbt: für BILD, das Zentralorgan des deutschen Chauvinismus. Aber es ist Alice Schwarzer, also ist es gut.
Wir waren im Wald spazieren und ich habe den Mimis gesagt: Diese Woche ist Vater-Schonung angesagt. Wenn er wegen nichts auszuckt: einfach lächeln. Wenn er auf Fragen nicht antwortet oder wenn die Antworten nicht zu den Fragen passen: einfach so tun als ob. Diese Woche keine Debatten übers Rauchen, das könnt ihr ihm nächste Woche wieder abgewöhnen. Sowie er natürlich überhaupt alles, was wir ihm diese Woche durchgehen lassen, in der nächsten Woche mit Zinsen vom Sparbuch abheben kann. Nächste Woche, nach dem Samstag abend, nach seinem Konzert, da wird alles wieder normal.
Das eine Mimi hat gesagt: Jaja; das andere: Können wir jetzt umkehren, mir tun die Beine weh. Ich sagte, wir gehen grade mal eine Viertelstunde. Das Mimi: Trotzdem. Ich sagte: Als ihr vier wart, sind wir mit euch stundenlang über die Almen gewandert und ihr habt nicht gejammert, ihr fandet es toll. Das Mimi: Sobald ich wieder vier bin, werde ich wieder richtig Spass am Wandern haben, das wird lustig.
Sie haben jetzt Handys. Das war möglicherweise das letzte Wochenende, dass sie überhaupt noch aus freien Stücken mit mir gesprochen haben, auf einer Wie-ändert-man-den-Hintergrund-Basis. Weil jemand musste ihnen das Handy ja erklären, und der jemand war: richtig. Aber bitte: Im Schlafzimmer läuft ein neuer Fernseher, Flachbild, 104 Zentimeter Diagonale, alle Programme, wo sie sein sollen, und das einzige was ich tun musste, war zu helfen, ihn heraufzutragen. Danach war es wichtig, zwei Stunden lang nicht in die Nähe des Schlafzimmers zu geraten. Bei dem einen Mal, bei dem sich eine Betretung nicht vermeiden ließ, stieß ich auf einen Langen, der mit einer Bedienungsanleitung vor einem blau leuchtenden Bildschirm saß und mit traurigen Augen sagte: Das funktioniert nicht, keine Chance. Ich sagte: Oje, und ging wieder. Eine Stunde später funktioniert es, ohne mein Zutun.
Denn ich lerne. Ich lerne nicht nur von Alice Schwarzer, sondern auch von Wolf Wondratschek, der im Standard-Sommergespräch mein neues Lebensmotto formulierte, in dem er erklärte, wie man die Schriftstellerei und das Kinderhaben unter einen Hut kriegt. „Auf den Spielplatz gehen, in den Kindergarten. Alle Phasen. Aber keine Verpflichtungen. Es war für mich immer klar, wenn ich merke, es kommt ein Roman, der geschrieben werden muss, dann weiß ich, das sind etwa zwei Jahre, dann werde ich mir diese Zeit wirklich nehmen und mich in die Isolation begeben."
Ich warte nur noch bis nächste Woche, nur noch bis nach dem Konzert, dann werde ich dem Langen erklären, dass ich den neuen Roman in mir spüre und dass er jetzt geschrieben werden muss, und ich mich jetzt ein, zwei Jahre nicht um die Kinder und den Haushalt kümmern kann. Ich brauche jetzt bis auf weiteres so etwa einen Meter Isolation um mich herum. Keine Verpflichtungen, vorläufig. Ich weiß, er wird das verstehen.
Ich bin offenbar circa
der einzige Mensch im deutschen Sprachraum, der Charlotte Roche und
ihr Buch mag. Findet das sonst niemand voller Witz? Lacht niemand mit
mir über die gründliche gut-jungdeutsche Befindlichkeit, über die
sich Roche lustig macht? Findet keine andere, dass sie den Alltag
modern und korrekt sein wollender junger Mütter sehr scharf
beobachtet, mit all den ideologischen und politischen Fallen, mit all
Dingen, zwischen denen man sich entscheiden muss und mit all dem
Druck, unter dem man steht? Alle sehen immer nur die Würmer wuseln,
und gut, da und dort und dort hätte ein entschlossener Rotstift
nicht geschadet. Aber es zeigt sich wieder einmal: Wenn Männer etwas
Ekelhaftes oder Gewalttätiges beschreiben ist es interessant und
mutig, wenn Frauen es tun, ist es ekelhaft und aggressiv. Weil Frauen
die ironische Distanz zwischen Sein und Kunst ja offensichtlich nicht
gegeben ist, die können da ja von Natur aus nicht abstrahieren, und
deshalb kann das höchstens immer nur unfreiwillig komisch oder
überraschenderweise gelungen sein. Ich lese auch immer, dass
"Schoßgebete" ja viel sei, aber sicher keine Literatur.
Wenn ein junger deutschsprachiger Schriftsteller nach dem anderen mit
seinen Urlaubsabenteuern Bücher vollschreibt wie weiland
Volkschulhefte mit Meinschönstesferienerlebnis, dann sagt niemand,
wie es korrekt wäre: Also, übrigens, das ist eigentlich keine
Literatur, das nennt man Reportage. Nein, dann erfindet man einfach
schnell einmal eine neue Gattung, Doku-Roman oder so, und schon passt
alles. Aber Roche: Na, Literatur ist das bei Gott nicht. Irgendwie
ist das alles bisschen frauenfeindlich.
Ich habe überhaupt
selten so viel Frauenfeindliches gelesen wie jetzt im Kontext mit
Roche und wie eine Frau über das Leben schreiben soll. Und wie
nicht. Unter anderem von Alice Schwarzer, die es nicht gern hat, wenn
eine erfolgreiche junge Frau vergisst, dass sie Alice Schwarzer alles zu
verdanken hat. Deshalb muss Schwarzer Roche in einem dummen
offenen Brief ugehend daran erinnern und nebenbei ein bisschen von der Debatte
profitieren. Man war ja mal befreundet, ne.
Mir gehts wie
Charlotte Roche, ich fänds schön, wenn Alice Schwarzer zwischendurch
einfach auch einmal die Klappe hielte. Gegen Chauvinismus sein, aber
für die BILD arbeiten. Nie ein Kind, nie einen Mann, vielleicht nie
Sex mit einem Mann gehabt haben, aber immer genau wissen, wie das
geht, und wie man das zu machen, und wie man da zu leben hat. Aber,
es tut mir leid, das sind nun einmal ein paar von den Sachen im
Leben, wo einen auch die umfassendste Theorie nicht zum Besserwissen
in der Praxis legitimiert. Nur wer Kinder und Heterosex hat, weiß
wie das ist, und wer's nicht hat, hat keine Ahnung und soll dazu
nicht s'Maul aufreißen. In diesem Fall: Roche ja, Schwarzer nein, so
einfach.
Schon wächst das Gras langsamer, schon müssen wir uns nicht mehr mit der Machete zur Hängematte durchschlagen, schon gibt es nicht mehr jeden Tag Fisolen und Zucchini. Schon faulen uns die monatelang gehätschelten Paradeiser von den Stengeln, so dass man das ganze schöne Bio-Graffel einfach in den Müll werfen kann und tschüss. Die Flora lockert ihren eisernen Sommergriff. Es ist heiß wie nie, aber es herbstelt schon, die Stadt und das Leben darin wachsen uns uns schon in die Sommergegenwart hinein, frühes Aufstehen, langes Ausgehen, wieder vollständige Hosen und Kleider tragen, wieder acht Zentimeter größer sein.
Dafür jetzt Fauna galore. Die Nachbarn fuhren in den Urlaub und erklärten ihre Katzen zu Selbstversorgern, und schau, das funktioniert. Eine der Katzen fand heraus, dass es bei uns Futter gibt und erzählte es ihren acht Verwandeten weiter. Das erzeugt überraschende Effekte, wenn der Lange brüllt, dass er ab sofort keine degenerierten Schrott-Katzen mehr füttert, aussi es deppatan Viecha!, und wenn er glaubt, keiner schaut hin, sitzt er irgendwo und krault heimlich eine Babykatze. So einer ist das nämlich. Also, wenn er nicht gerade Feldzüge gegen Wespen führt, wo ich sage, kauf einen Spray und richte ihn abends, wenn die Wespen schlafen, auf das Wespennest, das funktioniert. Das ist aber nichts für den Langen. Der Lange hat auf die Wespen, die ihm die Freude am aushäusigen Essen verderben, einen Zorn und zwar einen alttestamentarischen. Er will sie bestrafen, er will sie richten, in immer neuen, transparenten Wespenfallen, die die Wespen überhaupt erst an den Tisch locken, damit man ihnen dann beim Sterben zusehen kann. Der Horwath hat auch so eine. Nur Männer kaufen den Scheiß.
Während der Lange draußen seine Ländereien verteidigt und Exempel statuiert, esse ich mit den Mimis und dem Gastkind, das vorletzte Woche woanders in ein Wespennest stieg und 27 Mal gestochen wurde, jetzt drinnen, bei geschlossenen Fenstern. Vor allem, weil der Lange im Baumarkt zwar jede schiarche Wespenfalle kauft, aber immer bei den dazugehörigen Spezial-Flüssigkeiten spart, weil er findet, Himbeersaft und Bier tuns auch. Die Wespen finden das gut, sie erzählen es allen ihren Freunden und Verwandten weiter, und alle kommen gemeinsam in großen Schwärmen an unseren Tisch und saufen das Himbeerbier aus den Wespenfallen, und bleiben dann noch ein bisschen am Tisch und warten, was es Feines zur Hauptspeise gibt. Der Lange behauptet, die Katzen, die deppaten Viecha, hätten seine Superfalle umgeschmissen und damit ihren Effekt ruiniert, aber das ist gar nicht wahr. Ich bin froh, dass sein Hauptfeind, der Maulwurf, eben wieder aufgetaucht ist, trotz perfidester und ausgeklügeltster Maulwurfsabwehrsysteme. Das lenkt den Langen von den Wespen ab. Ich werde die Fallen verschwinden lassen, die deppaten Katzen werden es gewesen sein.
An sich war die Idee gut. Eine exzellente Strategie zur Überwindung des innernen Faulsacks. Der heurige Sommer soll nämlich auch der körperlichen Ertüchtigung gewidmet werden, wofür es, wie sich im letzten Herbst bitter zeigte, leider nicht reicht, ein paar Mal täglich zum Gemüsebeet und zurück zu gehen und ab und zu hinüber zu den Horwaths auf ein Glas Wein. Es fing auch alles vielversprechend an, man war in Kroatien täglich kampfgeschwommen im Meer, tatsächlich täglich, bis auf einen von den Tagen, an denen wir alle herumlagen wie die erschlagenen Fliegen. Die Horwathin und ihre Schwester hatten Schädelweh, dem Langen war schlecht, der Horwath ging nach dem Frühstück wieder ins Bett und ich fand es um halbzwölf höchste Zeit für einen Mittagschlaf. Wir schoben die Schuld auf der Hitze, auf die Erschöpfung durch unmäßige Erwerbsarbeit und auf das kroatische Weißbrot, bis wir nach zwei hundskaputten Tagen endlich kapierten, dass wir alle auf Entzug waren, weil der Lange irrtümlich koffeiinfreien Espresso gekauft hatte, Oida. Danach schwamm ich wieder und dachte, während ich schwamm, über das Leben nach und darüber, wie ich ab nun täglich laufen würde, und zwar täglich, komme was wolle. Nach einer Woche im Waldviertel hatte ich den Garten nicht verlassen, bis auf zweimal Weintrinken beim Horwath und einmal Pfau schauen bei Künstlers. (Weil Sie gefragt haben: Der Pfau wurde bekanntlich vom Horwath eingefangen, eingesperrt, benannt, gefüttert, nach drei Tagen freigelassen und spazierte eine Stunde später wieder bei Künstlers durch den Garten. Der Horwath will jetzt nicht mehr über den Pfau sprechen. Künstlers haben dem Pfau eine neue Frau gekauft, während wir in Kroatien waren. Der Pfau schreit jetzt nicht mehr, er juhut nur noch verliebt.) Ich erkannte: Ohne Personal Trainer wird das nichts mit dem täglichen Sport, ich brauche einen Personal Trainer. Ich ging zu den Mimis und sagte: Wer hat Lust, mit mir laufen zu gehen? Das eine Mimi, das sehr nach dem Langen kommt, zeigte mir wie vorgesehen den Vogel, das andere Kind, das mit den Fetischen und dem Ritualisierungszwang, rannte ins Zimmer und zog sich ein Laufgewand an. Wir liefen los. Also, ich lief, das Kind rannte vor und zurück und fand, das sollte man öfter machen. Am nächsten Morgen stand das Kind um sieben im Schlafzimmer und fragte, wann wir endlich laufen gehen. Ich sagte: später vielleicht. Das Kind kam später wieder, und fragte, wann wir endlich laufen gehen. Ich sagte: Schau aussi, es schifft!, morgen vielleicht. Zehn Minuten später lief ich mit dem Kind, das die Nie-machst-du-etwas-mit-mir-immer-nur-leere-Versprechungen-Strategie angewandt hatte, durch tropfendes Grün. Ist doch schön, nur wir zwei im Wald, sagte das Kind, morgen laufen wir wieder, oder. Ich keuchte zustimmend. Es regnete mir in die Augen. In der Ferne juhute ein Pfau.
Am Freitag bin ich hinüber zu Künstlers, die uns mit ihrer heimlichen Heirat überrascht haben: Meinen allerherzlichsten Glückwunsch zur Vermählung, ihr Spießer! Möget ihr immer etwas zu reden, zu streiten und am Hof umzubauen haben und zusammen glücklich bleiben, bis dass der Tod euch scheidet oder es der Gattin im Waldviertel wieder zu einsam wird. Apropos, weil wir gerade davon reden, der Bertl. Der Pfau. Wir saßen in Künstlers schönem, grünem Innenhof, Künstler hatte mir ein Stück Hochzeitstorte kredenzt und von Hand Kaffee gemahlen und aufgesetzt. Der Kuchen war gut. Und während wir so an der warmen Wand saßen und über den Pfau sprachen und seine Weckrufe, und wie ich so sagte, dass der Lange und ich der Meinung seien, der Pfau sei im von unserem Schlafzimmer weit entfernten Gehöft seines ursprünglichen Besitzers sehr viel besser aufgehoben, und wie so der Künstler sagte, na ihn und die Künstlerin störte den Pfau eigentlich gar nicht, da wurde mir auf einmal klar: Die haben den Bertl liebgewonnen. Na, klar, der Pfau wohnte ja jetzt schon seit mehr als zehn Tagen bei Künstlers, seit er in das Horwathschen Gehöft gebracht worden und nach nur einem Stündchen in seinem neuen Heim abgeflattert war, und dem Horwath war danach von krankem Kind bis hinichem Auto alles dazwischengekommen, was einen Mann an der Pfauenjagd zu hindern vermag. Der Pfau schlafe, sagte der Künstler, nachts am Dach, aber tagsüber hüpfe er, und Künstlers Stimme klang liebevoll, vom Dach herunter und spaziere still und zufrieden durch den Hof und die anliegenden Ländereien, schaue mal kurz ins Atelier hinein, schlage hin und wieder, er habe davon Fotos, ein Rad, picke auf, was die Natur und die Jahreszeit ihm bereitlege und gebe den ganzen Tag keinen Ton von sich, außer ein leises, zufriedenes Gurren dann und wann. Wo ist er jetzt eigentlich? Irgendwo da hinten.
Und wie der Künstler so vom Bertl sprach, mit leuchtenden Augen, da musste ich ihm zustimmen: Der Pfau war bei ihm und der Gattin eigentlich gut aufgehoben. Die sind die ganze Woche da, und haben keine Hühner, die der Pfau paralysieren kann, und dass uns am Wochenende sein Geschrei weckt... na gut. Hhhhmmm. Wir tranken den Kaffee und schauten in die Hügel. Und was steht heute noch an?, fragte der Künstler. Ich habe eine Lesung, sagte ich. Ach so, wo?, sagte der Künstler. In Köln, sagte ich. Wie ich später beim Boarding am Flughafen saß, schickte mir der Lange ein SMS: Der Randalierpfau sei gefangen, hier der Beweis: Ein Foto vom Horwath im hohen Gras, mit seinem Pfau im Arm, etwas gerötet und gezeichnet von der Pfauenjagd, aber auch ganz stolzer Besitzer. Irgendwo weit dahinter, die eigentliche Besitzerin, die Horwathin. Nirgends die Künstlers. Der Bertl wohnt jetzt im Horwathstall und heißt nun Archibald, und als ich zurückkehrte, war es ganz still in der Früh.
Das war also die Geschichte von den Pfauen vom Horwath, die der Horwath der Horwathin zum Geburtstag schenken wollte, und die abpaschten, bevor die Horwathin ihrer ansichtig wurde. Sie waren ein schönes Paar gewesen: der blaue Bert und seine elegant graumelierte Frau, die Cindy. Der Horwath ist ohne die Geschenkspfauen nach Wien gefahren und hat der Horwathin zum Geburtstag die Geschichte von ihrem Geschenk erzählt. Die Horwathin hat gelacht. Es ist übrigens nicht wahr, was im Dorf erzählt wird, dass die Mimis die Pfauen gejagt und solcherart verscheucht haben: Die Pfauen waren ja ganz frisch im Hof vom Horwath, und seien wir sich ehrlich, sie hätten, so habe ichs jedenfalls hinterher auf www.pfauenforum.de gelesen, erst einmal ein Zeitl eingesperrt und von ihrem neuen Besitzer gehätschelt und angefüttert gehört, plus der Horwath hat komplett unterschätzt, wie hoch so ein Pfau fliegen kann. Der Horwath hätte vielleicht die Frage des Pfauenhändlers ernster nehmen sollte, wo er denn seine Burg habe. Wieso Burg? Darum. Zu spät.
Beziehungsweise nicht. Am Abend darauf hat mir der Horwath ein SMS geschickt: Der Pfau sitzt am Dach vom Nachbarstadl und singt alle drei Minuten ein traurig Liedchen. Na da schau her. Und ja, es war zweifelsfrei der Bertl, der verzweifelt nach der Cindy rief, die allerdings blöderweise Richtung Wald a.k.a. Richtung Fuchs geflüchtet war. Der Bertl rief die ganze Nacht und übersiedelte anderntags auf das Dach von Künstlers, mit oder ohne die freundliche Unterstützung des Bauern, der auch ein Gewehr hat. Nichts genaues weiß man nicht, aber der Pfau blieb erstmal dort am Dach und im Hof von Künstlers wohnen, die kein Gewehr haben.
Der Lange und ich haben uns mächtig abgehauen, und jedem die lustige Geschichte vom Horwath-Pfau am Künstlerdach erzählt, bis zum Wochenende, als uns bewusst wurde, dass das Künstlerdach exakt vis á vis von unserem Schlafzimmerfenster errichtet wurde bzw. umgekehrt. Wir lernten: So ein Pfau braucht nicht viel Schlaf. Der Pfau ist ein entschiedener Frühaufsteher. Er unterhält sich gerne mit den ersten frühen Vögeln, den Amseln und den Meisen, mit dem Unterschied, dass er ein Alzerl lauter zwitschert. Um halb fünf fing der Bertl an nach der Cindy zu rufen, das war noch ganz schön eigentlich, so ein melancholisches, aber doch auch optimistisches Zweiton-Rufen alle paar Minuten, im Prinzip musikalisch sehr ansprechend, wenn man dazu nicht unbedingt schlafen will. Leider antwortete Cindy nicht, und so gegen fünf wurde der Pfau sehr traurig und fing fürchterlich an zu weinen, und weinte dann so bis halb acht. Das macht er jetzt jeden Morgen. Der Horwath hat ihn einmal gehört und hatte dann plötzlich keine Zeit mehr, sich um die Pfauenjagd zu kümmern. Sollte er besser, denn bei Amazon gibts Steinschleudern schon ab Euro 5,90, ich habe schon gegoogelt.
Die Horwathin hatte Geburtstag. Da hat der Horwath beschlossen, seiner Frau einen alten Wunsch zu erfüllen. Weil immer sitzt die Horwathin im Garten (also, wenn sie einmal sitzt, meistens kniet sie in einem ihrer Blumenbeete, was deren Unvergleichkeit jetzt zum Beispiel mit meinen erklärt), schaut sich das Haus an und den Hof, den rankenden (obwohl die Ritter mein Gemüsebeet kürzlich ob seiner ordentlichen Gejätetheit ein "Spießerbeet" hieß, Oida) Wein und die Rosen, die Kinder und die Hendln und sagt: Ein Pfau wär noch schön, der Pfau würde herrliche Pfauenräder schlagen, das würde die Schönheit meiner Umgebung praktisch vervollkommnen. So entschied der Horwath: Heuer bekommt die Horwathin ihren Pfau. Also zwei, weil Pfaue sind Paar-Tiere. Also eigentlich sind sie Vielweiberer, aber übertreiben wollte es der Horwath dann auch nicht, weil: die schreien ja, die Pfaue. Es sind wegen schreiender Pfaue schon viele nachbarschaftliche Freundschaften zerbrochen. (Aber wir sind zum Horwath ja keine direkten Nachbarn, also ist es uns wurscht. Also war es uns wurscht.) Der Horwath recherchierte und fand einen Pfauenzüchter in Kärnten. Das war ihm aber doch zu weit. Dann fand er einen in Melk, den rief er an und erkundigte sich nach einem Pfauenpaar. Ja, er habe eins, sagte der Händler. Was????, sagte der Horwath, JA, ER HABE EIN PAAR!!!! brüllte der Händler in das ihn umgebende Gekreische hinein. Aha, sagte der Horwath, ob es das sei, das er gerade höre? Nein, sagte der Händler, das seien andere. Der Horwath nutzte eine kurze Abwesenheit der Horwathin und fuhr nach Melk, und spazierte hernach, Pfauenfeder am Hut, in unseren Garten hinein. Die Pfaue gewöhnten sich gerade an ihr neues Zuhause; die Hendln seien ob der Pfauerei ein wenig inkommodiert, aber das gebe sich schon. Wollten wir uns die Pfaue ansehen? Wir wollten. Wir spazierten hinter dem Horwath in den Horwath-Hof hinein. Von den Hendln war keins zu sehen, aber Herr und Frau Pfau stoben davon, als sie unser ansichtig wurden. Wir setzten uns auf die Bank, um uns die Pfaue anzusehen und uns Namen für sie auszudenken. Waterloo und Robinson, Skopik und Lohn, Modern und Talking, Cindy und Bert, als Bert auf das Dach des Hühnerstalls flatterte, von dort auf die Mauer und von dort in die Freiheit. Der Horwath spurtete los, zum Tor hinaus, dem Bertl hinterher. Wir blieben zurück und schauten Cindy zu, die sich hinten beim anderen Tor versteckt hatte. Das Tor hat unten einen schmalen Spalt, den wir bemerkten, als Cindy ihn zur Flucht nutzte. Der Lange rannte los, und sah, als er das Tor aufriss, gerade noch, wie Cindy auf den Tisch der Laube sprang und aufs Dach des Nachbarhauses flog. Dann war sie weg. Bert auch. Die Horwathsche bekam zu ihrem Geburtstag eine herrliche Pfauenfeder, immerhin. Hoch soll sie leben.
Nach drei Jahren wieder einmal in Zürich, und es ist herrlich. U.a. weil ich im Hotel wohnen darf, ganz allein in einem Zimmer, in einem versperrbaren Zimmer, in das in der Früh niemand hereinbricht, um die neuesten Abenteuer aus Gregs Tagebuch zu verhandeln oder mir bitteren Blicks das in offensichtlich kindesmisshandelnder Absicht nicht gewaschene AC/DC-Leiberl unter die Nase zu halten. Und es liegt auch keiner herum, der jetzt sofort die EVN-Rechnung oder ein lustiges Youtube-Filmchen besprechen will. Das Hotelzimmer hat einen Nachteil; man muss aufstehen und sich anziehen, um an dringend benötigtes Koffein zu gelangen, das kann nach einem Abend mit Haemmerli, Higgs, Honzo und ein paar anderen Freunden, die man schon urlang nicht mehr gesehen hat, zum Problem werden. Nur Campolongo war leider gerade in Wien. Wir anderen waren in der Fischstube am See, fantastisch. Ich hatte vergessen gehabt, was für eine unglaubliche großartige Stadt Zürich im Sommer ist: eine Stadt, in der man beim Essen auf Segelboote schaut und auf türkises Wasser, das sich langsam dunkelblau färbt und dann schwarz, während drinnen die Kerzen angezündet werden und Haemmerlis Bruder noch eine Flasche Rotwein auf den Tisch stellt. Haemmerli hat ja, das weiß, wer seinen Film "Sieben Mulden und eine Leiche" gesehen hat, einen Bruder und der Bruder ist reizend und Koch, und er hat in dem Lokal seine Finger drin, was ausserordentlich zu begrüßen ist. Er hat auch eine Kochsendung im Zürcher TV; ich konstatiere, nachdem ich kürzlich Tim Mälzer kennenlernte, eine TV-Koch-Häufung in meinem Leben. Was immer das bedeutet, solange ich nicht Andi & Alex in meine Familie aufnehmen muss, solls mir recht sein. Jedenfalls saßen und tranken wir dort bis Sperrstunde und überreizten hernach jene der Kronenhalle-Bar, und gegen zwei Uhr früh fand ich es schwierig, das Hotel auf Anhieb anzuradeln. Zudem ist es, als man andernmorgens die Augen aufschlägt, so spät wie jeden Morgen, nämlich sechs Uhr früh. Der Organismus ist ein erbarmungloser Wiedergänger. Himmelherrgott! Man macht die Augen wieder zu und döst mit Mühe bis acht. Wartet dann bis neun darauf, dass das Schädelweh nachlässt und macht sich dann auf die Suche nach Kaffee. Und trifft sich hernach mit der Frau Kunst, die aus Venedig direkt in die Fischstube gerast war und jetzt auch Schädelweh hat, in der Badi Utoquai, um Allfälliges zu besprechen und sich - wozu hat man Freunde - gegenseitig beim Erinnern an den Vorabend zu unterstützen, bevor man, weil Katzen ja wasserscheu sind, in den See köpfelt. Uahhh! Kalt. Wenn man mir in Wien einen See baggern würde, ich taterte viel frischer aussehen. Ich hätte auch bessere Laune. Und wäre fitter. Apropos: Was wurde eigentlich aus dem Stadthallenbad? Sollte das nicht längst wieder geöffnet sein? Egal, einen See wie den in Zürich kann es doch nicht ersetzen.
Studiere gerade die Bilder vom letzten Rapid-Match. Die Vermummten auf dem Spielfeld. Interessant. Spooky. Diese Männer leben unter uns. Was machen die sonst so? Wo arbeiten die? Wie wohnen die? Wie und nach welchen Kriterien kaufen die ihre Möbel? Haben die Sex? Wie sind die im Bett? Was wählen die? Schauen die heimlich Arztserien? Weinen die, wenn sie allein sind? Was ist ihre Lieblingsspeise? (Na gut, ok, das ist leicht.) Haben die Kinder, und wenn ja: wie und was reden die mit denen? Diskutieren die mit ihrer Frau, in welche Schule die Tochter gehen wird? Haben die überhaupt eine Frau, eine Freundin? Und wenn ja: Was schenken die ihr zum Geburtstag? Können die kochen? Nach welchen Kritierien suchen sich die die Vorlagen für ihr Peckerl aus? Schreiben die manchmal verliebte SMSe? Schauen die heimlich Dancing Stars? Schauen die heimlich schwule Pornos? Wie melden sich die am Telefon? Sind unter den Vermummten auch Frauen? Warum nicht? Und wenn man ein Kind hat, das Fussball mag, wie erklärt man dem sowas?
Und noch eine Frage: Kann man diese Trotteln sozialisieren? Ok, auch hier bietet sich eine Antwort an: offenbar nicht. Das ist ja jetzt nicht zum ersten Mal passiert. Das gehört ja offenbar zur Rapid-Folklore, kann man nichts dagegen tun. Ist so etwas wie das letzte Leo, in dem man weitgehend unsanktioniert rassistisch und gewalttätig sein kann. Man werde, habe ich heute früh im Radio gehört, gegen jeden, den man auf den Fotos und Videobändern erkennen könne, entschieden vorgehen. Was offenbar heißt, dass die, nachdem sie sich ausgetobt haben, einfach vermummt aus dem Stadion hinaus und heimgehen, ohne dass sie jemand aufhält oder verfolgt. Ist das so? Interessant. Auch interessant, dass es in den Wiener Stadien offenbar Räume gibt, in denen die Hools ihre Wurfgegenstände und Feuerwerkskörper zwischenlagern können, damit sie dann während des Matches gut Zugriff darauf haben. Wer ist für derlei verantwortlich? Und wäre sowas in, sagen wir mal, deutschen Stadien auch möglich?
Das Kind geht jetzt nicht mehr Fußball, eh schon länger, und wenn man das sieht, ist es einem total recht. Es will jetzt Karate lernen, und mit diesen Kerlen vor Augen hat findet man das als Mutter tendenziell eine Spitzenidee und unterstützt das sehr gerne.
Während die Mutter (Achtung, jetzt wird es erst richtig brutal) nun wahrscheinlich allmählich bereit wäre für Yoga. Innen in Ruhe, außen in Form, so in der Art. Die Frau mit den healing Hands, die einem den Lumbago wieder weggezaubert hat (sie selber nennt es Ostheopatie) findet das auch eine gute Idee. Andererseits: Was ist, wenn ich wirklich meine innere Ruhe finde? Wenn mich nichts mehr aufregt und ich mich nicht mehr aufpudeln will? Schon gar nicht öffentlich? Wenn ich plötzlich normal werde? Wovon lebe ich dann? Vielleicht doch noch mal darüber nachdenken, hm.
Vielleicht sollte man mit der Selbstzerfleischung dann auch wieder einmal aufhören. Dann. Im Moment scheint es unmöglich: der Mond, der Saturn in Opposition mit Mars, ich weiß auch nicht. Ich stehe hinter einem Mikrophon im phil und lese meinen Text aus "Brennstoff"* vor, die Geschichte, wie ich einmal Joachim Lottmann nicht kennenlernen wollte, und das ist nicht leicht, denn Lottmann sitzt einen Meter entfernt und lauscht, womit beim Verfassen des Textes irgendwie nicht zu rechnen war und was meinen Vortrag nicht begünstigt. Zudem bin ich, vor Rubey, Lottmann und Schalko, die erste, die liest, und während ein Teil des Publikums horcht, plauscht der andere munter vor sich hin, und dann passiert es, dann passiert es mir, ich brülle ins Mikrophon, GUSCH! brülle ich, und es ist so peinlich, als wäre mir coram Publico ein knatternder Wind entfahren. Es ist exzessiv überzogen, und ich weiß es sofort, und es ist unwiderruflich, und ich lese den Rest meines Textes unter permanter Transpiration und mit rotem Schädel. Das hat man wieder einmal gut hingekriegt. Man könnte sich.
Möglicherweise hängt der Ausbruch auch mit der Schufterei am Land zusammen. Man hackelt das ganze Wochenende, reißt Bäume aus, gräbt Löcher in die Erde, schleppt Klumpert herum, schlägt Pfosten ein, und dann kommt man in die Stadt zurück und wendet an Stellen, an denen das überhaupt nicht nötig wäre, zuviel Kraft an. Viel zu viel Kraft. Alle schauen: huidiwui, waswarndasjetz. Man fühlt sich, das ist jetzt auch überzogen, ein bisschen wie Musils Moosbrugger: Alles, was man jetzt angreift, wird kaputt. Man fühlt sich monströs in der Welt. Ungehörig. Man sollte vielleicht nicht mehr ausgehen, man sollte die Menschen meiden, man sollte sich irgendwo verkriechen, zum eigenen Schutz und zum Schutz aller anderen: zumindest an solchen Tagen. Man sollte einen solche-Tage-Melder eingebaut haben, der einen alarmiert und dann vor den "Tatort" setzt, anstatt unter oder vor Menschen. Oder hinter einen Computer, wo man wohl hingehört, wo man die Wörter und die Lautstärke und die Temperaturen viel leichter regeln kann, und korrigieren. Zu laut, zu wild, viel zu aggressiv, lösch es weg, schreib es leiser, zarter, zärtlicher. Vielleicht sollte man das Sprechen überhaupt weitgehend einstellen, nur noch schreiben. Das habe ich auch dem Steuerberater gesagt: Nicht komm am Sonntag Nachmittag in den Garten, wo ich eben glücklich irgendetwas aus der Erde reiße und sag mir, dass ich 6000 Euro ans Finanzamt überweisen muss, und zwar morgen. Schreib es mir wochentags in ein Mail, dann kann ich meinen Wutausbruch ganz allein performen, und niemand kommt zu Schaden und ich müsste mich jetzt nicht zerknirscht bei dir entschuldigen. Ich würde nämlich auch das gern löschen, danke.
*Moderne Nerven: Brennstoff. Hg. von Ela Angerer. Mit Texten von Peter Hein, Christian Schachinger, Manfred Peckl, u.a. (Czernin Verlag)
Wenn man starke Schmerzmittel mit Alkohol kombiniert, hört man endlich die Anleihen, die The National bei den Rollings Stones machen. Da! Eindeutig! Es geht mir gerade wie Zuckerman in der Anatomiestunde, minus die geilen Weiber. Man soll nicht zwei volle Gießkannen herumschleppen, wenn man eh schon Rücken-Probleme hat. Wobei, das Schleppen war gar nicht das Problem, aber absetzen hätte man sie nicht sollen. Schmerz durchschnitt das Rückgrat und warf einen ins Gras. Dort lag man am Rücken wie ein großer blaugrüner Käfer aus einer LSD-Halluzination, bis einen der Lange entdeckte, der es etwas exaltiert fand, wegen ein paar erfrorener Zuccinisetzlinge gleich in den Rasen zu schluchzen. Bringstumir bitte zwei Seractil und ein Glas Wasser, danke. Aber jetzt, jetzt könnte es schlimmer sein. Ich könnte, so wie letztes Mal, die Sache nicht ernst genommen haben, so dass dann der Notarzt mit der großen Valiumspritze kommen musste. Stattdessen liege ich nur reglos am Rücken und dämmere im Schatten eines Birnbaums der Nacht entgegen. Der Lange ist ausnahmsweise ein braver Sklave und gibt nichts auf die Gerüchte, das man Schmerzmittel und Spritzwein nicht mixen soll. Was es sehr erleichtert, eben erst kürzlich postulierte Absichten mit Halleluja wieder in den Wind zu schießen. Die Sache mit den Mimis nämlich: Nicht nur Leserinnen beklagen, dass sie hier nicht mehr vorkommen, auch die Mimis selbst. Sind wir nicht mehr interessant genug?? Doch, aber. Aber auch die Kolumnistin findet es zusehends schwierig, eine moderne Doku-Kolumne ohne ihre persönliche Reality zu scripten, äh schreiben.
Denn es gibt mannigfaltige akute Alltagsprobleme zu besprechen: Ab wann braucht ein Kind ein Handy? Was ist das, eine Wertkarte, und wie funktioniert es? Muss man Kinder zwingen, im Haushalt mitzuhelfen, wenn diese Zwingerei eine Million Mal nervenaufreibender ist, als es selbst zu tun? Wie reagiert man, wenn ein anderes Kind (unüberraschenderweise ein männliches) einem der Mimis in abschreckender Absicht die Genitalien zeigt? Die nette Lehrerin sah sich jedenfalls zu einem besorgten Mail veranlasst. Das Kind hatte allerdings bereits von der Sache erzählt, als ihm das Frl. Friseuse gerade das von der Mutter auf seinem Haupt verursachte Desaster (Man muss nicht alles können!) in einen (Man sollte es dann halt auch nicht tun.) Haarschnitt zurückverzauberte, und hatte untraumatisiert gewirkt. Was die Mutter veranlasste, die Sache ihrerseits nicht zu dramatisieren - auslachen!, ignorieren! -, möglicherweise beeinflusst von ihrem eigenen sozialen Umfeld, das die Präsentation von Genitalien auch zur Unzeit an dafür nicht vorgesehenem Ort durchaus toleriert, wenn es die Situation erfordert. Oder die Kunst. Oder... Da, kein Zweifel: die Stones! Das Riff eben! Hören Sie das nicht?
Der Verbindungsoffizier sagt, dann soll ich halt etwas über
den neuen Schnürlsamt-Hut vom Langen schreiben. Aber erstens ist der nicht neu,
und zweitens ist das, Entschuldigung, nicht abendfüllend. Was ich tatsächlich
gerne schreiben würde, wäre etwas, für das ich nicht beschimpft werde. Weil ich
feststelle, dass ich dasnicht
mehr so gut wegstecke wie früher, auch wenn ich vor zwei Wochen geschrieben
habe, dass Sie mich ruhig hassen sollen. Wenn ich dann aber so maximal gehasst
werde, wie von Leser C.S., gehe ich , ich gebe es zu, ein wie eine Primel. Weil
man sich fragt: Warum hasst der einen so? Was hat man dem getan, außer etwas
geschrieben, über das der einfach drüberblättern könnte und seine Seele bliebe
gesund? Immerhin hasst der mich mit Namen und Mailadresse, das zeugt von Rückgrat
und ist insofern eh ok: Anders als die Trotteln, die irgendwo ins Internet
hineinschreiben, sie gehen nicht mehr in ein Lokal, in dem sie michhaben sitzen sehen, wie mir die Wirtin
erzählt hat. Da fragt man sich schon, was die Leute für ein Problem haben. Und
ob man vielleicht der Antichrist des Kolumnismus ist. Oder wann man denen ins
Essen gespuckt oder auf den Sessel gewischelt hat, ich weiß auch nicht. Aber
bitte,ich werde hier jetzt auch nicht auf wehleidig herumjammern, das gehört
schließlich zu meinem Job wie dreckige Fingernägel zum Beruf des
Motorradmechanikers. Da muss man durch, und erstens sind die meisten Leute ja
nett zu einem, und zweitens: wofür gibt es Alkohol. Eben.
Ach ja. Wo es hinführt, wenn man aufhört, auf die heilende
Wirkung maßvollen Alkoholkonsums zu vertrauen, hat sich letzte Woche wieder
gezeigt. Beziehungsweise zeigt es sich immer noch; linker Hand. Auf deren
Rücken rollt sich jetzt rund um einen großen, pinkfarbenen und - doch,
tatsächlich - schweizförmigen Fleck verbrannte braune Haut auf. Es sieht nicht
besonders schön aus und handelt sich um die Folge einer
Gesünder-leben-Verletzung, die ich mir vorletzten Sonntag zuzog, als ich mich
mit Buch und Laptop und einer Kanne frischgebrühten Hagebuttenteesbrav ins Bett zum "Tatort"
zurückzog, und mir, ich weiß nicht wie, den Tee über die Hand goss. Und das
dann, man ist eben nicht wehleidig, nicht ernst nahm und nur ein paar Minuten
unters kalte Wasser hielt. Eine halbe Stunde Minimum!, schimpfte die Doktor
Urban, wie ich am Mittwoch meine Hand in ihrer Ordination vorzeigt, weil die täglich schiarcher wurde, rot-lila, geschwollen,
blasig, und auch wirklich wehtat.
Mindestens eine halbe Stunde ins oder unters kalte Wasser!, und das nun ist
brauchbares Allgemeinwissen, das ich an dieser Stelle gerne weitergebe. Die
Urban machte mir dann dick Salbe drauf und einen schönen Verband rundherum, und
jetzt heilt das allmählich. Und ich erzähle das deshalb, weil die Geschichte
eine Moral hat. Und zwar die: mit Grünem Veltliner wäre das nicht passiert. So.
Facebook
ist immer dann am Unerträglichsten, wenn etwas wirklich Großes, Schlimmes
passiert. Derzeit rollt eine riesige Welle der Solidarität durch das soziale
Netzwerk und schwappt ein zweites Mal über Japan, diesmal als Tsunami der Güte.
Deshalb sieht man im Fernsehen auch all die ergriffenen Japaner vor Freude in
die Luft springen und den Facebook-Usern ein ergriffenes DANKE zuhauchen, danke
Hansi Mrzcwicka, danke Biene Kofler, dass ihr so super solidarisch seid mit uns
und auf euren Computern mit aller Kraft ein Gefällt mir bei "Solidarität für Japan" antippt. Der Hansi und
die Biene, der Mike und die Susiund all die abertausenden, die sich jetzt die guten alten Anti-Atomkraft-Pickerl
aufs fb-profil kleben, waren auch immer schon entschiedene, unbeugsame
Vollblut-Atomkraftgegner. Die haben es immer schon gesagt! Natürlich haben die
vorletzte Woche auch alle - deswegen war es ja so erfolgreich - das
Euratom-Volksbegehren unterschrieben und beziehen längst den teureren Ökostrom,
Ehrensache.
Bitte,
ich habe letzte Woche schon gesagt, dass ich eine Spielverderberin bin. Aber
das geht mir wirklich mächtig auf den Keks, und wenn ich nicht etwas zu
verkaufen hätte und so ungern telefonieren täte (was man muss, wenn man sich
was ausmachen will, aber nicht muss, wenn man auf FB eh erfährt, wann die
Haberer wohin zu gehen trachten), juckerte mich das Aussteigen jetzt wieder
sehr. Allerdings leide ich auch an einem in meinem Beruf eher hinderlichen
Defekt, ich bin nämlich nicht besonders neugierig. Also nicht neugierig genug,
dass ich jemand extra etwas fragen würde, wenn ich nicht unbedingt muss. Mir
ist es lieber, die Leute erzählen mir von selber etwas Wichtiges oder
Interessantes, am liebsten schriftlich, oder sie tun etwas, das von mich für
Interesseist, oder ich höre oder
lese etwas, das ich bedenkenswert finde. Deswegen brauche ich Facebook, das ist
genau mein Medium.
Ich
bin auf den Stoff aus Facebook angewiesen. Und jetzt noch viel mehr, und zwar
deshalb, weil ich ab sofort nicht mehr über die Mimis schreiben werde. Atmen
Sie auf oder sagen Sie baba zu den Mimis, aber die Leute, die kritisieren, ich
verletzte damit die Privatsphäre meiner Kinder, haben eigentlich Recht. Ich
will auch nicht mehr, dass die Mimis im Internet von Leuten beschimpft werden,
die eigentlich ihre Mutter hassen. Hasst mich, das ist in Ordnung, das gehört
zum Job, dafür werde ich bezahlt. Vielleicht werde ich meine Meinung über das
Mimi-Moratorium ändern, wenn sie mir in ein paar Jahren das Leben zur Hölle
machen und sich für alle meine hier verbrochenen Missetaten in einer Weise
revanchieren, die ihnen und der Leserschaft Anlass zur Genugtuung gibt, man
wird sehen. Aber vorläufig. Vorläufig picke ich auf diese Kolumne einfach einen
Anti-Atomkraft-Kleber, weil die war auch immer schon dagegen, ehrlich.
Anna
hat mich vorgestern dabei betreten, wie ich die Hemden des Langen bügelte. Das
glaube ich jetzt nicht, sagte Anna, du! Männerhemden zu bügeln gilt ja als
Fanal feministischer Bankrotterklärung und Selbstaufgabe. Dazu ist allerdings
folgendes zu sagen: Das mit den Hemden ist ein klarer und für mich überaus
vorteilhafter Deal. Ich bügle immer wieder ein paar Hemden und muss dafür immer
nie mit dem Fußball-Mimi zum Fußball-Training, wo man, wie ich vom Langen höre,
bei diffusem Licht und ebensolchen Gerüchen in einer traurigen, kalten Halle am
anderen Ende Wiens zwei praktisch unerträgliche Stunden zu erleiden hat. Ich
glaube der Langeschen Drastik selbstverständlich nicht, hüte mich aber, zu
widersprechen, da der Lange sonst noch auf die Idee kommen könnte, ich sollte
das einmal ausprobieren.
Und
ehrlich, lieber bügle ich zwei Stunden lang Hemden und höre währenddessen
Wolfram Berger dabei zu, wie er mir den "Mann ohne Eigenschaften" vorliest, als
dass ich ebensolange meinem Bubenmädchen dabei zusehe, wie es die Gemeinheiten
einiger Blöd-Buben pariert. Das Bubenmimi zeigt nämlich in seiner
Gender-Indifferenz beeindruckende Sturheit, allerdings wird es allmählich härter,
da die Buben in diesem Alter eine Tendenz zu markanter Deppertheit zeigen und
zu einem ausgeprägten Willen, diese an vermeintlich Schwächeren auszuleben.
Gut, die Mädchen sind auch deppert, aber wenn einmal eins versucht, sich der
schon im Kindergarten verfestigenden Geschlechter-Segregation durch bewusste
Unentschiedenheit zu entziehen, läuft es halt zunehmend Gefahr, sich tüchtig
Gemeinheiten und Demütungen einzufangen. Und es fehlt dem Bubenmimi nun einmal
das Testosteron, das es einem Kind offenbar ermöglicht, sich gegen dergleichen
Grobheiten angemessen zu wehren. Was das Bubenmimi bislang allerdings nicht von
seinem Weg abbringt, es will sich immer noch nicht vorstellen müssen, einst
eine Frau zu sein und dankt schon jetzt dem Schicksalsgen, das alle Frauen in
meiner Familie brustfleischmäßig entschieden untervorteilte. Allerdings wird
dennoch irgendwann der Sommer kommen, wo das Kind in schlabbrigen
Bubenbadehosen nicht mehr sittlich korrekt gekleidet sein wird. Und obwohl der
Lange und ich weiterhin vermeiden, die Angelegenheit zu problematisieren,
hoffen wir doch heimlich, dass das Kind sich bis dahin mit seinem
Gender-Schicksal angefreundet haben wird, also, soweit als notwendig. Es muss
ja nicht gleich Hemden bügeln wollen.
Die drohenden Bikini-Saison,
bei dem Weg... Ich musste feststellen, dass die Schlank-im-Schlaf-Diät nur
funktioniert, wenn man auch im wachen Zustand ein paar Regeln einhält. Und,
genau, ich bin jetzt doch wieder auf Facebook, wo man mit Fotos super lügen
kann, und bevor es mir das jemand unterstellt: es dient praktisch ausschließlich
der schamlosen Selbstvermarktung. Andererseits: das tut es ja immer.
Es ist ein schöner Unterschied zwischen Demokratien und Diktaturen, dass in Demokratien die Bürger ihre Meinung sagen dürfen. Man muss in Österreich nicht um sein Leben bangen, wenn man Kritik an Vorgängen und Zuständen übt. Man muss nur damit rechnen, dass man vollends ignoriert wird. Oder dass man, wie es ULP praktiziert, so lange abgewimmelt, vertröstet und desinformiert wird, bis selbst die renitenteste Kundschaft irgendwann entmutigt aufgibt. ULP setzt beim Kundenservice auf die Hotline-Abschreckungsmethode, die vorsieht, dass man wenige, allgemeine Informationen und viele Beschwichtungsformeln auf viele unzuständige Mitarbeiter verteilt, die dafür bezahlt werden, die Konsumentenwut abzufangen, zu dämpfen und in Resignation umzuwandeln. Wir wollen nicht ausschließen, dass einzelne Beschwerden ihr Ziel erreichen - aber je öfter man sich an die Servicestelle wendet, desto weniger glaubt man daran; und desto eher unterlässt man es beim nächsten Mal. Womit ULP ihr Ziel erreicht hat. Die Regierung verfährt anders. Wenn man sich, wie das mittlerweile 13.000 ÖsterreicherInnen getan haben, per Mail an die MinisterInnen gegen, zB, die geplante Verschärfung des Fremdenrechts ausspricht, kann es, wie berichtet, vorkommen, dass man (etwa von den Büros der Ministerinnen Bures und Fekter) darüber informiert wird, dass das Mail ungelesen gelöscht wurde. Man gibt den Untertanen also zu verstehen, dass einem ihre Kritik komplett powidl ist. Diese skandalös selbstherrliche Arroganz verfolgt natürlich den selben Zweck: Die Leute davon abzuhalten, ihre lästige, den Betrieb aufhaltende Meinung öfter kundzutun. Und das sollte, da wie dort, nicht gelingen.
Wie ich letztes Mal im rhiz aufgelegt habe, habe ich dem Roland gesagt, was ich schon länger sagen wollte, ich sagte, Roland, man muss da hinten beim DJ-Pult einen kleinen Scheinwerfer installieren, kein Schwein kann da was sehen. Zum Beispiel die Aufschriften auf den CDs. Der Roland hat gegrinst und das Licht ein bisschen aufgedreht, so dass ich, wenn ich die CD ungefähr einen Meter von den Augen weggehalten habe, so circa erkennen konnte, was da steht und nur fünf- oder sechsmal etwas ganz anderes gespielt habe, als ich eigentlich wollte. Es sieht nicht gut aus, wenn ein DJ ununterbrochen mit zusammengekniffenen Augen einen Meter entfernte CDs fokussiert. Es ist auch nicht hilfreich, wenn man die Ingredienzenliste auf der Wurst nicht mehr lesen kann oder die Aufschrift auf dem Shampoo, und wenn einem beim Bücherlesen permanent die Schrift vor den Augen verschwimmt. Und ich bin auch nicht damit einverstanden, dass jetzt in jeder Lampe in der Wohnung 150-Watt-Birnen eingeschraubt werden, wie es der Lange angefangen hat, der auch nicht mehr gut sieht, aber einfach behauptet, es sei hier und überall sonst viel zu dunkel, und das geisteskranke Verbot richtiger Glühbirnen sei daran Schuld, dass jetzt in ganz Europa die Menschen nicht mehr lesen können, man brauche sich über die Pisa-Ergebnisse überhaupt nicht zu wundern. Ich habe gesagt, du brauchst eine Lesebrille. Der Lange, der die Schriftgröße auf seinem Notebook auf 24 eingestellt hat, sagte, es ist hier nur zu dunkel, kauf dir doch selber eine Brille.
Das habe ich gemacht. Ich bin in das Brillengeschäft in der Neubaugasse gegangen und ließ einen Sehtest durchführen, der Optiker hat mir so ein Gestell aufgesetzt und Linsen davor gehalten, bis ich die kleinen projizierten Schriften wieder erkennen konnte. Wissen Sie, was sie einem dort zuletzt vor den Nase halten, um zu testen, ob man jetzt wieder in der Lage ist, die ophtalmologischen Herausforderungen des Alltags zu meistern? Das Falter-Programm. Denn die Fähigkeit, das Falter-Programm lesen zu können, scheidet die Jungen von den Alten und die Sehenden von den Nudelaugen. Ich habe das Falter-Programm seit Jahren nicht gelesen, aus dem schlichten Grund, dass ich nicht konnte. Ich hatte seit ewig keine Ahnung mehr, was in Wien so los ist. Meine neue Lesebrille heißt Erwin, und jetzt habe ich wieder.
Sonst war die Woche von großer Ereignislosigkeit geprägt, außer, dass ich, da ich ja jetzt das Kinoprogramm wieder entziffern kann, mit einer Freundin in "Black Swan" war und das darin transportierte Frauenbild überhaupt nicht packte, und am Schluss haben wir, mitten in die betroppetzte, nur von Schluchzern unterbrochene Stille hinein, laut losgeprustet. Und außer dass ich mich vermutlich nie daran gewöhnen werde, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden, weil gerade die Polizei durchs Schlafzimmer marschiert. Wird schon noch.
So wie es ausschaut werde ich heute Abend etwas tun, das sowohl mit meiner Natur als auch mit meinen Prinzipien üblicherweise kein sehr harmonisches Verhältnis am Laufen hat und vermutlich auch künftig nicht haben wird: Ich werde im Rahmen einer Theaterproduktion auf einer Theaterbühne stehen. Natürlich habe ich die Hosen bis übern Bund voll und bereue schon seit Tagen bitterlich, dass ich mich dazu habe überreden lassen.
Ach was, man musste mich nicht einmal überreden. Harald Posch von der Garage X sagte einfach nur: Schorsch Kamerun will dich. Und ich sagte: Bin schon da, wann, wo? Weil: Schorsch Kamerun. Schorsch Kamerun, von Goldenen Zitronen, wers nicht weiß, habe ich ja sehr gern . Immer schon gehabt. Schätze ich außerordentlich, ist einer dieser richtig guten Männer, von denen es irgendwie nie genug gibt: gescheit, streitbar, kreativ, laut, mutig. Wobei ich insgeheim natürlich nicht ganz verstehe, wie sich so einer mit dem Theater einlassen kann, aber wenn es Kamerun tut, kann es wohl nicht ganz verreckt sein. Und außerdem bin ich allmählich geneigt, Annas Wording zu folgen, dass meine Probleme mit dem Theater MEINE Probleme seien und nicht die des Theaters. Obwohl. Ganz überzeugt bin ich davon nicht, und soviel ich weiß, hat sich Anna in den letzten Wochen aus mehreren hochgelobten Aufführungen heimlich geschlichen und mir aus anderen, aus denen es sich nicht heimlich schleichen ließ, SMSe des Inhalts "Ich stähärbäääää!" geschickt. Es ist also auch Annas Affäre mit dem Theater nicht mehr ganz so verschmust und frei von Friktionen wie einst. Was meinereiner einerseits einen hochbefriedigten Händerieb verschafft, mich andererseits aber trotzdem nicht daran hinderte, meine Partizipation an dieser Kamerun-Produktion völlig gedankenlos zu versprechen. Fehler, Fehler, Fehler. Fehler!
Denn es hieß, es gehe um die Teilnahme an einer Jury und Popkultur und vergebliche Versuche, und das kann ich alles so einigermaßen. Allerdings ging es in der ersten Besprechung auch darum, ob ich dabei ein Kostüm tragen würdemüssesolle, und da stieß ich gleich brutal an die Grenzen meiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Vergeblichkeit. Mich kann man ja schon mit den verhaltendsten Andeutungen völlig harmloser Dress Codes von Feierlichkeiten fernhalten: Ich soll mich verkleiden? Sorry, geht GAR nicht, sucht euch gefälligst einen andern Gast. Ich weiß auch nicht warum, vielleicht hat man mich als Kind einmal zu oft in ein Clownkostüm gesteckt, ich weiß auch nicht.
Die Chancen, dass ich heute auf der Bühne der Garage X einen pipifeinen Nervenzusammenbruch erleide, stehen also nicht schlecht. Wenn Sie auf derlei gut verzichten können, schauen Sie sich Kameruns Stück lieber morgen oder übermorgen an. Da bin ich schon in der Geschlossenen.
Schorsch Kamerun: Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur. Garage X, Petersplatz 1, 12., 13. und 14. Mai, 20 Uhr.
Jetzt habe ich 60 Stunden nicht geraucht, drei komplette Aufwachphasen ohne die je drei Aufwachzigaretten überstanden; die Rauchentwöhnung ist also so gut wie vollbracht. Und es war, wie ich prophezeit hatte, kollossal hilfreich, sie unter mütterlicher Aufsicht durchzuführen, denn wenn meine Mutter sagt „wie kann man nur?“, dann will man das, was man nur kann, zuverlässig lieber so schnell wie möglich nicht mehr können.
Was sich auch abseits des Nikotinentzugs wieder zeigte: Man glaubt nur, man habe bestimmte Alltags- und Kulturtechniken längst soweit perfektioniert, dass ein relativ unfallfreies und gesetzestreues Überleben in Stadt und am Land möglich ist. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Tätigkeit, die nicht massiv verbesserungswürdig wäre, kaum einen Handgriff, den man nicht sehr viel effizienter durchführen könnte. Dabei sind die meinen wirklich vorbildliche, offene, unübergriffige Eltern. Solange ihre Kinder glücklich sind, mischen sich diese Eltern nie in deren große Lebensentwürfe ein, selbst wenn die Weltanschauungsübereinstimmung ganz nahe an der Nullline herumhoppelt. Über die elementaren Ideologie-Differenzen können sie in gelassenster Großzügigkeit hinwegsehen. Über praktische Defizite nicht.
So wie letzte Woche der Lange auf der Gartenbank saß und dem Gras beim Wachsen zusah, sitzt jetzt meine Mutter auf der Gartenbank und sieht ihrer Tochter beim Rasenmähen zu. Also, sie sieht nicht zu, und zwar sehr aufdringlich nicht. Offiziell liest sie Arno Geiger. Inoffiziell beäugt sie mich, und zwar so lange, bis ich den Rasenmäher abstelle und sage: Was!!!
Ich will dir nicht dreinreden!, sagte meine Mutter.
Was, Mutter, sage ich, werde es los.
Ich will mich wirklich nicht einmischen, sagt meine Mutter, aber tätest du dir nicht leichter, wenn du nicht über das schon gemähte Gras drübermähst? Und wenn du das Ding da an der Seite vom Rasenmäher abmontierst, da verstopft sich ja immer das Gras darin.
Und sie hat natürlich recht, und trotzdem oder gerade deshalb will ich die Hauswand hochgehen, weil egal, wie lange man brav bewiesen hat, dass man den Titel „erwachsen“ mit Fug und Berechtigung trägt: Kaum sitzt die Mutter auf der Gartenbank, weiß man wieder, dass man es nicht tut: Man ist nur eine Betrügerin, man hat das Erwachsensein nur vorgetäuscht und jetzt wurde man erwischt.
Und es erwischt einen nicht nur Mutter, sondern auch das eigene Kind, das bei meiner moralischen Demontage etwas subtiler vorgeht, indem es seit neuestem ansprechende, kleine Geschichten verfasst, an deren Ende immer zuverlässig die Mutter stirbt: entweder aus Gram über den Tod ihrer aufgrund mütterlicher Vernachlässigung tragisch verreckten Kinder und/oder weil sie zuviel Algahol getrunken und Tschigg geraucht hat. Ja, ich weiß, dass mir das zu denken geben sollte. Immerhin, ich rauche jetzt nicht mehr.
Verzeihung, es geht gerade nicht. Ich muss den Kaffee aufwischen, den ich eben über meinen ganzen Kramuri geschüttet habe, zwei Kolumnen schreiben und dann mit den Mimis zum Zahnarzt und mich vom Zahnarzt schief anschauen lassen, weil mit dem einen Zahn von dem einen Kind ist eindeutig was, und der Zahnarzt wird garantiert erkennen, dass das schon länger ist. Auch wenn die Mutter schwören wird, das sei erst vor ein paar Tagen passiert, was gelogen sein wird. Jaaaa! Meine Schuld! Ich weiß! Aber was soll ich denn noch alles schaffen?? Arbeiten, kochen, Laudatio halten, auflegen, arbeiten, Kinder antreiben, Salat pflanzen, Radieschen säen, Gästebetten beziehen, Kinderfahrräder ersteigern, Mitteilungshefte lesen, Termine ausmachen, hässige Mails mit gelassener Gutmütigkeit beantworten, rauchen aufhören, die Hängematte flicken, aufräumen, gelassen sein, den Installateur anrufen, den Strom zahlen, Schiefer ziehen, Kind trösten, arbeiten, Steuern zahlen, eine gute Mutter sein, eine gute Lebensgefährtin sein, eine gute Freundin sein, nett sein, Kaffee aufwischen: Ja, ich schaff das eh alles!! Irgendwie!! Jetzt bis auf das mit dem Rauchen. Das mach ich dann nächstes Wochenende, unter dem traurigen, sorgenvollen Blick meiner Mutter, der hilft in manchen Situationen immer noch am besten.
Immerhin: Das mit der Laudatio war fein. Also, der zugehörige Anlass, weil mein Lebenswirt, der Herb Molin, das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen hat. Und mit was? Mit Recht. Viele Leute waren da und danach saßen die ganzen Nachteulen aus dem rhiz mit riesigen Sonnenbrillen am Maria-Treu-Platz, aßen Pizza und bekamen Sonnenbrand. Es war ein bisschen, wie wenn die Vampire in Rimini Urlaub machen. Nett war es.
Und der Lange? Ach, der Lange. Wie ich gesagt habe. Nein, nicht ganz. Er hat mit dem Positiv-Denken nicht wieder aufgehört, er hat es diversifiziert. Er denkt jetzt spartenspezifisch positiv. Also, einerseits schimpft er wieder ganz normal. Andererseits sitzt er auf der Gartenbank, schaut in die Wiese, sieht, wie hoch das Gras steht und sagt: Der Rasen sollte dringend gemäht werden. Aber er lässt sich von derlei banalen Widrigkeiten nicht mehr belasten, soweit hat er den Glauben an die Kraft des Optimismus schon verinnerlicht. Er denkt jetzt positiv, dass der Rasen, wenn man nur mit radikaler, Richard-Fordscher-Gelassenheit daran glaubt, schon gemäht werden wird. Dass alles ganz von selber gut wird. Und das wird es auch, weil der Lange fährt jetzt erst einmal zehn Tage weg, und wenn er zurückkommt, wird vermutlich jemand den Rasen gemäht haben. Für den Erheiterungsprozess des Langen ist das natürlich gut, weil es gezeigt haben wird, dass das positive Denken zu konkreten, begrüßenswerten Resultaten führt. Für mich ist es schlecht, weil ich es getan haben werde. Aber ich mache das schon, jaja, ich schaff das irgendwie.
Das war pädagogisch eher bedenklich. Gebe ich unumwunden zu. Ich habe auch gleich die Hortbetreuerin angerufen und gesagt, bevor du es von den Kindern erfährst, ich gestehe alles. Denn damit die Kinder uns nicht zwingen, am Sonntag in aller Herrgottsfrühe nach Wien hineinzufahren, damit sie beim Marathon einen Kilometer im Pulk laufen und dann eine Medaille abgreifen können, haben wir mit ihnen einen Deal gemacht: Ihr verzichtet auf den Marathon, wir bleiben im Waldviertel, und ihr bekommt dafür diese Nintendo-Speicherkarte, wegen der ihr uns permanent auf den Sack geht. Mit 25 Spielen darauf. Die Kinder haben gesagt: okay. So macht man das als echter Pharisäer: Man predigt Kinder-Bewegung und drängt ihnen dann ersatzweise etwas auf, bei dem sie blöd herumsitzen und fett und deppert werden. Bekannte mit frischen Säuglingen erklären mir, dass ihr Kind aber garantiert nie einen Nintendo bekommt, aber erstens kann das Baby halt noch nicht widersprechen, und zweitens halte ich das, ja, sogar für möglich, aber nur weil es in sieben Jahren wesentlich geileres Computer-Verblödungszeugs geben und der Nintendo dann im Subotron-Shop als Antiquität verkauft werden wird.
Das Ergebnis war, dass mich das eine Mimi am Samstag um zehn nach sechs geweckt hat, damit ich die Nintendos herausgebe. Ich musste ihm drohen, dass es das Ding bis Weihnachten nicht mehr zu sehen bekommt, wenn es das noch einmal macht, und so konnte ich am Sonntag bis sieben Uhr ausschlafen. Aber bitte. Man muss das positiv sehen. Ich weiß im Moment gerade nicht wie, aber ich kann jetzt nicht plötzlich mit negativer Weltsicht kommen, wo ich den Langen eben erst dazu überredet habe, das Leben auch einmal ein bisschen positiver zu betrachten, es sei wahrlich nicht immer alles so geschissen, wie er es immer sehe!, man müsse nicht immer schimpfen!, man könne das auch anders betrachten, freundlicher! Worauf der Lange jetzt tatsächlich positiv denkt, und zwar auf eine so radikale Weise, dass ich mir heimlich wünsche, er möge wieder zu seinem alten Grumpyismus zurückfinden.
Der Lange findet jetzt alles total super. Und er lächelt nun manchmal, das macht mich extrem nervös. Das passt nicht zum Langen, dieses Lächeln. Ich bin es nicht gewohnt, die Zähne des Langen außerhalb der Essenszeiten zu Gesicht zu bekommen. Er schreibt jetzt von Orten, von denen er gewöhnlich Ich-wäre-eigentlich-lieber-tot-als-hier-SMSe schickt, Botschaften mit Inhalten wie: es ist wunderbar hier. man muss nur auf die menschen zugehen, das ist das geheimnis. Und ja! Das finde ich wirklich! Ich glaube an Freundlichkeit und die Kraft ihrer Potenzierung! Aber wenn es vom Langen kommt, ist es irgendwie spooky. Andererseits glaube ich eh nicht, dass es anhält. Ich gebe ihm eine Woche, dann ist er wieder der Alte. Acht Tage, neun höchstens, dann schimpft er wieder ganz normal.
Am Donnerstag hat mich die Hausverwaltung angerufen: Ob bei uns zufällig eingebrochen worden sei, unten bei der Haustür sei die Scheibe neben dem Türknauf eingeschlagen worden, die WEGA sei bereits alarmiert. Das ist... Das ist saudeppert, weil die Koinzidenz es will, dass mir der Lange abends zuvor berichtet hat, er habe beim Heimkommen irrtümlich eine Scheibe an der Haustür eingedrückt, und jajaja, er werde die Hausverwaltung umgehend, sofort und gleich informieren. Eine Aufgabe, die nun an mir pickt, und die ich bravourös mit vielen Ähs, Öhs und Entschuldigen’S manage. Ich erledige auch den kurz darauf via Haussprech-Anlage einlangenden Auftrag, über die die Nachbarin freundlich anfragt, ob wir, wenn wir schon das ganze Haus in Einbruchspanik versetzen, wenigstens bitte die Scherben zammkehren könnten. Sicher. Können wir. Kann ich. Ich meine, ein normaler Mensch, der irrtümlich eine Scheibe im Haus einschlägt, würde danach wieder hinuntergehen und das Gescherbs entfernen. Aber.
Man kann ersatzweise auch zweimal drübersteigen, und damit unseren Ruf als beliebteste Hausbewohner zementieren. Wir sind die, die bei der Balkonwässerung Hauswände, offene Fenster und ungünstig geparkte Cabrios mitgießen. Wir sind die, in deren Stockwerk aufgrund nachlässig geschlossener Lift-Türen immer der Aufzug steckt. Wir sind die, die den Aufzug ruinieren, in dem wir widerrechtlich das Wochenend-Gepäck damit hinunterfahren lassen, worauf dieses zwischen zwei Stockwerken umkippt, worauf der Lift stecken bleibt, worauf der Wochenend-Aufzugsnotdienst undsofort. Wir sind die, die immer vergessene Schlüssel vom Balkon werfen, die dann nicht in unserem Besitz befindliche Autodächer eindellen; die Cabrios parken in so einem Fall zuverlässig woanders. Wir sind die, die dafür verantwortlich sind, dass in allen Blumenkisteln des Hauses nur noch Löwenmäuler in allen Farben blühen. Wir sind die, die morgens um halbacht alle, die das noch nicht sind, wach machen, weil sich Erziehungsberechtige und Kinder durchs Treppenhaus noch etwas nach- beziehungsweise retourzubrüllen haben. Wir sind die, vor deren Tür sich ein Berg aus kaputten Elektrogeräten, ausrangierten Regalen, alten Rollern und zu klein gewordenen Kindergummistiefeln auftürmt, was, wie ich der Nachbarin mit mäßigem Erfolg klarzumachen versuche, Einbrecher keineswegs anlocke, sondern final abschrecke.
Insofern ist es überaus bedauerlich, dass die zwei Depperten aus dem dritten Stock letztes Jahr ausgezogen sind und durch eine dezente, freundliche und ordentliche Familie ersetzt wurden, die, anders als die zwei Depperten, nicht beim Kochen einschläft, nie die Tschick auf der Stiege austritt, nie nicht grüßt und nie nachts betrunken durchs Treppenhaus marodiert. Jetzt hängt es an uns, die allgemeine Lebensqualität im Haus konsequent zu nivellieren. Und, yo, wir schaffen das.
Das Landleben wird kurz unterbrochen. Wir müssen jetzt (was natürlich längst Geschichte ist, wenn Sie das lesen), aber wir müssen jetzt zum Fehlfarben-Konzert. Der Lange würde lieber am Land bleiben und die Fehlfarben ausnahmsweise auslassen, er hat sie schon öfter gesehen. Aber ich noch nicht. Mir gefallen ja die Fehlfarben erst seit den letzten zwei Alben so richtig; ja, sicher, ich respektiere die immense Bedeutung der frühen Fehlfarben für die deutsche Pop- und Dichtkunst, aber die späten Politdisko-Fehlfarben sind mir inhaltlich und musikalisch eindeutig näher. Vor allem das Konzept des mistantropen exjungen Herrn, das Peter Hein auch in seiner Freizeit mit viel Leben erfüllt, das irgendwie auch meinen generationstypisch schrumpelnden Optimismus-Quotienten legitimiert.
Obwohl, stimmt so nicht. Tatsächlich hat mein vor einiger Zeit gefasster Entscheid, in heiterer Gelassenheit und, zur Vorbeugung von böse-Hexe-Falten, mit stets nach oben zeigenden Mundwinkeln durchs Dasein zu schwingen, durchaus Fakten geschaffen, dieses amateurbuddihstische Tralala wirkt ja manchmal tatsächlich. Er wird nur durch die Kinder, deren Mundwinkel derzeit fast ständig vertikal abwärts weisen, starken Erschütterungen ausgesetzt. Permanent wird man brutal aus seinen heiter-gelassenen Gedankengängen geschupft, z. B. von einem Kind, das zornigen Antlitzes dazu auffordert, gefälligst etwas suchen zu gehen, das genau vor seiner Nase liegt oder endlich einmal etwas zu kochen, das die Würde eines Kindes nicht verletzt. Das torpediert meine edlen Vorsätze und begünstigt meine Heinisierung, noch ein Grund, kurz aus der österlichen Landidylle zu desertieren, also das arschkalte Waldviertel und seine der nationalen Grünwerdung tüchtig nachhatschende Natur gegen die blühende Großstadt einzutauschen. Denn dort auf der Post sollte das von den Kindern seit Monaten bestellte Ostergeschenk liegen, ohne das der Osterhase besser nicht in unserer Wiese aufkreuzen sollte: die aktuelle Verwirrung der Spielzeugindustrie, in China von kleinen Kinderhänden aus vergifteten Weichmachern hergestellte Wackelkopftierchen, und falls Sie nicht wissen, was das jetzt wieder sein soll, fragen Sie nicht, denn entweder lernen Sie es eh noch von Ihrer Brut, und das wird früh genug sein, oder es gehört zu jenen Erfahrungen, wo es voll ok ist, wenn man sie nicht macht.
Während der Lange und ich den Abend bei den Fehlfarben verjuxen, bleiben unsere Gäste mit den Mimis am Land. Die Gäste haben drei Buben und durften kürzlich erleben, wie zwei davon im Nebenzimmer grundlos christliche Ostergesänge anstimmten. Mutter und Vater erkannten schockiert: Mein Gott, wir ziehen die Flanders groß. Wo ich sage: Ein bisschen mehr gütelnde Flanderei würde mich bei meiner Brut momentan nicht beunruhigen. Peter Hein ist in Wirklichkeit übrigens auch total nett.
Muss heute Büsche galore besorgen und eilends einpflanzen. Der nachbarliche Rohbau tut mir in den Augen weh. Sind nette Menschen, die Rohbauer, und wir schauen ihnen jetzt schon das dritte Jahr zu, wie sie Wochenende für Wochenende je drei Ziegel aufmauern und dann pro Ziegel erschöpft je zwei Bier trinken. Andere Nachbarn haben erzählt, die Rohbauer planten, ihr Haus fertig zu haben, wenn sie in Pension gehen, und die Rohbauer sind etwa in unserem Alter und arbeiten, soweit mir bekannt ist, nicht bei Post und Bundesbahn. Muss also Büsche besorgen. Wir suchten gestern abend, nach dem Essen bei Horwaths, in den Horwathschen Baumbüchern nach dichten, schnellwachsenden Bäumen, und Pfirsich, Kirsche, Zwetschke leider nein. Holunder und Haselnüsse, das wirds.
Man ist wieder am Land. Die Kinder hämmern zufrieden Nägel in Bretter. Der Lange verdaute schnell die schöne Hilde-Party, die noch schöner gewesen wäre, wenn wir nicht aufgelegt hätten. No more, absofuckinglutely no more Party-DJing. Ich hatte dem Hilde-Mann gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist, ich habe noch die Mails, in denen ich ihm erklärte, dass das nicht funktioniert, denn auch wenn er und die Hilde hundert Mal sagen, dass wir spielen können, was uns Spaß macht: Die Gäste von so einer Party sehen das nie so, für die bist du Personal, das genau das zu spielen hat, zu dem sie gern tanzen, was immer irgendetwas aus den Achtziger Jahren ist, zu dem sie letztes Mal so geil getanzt haben. Und auf dieser Party gab es ein paar Gäste, äh, ja.
Also, ich gab nach fünf Nummern auf und übergab an den Langen, der das normal besser drauf hat mit der Tanzmusik. Und der hätte einfach auch nach fünf Nummern aufgeben sollen, aber der Lange ist ein sturer Hund, der sich von blonden Mauserln nicht sagen lässt, was er zu tun hat. Bald konnte ich von der Bar aus beobachten, wie der Lange und der Freund von der Blonden über das DJ-Pult hinweg ein einschlägiges Gespräch führten. Mit so nach hinten gereckten Fäusten, Nase an Nase, wo man sich denkt: ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut. Der Lange hatte der Blonden wohl nach ihrem fünften spiel-gefälligst-Auftritt gesagt, sie möge sich schleichen. Der Freund von der Blonden hatte dem Langen wohl gesagt, so rede er aber nicht mit seiner Freundin. Der Lange hatte dem Freund wohl gesagt, und er schleiche sich bitte gleich mit etcetera etcetera. Daraus lernen wir dreierlei: Erstens, ich bin ein Sitzmusik-DJ, zweitens der Lange auch, drittens man bleibt am besten immer in seinem eigenen kleinen Biotop mit seinen eigenen Leuten, die auf solche Ideen gar nicht kommen. Natürlich macht man sich so keine Freunde, aber: brauchen wir auch nicht. Die paar, die uns aushalten, haben wir schon; die Hilde ist uns, glaub ich, eh nicht mehr bös, und da kommt schon der Horwath, und, schau, er hat einen Busch unterm Arm.
Man muss die Dinge genau so lange liegen lassen, bis man vor Angst kurz vor dem Herzinfarkt steht und keine Nacht mehr durchschläft. Die Angst muss einem auf der Seele liegen und auf den Magen schlagen. Der Selbsthass muss einem bis einen Millimeter unter den Nasenlöchern stehen. Praktisch ist, wenn man in so einem Fall über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt, die einen gelehrt hat, dass es dann, unmittelbar bevor man mit einer Panik-Attacke eingeliefert wird, auf einmal geht. Darauf vertraue ich jetzt erst einmal. Das große, das zukunftsweisende Projekt wurde projektiert, dingfest gemacht und auch letzte Woche wieder offensiv vertrödelt, ist ja noch Zeit. Der Selbsthass steht auch erst knapp bei den Brustwarzen, das reicht nicht, das ist für einen kreativen Schub noch lang nicht genug, da geht noch was.
Das kleinere Projekt dagegen ist so gut wie im Kasten, nur eins der Mimis, die dafür je zwei völlig unschuldige Körperteile für ein Buch-Cover in eine Kamera halten sollten, ist jetzt doch nicht bereit, bei dem Unsinn mitzumachen. Sicher nicht, such dir ein anderes Kind. Will ich nicht, ich brauch dich. Nein. Du kriegst einen Euro. Hahaha. Drei Euro. Nein. Fünf! Trotzdem nicht. Aber der Fotograf hat schon gaaanz berühmte Leute fotografiert, zum Beispiel die Christina Stürmer und den Bundespräsidenten! Mir wurscht. Du machst da mit, Herrschaftszeiten! Nein.
Ich werde Anna auf das Mimi ansetzen müssen, von Anna fühlt das Kind sich verstanden, ganz anders als von seiner blöden Mutter, die immer nur herumkeppelt, einen zum Essen, zum Baden und zum Schlafen zwingt, einen in der Früh aus dem Traum reißt, nie mit einem das "Frühlingsfest der Volksmusik" anschaut und einem nicht einmal Geschenke mitbringt, wenn sie verreist. Dabei ist es ein klares Geburtsrecht jedes Kindes, dass Eltern, die mit Koffern das Haus verlassen, mit Geschenken wiederzukommen haben. Das ist ein DJ-Koffer, Schatzl, ich verreise nicht, ich lege nur im phil auf. Es ist ein Koffer, bring mir was mit. Anna bringt mir auch immer was mit.
Anna wird das machen, das mit der Fotosache, das ist sie mir auch schuldig, wenn sie schon unbedingt ihre perverse Veranlagung an den Mimis ausleben muss. Denn Anna schaut so gern das Dingsfest der Volksmusik, aber sie schaut es nicht gern allein, und außer den Mimis, die sich alles anschauen, solange es nicht gruselig ist, macht das ja keiner mit. Ich habe versucht, den Kindern zu erklären, dass das aber wohl gruselig ist, Entschuldigung, das ist womöglich das Gruseligste, was das Fernsehen überhaupt zu bieten hat, aber ich finde wie stets kein Gehör. Und in Anna diesmal keine Komplizin, sondern darf mir jetzt 24/7 volkstümliche Lieder aus Kinderkehlen anhören, Schwerpunkt Liebe im Frühling. Herrlich, vergeltsgott. Dafür regelst du das mit dem Foto, dankeschön, dann bin ich eventuell bereit, das zu verzeihen, e-ven-tu-ell.
Nicht nur die Kirche muss derzeit darüber nachdenken, was man mit Kindern alles nicht tun darf, auch ich. Der Wunsch, mein Kind zu hauen, ist dieser Tage überwältigend. Ich tue es, wie immer, nicht, würde aber sehr gern. Es ist nämlich nicht so, dass Trotzphasen kommen und gehen und irgendwann aufhören, nein, das Kind performt jetzt einen Trotzphasen-Remix mit besonderem Engagement in den hohen Frequenzen. Die, bei denen ich leicht die Beherrschung verliere, was, wie mir einer meiner Psychiater am Samstag bei Wirtens erklärt hat, wahrscheinlich von einem selektiven Hörschaden herkommt: Wenn im Lokal der Geräuschpegel hoch ist, höre ich meinen Gesprächspartner zu wenig, wenn das Kind mich angreint, leider zu viel. Immerhin haben sie uns bei Wirtens das fantastische Abendessen zu Ehren von Horwaths nichtendenwollendem 50er nicht ruiniert, sie waren im Kinderzimmer damit beschäftigt, ihre Strategien im Geschlechterkampf zu verfeinern und Schuhe anzuzünden: nicht meine Wohnung, geht mich nichts an, ich muss mich mit dem Rindfleischsalat, den scharfen Garnelen-Nudeln, dem Steak mit Garnitura Dalmatinska, dem Tiramisu und der Jogurt-Panacotta beschäftigen, ich habe gerade keinen Kopf für etwas anderes.
Und ich war auch zu dankbar, überhaupt endlich stabil an Wirtens Tisch zu sitzen, die Kinder wollten ja zuerst nicht hin. Nachdem sie sich die ganze Woche über bitter beklagt hatten, dass ihre grausamen Eltern ihnen ständig aus purem Egoismus den Kontakt zu anderen Kindern verwehrten, den und die und die und den hätten sie jetzt schon seit ewig, was heißt: seit Jahren praktisch nicht gesehen, NIE führe man sie anderen Kindern zu. Und wie wir am Samstag zu Wirtens und ihren Kindern aufbrechen wollten, erscholl großes Geheul, das sei ja wieder eine spezielle Grausamkeit, einem überarbeiteten, erschöpften Schulkind seine verdiente Wochenend-Freizeit zu rauben, nie könne man sich ausruhen, nie erholen, nie in Ruhe spielen (aka fernsehen), es sei eine unablässige Quälerei. Und nein, man gehe auf keinen Fall mit und ziehe sich jetzt sicher nicht die Schuhe an; überhaupt, was sei das für eine Art der Kommunikation, den ganzen Tag nur Befehle, Befehle, Befehle. Natürlich vernahmen wir, als wir sie um elf bei Wirtens einpackten, das gleiche, nur in anderen Worten, aber da hatte das viele Essen und Trinken meinen selektiven Hörschaden derart verstärkt, dass ich gar nichts mehr hörte.
Der Horwath hatte bei Wirtens zu unser aller Erstaunen die Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler an den Füßen, in die er, gegen alle Prognosen - außer meiner - offenbar sofort nach Überreichung eingezogen ist. Der Horwath sagt, super, alles, was das Leben verlangsame, sei ihm gerade sehr recht. Mein Leben würde derzeit schon von einer partiellen Verleiserung massiv profitieren, und den Kindern ist das wieder einmal komplett powidl.
Drei Wochen lang hatten wir Lazarett. Kind krank, Kind krank, Mutter krank, Kind krank, Kind krank, und jetzt sind die Mimis komplett ruiniert vom Fernsehen. Sie singen und tanzen Werbespots nach, träumen schlecht, haben das Spielen verlernt und zucken wegen jedem Scheiß aus. Die Mutter im Übrigen auch. Die Mutter würde wieder einmal gern ein paar Stunden lang nicht angesprochen werden, von niemandem, einfach nur gar nicht. Nur den Sound of Silence hören, verziert mit paar Geräuschen von der Straße und aus dem Ballkäfig, die mit mir nichts zu tun haben und an denen keine Forderungen und Beschwerden appliziert sind. Wieder ganze Tage nur unter Erwachsenen verbringen, in Ruhe in der Redaktion schreiben, Mittagessen gehen mit dem C. oder dem T. oder der B., dazu Wein trinken, statt Nutella-Brote schmieren und magenschonendes Karottensüppchen nach dem Rezept von Dr. Urban kochen, das dann sowieso abgelehnt wird. Gemoser, den ganzen Tag.
Dieses wurde immerhin am Samstag unterbrochen von Horwaths 50er, im Wetter, sehr nett. Wir schmissen die Kinder in der Ecke auf einen Haufen, warfen Nintendos und Weißwürste mit Ketchup hinterher (die vorbildlich guten Wetter-Menschen haben die Ketchup-Anregung sofort aufgenommen) und konnten so mehrere Stunden ungestört mit Erwachsenendingen verbringen, aka trinken, rauchen, reden und Blut- und Leberwürste vom Metzger Fontain in Dornbirn essen, ohne dass die Kinder dazu Würgegeräusche machten. Das war sehr schön, obwohl das Geschenk für den Horwath nicht rechtzeitig angekommen war, dabei hätte es so gut zu den Würsten gepasst. Und der gute Herr Devich war extra noch am Mittwochnachmittag in Bezau, Bregenzerwald, mit einem Paar wunderhübscher, lammfellgefütterter Rindsfell-Hölzler der Größe 45 zur Post marschiert, wo man es dann genau so lange liegen ließ, dass es dann pünktlich nicht ankommen, sondern erst Montag früh geliefert werden konnte. Danke, liebe Post. Deswegen kann ich auch noch nichts über die Horwathsche Reaktion erzählen, der uns exilierte Xiberger (plus dem Langen) jetzt seit Jahren wegen dem Schuhwerk verlästert, das wir im Waldviertel praktisch ausschließlich an den Füßen tragen. Aber heuer hat ja auch Lagerfeld Holz-Clogs, das überzeugt den Horwath vielleicht von der Sinnhaftigkeit seines Geschenks.
Weil: Was schenkt man einem wie dem Horwath zum Fünfziger? Das Werkzeug, damit er endlich mal eins seiner fetten Sulmtaler mordet, hat er schon gekriegt. Gut: Die Felders schenkten ihm ein Kochbuch mit Hendl-Rezepten, das wird er hoffentlich bald benützten. Er nennt die Hendln jetzt auch schon „Hendln“ und nicht mehr bei ihren Namen, wir waren von Anfang an gegen die Namen, da wird doch das Verhältnis vom Bauern zu seinem Schlachtvieh viel zu intim und vertraulich. Wir halten es für einen Schritt in die richtige Richtung, dass der Horwath dieses Verhältnis jetzt allmählich auf eine prosaischere Ebene herunterschraubt, und hoffen sehr auf Ostern.
Am Tag danach fühlte ich mich wie eine Frau, die nachts zuvor gegen zwei Uhr früh vor der total angesagten Bar 3 in der Linienstraße einen Schwächeanfall erlitten hatte. Immerhin in einem Winkel, in dem ich von Rainald Goetz, der inwendig Bier trank, dabei nicht beobachtet werden konnte. Reverend Tobi Müller, von dem ich mich kurz davor sehr eilig verabschiedet hatte, sah mich auch nicht, und Herr Daniel Schreiber, ein attraktiver Kolumnistenkollege von der Zeitschrift Cicero, hatte die Lokalität dankenswerterweise bereits früher verlassen, so dass er nicht Zeuge des nachlassenden Stehvermögens der Wiener Kreativwirtschaft wurde. Wobei: Anna stand noch.
Ich hatte aber, das kann ich reinen Gewissens notieren, den ganzen Abend nur fünf Weißweinschorlen konsumiert, es lag also nicht daran, dass ich die 14-tägige Phase des selbstgewählten Temperenzlertums mit einem krachenden Exzess beendet hätte. Nein, ich hatte sogar den Hauptteil des besagten Abends in einer feuilletonistisch wertvollen Kulturveranstaltung verbracht und bin jetzt auch Pollesch-Fan. Womit ich mich zugegebenermaßen nicht als Trendsetterin ausweise, denn ohne Zweifel bin ich hiermit der letzte Pollesch-Fan im deutschsprachigen Kulturraum. Alle anderen waren es schon längst, auch Schreiber, mit dem ich bei der anschließenden Nachbesprechung ein bilaterales Erwähnungsabkommen verabschiedete, das von meiner Seite hiermit als erfüllt, wenn nicht übererfüllt betrachtet werden kann.
Ich war - erwähnte ich das schon? – mit Anna in Berlin und wurde postpollesch von einheimischen Szenewizzards in die Karl-Marx-Allee und dort in eine der angesagten Lokalitäten geführt. Das Etablissement nannte sich Freitagsküche und es hieß, der angesagte Münchner Künstler Björn Dahlem koche diesen Abend dort öffentlich, aber als wir hinkamen, wurden wir nur Zeugen des Auftritts eines derart jammervollen Sängers, dass er in Wien auch in einer sehr viel weniger angesagten Lokalität binnen Minuten unter Androhung schwerer Faustwatschen der Bühne verwiesen worden wäre. Aber in Wien ist ja auch das Show-Kochen noch immer out. Berlin und Wien, das lässt sich allerdings irgendwie sowieso nicht vergleichen. Zum Beispiel malen wir in Wien ein Lokal frisch aus, bevor wir es eröffnen und kratzen nicht, wie in Berlin den schönen Putz von den Wänden, legen alle Leitung frei und picken sie mit Gaffa an der Wand fest, damit es mittiger ausschaut. Und wir geben dem Lokal dann auch keinen Namen wie „Kauf dich glücklich“, „Mädchenitaliener“ oder „Lass uns Freunde bleiben“ wie in Mitte und spielen dann ausschließlich Radio-Wien-Musik. Wann haben Sie das letzte Mal Billy Joel gehört? Ich am Sonntag, in einem neuen Mitte-Lokal mit abgeschrabbelten Wänden, das „Mein Haus am See“ heißt. Uncool ist das neue cool. Wir Wiener können von den Berlinern noch viel lernen.
Wir gingen dann in die Bar 3 und hörten Carly Simon. Schön wars. Rainald Goetz ist sehr klein.
Zweimal haben sie diese Woche angerufen, einmal aus der Schule, einmal aus dem Hort: Dem Mimi gehe es nicht gut, das Kind liege blass und still auf einer Bank und sei sichtlich krank, könnte man es in absehbarer Zeit bitte abholen kommen. Sicher kann man, man braucht dazu nur die Erwerbsarbeit zu unterbrechen. Beim zweiten Mal marschierte die Mutter, vorbei an den Hortbetreuerinnen, auf das Kind zu, das blass und still auf einem Sofa lag und sagte: Verdammt noch Mal, du bist nicht krank, ich weiß es genau! Das hat auf die Hortbetreuerinnen, zumal es offenbar neue Frischlingspraktikantinnen waren, gewiss keinen guten Eindruck gemacht. Das Mimi aber nahm sofort Farbe an und sah sich in der Lage, sich zu erheben und Mantel und Schuhe anzuziehen.
Selbstverständlich war es - ich kenne mein Kind - kaum hatten wir die heimischen vier Wände betreten, wieder pumperlgesund und machte ein großzügiges Angebot: Um es Mutter zu ermöglichen, die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, wäre es bereit, sich den Rest des Tages vor den Fernseher zu setzen und sich mit Schokokeksen und Mozartkugeln als Nahrung zu begnügen. Ja, ganz gewiss, sonst noch etwas. Du spielst oder liest, und ich koch dir ein extra gesundes Mittagessen und schnippel dir Obst, auch wenn ich dafür überhaupt keine Zeit habe.
Immerhin: Es war richtig, dieses Mimi in den Schauspielkurs zu schicken, es bringt ideale Voraussetzungen mit, vor allem aber eine Veranlagung zur Hysterie, die es ihm ermöglicht, sich in die Einbildung, es sei krank, so glaubhaft hineinzusteigern, dass es wirklich krank wird. Und auch andere von seinen Einbildungen zu überzeugen, was kürzlich dazu führte, dass ein Übernachtungskind spätabends nach Hause gefahren werden musste, weil das Mimi sich und ihm erfolgreich eingeredet hatte, im Kinderzimmer habe es purgatorische Temperaturen, man verbrenne, schmelze, verglühe, vertrockne und ersticke. Die Kinder liefen nackt und hysterisch heulend durch die Wohnung und schrien; diese Hitze!, sie verbrennten!, und niemand – NIEMAND! - hülfe ihnen!, und es hatte nicht den geringsten Sinn, auf das Thermometer zu weisen, das laue 20 Grad Celsius anzeigte. Ob man denn die Glut nicht spüre?!? Man verbrenne, man verbrenne.
Das hat es genauso wenig von mir wie das andere Mimi das im Skilager von Experten diagnostizierte Talent zum skifahren: Es gewann auch sofort das Rennen seiner Gruppe. Und es ist eine typisch revanchistische Finte des Schicksals, dass meine Kinder genau in jenen Bereichen ausgeprägte Begabungen zeigen, die mir relativ stark am Arsch vorbei gehen. Wenngleich sich mein Verhältnis zum Theater in letzter Zeit vorsichtig entspannt hat, was vor allem an Ewald Palmetshofer liegt, aber kann der auch so skifahren, dass es mir mit einem Mal reizvoll erscheint? Das glaube ich nicht. Dennoch will ich fröhlich sein.
Es hat auch Vorteile, wenn die Kinder weg sind. Also, wenn dieser Scheiß-Bus endlich abgefahren ist. Bis dieser Bus abgefahren ist, mit den Kindern darin, die unununbedingt ins Schilager wollten, aber jetzt ihre Entscheidung schluchzend bereuen, durchläuft man allerdings den puren Höllen-Horror. Ich habe von Vätern gehört, die während dieser zwanzig Minuten final ergrauten. Es war so entsetzlich, dass schließlich mehrere Eltern am Gehsteig auf die Knie fielen und den Busfahrer händeringend anflehten, sein Gefährt endlich in Bewegung zu setzen. BITTTTEEEE! Die Qual ist UNERTRÄGLICH! Und wurde leider dadurch verlängert, dass manche Eltern noch ein achtes Mal in den Bus stiegen, um ihre Kinder zu beruhigen, was selbstredend den gegenteiligen Effekt hatte. Bittebittebitte, ich halt das nicht mehr aus, fahrt endlich! Als der Bus dann um die Ecke war, gaben sich die Eltern High Five und begannen umgehend, die ersten Stationen ihres lange vorbereiteten Halligallis abzuarbeiten. Der Lange und ich zum Beispiel gingen sofort wieder ins Bett, schoben am helllichten Tag GewaltDVDs ins Gerät, bestellten Pizza und Bier und ließen uns so grauslich gehen, wie wir es in der Prä-Mimi-Epoche jedes Wochenende getan hatten.
Leider verließen wir dann in der Dunkelheit noch einmal das Haus. Es hat auch Nachteile, wenn die Kinder weg sind, man geht fahrlässig zu vorher schlecht recherchierten Veranstaltungen und trinkt dort zuviel, anstatt wie gewöhnlich beim „Tatort“ einzuschlafen. Weshalb man anderntags dann müder ist als vorgesehen. Zudem hat der Lange nicht wie üblich um halb acht mit den Kindern das Haus verlassen, sondern liegt um halb neun noch neben einem im Bett und formuliert, während man gerade verzweifelt Kolumnenthemen aus dem Internet kratzt, Sätze wie diesen: „Du kommst mir ein bissl vor wie Elvis in Vegas.“ Ja, dankeschön! So fängt man den Tag gerne an! Kommt zurück, Kinder!
Allerdings war ich auch Elvis in Vegas, als die Mimis noch da waren. Palmetshofer, Heavy Trash und dann auch noch im Schauspielhaus Popismus predigen mit meinem alten Zürcher Nachbarn, Reverend Tobi Müller. Was interessant, aber insofern irritierend war, als wir vor 150 Leuten anfingen und vor 15 aufhörten. Während das Publikum in großen Trauben den Saal verließ, erhielt ich unablässig SMS vom lustigen Fotografen und vom lustigen Verleger, ich solle dalli im Dings erscheinen. Ich smste, ich könne nicht, ich säße auf einer Bühne und verrichte Erwerbsarbeit. „schleich dich runter von der bühne!“, smste der Fotograf, und das hätte ich gerne gemacht, beziehungsweise ich hätte mich gerne sub Bühnenboden verkrochen. Ich bin nicht geschaffen für die Bühne, ich bin lieber Publikum. Als Publikum bin ich, wie die Menschen, die ich beim Heavy-Trash-Konzert im Flex mit Bier beschüttete, bestätigen werden, richtig gut. „Is uuuuuuuu I want!“ Yes, Jon Spencer, yes, yes, yes.
Tatsächlich hat der Lange, glauben Sie es oder nicht, die Lesben von vis a vis kürzlich beim Sex beobachtet, während er zum Fenster hinausrauchte. Die, die nie Pornos schauen. Hat er mir erst nach Lektüre der letzten Kolumne erzählt. Dabei waren, wie immer, die Schlafzimmervorhänge zu, aber einer zufällig im richtigen Winkel offen stehenden Tür und daraus resultierenden Spiegelungen verdankte der Lange eine Sichtung, deren Einzelheiten ich dann nicht so genau wissen wollte. Das Leben imitiert wieder einmal die Kunst; nein, die Kolportage. Sonst habe ich diese Woche nichts zu erzählen, auf Wiedersehen.
Doch, ich habe die Bühnenhemden der Fehlfarben gesehen. Das hat mich merkwürdig berührt. Die Hemden hingen an der Wand eines Ateliers, und ich hätte sie gerne fotografiert, so wie sie da hingen, habe mich aber nicht getraut. Auch nur zu fragen, wäre mir wie ein Sakrileg vorgekommen. Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an, und zwar eine, die erst gemacht wird, wenn die Fehlfarben bald ihr neues Album "Glücksmaschinen" live vorspielen. Ich habe es schon, Peter Hein hat es mir geschenkt. Hein sitzt übrigens heuer in der Jury des Protestsongcontests, was, weil ich mir keinen denken könnte, der dort mit größerer Berechtigung säße, der substantielle Grund ist, warum ich doch auch wieder dort sitze. Obwohl ich mir und jedem, der es hören wollte, ein knappes Jahr lang schwur, dass ich mir das gewiss nicht mehr antue, hundertausendprozentig nicht. Weil, wozu? Damit der junge Mensch mir wieder seinen Mittelfinger präsentieren kann? Ich habe auch andere schöne Hobbies, dankeschön; zum Beispiel backe ich einen ausgezeichneten Kärntner Reinling, und Faschingskostüme für die Kinder sind leider auch wieder zu nähen. Ich könnte dabei die kollossale neue Fehlfarben hören, die mir Peter Hein geschenkt hat, ja.
Beziehungsweise ich würde, wie ich voreilig zugesagt habe, auf die Faschingsparty von der Fischer gehen, gemeinsam mit Anna im knappen Flugbegleiterinnen-Kostümchen, das verpasst die Welt jetzt leider auch, und ich werde stattdessen nach Mitternacht in der Verkleidung eines zart angeflaschelten Protestsongcontestjurymitglieds erscheinen, wenn alle anderen schon lustig sind und ich nur ausgebuht. Ich habe mir den Anschiss von der Fischerin und der Anna schon abgeholt, wobei die Anna nur noch resigniert geseufzt hat: sie wurde jetzt schon wiederholt Opfer meiner nachlässigen Kalenderführungspolitik. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich vergesse, dass am 12. Februar immer und immer am 12. Februar Protestsongkontest im Rabenhof ist, und ich natürlich trotz gegenteiligsten Geschwörs erneut da oben auf meinen Stühlchen sitzen und Punkte vergeben werde, selbstverständlich wie stets an die falschen, jaja. Aber diesmal wird Peter Hein neben mir sitzen, dort in der Politdisko, und das Leben wird die Kunst angrinsen und die Kunst wird zurückgrinsen, und es wird gut sein, ja, es wird.
Jetzt schaue ich abends beim Abwaschen immer Lesbenpornos. Gegenüber sind zwei eindeutig zusammengehörige Damen eingezogen und der Fernseher steht wieder da, wo er schon stand, als noch eine alte Frau dort lebte, die immer Kinderfernsehen sah. Die ist wohl jetzt im Heim, und ich schaue beim Abwaschen immer Lesbenpornos, und brauche fürs Abwaschen eine Stunde. Boah. Da schau. Manchmal komme ich aber gar nicht dazu, weil der Lange eine Stunde lang genau aus diesem Küchenfenster rauchen muss; dabei haben wir einen Balkon, aber nein, dieses Fenster muss es sein.
Gar nicht wahr. Ich wollte nur, wie letztes Mal leichtfertig angekündigt, mehr Sex ins neue Jahr bringen; es wird aber doch wieder nur das Sudern und das Streiten übrigbleiben. In Wahrheit tragen die Lesben von gegenüber immer Jogginghosen und sehen den ganzen Tag amerikanisches Sportfernsehen, ununterbrochen, sogar wenn sie gar nicht zu Hause sind.Sie haben einen Mops, der ist so fett, dass er für den Weg zwischen der Couch und der Tür 18 Sekunden braucht, ich habe einmal mitgezählt, aber nicht während des Abwaschens, sondern während ich darauf wartete, dass das Teewasser kocht. Wir haben eine Spülmaschine, ich wasche eigentlich selten ab. Nur, dass der Lange, das Lulu, aus diesem Fenster raucht, stimmt, was ich total unsportlich finde. Wer rauchen kann, kann auch am Balkon frieren, habe ich bitte fast den ganzen letzten Winter gemacht, bis ich das Rauchen aus div. Gründen wieder aufgab, u.a., weil mich der Lange, der jetzt immer zum Fenster hinaus raucht, mit seinem ständigen Genörgle genervt hat, weil ich schon wieder rauche, hatte ich nicht eben gerade geraucht? Ja. Und?!?
Heuer streiten wir ersatzweise darüber, dass ich zu oft vor dem Computer sitze und sonntags immer arbeite, ja, Entschuldigung, damit verdiene ich nun einmal mein Geld. Und darüber, dass ich abends vor dem Einschlafen keine Filme sehen will, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, eigentlich will ich überhaupt nie mehr Filme sehen, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, weshalb ich auch in Zukunft von dem Wissen ausgeschlossen sein werde, wofür genau Christoph Waltz den Golden Globe bekommen hat. Ich möchte lieber nur noch warmherzige, gutgläubige Filme sehen wie Woody Allens "Whatever works", der sich in jede aufgelegte Pointe schmeißt und sich darin wälzt, wie eine verspielte Sau in einem warmen Schlammloch, was natürlich irgendwie nur bei Woody Allen funktioniert und lustig ist. Und wo am Ende die Schöne den Schönen abkriegt und der Schwule den Schwulen und die Künstlerin zwei Künstler und der Suderant die Nette, und der ist dann sogar so etwas ähnliches wie glücklich.Schön. So will ich das, und natürlich hat der Lange nur gesudert, wie wir wieder aus dem Kino raus sind, kein Geballere nichts, aber ich habe gar nicht hingehört.
Es ist bisher nicht leiser geworden im neuen Jahr. Nicht ruhiger, nicht vernünftiger, nicht gescheiter. War ja aber auch gar nicht vorgesehen. Gab ja keine guten Vorsätze, gar nichts, ein paar Pläne vielleicht, aber mehr auf langfristig angedacht, man muss ja nichts überstürzen jetzt, ne. Ist ja eh noch das ganze Jahr für alles Zeit.
Ich bin allerdings froh, dass ich gerade zwei Staffeln „Californication“ am Stück gesehen habe, was ich als, sagen wir, Jahresleitbild durchaus brauchbar finde: Exzess und Ernsthaftigkeit; Kompromisslosigkeit, Koitus und Commitment. Deppert reden, nett zu seinen Freunden sein, ausdrücklich leben, lieben, eine Meinung pflegen, die Kinder liebhaben. Schreiben, Schwimmen, Suff, Sex, Sinnsuche, Suderei, super Sound und schönes Wetter. (Ich sagte: Leitbild, ich habe nichts von unreflektierter, konvergenter Übernahme gesagt, und, ja sowieso ist die Reihenfolge verhandelbar.) Daneben natürlich Klimaschutz, Alliteration, Nachhaltigkeit, Pingpong, Fekter-Watch, Gemüseanbau, Tartes-Tatin-Bäckerei und weitere Themen, die in „Californication“ eher unterrepräsentiert sind.
Und auch wenn ich unter keinen Umständen in dieses dumme Bobobashen einstimmen werde: es treibt mich derzeit eher ein bissl weg vom Boboistischen, also ich tendiere jetzt mehr Richtung würdelos. Es liegt nämlich, behaupte ich, Stolz in der Würdelosigkeit, das ist kein Paradoxon. Auch wenn, schmecks, sich ein paar Leute aus dem Nichtraucherteil vom Wetter, eh auf lustig, beschweren, dass wir zu laut lachen und brüllen, überhaupt die lautesten seien. Asso, ihr seids das, ist ja typisch! Ja, wir sind das! Und typisch sind wir eigentlich gern, und außerdem kamen gerade alle aus unterschiedlich besinnlichen Weihnachtsferien zurück und müssen jetzt gemeinsam das neue Jahr anschieben, auf dass es allmählich in Gang komme. Es ist viel zu tun! Und, bitte, ich fand, in dieser Gesellschaft an diesem Ort kam es auf hohem Niveau in die Gänge.
Ja. Und erst unlängst habe ich mir beim Sedlacek gedacht: Er ist zwar ziemlich oft ein blödes Arschloch, und manchmal auch ein echt peinlicher, egomanischer Sack, aber er ist zumindest nicht langweilig. Wir waren, das war noch vor Weihnachten, auf einer Party, und draußen vor der Tür standen ein paar relativ unblöde und unarschlochige Männer beieinander, mit denen man sich ja durchaus gern ein wenig unterhalten hat, auf dem Weg zum Klo und retour, aber drinnen, am Tisch und auf der Tanzfläche mit Sedlacek, dem blöden Arschloch, war es um Häuser unlangweiliger. Weil Sedlacek die Kunst beherrscht, sich einen Dreck um sein öffentliches Ansehen und seinen Ruf zu scheren, wenn es die Situation erfordert, was mir, apropos "Californication“, ein überaus sinnvolles Lebenskonzept zu sein scheint: Jetzt gerade auch abseits von Partys, und ich will es mir für 2010 hinter die Ohrwaschl schreiben.
„Wann immer jemand in unserem Haus die Stimme erhebt, wird alles gestoppt, egal was wir gerade machen. Time-Out sage ich. Du hast etwas auf dem Herzen, nimm dir ein paar Minuten und rede mit mir.“
So ist das bei uns nicht. So ist das, jedenfalls berichtete das André Agassi kürzlich dem Kurier, bei den Graf-Agassis in Las Vegas. Wenn in unserem Haus jemand die Stimme erhebt, kommt gleich einer gelaufen und brüllt mit, um auf diese Weise seinen eigenen Ärger über was auch immer loszuwerden. Zu Spitzenzeiten brüllen vier Leute gleichzeitig.
Tagesanbrüche haben eine gute Anlage, Spitzenzeiten zu sein, wobei meistens ich die erste bin, die ihre Stimme erhebt, denn nach all den Jahren kapiert meine Familie noch immer nicht, dass, wer dauerhaft mit mir auskommen will, mich frühmorgends nicht anspricht. Nicht ansingt. Nicht einmal anschaut. Nicht seinen Kakao auf mein Kissen schüttet. Sich nicht darüber beschwert, dass in seinem Adventkalendersackerl schon wieder die ganz falschen Pickerl drin waren. Von mir keinen launigen Kommentar zu dieser abseitigen Zeitungsmeldung oder zur Lage der Nation erwartet. Mich nicht aus der Dusche holt, um mir eine voll lustige Stelle aus dem neuen Lottmann vorzulesen oder mich einen Gürtel suchen zu lassen. Mich nicht fragt, was ich abends essen oder kochen will. Mit mir nicht über die Autoversicherung spricht, die Gasrechnung oder einen Heftumschlag, den ich jetzt gefälligst endlich besorgen soll. Mich keine Fäden einfädeln lässt und mich nicht um Hilfe bei Häkelarbeiten bittet. Mich nicht anmotzt, weil ich schon wieder das ganz falsche Gewand herausgelegt habe und Schinken statt Salami in das Jausenbrot tue. Mich nicht fragt, wie viel kalt es heute eigentlich wird oder ob man noch schnell ein Ärzte-Video auf Youtube anschauen darf.
Auf all diese Dinge reagiere ich ab, sagen wir, elf, aufgeschlossen und gelassen, doch wer in der Früh gegen mehr als zwei meiner Gebote verstößt, muss mit einer Dezibel-Erhöhung rechnen, angesichts derer man bei Agassis sofort die Cops rufen würde. Natürlich ist das meiner rücksichtslosen Brut völlig wurscht und man lässt mich unter vier Verstößen und ohne Gebrüll keinen Tag beginnen. Dankeschön. Aber so ist das bei uns eben. Und bei uns läuft es auch nahrungsaufnahmetechnisch etwas anders als bei Agassis, wo Steffi, so erzählt André, streng auf Ausgewogenheit achte. „Die Kinder dürfen nach einer Pizza nur Proteine und Gemüse essen. Zwei Kohlehydrate-Mahlzeiten hintereinander sind nicht erlaubt.“ Ja, du. Und ich bin sicher, wenn Steffi ihre mütterliche Autorität verströmt, hat das auf ihre Familie die vorgesehene Wirkung. Auf meine nicht, aber daran werde ich jetzt arbeiten, denn auch meine Nullerjahre sind jetzt vorbei, ja, definitiv. Wünschen Sie mir also bitte ein schönes, erfolgreiches, respektgeladenes neues Jahr voller friedlicher Morgen im Kreise einer liebenden, kuschen Familie, ich wünsche es Ihnen auch.
Nachdem die Kinder tagelang kränkelten und von ihren erwerbstätigen und/oder ebenfalls kranken Eltern nervenschonend vorm Fernseher gelagert wurden, konnten wir live und vor Ort den Einfluss elektronischer Medien auf den Familienalltag überprüfen. Denn leider macht das Kinderfernsehen die Kinder nicht nur pflegeleicht und gusch, sondern auch klüger, nicht immer im Sinne der Erzeuger. Im inkriminierten Fall entlud sich die neue Kinderklugheit in einer morgendlichen Konversation zwischen einem der Mimis und dem Langen.
Der Lange „Zieh dir bitte die Jacke an.“
Das Mimi: „Glaheich.“
Der Lange: „Jetzt!“
Das Mimi: „Du hast mir gar nichts zu sagen, du hast ja nicht einmal ein Sorgerecht.“
Die Mutter, vom Langen mit einem irritierten Blick beworfen: „Ich kann nichts dafür, das hat sie aus dem Fernsehen“. Hatte sie, Kindernachrichten, Thema EU-Sorgerechtsvereinheitlichung. Das hatte Fragen aufgeworfen. Die wahrheitsgetreu beantwortet worden waren.
Andere haben jetzt was aus dem Radio, den Frenk Lebel nämlich, den FM4 jetzt löblicherweise doch spielt, nachdem ich die FM4sche Ignoranz in der letzten Kolumne bitter beklagte. Bravo, sage ich jetzt und lasse mich von diesem Erfolg natürlich sofort dazu verleiten, hier weitere unerbetene Vorschläge zu machen. Was den FM4lern sicher ungefähr so taugt wie mir, wenn einer, wie am Sonntag im phil, mit einer CD am DJ-Pult erscheint, die er bitte jetzt gern gespielt haben möchte. Tschaulitschau, baba und tschüss. Aber anhören kannst du es dir wenigstens. Nein! Jetzt nicht! Immerhin ergings mir besser als dem Kollegen R. denn der Kerl verzog sich murrend, während beim R. ein adäquater Vorgang damit endete, dass der Kerl dem R. die Pappn panierte. Das war aber auch im Flex, nicht im phil: im phil wirkt noch die Kraft des Wortes: Zupfst du dich jetzt bitte? Pfff, na gut. Danke, ich muss jetzt nämlich noch einmal "America" von Simon & Garfunkel spielen, ist gerade mein Lieblingslied. Ja, lacht doch, ist mir powidl.
Kraftderwortemäßig hat dann auch die Laokoongruppe am Sonntag hervorragend live ins phil gepasst, eine meiner diesjährigen Heimspiel-Lieblingsbands. "Walzerkönig", bitte! Unfassbar großartige Nummer. Gehört auf FM4 täglich zur Stoßzeit gespielt. (Jaja, ich zupf mich eh schon.) Habe ich auch letztens im rhiz wieder aufgelegt, leider vor praktisch leerer Hütte, denn Eugene Chadbourne hatte sein zweieinhalbstündiges Solo-Set gerade mit einer eineinhalbstündigen Banjo-Session beendet. Ein sehr höflicher Mensch, der Herr Chadbourne und ein kraftvoller Performer, solange er nur die Finger vom Banjo lässt. Danach hab ich den "Walzerkönig" gebraucht wie die drei Liter Grünen Tee gegen den Kater anderentags. Den "Walzerkönig" schaut man sich erst auf Youtube an (großartiges Video von Adnan Popovic und dann noch "Komm und tanz mit mir" und dann rennt man sofort los und kauft die CD. ("Walzerkönig", konkord). Schon, um den Gröbchen ein bisschen zu ärgern, aber das verstehen Sie jetzt nicht.
Haemmerli lässt schöne Grüße aus Taipeh ausrichten und dass er, bitteschön, natürlich schon wegen den Minaretten abgestimmt hat, brieflich, im voraus. Er macht schließlich auch immer noch das Abstimmungsportal votez.ch, das die Leute dazu bewegen soll, ihr Abstimmungsrecht in Anspruch zu nehmen, auch wenn ihnen die direkte Demokratie grundsätzlich eher am Arsch vorbei geht. Weil was passiert, wenn sie das bei zu vielen tut, hat man ja vorletzten Sonntag gesehen, an dem Haemmerli selbstverständlich so abgestimmt hat, wie ich es ihm unterstellt hatte. Weil Haemmerli fürchtet sich vor praktisch nichts, und sicher nicht vor ein paar Muslimen, die ihre Religion ausüben wollen.
Ich finds ja auch auch kindisch, dass nun gleich ein paar Lustige auch alle Kirchtürme niederreißen wollen, wo samma denn, müssen jetzt alle gleich sein? Und darf jetzt niemand mehr einen Vogel haben? Ob das ein religiöser ist oder ein kultureller ist ja eigentlich wurscht, solange mich niemand zu bekehren versucht, sei es jetzt zum Islam oder zu Ja, Panik. Soll jeder glauben, an was er will. Mir ist ja auch diese Hysterie wegen Scientology eher unerklärlich, weil wenn du mich fragst, richtet ein Bischof Küng mehr Unheil an als ein Titan Cruise, und Cruise ist wenigstens ein guter Schauspieler. Soll doch jeder glauben, was er will.
Apropos Ja, Panik, wenn ich etwas empfehlen dürfte, dann wäre das die neue Rotifer, „The Children on the Hill“ (monkey), wenngleich ich dem Rotifer jetzt einmal dringend davon abraten möchte, die Plattencover auch künftig selber zu gestalten. Man muss nicht alles können, und wenn einer so spitzenmäßige Songs schreibt und vorträgt (live vor allem, man muss den Rotifer unbedingt live sehen), dann muss er nicht zwingend auch ein großer Maler sein. Haemmerli möchte ich zum Beispiel lieber nicht singen hören. Und das neue Rotifer-Cover ist zwar lieb, verführt das interessierte Publikum aber doch sehr dazu, das Werk mit einer Kinder-CD zu verwechseln. Was schad wäre.
Und weil Weihnachten ist, gleich noch eine Lobpreisung eines local hero: den FM4 nicht spielt, weil er für dort zu kommerziell sei (was zB bei Julian Casablancas oder MGMT kein Problem darstellt), und Ö3 nicht, weil zu underground. Beides ist eine totale Schande, weil Frenk Lebel Songs schreibt, die man sowohl da wie auch dort gerne hören würde, weil warum: Sie sind großartig. Zeitlos und großartig. Man kennt hierzulande nicht viele, die das Talent haben, so komplexe Ohrwürmer zu komponieren wie Frenk Lebel, und das muss natürlich, wir sind hier in Austria, sofort abgestraft werden. Da kann einer was? Das geht ja gar nicht. Ich erlaube mir hiermit wieder einmal, einen ausdrücklichen Anhör-Befehl zu erteilen: Frenk Lebel: Poems, Contradictions. (Halleluya, Hoanzl). Man kann das auch herumschenken, genauso wie den Rotifer; beides passt auf jeden Fall.
2.12.09
Dabei wirkte der Schweizer erst gestern noch so nett
Der Schweizer, bitte. Zwei Gesichter. Eben noch sitzt der Schweizer am Tisch vom Fischtürken, trinkt Rotwein, ist vergnügt, witzig (ja, doch!) smart und aufgeschlossen, zahlt die gesamte Zeche und sieht exakt so aus wie Haemmerli in einem Designer-Anzug. Und nur ein paar Stunden später schreitet der Schweizer zur Urne und verbietet fortan den Bau von Minaretten in seinem Land. Ich meine, geht’s noch? Der Schweizer, bitte? Wo will der hin? Zu Haemmerlis Ehrenrettung ist zu sagen, dass Haemmerli während des gesamten Urnenganges in einem Flugzeug saß, welches ihn von Wien in eine asiatische Metropole transportierte: Haemmerli hatte also mit dem Abstimmungsergebnis insofern nichts zu tun, als er zuverlässig nicht für das Minarett-Bauverbot gestimmt hat. Leider konnte er so auch nicht dagegen stimmen, was bei 57 Prozent aber auch nichts mehr geholfen hätte.
Haemmerli war ja die letzten Jahre Filmemacher – also er hat 1 Film gemacht, den über seine Messie-Mutter - jetzt ist Haemmerli Künstler. Künstler wurde Haemmerli im Wesentlichen durch Behauptung. Er hat sich einfach, zum Beispiel bei der Art Basel, hingestellt und gesagt: I am an Artist, bis die Leute anfingen, ihm das zu glauben und ihn in asiatische Metropolen einzuladen, wo Haemmerli jetzt Vorträge hält und seine Werke zeigt. Ich bin ja bislang nur mit zwei Haemmerlischen Werkreihen vertraut, einerseits die Stiefelbilder, für die Haemmerl das Innere vieler Stiefel fotografiert hat, andererseits die Ohrenbeißerserie, in der ich, glaube ich, auch vertreten bin. Weil darin alle vertreten sind, die mit Haemmerli einmal länger als fünf Minuten verbrachten, und während diesen von Haemmerli unvermittelt von hinten gepackt, ins Ohr gebissen und dabei fotografiert wurden. Immerhin weiß ich, dass Haemmerli ein für die Kunst gerne herangezogenes Kriterium erfüllt hat, er hat nämlich für seine Kunst gelitten. Und zwar körperlich, denn als er im Sommer während eines Geburtstagsfestes die Krautgartner von hinten packte und ins Ohr biss, haute die ihm auf der Stelle eine herunter und brüllte, dass Haemmerli eine totale Sau sei. Die Krautgartner hat mir erzählt, es war im Schock, sie konnte praktisch überhaupt nichts dafür, und Haemmerli hat ihr die Watsche auch gleich verziehen (vor allem weil, wie Haemmerli sagt, das Foto super geworden ist) und die Krautgartnerin ihm den Übergriff, den es diente ja der Kunst, und sie vertragen sich längst wieder.
Wie wir beim Fischtürken saßen, hat Haemmerli ungefähr nach der dritten Flasche Rotwein darüber zu sinnieren angefangen, dass es doch vielleicht schön wäre, einmal eine Zeitlang in Wien zu leben, wahrscheinlich besser als in Berlin. Das begrüßten wir sehr. Die Frage ist jetzt, ob die Schweizer Minarett-Entscheidung Haemmerli nach der asiatischen Metropole eher nach Wien treibt, oder ob Haemmerli, wenn er mit der Kunst fertig ist, vielleicht die Schweiz retten will. Wundern würds mich nicht.
Das passiert, wenn man sich nicht an die eigenen Regeln hält. Aktuell diese: Nie die Kinder mit ins Restaurant nehmen. Was auch hier wiederholt in missionarischer Absicht postuliert wurde. Am Samstag verstießen der Lange und ich dagegen und gingen mit ihnen – aus!nahms!wei!se! Und nur weil ihr euch immer beschwert, dass wir euch abends nie mitnehmen! - zum ersten Mal seit zwei Jahren oder so abends ins Restaurant.
Der Tisch war auf sieben reserviert. Um zehn nach sieben bettete eins der Mimis – das eine, das man sonst nur unter Einsatz schwerster, mit der Menschenrechtskonvention nicht konformen Drohungen gegen halb neun oder neun ins Bett bekommt – sein schweres Haupt auf selbigen und flüsterte matt, es sei entsetzlich müde und würde gern nach Hause und zu Bett gebracht werden. Hallo?! Geht’s noch? Um viertel nach sieben fragte das andere, ob wir sie eigentlich in böser Absicht mit in ein Restaurant nahmerten, in dem es für ein Kind absolut nichts zu essen gibt? Um zwanzig nach sieben hatten wir uns mühsam auf Nudeln mit Tomaten und auf Ravioli mit nichts geeinigt. Um fünf vor halb acht fragten sie, ob es für uns ok wäre, wenn sich die Schuhe auszögen und sich zum Schlafen auf die Bank legten. Nein! Ist es nicht! Um eins nach halb acht zwang ich ihnen die Nintendos auf, die ich eigentlich nur als allerletztes Notprogramm eingepackt hatte und dann saßen sie uns mit abgewandeten Blick gegenüber und ließen ihre Daumen sprechen.
Dafür warfen uns Leute am Nebentisch genau die Blicke zu, die wir Leuten wie uns früher vom Nebentisch aus zugeworfen haben: Was sind denn das für welche, die ihre armen Kinder abends mit in ein Restaurant zwingen und sie dann deppert Nintendo spielen lassen? Nie was von Babysittern gehört?
Zweiter Fehler: Dazu auch noch technisch anspruchsvolles Essen bestellen, mit dem man dann nicht weiß wie umgehen. Ist das die Art Artischocke, die man Blatt für Blatt auszuzelt oder isst man die mit Messer und Gabel? Dieser Stiel: Ist der Deko oder essbar, und blamiere ich mich mehr, wenn ich ihn esse oder wenn ich ihn nicht esse? Ich aß ihn nicht und blamierte mich mehr, denn der war natürlich, wie ich beim abservieren lernte, das Beste an der Sache. Selbstverständlich aßen die Leute am Nebentisch ihre Artischocke mit bravouröser Eleganz und in der richtigen Reihenfolge und es rutschte ihnen auch nicht das Besteck zweimal in die Buttersoße. Ja, danke. Noch ein Fass Wien bitte. Und der Wildschweinbraten war fantastisch, aber ich kann nicht mehr. Die Mimis hatten derweil ihre Jacken angezogen und warf uns von unter den Kapuzen stabil vorwurfsvolle Blicke zu.
Um neun waren wir draußen. Und sollte ich es wieder vergessen, erinnert mich bitte daran, dass wird die Kinder erst wieder mit ins Restaurant nehmen, wenn sie uns einladen. Und das wird teuer, ich schwöre bei Gott.
Was jetzt? Ich weiß nicht. Die letzte Woche war: Ich weiß nicht. An vielen Orten gewesen. Jägerschule, Prater-Schihütte, Büro, Hold, Laternenfest, Annas Sofa, Polly Adlers Sofa, Kunsthalle, Bett, Internet, Roter Elefant, Folio-Fest, Millis neuer Küche, Wetter, Novelli und hinter den Plattentellern vom phil. Mit vielen interessanten Leuten geredet oder leider nicht, aber ich weiß nicht. Das führt mich wieder nur geradeaus in eine Faustwatsche des Kollegen Dings, der mich rügt, dass ich neuerdings nicht einmal mehr die elementarsten Regeln des Kolumnismus berherzige, nichts als verschwommene Andeutungen, deppertes Namedropping, lose Enden und narrative Sackgassen, aus denen sich der Leser dann genervt wieder auf den Rückweg machen muss, und du kommst dabei im übrigen ziemlich unsympatisch rüber. Ja. Weiß ich. Aber wenn das nun einmal mein Leben ist?
Dann erfinde dir ein besseres, nein: erfinde mir ein besseres, ein schachtelsatzfreies, mit einer Struktur und guten Pointen an den richtigen Stellen, ist mir völlig powidl, ob das gelogen ist oder wahr. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Erst einmal frühstücken. Und an etwas Schönes denken.
Schön ist zum Beispiel das Wetter. Also das neue Lokal am Yppenplatz, von Lea Redolf und Raetus Wetter, vormals Expedit. Dort stimmt alles so wunderbar (bis auf den, so die Mimis, höchst beklagenswerten Umstand, dass es zur Weißwurst kein Ketchup gibt), ich könnte dort tagelang versacken, was allerdings elementar damit zusammenhängt, dass man sich, nachdem man eine von Wetters Appenzeller Käsefladen gegessen hat, stundenlang nicht mehr rühren und gerade noch den Arm zum Verdauungschnapsordnern lupfen kann.
Wien wird ja augenblicklich von einem Bobo-Wettrüsten in Atem gehalten: Brunnen- oder Karmeliterviertel? Wo gibt es die lässigeren Lokale, die besseren Marktstände, das Slow-Food-Futter, die Bio-Artischocken, die selbstgepupsten Marmeladen, wo wohnen die cooleren Promis? Seit der Wetter das Wetter eröffnete, steht es 103 zu 102, wenngleich ich am Yppenplatz jetzt nur einen toten Schriftsteller weiß und am Karmeliter-Platz drei lebende; dafür am Yppenplatz viel mehr Musiker, und zwar von den guten; einer tauchte im Wetter auf, als ich gerade drohte, ob der Last der Käseflade unter den Tisch zu rutschen.
Überhaupt kannte ich im Wetter die halbe Gästeschaft, was Neo-Phobiker wie ich zu schätzen wissen, die vor Neuem scheuen und es gerne haben, wenn alles vertraut ist, wenn alles so bleibt wie es ist und es eine Woche oder drei immer das gleiche großartige Essen und den gleichen fantastischen Song gibt, die nie den Mann wechseln und sich die perfekte Jeans gleich dreimal kaufen. Die Pointe für den Dings wäre jetzt, dass sich das mit den Jeans bewährt hat, weil mir noch am Samstag, vermutlich käsefladeninduziert, das Hosentürl platzte, und es wäre zudem original wahr, aber das ist mir zu aufgelegt, sorry, echt nicht.
10.11.09
Den Teil mit der Parkbank lasse ich vielleicht aus
Nur Stunden, was heißt, Minuten nach Erscheinen der letzten Kolumne erhielt ich ein freundliches Mail vom freundlichen Herrn Stermann, in dem er mir freundlicherweise folgendes schriftlich bestätigte: Ich war definitiv nicht gemeint. Mit dieser angeflaschelten Journalistin mit der Zauselfrisur. In diesem seinem Anzengruber-Sauftext. Das beruhigte mich ungemein, und ich ließ es in diversen Internet-Foren und Live-Gesprächen nicht unerwähnt, bis selbigen Abends kurz vor Mitternacht bei der Viennale-Abschlussparty, als ich, nachdem ich auch dort mehrere Menschen, die nicht danach gefragt hatten, über Stermanns Quasi-Freispruch informiert hatte, auf dessen Kumpel Grissemann traf, der irgendetwas sagte wie: Ha ha, so so, aber der Stermann hat mir gesagt, dass er beim Schreiben speziell an dich gedacht hat, doch, hat er.
Ich sagte: Sagamal, Grissemann, findest du eigentlich, dass ich eine versoffene Funzen bin?, und verließ die Viennale-Party, ohne Grissemanns Antwort abzuwarten, mit einem schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand. Dann hätte mich Grissemann eigentlich um vier Uhr früh schlafend auf einer Parkbank betreten sollen, aber ich ließ diesen Teil angesichts der frostigen Temperaturen lieber aus, sonst wäre ich jetzt erfroren und könnte diese Kolumne nicht schreiben. Und ich könnte nicht den Deutschen und ein paar Korrektoren dieser Stadt erklären, dass es sich, wie mir das Österreichische Wörterbuch schriftlich und hoffentlich stabil unwiderlegt bestätigt, beim Ausdruck „betreten“ um altes Wiener Amtsdeutsch handelt: Das ich mir letztes Mal herauskorrigieren habe lassen, weil das, falls es überhaupt existiere, kein Schwein verstehe, wie mir wiederholt versichert worden war.
Aber auf Versicherungen gebe ich sowieso nichts mehr. Man hat ja gesehen, wie viel sie wert sind. Vielleicht lässt sich die ganze peinliche Angelegenheit aber doppelt profitabel verwerten, als ich ja erstens in der göttlichen Position bin, jede mir widerfahrende Demütigung unmittelbar in bares Gerstl verwandeln zu können. Zweitens kann sie als Beweis dafür herhalten, wie ungemein rockbitchig ich im Grunde meines Herzens eben bin, also voll im Trend, wenn man sich die ganzen angejahrten Damen mit 1.-Bezirk-Strähnchen-Frisuren und voll hoaten Preis-auf-Anfrage-Motorradjacken so anschaut, die gerade überall auf cool aus der Zeitung äugen; Oida. Oder auf den Covern eigener Magazine ihre bislang mühsam unterdrückte ur-oage-Rockerbrauthaftigkeit mithilfe eines Visagisten, einer Stylistin, einer Chanel-Bikerjacke und eines professionell gestylten 300-Euro-Zauselkopfs auch endlich einmal freilegen dürfen. Eh nur diese Saison, fürs Frühjahr hat Stella McCartney Blümchen und Rüschen verordnet. Dann verräumen die Bankergattinnen die Lederjacken im Schrank und föhnen wieder; nur ich, ich bin immer noch zerzaust.
Leider sehe ich mich gezwungen, folgendes zu verlautbaren: Ich bin nicht die „Journalistin“ in Dirk Stermanns „Bottle-in-a-Message“-Text von vor zehn Tagen im Standard-Album. Ich bin niemand in Stermanns Text, ich komme Gottseilobunddank in dem Text überhaupt nicht vor, auch wenn ich sonst gerne in Texten vorkomme, in diesem: nicht.
Tatsächlich habe ich dem Stermann sofort ein Mail geschickt: „Ha! Lustiger Text! Wurde in der Sekunde zur Temperenzlerin!“, nachdem ich seinen Anzengruber-Alkoholismus-Aufsatz gelesen hatte: Einen von Mitleid unverstellten Blick auf Stermanns unmittelbares Tschecheranten-Umfeld, der dieser Tage bei Czernin in dem Buch „Wir sind gekommen um zu bleiben: Deutsche in Österreich“ erscheint. Jedenfalls sitze ich ein paar Tage später anlässlich einer anderen Buchpräsentation mit der Herausgeberin des Werks, der ansonsten klugen und unbestechlichen Eva Steffen im Jin´s, als sie mir über die Tafel hinweg zuruft, sie habe jetzt übrigens wiederholt das Gerücht gehört, ich sei die „Journalistin“ in Stermanns Text, stimme das denn. Himmel, Heiliger, Kruzitürken, nein, das stimmt natürlich nicht!Allein dafür, dass du das fragst, müsste ich dich schon verklagen, Steffen!
Die Journalistin in dem Text ist, wer ihn noch nicht gelesen hat, eine Post-40erin mit zerzausten Haaren, die im Anzengruber abwechselnd Rot- und Weißwein trinkt. Im Laufe der Geschichte tritt sie an Stermanns Tisch, um ihn zu fragen, ob er glaube, dass sie eine versoffene Funze sei, verlässt dann mit einem „schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand“ das Lokal und wird später von Stermann schlafend auf einer Parkbank betreten. Ganz langsam, zum Mitschreiben: diese Frau hat mit mir nichts gemein als das ungefähre Alter und an schlechten Tagen die Frisur. Ich mische keine Weinsorten, ich bin so gut wie neverever im Anzengruber anzutreffen, ich schlafe nicht auf Parkbänken, ich schleppe keine Männer ab und ganz gewiss keine dünnen, und ich bin, soweit ich weiß, auch nicht die direkte Nachfahrin eines „ranghohen Sozialdemokraten aus dem Burgenland“, wie Stermann ausdrücklich schreibt. Also ich glaube, das ist jetzt geklärt, Steffen. Meinen Ruf ruiniere ich mir nämlich, wenns Recht ist, immer noch selber.Und ich bin in Wirklichkeit eine nette - ja: nett, in seinem ganzen, diffamierten Wortsinn - dezente, diskrete, schüchterne und im Grunde langweilige Person, die jetzt gleich noch ein Scheitchen ins Feuerchen werfen und ihren Liebsten ein Süppchen kochen wird
Aber es war überhaupt eine ziemlich lausige Woche. Ich zankte mit Hans Hurch über die Bedeutung des Wortes „Gala“, kam nur einmal zum Schwimmen, verlor meinen Kalender, und als der Lange nach fünf Tagen Halligalli aus Istanbul zurückkam, legte er sich sofort drei Tage mit Husten ins Bett. Wenns diese Woche ein bissl lustiger wird, hätte ich im Prinzip nichts dagegen.
27.10.09
Insofern wäre es nur gerecht, wenn wir auch Läuse hätten
Zwei Tage, nachdem der kleine Dings bei uns war, mit den Mimis eine Kissen-und Jackenburg zum Hineinköpfeln gebaut, sich mit ihnen in alle Decken eingewickelt, über jeden Teppich gewälzt und dann mit beiden Mimis in einem Bett übernachtet hat, informiert mich sein Vater am Telefon darüber, dass der kleine Dings Läuse hat. Hallo, das ist einmal eine gute Nachricht, speziell an einem Tag, an dem mir der Lange gerade aus dem 15. Stock eines Luxushotels in einer künftigen Kulturhauptstadt am Meer eine SMS geschickt hat, um die grandiose Aussicht und den vorbildlichen Zimmerservice zu loben.
Warum bin ich nie tausend Kilometer weit weg, wenn dergleichen passiert? Weil ich immer da bin. Ich sollte viel öfter verreisen. Haemmerli zum Beispiel habe ich schon seit mehr als einem Jahr nicht gesehen, ebenso die anderen Zürcher Spezis. Und in Berlin war ich auch schon ewig nicht, wieviele Jahre war ich bitte schon nicht mehr in Berlin? Und habe ich schon mal bei Pia in Paris besucht? Habe ich nicht. Du kannst schon einmal das Gästebett herrichten, Pia, ich komme jetzt. Ich muss vorher nur noch alle Textilien in der Wohnung bei 60 Grad waschen, alle Teppiche tagelang auf den Balkon hängen, alle 200something Kuscheltiere in luftdicht verschlossenen Müllsäcken am Dachboden verstauen und alle Mimis mit scharfzinkigen Nissenkämmen zerkratzen. Dann komm ich aber sofort, Pia, verlass dich darauf.
Aber es hülfe eh nichts. Wenn ich einmal 1000 Kilometer weit weg bin, sprechen die Kinder ihr erstes Wort, machen ihren ersten Schritt, verlieren ihren ersten Zahn, haben endlich genug von der Bernhard-Fibich-CD, schießen ihr erstes Tor oder spielen erstmals fehlerfrei „Stairway to Heaven“. Wenn der Lange weg ist, bekommen sie Scharlach, fallen vom Hochbett, schlagen sich Zähne aus, verlieren ihr Lieblingskuscheltier, ihren Impfpass oder ihr Fahrrad und bringen, ich wette darauf, ihren ersten Fünfer heim. Und ihre erste Geschlechtskrankheit, irgendsowas. Sowie ihre ersten Läuse.
Natürlich sind wir eh priviliegiert. Alle anderen hatten schon Läuse, beziehungsweise: hatten schon oft Läuse. Auch die Horwaths, mit der Verschärfung, dass nicht nur der kleine, sondern auch der große Horwath Läuse hatte, was beim Horwath seiner Frisur, also dem, wasvom Horwath seiner Frisur noch übrig ist, original in der Kategorie der echten Wunder resortiert. Insofern wäre es nur gerecht, wenn wir jetzt auch einmal Läuse hätten, ja, tatsächlich sind Läuse bei uns überfällig, wie schaut das denn aus, wenn wir als einzige nie welche hatten. Und es ist ja eh schon wurscht, jetzt wo ich eh schon jedes Stück Heimtextil in geradezu lehrbuchmäßiger maternaler Präventiv-Hysterie gewaschen habe; meine Oma selig wäre mächtig stolz auf mich. Zürich, Berlin, Paris habe ich mir jedenfalls verdient; weil wann krieg ich schon einmal etwas umsonst: nie.
Der Heizungstechiker ist, so erfahre ich, auf einem Seminar; der nächste mögliche Termin um unsere Heizung zu reparieren sei, also, warten Sie, Mittwoch zwischen zehn und zwölf. Oh, super, herzlichen Dank, das sind ja nur fünf Tage. In einer eiskalten Wohnung. Eh würde eine verantwortungsbewusste und vorausschauende Mieterin schon im Frühherbst überprüft haben, ob die Heizung funktioniert, nein, das müsste sie gar nicht, weil die Heizung schon im Spätsommer vorschriftsmäßig gewartet worden wäre. Nur frage ich mich schon auch, warum Seminare für Heizungstechniker ausgerechnet zu Beginn der Heizsaison, Punkt Kälteeinbruch, stattfinden müssen. Wie wärs im Sommer, wenn Leute wie ich sowieso nicht anrufen, um ihre Heizungen nicht warten zu lassen? Zur Strafe nicht.
Zum Glück funktioniert der Ofen im Waldviertel, und als es uns bei 28 Grad Raumtemperatur doch etwas schwitzert wird, gehen wir über die Straße zu Künstlers, weil: „Tag der offenen Ateliers“. Künstlers haben den Hof zusammengeräumt und ihn mit eigenen und fremden Werken vollgehängt. Es handelt sich dabei überwiegend um Bilder, auf denen unglaublich geschweinigelt wird. Die Mimis schauen sich alles mit großem Interesse an und finden, das sehe aber etwas anders aus als in ihrem Wir-machen-ein-Baby-Buch. „Kann man so auch Kinder machen?“ „Ja, schon, wenn man sehr gelenkig ist.“ „Und so?“ „Nein, so eher nicht.“ „Und was machen diese Frau und dieser Wolf da?“ „Sie kuscheln.“ „Und diese Frau und dieses Schwein?“ „Kuscheln auch.“ „Sieht aber aus, als ob das Schwein....“ „Schau mal, da drüben, da ist ein riesiges Hirschgeweih.“ „Wo?“ „Da hinten.“ „Aber das Schwein...!“
Später sitzen wir im Atelier der Künstlerin am Holzofen und trinken Wein. Ein paar Leute aus der Stadt sind da, und das ganze Dorf kommt vorbei, die Bauersfrauen, die Hippies mit den Hunden und die gesamte Freiwillige Feuerwehr in Uniform, denn der Herr Künster ist Feuerwehr-Vizeobmann. Oder Vizekommandant oder wie das heißt. Die Feuerwehrmänner und ihre Frauen schauen sich die Bilder auch alle an, besonders gern die Fotos, auf denen der Künstler nackt auf allen vieren zu sehen ist, mit prächtigem Gehänge. Man äußert die Ansicht, dass es „unterschiedliche Lebensentwürfe“ gebe. Das stimmt, zum Wohl. Zum Glück finden die Frauen dann einen Stapel ferkeleienfreier Blumenbilder der Künstlerin, die ungeteilter Meinung als schön beurteilt werden. Der Wein schmeckt auch allen, und der Nachbar-Bauer und ich sind bald per du: Franz. Doris. Zeawas. Wir stellen fest, dass wir beide den selben Prinzen kennen. Er kennt ihn von der Jagd, ich kenn ihn, weil er eine Zeitlang an der Mizzi befestigt war: Das muss dann die gewesen sein, die immer frierend im Hochstand saß und Bücher gelesen hat. Ja, das war zuverlässig die Mizzi. Apropos frieren: Ist schon zehn? Ah, gleich.
Ich will nichts mehr hören. Keiner von euch braucht deppert herumzutstsen, weil: IHR seid Schuld. Und IHR wart auch letztes Mal, bei der weihevollen Schalko-Buchpräsentation im Rabenhof Schuld, denn einer von EUCH hat mir jedes Mal, wenn ich gesagt habe: HEIM! JETZT!, noch einen Spritzer hingestellt, einer geht ja immer noch, und das ging, typisch Rabenhof, auch diesmal wieder so lange, bis die Grenze der Vernunft spürbar überschritten war. Und am nächsten Tag konnte ich dann im Blumenau-Journal ein Gespräch nachlesen, das ich bis zu diesem Augenblick vollständig vergessen hatte, woran IHR Schuld seid, und wenn Blumenau behauptet, ich hätte geschrien (und ich habe allerhöchstens milde gebrüllt), dann seid auch IHR daran Schuld, keine Frage, also ich will kein ts ts hören, still jetzt.
Außerdem ist nun alles besser. Ich habe am Wochenende auf den Fluss geschaut und bin im Wald marschiert. Ich habe eine komplette Staffel von „The Wire“gesehen. Ich habe entgiftet, gekocht, geräumt und dabei die neue Goldenen Zitronen gehört. Ich habe mir überlegt, wie es möglich ist, dass zwei CDs wie die neue Distelmeyer und die neue Goldenen Zitronen gleichzeitig erscheinen können, und trotzdem halten alle Distelmeyer für einen großen Dichter, ja: den Dichter der Stunde. (Entschuldigen bitte, der Mann ist nackt, und ich erlaube mir, das dem Chor der geblendeten, bäuchlings sabbernden Bewunderer zuzurufen: NAHACKT! Aber auf mich hört ja sowieso keiner. Ist ja jedem wurscht.) Immerhin die zweite Nummer, die mit dem Hass, die rockt ganz gut beim Auflegen. Also, wenn man es schafft, den Text zu ignorieren. Was bei den Zitronen nie nötig ist, niemals.
Jedenfalls war das Wochenende im Vergleich zur Vorwoche mönchisch, also ich würde fast sagen: eine Form der Meditation. Wenngleich das Besuchskind, das mit uns am Land war, zuhause schon etwas zu erzählen hat, nämlich wie laut der Lange und ich uns anbrüllen können: DAS, Blumenau, war laut, ungefähr so laut wie ein sehr großer Traktor mit einem mit Stahlrohren beladenen Anhänger, wenn er in einem Tunnel über große Steine rumpelt. Der Grund für das Gebrüll steht in so krassem Gegensatz zu meinen einleitenden Worten, dass ich mich nicht in der Lage sehe, ihn hier auszuführen, aber, wirklich, wer bitte stellt einem Kater Futter in einem handbemalten Schüsserl aus einer urseltenen, nur in Vorarlberg gebräuchlichen und dort in Museen konservierten Porzellanserie, welche die Frau seit Jahren mühsam zusammenschnorrt und -sammelt, vor die Haustür, so dass das nächstbeste Kind zuverlässig hineinsteigt? Der Lange, wer sonst. Drei Kinder standen in der Küche und hielten sich die Ohren zu, und die Besuchskindeltern haben diese Woche wieder einiges zu tstsen. Und was lernen wir daraus? Wurscht, wie ich lebe, getstst wird sowieso immer, eh egal, ich geh jetzt schwimmen.
8.10.09
Das ist doch ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt
An den Käsefladen im Madiani habe ich mir Donnerstag Nacht so das Maul verbrannt, dass ich bis heute nur lauwarmes Essen in Breiform zu mir nehmen kann; trotzdem hätte ich gerne das Rezept. Könnte ich bitte das Rezept bekommen? Die Käsefladen sind ein Parade-Winteressen; einfach, weich, warm, saugut, also genau das richtige, um eine Winter-Depression zu kalmieren. Ich meine, falls sich etwas derartiges wie ein Winter-Gefühl heuer überhaupt überhaupt einzustellen beliebt; im Moment sieht es eher wenig danach aus.
Auch der Donnerstag Abend war ein für meine derzeitige So-kann-es-unmöglich-weitergehen-Situation überaus typischer. Die Mimis schliefen bei Freunden, und zufälligerweise eröffnete der P. eine Ausstellung mit neuen Fotos in einer Galerie am Karmelitermarkt. Und wen treffe ich da? Den P., eh klar, den W. und den G., mit denen ich vor, ich will auf keinen Fall sagen, wie vielen Jahren zum Soundtrack von Sadé lange Abende in der Oskar-Bar in Feldkirch abhing. Wir waren 18, 20, 21, wir standen wie Cowboys an der Bar und ließen alle an unseren Zukunftsplänen teilhaben, denn jeder von uns war ein Künstler und würde demnächst ein berühmter Künstler sein: Der P. hat schon fotografiert, der W. hat schon Musik gemacht und damit Preise gewonnen, der G. studierte schon Architektur, der R. machte kleine Filme, die schon gezeigt wurden, und ich war hauptsächlich verwirrt und habe heimlich gedichtet. Und was ist, wie ich die jetzt treffe, aus denen geworden? Der P. ist ein super Fotograf, der W. lebt glücklich von seiner Musik, der G. ist Architekt, der R. konnte zur Vernissage leider nicht kommen, weil er grad seinen neuen Film schneidet und ich kann immer noch nichts anderes als schreiben. Ich finde, das ist ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt, speziell für Vorarlberger. Und alle können wir, wie sich im Madiani zeigt, noch immer noch bis tief in die Nacht hinein deppert sein, vor allem der G., mit dem ich gegen zwei Uhr früh mit meinem verbrannten Maul engagiert über DJ Ötzi stritt, wobei die Worte Trottel, Idiot und ungefickt fielen. Der Lange und ich gingen dann bald nach Hause, was aber nichts mehr daran änderte, dass wir vergessen hatten, dass anderntags um neun Uhr früh eine Ö1-Reporterin vor unserer Tür stehen würde, was auch geschah. Das hätte mir eine Lehre sein sollen.
War es aber nicht. Am nächsten Tag verhockte ich bei der Mimi-Abholung von einem Kindergeburtstag bei Leuten, die von steirischen Winzern abstammen. Am Samstag war phil-Geburtstag und der 30er von der H. im Espresso, Sonntag wieder Kindergeburtstag bei Leuten, die nicht von steirischen Winzern abstammen, aber trotzdem gut trinken können. Heute abend bin ich mit Sedlacek verabredet und hoffe inniglich, dass er absagt. Weil so geht das definitiv nicht weiter, definitiv nicht.
Das Bubenmädchen ist immer noch ein Bubenmädchen, jetzt schon drei Viertel ihres Lebens lang. Einmal habe ich gelesen, aktuelle Forschungen hätten ergeben, an Transsexualität sei die Mutter Schuld, zuviel Stress in der Schwangerschaft. Nur frage ich mich dann, warum das Zwillingsmimi das gar nicht hat. Jetzt habe ich gehört, das könne am Hormonhaushalt liegen, der sei beim einen Kind so und bei den anderen so. Erscheint mir logischer, aber im Grunde ist es mir powidl: So lange das Kind kein Problem damit hat, habe ich auch keins, und deswegen ist das eigentlich auch nie ein Thema. Alle paar Monate erkläre ich ihr, dass sie da übrigens jederzeit auch wieder heraus kann, falls ihr das Bubenmädchen-Konzept nicht mehr taugt, dass sie das jetzt nicht durchziehen muss, nur weil sie es einmal beschlossen hat, aber sie winkt immer ab. Alles ok, keine Sache.
Es war allerdings interessant, als das Bubenmimi jetzt sein erstes Fussballturnier spielte. Es ist ganz gut im Fußball, also es ist so gut und ein so verlässlicher Teamspieler, dass der Trainer ihm vor dem ersten Turnier die Kapitänsbinde um den Arm wickelte. Die Mutter rot vor stolz. Der Lange auch: unsere Tochter! Allerdings nahm die Tochter die Binde wieder ab und übergab sie einem anderen Kind, weil: Das sieht nicht gut aus. Passt farblich null zum Dress. Dieses Exempel beweist. dass eben doch weitgehend testosteronfreies Mädchenblut in seinen Adern fließt. Und ich finde das, ehrlich gesagt, beruhigend, nicht, weil ich kein Transenkind haben will. Sondern weil es mir für das Kind lieber wäre, es würde glücklich erwachsen werden und erwachsen sein, ohne zuvor eine Hormontherapie und eine Geschlechtsumwandlung hinter sich bringen zu müssen. Was, kein Witz, am Familientisch ein Thema war, seit das Bubenmimi vier ist, aber in letzter Zeit nicht mehr so häufig diskutiert wird.
Aber man tut ja stets, was gut für die Kinder ist. Zum Beispiel wurde das andere Mimi von seiner bekanntlich nicht so theateraffinen Mutter zu einem Theaterkurs angemeldet und zu einer Schnupperstunde begleitet. Es war vielleicht nicht so eine spitzen Idee, mich ausgerechnet an selbigem Tag mit Sedlacek zum Lunch zu treffen, der sich, halleluja!, entschuldigt hatte. Was wir dann ein wenig feierten, so dass ich um vier in nicht einwandfrei erziehungsberechtigem Zustand Zeugin werden durfte, wie mein Kind – ich! Ich! ICH!!! – peinigend überengagiert seine Berufung entdeckte, immer den Finger kerzengerade in der Luft. Aber hallo, sagte mit so einem Grinsen in der Visage der Herr Kabarettist neben mir, dessen Tochter ich auch in den Kurs geschwatzt hatte. Zum Glück kam dann ein Kind, das war noch viel schlimmer; danke, Gott. Später an dem Abend küsste mir ein deutscher Verleger nicht die Hand, sondern den Arm bis über den Ellbogen, aber das ist eine andere Geschichte, die passt hier null dazu.
Jetzt schickt mir Sedlacek jede Woche ein SMS des Wortlauts: du bist super. Immer: du bist super, alle paar Tage. Seit ungefähr acht Wochen geht das so. Ich habe noch kein einziges Mal darauf geantwortet, was einen normalen, sensiblen Menschen vermutlich an der Effizienz der gewählten Strategie zweifeln ließe. Allerdings handelt es sich beim Absender um Sedlacek, deshalb rechne ich noch mit weiteren acht, zehn, zweiundzwanzig gleichlautenden Nachrichten. Die ich ebenso ignorieren werde.
Das Nachtragendsein gelingt mir bei Sedlacek, das fällt mir auf, jetzt immer besser und besser als bei anderen: Was aber möglicherweise im Kontext damit steht, dass ich mir Sedlaceks damaliges Arschloch-SMS noch immer jederzeit vergegenwärtigen kann, und es regt mich noch immer mörder auf, und der Trottel hat sich noch immer nicht dafür entschuldigt. Das wiederum dürfte unmittelbar damit zusammenhängen, dass Sedlacek zwar niemals vergisst, wie ihn einer, zum Beispiel der Hofer Pepi in der zweiten Klasse Volksschule, nicht von seinem Käsbrot hat abbeißen lassen, oder dass ich ihn zu seinem 36. Geburtstag nicht beschenkt, ja nicht einmal angerufen habe, weil ich in boshafter Ignoranz gerade in den Wehen lag oder derlei. Anderseits vergisst er schon circa übermorgen auch die ungeheuerlichsten Untergriffe, die miesesten Frechheiten, die ihm anderen gegenüber ausgekommen sind, ja er erinnert sich nicht einmal an die wirklich gezielten, mit äußerstem Vorsatz auf das zumeist amikal gesonnene Gegenüber abgeschossenen Treffer. Wahrscheinlich, weil es funktioniert; die meisten Menschen halten Sedlacek für nicht hundertprozentig zurechnungs- und somit auch nicht für satisfaktionsfähig, und sehen ihm seinen periodischen Arschlochismus mit der Generosität der Gescheiteren nach. Habe ich auch gemacht. Mache ich nicht mehr. Fertig, da brauchts jetzt einmal ein bisschen mehr, der soll jetzt einmal etwas lernen.
Nach ein paar mit der charakteristischen Sedlacekschen Zärtlichkeit formulierten wasistjetzts, warumspinnstdennduschonwieders und zicknichtimmersoherums seinerseits ließ ich ihn meinerseits kurz wissen, dass seine penibel ausformulierte Kränkung durchschlagenden Erfolg gehabt habe und er nun bitte mit den Folgen leben soll. Und genau wie ichs erwartet habe, kroch Sedlacek keineswegs zu Kreuze, sondern schickte eine patzige, völlig verständnislose SMS zurück, dass er keine Ahnung habe, wovon ich da rede. Das soll der jetzt einmal ohne meine Hilfe herausfinden. du bist super. Meine Güte.
Die Frage ist, wer an so einem Sedlacek Schuld trägt. Ich sags ungern, aber ich verdächtige seine Mutter. Die hat ihn vermutlich zu lange gestillt oder ihn fürs Deppertsein tüchtig belohnt, in der Hoffnung, das würde aus ihm einen sensiblen, dankbaren Menschen machen. Das hat nicht funktioniert, aber gar nicht.
Der Plan wäre jetzt, ein bisschen fiktionale Distanz zwischen diese Kolumne und meine Wirklichkeit zu legen. Es wird auf die Dauer langweilig, wenn es jedes Mal, wenn ich was erzählen will, heißt: Weiß ich schon, hab ich schon gelesen. Plus werde ich immer harmoniesüchtiger und sehe nicht mehr so gern die hochgezogenen Augenbrauen von Leuten, die nicht darum gebeten haben, ihre privaten Angelegenheiten im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wiederzufinden.
Vielleicht sollte ich es machen wie Rubinowitz, der es macht wie Lottmann und ein paar reale Personen in ein paar fiktive Situationen schicken, aber ich glaube, ich mag Lottmann nicht. Also jetzt als Schriftsteller, privat kenne ich ihn ja nicht, obwohl es natürlich ein erster Schritt wäre, hier zu behaupten, ich sei letztes Jahr mit Lottmann und Rubinowitz aus dem Meinl am Graben geworfen worden und mit lebenslangem Hausverbot belegt worden, weil Lottmann und Rubinowitz sich dort in meinem Beisein einen Faustkampf mit Spucken und Tellerwerfen geliefert hätten. Und ich hätte einmal mit Lottmann in Darmstadt Rainald Goetz getroffen und wir hätten im Landgraf Ludwig VIII ein Hirschragout zurückgehen lassen, bevor wir im Nachtcafé-Club gemeinsam die Glieder schüttelten. Wäre aber eben ein peinlicher Abklatsch und überdies ein Schritt in die falsche Richtung; da will ich nicht hin, dort gefällt es mir nicht.
Und vielleicht kann ich ja überhaupt nur Wirklichkeit, vielleicht ist mir das Talent der Dichtung gar nicht gegeben. Aus der Wirklichkeit der letzten Woche, als ich auf einer Hochzeit beschimpft wurde, wäre noch etwas nachzureichen: Denn den Kerl hätte ich, so erklärten Braut wie Bräutigam hinterher, ruhig tüchtig zurück beschimpfen, ja von ihnen aus gerne auch mit der einen oder anderen Tätlichkeit bedenken dürfen; offenbar hätte es keinen Falschen getroffen. Und ich war wohl auch bereits der fünfte oder sechste Hochzeitsgast, der sich über den Herrn beschwert hatte. Hätte ich gern gemacht; zu spät. Aber ich habe ja regelmäßig im rhiz Gelegenheit, Gäste zu beschimpfen, die meinem Musikgeschmack erstens reserviert gegenüberstehen und das zweitens nicht für sich behalten können. Der Lange ebenfalls: Wobei ich mich frage, wie der auflegt, wenn ich nicht dabei bin, weil ich ihm letztes Mal von jeder zweiten CD die Titel vorlesen musste. „Now I’m a Fool“, welcher Track ist das? Sechs, Schatz. Zu kleine Schrift. Daran denkt die Musikindustrie wieder nicht, dass zahllose Djs bereits fortgeschrittenes Alter erreicht haben und ihre Arbeit in den Clubs und Underground-Lokalen ungern mit einer Lesebrille verrichten. Und, jajaja, ich WEISS, dass ich dir das schon einmal erzählt habe.
Doris Knecht liest am Do, 17.9., 20 Uhr, im Rahmen der unik.at-Vernissage in der Gartenvilla Albertgasse 33, 1080 Wien und legt am So, 20.9. im rhiz auf, live: Glen Meadmore
Die Frage „Freust du dich schon auf die Schule?“ wurde vergangene Woche mit vielen inbrünstigen JAs beantwortet. Vor allem von Müttern. Und Vätern. Ich selbst zählte am Sonntag, als ich dazu wieder in der Lage war, die Stunden bis Montag um neun, wenn sich zur Abwechslung wieder einmal andere Menschen als ich um meine Kinder kümmern würden. Am Sonntag nachmittag war ich, dank neun Wochen Ferien und Pias Hochzeitsfest nachts zuvor, so fertig, dass ich die Kinder mit einer Schachtel Schwedenbomben vor den Fernseher setzte, normal ein absolutes no-no.
Aber der Lange und ich hatten bei Pias Hochzeit aufgelegt, normal auch ein absolutes no-no. Vor allem Hochzeiten von Freunden. Die sollen ja einen glücklichen Abend haben, was den DJ relativ oft über den Rand der Erniedrigung führt, weil volle Tanzfläche, gelungener Abend. Aber auch verschiedene Geschmäcker. Plus gibt es auf jeder Hochzeit dieses Paar, das fantastisch tanzt, Walzer, Tango, Two-Step, Dingsbums, was weiß ich, die schweben über die Tanzfläche und strahlen sich an, und die wollen das dann den ganzen Abend so beibehalten. Und wenn du einmal etwas spielst, bei dem esnicht mit wehenden Kleidern übers Parkett fliegen kann, wirft das Paar verletzte Blicke gegen das DJ-Pult und wünscht sich deutlich sichtbar einen ganz anderen Sound. Und wenn man normal, sagen wir im rhiz, auflegt, ist der Hinweis, dass in diesem Moment in in dieser Stadt in sicher tausend Lokalen genau jetzt genau solche Drecksmusik läuft, schnell bei der Hand, was du bei einer Hochzeit natürlich nicht bringen kannst. Du spielst, was gewünscht wird. Du willst, dass das Brautpaar glücklich ist.
Was zuerst einmal schief ging, denn Pia hatte sich als ersten Tanz einen Walzer gewünscht, und ausdrücklich gesagt, es sei einerlei, welche Sorte Walzer, es müsse nichts Traditionelles sein, sie wolle nur einmal mit dem neuen Herrn Pia walzen. Also hatte ich lange gewühlt und spielte dann „When a Man Loves A Women“, in der fantastischen Version von der wunderbaren, toten Karen Dalton, und sie tanzten sehr schön und am Ende des Stücks kam eine Frau und fragte, und was jetzt mit dem Walzer sei. Hallo? Einszweidreieinszweidrei? Walzer?
Aber das mit der vollen Tanzfläche wurde dann schon, ich sage nur Barry White, und bei „You're the First, my last, my everything“ zeigte dann die alte Posse, dass wir auch tanzen können, halt anders, und das schöne Paar floh mit allen Anzeichen von Panik. Und später wurde ich nur ein bisschen von einem weißhaarigen Herrn wegen schlechten DJings übel beschimpft (ich, nicht der Lange; bei großen Männern trauen sie sich das nicht), der war vor fünfzig Jahren auch einmal DJ und ist wahrscheinlich ein super Kollege, wenn er nüchtern ist. Es war ein sehr schönes Fest, lustige Leute, guter Wein und Pias Kleid war meine Herren, aber Hochzeiten mache ich trotzdem nicht mehr.
Anderswo mag eine muhende Kuh als Sinnbild ländlicher Idylle gelten, hier tut sie einem leid. Die Kuh steht mit 30 oder 40 anderen in einem sogenannten Freilaufstall. Den hat die EU den Bauern aus Gründen des Tierschutzes verordnet. Der Stall gehört dem Nachbarbauern, und die Kuh kann dort so ein bisschen herumspazieren. Das könnte sie auch auf einer der unzähligen Wiesen, die dem Bauern rund ums Dorf herum gehören, aber der Bauer fährt lieber mit einem seiner sechs Traktoren auf die Wiesen, mäht das Gras und bringt es der Kuh in den Stall. Bitte, ich bin kein Bauer und will auch keiner sein, aber das kommt mir ein wenig schwachsinnig vor. Plus es führt dazu, dass die Kuh ihr Leben lang nie ein Stück Grün oder Himmel sieht, sondern ihre gesamte Existenz in dem kuhfreundlichen EU-Freilaufstall mit Betonboden verbringt, aus dem ihr Muhen erbarmungswürdig durch das ganze Dorf hallt. Und zwar ab sechs Uhr früh. Die armen Viecher. Die Kühe von dem anderen Bauer vis a vis grasen friedlich auf der Wiese oberhalb von seinem Hof, weshalb der Bauer hier in der Gegend als kauziger Spinner gilt. Das macht hier sonst keiner. Hier siehst du praktisch nie und nirgendwo eine Kuh. Du hörst sie nur.
Nicht mehr lange, wir fahren bald in die Stadt. Es ist Zeit. Ich habe unstillbare Bedürfnisse nach schlechter Luft, Autolärm, Sushi, Schuhen (im Sinne von: Schuhen, die diese Bezeichnung verdienen), speckfreier Kost, meinem Friseur, einem erfolgreichen Shoppingerlebnis, urbanem Halligalli in zwielichtigen Tränken, honigbrotfreien Mittagspausen und einem klimatisierten, Kinder- und Langenlosen Büro. Wir haben uns jetzt neun Wochen am Stück auf einer 24/7-Basis ausgehalten, es war erstaunlich friedlich, und es langt jetzt. Ich will jetzt wieder egoistisch sein, autonom und Marmeladefleckenfrei, mindestens acht Stunden am Tag, dankeschön. Und es ist jetzt auch genug idyllische Natur und Gemuhe und Viecher aller Art: obwohl, die Kinder haben gerade das Angeln entdeckt. Die Pollaks waren da, und der Pollak fuhr mit seinen Buben und den Mimis an den Fischteich, Abendessen fangen. Wir waren ein wenig besorgt, wie die Kinder das Fischeerschlagen wegstecken würden, und als sie zurückkamen, zeigte sich auch tatsächlich eine gewisse Blässe, und zwar um die Nase vom Pollak, dem das überhaupt nicht taugt. Die Kinder dagegen hielten stolz und völlig untraumatisiert ihre selbstgekillten Forellen in die Höh, grillten sie am Feuer, verspeisten sie gewissenlos und schliefen danach gut und tief. Aha. Interessant. Der Lange versucht auch etwas zu fangen, nämlich die Maulwürfe, die unsere Wiese umgraben, wird aber täglich von neuen Haufen ausgelacht. Das macht ihn aggressiv. Und drüben muht noch immer erbarmungwürdig diese Kuh. Und irgendwo kräht jetzt auch noch ein Hahn. Aus, fertig, packts eure Sachen, Kinder, wir fahren in die Stadt.
Allmählich erreiche ich den Punkt, wo es schwierig wird, etwas zu erzählen, weil das Sommerprogramm „Ereignisarmut“ seine Wirkung beängstigend effizient entfaltet. Seit zwei Monaten erschlage ich tagsüber Wespen und lausche abends dem Fluss, und es ist gut. Nichts fehlt. Ich bin soweit, dass ich dem McDings, der seine Ferien ebenfalls in vertrauter Umgebung verbracht hat, maile, ja, genau, das sei doch gut, die Menschen erlebten viel zu viel, allgemeines Mindererleben sei doch für die Menschheit und für den Klimawandel viel gesünder. Also quasi diesen Satz von Pascal, von dem Unglück, das allein daher rühre, dass die Menschen nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen, als Ökobilanzrechnung. Ich vermag das mittlerweile unglaublich gut, wenn man jetzt einmal das Zimmer etwas größer fasst und ein bisschen Wiese, den Fluss, ein paar Bäume und Kinder hineinstellt. Und etwas zu essen und zu trinken, was weil man nicht immer nur Holundersirup, Zucchini, Erdäpfel oder Paradeiser aus dem Garten zu sich nehmen mag, was zugegebenermaßen Autofahrten nach großzügig entfernten Das und Dorts erfordert. Der Dings mailte etwas überaus Bedachtes zurück, nämlich, dass das, was ich eben gemailt habe, ein kompletter Unsinn sei, man müsste im Gegenteil die Menschen dazu zwingen, viel mehr zu erleben und tüchtig was von der Welt sehen, weil das das Hirn erweitere. Ja ja! Ich meinte doch eh: uns. Wir haben uns das wenigstens temporäre Nichtserlebenmüssen unter selbstloser Gefährdung unserer Gesundheit redlich verdient. Ja, mailte der Dings. Damit war auch dieses Ereignis vorbei.
Es ist zudem schwierig, zu arbeiten, weil sich ein Arbeitszimmer hier nicht ausgeht und die Kinder sich den Satz „Ich muss jetzt arbeiten“ nicht länger als zwei Minuten merken. Merken können. Wollen. Dann verlangen sie ein Honigbrot oder stellen sich mucksmäuschenstill in einem 45-Grad-Winkel neben den Computer, treten von einem Bein auf das andere und strahlen mich mit ihren glänzenden Kinderaugen rücksichtsvoll an. WAS!!!! Es ist, weil sie diese Erstklässlerrechenaufgabe auf ihrem Nintendo nicht verstehen. Es gibt für den Nintendo ja auch pädagogisch unheimlich wertvolle Lernspiele. „Fülle die leeren Kästchen richtig aus. Rechne mit Plus oder Minus.“ Wie? Welche leeren Kästchen? Was rechnen? Versteh ich auch nicht, frag den Papa. Der Lange kapitulert ebenfalls, also spielen sie wieder Supermario.
Und zwar ohne den Nachbarsbuben, weil dem habe ich, damit es zu keiner Straftat kommt, ganz auf erwachsen eine freundliche Rede gehalten, dass er bitte ein paar Tage nicht kommen soll, weil uns das zuviel wird. Jetzt war er schon so viele Tage nicht da, dass ich Angst habe, dass ich seine zarte Nachbarsbubenseele nachhaltig gekränkt habe. Ich überlege schon, ob ich ihn mit einem Honigbrot herüberlocken soll. Nein, lieber nicht, der kommt schon wieder.
Die Frage, ob man alle Kinder mögen muss, wird täglich virulenter. Es ist kurz nach neun, draußen auf der Schaukel sitzt der Nachbarsbub, spielt Nintendo und wartet, dass sich einer erbarmt. Wenn sich einer erbarmt haben wird, pickt er bei uns, bis wir ihn abends heimschicken. Es macht ihm nichts aus, wenn Gäste da sind. Er gibt, das sind die Regeln, den Nintendo ab, hält ersatzweise kenntnisreiche Vorträge über Super Mario, Mario Kart undMario Party und erkundigts sich periodisch, wann es endlich wieder etwas zu essen gibt. Wenn es endlich wieder etwas zu essen gibt, nimmt er sich von den acht Marmeladebroten sechs und schöpft er sich drei Mal, bevor die anderen Kinder auch nur einen halben Teller ausgegessen haben. Er sagt nicht bitte und nicht danke, aber vorgestern beim Mittagessen meinte er während der dritten Portion Spagetti Bolognese, dass er so eine Soße bisher nur einmal schlechter gegessen hat, und zwar letztes Jahr im Burgenland. Bei einem niedlichen Kind wäre das möglicherweise, nun ja, niedlich. Der Nachbarsbub ist kein niedliches Kind. Einmal setzte er sich bei uns uneingeladen zum Abendessen und verfiel beim Coq Au Vin in ein derartiges Weah und Würg und dass das die grausigste Soße sei, die er je gegesse habe, dass ich ein wenig ausfällig wurde. Naja, sehr ausfällig, jedenfalls entschuldigte ich mich danach bei ihm. Der Nachbarsbub verzieh mir großzügig und brachte mir andertags ein von seiner Mutter handgeschriebenes Rezept einer anständigen Champignonsoße mit zwei Rindssuppenwürfeln und einem halben Liter Schlagobers mit.
Wenn wir mit den Kindern ins Schwimmbad oder an den See fahren wollen, verschwindet er für zwanzig Sekunden, und kommt dann wieder mit einem Handtuch, einer Badehose und der Information, seine Mutter hätte erlaubt, dass wir ihn mitnehmen, wenn wir gut auf ihn aufpassen. Ob wir Lust haben, ihn mitzunehmen, auf ihn aufzupassen, ihn mit Sonnencreme einzuschmieren und ihm ein Eis und Pommes zu kaufen, interessiert hier niemanden.
Die Mutter erscheint alle vier oder fünf Tage, jeweils kurz nachdem der Nachbarsbub seine drei Mittagsportionen gegesssen hat, um mitzuteilen, dass sie ihrem Buben jetzt etwas gekocht hat. Wir sagen ihr wie immer, dass der Bub schon gegessen hat. Sie sagt, aha, dann geht der Nachbarsbub mit hinüber, um endlich wieder einmal wieder etwas Anständiges in den Magen zu bekommen. Eine Viertelstunde später ist er wieder da. Gestern nutzten wir diese Viertelstunde, um heimlich ohne ihn ins Bad zu fahren. Nach einer halben Stunde ruft die Horwathin an, ob wir schon im Bad sind, sie kommen jetzt auch, fahren danach aber weiter zu einem Heurigen, ob wir bitte den Nachbarsbub vom Bad mit heim nehmen können, der ist nämlich vorhin aufgetaucht und geht sich jetzt nur schnell ein Handtuch und eine Badehose holen. Ich muss die Regeln ändern, sonst geschieht hier eine Straftat.
19.08.09
Ich hätte vielleicht nicht so lange schlafen sollen
Der Nachbar ist fertig mit Wiese sensen, jetzt verputzt er von morgens früh bis Abends spät sein Haus und hat auch damit nichts als Probleme. HUR! Meine Sippe ist schon wieder weg: was, HUR!, ernsthaft schade ist, denn der Besuch war sehr viel netter, als die Wirren der Vorbereitung es vermuten hatten lassen. Zudem festigte er die Kinder in ihrer politischen Sozialisation; denn um eine Verlängerung des Aufenthalts zu ertrotzen, gründeten sie eine Lobby; organisierter Widerstand in seiner unschuldigsten Form, mit Parolen, Plakaten und Sprechchören. Wer so weit fährt, bleibt länger da! Auch Kinder haben ein Recht auf Verwandschaft! Wir! Bleiben! Hier! Sie! Bleiben! Hier! Wir! Bleiben! Hier! Selbstverständlich fiel ich meinen Schwestern in den Rücken, die diese geballte Renitenz hinter ihren Prosecco-Gläsern zu ignorieren trachteten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, nämlich den prognostizierten Regentag zur Heimreise in ihre staubentstellten Häuser zu nutzen: Querulantismus, meine Kernkompetenz bitte.
Das muss man doch unterstützen, rief ich. Entschuldigung, Schwestern, habe ich gesagt, wenn ihr das jetzt abwürgt, könnt ihr euren Kindern gleich das Rückgrat herausoperieren, dann seid IHR Schuld, wenn aus ihnen devote Duckmäuser werden, mutlose, apathische Befehlsempfänger, unfähig, ihren legitimen Forderungen Gehör zu verschaffen! Stimmt!, riefen die Kinder. Wenn ihr ihnen dieses erste gemeinschaftliche Dagegensein, diesen Mut zum Einspruch jetzt zum Misserfolg macht, prägt das ihre Zukunft! Ihr macht sie schwach! Ihr macht sie klein! Ihr macht sie feig! Das könnt ihr doch nicht wollen. Ja!, riefen die Großeltern! Na gut, seufzten die Schwestern. Gib mir fünf!, brüllten die Kinder.
Allerdings hätte ich am nächsten Tag nicht so lange schlafen sollen, denn anders als tags zuvor, als ich, kein Scheiß, um 9.21 Uhr in der Früh von Sektkorkengeknalle meiner Morgenlektüre entfremdet wurde, zwangen sie diesmal, HUR!, ihre Kinder mit brutalen Bestechungmaßnahmen in einen Umdenkprozess, der in allgemeiner Abreise endete. Kinder sind ja so korrupt. Tja, schade, wenn ihr meint. Ja, wir meinen. Ich meinte dann auch, weil die Aussicht, meinen Schwestern einen Regentag lang beim anschwellenden Unrundsein Gesellschaft leisten zu dürfen, machte mir ein wenig Angst. Soviel Prosecco habe nicht einmal ich im Keller. Also stellte ich mich mit den Kindern an die Straße und wir winkten ihnen lange nach. Eins der Mimis weinte sehr, und wurde am Rückweg zum Haus, wohin ich es mit mit mütterlichen Trostworten leitete, auch noch, HUR!; von einer Wespe gestochen. Aber danach, als das Weinen mithilfe einer halben Zwiebel, zwei Packerl Gogos und einem Kinderfilm verebbte, war es: still. Ich lauschte dem Regen, den Birnen, die auf die Wiese platschten, dem Wind in den Bäumen und dem Nachbarn. HUR! Tja.
5.08.09
Du kannst natürlich nein sagen, überhaupt kein Problem
Der Lange ist nach insgesamt 18 Stunden geflüchtet; hat sich ins Auto gesetzt und ist bis auf weiteres nach Wien gefahren. 18 Stunden sind heldenhaft, 18 Stunden sind entschieden mehr, als ich ihm zugetraut habe. Ich habe gesagt, folgendes, sie kommen irgendwann am Nachmittag, dann ist eh erstmal Hausumbauen, Kuchen, Prosecoo und Bekannte ausrichten. Am Abend Grillage, und am nächsten Tag hast du, sagen wir, um zehn einen Termin in Wien. Der Lange hielt dann aber viel länger durch und verabschiedete sich erst am Abend, da aber mit Halleluja.
Ursprünglich ausgemacht war: Meine Schwestern kommen mit ihren Kindern, also zu sechst. War dann aber schon seit Wochen ein Gestöhne am Telefon: „Phhh, so ein weiter Weg von Vorarlberg zu dir, und das mit den Kindern.“ „Ich weiß, ich bin ihn in den letzten sieben Jahren im Zug mit zwei kleinen Kindern, lass mich kurz überschlagen, 25 Mal hin und 25 Mal retour gefahren.“ „Jaja, aber du bist es ja gewohnt. Es wäre jedenfalls viel einfacher, wenn man mit dem Zug ins Waldviertel fahren könnte. Mit den vier Kindern hinten im Auto, das wird furchtbar. Mit dem Zug wärs ÜBERHAUPT kein Problem.“ „Ich weiß, deswegen wart ihr, lass mich kurz überschlagen, in den letzten Jahren genau einmal bei mir in Wien.“ „Entschuldigung, wir hatten halt keine Zeit.“ „Ja, eh, für eine voll erwerbstätige Freiberuflerin wie mich ist es ja leicht, immer wieder tage- und wochenlang woanders zu sein, für zwei Hausfrauen dagegen, gar nicht auszudenken, wie eure Häuser ausschauen werden, wenn ihr sie drei Tage lang nicht gesaugt und eure Männer, wenn ihr ihnen drei Tage lang nicht die Hemden gebügelt habt.“ „Lustig.“ „Ja, ich freue mich auch total auf euch.“
Vor einer Woche haben sie mir ein Mail geschickt. Also, sie können praktisch nicht mehr schlafen, vor lauter Horror vor dieser endlosen Autofahrt, und die Eltern wollten doch eh auch demnächst einmal wieder kommen, und jetzt haben sie sich gedacht, wenn die gleich mitkämen, dann könnte man die Kinder in zwei Autos aufteilen, das wäre unendlich viel leichter, und es wäre doch so super, wenn wir wieder mal alle ein paar Tage beeinander wären, und sie haben auch schon in der Pension da bei uns im Ort angerufen, die haben noch Zimmer frei, aber man könnte sich auch so, so und so im Haus verteilen, alles überhaupt kein Problem, und der Opa mit den Kindern, da sind wir doch alle super entlastet, ich soll mir das doch überlegen und ich kann natürlich auch nein sagen, selbstverständlich, überhaupt keine Sache, wenn ich nein sage.
Ja, sicher. Nicht einmal die Schottermizzi könnte nein, sagen, wenn man ihr mit so einem Asylantrag kommt. Jetzt sind sie alle da, und wir bestaunen die interessanten Effekte, die beim Zusammenprall von einem Wiener und drei Vorarlberger Lebensstilen in einem Haus entstehen. Gut ist, dass wir genug Alkohol im Keller haben, und er geht zügig weg.
Letzte Woche habe ich irgendwo gelesen, ich sei für Boote ungeeignet und hätte es mehr mit Ufern an und für sich, dafür nicht mit Abenteuern. Mei. Kompletter, völlig daherfantasierter Schwachsinn, bitte. Erst diesen Samstag bin ich in einem schmalen Polyethylen-Boot zwölf Kilometer den stark wasserführenden Kamp hinabgepaddelt, von Steinegg bis Rosenburg, es gibt dafür zuverlässige Zeugen. Boote sind nämlich toll, und fester Boden unter den Füßen wird stark überschätzt. Das Paddeln war lässig, bis auf den Anfang, als ich es lernen musste und relativ sicher war, dass man mich nachher tot aus dem Fluss fischen würde. Ging dann aber gut. Das Ufer sah schön aus, so von der Flußmitte aus, einsam, waldig, tiefgrün. Fische sprangen. Enten flogen auf. Eisvögel querten. Umgestürzte Weiden ragten ins Wasser. Der Polz erwischte eine, kippte um und verlor sein Boot, der Lampl hat es dann gerade noch erwischt. Und: Ich kippte nicht. Ich konnte es einigermaßen. Ich drehte mich einmal im Kreis und rammte ein paar Felsen, aber ich blieb oben. Das Boot und ich, wir konnten miteinander, und was lernen wir daraus: Irgendwann hat man das Alter erreicht, da kann einen eigentlich nichts mehr überraschen. Überrascht man sich halt selber.
Man weilt wieder im idyllischen Waldviertel. Es ist sehr schön. Jeden Morgen, Punkt sechs, wirft einer der Nachbarn seine Motorsense an, und mäht ein großes Stück seiner Wiese. Wenn er irgendwo hängen bleibt, brüllt er. HUR! DRECKIGE HUR! So wacht man gerne auf. Um halb sieben pumpert der Nachbarsbub an die Tür, weil er ist schon lange wach und findet, wir sollten das auch sein. Wenn der Nachbarsbub einmal da ist, bleibt er das, bis es dunkel ist oder man neue Gesetze erlassen hat. Neue Regel, Stefan, sage ich, du kommst nicht vor zehn und gehst um sieben, Mittagessen, Jause, zwei Eis inklusive, und wenns sein muss, nehme ich dich auch mit zum Baden, aber vor zehn kommst du nicht. Der Nachbarsbub akzeptiert murrend und spielt dann ab neun in unserer Schaukel Nintendo, bis ihn jemand erlöst, worauf er meldet, dass sein Frühstück jetzt schon lange her ist und er nun tüchtig Hunger hat. Das ist so zuverlässig wie der Steuerbescheid, außer die Horwaths sind da, dann geht er zum kleinen Horwath, der ihn zwar gerne ein wenig schikaniert, aber immer noch besser als mit Mädchen spielen. Außerdem nimmt ihm dort niemand seinen Nintendo weg. Wenn keins von den Wiener Kindern da ist, spielt er 16 Stunden am Tag. Er SPRICHT mit dem Nintendo, und, wenn er einmal aus irgendeinem Grund Nintendo-Verbot hat, ersatzweise mit der Gebrauchsanleitung, ich habs mit eigenen Augen gesehen.
Unseren medial vergleichsweise unverwöhnten Kindern aber zeigte der Lange auf deren ausdrücklichen Wunsch Michael Jacksons „Thriller“-Video. Danach hatten wir sie drei Nächte bei uns im Bett. Das machen wir nicht mehr.
Um sieben Uhr früh sitze ich mit einer Tasse Kaffee auf einer steinernen Treppe und schaue hinaus aufs Meer. Die Kinder schlafen noch. Das Meer ist unvorstellbar blau. Es ist still, nur die Zikaden brüllen in den Föhren und weit draußen tuckert ein Fischer vorbei. Von rechts nähert sich ein schlankes Ruderboot mit einer langen, dürren Gestalt darin. „Guten Morgen“, sage ich. „Guten Morgen“, sagt der Xaver. „Wo ruderst du hin“, sage ich. „Steig ein und finde es heraus“, sagt der Xaver.
Sie kennen den Xaver von daher, dass ich einmal mit einer goldenen Heugabel seine Wiese geheut und dabei mit ihm über Dylan und dergleichen geredet habe. Während ich jetzt mit meiner Kaffeetasse vor dem Xaver in seinem Faltboot sitze und mich der Sonne entgegenrudern lasse, erzählt der Xaver meinem Rücken, wo er und der Gery mit dem Boot schon überall waren. Einmal waren sie auf Teneriffa und haben in der Morgendämmerung nach Gomera hinübergeschaut. Der Xaver sagt, er hat gesagt, dass das höchstens 25 Kilometer sind, das packen sie in nicht einmal zwei Stunden. Der Gery, sagt der Xaver, hat genickt, wie es so die Art vom Gery ist, du kennst ihn ja. Ja. Also sind sie, sagt der Xaver, in das Boot gestiegen, mit einer Orange und einer Flasche Wasser. Wie es wieder dunkel geworden ist, hatten sie Gomera immer noch nicht erreicht und erst wie es schon ganz dunkel war, gelangten sie irgendwie an Land. Normal wären der Gery und ich jetzt tot, sagt der Xaver, und dass er das Faltboot danach drei Jahre nicht mehr zusammengebaut hat. Wann war das?, sage ich? Wart, sagt der Xaver, ich glaube, 1996. Aha, sage ich. Was ist das für eine Insel dort drüben, die mit dem Leuchtturm?, fragt der Xaver und deutet mit dem Paddel auf eine dunstige Erhebung am Horizont. Unbewohnt, soviel ich weiß, sage ich, soll einen schönen Sandstrand haben. Schauen wir sie uns an, sagt der Xaver, in einer halben, höchstens einer dreiviertel Stunde sind wir drüben. Ich denke, ich sollte einmal nachsehen, ob die Kinder schon wach sind und Hunger haben, sage ich. Na gut, sagt der Xaver, dann vielleicht morgen. Ja, morgen vielleicht, sage ich.
Ich bin aber nicht mehr in das Boot eingestiegen. Der Xaver hat irgendwann ein winziges Segel daran befestigt und ist um das Kap gesegelt, aber ohne mich. Ich habs nicht so mit Booten. Oder mit Abenteuern. Das Schlauchboot der Kinder, ja, passt, bissl über die Kindergeschreigrenze rudern, bissl in den Himmel schauen, perfekt, aber sonst ist Ufer als solches für mich absolut ausreichend. Am besten um sieben Uhr früh, wenn es ganz still ist.
Jetzt: The weißbrotfaced Woman ist wieder da. Zwei Wochen makelloser Strandurlaub, nothing to write home about. Das dachten sich auch die Kinder, die der Oma in der Autobahnraststätte Gralla mit erheblichem Widerwillen noch schnell eine Karte schrieben. „Liebe Oma, ich war in Krowazien. Mimi 1.“ „Ich auch. Mimi 2“. Brav, Kinder, und JAAA!, die Belohnung kriegt ihr dann.
Weil ich einmal in der Nacht richtig lange wachlag. Ich lag wach und verschob Sorgen. Draußen gings schon los mit dem Getrillere. Die Sorgen wurden nicht weniger durchs Herumgeschiebe. Es fängt übrigens immer der unmusikalischste Vogel mit dem Gelärm an, furchtbares, völlig dissonantes Gequietsche, erinnert ein bissl an den frühen Kurzmann in den Neunzehnneunzigerjahren. Alle anderen spielten schöne Harmonien oder ließen die Walls of Sound tuschen, und Kurzmann ließ die Tröte in Ihrer unmittelbaren Dringlichkeit sprechen. Mit Kurzmann war ich dann Facebookmäßig auch wieder befreundet, ich konnte sehen, wo und mit wem er sich gerade in der Welt herumtreibt, immer noch gern im Beisein eines Saxophons. Als ich ihn letztes Mal, irgendwann im Winter, einmal spielen hörte, klang es aber richtig schön; möglicherweise hat mein musikalisches Harmoniebedürfnis eine Entwicklung oder Umorientierung erfahren und den ersten Vogel Kurzmann jetzt unter „Wohlklang“ abgespeichert. Ich weiß nicht. Den konkreten ersten Vogel in den Bäumen jedenfalls nicht. Grundgütiger; was für ein Versager. Was so pfeift, sollte lieber kein Vogel werden. Ich meine, finden das die anderen Vögel akzeptabel? Als Wecker wohl schon, denn kaum hat der erste Vogel seine ersten, furchtbaren Töne in die Welt getrötet, setzen sofort die talentierteren ein; vermutlich, um ihn zu übertönen
Das war einerseits natürlich nett, einen wie den Kurzmann wieder präsent zu haben. Sehen, was der so macht. Nicht dass es wichtig wäre. Und nicht dass es wichtig wäre, irgendwelchen anderen bei irgendwas zuzusehen. Man macht es aber. Ich hatte 789 Freunde. Ich kannte ihre Kinder und ihre Katzen. Ich war bei ihrer Arbeit dabei, bei ihren Partys, bei ihren Hochzeiten, bei den Hochzeiten ihrer Freunde, bei den Scheidungen ihrer Eltern, und, Himmel, bei ihren Geburten. Ich fühlte mich wie ein Spanner, wenngleich ein eingeladener. Trotzdem: Geht’s mich was an? Und bringts mir was? Nix. Plus: Man kommt dann ja zu nichts mehr. Bespitzeln Sie einmal 789 Leute, daneben gehen sich zwei Kinder, zwei Haushalte und zwei Erwerbsarbeiten knapp nicht mehr aus. Das setzt einen insgesamt so unter Stress, dass man den ersten Vogel, den Trottel, dann immer öfter hört. Vor allem, wenn einem klar wird, dass die alle zurückspannen. 789 Menschen in meinem Nacken, die mir zuschauen, wie ich mit meinen echten Freunden parliere, und 699 von denen kenne ich nicht einmal. Ich meine, ich exponiere mich schon so genug; und wen das interessiert, der soll den Falter kaufen. Ich mach mich ja nicht gratis zum Idioten. Und ich bin in Wirklichkeit schüchtern, fragen Sie meine echten Freunde.
Bin ich raus aus dem Bett und habe im Morgengrauen meinen Account gelöscht. Es fühlte sich befreiend an, und zwei Monate später tut es das immer noch. Den ersten Vogel hab ich jetzt schon ewig nicht gehört.
Leser N. macht mich in etwas bitterem Ton darauf aufmerksam, dass übrigens des verbfreie Sprechen schon vor Jahren von einem gewissen Wolf Haas in den Rang der Literatur erhoben wurde. Ja, eh! Und nicht, dass man das damals nicht schon adjektivreich gewürdigt hätte! Allerdings war man da noch nicht von Kinderrudeln umzingelt, die einen durch kollektiven aggressiven Verbverzicht in ein Oberlehrerklischee verwandeln, das den Rotstift praktisch permanent im Munde führt. Was jetzt zugegebenermaßen eine Metapher ist, die ein wengerl Rotstift vertragen könnte. Aber ich kann nichts dafür. Denn während die Kinder nur ein paar Wörter auslassen, möchte ich jetzt gern einmal eine Zeitlang auf alle Wörter verzichten, weil ich, wie ich unlängst beim Längenabarbeiten im Stadthallenbad überschlug, seit letztem Juli ungefähr 330 Texte geschrieben habe, aus insgesamt so circa 145.000 Wörtern. Ich bin ausgeschrieben, völlig leer. Da ist nichts mehr drin. Und das ist, auch wenn Sie wegen pflichtschuldigsten Vorarbeitens nichts davon merken, der letzte Text für zwei Wochen, ich mache jetzt Ferien. Fe.Ri.En. Ich schreibe jetzt 14 Tage lang gar nichts, nicht einmal einen Einkaufszettel. Nichts, habe ich gesagt.
Obwohl, das sage ich immer, und am Schluss verderben sich viele Leute die Augen bei der Lektüre von Ansichtskartenn, die eine Frau, von der sie seit einem Jahr nichts gehört haben, in winziger Psychopathenschrift mit einem 0,18er Rotring vollgekritzelt hat, und zwar weit über den Strich hinaus, unter dem die Post das Beschriften unter Strafe verboten hat. Das Gekritzel materialisiert sich zu elegischen Betrachtungen exotischer Gerichte und pointierten kleinen Schwänken zu den lokalen Bräuchen, was einen gewissen Reiz hatte, als der Lange und ich noch in entlegenen Teilen der Welt herumwunderten und die lokalen Alkoholika verkosteten. Seit wir jedes Jahr am selben kroatischen Ort im selben Haus mit den selben Horwaths unter dem selben Olivenbaum die selben Aussicht auf den selben Meerausschnitt genießen (genießen: ein grausiges Wort. Aber ich bin so fertig, mir fällt kein besseres mehr ein.) und in der selben Bar das gleiche Karlovacko trinken, hat die Sache für das pt. Publikum möglicherweise ein Alzerl an Reiz und verloren, fragen Sie Wolf Haas.
Aber heuer ist das egal, heuer wird das nicht passieren, weil heuer werde ich im Urlaub keine einzige Zeile schreiben. Kein Wort. Und keine einzige Zeitung lesen. Es wird mich null interessieren, was in Österreich und in der der Welt passiert, und ich werde nicht einmal die Idee einer Meinung dazu haben, mir völlig egal. Und ihr brauchts gar nicht in die Post schauen, ist nichts drin. Ich werde auf dem Wasser liegen und leer und immer leerer werden und ins Blaue schauen, bis ich nichts mehr sehe. Bis die Flut kommt. So wird das sein, und gut wird es sein, ja.
Die 85jährige Nachbarin aus dem ersten Stock fragt mich, ob sie dem Langen etwas getan hat. Oder ob der Lange sie leicht nicht mag. Nicht dass ich wüsste. Weil immer, sagt die Nachbarin, grüßt sie den Langen freundlich und immer brummt der nur unfreundlich zurück.
Ah ja. Kenn ich schon. Schon wieder nichts Neues in meinem Leben. Der meint das gar nicht so, erkläre ich der Nachbarin, der ist einfach so, der kann nicht anders, das Grummelige liegt dem in der Natur. Wenn der ganz normal aufgelegt ist, wirkt das auf andere so, als sei er auf dem Weg zu einer Bluttat, und wenn er glücklich ist, erkennt man das an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Und das Brummen, das er Ihnen aus dem Gestrüpp seiner Kinnregion schickt, bedeutet: Ihnen auch einen schönen guten Morgen, liebe Frau Weiß, ist es nicht ein herrlicher Tag?
Eins der Kinder hat das auch. Klarer Fall von Vererbung. Grundstimmung: ruppig, muffig, spröde, mit viel Ausbau-Potential ins Saugrantige. Aber sonst sehr lieb eigentlich. Ich weiß noch nicht, wie ich das Kind beim Abreagieren unterstützen soll: Der Lange hat jetzt eine Spitzhacke, aber für eine Siebenjährige ist das suboptimal. Eine Freundin probierts bei ihrem ähnlich veranlagten Kind mit Lach-Yoga, aber ich bin ja eher nicht so yoga-affin. Wenn es bei anderen wirkt, toll; bei mir greift das nicht. Der Lange reflektiert auch wenig auf meditative Selbstkalmierungstechniken, jetzt einmal abgesehen von abendlichen Naturbetrachtungen bei Bier. (Immerhin, dabei entdeckt der Lange viel Schönes: Kinder, kommt schnell, schaut, da drüber ist ein Wildschwein! Wo. Da, da drüben, am Waldrand! Wo. DAS BRAUNE DA, GENAU VIS A VIS, KRUZIFIX! Das ist ein Hund. DAS IST KEIN HUND, SEIDS IHR ALLE KOMPLETT BLIND!? Papa, das ist ein Hund, hörst du, jetzt bellt er. Grummel, brumm.)
Nicht nur aufgrund einer vom Langen strikt ignorierten Sehschwäche begrüße ich es, dass er nun die Spitzhacke als sein neues Lebenswerkzeug entdeckt hat. Viel besser, der Lange reagiert sich mit der Spitzhacke ab als mit der Kettensäge. Man kann sich zwar auch mit einer Spitzhacke weh tun, aber mit der Kettensäge effizienter. Die Kettensäge steht in des Langen Werkzeug-Rangliste jetzt zum Glück auf Platz drei, erstens Spitzhacke, zweitens Danelectro, drittens Stihl, was mich stark beruhigt, weil ich zehndäumige Doppelinkshänder mit rustikalem Charakter und ohne besonderes Talent im Technischen plus Kettensäge für eine relativ erhebliche Gefahr für Leib, Leben, Haus und Garten halte. Mit der Spitzhacke dagegen hat er jetzt schon zwölf Thujen-Wurzeln und einen einbetoierten Zaun aus der Erde gehauen und einen Stein-Weg zum Schuppen gemacht, das tut ihm richtig, richtig gut: Ich sehs an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Wenn wir jetzt noch dem Kind sein Werkzeug finden, werden wir noch eine richtig fröhliche Famile, passts auf.
Fk: Super Mario. Die aktuelle Niederlage im meinem niederlagsreichen Leben. Das kann ich nämlich auch nicht, wie ich Sudoku nicht kann, und den Zauberwürfel nicht. Die Mimis, und das sind die einzigen Konversationen, die wir derzeit mit ihnen führen, versuchen eh, es mir zu erklären: Da musst du hüpfen, das musst du kriegen, da pack es, neeeeiiiiiiin! Wieder keine zwei Leben erwischt, wieder kein Riese geworden, wieder nicht alles niedertrampeln dürfen. Wieder tot. Auch Super Mario ist nichts für mich.
Und Nintendos sind nichts für Kinder: Seit die Mimis je einen besitzen, weiß ich das noch besser. Nintendos sind etwas für Erwachsene, weil die sich nämlich, wie wir schon bei der Mimi-Geburtstagsparty feststellen konnten, in Ruhe alkoholisieren und anderen Erwachsenensachen widmen können, während sich alle Kinder in Trauben um die zwei oder drei versammeln, die auf einem Nintendo herumdrücken. Sie sehen dabei weit weniger intelligent aus, als wenn sie jetzt zum Beispiel eine Sandburg bauen; auch das weiß ich genau, denn davor waren wir mit der ganzen Party-Partie am Spielplatz. Einem kleinen Spielplatz. Die Siebenjährigen stellten sich an den Rand der Sandkiste und sprachen: Entschuldigung, aber was mache ich hier? Du spielst. Du meinst, ich soll da reingehen und mich schmutzig machen wie ein Kleinkind? Das wäre eine Möglichkeit; wir können aber auch Topfklopfen. Die Siebenjährigen starrten mich mit einem Was-will-die-Geisteskranke?-Blick an, weil Topfklopfen, Entschuldigung, babyischer geht’s ja wohl nicht. Rück die Süßigkeiten einfach so raus; und holst du bitte die Nintendos herunter? Nein. Dann gib den Topf her, wir brauchen Wasser, wir müssen den Dings einbetonieren. Bitte gern. Es wurde eine ausgefieselt schöne Sandburg, mit Wassergräben und Türmen und statisch einwandfreien Tunneln, und zwar völlig ohne mein Zutun.
Seit danach sind die Mimis praktisch nicht mehr da: Sie sitzen abwesend auf dem Sofa und sprechen mit ihren Computern. Jetzt geh da! Juchuuu! Scheiße, ich bin schon wieder tot! Es ist beängstigend, aber der Plan geht so: Eine Woche spielen sie, soviel sie wollen, danach brutales Reglement. Selbstverständlich hegte ich die Illusion, dass meine Kinder, meine Kinder nämlich, das Gerät schon nach wenigen Stunden weglegen und bekannt geben würden, das werde ihnen jetzt allmählich zu blöd, sie wöllen nun wieder etwas Kreatives tun. Passiert natürlich überhaupt nicht, und wieso auch, sie entstammen schließlich einer Klein-Dynastie von Computernerds und Süchtlern, denen das Talent zur Mäßigung nicht gegeben ist. Also zum Beispiel ihre Mutter musste sich mit schmerzhaften Schnitten zuerst vom Rauchen und danach vom Facebook abschneiden, weil ein bisschen geht einfach nicht. Es geht nur volle. Bis Mittwoch noch, Mimis. Dann will ich eure Gesichter wieder sehen, auch wenn schmerzverzerrt sein werden.
Der Lange liegt mit dem kranken Mimi im Bett und zeigt ihm am Laptop AC/DC-Videos. Das Kind wirkt so glücklich, wie ich es von unseren Kindern, wenn sie ein AC/DC-Video sehen, erwarte, und will nun doch Gitarre lernen. Das ist gut; denn wenn sie im Herbst Gitarrenunterricht nehmen, muss ich nicht mehr mit dem schlechten Gewissen leben, dass ich meine Kinder vor allem zum Fußball und zum Judo schicke. Statt mich um die Förderung ihres musischen Talents zu kümmern, wie es gute, verantwortungsvolle Eltern tun würden, und zwar egal, ob in ihrem Kind ein musisches Talent verborgen liegt oder nicht. Und ich hätte ja gerne, dass die Mimis ein, zwei und dann vielleicht sieben Instrumente beherrschen, dass sie irgendwann virtuos Klavier oder in einem Orchester spielen können. Aber damit sie irgendwann virtuos Klavier spielen können, müsste ich sie schon jetzt jeden Tag vom Spielen, Fußballen, Balgen und Herumdüsen abhalten, und stattdessen mit ihnen das Instrument üben. Ich finde aber, dass siebenjährige Kinder ihre Nachmittage lieber mit Herumgespiele und sozialer Interaktion verbringen sollen, als mit konzentriertem Lernen und Üben, nur führt es halt wahrscheinlich dazu, dass sie keine Konzertpianisten werden. Allerdings können sie sich von ihrem Vater abschauen, dass es komplett unnötig ist, ein Instrument zu beherrschen oder auch nur singen zu können, um Frontman einer Band zu werden und wiederholt Tonträger zu veröffentlich; ja, dass zu große Kunstfertigkeit am Instrument im Gegenteil den Geist des Rock`n`Roll übel kontaminiert, wie der Lange gerne predigt. Oder hat man am Konservatorium je die Hells Bells erklingen hören? Eben. Es hat alles zwei Seiten.
Weil ich gerade die Zahl sieben erwähnte. Es naht das Wiegenfest der Mimis, und was ist? Am Tag der Feierlichkeiten, die dieses Jahr in einem Freibad stattfinden sollen, ist mit schweren Stürmen und Temperaturen unter zwanzig Grad zu rechnen. Das heißt, dass ich in der Wohnung Platz für ca. 22 Kinder plus ihre Erziehungsberechtigen schaffen muss. Wobei, das geht alles noch, richtig schwierig wird es, dann den heiteren und gelassenen Eindruck zu erwecken, den man von einer alltagsgestählten Mutter während der Party ihrer eh nur zwei Kinder erwartet, und leider sollte sie dabei nicht lallen. Und nicht mir ihrem Lebensgefährten streiten, was sich im Kinderpartystress gerne aufdrängt, wenn der Lange schließlich findet, er habe nun genug geschuftet, sich auf seine seine Kernkompetenz besinnt und mit den anderen Vätern beim Bier lustig plaudert. Die Eltern, die uns davor noch nicht gekannt haben, werden am Heimweg finden, dass der Vater ein heiterer und gelassener Kerl ist, aber die Mutter stresst leider entsetzlich, und hat die nicht gelallt? Die hat doch gelallt! I´m direkt on the highway to hell, aber das ist jetzt auch nichts Neues.
Das Problem mit den Süßigkeitenverstecken im Kinderzimmer hat sich jetzt insofern für alle Zeiten erledigt, als in einem davon eine Fleischfliege ihr Nest gebaut und ein paar Dutzend Eier ausgebrütet hat. Nachdem ich vor den Augen der Mimis ungefähr 40 fette und zum Glück noch nicht komplett flugtüchtige Fliegen erschlug, räumten die Mimis ihre diversen Geheimlager freiwillig aus; zumindest die, an die sie sich noch erinnern konnten. Die Liste der noch anstehenden Erziehungsaufgaben wurde also mit tatkräfitger Unterstützung der Natur um eins verkürzt. Einiges steht dagegen noch aus. Auf der Das-gewöhnen-wir-uns-ab-Seite: Nägelbeißen, Lügen, Stehlen, Zündeln, Jausenvollkornbrote gegen Milchschitten tauschen, bösartiges sams- und sonntägliches Frühaufstehen, scharfkantige Legoteile unter den frisch pedikürten Sohlen der Eltern deponieren, vorsätzliches Hausaufgabenhefte vergessen, Kreischen auf dieser Mörderfrequenz. Auf der Das-lernen-wir-noch-Seite: regelmäßige Betätigung der Klospülung, Händewaschen, Zähneputzen, Gemüseessen, Zimmeraufräumen, Befehlebefolgen, mucksmäuschen still am Rücksitz sitzen und die vorbeifliegende Natur bewundern, den guten Eltern stets dankbar sein.
Aber nicht nur die Fauna unterstützte die Erfüllung von Elternwünschen, auch der ORF. Leider ist Dancing Stars, das über die letzten Wochen in unserem Haushalt eine Blitz-Karriere als beliebtestes Druckmittel zur Durchsetzung von Forderungen machte, jetzt aus: Mit befriedigendem Ergebnis für eins der Mimis und zum sehr großen Unmut des anderen, das es extrem unlogisch fand, dass Ramesh Nair nicht Dancing Stars werden durfte, weil er tanzen konnte. Darum geht’s doch, schimpfte das Mimi und malte dem aus einer Zeitung gerissenen Inder über seinem Bett gerade extra einen Heiligenschein. Gemein!
Ach, ja, gemein: Ich habe Sedlacek ein SMS geschickt, dann hat mir Sedlacek ein SMS geschickt. Das SMS war beleidigend. Das SMS war unheimlich beleidigend. Wahrscheinlich habe ich nie zuvor in meinem ganzen Leben ein beleidigenderes SMS bekommen, nicht einmal von Sedlack, der bekanntlich sehr nah an der Beleidigung gebaut ist. Aber diese SMS war so unvorstellbar, ja obszön beleidigend, dass ich Sedlaceks nächste vierzig, nein, HUNDERTvierzig SMSe ignorieren werde. Und mindest 200 Mal hebe ich nicht ab. Ich freue mich richtig darauf, nicht abzuheben, ein Strichelliste werde ich mir anlegen, weil ich unter keinen Umständen weniger als 200 Mal nicht abheben werde, und vielleicht werde ich danach auf 300 erhöhen oder auf 350; genetische und austrologische Voraussetzungen ermöglichen mir das. Und ganz bestimmt werde ich Sedlacek nie, nie niemals wieder an seinem Geburtstag ins Telefon singen, wie an seinem letzten, wo er vor Rührung fast ein Ei gelegt hat, das war das erste und letzte Mal, ja, ja, sagt ihm das ruhig, wenn ihr ihn seht, ist mir völlig wurscht.
Es war die Woche des Lebenswandelswandels. Zuerst deaktivierte ich mein Facebook-Konto, was von Facebook nicht akzeptiert wird. Ich werde offenbar weiter als ganz normales Mitglied geführt, allerdings als Arschloch, das mit allen seinen Freunden Schluss gemacht hat. Walter T. fragte bereits in einem traurigen Mail, warum ich ihn denn aus meiner Freundesliste entfernt habe. Habe ich nicht! Ich habe nur mich selbst entfernt; hat mich zu sehr abgelenkt.
Dann marschierte ich bei meinem Friseur ein. Friseur, sagte ich, künftig will ich glänzendes Haar. Ich will jetzt nicht mehr struppig sein. Mein Haar soll jetzt das Sonnenlicht zurückwerfen und in elastischen Naturwellen mein Antlitz umschmeicheln. Geht das?
Bei dem Friseur bin ich seit 15 Jahren. Ich fühle mich bei dem Friseur wohl. Er spielt schönen Countryfolk, während er meine Haare schneidet. Er tut, was ich will. Ich sage, so, so und so, und er schneidet so, so und so. Er quält mich nicht mit Styling-Tipps. Er ist taktvoll und erklärt mir nicht, was mir besser stehen würde, als so, so und so. Er sagt nicht, wie der Friseur der Schneebergerin, dass die Schneebergerin sich mehr pflegen sollte, langsam mal ein wengerl Sport machen, und einmal wöchentlich eine Haarkur, Minimum. Wenn mein Friseur irgendeine michbezügliche außercoiffeurliche Sorge hätte, dann wäre das höchstens etwas in der Art, ob ich eh genug trinke. Hat er aber nicht. Mit meinem Friseur rede ich über den Fink, das Waldviertel, die Kinder und die Konzerte, die man in nächster Zeit sehen sollte und nicht darüber, was für eine Frisur mir vielleicht besser stehen würde.
Und genau das problematisierte ich kürzlich im Zuge einer schlaflosen Nacht: Sollte ich andere Haare haben? Längere? Elegantere? Und das vielleicht schon längst? Laufe ich seit Jahren mit falschen Haaren herum, weil mein Friseur so ein freundlicher, taktvoller Mensch ist? Sollte man einen Friseur haben, der einem fremde Frisuren, Haarpackungen und Stylingtipps aufdrängt?
Ich ließ mir die Haare ein wenig wachsen. Ich erwog, einmal die Friseurin ums Eck aufzusuchen, die den Mimis die Haare schneidet und uns am Heimweg immer zuwinkt. Aber was, wenn das dann auch nicht passt? Hoppel ich dann reuig zu meinem alten Friseur zurück? Und muss dann jeden Tag einem Umweg machen, aus schlechtem Gewissen der netten Friseurin gegenüber?
Die Unübersichtlichkeit der Problemlage bewog mich letzten Mittwoch gegen neun dazu, mir die Haare selbst bissl zu schneiden. Gegen halb zehn rief ich meinen Friseur an und bekam einen Termin um drei. Erstens, sagte ich, ist mir ein kleinen Missgeschick passiert, und zweitens mach mir bitte glänzendes Haar, ich werde auch nicht mehr die Silikon-oder-was-Paste verwenden, die schon seit Jahren dein Misstrauen auf sich zieht. Mein Friseur sagte: Bitte gern, wie soll es sein? So, so und so, sagte ich, und wer ist das, der da singt?
Weil unser verblendetes Kindsvolk unbedingt beim Wien-Marathon mitlaufen will (Kinderlauf, Medaille), dürfen wir nicht ins Waldviertel fahren. Nicht in der Scholle wühlen. Nicht am Lagerfeuer Wein trinken. Nicht den gruseligen Rohbau der Nachbarn hinter fette Platanen oder ins nächste Dorf imaginieren. Das von studierten Metereologen versprochene schlechte Wetter, das diesen Umstand leichter verschmerzen ließe, bleibt aus: Die Sonne lacht am Freitag, die Sonne lacht am Samstag, also treffen wir uns, wenn wir schon in der Stadt sein müssen, wenigstens mit den Finks zum Mittagessen im Kent. Der Fink kommt zuerst und informiert uns gleich darüber, dass er jetzt ein neues Daseinskonzept hat, er will künftig grantig sein. Das ewige Lustigsein habe sich abgenutzt, fertig jetzt. Das macht mir keine großen Sorgen, weil im genetischen Bauplan vom Fink zwar vielerlei lustige Abweichungen von der humanoiden Standardverfasstheit vorgesehen sind, aber Grant gehört nicht dazu. Grant müsste der Fink sich in eigenen Grantkursen mühsam aneignen, dafür ist er zu alt und zu träge.
Dann kommt das Kind vom Fink mit der Frau Fink, die ist auch grantig, aber echt, und zwar aus zahlreichen überaus nachvollziehbaren Gründen, von denen, sage ich einmal, die meisten im Kontext ihres Zusammenlebens mit dem Fink stehen. Aber die Finks kennen wir schon so lange, dass das wurscht ist, wenn sie beim Mittagessen einmal grantig sind, und schließlich erleben die uns auch nicht immer sonnig; also mich schon, aber den Langen nicht. Der Lange hat das Grummelige nämlich im Unterschied zum Fink außerordentlich in der Genetik, wenn man nicht überhaupt vom Grummeligen als des Langen charakterlichem Fundament sprechen will. Und schlimm ist es ja nur, wenn die immer sonnigen Paare bei so einem Essen plötzlich übereinander herfallen, so dass man den Wunsch, das Mittagessen ganz am WC zu verbringen, irgendwann gar nicht mehr unterdrücken kann. Bei den Finks und uns ist das nicht so. Wir sind einander gewohnt.
Alle essen das übliche, Omletts, Hühnerspieße, Köfte mit Pommes, nur ich bin mutig genug, den neu angebotenen Mozarella-Salat zu testen. Davon kann ich jetzt abraten. Dann müssen die Finkin und das Finkkind zu einem Kindergeburtstag, also überantwortet die Fink dem Fink den Wochenendeinkauf. An dieser Stelle versucht es der Fink kurz mit seiner neuen Daseinsidee, findet aber in seiner Frau einen in dieser Hinsicht gut trainierten und unbezwingbaren Gegner. Die Finkin sagt: Zwiebeln, Essiggurkerl, Erdbeeren und Lammkoteletts. Der Fink entsinnt sich einer seiner Abweichungen und ruft: Wo um ALLES in der Welt soll ich jetzt noch LAMMKOTELETTS herbekommen? Wir befinden uns, zur Erinnerung, mitten am türkisch dominierten Brunnenmarkt. Das ist unser Fink, so haben wir ihn lieb; auch wenn die Finkin die Augen rollt, und mit was, mit Recht.
Weil Sie gefragt haben: Das Schremser gibt’s beim Verde, in der Josefstädterstraße 27. Auch sonst gab es bezüglich der letzten Kolumne zig Fragen. Ausdrücklich beantwortet sei jene der Wahlpariserin Sigrid N., die entgeistert wissen will, ob das ernst gemeint sei, dass man von diesem Speck nur das Weiße esse, also das pure Fett? Ist es, werte Frau N., es heißt ja auch Lardo, was wir sehr leicht über das englische „lard“ also „Fett, Schmalz“ herleiten können und uns zu einer gleichnamigen Band führt, deren schönes Lied „Forkboy“ ich kürzlich nach Mitternacht im rhiz mit viel Zuspruch zur Aufführung brachte. Der Gabelbub passt mir auch thematisch gut ins Konzept, denn ich will diesmal eigentlich nur übers Essen reden. Fastenzeit: vorbei. Mein Horoskop sagt, es sei heute sowieso nicht mein Tag, ich solle mich bei Verhandlungen entschuldigen und das machen, was mir Freude bereite, und es macherte mir eine Freude, wenn ich, unter Beifügung von einem wengerl mildem Alkohol, ohne Unterlass essen könnte. Speckbrote. Lardobrote. Oder, wie die Waldviertler Marktfrau auf die Frage, wie man denn den weißen Speck da nenne, meinte: weißen Speck. Oder Speckspeck. Der Oberösterreicher nennt ihn Kübelspeck, hat es aber nicht so mit der Kräuter-Raffinesse bei seiner Herstellung, weil er serviert ihn eh mit dick darüber gestreutem Schnittlauch. Brauch ich nicht so.
Leider ist der Speckspeck aus. Die Speckjause hat hier in der Waldviertler Wochenend-WG eine so schöne Nachmittagstradition, dass man gar nicht so viel Speck im Eiskasten aufhäufen kann, wie sofort weggegessen wird. Das Gute ist, dass es davor ein Mittagessen gab und danach ein Abendessen geben wird, bei Kerzen- oder Gebrauchtwarenhändlerlichterkettenschein, je nachdem, ob wir bei den Horwaths essen oder bei uns. Letztes Mal, wie wir bei uns gegessen haben, ging mir beinahe das Besteck aus (weil das ersteigerte, typisch, nicht rechtzeitig geliefert worden war, der Gabelbub hatte wohl getrödelt) und vorübergehend standen sieben Erwachsene in unserer Küche und betrachteten versonnen ein großes, auf den Punkt gebratenes Stück Beiried. Wir vertrieben sie aber schnell, weil das große Stück Beiried wurde, nachdem es mit einer dicken Bärlauchschicht bedeckt und für kurze Zeit erneut in den Holzofen geschoben worden war, im Verbund mit einem Erdäpfelpüree und in Olivenöl gebratenem Wurzelgemüse am Tische in der lauschigen Laube tranchiert. Die Kinder verzichteten überraschenderweise auf das Gemüse und kriegten automatisch Würstel; wir wollten nicht, dass irgendwer das exorbitante Grün-Fleisch mit wäh und bäh beleidigte.
Was ich noch erzählen wollte: Unlängst habe ich, ich glaube, in der FAS, ein Tracey-Emin-Interview gelesen. Die Journalistin fragte Emin, ob sie sich denn mit dieser permanenten persönlichen Preisgabe in ihrer Kunst nicht „irrsinnig verletzlich“ mache. Tracey Emin antwortete: „Inwiefern?“ Ja. Haha.
Wie das Mimi aus der Schulgarderobe kommt, spritzt ihm schon das Gift aus den Augen. Es ist offensichtlich gedemütigt worden; und von wem, eh klar, von seiner Mutter. Es wurden nämlich in der Schule Eier gefärbt und seine Mutter hat ihm zweierlei: erstens braune Eier mitgegeben, was diesfalls allerdings die minderschwere Sünde bedeutet, zweitens aus Bodenhaltung. BODENHALTUNG!, heult das Kind der Mutter vom Rücksitz aus in den Nacken, meine Mutter kauft Eier aus BODENHALTUNG!, wie konntest du nur! Den ganzen Gürtel-Stau hindurch erklärt das Mimi seiner hirn- und herzlosen Mutter, was das bedeutet, wenn Hendln in BODENHALTUNG gehalten werden und wie die sich gegenseitig Löcher und in die Leiber, ja sich totpicken! Und wie sie nicht verstehen kann, wie ein Mensch so verantwortungslos, nein: BÖSE sei kann, Eier aus BODENHALTUNG zu kaufen! Wo es doch überall auch gute Bio-Freilandeier von glücklichen, artgerecht auf grünen Wiesen gehaltenen Hühnern gibt: Ist euch das alles egal?
Tatsächlich ist es natürlich so: Wenn es etwas auch in bio gibt, nehmen wirs in bio, bis auf ein paar Ausnahmen, die aber nicht ursprünglich mit unserer Bosheit zu tun haben, sondern mit unserem endenwollenden Haushaltsbudget. Wir glauben an ökologisch bestelltes Land, saubere Gewässer und gesunde Tiere, deshalb kaufen wir im Bauernladen oder radeln Freitags zu diesem suprigen kleinen Markt bei der Lerchenfelder-Kirche und verteilen unter den Händlern kleine Vermögen für glücklichen Lardo vom Mangalitzaschwein, glückliche Bio-Essiggurkerl und glücklichen Bio-Paprika. Ich mache mehrmals wöchentlich einen Umweg, um den lässigen Biohändler, mit dem ich jetzt per du bin, zu unterstützen, indem ich das Dreifache zahle wie im Supermarkt, und zwar gern, denn dafür gibt’s fantastisches Biobrot vom Kasses in Thaya, das Schremser aus der guten Waldviertler Familienbrauerei und absolut überglückliche Bio-Freilandeier, die ein grundgüter Biobauer dem glücklichen Biohuhn mit liebevollen Worten abverhandelt, gepützelt, gestreichelt, gekost und zärtlich in ihr Pappmaché-Schachterl gelegt hat. So ist es nämlich.
Aber wie ich letzten Dienstag das Biogemüse für das Bio-Wokgericht geschnippelt habe und eben die geraspelten Bioerdäpfel mit den Biozucchini zu Puffern zusammenmixen will, sind die glücklichen Eier aus. Nachbarin 1 ist nicht daheim und Nachbarin 2 ist nicht daheim, also zieh ich die Pfannen vom Ofen und mir nochmal Schuhe an, renne in den nächstgelegenen Supermarkt und kaufe die einzigen Eier, die es dort gibt. Und genau die sind noch im Kühlschrank, als die Mutter im Mitteilungsheft des Mimis die Nachricht entdeckt, das Kind habe bitte ein paar gekochte Eier zum Färben mit in die Schule zu bringen. Und jetzt sind wirs: ruchlose Hendlschänder, die marodierend durch Billigdiskounter ziehen; und das Kind gesellschaftlich ruiniert. Das pickt an uns wie Hühnerdreck, vermutlich für immer.
Am Freitag in der Früh habe ich mich über ein deppertes Mail so geärgert, dass ich drei stinkwütende Mails retournierte, worauf ich naturgemäß von etwa neun Hassmails betoniert wurde. Das passiert, wenn man sich schon um sechs Uhr früh zwischen gerechtem Zorn und buddhistischer Gelassenheit entscheiden muss. Um sieben, nach dem Kaffee, weiß man dann eh, dass man zuerst den Kaffee trinken, die buddhistische Gelassenheit wecken und dann auf das Mail nicht antworten sollte, aber tralala, zu spät. Natürlich vergiftet einem der frühe Zorn den ganzen Tag: Er macht, dass im Semmerl der falsche Leberkäs ist. Er macht, dass die Kinder im Auto aggressiv sind, weil eh, wie man in die Rückbank hineinruft, so schallt es heraus. Und er macht, dass im Waldviertel das Wasser nicht geht, und nicht nur nicht geht: es zerstört sich, während das Anstellen des Wassers misslingt, der Handpumpbrunnen vor dem Haus, und ohne den fließt im Haus kein Wasser. Haben Sie schon einmal einen Handpumpbrunnen repariert? Ich auch nicht. Es ist Freitagnachmittag, die Installateure sitzen schon in ihren warmen Whirlpools. Man wird auch dieses Wochenende, an dem man acht Leute zum Schweinsbraten-Essen und einige davon zum Übernachten eingeladen hat, kein Wasser haben. Darauf kann man auf verschiedene Arten reagieren; manche hocken sich neben den hinichen Brunnen und blatzen.
Ganz früh am nächsten Morgen kommt der Horwath mit dem großen Schraubenschlüssel. Wir schrauben den Brunnen auf, und schau an, das Leder innen ist hinüber, wir binden ein Schnürl herum, aber nix. Der Lange fährt mit dem Brunnenteil und genauen Horwath-Anweisungen zu einem Installateursladen, der zwanzig Kilometer entfernt offen hat. Der Horwath hat eine Idee und holt seine Tauchpumpe, hängt sie in den Brunnen, und hurra, das Wasser im Haus sprudelt los. Aus dem Wasserhahn und aus insgesamt sieben Frostlecks in den Rohren: vier im Badezimmer, eines im Gästezimmer, zwei im Wohnzimmer. Immerhin war das Karma damit soweit besänftigt, dass wir einen Notinstallateur erreichten, der den ganzen Samstag Nachmittag lang Rohre lötete, während wir den Indoor-See trockenlegten.
Das alles hängt, davon ich bin überzeugt, mit dem Freitagmorgenmail zusammen, und zwar nicht mit dem, das ich bekam, sondern mit dem, das ich dann zurückschrieb. Die Karmapolizei hätte gleich einschreiten müssen. Weil eh: Man muss zu allen freundlich sein, auch zu den Depperten, denn wenn man freundlich ist, kommt Freundlichkeit zurück. Selbstverständlich erfordern manche Deppertheiten energisches Gegendeppertsein; aber das war, wenn man es sich genau anschaut, eigentlich keine solche Situation. Es war eine Situation, wo man gelassen sagt, geht mir da rein, geht mir da raus und baba. Leider war der Zorn schneller wach.
Also habe ich am Montag früh ein abschließendes freundliches Mail an den geschickt, der mir das depperte geschickt hat. Und was ist passiert? Zwei Minuten später klingelt es an der Tür und die Post bringt ein Paket und es enthält ein Paar fantastische Sandalen. Und sie passen perfekt. Und das Wasser hält jetzt auch dicht.
Sie können mit dem Getstse wieder aufhören. Die letzte Woche war geprägt von überwältigender, ja einschläfernder Ereignislosigkeit. Nichts passiert. Keine peinlichen Performances. Nie ausgewesen, außer das eine Mal, wo ich mit den „Literats“ geprobt habe, und einmal Hauskonzert; Haus- nicht House-, ganz genau. Vor allem: Nicht geraucht, schon neun vollständige Tage nicht eine einzige Zigarette geraucht. Ich habe nämlich aufgehört, und nach sechs sehr kurzfristig gescheiterten Versuchen diesmal ernsthaft. Ich werde meinen Turm aus den nichtgerauchten Zigaretten-Schachteln jetzt weiterbauen, im November war er 173 Meter hoch, dann Baustopp, nun wächst er wieder täglich um 2,3 cm. Ich stinke weniger aus dem Maul, und mein Handekzem hat sich stark gebessert, seit ich mir nicht mehr alle halbe Stunde den Zigaretten-Gestank mit Seife von den Händen waschen muss, damit die Kinder meine Missetaten nicht erriechen. Allerdings habe ich jetzt nicht mehr so einen guten Überblick darüber, was unter meinem Balkon passiert. Nicht, dass viel Spannendes passiert wäre in der Zeit, einmal hab ich in der Nacht einen Mann gesehen, der Fahrräder fotografierte, das war, glaube ich, das Aufregendste. Abreagieren durch Anbrüllen von Hundebesitzern war auch nicht, weil die jetzt meistens ein Sackerl dabei haben, jedenfalls bei Tageslicht, und in der Nacht kann man aus der Distanz leider nicht genau sehen, was der Hund jetzt da gemacht hat, und es ist, das weiß ich zufällig, saupeinlich, wenn man einen Gassigeher mit Chili in der Stimme auffordert, dass er das gefälligst wegmachen soll, und der Hund hat nur gebrunzt.
Aber nicht einmal so eine kleine Peinlichkeit habe ich mir diese Woche zuschulden kommen lassen. Und sehen Sie, schon ist Ihnen fad. Und es geht so weiter: Gleich werde ich Ihnen erzählen, wie ich brav jeden Tag mit dem Kind Flöte geübt habe, wie die Mimis ihr erstes Buch ganz allein ausgelesen haben, wie ich bei ebay vier Thonet-Sessel um kein Geld ersteigert habe, wie ich ein paar neue Sofakissenbezüge nähte und wie mir vorgestern ein Kärntner Reindling gelungen ist: und man wird das Weiße in Ihren Augen sehen und Atemluft wird explosionsartig zwischen Ihren Lippen entweichen. Phhh, ist das öd. Und mitleiderregend; diese bemühte Beweiserballung braver Bürgerlichkeit. Und diese traurigen Alliterationen, meinerseel.
Bitte, wenn Sie mir bei echten Peinlichkeiten zusehen wollen, das geht, das können Sie, lesen Sie bitte das Kleingedruckte. Und die Thonet-Sessel sind in Wirklichkeit wahrscheinlich eh keine, so ein Pickerl ist ja schnell aufgepickt, und schon am Donnerstag oder so wird der Horwath mich deswegen schallend belachen. Es wird schon wieder alles normal hier, passen Sie auf.
Doris Knecht liest und singt am 1. April mit The Literats, Josef Haslinger, Mieze Medusa u.a. in der Roten Bar im Volkstheater, 22 Uhr.
Die kulturellen Höhepunkte der letzten Woche: Hermes, Kreisky und Thomas Maurer, und danke, es reicht jetzt wieder für ein Zeitl. Nicht inhaltlich, inhaltlich war da, dort und drüben alles im grünen, ja teils im frühlingsgrellen Bereich, aber die Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen überlappen meine Kampfkraft massiv. Immerhin kann ich von Maurers kollossalem „Aodili“-Abend (das schauen Sie sich bitte umgehend an, sobald es ihnen gelingt, Karten zu kriegen, ist nämlich zu Recht auf längere Sicht hin ausverkauft) folgendes sagen: ich stand aufrecht bis zum letzten Glas. Was ich vom Kreisky-Abend nicht behaupten kann. Vor den Zugaben, um halb drei Uhr in der Früh, wartete ich im Flex-Klo darauf, dass sich endlich eine Tür öffnen möge und wunderte mich, wie man von ein paar Sommerspritzern mit einem Mal so blunznfett sein kann. Das nächste, was ich sah, waren drei Neunzehnjährige, die besorgt auf die merkwürdige alte Frau herniederblickten: Alles in Ordnung? Ja, danke. Ich kann jetzt wieder aufstehen. Ich kann nur einen Kreislaufkollaps nicht mehr von einem Fetzen unterscheiden.
Früher konnte ich das. Früher wurde man hin und wieder, wenn es die Situation erforderte, aus dem Chelsea hinausgetragen und lernte schließlich, wie sich das anfühlt, wenn man jetzt dann gleich ohnmächtig umfällt, und was man dann tun sollte. Und was? Der Organismus hat es, das kommt von dem ständigen Regelmäßigessen und Zeitiginsbett, vergessen, nach nur zehn Jahren. Soviel zum Thema Körpergedächtnis. Aber ich habe eh nicht vor, derlei in näherer Zukunft zu wiederholen. Haben wir nämlich etwas daraus gelernt? Ja, haben wir. Zum Beispiel, dass ein Leberkässemmerl zu Mittag keine ausreichende Unterlage für einen multistatiönigen Gemma-Abend ist. (Nicht, dass wir das nicht auch schon einmal gewusst hätten.) Zum Beispiel, dass Rauchen auch schlecht für die Kreislaufstabilität ist. Zum Beispiel, dass man, wenn einem schlecht ist, direkt an die Frischluft soll, ohne Umweg aufs Klo.
Danach wollte mich der Zwei-Meter-Security-Riegel nicht mehr ins Flex lassen, obwohl ich einen Stempel auf meinem Unterarm vorweisen konnte. Das sei nicht der Stempel. Ich bellte ihn an, dass, Entschuldigung, dieser Stempel vom Chef persönlich appliziert worden sei, also dürfte ich BITTE!? Ich durfte. Viel später, als ich im Backstageraum eine Banane aß – immer gibt’s Obst in Backstageräumen und noch nie habe ich einen Musiker Obst essen sehen – erblickte ich auf meinem anderen Arm noch einen Stempel. Der wärs gewesen; Entschuldigung, Herr Security: Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld.
Das gleichnamige Kreisky-Album kaufen Sie sich übrigens bitte jetzt gleich. Und das alte dazu. Und Sie schauen sich ein Konzert von den Burschen an. Und den Austrofred im Rabenhof. Und kaufen die Bücher vom Austrofred. Und das Buch vom Franz Adrian Wenzl. Der Wenzl Franz ist definitiv State of the Pop-Art. Der Wenzl Franz hat das Talent, die Eier und den Stil. So muss das klingen, so muss das auschauen, so will man zum Lachen gebracht werden, so muss das im Bauch wirken und so im Kopf. So muss man das machen, genau so.
Jetzt hat eins der Mimis zwei Mal bei bei meiner Freundin Anna übernachtet und ist darob zu der Erkenntnis gelangt, dass Elternschaft ein soziales Konstrukt ist. Anna, deren Sohn schon aus dem Haus ist, steht den Bedürfnissen kleiner Mädchen extrem aufgeschlossen gegenüber: man darf bei Anna schon zum Frühstück fernsehen, spät Nachts mit dem Handy für den favorisierten Dancing Star voten, Schokolade essen bis man in ein glykolisches Koma verfällt und wird in Milch und Honig gebadet. Die Anna sagt nie Sachen wie; jetzt nicht, geht’s noch?, räum dein Zimmer auf, zieh dich endlich an, dann gibt’s aber keinen Nachtisch, komm Flöte üben und beeil dich. Es ist dem Mimi klar, dass sein Wunsch, ganz zu Anna zu übersiedeln, vermutlich abschlägig beschieden würde, deswegen hat es jetzt realistischer verankerte Sorgerechtsverhandlungen aufgenommen: Wenn es ein- oder zweimal pro der Woche bei Anna übernachten würde, würde das das Verhältnis zwischen ihr und der ihrer Herkunftsfamilie doch sehr entlasten, das wäre doch für alle das Beste, da hätte doch jeder was davon. Geht’s noch? Und jetzt räum endlich dein Zimmer auf.
Immerhin glaube ich jetzt zu wissen, was des Mimis Frühpubertät ausgelöst hat: Dass wir es an das Schulsystem verraten und ausgeliefert haben. Dass wir den bösen Drachen Schule nicht mit güldenden Schwertern und unter Einsatz unseres nackten Lebens von unserem Kinde abgewehrt, sondern ihm dieses zum Fraße hingeworfen haben. Ich fürchte, das hat das Mimische Grundvertrauen in unsere Komplizenschaft stark erschüttert. Zur Strafe lässt es seine Hausaufgabenhefte in der Schule liegen, weil nicht gemachte Hausaufgaben natürlich nicht dem Kind angelastet werden, sondern den innerlich verwahrlosten Eltern. Das andere Mimi will auch nicht in die Schule, verarbeitet diese Tatsache aber mit weniger rebellischem Potential. Dabei ist es ja nicht so, dass es ihnen in der Schule nicht gefällt. Sie tun sich auch nicht schwer. Sie wollen nur nicht hin.
Der Fink wiederum fühlt sich von seiner Dreijährigen verraten. Es gäbe im Kindergarten seiner Tochter so viele nette Kinder aufregender und geiler Mütter, sagt der Fink, und wen hat sich das Kind zum Freund erwählt: den Justin. DER JUSTIN!, heult der Fink, AUSGERECHNET DER JUSTIN!
In dieser Hinsicht haben wir mit unseren Kindern mehr Glück. Wann immer eins der Mimis von einem der neuen Schulfreunde zum Geburtstag geladen wird, holen wir es hernach in Wohnungen ab, in denen man nicht von frostiger Pathologie-Athmosphäre oder exakten Kopien von Schöner-Wohnen-Trend-Dekos in die Flucht geschlagen wird. Nein, wo immer es uns hinverschlägt, verweilen wir auf ansprechend zerkratzten Fußböden, zwischen sich stapelnden Büchern und dekorativ herumlehnenden Stromgitarren gern auf alten Stühlen. Keine Justins, nirgends, nur unzickige Eltern, die einem ohne lang zu fragen, den Teller oder das Glas noch einmal bis zum Rand füllen. Wenn alles an dieser ganzen Schulsache so einfach wäre: halleluja.
Am Dienstag wollte ich zur Vernissage von der Frau Widauer gehen, Babysitter organisiert, mit einer Freundin ausgemacht, alles, wusch mir in der Früh die Haare, und die waren dann so fluffig und ganz abnormal ansehnlich, dass ich mir die Frisur nicht mit einer Haube runieren wollte, ich radelte also ohne Haube ins Büro und ging dann nicht zu der Vernissage, weil ich den Abend dann doch lieber mit hundert Schneuztüchern, einem Thermophor und einem Fieberthermometer im Bett verbrachte. Aber ich hatte dabei die Haare sehr schön.
Immerhin musste ich wegen Heiserkeit auch nicht mit meinem Kind herumstreiten, das mit sechseinhalb in die Pubertät gekommen ist und nicht mehr mit uns spricht. Also noch weniger mit uns spricht als vorher schon nicht. Es schmust nicht mehr, es will nicht mehr gekitzelt werden, es will nur noch in seiner Hängematte liegen und ganz für sich und ganz laut „Was-ist-was“-CDs-hören, und wenn ich ihm zwischendurch eins von Schiepeks hübschen Melamintellerchen mit einem Buttertöstchen ins Zimmer stelle, brummt es: Hm, und jetzt geh wieder. Und mach die Tür hinter dir zu. Zuweilen kuschelt es sich an mich und drückt mir warme Küsse auf die Backe, dann will es außerhalb der verabredeten Zeiten einen Film anschaun. Wenn sich diese Investition nicht lohnt, reduziert es den Kontakt wieder auf böses Geschau und pampigen Befehlston. Jetzt heult es gerade „Papa, du verlangst zuviel!!“, und zwar, weil der Lange nicht und nicht einsehen will, dass einmal in der Woche baden völlig reicht.
Ich will nicht undankbar sein, aber andere Eltern haben nettere Kinder. Und oft zudem noch begabtere. Wo immer wir derzeit hinkommen, haben Eltern nette, begabte Kinder, die auf dem Klavier unaufgefordert fehlerfreie kleine Etüden spielen, anstatt gemein zu ihren Eltern zu sein. Na, gut, es sind auch welche darunter, die vorher und nachher gemein zu ihren Eltern sind, wofür die Etüden aber einigermaßen entschädigen. Was habe ich? Ich habe zwei Kinder, die sich an den Gastgeber-Tisch setzen und sagen, es tue ihnen leid, aber jedes der angebotenen Gerichte sei auf seine spezielle Weise grauslich und ungenießbar, verzehren oder auch nur probieren sei ganz ausgeschlossen. Nein, stimmt nicht, das tut-mir-leid lassen sie weg, sie sagen nur das mit dem ungenießbar und dem grauslich.
Auch im Unterschied dazu haben andere Eltern Kinder, die ihnen permanent Anlass geben, verzückt über diese zu sprechen, ungefragt zu betonen, wie gut sie dies und das können, diese Eltern zeigen auf ihre Kinder und rufen: Ist er nicht süß? Ure. Dabei sind meine Kinder schon auch süß, auf ihre ganz eigene Weise, und deppert sind sie auch nicht, sie können auch Sachen total gut, aber das Verklären von Kindern ist, finde ich, eher eine Oma-Disziplin. Ich komme ja mehr vom Sudern; und das, bei dem Weg, können meine Kinder absolut prima. Plus, sie haben sehr schöne Haare; nicht, dass Sie glauben.
Stellen Sie sich eine erwachsene Frau vor, die morgens um acht ungeduscht und mit anthrazitgrauen Augenringen vor ihrer Wohnungstür sitzt. Mit der einen Hand drückt sie mit ungefähr 130 beats per minute auf die Klingel, mit der anderen raucht sie und haut periodisch den Ellenbogen gegen die Wohnungstür. Es macht einen Höllenlärm. Sie hört es, das ganze Haus hört es, die angrenzenden Teile des Nachbarhauses hören es, der Lange hört es nicht. Der Lange schläft.
Die Mimis haben den Langen in der Früh auf eine Weise vorgefunden, die ich jetzt nicht näher erläutern möchte; andererseits haben sie es in der Zwischenzeit verlässlich voller Begeisterung der ganzen Schule erzählt. Der Papaaa! Der Lange hat in der Nacht davor im Flex aufgelegt und deshalb die Lizenz zum Schlafen. Die Mutter, die sich um halb drei in der Früh im Rabenhof vom Direktor des Rabenhofs, vom Austrofred, von einem lebensfrohen Fotografen und von noch ein paarn, die auch auschlafen durften, verabschiedet hatte: nicht. Die Mutter ist nach ungerechten drei Stunden Heia aufgestanden, hat den Mimis und dem Babysitter Frühstück und eine ernährungswissenschaftlich wertvolle Jause gemacht, hat den Langen ins Bett geschimpft, die Mimis mit Anzieh-Befehlen terrorisiert, Zöpfe geflochten, Mitteilungshefte kontrolliert, das Zeug fürs Hort-Eislaufen am Nachmittag zusammengesucht und dann die Wohnung verlassen, um die Mimis pünktlich zur Schule zu bringen, mit dem Plan, danach um-ge-hend wieder das Bett aufzusuchen.
Leider habe ich vergessen, den Schlüssel vom Langen innen abzuziehen. Jetzt sitze ich vor der Tür und lerne, dass Türklingeln nur eine begrenzte Zeit klingeln, denn nach exakt einer halben Stunde Dauerklingeln stellt sie ihren Betrieb für immer ein. Ich trete weitere zehn Minuten gegen die Tür. Der Lange schläft wie ein Stein. Nein, der Lange schläft wie ein Toter. Nein, der Lange schläft wie zwei Tote. Er wacht auf, nachdem ich vor dem Haus von einem Fuß auf den anderen getreten und dabei meinen Finger weitere zehn Minuten auf der Hausglocke affichiert habe. Alle Nachbarn hassen mich. Ich würde mindestens eine Woche lang nicht mit dem Langen reden, wenn mir das Goschnhalten gegeben wäre.
Es ist natürlich würdelos. Aber wissen Sie, wir müssen so leben, wenigstens ein paar von uns. Man erwartet das von uns Kreativwirtschaftlern, das gehört zu unserem Jobprofil. Wir sind Stellvertreter, wir müssen, damit die sich noch besser fühlen, repräsentativ für den weniger aufreibend alternden Teil der Bevölkerung hin und wieder diesen würdelosen Twentysomethingslebenstilscheiß weitermachen, bis weit in die Fünfziger hinein. Wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, ziehen wir eh aufs Land, hüten Ziegen, werden wunderlich und fallen nicht mehr ungut auf. Aber sowas muss man sich verdienen; ja.
Der Protestsongcontest manövrierte mich letzte Woche in einen Generationskonflikt hinein, und noch nie war es so definitiv: ich stehe jetzt auf der anderen Seite. Ich stehe jetzt bei den alten Säcken, die Jugendkultur nicht verstehen und Jugendkultur verhindern und sich deshalb bitte nicht über Jugendkultur äußern sollen. Auf keinen Fall sollten alte Säcke wie ich in der Jury des Protestsongcontests sitzen. Was hat die da verloren, lese ich bei den Postings (Postings lesen: immer ein Fehler) auf der FM4-Website.
Zum Beispiel: Alte Säcke wie ich haben ihn erfunden. Ohne uns alten Säcke gäbs den Protestsongcontest gar nicht, so ist es nämlich, und ihr kleinen Scheißer könntet nicht im Publikum stehen und uns ausbuhen, weil unsere Altesackheit so krass nervt, und euch danach darüber ausheulen, dass alte Säcke gewonnen haben. Woran ich übrigens völlig unschuldig bin, weil ich meine neun Punkte an die tüchtig jungen Squishy Squid gegeben habe. (Und nirgends steht, dass der PSC ein Kiddy-Kontest mit anderen Mitteln sei. Oder? Nein.)
Natürlich hat es überhaupt keinen Sinn, in dieser Kolumne Botschaften an die Jugend zu richten, weil die Falter-Kolumnen sowieso nicht liest. Um ein Uhr früh stand ich vor dem Rabenhof auf der Straße und wartete auf ein Taxi, schnorrten mich drei Zwanzigetwasse um Tschik an. Und ich war, ich sage es ungern, in der Position, ihrem Wunsch zu entsprechen; aber gerne, wo ihr mich doch vorher so nett ausgebuht habt. Oh, na, sagte der junge Herr, das sei er nicht gewesen, das war sein Bruder, könnten sie vielleicht zwei haben? Aber klar. Man begehrte zu wissen, was ich denn so mache, normalerweise? Ich sagte wahrheitsgemäß, ich schrübe Kolumnen. Wo denn? Kurier und Falter. Kannten sie nicht, aber eine der jungen Frauen meinte, Kolumnen, aha, dazu müsse sie sagen, wir fladerten ja doch nur ihre Ideen, also die der Jungen. Sie trug dazu eine putzige Brille aus den 1970er Jahren.
Aha. So also. Unablässig wird einem vorgeworfen, man verspießere, das sei, gerade angesichts dessen, wie man früher einmal gewesen sei, richtig gruselig, dieses aggressive Verspießern jetzt. Aber kaum tut man es einen Abend lang nicht, ist es auch nicht recht. Gar nicht recht ist es. Einmischung ist es, feindliche Übernahme von Ideen, die uns nichts mehr angehen. Geht’s heim, Greise, haltet euch raus.
Ich habe eine eigene Idee: Machts euch euren Protestsongcontest doch selber, in eurem eigenen, selbsteroberten altesäckefreien Jungemenschenlokal und überträgts ihn in eurem eigenen Radio. Derlei haben wir alten Säcke in eurem Alter gemacht, aber das braucht euch nicht zu interessieren. Uns ists eh wurscht, wir sind mit dem Verspießern hübsch ausgelastet und mit der Aufzucht jener Generation, die euch den alten Sack überstülpen wird, lange bevor ihr mit dem Jungsein auch nur annähernd fertig seid. Huachts zua: das ist bälder, als ihr denkt.
Neuer Plan. Die Mimis kriegen den Nintendo DS jetzt nicht mit acht oder zehn oder nie, sondern zum siebenten Geburtstag. Das beruht keineswegs auf innerer Überzeugung oder neugewonnener Einsicht, sondern ich weiche dem Druck all der anderen, vollkommen verantwortungslosen Eltern, die ihren Kindern längst Nintendo Dses gekauft haben und die jetzt meinen Kindern mit den Benefizien mehr oder weniger verkofferter Computerspiele das Hirn nachhaltig verbrennen. Wochenlang habe ich nichts anderes gehört als Nintendo DS, Nintendo DS und Mario Kart und Pokemonfürnintendo, und dass es übrigens auch ein Jamie-Oliver-Kochkurs-Spiel gebe, das sei ja wohl überhaupt nicht deppert, den ganzen Scheiß, wochenlang, und das gebe es jetzt auch in rot, so schön!, und kriege ich dann auch eins, vielleicht mit acht?, zum Geburtstag?, kriege ich?, kriege ich?, bittebittebittebittebittebitte!, und jetzt kann ich einfach nicht mehr. Der Lange auch nicht. Man wird es zeitlich beschränken. Sie dürfen aber nicht jeden Tag. Zwei Spiele pro Kind, und aus. Und für die Fahrten ins Waldviertel ist es sicher ganz praktisch. Undundund. So weichgedögelt sind wir, dass wir uns jetzt schon Gründe überlegen, warum das Klumpert auch noch gut sein sein soll, und in Wirklichkeit sind wir einfach alt und haben die Nerven nicht mehr. (Soviel dazu, dass man das Richtige tun muss: meistens sagen einem jetzt die Sechsjährigen, was richtig ist, so lange und hochfrequent, dass mans schließlich glaubt.)
Apropos richtig, falsch und ins Hirn einigedingst: Als Folge der Folge der Folge von war es am Sonntag notwendig, wieder einmal mit der Nikotin-Entwöhnung zu beginnen. Ist es nicht schön, wenn die schlimmsten Eiferer, die eiferndsten Bekehrten wieder Gefallen an ihren alten Lastern finden? Was heißt: wieder so voll hineinkippen, dass schon nach wenigen Wochen erneut ein Entzug notwendig wird. Nach mehreren schlaflosen Nächten, in denen mich verzweifelte, echoverzerrte Kinderstimmmen („Davon wird man touhouhout!“) peinigten und ich mir ein Lungenkarzinom in seiner ganzen, grausigen Schönheit imaginierte, besorgte ich mir Nikotinkaugummi, Geschmacksrichtung Freshmint. Die armen Mimis die davon nicht einmal etwas ahnen, weil ihnen Mutter ihren Rückfall in die Sucht aus Moralpredigtvermeidungsgründen („Davon wird man toooooot!!!!“) verheimlichte, werden nun ein paar Tage lang übel angegrantelt werden. Der Lange auch, aber da triffts wenigstens keinen Falschen.
Der Lange raucht heimlich auch schon längst wieder, besitzt aber offenbar ein Suchtkontrollgen, das es ihm erlaubt, zwischendurch jeweils tagelang ohne Zigarette überleben zu können. Dieses Gen fehlt mir, wie ich nach sieben Jahren totaler Nikotinfreiheit, die auf zwanzig Jahre totale Nikotinsucht gefolgt waren, erneut erfahren durfte. Und Sie werden gleich die Folgen davon kennenlernen, wenn Sie mir jetzt also bitte lieber aus dem Weg gingerten, ich bin gerade gar nicht gut drauf.
Wie ich aus dem Bett gehüpft bin, hat es mich gleich längelang auf die Gosche gehauen und ich habe mir das Knie aufgeschlagen. Was erstens daran lag, dass ich mir tags zuvor schön die Füße geraspelt hatte, und jetzt babypopschzarte Füße plus glatter Parkett, gemma. Zweitens war eiliges Eingreifen von nöten, ich musste nämlich sehr schnell um die Bett-Ecke und aus dem Schlafzimmer bohren und das Schlimmste verhindern, weil ich gerade gehört hatte, wie der Lange dem einen Mimi sagte, na gut, wenn es denn so gar nicht mag, braucht es nicht in die Schule zu gehen. Das Mimi war fast die ganze Woche krank und erst einen Tag wieder in der Schule gewesen und hatte festgestellt, dass es, obwohl Schule nicht schlecht, wesentlich mehr Spaß macht, den ganzen Tag im Bett zu liegen und Filme anzuschauen. Nun war das zweite Mimi, das die ganze Woche in der Schule gewesen war, abends zuvor auch krank geworden, und würde nun, um Mutter die Erwerbsarbeit zu ermöglichen, den ganzen Tag im Bett liegen und Filme schauen müssen. Da fand das erste Mimi, es sollte das Herz seines Vaters mit ein wenig bitterlichem Geschluchze erweichen, was gelang. Leider rechnete es nicht mit dem leichten Sieben-Uhr-Früh-Schlaf seiner Mutter.
Hatte es auch keinen Grund dazu. Schließlich hatte sich die Mutter abends zuvor Richtung Austrofred-Buchpräsentation aus der Wohnung entfernt, mit dem Langen, mit Lippenstift, Stöckelschuhen und den Worten, wehe, man lasse sie morgen nicht ausschlafen, wehe ein Kind käme, wie letztens nach dem Auflegen im rhiz auf die Idee, nicht zur Schule gehen zu können, ohne zuvor an der geliebten Mutter gerüttelt und ihr einen innigen Abschiedskuss auf das stinkende Maul gedrückt zu haben. Die Oma ist eh da, also: WEHE!!!!
Aber jetzt wieder nix; sondern mit blutigem Knie und brutalem Schädelweh aussi, den Langen fragen, ob er deppert geworden ist und dem heulenden Kinde sanft, aber eindrücklich Informationen über die allgemeine Schulpflicht in Österreich nahebringen, die es nun einmal verbietet, einfach zu Hause zu bleiben, weil man gerade keine Lust hat. Buhuhu. Und warum, buhuhu, darfst du dann liegenbleiben? Wie du siehst, darf ich eh nicht. (Dafür hatte sich der Lange aus gekränkter Vater-Eitelkeit wieder ins Bett zurückgezogen und schnarchte bereits weiter.) Komm, du ziehst dich jetzt an und am Nachmittag, wenn du heimkommst, hab ich eine Überraschung für euch. Was für schluchz eine schluchz Überraschung? Sag ich nicht, siehst du dann, aber es ist eine gute und sie ist DVD-förmig.
Auch das habe ich bereut. Schon nachmittags um vier musste ich die Antwort auf die um zwei gestellte Frage, ob in „Mamma mia!“ Monster vorkommen, vollumfänglich revidieren, weil: Ja, es kommen in „Mamma mia!“ doch Monster vor. Ich werde jetzt, suupapa, truupapa, in einem ABBA-Umerziehungslager festgehalten; und das Knie schmerzt immer noch.
Ich glaube immer noch, dass man das Richtige tun muss. (Der Lange glaubt das auch, er glaubt aber nicht, dass es sich beim Richtigen um Ballett handelt. Max und Moritz. Er muss da jetzt mit den Mimis hin. Die Horwathische hat Karten besorgt, und ich bekam durch einen meinerseitigen Überhang an Kinderglücksaktivitäten den Kopf gerade noch aus der Schlinge. Der Lange ist wegen dem Ballett so stinkig, dass ich mich, nachdem ich die Mimis mit Dead-Kennedys- und Slayer-T-Shirts fein gemacht habe, mit dem Notebook am Klo verstecke. Ich höre ihn aber poltern.) Nur wird das Richtigtun desto schwieriger, je älter man wird. Je älter man wird, desto leichter macht man sich bei der Verfolgung und Fokussierung des Richtigen lächerlich: Erstens sieht man nicht mehr so gut, zweitens sieht man nicht mehr so gut aus, weil drittens ist das Richtige halt oft mit leidenschaftlichem Überschwang und gerechtem Zorn und geistesgestörter Risikobereitschaft verbunden, was einen bis 30 oder 35 lässig kleidet und danach leicht in einen närrischen Eiferer verwandelt, Sektierertranspiration inkl.. Wenn man dann auch noch die falschen Schuhe anhat... Und jetzt soll mich bitte keiner fragen, worauf ich genau hinaus will, kruzi: so definitiv weiß es auch nicht. Wie jedes Jahr um diese Zeit lässt mich winterdepressive Verstimmung in ein tralalaphilosophisches Loch stolpern, das mich mit Erkenntnissen versorgt, mit denen man gerade einmal eine Facebook-Existenz aus subtil-gestörten Statusmeldungen zusammenbasteln kann. Man trifft dort aber glücklicherweise auf Figuren, denens auch nicht besser geht: Honzo ist jetzt zum Beispiel auch da und läßt mich an seinem „scheuernden Gefühl von Langeweile“ teilhaben. Danke, Honzo.
Übrigens, guter F., dein Facebook-Suicid war ein Fehler; den Grund, die Kuscheligkeit dort sei unecht, lasse ich nicht gelten. Es ist kuschelig, genau so distanziert-kuschelig, wie man es außerhalb des familiären Sicherheitstrakts gerade eben ertragen kann. Nur dass das Kuschelige eben nicht aus Nähe entsteht, sondern aus Komplizenschaft, weil man im Facebook jeden Augenblick versichert wird, dass man in seiner kindischen, geltungssüchtigen, ambivalenten Versagerexistenz tatsächlich nicht allein ist (man braucht dazu nur die richtigen Freunde). Und dass die individuelle Orientierungslosigkeit Teil eines riesigen, vielgliedrigen sozialen Konstrukts ist. Eines endlich beweisbaren Konstrukts. Sag mir einen Ort auf der Welt, F., wo du diese Erkenntnis so billig kriegst. Ok, die katholische Kirche, aber sonst.
Schau, der coole junge Magazin-Moverundshaker weiß jetzt auch schon einen perfekten Fenchel zu schätzen und fällt in die alten Gun-Club-Platten. Schau, die Partyschwester widmet ihre Freizeit mittlerweile auch dem korrekten Spicken von Lammrücken. Schau, der Lange muss ins Ballett. Schau, wir sind alle auf der Suche nach dem Richtigen. Wir machen uns komplett lächerlich, und wir sind dabei jetzt weniger allein.
Ich will jetzt nicht näher darauf eingegehen, dass noch Zeichen und Wunder geschehen, aber. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, ba ba, Cedric, grüß Gott, alte Frau. Und ich beantworte gerne die Frage, ob in meinem Leben nichts Aufregenderes passiere als bildlicher Ärger: Weil, richtig, tut es nicht. Und das ist überaus erwünscht, nach diesem Partyherbst, der mich ziemlich zerzaust ins neue Jahr schickte. Nun sitze ich abends endlich wieder an gedämpftem Schreibtischlampenlicht; lese Thomas Bernhard, trinke mäßig, rauche nicht und genehmige mir als äußerste Tollerei eine pfiffige Statusmeldung im Facebook. (Na gut, letzte Woche habe ich einmal im Flex-Café aufgelegt, und es war so, dass die Musikwünsche Michael Jackson - „Thriller“!!! - Usher und 50 Cent an mich herangetragen wurden. Oida. Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war.)
Im Facebook habe ich 323 Freunde und ich könnte 324 haben, wenn der Kollege F. seine Facebook-Personality nicht suicidiert und 325, wenn die geschätzte junge Autorin auf Anfrage nicht gefunden hätte, sie wolle ihre Freunde lieber auf der Straße wiedererkennen und das träfe auf mich nun mal nicht zu. Ich mailte zurück, dass ich der Meinung zuneige, man solle wahre Freundschaft und Facebook-Freundschaft nicht miteinander verwechseln: aber man dürfe natürlich, und darauf antwortete sie nicht mehr. Eh klar kenne ich drei Viertel meiner fb-Freunde nicht persönlich, das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, Facebook ist ja kein Poesialbum und kein Weiberabend, sondern ein virtuelles Stammkaffeehaus, wo man auch nicht jeden persönlich kennt und kennen will und von den meisten auf keinen Fall mehr wissen möchte als die Konversationsfetzen, die es zufällig vom Nebentisch herüberweht. Die können sehr öd oder sehr inspirirend sein. Oder sehr nervig, wie beispielsweise die Anmache von Dick Johnson, dem ich hiermit versichere, dass ich ihn aus meinem Freundeskreis entferne, wenn er mir jetzt noch ein einziges Herz schickt und oder noch einmal sehen will, „how similar you are on the "Excuses to have Sex" quiz. Take this quiz to see your match score with Dick“. Ich matsche nicht mit Dick, das weiß ich unheimlich genau und werde es ihm mit der Löschtaste beweisen, was im Kaffeehaus übrigens leider nicht funktioniert. Und es ist dort auch nicht möglich, täglich meine echten erkenn-ich-auf-der-Straße-Freunde aus der Schweiz und Paris und Übersee anzutreffen, im Facebook aber schon. Wie Haemmerli, der gerade in Saigon lebt, guten Morgen, guten Tag, auch schon wach, was liegt an heute.
Haemmerli, der sich vor drei Wochen oder so eingeloggt hat, hatte in zwei Stunden 180 Freunde und hat mittlerweile ungefähr 520, was Haemmerlis informationssüchtiger, diskursgieriger Persönlichkeit entspricht, während es meinem phlegmatischen Charakter entspricht, lieber nur den anderen beim Diskursen zuzusehen. Doris Knecht ist der Gruppe „Faule Voyeure“ beigetreten. Neuer Status, genau.
Du kriegst nicht immer was du willst. Das hat, hier ist eine kleine Rückschau in die überwundene festliche Saison nötig, eins der Mimis unterm Christbaum bemerkt: Es saß vor einem Geschenkberg vom Ausmaß der Aiger Nordwand und heulte wie ein Iltis, denn das Christkind brachte ihm keine Stifte und keinen Teddy. Erklärungen, dass es 47 Kuscheltiere besitzt und Stifte jeweils in der Sekunde bekommt, in der es darum fragt, erwiesen sich als unfruchtbar. Das hat es extra auf den Wunschzettel geschrieben! Ja, möglich dass ich einen der 116 Wünsche auf den 44 Wunschzetteln nicht so ernst genommen habe. Fehler. Immerhin kriegte auch seine Mutter nicht, was sie wollte, obwohl sie nur einen Wunsch immer wieder in ihren Wunschzettel hineingeschrieben hat: dass ihr Kolumnenbildnis weniger wie Cedric, 16 und mehr wie sie selbst aussehen möge. Aber der Falter heilte mich von meinem Irrglauben. Du glaubst noch ans Christkind? Hahaha. Ha. Jetzt nicht mehr.
Ich glaube aber auch nicht mehr daran, dass es einen Sinn hat, weitere höfliche Mails an den verantwortlichen Künstler, den Artdirektor und den Stv. Chefredakteur zu richten, da diese in jüngster Zeit die 100prozentige Tendenz zeigen, unbeantwortet zu bleiben. Auch die Idee, mich mit der Bitte, gemeinsam eine jeden begeisternde Lösung zu finden, freundschaftlich an den Chefredakteur und Herausgeber zu wenden, habe ich verworfen, seit ich den Chefredakteur und Herausgeber bei der Weihnachtsfeier nach langer Zeit wieder einmal traf und ein Gespräch begann, während welchem er die Lektüre der Zeitung nicht unterbrach.
Und jetzt glaube ich, ich will Cedric behalten. Denn je ohrenbetäubender das Schweigen wird, das meine Anfragen auslösen, desto weniger glaube ich, dass eine Kolumnenbildüberarbeitung zu meinen Gusten ausfallen würde. Erstens. Zweitens bin ich nun endlich in die Phase der Akzeptanz getreten: Nach den Phasen Ungläubligkeit, Realtiätsverweigerung, Wut und Trauer akzeptiere ich jetzt. Ich bin nun bereit, den unausgeschlafenen, extasyverkaterten kleinen Cedric da anzunehmen, ja: Cedric, ich nehme dich an. Denn drittens habe ich mich jetzt an den Kleinen gewöhnt. Was soll ich sagen, ich gewinne ihn lieb. Ich will, dass es ihm gut geht, ich will ihn beschützen. Wer wird sich um ihn kümmern, wenn er nicht mehr in meiner Kolumne wohnt? Wird ihn jemand aufnehmen, ihm Obdach geben? Der Falter? Glaube ich noch ans Christkind? Eben. Und viertens habe ich in letzter Zeit angefangen, zu reagieren, wenn ich mit Cedric angesprochen werde, Cedric? Ja?, er geht mir allmählich ins Blut über, er wird ein Teil von mir, meine Nasolabialfalte passt sich der seinen schon an und solange er nicht mehr als 49 Prozent von mir fordert, ist es ok mit mir.
Deswegen muss ich die freundlichen Offerte von mehreren Künstlern, die sich meiner erbarmten und die Anfertigung neuer Kolumnenbildnisse anboten, leider ablehnen. Danke, sehr nett. Aber Cedric und ich, wir sind jetzt eins.
Einmal mehr werden meine Toleranz und meine liberale Grundtendenz von zwei Sechsjährigen tüchtig strapaziert. Die Mimis wollen so Haube, wie sie der Joey und der Joel und sogar der Franz auch haben, so eine, die aussieht, als würden oben dicke Haare herauswachsen. Die Proll-Haube schlechthin also, und ich habe gesagt, was eine tolerante, tendenziell liberale Mutter in einer derartigen Situation sagt, ich habe gesagt: Nie. Im. Leben. Und dass das überhaupt nicht in Frage kommt. Und wie absolut beschissen diese Hauben aussehen. Und richtig, beschissen darf man nicht sagen, und auch deshalb brauchen wir gar nicht länger darüber reden. Und zwar selbst dann nicht, wenn es die Oma, mit der sich die Mimis geschickt auf ein Packerl gehaut haben, finanziert. Und auch dann nicht, wenn sie es aus ihrem eigenen Sparschweingeld bezahlen. Und nicht einmal dann, wenn ich mir jetzt jeden Tag anhören muss, was für eine herzlose, egoistische Mutter ich bin, die die Grundrechte ihrer Kinder auf selbstbestimmtes Aussehen beschneidet; das ist immer noch weit weniger schlimm, als wenn ich mich jeden Tag grausen und genieren muss, wenn ich meine Kinder mit diesen Hauben sehe.
Dabei ist es mir im Prinzip einerlei, was sie anziehen, solange es im Rahmen der klimatischen Vorgaben stattfindet, also keine Glitzerballerinas bei Schneelage und keine Schipullis bei Temperaturen über dreißig Grad, selbst wenn es sich jeweils um das einzige Kleidungsstück handelt, in dem ein Kind in Würde vor seine Schulkameraden treten kann. Und keine Leiberl, die in Bauchmitte aufhören, aber das ist meine Schuld, weil ich es nie schaffe, das zu kleine Zeug rechtzeitig auszusortieren. Es ist einer der Vorsätze fürs neue Jahr, ein, wenn schon nicht ordentlicher, so doch ein Mensch zu werden, der allen Ballast von sich und seiner Familie ab- und aus seiner Wohnstatt, wirft, sich immer auf der Stelle von allem losmacht, das nicht gebraucht wird und es umgehend guten Zwecken oder der städtischen Müllabfuhr zuführt. Was unsere Wohnung um gute 25 Quadratmeter vergrößern würde.
Allerdings handelt es sich dabei um den guten Vorsatz der letzten 15 Jahre mit bislang unterdurchschnittlicher Erfolgsbilanz. Immerhin habe ich kürzlich eine Tonne Spielzeug aussortiert, für das die Mimis längst zu groß sind, leider steht es jetzt seit drei Wochen vor der Tür und wartet darauf, dass ich es endlich dem dafür vorgesehenen guten Zweck zuführe. Was, wie ich glaube, einer der Gründe dafür ist, dass ich seit gestern mit brutalen Rückenschmerzattacken zu kämpfen habe. Das Unerledigte, so lernte ich es von meiner Osteopatin, konzentriert sich beim mir in der Wirbelsäule: Andere machen über das Unerledigte lustige Prokrastinationswitze und schreiben heitere Wie-mogle-ich-mich-durch-Ratgeber; ich komme nicht mehr vom Sessel hoch. Aber sobald ich wieder aufstehen kann, erledige ich das und werde ein besserer Mensch, keine Frage, gar keine Frage.
Wenn die Kinder noch einmal „Feliz Navidad“ auf ihren Pu-der-Bär-Casios spielen, entleibe ich mich. Ich weiß nicht, woher sie diese Besessenheit haben; aber sie muss jeweils über ein saisonal oder kulturindustriell vorgegebenes Ereignis gestülpt werden; aktuell: Weihnachten. Unsere Wohnung wird von einem Adventkranz geziert, unzähligen Kerzen und Sternen plus einem bereits fixfertig geschmückten Christbaum, den, auf Wunsch des Bubenmimis, die ganze Familie an Tag eins des Wiener Christbaumverkaufs gemeinsam aussuchen und singend nach Hause tragen musste. Das Kind hat, abseits ihres Fußballwahns, eine stark idyllische Ader.
Ossi, mein Alter Zürcher WG-Kumpel, hat das noch vor sich: nicht nur ehemalige Arbeitskollegen (neun), auch ehemaligen Mitbewohner (jetzt: zwei) zeigen eine auffällige Tendenz, ebenfalls Zwillinge zu bekommen; Ossis Zwillingsmädchen kommen im April zur Welt. Es spricht aus seinen Mails die übliche, präparentale, geistesgestört verklärte Ahnungslosigkeit: Er hat keinen Tau, was auf ihn zukommt, weiß aber mit Sicherheit, dass es überhaupt kein Problem wird. Ich erkläre ihm vorsichtig, dass er sich die ersten drei Jahre sogar die Zeit, die er zum Atmen braucht, gut einteilen wird müssen und er sich weitere drei Jahre später wegen anhaltender Weihnachtsliedfolter harakirien wird wollen, aber das hört er gar nicht. Hat er auch Recht, bringt ja nichts. Immerhin ist er realistisch genug, mir seinen Maserati zum Kauf anzubieten; weil dafür hat er vorläufig tatsächlich keine Verwendung. Obwohl ich ihm vielleicht erzählen sollte, dass einer der neun Arbeitskollegen einen Ferrari mit zwei Kindersitzen fährt.
Und ja, wir könnten ein neues Auto brauchen: Unseres hat ein Problem beim Starten. Einen Wackler in der Zünd-Elektronik, was weiß ich. Für das Auto ist der Lange zuständig, und er könnte es in eine Werkstatt bringen und das Problem beheben lassen, aber aus irgendeinem, vermutlich finanziellen Grund, widerstrebt ihm das. Wir machen es jetzt einfach so, dass wir das Auto nur noch auf abschüssigen Straßen abstellen, oder wenn verlässlich Leute in der Nähe sind, die beim Anschieben helfen können. Der Lange kennt mittlerweile alle Tankstellen zwischen Wien und Waldviertel mit einer Neigung von plus zehn Prozent, und er findet, damit ist die Sache erledigt. (Wenn es bei uns in einem Zimmer schlecht röche, würde der Lange ein Dutzend mal anmerken, dass es in dem Zimmer schlecht riecht und schließlich zum Baumarkt fahren, Abdichtklebeband oder Silikon kaufen und das Zimmer von außen luftdicht verschließen. Wir haben ja noch genug andere Zimmer).
Apropos Kulturtechniken und Besessenheit befinden wir uns gerade in einem Experiment, wie oft sich Sechsjährige „Kungfu Panda“ anschauen können, bevor ihnen das zu fad wird. Bislang können wir sagen: Nicht vor dem 8. Mal. Versuch 9 verschafft uns soeben eine lebenserhaltnde Pause von „Feliz Navidad“. Merci, Po. Und merci bien, Christkind, ich habe gehört, du bringst ein neues Kolumnenbild.
Ich war eh brav. Einmal den Weihnachtsmarkt überlebt, zweimal mit den Kindern Kekse gebacken, drei Mal Adventlieder am Kranz gesungen. Kaum ausgewesen; Einladungen tapfer ausgeschlagen. Doch, ich war bei Peter Fox und klemmte in der Arena zwischen einer Million transpirierender Zwanzigjähriger, die alle überaus textsicher „Haus am See“ mitsangen. Daran erkennt man, dass es wurscht ist, ob der Künstler englisch oder deutsch singt, das Jungvolk versteht Songtexte nicht einmal, wenn sie in der Muttersprache vorgebracht werden.
Ich meine, wenn ich „Haus am See“ mitsinge: gut, das könnte man, auch wenn man es mir nicht ansieht, auf eine altersbedingte Lebenskrise schieben oder die Einsicht, dass es nun eben soweit ist, dass man sich Gedanken über Altersvorsorge macht, egal wie oft man sich in Twentysomethingskonzerte schwindelt und so tut, als gehöre man noch da dazu. Aber mit zwanzig sollte man doch eigentlich noch ein bisschen zu jung sein für utopische Fantasien über ideale Vergreisungsstrategien; diesfalls finanziell gut abgesicherte, denn bei dem von Herrn Fox bedichteten Altersheim handelt es sich eine Immobilie am Wasser. Außerdem hat Fox in seiner Fantasie eine schöne Frau und zwanzig Kinder, damit kann ich jetzt nicht soviel anfangen, wie mit dem, dass alle Freunde vorbeikommen und Schnaps trinken, während die Mamas kochen.
Wobei: Welche Mamas jetzt eigentlich? Egal. Im Prinzip kann man es aufs Waldviertel umlegen, vor allem, was den Schnaps betrifft, weil irgendwann muss man sich für die Millionen Tonnen Äpfel eh etwas Gescheites überlegen, wenngleich jetzt nicht die Jahreszeit dazu ist. Und obwohl im Waldviertel die Papas kochen, tatsächlich gibt es eine entschiedene Kochkonkurrenz zwischen den Papas, die alle einen großen göttlichen Kochauftrag in sich fühlen und sich mit ausgefeilten Gerichten, verlässlich auf zünftiger Fleisch-und-Soße-Basis, kerneske Kochturniere liefern. Die Mamas und ihre Speckrollen profitieren davon unheimlich, deshalb ist es gut, dass wir den Winter in der Stadt verbringen. Im Sommer und im Herbst, und hoffentlich auch an dem des Lebens, geht es praktisch permanent um die Frage, wer nächstes Wochenende kocht. Ich! Nein: ich! Nein, der Maurizio! Der kommt am Sonntag und bringt zwei Lammhaxen! Ich glaube zum Beispiel, dass wir nicht bei den Mosers zum Nikolaus eingeladen sind, weil wir dem Moser seine wirklich schöne Idee, auf unserem Herd sein kollossales Ossobucco zuzubereiten, versenken mussten, weil dort schon ein Hirsch im Saft simmerte. Eine derartige Zurückweisung kann in einem Mann lange arbeiten. (Ungefähr so lange wie ein misslungenes Kolumnenbild in einer Frau, die das bitte gerne geändert hätte). Zum Glück sind wir schon längst bei den Ritters eingeladen, wo wir den Leberkäse und den Erdäpfelsalat selber mitbringen, weil die reißen sich nicht ums Kochen. Über derlei müsste Peter Fox einmal dichten, mal schauen, wer da mitsingt.
Ich bin jetzt noch verärgert darüber, dass ich das TV On The Radio-Konzert ausgelassen habe. Selbstverständlich das, wie ich höre, großartigste Konzert des Jahres, unübertrefflich. Stattdessen saß ich mit Sedlacek in einem italienischen Lokal, und Sedlacek war überraschend angenehm; erwachsen, gelassen, zuhörbereit: Leider war ich es nicht, was in erheblichem Maß mit verschiedenen Aktivitäten zu tun hatte, in denen jeweils Rotwein eine Rolle spielte. Ich vertrage keinen Rotwein auf nüchternen Magen, haben das jetzt alle verstanden? Zuerst war ich mit einem der Mimis Adventkranzbinden im Hort (Glühwein), dann war das andere Mimi bei einem Freund abzuholen, wo es etwas zu essen gab (was ich, wegen der Verabredung mit Sedlacek, ausschlug) und Rotwein zu trinken (was nicht). Dann übergab ich die Kinder dem Babysitter und eilte in das Restaurant, wo Sedlacek schon beim Rotwein saß und in die Speisekarte blickte, aber ich hatte doch keinen Hunger und beteiligte mich nur am Wein. Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, ob ich eigentlich den Babysitter bezahlt hatte und Sedlacek antwortete bis heute nicht auf ein Mail, das eine Menge ähs enthielt. Der Mann hat keine Ahnung, wie schnell eine Mutter in eine akute Angetschechertheit rutschen kann. Viel schneller als keine Mutter nämlich, weil keine Mutter würde gerade aus dem Büro kommen, wo sie bis kurz vor dem Essen mit Sedlacek volkswichtige Erwerbsarbeit erledigt hätte. Was einen tatsächlich entschieden weniger durstig macht, als das Binden von Adventkränzen in Gesellschaft anderer Mütter, die dafür nicht geschaffen sind, und danach ein Rudel Sechsjähriger, das sich einen völlig enthemmten Dreifrontenkrieg mit Lebensmitteln, Schuhen und Tampons liefert, bis man sie endlich alle an den Ohren zu fassen kriegt. Seids ihr eigentlich noch. Kruzi.
Egal. Zum Glück habe ich nicht das Bernhard-Fleischmann-Konzert ausgelassen. Ich glaube zwar, dass es in ganz Wien keinen dümmer konzipierten Konzertsaal gibt, als den sonst hübschen Ragnarhof, aber das Konzert war wunderbar, melodiöses Gefrizzel mit hohem Seelenanteil, sehr uncool, sehr berührend, hat viel mit den Gaststimmen von Marilies Jagsch und Sweet William Van Ghost zu tun. Am Ende betrat auch noch Christoph Kurzmann vollkommen unverändert die Bühne und ich fiel schlagartig ins Zeitloch, zurück in die Neunziger, die ich praktisch lückenlos auf Konzerten verbracht habe und mit der Abklärung musikalischer und gesellschaftspolitischer Standpunkte. Ich war oft heiser in den Neunzigern. Ich konnte ausschlafen in den Neunzigern. Es war nett in den Neunzigern. Dafür hatte ich keinen Adventkranz und niemand, der mir tagelang damit auf die Nerven ging, wann jetzt endlich die erste Kerze angezündet wird, und insofern, soviel vorweihnachtliche Kinder-Verbrunztheit erlaube ich mir jetzt einmal, bin ich vollkommen damit einverstanden, dass sie vorbei sind. Tuts nur den Rotwein weg, bitte.
Viel über Privatheit nachgedacht, letzte Woche. Es gab da einen Konflikt, einen exemplarsichen Konflikt, aber den hier zu reflektieren, würde den Konflikt ins quasi Unermessliche potenzieren. Und mir ist nicht nach Streit. Ich will jetzt Friede um mich haben, Weihnachtsstimmung, ich möchte angelächelt werden durch Kerzenschein.
Allerdings letzte Woche immer noch nicht viel Privatheit gehabt, was darin gipfelte, dass ich am Samstag auf dem Weg zu einer Lesung, zwischen Wohnzimmer und brut-Theater, mein Leseexemplar mit den Postits verlor; ich weiß nicht wie, einfach weg. Wahrscheinlich fährt es in einem Taxi durch Wien, als eigenwillige Fußmatte. Es muss kein direkter Zusammenhang dazu bestehen, dass ich tags zuvor The Fall in der Arena sah, und danach ein bisschen etwas von A Life, a Song, a Cigarette im Flex und danach, um eins, bei der 30-Jahre-Droschl-Party nichts mehr zu trinken bekam. Denn die Party war schon aus. Aus, bitte! Entschuldigung, wenn das jemand im Ausland erfährt! Was wirft das für ein Licht auf den gesamten österreichischen Literaturbetrieb! Das ist ja!
Wobei man sagen muss, dass die Buch Wien am Messegelände ein wirklicher, voller Erfolg war: Das hat richtig gebrummt. Nur an den Partys muss man dringend noch arbeiten, so geht das nicht. Ich meine, um eins, wo samma. Und ich meine zum Beispiel das Eröffnungsfest: Das Setting im Museumsquartier war sehr schön, aber am Ablauf muss man unbedingt noch schrauben. Zum Beispiel widerspricht es dem Prinzip von Party an sich, sie mit acht Lesungen hintereinander zu kombinieren: Beides für sich ist prima, beides zusammen funktioniert null. So ein Eröffnungszeremonial, das muss rauschen, gearbeitet wird dann eh die ganze Woche. Und dann sollten, wenn man schon ein großes Literaturfest eröffnet, unbedingt ein paar Schriftstellerinnen und Schriftsteller anwesend sein, und zwar nicht nur die, die man zum Lesen engagiert hat, und ganz besonders auch die, von denen man weiß, dass sie sich garantiert schlecht benehmen. Nächstes Jahr. Nächstes Jahr!
Mark E. Smith, weil wir gerade von The Fall reden, sieht jetzt übrigens aus wie etwas aus einem Peter-Jackson-Film. Es ist im Fall-Fall, im Unterschied zu fast allen Konzerten sonst, besser, man seht nicht direkt bei der Bühne, weil man dann genau sehen kann, wie Mark E. Smith zwischen zwei Songzeilen auf seinem zahnlosen Zahnfleisch herumkaut wie die alte Hexe Tannenmütterchen. („Das alte Haus“ von Wilhelm Matthießen. Von 1923; und immer noch ein saugutes Märchenbuch; können sie sich auf die Weihnachtsliste schreiben. Apropos Weihnachtswunsch: Liebes Christkind, ich wünsche mir ein neues Kolumnenbild, auf dem ich ein Eitzerl wie ich ausschaue.) Allerdings greint Herr E. Smith uns immer noch tadellos was daher, das soll uns zum Vorbild gereichen, aber erst wieder ab Jänner oder so. Nun will ich friedlich sein.
Anderntags muss ich um elf im Fürstenhof gestellt sein, die Schellinskis, die alten Haberer, präsentieren ihre neue CD „Herz Schmerz Hotel“. Wie ich den Fürstenhof betrete, sitzt dort Hermes (nicht der Hermes von nebenan, der andere Hermes) hinter einer dunkeldunklen Sonnenbrille; man kann nicht sagen, ob er wach ist oder schläft, er wirkt aber so, als würde er, wenn er nicht schläft, selbiges gerne tun. Ich sage, haha, mir geht’s auch schlecht, weil ich war gestern bis drei im Jenseits, und Hermes sagt, da sei insofern interessant, als er gestern bis fünf im Jenseits aufgelegt hat. Ach, echt. Hab dich gar nicht gesehen, war in der andern Ecke mit der Ruth und dem Herrn Verlagschef und der Frau Lektorin, es war überaus anregend. Der Lange kommt, der Fink und noch ein paar andere und dann geben die Schellinskis zu Gulasch und Bier ein kleines Konzert mit Liedern, die nur der Fink und ich verstehen, aber die anderen finden es auch ganz prächtig. Weil die Schellinksis sind ungefähr so etwas wie der Ernst Molden auf vorarlbergerisch, der mir übrigens nach der letzten Kolumne einen nagelneuen Track gemailt hat: pvau, danke, echt nett. Aber im Unterschied zum Molden hat mir der Schellinski-Sänger, der damals die coolste Sau zwischen Kummenberg und Schweizer Grenze war, schon Bluese vorgesungen, wie ich selbst praktisch noch ein Kind war; das prägt. Es ist also sehr nett im Fürstenhof, und das Bier käme mir jetzt unglaublich gelegen, aber danke nein, ich muss noch arbeiten. Und dann noch ausgehen.
Das Leben ist derzeit so, dass uns die Babysitter ausgehen. Ständig ist etwas. Immer muss man wo sein, und wenn man nicht muss, dann will man. Hab ich nicht letztes Jahr den ganzen Herbst und den ganzen Winter gekocht und Kuchen gebacken? Und war das nicht schön und ungemein befriedigend? Kann mich nicht mehr erinnern. Kochen spielt derzeit in meinem Dasein eine so untergeordnete Rolle, dass die Anna, wie sie kürzlich am frühen Abend zum Babysitten herüber kam, bis auf die Tiefkühlerbsen und 1 Pommes rundheraus das gesamte Essen ablehnte, das ich ihr auf den Teller schaufelte: zuviel Unklarheit bei der Zusammensetzung der Hühner-Nuggets, die die Kinder serviert bekamen, und zuviel Klarheit beim Inhalt der Garnelen-Wantan aus dem Tiefkühlsack. Anna sagt, Entschuldigung, sie verträgt leider kein Glutamat. Ich schon; magst vielleicht ein Brot?
Immerhin kann ich den Einzug der Realität ins Leben meiner Kinder verlautbaren, denn als ich das Haus verlasse, zeigen die Mimis der Anna gerade, was sie in der Schule gelernt haben, sie können jetzt nämlich auf Türkisch „Arschloch“ sagen. Gottseidank, ich dachte schon, sie lernen da gar nichts fürs Leben.
Der Lange sagt, er kann keine weißen Schmerzensmänner mehr hören, aber ich verehre die weißen Schmerzensmänner. Ich finde, es ist die Jahreszeit für weiße Schmerzensmänner. Ich bin in der Stimmung für weiße Schmerzensmänner, kömmet zu mir und singet mich an, ihr wundervollen Heulboyen. Ryan Adams, Fionn Regan, Vic Chesnutt, Conor Oberst, Fink, M. Ward, Mica P. Hinson, und auch (was der Lange gerade noch akzeptiert) Bernhard Fleischmann und Ernst Molden: Erschallet, bis die Krokusse wieder erblühen, bis mich des Morgens wieder fürwitzige Sonnenstrahlen wachkitzeln statt nachtschwarzer Frühwinterbrutalität. Und darüber hinaus gerne auch noch. Ich wölle, dass Adams mit seinem neuen Album „Cardinology“ mein Leben fixt und Regan sölle mich Hase heißen. Und natürlich soll mir Bob Dylan die Ballade vom Girl from the Red River Shore noch drei-, vierhundertmal vorsingen; glücklicherweise zählt der Lange Dylan zum Guten in der Welt. Dreihundertmalige Wiederholungen dagegen leider nicht, das bekamen auch die Mimis und Peter Fox zu spüren. Peter Fox haben wir gern gehört („Haus am See!“ Jess!) jetzt haben ihn die Mimis in die Finger gekriegt und wir hören ihn nicht mehr: Jetzt werden wir gehört, tagaus, tagein, auf einer 24/7-Basis. Mein Verständnis haben sie, wenn etwas wirklich wirklich gut ist, muss man es wieder haben und wieder tun. Plus, ich habe einen eigenen Kopfhörer, fett wie zwei doppelte Cheeseburger TS Royal.
Die Meinung, dass etwas Gutes wiederholungspflichtig ist, vertritt auch das Bubenmimi, das schon vor längerem ein zentrales Motiv in sein Leben implantiert hat, und das ist: Fußball, der Fußballverein, das wöchentliche Fußballtraining. Kann man ein Training auslassen, weil Laternenfest ist? Nein. Für einen Hort-Ausflug ins Schokolademuseum? Sicher nicht. Furchtbare Erkältung? Nix. Weil man seit einem Dreivierteljahr praktisch unmöglich zu ergatternde Karten für das Fest der Pferde hat? Nicht einmal daran denken. Und obwohl das Bubenmimi in dieser Familie die einzige ist, die Interesse daran hat, einen Ball mit dem Fuss zu treffen: es macht das Leben mir ihr doch einfach. Es ist leicht, sie glücklich zu machen. Das hat uns der Polz zuletzt im Garten der Horwaths vorgeführt, als es zu Tränen und Geschrei kam, weil wir das Bubenmimi aus dem Zimmer mit dem TV-Gerät entfernt haben. Und nachdem ich bei dem Kinde auch nach zehn Minuten mit vielen klugen, besänftigenden, pädagogisch wertvollen Worten, mit Versprechungen und Erpressungsversuchen genau nichts erreicht hatte, sagte der Polz, der keine Kinder hat und in seinem Leben mit Kindern überhaupt nichts am Hut, zum Mimi: Komm, wir spielen ein bisschen Fussball. Zwei Sekunden später war das Mimi wieder froh. Ach: so geht das.
Sedlacek macht mich in seinen Mails zur Sau, es ist kein Spaß mehr. Nicht, dass Spaß eine Kategorie wäre. Spaß ist etwas für Anfänger, für Großraumdiskobesucher. Wir Postspaßgesellschafter haben schon lange keinen Spaß im Sinne von Spaß mehr, wir packen höchstens den Moment, wir spüren uns höchstens, wir lassen uns höchstens einmal so richtig gehen; mit großer Ernsthaftigkeit und Hingabe und Respekt für den Kater danach. Großer Exzess, großer Kater, großer Schmerz. Ehrliche katholische Büßerei; dem ein nahezu ritueller Zwang zu neuerlichem Exzess, Kater, Schmerz immanent ist. Entsagung aus Vernunft, abwaschbarer Spaß ist etwas für Protestanten und andere Schweizer. Ich: Ich spaße nicht. Also, nicht, dass ich allzu häufig nicht spaßte; eine Selbstmörderin bin ich auch wieder nicht. Außerdem, zugegeben, das Problem von so einen ausgewachsener Kater ist, dass er vielleicht ganz gut im Kreise derer kommt, mit denen man ihn großgezogen hat, und die sind für gewöhnlich andernfrühs um sechsfünfzehn nicht anwesend; plus man muss zwischen neun und elf zum Buchstabentag in eine der Mimi-Klassen, um dort mit Erstklässlern zu lesen und als Buchstabenimpersonator kläglich zu vesagen. Verdammt, das hatte ich vergessen. Mehr Kaffee. Wo sind die scharfen Kaugummi.
Er ist wütend auf mich, Sedlacek, er hat mir ein langes, betrunkenes Mail aus Moskau geschickt, das war so ernsthaft und ehrlich und berührend und tiefsinnig, dass ich darauf nichts zu erwidern wußte. Es ist leicht mit Sedlacek zu kommunzieren, solange er an der Oberfläche bleibt, wo er sich normalerweise so aufgehoben und sicher fühlt, dass er sie nach Möglichkeit nie verläßt: das ist seine Matrix, seine natürliche Umgebung. Da ist er leicht zu parieren und seine Angriffe prallen an mir ab wie meine Angriffe an ihm abprallen wie Tischtennisbälle, es ist ein leichtes Spiel, für uns beide. Das Moskau-Mail passte nicht dazu, plötzlich war ich die Oberflächliche, die Geistlose, die die nicht fähig und willens war, sich auf einen komplexeren Gedankengang einzulassen, und das ist nicht, wie sich Sedlacek und ich uns die Welt aufgeteilt haben. Das war so nicht ausgemacht. Ich habe nicht darauf geantwortet, zehn Tage nicht, und dann habe ich geantwortet, und zwar auf dieses Mail und damit das Falsche, weil Sedlacek war längst wieder da und wieder woanders und wieder da, und jetzt prügelt er mich in durch Sonne und Mond, beschimpft mich, bestraft mich: erstens für meine Ignoranz, zweitens natürlich dafür, dass ich ihn beim Tiefgang ertappt und den Beweis für seine Zurechnungsfähigkeit immer noch in meiner Mailbox habe. Wenn das jemand erfährt, dass Sedlacek einen Charakter hat. Nicht auszudenken.
Permanent muss man aufpassen, dass die Kinder nicht mit irgendwelchen völlig degenerierenden Medien und Medienprodukten in Kontakt kommen: es ist total nervig. Am Samstag am Land schaffen wir es endlich einen Tisch in einem der Handvoll akzeptabler Gasthäuser im Waldviertel zu bekommen; gemeinsam mit den Polzes und den Horwaths und den Hofingers, die auf Besuch sind, und wir müssen nicht einmal die Kinder mitnehmen, weil der Nachbarsvierzehnjährige hat sich zum Babysitten überreden lassen. Vierzehnjährige brauchen immer Geld. Leider beginnt der Abend suboptimal; denn der kleine Horwath ist ein liebes, nettes Kind, solange er seinen Willen bekommt. Wenn nicht, nicht. Zum Beispiel ist es nicht der Wille des kleinen Horwath, dass während der Eltern-Abwesenheit „Bullerbü“ geschaut wird, weil er der Ansicht ist, „Bullerbü“ sei etwas für Babies und kleine Mädchen; der kleine Horwath ist härteren Stoff gewohnt. Und der kleine Horwath ist gewohnt, dass geschieht, was er bestimmt, bloß steht es diesmal drei zu eins für „Bullerbü“. Der kleine Horwath hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz, und ich muss erst einmal in die Knie gehen und ihm mit großer Eindringlichkeit klarmachen, dass er zu mir sicher nicht „Blödmann“ sagt. (Früher, als der kleine Horwath drei oder vier war, bebrüllte er den jeweiligen Diskursgegner als Seistwodl: Schön sprechen, Kleiner, das heißt Scheißtrottel, und das sagst du auch nicht zu mir.) Es ist aber unwahrscheinlich, dass er mich hört, weil er gerade sehr viel Blut im Kopf hat, das rauscht in den Ohren, und die Mimis fangen auch noch an zu weinen, weil das Gederwische und Gekreisch des kleinen Horwath sie erschreckt. Deshalb auch „Bullerbü“; die Mimis haben eine sehr niedrige Gewaltaffirmationstoleranz, medial und real, und als sie im Sommer einmal, eh gegen meine Überzeugung, „Harry Potter“ geschaut haben, weil die Mosers gesagt haben, das wäre ein total harmloser Babyfilm, den auch ihre dreijährige Tochter schon schaut, brachen Sie danach spontan in Tränen aus und hatten nächtelang Alpträume. Und ich verstehe das überhaupt nicht und werde das nie verstehen, warum aufgeklärte Eltern ihre kleinen Kinder bewusst solchen Bildern voller Bedrohung und Gewalt und Angst aussetzen. Ich bin ein großer Fan der netten Harmlosigkeiten von „Bullerbü“, und beabsichtige, es zu bleiben. Diverse Drohungen der Horwathin später ist auch der kleine Horwath bereit für „Bullerbü“, der Nachbarsbub hat die DVD und vier Telefonummern schon in der Hand und ist über Allfälligkeiten instruiert. Wie wir drei Stunden später heimkommen, sitzen alle Kinder um des Nachbarsbuben Laptop (der vorher noch nicht da war), und als ich das Zimmer betrete, sagt der kleine Horwath gerade: „Kannst du den noch schnell töten?“ Nein, kann er nicht. Weil jetzt ist erst einmal er dran.
Dafür finde ich es im Gegensatz zu praktisch allen anderen Eltern fantastisch, dass die Schule schon um acht anfängt. Es bedeutet, dass der Lange, der in der Früh dafür zuständig ist, Kaffee und Kakao ans Bett zu liefern, sich zu duschen, sich anzuziehen und drei Mal wöchentlich die Kinder zur Schule zu bringen (ich mache den winzigen Rest) jetzt nicht mehr bis um neun in Unterhosen durch die Wohnung hoppelt: da in einem Buch blättert, hier ein Zeitschrift aufschlägt und dort einen Song herunterlädt. Die Kinder warteten derweil angezogen und schwitzend an der Wohnungstür und kriegten schlechte Laune. Jetzt sind sie um halb acht aus dem Haus; und Mutter widmet sich in aller Ruhe der Ruhe.
Wie ich letztes Mal bis drei Uhr früh im rhiz aufgelegt habe und die Young Gods waren da, durfte ich ausschlafen. Die Kinder gingen ohne Frühstück, ohne Regenjacke und ohne Frisur in die Schule, und ich erbaute mich später sehr an des Langen Gestöhn, wie wahnsinnig anstrengend das denn alles sei, was da in der Früh zu erledigen anstünde . Ach wirklich. Dieses Erledigen bringt mich nämlich täglich an den Rand meiner Möglichkeiten, und wenn die Kinder abends um acht im Bett sind, will ich auch ins Bett. Nein, eigentlich will ich schon um halb zwölf wieder ins Bett.
Halb zwölf ist ungefähr die Zeit, zu der Haemmerli an normalen Tagen in Zürich aufsteht, und wenn ich abends bereits mit meinen Augendeckeln kämpfe, ist er gerade schön warmgelaufen und würde jetzt gerne telefonieren. Haemmerli und ich leben in verschiedenen Zeitzonen, dabei müssen gerade jetzt akut Sachen besprochen werden. Essen verabredet. Adressen ausgetauscht. Denn Haemmerlis Dokumentar-Film über seine Messie-Mutter hat heute, Mittwoch, im Top-Kino in Haemmerlis Beisein Premiere. Der Film heißt "Sieben Mulden und eine Leiche", die Schweizer kennen ihn schon, die Deutschen kennen ihn auch schon, denn Haemmerli war bei Kerner, eine offenbar semilässige Erfahrung, weil Kerner wollte wohl immer nur über die grausigste Stelle in dem Film reden. Dabei ist der Film, in dem Haemmerli zeigt, wie er mit seinem Bruder die Wohnung der verstorbenene Messie-Mutter aufräumt, die darin durch einen Treppensturz zu Tode gekommen und leider ein paar Tage lang dort auf der Bodenheizung lang, eigentlich überraschend heiter. Und wirklich gut, ich habe ihn schon bei der Zürcher Premiere gesehen. Haemmerli sagte, das Kerner-Publikum habe ihn für herzlos gehalten, aber herzlos ist Haemmerli nicht: Die Akribie, mit der er die Lebensgeschichte seiner Mutter aus dem Material zusammenpuzzelt, das er in dieser unfassbaren Müllhalde fand, in der sie lebte, zeigt eine Zuneigung, die man einer Mutter, die einen mit zehn ins Internat steckte, nicht zwingend entgegenbringen müsste. Andere wären einfach mit dem Schaufelbagger rein, man hätts verstanden. Haemmerli hat einen Film gemacht, der ist extrem sehenswert. Gut, ein bisschen grausig auch.
„Sieben Mulden und eine Leiche“ von Thomas Haemmerli. Ab Fr im Top-Kino
Zwei Wochen lang fanden die Kinder die Schule supsi: neu, spannend, interessant, uraufregend. In der dritten wurde ihnen klar, dass das jetzt immer so sein wird. Immer so früh aufstehen, immer rechtzeitig da sein, immer vier oder fünf Stunden Unterricht und danach immer Hausaufgaben. Es ist praktisch ein Schock. Macht sie muffig, patzig, aggressiv und wenn man einmal die Stimme auch nur ein halben Milimeter erhebt, fangen sie hysterisch an zu heulen, aber so hysterisch. Dabei sind sie Lautstärke gewohnt, bei uns sind alle laut, aber jetzt muss man als Erziehungsberechtige ganz leise sein. Ganz sanft. Meine Mutter sagt, das schadet nichts, das senkt euren Gebrüllpegel endlich ein bisschen, und dass ich vom Hinunterschlucken von dringlich veräußerungswürdigem Hochdruckgekeppel wahrscheinlich ein Magengeschwür kriege, ist ihr wurscht. Und die Mimis geben mir zu Gekeppel vielerlei Anlass: Ess ich nicht, trink ich nicht, mach ich nicht, will ich nicht, zieh ich nicht an, räum ich nicht auf. Nein, nein, nein, nein; wenn man überhaupt eine Antwort kriegt. Eine der Mimis hieß mich gestern dumme Kuh, das hätte sie früher nie gemacht, ich bin bitte ihr Idol, und ich habe sie, wie ich es aus der TV-Debatte HC gegen VdB gelernt habe, hypotisch angeflüstert: wenn ich das noch einmal höre, gibt’s kein kein kein... kein Irgendwas, du wirst du es jedenfalls bereuen. Die Schule macht uns fertig. Führt dazu, dass ich mir Sanktionen ausdenken muss. Aber wie sanktionierst du Kinder, die sowieso nicht computerspielen dürfen.
Computer, by the way, Abt. Gameboy: Es gibt im Hort einmal im Monat einen Gameboytag, da dürfen alle, die einen haben, ihren Gameboy mitbringen, und alle die keinen haben, wollen am Abend auch einen. Ich habe beim Elternabend gesagt, wenn ich einmal etwas sagen darf, ich bin unheimlich dagegen. Alle anderen schauten nicht mal hoch; nächster Punkt. Ich sagte noch einmal, ich bin übrigens strikt gegen den Gameboytag, und da erbarmte man sich meiner und erklärte mir in mitleidigem Ton, wie wichtig es sei, die Kinder einen vernünftigen Umgang mit modernen Massenmedien zu lehren. Gehöre nun mal zum Alltag; verbieten bringe nichts. Verbieten bringt wohl was, ich verbiete seit Jahren mit großem Erfolg und beabsichtige nicht, mein Konzept zu ändern, was durch den Gameboytag allerdings massiv verkompliziert wird. Im Gegenzug werde ich beim nächsten Elternabend vorschlagen, auch einen monatlichen Drogen-Tag einzuführen, an dem die Kinder ihre Zigaretten und Alkopops mit in den Hort bringen dürfen, was ich circa gleich schädlich finde wie Computerspiele: aber sie kommen ja doch früher oder später doch in Kontakt damit, besser man lehrt sie rechtzeitig einen vernünftigen Umgang mit dem Zeug. Verbieten bringt doch nichts.
Und Sie brauchen jetzt gar nicht zu sagen, dass die Kinder ihren Hang zum Hysterischen schon irgendwo herhaben... Ich habe schon eine Mutter, die mir revanchistische Referate hält, herzlichen Dank.
21.09.08
Das glaubt dir normal nicht einmal eine Zweijährige
Wie uns der Fink am Land besuchte und doch kein Haus kaufte, trug er ein pakistanisches Nationalgewand; weiße Pluderhose, knielanges weißes Hemd, dazu Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler und eine Siebzigerjahre-Pilotenbrille. Er klapperte einmal quer durchs Dorf und wieder zurück, und jetzt großes Aha. Aha, die gehören also zu einer Sekte! Die ganze Partie, die Horwaths, der Polz und seine Freundin, und die neuen da; alle Sektenheinis! Haben wir gleich gedacht, dass mit denen was nicht hui ist.
Dabei sind wir bestensfalls eine Art WG auf ein paar Tausend statt 237 Quadratmeter wie früher; und jetzt halt eine WG mit den Mitteln einer Wochenendagargemeinschaft: Früher haben wir mit illegalen Lustigmachern experimentiert, jetzt experimentieren wir mit Honigschleudern und Saftpressen. Plus es gibt jetzt auch Kurze, das gab es früher auch nicht, weil früher hätte keine Mutter mit einem Eitzerl Verantwortungsbewusstsein einen Minderjährigen in unsere Nähe gelassen und wir keinen Minderjährigen in die Nähe unserer Gitarren-, Platten- und Fanzine- und Tätowiernadelsammlungen. Wenn du das angreifst, Kleiner, bist du erledigt. Wie Leute wie wir an eine Erziehungsberechtigung kommen, kann ich mir bis heute nicht genau erklären, aber am Wochenende saßen 13 Kinder unter der Laube vom Horwath, aßen Nudeln mit Bambisoße und ließen sich von uns belügen. Das war ein irre altes Reh, eine Rehgreisenurli! Die hatte ein urlustiges Leben mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln und ist dann von selber im Wald tot umgefallen! Das glaubt dir normal nicht einmal ein Zweijähriger, aber je hungriger das Kind, desto empfänglicher ist es für Lügen, selbst wenn sie so miserabel sind wie die. Und ich bin der Meinung, dass manche Wahrheiten noch warten können: beziehungsweise: Sie wissens in Wirklichkeit eh. Und sie finden es selber entlastend, dass sie noch so tun dürfen, als wüssten sie´s nicht. Wie beim Christkind; wenngleich meine Idee, ihnen heuer in aller Vorsicht die Wahrheit zu sagen, von der Realität bösartig hintertrieben wurde: Vorgestern in der Früh wurde uns auf nüchternen Magen mitgeteilt, man wisse übrigens wer das Christkind sei: IHR! Öh, aso, naja, hm, stimmt; seid ihr jetzt traumatisiert? Waren sie aber nicht. Scheint ihr Weltbild nicht zu ruinieren. Hätte man wohl schon früher machen können, wollte man auch, aber andere Eltern baten einen händeringend, derlei zu unterlassen, weil was eins weiß, wissen alle. Also, wenn es jetzt dann alle wissen: ich kann nichts dafür; von mir haben sie es nicht.
Was jetzt auch alle wissen, also im Dorf: Dass diese Wiener, die das Dings-Haus gekauft haben, die von der Sekte, an Sonntagen noch zu Mittag vollzählig in fleckigen Pyjamas anzutreffen sind, vor Bergen Geschirrs: der örtliche ÖVP-Mann, der mit einem pröllvollen Papiersackerl unvermittelt in unserer Küche stand, wird schon berichtet haben. (Bitte, die Pumpe hat nicht funktioniert! Wir hatten kein Wasser!) Na, ich sags euch, mit denen ist was nicht hui.
Wenn Sie mich fragen, sehe ich auf dem neuen Kolumnenbild aus wie ein unausgeschlafener 16jähriger Extasy-Konsument namens Cedric oder Phil oder Fipsi. Aber mich fragt ja keiner. Mein neuer Verbindungsoffizier sagt, besser, als du siehst aus wie eine versoffene alte Vettel, da hat er erstens recht, zweitens weiß ich zu schätzen, dass er das sagt, weil er hätte auch sagen können: Immer noch besser als das verlogene alte Jugendfoto, das bislang deine Kolumne zierte, obwohl du doch in Wirklichkeit schon seit Jahren wie eine versoffene alte Vettel auschaust, nichts Persönliches. Also danke. Okay. Soll mir recht sein.
Ich habe übrigens, außer jetzt bez. mein Bildnis, keinerlei Kenntnis davon, wie das jetzt ausschaut, wo ich augenblicklich hineinschreibe, weil das neue Layout momanten noch hinter vier vierfach verschlossenen und von gut definierten Securities bewachten Türen in speziellen Schutzräumen aufbewahrt wird, die nur Auswählte in Begleitung noch Auserwählterer und nach strenger Leibesvisitation betreten dürfen, nachdem sie einen notariellen Eid abgelegt haben, dass sie das Erblickte selbigen Moments vergessen, in dem sie wieder auf die Straße treten. Burn after Reading. Also Sie als Leserin und Leser sehen dieses Layout und denken sich: schön, scheiße oder weiß nicht, haben aber nicht einmal den Furz einer Ahnung, welch ungeheuere Geheimnishaftigkeit seiner Vollendung voranging.
Mich hat natürlich vorher keiner gefragt, ob ich das vielleicht einmal sehen will, auch nicht, obs mir da hinten auf der Kasperl-Seite genehm ist, wo jetzt alles aufbewahrt wird, das die richtigen Artikel belästigen könnte oder wo sie beim Falter nicht so recht wissen, was damit anfangen. Man soll jetzt zwischen den wichtigen Geschichten nicht mehr über so Familien-Tralala stolpern, das ist doch irritierend, das stört doch. Aber Hauptsache, sie zahlen pünktlich. Und der neue Verbindungsoffzier ist sehr nett und höflich und ein reizender Quartiergeber, der schon gefragt hat, ob eh alles in Ordnung sei, und eben auch, wie man denn das neue Konterfei fände. Hätte er nicht müssen! Ist alles Extra-Service! Weiß ich durchaus zu schätzen.
Was ich nicht so zu schätzen weiß, ist das öffentliche Hergewatschtwerden, weil ich für meine Nachbarn ein Wort verwendet habe, das einige Menschen für inakzeptabel halten. Gut, ich akzeptiere das. Es tut mir leid, wenn ich Gefühle verletzt habe, das war nicht meine Absicht, und ich werde das Wort nicht mehr verwenden*. Ein winziger Schritt für mich, aber ein großer Erfolg für die engagierte Falter-Lesergemeinschaft, deren beherztem Einsatz es zu verdanken ist, dass eine marodierende Kolumnistin durch intelligente Nutzung moderner Netzwerke und massenhafte Zurechtweisung zur Raison gebracht wurde. Jjjja! So macht man das! Und so gesehen ist es wirklich ganz egal, in welchem Layout ich schreibe: Hauptsache, ich weiß mich daheim bei wachsamen und gerechten Leserinnen und Lesern, und, ja, hier bin ich das.
*) Sie werden das Wort deshalb auch in diesem Blog nicht finden.
Es fielen in der ersten Schulwoche Entscheidungen. Erstens wählte ein Mimi für den ersten Schultag ein blumengemustertes Frottee-Kleid, das die Hofingerin, 42, im Alter von fünf Jahren sehr oft getragen hatte. Auch das andere Mimi bediente sich in den frühen Neunzehnsiebzigern und entschied sich zum Schulantritt für ein schwarzes Leiberl mit dem Bildnis eines weltberühmten Drogentoten, verschieden 1971 an einer Überdosis Heroin. Die Horwathin hat ein bisschen geschaut.
Zweitens entschied sich das eine Mimi dafür, am Religionsunterricht teilzunehmen, während das andere Mimi – Gott gibt’s ja gar nicht, ist doch alles nur ein Märchen – zum Religiösen ein kritisches Verhältnis pflegt. Es gab zu diesem Thema vor ein paar Wochen im Waldviertel einen kleinen Disput zwischen dem Horwath und mir, was die Breußin einen „kollossalen Streit“ nannte, aber Horwath und ich sehen das gelassener. Weil der Horwath sagt, bei einem korrekten Streit ginge ja die eine Seite auf die Argumente der anderen Seite ein, und ich sagte, ja, wenn es ein Argument ist, aber das war kein Argument, das du da vorgetragen hast, das war geistesgestört. Siehst du, sagt der Horwath. Es wäre jetzt zu kompliziert, die Sache zu erklären, aber der Horwath wählte ein außerordentlich drastisches Bild, um klarzumachen, wie er, der sonst mit dem kleinen Horwath einen derart liberalen Umgang pflegt, dass er selbst das Wort „Erziehung“ engagiert verachtet, nicht einmal im Traum daran denkt, sein Kind selbst entscheiden zu lassen, ob es in Religion will oder nicht. Religion und alles Religiöse lehnt der Horwath umfassend ab. Religion kommt für den Horwath und somit auch für den kleinen Horwath nicht in Frage, und das, obwohl sich der kleine Horwath in erheblichem Maß für Religion interessiert. Was freilich wiederum damit zu tun haben könnte, dass der Horwath das Badezimmer seines Landhauses mit Dutzenden alten Bildern von nicht durchwegs glücklich dreinschauenen Heiligen quasi zutapeziert hat, und während ein Kind am Klo sitzt und auf diese Heiligen blickt und die Heiligen auf ihn, drängen sich dem Kind natürlich dazu ein paar Fragen auf. Die der Horwath aber auf keinen Fall von einer Religionslehrerin beanwortet wissen will.
Drittens entschied sich das eine Mimi dann doch gegen die Religion; und zwar ganz ohne mein Zutun. Aber es ist mir, marantjosef, eher sehr Recht.
Wieder Stadt. Und fängt ja gut an, denn die Pfeifen aus dem dritten Stock haben inzwischen den Aufzug ruiniert, fanden es aber unnedig, wegen so einer Kleinigkeit die Hausverwaltung zu informieren. Sechs mal sechs Stockwerke mit Gepäck: sehr gesund, vor allem nach einem Monat Bier, Brot, Speck, über offenem Feuer verbrannten Käsekrainern im Dutzend und Serien-Nudelessen. Das Landleben ist nur punktuell gesund; spitzenmäßiger Frischluftfaktor, aber ernährungsmedizinisch eher im bedenklichen Bereich. Das muss jetzt anders werden, dafür gibt es zahlreiche Gründe, über die ich nicht sprechen möchte, plus sind die Mimis ab sofort Schulmimis.
Das Wochenende verbrachten wir damit, in der Stadt die letzten zwei verstaubten Schultüten aus einem Schaufenster heraus zu erobern, weil Schulantritt ohne Schultüte ist heutzutage undenkbar, und mit einer selbergebastelten Schultüte zu erscheinen gilt unter Schulbeginnern, wie mir die Mimis erklärten, während sich in ihren Augen Tränen der Enttäuschung zu Glühbirnengröße aufbliesen, eine Schmach, die in ihrer zarten Kinderseele bis minimum Matura untilgbare Flecken hinterließe. Die Mimiseelenunversehrtheit kostet mich Euro 25,80, die Füllung der Monsterstanitzeln nicht eingerechnet, aber mit mir kann mans ja machen. Danach pickten wir stundenlang winzige Etiketten mit den Namen der Mimis auf jeden einzelen Blei-, Bunt-, Wachsmal- und Filzstift, das muss man heute, die Lehrerinnen habens in ihren teilweise mehrseitigen Manuals, was für die 1. Klasse zu besorgen sei, ausdrücklich befohlen.
Und, apropos Ernährung, wir testeten, wie das in gesunden Familien zu Schulbeginn gang und gäbe ist, gesunde Jausen, mit dem Ergebnis, dass die Mimis nun Montags, Mittwochs und Freitag Salamivollkornbrote mit Gurkerl und Dienstags und Donnerstags Putenschinkenvollkornbrote mit Gurkerl schuljausnen werden, mehr Diversifizierung ins Gesunde ist nicht drin, die anderen acht Probebeläge waren nämlich, so die Mimis, einem Schulkind absolut nicht zumutbar. Eventuell noch eine Traube und ein winziges Streiferl Karotte dazu, okay. Nein, den Thunfischaufstrich probier ich nicht, ich bin ja nicht lebensmüde. Nein, Avocado auch nicht. Käse?! Topfen mit frischen Kräutern?!? Spinnst du? Nein, koste ich sicher nicht. Nein, auch nicht, wenn ich dafür Schokolade bekomme. Nein, ich geh jetzt in mein Zimmer und heule dort so lange laut und elendiglich, bis mein guter Vater sich erbarmt, und mir die Schokolade auch ohne vorangehende Makrobiotikfolter verabreicht. Aber immerhin: Sie hätten auch den Putenschinken ablehnen können. Läuft doch gut.
Aber wie uns jetzt plötzlich der Fink erschienen ist, das war schon. Spooky war das. Andererseits: Mit dem Fink ist es so. Wenn ich dem Fink die Waldviertler Adresse gesagt hätte, hätte er sich die auf keinen Fall gemerkt. Oder er hätte die Adresse, wenn er sie notiert hätte, verschmissen. Zuverlässig hätte er sich, wenn er die Adresse doch noch gehabt hätte, auf dem Weg hierher verfahren, weil der Fink verfährt sich überall, auf der ganzen Welt haben wir uns mit dem Fink schon verfahren, in Sizilien, in Vietnam, im Bregenzerwald und zwischen Wien und Wiesen. Der Fink verfährt sich, wurscht wo. Und jetzt hatte der Fink irgendwo im Waldviertel einen Termin, hat sich auf dem Weg dorthin verfahren, und sieht plötzlich ein Ortsschild, einen Bach, eine Brücke und denkt sich: Hier, hier ist etwas. Der Fink fährt weiter, da steht unser Auto am Straßenrand und dann, wie er nach links in die Bäume hinein schaut, sieht er weit hinten den Langen mit verschränkten Armen hinter einem Schremser sitzen, und darüber sinnen, was er alles umhauen könnte, jetzt wo ihm der Breuß den Umgang mit der Motorsäge beigebracht hat. Der Lange blickt dem Fink geradewegs in die Augen und der Fink dem Langen. Der Fink bremst seinen Porsche ab, siebziger Jahre, kackbraun, jault ihn an den Straßenrand, springt heraus, brüllt wie ein Stier und ist da.
Später, nachdem er noch einmal weggefahren ist und seinen Termin erledigt hat, sitzt der Fink auch hinter einem Schremser unter dem Baum. Die Horwaths kommen mit dem Polz herüber, sie haben gerade ihren Bienen den Honig geraubt und geschleudert, und niemand wurde gestochen. Die Breußes sind auch da. Weitere Gäste vom Horwath schauen vorbei und setzen sich dazu; es ist kühl, aber sonnig, wir sitzen um den Tisch und trinken Wein und Bier und essen Speckbrote und die Kinder hängen verkehrt von an den Bäumen, und der Fink verwirft schlagartig seine schon sehr weit gediegenen Pläne, sich im Bregenzerwald eine Almhütte zuzulegen. Morgen kommt er und schaut sich ein Haus am Ortsrand an. Weil etwas hat ihn geradewegs hierher geschickt: Und der Fink kann zwar keine Landkarten lesen, aber er einen göttlichen Wink erkennt der Fink, wenn er ihm so vor der Nase herumwedelt; SO nämlich.
Weil wir uns letztes Mal über Sofakissen unterhalten haben: Erstens waren wir in der Zwischenzeit im Sofakissen-Paradis zum Essen eingeladen; so viele Sofakissen habe ich in meinem Leben noch nicht an einem Ort gesehen. Sehr kuschelig. Zweitens lese ich, wenn ich nicht gerade über Inneneinrichtung nachdenke, John Cheevers Geschichte der Wapshots, und wie immer, wenn einen gerade was beschäftigt, findet man in der aktuellen Literatur-Lektüre mannigfache Anknüpfungspunkte ans eigene Elend. Cheever beschreibt in seinem Roman das Leben einer Familie im Massachusetts der Mitte des letzten Jahrhunderts; einmal geht der Vater mit seinem Sohn fischen, sie fahren weit hinauf nach Kanada in ein heruntergekommenes Anglercamp. Wo dem Sohn, während er auf einer schmutzigen Matratze wachliegt, über die „die Abwesenheit der Frauen“ nachdenkt und wie sie die Möbel verbrannt, die Blechdosen vergraben und die Fußböden gescheuert hätten, wie sie Lampenzylinder gereinigt und in einen Glaspantoffel (oder ein anderes entzückendes antikes Stück) Veilchen- und Weißwurzelsträuße gestellt hätten. (...). Unter ihrer Herrschaft würden sich vom Camp bis zum See Rasenflächen erstrecken, hinter dem Haus würden Kräuter und Salatpflanzen sprießen, und es gäbe Vorhänge und Teppiche, chemische Toiletten und Uhren mit Glockenspiel“.
Und so ist es auch hier, wenngleich der Begriff „Frauen“ nun mehr als Sinnbild jener Personen gelesen werden darf, die sich in Partnerschaften und Familien darum kümmert, dass man nicht am Estrich schlafen muss und den Kaffee aus einem leeren Marmeladeglas schlürfen. Bei den Horwaths zum Beispiel ist es der Horwath, jedenfalls bin ich mir hundertprozentig sicher, dass die gesticken Zierborten im Horwathschen Geschirrschrank, die penibel mit kleinen Kupfer-Rundkopfnägeln an den Kanten der Regalbretter befestigt sind, nicht von der Horwathin dort angenagelt wurden. Und die Horwathin darf die großen ebay-Pakete, die regelmäßig bei den Horwaths abgeben werden, zwar aufmachen und unter ah und oh eine hübsche antike Tasse nach der anderen aus dem Zeitungspapier wickeln, aber gesucht und bestellt hat es der Horwath. Bei uns bin es halt ich, davor war es, was der Wohnung des Langen bei meinem ehedemen Erstbetritt deutlich anzusehen war, des Langen Mutter, die noch jahrelang, wenn ich einen Augenblick nicht hinsah, die dicken blauen Vorhänge, die ich demontiert hatte, wieder aufhing. Es könnte ja jemand hereinsehen. Schwimu, schau aussi, wir sind im letzten Stock und haben kein Gegenüber. Trotzdem: Irgendjemand muss sich schließlich darum kümmern, dass die Ziviliation nicht zu einem dreckigen Anglercamp verkommt.
Nachdem der Lange auch eine Tonne fauliger Klaräpfel aufgehoben hat, drängen sich ihm spontan ein paar Fragen auf. Brauchen wir wirklich so viele Apfelbäume? Oder darf ich die umhauen? Vielleicht dass wir statt dessen ein paar eilige, fruchtlose Schattenbäume pflanzen? Aber darf ich dann zumindest mit dem Astzwicker alle äpfeltragenden Äste abzwicken? Also alle?
Ja, nein, nein, nein und nein; obwohl ich dich wirklich nicht frustrieren möchte, Honey, denn ich bin über dein Engagement total erfreut, ehrlich.
Obwohl es, apropos Engagement, einige unschöne Szenen in der, so der Lange, Pipifax-Abteilung von Ikea gab. Das drückt der Lange einfach nicht durch. Da zuckt er aus. Das ist immer so. Wir schaffen es relativ geräuschlos und sozial unauffällig durch den oberen Stock, ich mit einer Einkaufsliste, der Lange mit schlechter Laune und einem gelben Ikea-Sack über der Schulter. Aber unten bei den Vorratsgläsern und/oder Sofakissen dreht der Lange regelmäßig durch.
WOZUBRAUCHENWIRDENSCHEISS! Bedauerlicherweise habe ich dann auch schon nicht mehr die Nerven, um sehr gelassen folgenden Text vorzutragen: Also, Langer, wenn du mit einem Buch flach auf der Couch lägst, denkstest du dir: Wärs nicht schön, ich hätt ein Kissen, ein Kissen wär jetzt wirklich fein. Das liegt und liest sich nicht gut, so ohne Kissen. Und eine Leselampe wär auch nicht schlecht. Und genau das ist dir noch nie passiert. Noch nie bist du im Dunkeln flach auf einer Couch gelegen und musstest über Mangelwirtschaft nachdenken, weil warum. Jemand hat sich gedacht: Wärs nicht schön, man hätt ein Leselicht und ein Kissen, wenn man mit einem Buch auf dem Sofa liegt. Jemand ist in eine Scheißpipifaxabteilung gefahren, hat vor den Leselampen und den Sofakissen hin und her erwogen, hat sich dann ohne Geschrei für welche entschieden, hat sie ins Wagerl gelegt und zur Kassa gefahren. Ist weiters dort angestanden, ohne der Frau vor sich das Wagerl mit voller Absicht in die Kniekehlen zu rammen oder die Kassierien anzupflaumen, hat das bezahlt, hat das in den Kofferraum getan und heimgefahren, hat das aufs Sofa gelegt und überm Sofa montiert, und bald darauf musste sich ein Langer keinen einzigen Gedanken darüber machen, wie schön es wäre, wenn er zum Lesen ein Licht und Kissen hätte. Weil er hatte es. Das selbe gilt für Vorratsgläser, Servietten, Schmortöpfe, Besteckkästen, Kindermatratzen, Lattenroste, Spannleintücher und Duschvorhänge: Es ist nicht schlecht, wenn sich jemand überlegt hat, dass es schön wäre, wenn sie da wäre, wenn man sie braucht.
Stattdessen brülle ich: Mensch, Langer, du Depp, reiß dich ein bisschen zusammen, wir sind eh gleich durch! Und sei froh, dass du dich nur darum kümmern musst, dass du am Land auch sicher deinen feschen kleinen Übungsverstärker parat hast, was ja der zentrale fack Einrichtungsgegenstand für ein Familien-Wochenendhaus ist! Verdammt!
An der Kassa kann ich gerade noch das Wagerl abfangen, das der Lange der Frau vor uns in die Kniekehlen rammen will, übernehme die gesamte Kommunikation mit der Kassiererin und ordne das Gekaufte im Auto so an, dass ich schlussendlich doch noch mitfahren kann, was der Lange eigentlich nicht mehr vorgesehen hat. Du wolltest schließlich unbedingt die unnedigen Lattenroste für die Kinderbetten, jetzt schau, wie du heimkommst. Jaja, geh weg, ich mach das schon.
Ein schattiger Waldviertler Obstgarten hat auch seine Nachteile, wie ich bestätigen kann, seit ich in nicht einwandfreier körperlicher Verfassung eine Tonne fauliger Klaräpfel aufgehoben habe. (Postalkoholische Tristesse nennt Fritz Ostermayer das.) Die Hälfte davon von der Straße, denn ich bin jetzt eine pflichtversessene Nebenwohnsitzerin eines netten, kleinen Dorfes. Wenngleich sich das Waldviertel vom Propperkeitsfaktor her nicht mit dem, jetzt zum Beispiel, Bregenzerwald messen kann, denn wenn der Bregenzerwald auf der zehnteiligen Propperkeitsskala eine gute 9,8 erreicht, schafft das Waldviertel bei extrem wohlwollender Wertung an ausgesuchten Orten eine wacklige Zwei. Man sollte hier niemals hinter die Häuser und in die Höfe schauen, außer man ist akut auf der Suche nach Ziegelhaufen aus hundert Jahren Bautätigkeit, nach verrosteten Autoteilen aus den Siebzigern oder knietief Kuhscheiße. Ich kaufe meine Milch hier ausschließlich pasteurisiert im Supermarkt.
Andererseits ist Dorf ist da wie dort Dorf, und wie ich mir eben beim Äpfelaufheben den Rücken ruiniere, fährt eine Frau, die ich nie zuvor gesehen habe, mit dem Rad daher, bleibt stehen, steigt ab und sagt: Grüßgott, übrigens, vorne, im 28er Haus ist gerade auch eine Frau aus Vorarlberg zu Gast, die stammt aber aus einer anderen Gegend als Sie und hat gesagt, sie kennt Sie nur vom Namen her. Ah da schau her. Interessant, danke! Das Schicksal schickt mir also einen kleinen Reminder, nur, falls ich vergessen haben sollte , aus welchen Gründen ich damals in die große Stadt gezogen bin. Unbeobachtetheit und Anonymität und alles! Aufgegeben für ein bisschen Apfelbaumschatten! Und die Äpfel sind noch nicht einmal gut!
Bevor wir uns jetzt ins Waldviertel begaben, um hier, ehe die Mimis in die Schule kommen, den Restsommer zu verbringen, fuhren der Lange und ich in die Steiermark zur Regionale. Sagen wir so, Ostermayer veranstaltete dort ein kleines Symposion zum Thema „Saufen“ und fand, ich sei eine geeignete Referentin; was mir durchaus irgendwie zu Herzen geht. Andererseits ist es jetzt wohl zu spät, mein Fachgebiet noch zu ändern; also, was solls, mache ich halt das Beste daraus. Es war aber sehr nett und man traf dort in ungewöhnlich herrlicher Umgebung Menschen, mit denen man seit nunmehr bald einem Vierteljahrhundert die Erlebnisvielfalt im Baccantischen pflegt. Herr Welter von Naked Lunch zum Beispiel, mit dem ich mich schon im alten Flex betschecherte, wie ehedem auch (ich weiß gar nicht, warum mir das jetzt einfällt) mit dem nunmehrigen Presseprecher eines sehr hohen politischen Repräsentanten, der damals langes blondes Wallehaar und Zehn-Tage-Bärte trug und nicht nur wahnsinnig gut singen konnte, sondern dabei auch ergreifend anzusehen war. Wie übrigens auch die Herren Welter und Red, die zum Abschluss des erstens Symposion-Abends ein unglaublich schönes musikalisches Zusammentreffen hatten, während welchem sich Herr Olivier Red, ein freundlicher Franzose, endlich nicht mehr frug, was für erstaunliche Mengen an Alkohol in manche seiner neuen österreichischen Freunde sowie in den Veranstalter selbst hineinpassen: was er die Tage zuvor gelernt hatte. Er hatte wohl geglaubt, das Motto des Wochenendes sei im übertragenen Sinn gemeint. So naiv war ich nicht.
Man hätte, wenn man ein Haus im Waldviertel besäße, vielleicht auch eine Pumpe, weil das Wasser aus dem eigenen Brunnen käme. Und die Pumpe könnte nicht funktionieren, wenn man am Samstag das Wasser anmachen wollte; nichts, niente. Der Horwath, der sich mit Pumpen auskennt, würde erste Anzeichen von Reue zu verbergen versuchen, dass er damals mit dem Finger auf dieses Haus gezeigt haben würde, wäre das nicht etwas für euch? Jetzt musste er, weil der Lange Kettensäge nicht kann, schon Bäume fällen, dann waren seine Fähigkeiten beim Autoanschieben gefragt, dann seine Kenntnisse des Siphons, jetzt auch noch die Pumpe. Das kann ja noch bravo werden.
Doch wenngleich des Langen Fertigkeiten beim Thujenkillen und bei der Pumpeninstandsetzung stark verfeinerbar sind, ist er überraschend gerne Nebenniederösterreicher und zelebriert das mit launigen Lesungen aus der NÖN und dem regionalen Bezirksjournal. Es werden hier noch Linden und Autos gesegnet, und zärtliche Landwirte mit tiefer Sehnsucht nach Neubeginn suchen ihr Äquvivalent. Der Lange ist vom Landleben wesentlich angetaner als er prophezeit hat, er würde nämlich, hat er prophezeit, das Scheißlandleben scheißmäßig hassen und, nur damit ich mir keine Illusionen machte, alles was ich dort von ihm zu sehen bekommen würde, sei seine auf einem Liegestuhl dahingestreckte Silhouette, er rühre dort keinen Finger. Außer die, die nötig seien, dass einem die Zeitung nicht aufs Gesicht fällt. Und so weiter, der Lange halt. Seit ihm aber aufgefallen ist, dass die Kinder am Land in dem Augenblick verschwinden, in dem man dort die Autotür aufmacht und er nun jedes Wochenende keine Minute am Spielplatz und im Prater verbringen muss, ist er mit dem Landleben versöhnt. Ich würde so weit gehen zu behaupten, der Lange liebt das Landleben, und wenn er die Zeitung ausgelesen hat, greift er nun freiwillig zum Astzwicker. Denn die Möglichkeit, seinen irgendwie angeborenen Zerstörungsdrang, den er bisher nur in Familie, Freundeskreis und Beruf ausleben durfte, auf die Natur auszuweiten, hat sogar über seine natürliche Abscheu gegenüber jeglicher handwerklicher Betätigung gesiegt. Der Astzwicker ist das neue Werkzeug des Langen, und mit ihm fand der Lange sein Mantra: Das muss weg. Der Horwath sagt, er findet, der Lange ist jetzt viel ausgeglichener.
Sorgen macht mir, dass es beim Horwath, der gerade in Imkermontur auf seinem 15er Steyr-Traktor an meinem Gartentor vorbeiknattert, auch mit einem Astzwicker angefangen hat. Oder mit einer Gartenkralle oder derlei. Es fängt immer klein an, und bald wird der Lange seine Bäume mit seinem eigenen Caterpillar umschmeißen, aber das behalte ich jetzt einmal für mich.
Im Kaffeehaus kriegen sich der Horwath und der Lange jetzt zum Thema Sonnenengergie in die Haare. Gut, wir sind alle ein wenig aufgewühlt, weil wir eben unsere Kinder in einen Bus gesetzt und ins Sommerlager verschickt haben. Es war nicht unser Wunsch, es war der Wunsch der Mimis. Ich hatte viele Einwände, die ich ihnen gegenüber unausgesprochen ließ: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn ihr Heimweg bekommt? Weil ich hatte im Lager immer Heimweh, und es war immer schrecklich, und am zweiten oder dritten Abend musste ich immer abgeholt werden. Aber zumindest im Vorfeld zeigten die Kinder keinerlei Anzeichen von übermäßiger Sentimentalität gegenüber ihrer Herkunftsfamilie; zählten wochenlang die Nächte bis Sommerlager und wachen am Abreisetag mit leuchtenden Augen auf. HEUTE! Die Mutter hat sauschlecht geschlafen und muss sich das angemessene Strahlen mit einiger Anstrengung ins Antlitz schnitzen. Heute. Was, wenn ich Heimweh bekomme?
Dann stehen wir am Reisebus und winken unseren Kindern zu. Eins weint; zum Glück keins von unseren, sondern das von den Szene-Wirten, die ihrem Kind, obwohl ihnen gar nicht danach ist, entschlossen entgegenstrahlen: Durch die begeistert gefletschten Zähne zischt der Szene-Wirt, dass der blöde Bus jetzt bitte bitte bitte endlich fahren soll, er hälts nicht mehr aus, gleich heult er auch. Eins der Mimis winkt nicht einmal zurück; keine Zeit, aber wie der Bus endlich startet, bin ich trotzdem froh, weil lange hätte ich mein Grinsen auch nicht mehr derhalten.
In dem Moment kommt auch der Kabarettist unter Gekeuche um die Ecke gerannt und kann seinem Kind, das von dessen Mutter geliefert worden war, gerade noch zuwinken. Wir applaudieren herzlich: schöne Vorstellung, Herr Künstler, Gott zum Gruße! Der Kabarettist kommt akut von irgendwo am Land, er hat einen Rucksack mit Gehstöcken dabei, sieht aber das Gegenteil von erholt aus und formuliert im Kaffeehaus entschiedene Einwände, als der Ober findet, die Bestellung werde erst aufgenommen, wenn alle parat seien. Nix da, gleich Kaffee. Dann geraten der Horwath und der Lange aneinander: kriegt man jetzt, wo der Photovoltaik-Klimafonds leer ist, noch eine Förderung für eine Strom- oder Warmwassersolaranlage? NEIN, ruft der Horwath, JA! ruft der Lange!, und wieder einmal fallen die Worte Dummkopf, Dodel und Depp. Muss man aber nicht so ernst nehmen. Ihr seid jetzt Nachbarn, da im Waldviertel, oder?, grinst die Szene-Wirtin, und der Horwath brummt, dass, na, zum Glück noch ein alter Bauer seinen Hof dazwischen habe, der sei nämlich geistig weit flexibler als dieser Sturschädel da. Wer redet, sagt der Lange.
Denn als Nebenniederösterreicher ist man umweltbewusst, macht sich Solarzellen aufs Dach, und es werden, wie wir später recherchieren werden, beide Sturschädel Recht gehabt haben. Aber jetzt im Kaffeehaus reden wir dann lieber wieder über die Kinder, und was wir machen, nun, wo sie nicht da sind.
Der Xaver ruft mich aus Xi an und sagt, er weiß echt nicht, was ich immer für ein Problem mit der Spießerei habe. Das sei ja langsam geisteskrank, diese Verspießerungsbesessenheit. Aso. Naja. Ok: Dann leite ich daraus einmal ab, dass Verspießerung eine Sache des Blickwinkels ist. Denn das habe ja wohl mit Spießerei nichts zu tun, dass man sich über eine Hütte und eine Natur drumherum freut, sagt der Xaver. Dann sei er ja auch ein Spießer.
Und das ist der Xaver nun verlässlich nicht; und hat eigentlich Recht. Es ist einfach ein hübsches, einfache Leben, da am Land. Man läuft den ganzen Tag in würdeloser Kleidung herum, ist freundlich zu den Nachbarn, füttert Tiere und richtet den Blick und die Spitzhacke in die Natur. Und den Kindern ist nie fad.
Abends grillt man im eigenen oder im Garten der Horwaths, die ihre Wochenendhütte (mittlerweile, dank etwas Anlegerglück und den nimmermüden Pratzen des Horwath, ein Wochenendgut) im gleichen Kaff haben. Am Samstag Abend beschließen wir, dass wir nun einmal der Waldviertler Umgebungsgastronomie eine Chance geben. Im ersten Gasthaus, oben am Berg, haben sie gerade ein Leich: Leider, keine warme Küche für sonstige Gäste. Im zweiten Gasthaus erklärt uns eine Tafel, dass wegen Dorffesten in der ferneren Umgebung heute geschlossen sei. Das dritte Gasthaus hat ohne Angabe von Gründen zu. Das vierte Gasthaus, irgendwo im Tobel, hat offen und wir betreten es durch das große Hinterzimmer, wo offenbar gerade eine Hochzeit zu so zu Ende geht, wie das kein Produzent einem modernen Heimatfilm-Drehbuch durchgehen lassen würde (unglaubwürdig!, Klischee!, raus!!!): In einem übertrieben erleuchteten, praktisch leeren Saal mit halb abgeräumten Tischen tanzt und knutscht ein halbes Dutzend wenig ansehnlicher Menschen zu den Klängen einer sehr angeschickerten Kapelle. Es ist spooky, und als wir den Gastraum betreten, stemmt die Wirtin ihre Fäuste in die Seite und sagt, nein, etwas Warmes zu essen hat sie nicht. Das fünfte Gasthaus fahren wir gar nicht mehr an, sondern wir fahren zurück zu den Horwaths und der Lange kocht uns ein Mangoldrisotto.
Aber trotz den örtlichen Problemen mit der Kulinarik kann ich mir irrsinnig gut vorstellen, dass wir dort nun Jahr für Jahr jedes klimatisch geeignete Wochenende und jeden Sommer verbringen; mit Ausnahme jener zwei Wochen, die wir im immergleichen Ort im immergleichen Haus in Kroatien am Meer sind. Angesichts solcher Perspektiven möchten sich andere entleiben; für mich klingt es verlockend: verlässlich, übersichtlich, großartig. Und DAS ist natürlich spießig, dieses bewusste Ausschlagen anderer Möglichkeiten.
Andererseits war Wittgenstein dann auch ein Spießer. Der aß, so las ich einmal, immer bei seiner Schwester und terrorisierte die damit, dass er, wenn ihm etwas schmeckte, wochen- und monatelang das Gleiche serviert bekommen wollte. Immer das Gleiche. Genau das will ich auch.
Apropos Gartenbau: In der Serie „Men in Trees“ bezog Fräulein Frist diese Woche eine eigene Hütte in ihrem Exil in Alaska, wurde infolgedessen von ihrem Love-Interest mit einem Bäumchen für ihr Gärtchen beschenkt und juchzte wiederholt, was das nun für ein wunderbarer Baum sei. Ein wunderbarer Baum sei das und noch viel wunderbarer werde er werden, wenn er erst groß sei. Daran sieht man, dass „Men in Trees“ völlig zurecht eingestellt wurde, denn der Baum war eine Thuje. Und wenn ich zum Beispiel letzte Woche mit dem Langen eine Hütte im Waldviertel gekauft hätte, hätte ich relativ schnell darauf geschaut, dass von den zehn oder zwölf Thujen bald einmal drei bis vier verschwinden. Auf jeden Fall aber die Hecke am Eingang, die den Rosen Schatten machen würde. Und die Riesenthuje hinterm Haus, die die Morgensonne beim Birnbaum verstellte, sowie die mittelgroße vor dem Schlafzimmerfenster. Schließlich die winzigkleine vor dem Flieder, die genau so aussähe wie das wunderbare Bäumchen in „Men in Trees, diesfalls aber, dank dem Supi-Turbo-Astzwicker, den der Lange erstanden hätte, in seiner Nochwunderbarerwerdung final gehindert werden würde.
Wir würden natürlich eine Hängematte oder eine Schaukel aufgehängt haben und, als weiteres Zeichen, dass nun alles einfach und easy und unkompliziert werde, einen von Mäuse- und Vogeldreck völlig versifften alten Küchentisch im Dachboden geborgen, mit viel Cif gesäubert und ihn dann in die Wiese unter den Apfelbaum gestellt haben. Dazu würden sich die abblätternden Gartenklappstühle gesellen, die schon seit Monaten in unserem Wiener Stiegenhaus im Weg gestanden haben würden. Es würde uns genau so gefallen, wir würden gar nicht daran denken, die Sachen neu zu streichen. Wir würden Kletterrosen anbinden und Rasen mähen und Bäume schneiden und Ribisel brocken und mit den Kindern Federball spielen: Es wäre ein Idyll; und an den Abenden würden wir erschöpft, aber zufrieden in der Dämmerung sitzen, mit mäßigem Erfolg Gelsen und Stechfliegen verwedeln, die Gartenschuppenfrage erörtern und uns des Eintritts in eine neue Phase der Verspießerung, sagen wirs ruhig, erfreuen.
Denn ab einem bestimmten Punkt der Aktzeptanz und Affirmation täte die Spießerei, glaube ich, nicht mehr weh. Unter anderem, weil man sich ja bereits so tief in nur noch für Fortgeschrittene bezwingbare Biederkeitsbereiche zurückgezogen haben würde: es würden höchstens mal andere Wochenendkleinhäusler vorbei kommen, die eine Wilhelmsburger Schütte bewundern oder einem Tipps geben würden, wo in Tschechien man preiswerte Kastenfenster machen lassen könnte. Ja, so wäre das: Wir wären arm an vorzeigbaren Erlebnissen und an Interesse für die Vorgänge innerhalb der SPÖ; aber reich an kleinen Glücksmomenten. Das Glück wäre: das Licht, das durch einen Baum fällt, eine erschlagene Bremse, ein schaukelndes Kind. Eine gefällte Thuje; das wäre schon schön.
Leser Otto Sch. will mich beleidigen, und es gelingt ihm. Ich sei nämlich, schreibt er, offenbar mit Meister Dylans Art nicht vertraut, denn entgegen meinen Behauptungen in der letzten Kolumne grinse Bob Dylan niemanden grundlos an. Ich weiß allerdings nicht, ob es mich mehr kränkt, dass mir Sch. mein in sechs Dylan-Konzerten gewachsenes Minimum an Dylanartvertrautheit abspricht, oder dass er so einen offensichtlichen Schmäh nicht kapiert. War das unklar? Dass das Wunschdenken- Witz gemeint war? Ich weiß natürlich sehr wohl, dass Dylan mich nicht angegrinst hat, erstens stand ich im Dunkeln und Dylan im Licht, zweitens wäre er aufgrund von, wie ich zu glauben glaube, Kräuterdingsinhalation gar nicht in der Lage gewesen, mein Antlitz zu fokussieren, selbst wenn ein 5000 Watt-Scheinwerfer darauf gerichtet gewesen wäre. Herr Sch. unterstellt mir außerdem, ich hätte während des Konzerts Nachrichten an meine Lieben in mein Handy gebrült, was ich natürlich eine glatte Lüge ist und ich nienienie tun würde: ich habe lediglich still Sedlaceks Nummer gewählt und ihn Dylan lausche lassen. Und schon gar nicht habe ich, wie Herr Sch. mich weiters bezichtigt, Dylan mit meinem Handy angeblitzt: mein Handy, ein Nokia Modell Xpress-Music, kann gar nicht blitzen, wenngleich ich gestehe, dass ich mich nicht zurückhalten konnte, mir ein Bildnis des Gottgleichen zu machen und es auf meinen Blog zu stellen. Es war aber völlig unscharf, was als Beweis für die totale Blitzfreiheit des Vorgangs reichen sollte. Plus, ich tat es, während Dylan mich mit einem Altherrenblues von gefühlten 97 Strophen ein wenig - wie sags ichs, ohne Gott seinerseits zu Blitzen zu provozieren - langweilte.
Das Ländle, Xavers Wiese und die strengen Vor-neun-Uhr-Vormittags-keinen-Schnaps-Regeln in meiner Familie (der Vater: Magst einen Schnaps? Der Onkel: Ist es schon neun? Ach was, bis du eingeschenkt hast, sicher) habe ich unbeschadet überstanden, um mich zwei Tage darauf im Waldviertel zerstechen, zerkratzen und verbrennen zu lassen. Was irgendeinem unnötigen Stechviech noch nicht reichte: Es entstellte meine Visage mit einem gezielten Stich neben das rechte Auge, welches mit einer ausgeprägten und stündlich prosperierenden Schwellung reagierte, die mich nicht schöner macht. Lieber T., diese Woche geht sich ein Treffen leider doch nicht aus. Unter anderem, weil ich Mutter Urban treffen muss, in ihrer Ordination: heile mich, Mutter Urban.
Der Lange sagt, wenn nur 50 Prozent vom dem, was ich letztes Mal über ihn behauptet habe, stimmen würden, wären es viel. Leider habe ich im Moment keine Zeit, mich mit dem Authentizitätsfanatismus vom Langen zu beschäftigen, und außerdem ist der Lange eh nicht wo ich bin. Nämlich in Xi, wo ich in die vorarlbergerischen Kernkompetenzzentren vordringe, indem ich die Großfamilie bekoche, Gartenbau bewundere und bald auch in der Kunst des Blumenkränzchenbindens reüssieren werde, pass auf. Zudem hat der Xaver, bei dem ich mich ein paar Mal beklagt habe, dass er praktisch nie Zeit für mich hat, wenn ich einmal, eh so selten, in Vorarlberg bin, beschlossen, mir einmal zu zeigen, warum er keine Zeit hat, indem er mich an seinen freizeitfressersischen Tätigkeiten teilhaben lässt. Schau, sagt, der Xaver, und drückt mir eine goldene Heugabel in die Hand, das geht so.
Wenn man mit dem Xaver dem Xaver seine Wiese heut, kriegt man ein relativ gutes Gefühl dafür, wie viel 1500 Quadratmeter sind. Es ist heiß. Es ist still. Manchmal meckert eine von Xavers Ziegen, hin und wieder blöckt eins der Schafe, die der Xaver drei Wochen in Pflege hat, zweimal legt eine von Xavers Hennen unter Gegacker ein Ei. Der Xaver redet beim Heuen über seinen Plattenladen und über sein Kind, und ich rede über nichts, weil ich kann nicht. Denn obwohl mein Körper sich irgendwie der Bergbauerngene meiner Großmitter entsinnt und sich weniger blöd anstellt, als man von mir erwarten dürfte, erinnern mich die Blasen an den Händen und das Stechen im Rücken doch auch daran, dass es Gründe gibt, warum ich in der Stadt lebe. Zum Beispiel, um dort im Sitzen zu verweichlichen.
In der Nacht hat mich Sedlacek aufgeweckt: Er rief mich an, um mich am Meeresrauschen in Puerto Escondido teilhaben zu lassen. Schön, habe ich gesagt, ich bin ja sooooo neidig, kann ich jetzt weiterschlafen? Gut, ich habe ihn vorletzte Woche in Hongkong aufgeweckt, damit er am Dylan-Konzert teilhaben kann. Allerdings wusste ich nicht, dass Sedlacek in Hongkong war, und werde sowieso mit meiner Telefonrechnung dafür bestraft, dass er live die Hälfte von „All Along The Watchtower“ mithören durfte. Worum Sedlacek, das ist richtig, nicht gebeten hatte, weil er Dylan für einen historischen Irrtum hält, was periodisch zu ernsten Verstimmung zwischen Sedlacek und mir führt. Beim Dylan-Konzert stand ich, falls es irgendjemand noch nicht weiß, in der ersten Reihe, der allervordersten absolut nächstmöglichen Reihe, so nah, dass ich die Schweißtropfen von Dylans Nase perlen sehen konnte; und er hat mich angegrinst. Doch. DOHOCH! Es war sehr schön.
Das erzähle ich dem Xaver beim Heuen dann doch noch, zwischen ein paar Keuchern und während mir der Schweiß ins Maul rinnt, und der Xaver sagt: Mich hättest du anrufen sollen, ich hätte das gern gehört. Aber das ist ein Witz, weil ein Handy hat der Xaver nicht. Aber eine sehr große Wiese.
Erstens: Wenn Ihr Kind seit einer halben Stunde geräuschlos im Kinderzimmer bastelt und mit einem Mal einen irrsinnigen Schrei ausstößt: Laden Sie nicht in Ruhe weiter Musik herunter, fragen Sie nicht über die Schulter: Was ist denn? Sondern springen Sie vom Sessel auf und rennen Sie hinüber, denn das Kind hat sich verlässlich weh getan und braucht Ihre Hilfe.
Zweitens, wenn Sie sehen, dass sich das Kind tatsächlich weh getan, nämlich sich mit dem Klammerapparat eine Acht-Millimeter-Klammer in den Finger gejagt hat, verfallen Sie nicht in lautes OHGOTTOHGOTTOHOIOIOIDASISTJAGRAU!EN!HAFT!!!-Gekreisch, das könnte das Kind zusätzlich beunruhigen und ihm das Gefühl geben, die Sache sei noch schlimmer, als sie eh schon ist. (Mensch, Langer, beruhige dich, lass mich das machen, hol ein Pflaster. OHGOTTOHGOTTOHGOTT!)
Drittens: Wenn Sie zum Beispiel gerade eine Wohnung oder ein Haus zu renovieren planen, und das Projekt befindet sich in jener Phase, in der zu klären ist, ob Mauern herausgerissen oder aufgezogen werden, sagen Sie nicht Sachen wie: Also, mir ist wichtig, dass der Läufer im Vorzimmer diesmal nicht aus Sisal ist, das schmutzt so. Das könnte in Ihrer Partnerin Zweifel an der Partnerwahl wecken: Ist er schwul oder blöd, und warum habe ich es bisher nicht gemerkt? (Apropos schwul, der geschätzte Kollege W., H.A.P.P.Y-Aktivist der ersten Stunde, schrieb mir auf meine Panini-Kolumne, nein, er sammelt nicht, aber wenn wir den Robin Van Persie doppelt haben, diesen schnuckeligen Holländer, den nehme er gern, und, nö, woher soll er wissen, was der für eine Nummer hat? Meine Bitte an dieser Stelle: Wäre es möglich, liebe Schwule, dass ihr hin und wieder ein bissl weniger dem Klischee über euch entsprecht? Das ist ja beängstigend.)
Viertens: Wenn Ihre Partnerin bereits wiederholt bewiesen hat, dass sie das Her- und Einrichten von Wohnstätten soweit beherrscht, dass Sie sich darin trotz (die Partnerin: aufgrund) des Verzichts auf eigenes Zutun pudelwohl fühlen, streiten Sie nicht mit ihr über die Form des Hangerlhakens. Überdies sind Aussagen wie „Dieses Zimmer möchte ich auf keinen Fall als Schlafzimmer, ich fand es unheimlich stickig“, geeignet, Ihre Kompetenz in allen Lebensdingen in Frage zu stellen, besonders wenn selbst für eine Zweijährige offensichtlich ist, dass besagtes Zimmer seit etwa acht Jahren nicht gelüftet wurde.
Fünftens: Wenn Sie gerade in den Urlaub fahren und Ihre Partnerin hat alles gepackt – die Kindersachen, die Familiensachen, die Badesachen, den Proviant und das Auto – sehen Sie großzügig darüber hinweg, dass Ihre Lieblingskekssorte nicht dabei ist. Speziell ab dem Moment, in dem Ihnen klar geworden ist, dass Sie in langen Hosen und Halbschuhen zum Strand müssen, weil Sie vergessen haben, Ihre kurze Hose und die Flipflops einzupacken.
Sechstens, sagen Sie nicht: England. Besonders, wenn Ihr Kind Sie fragt, wer Ihr Favorit bei der EM ist.
Bereits im ersten Drittel der ersten Halbzeit des ersten EURO-Matches erleide ich einen Hörsturz, dank ununterbrochenen Freudengeheuls der Mimis. Erstens, sie dürfen fernsehen. Zweitens, sie dürfen Fußball fernsehen; was vor allem das Bubenmimi in einen Begeisterungstaumel versetzt, für den ich Unterhaltungschemie im Gegenwert eines Designersofas benötigte.
Das Bubenmimi spricht von morgens um sechs bis abends um acht ohne Unterbrechung nur noch über Fußball. Mein Tag beginnt mit der Anhörung glühender Referate über tschechische Torwarte und schwedische Stürmer und endet mit der Akklamation aller fixfertigen Mannschaftspuzzles im Panini-Album. (Es sind acht. Ich weiß es. Sie hat mir die freudvolle Neuigkeit schon etwa 600 Mal überbracht.) Dieses verfluchte Panini-Album; das ich zugegebnermaßen selbst ins Haus geschleppt habe, und zwar mit einem kecken Grinsen, das, wie ich jetzt weiß, meine komplette, lückenlose Ahnungslosigkeit darüber illustrierte, was dieses Teufelszeug aus Kindern macht.
Kollegin B. hat mir erzählt, dass ihr Neunjähriger kürzlich vom Telefon der Lehrerin anrief, weinend, weil er den Aufhauser verloren hat, und beides ist im normalen Alltag eines Neunjährigen undenkbar: Weinen, die Mama anrufen, wie ein Baby. Ein Pickerl mit dem Antlitz eines österreichischen Nationalspielers machts möglich. Wir hatten den Aufhauser; spontan erklärten die Kollegin und ich die Tauschbörse „Mürbe Mütter, die wollen, dass es aufhört“ für gegründet und mailen uns seither gegenseitig lange Zahlenlisten zu, wie Verschlüsselungsspezialisten. Wie Verrückte.
Wobei ich sagen muss, dass das andere Mimi nicht unbedingt den nötigen Ernst für den Panini-Irrsinn mitbringt; einerseits: halleluja, lobet den Herrn. Andererseits zwingt das die Mutter dazu, in der ganzen Wohnung nachlässig gehortete Fussballstars einzusammeln und einzupicken: Sie schlafen in den Betten des Puppenhauses, lächeln nach Frisuren sortiert vom Badezimmerregal und rütteln am Gitter des Playmobil-Gefangenentransporters. Und sie erfüllen in keiner Weise mehr den Zweck, dessentwegen sie überhaupt mit den Mimis bekannt gemacht wurden: Denn sie waren, pro 5-Stück-Packerl, dazu rekrutiert, die Mimis dazu zu kriegen, freiwillig ihr Zimmer aufzuräumen. (Spießerin! Spießerin! Hören Sie auf. Ich bin bei der „Wunder von Wien“-Premiere von Herrn Rubinwitz deswegen bereits erschöpfend gedögelt worden, dankeschön.) Allerdings hat es sich als wenig moralisierend erwiesen, ein Kind eine halbe Stunde aufräumen zu lassen und ihm dann gönnerhaft ein Packerl Paninis zu überreichen, von dem es jedes einzelne schon hat; „Hysterie“ beschreibt die Folgen überaus unzureichend. Nun schmeiße ich ihnen jeden Tag freiwillig und ungebeten drei Packerl in den Rachen, renn mit ihnen auf Tauschbörsen und schreibe lange Zahlenlisten in emails und Blog. Es muss endlich aufhören; es reicht.
Lassen Sie mich noch erwähnen, dass der Horwath tatsächlich 50 Schnitzel für die Kindergrillparty gebacken hat, ich kenn ihn doch, und dass wir das mit den Abschiedssackerl nächstes Mal lassen. Die Horwathin hat nämlich doch welche gemacht, aber da hat der Horwath Recht, das ist zuviel des Guten, das braucht kein Mensch. Nach der Party war ich aber so oder so relativ nah am Ende meiner Kräfte und habe drei Kreuze geschlagen, dass ich jetzt bis zum nächsten Kindergeburtstag 364 Mal schlafen darf. Also tatsächlich durfte ich nur drei Mal schlafen, aber da hatten nicht wir die Scherereien, sondern ein anderer Kindergartenkindsvater, dem wir an seinem Küchentisch zusehends beschickert dabei zusahen, wie er zügig dem Ende seiner Kräfte entgegenstrebte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er später drei Kreuze geschlagen hat, weil er jetzt bist zum nächster Kindergeburtstag 364 Mal und so weiter. Allerdings hat die Badesaison nun auch in Wien begonnen, die aber sehr viel weniger Falten macht, wenn der Nachwuchs endlich schwimmen kann. Die 400 Euro, die wir in mehrere Schwimmkurse investiert haben, machen sich nun in heiterer Entspannung mutterseits bezahlt: Ich sitze mit anderen Müttern gelassen unterm Schirm, während unsere Kinder in egal welchem Pool nicht ertrinken; das entstresst die Sommerzeit entschieden. Die Gelassenheit rastet kurz, wenn die Kinder aus dem Becken kommen und sich darüber in die Haare kriegen, wer die Sonnenschutzcreme mit dem höheren Lichtschutzfaktor hat (Ich hab nämlich 50! Und du nur 25! Aber ich kenn jemand, der hat 100, und der borgt sie mir!), wo man sich echt an den Kopf greift und fragt, woher dieser geisteskranke Konkurenzzwang bitte herkommt. Kauft euch sofort ein Eis. (Aber ich krieg das größere!). Jesusundmaria. Von uns haben sie das nicht. Naja, vielleicht haben sie es vom Langen und vom Horwath, die sich in Kroatien tatsächlich ernsthaft darüber zerkrachten wie man Basmati richtiger kocht. Ob man ihn ins kochende Wasser schmeißt oder glasiert und aufgießt, was als Die Große Reiskrise in die Kroatien-Annalen einging. Aber am achten Urlaubstag schuf Gott nun mal die Faustwatsche, da muss man durch, gelassen drüber, weitermachen, tun als wär nix gewesen, dann wirds schon wieder. Ich bin mit meinem Nicht-mein-Kind-Geht-mich-nichts-an-Mantra überraschend schmerzfrei über die zwei Wochen gekommen: Erst an Tag zwölf platzte mir einmal wegen einer Kinderessen-Sache der Kragen, was aber wohl vor allem damit zu tun hatte, dass ich es gewohnt bin, den Großteil meiner Tage still über Texten zu sitzen, und diese Gewohnheit nehme ich gerne in den Urlaub mit. Aber die schöne Idee, dass man wo hin fährt und dort die Klappe hält, ist vor allem bei Kindern extrem unpopulär, und wer mein mein Meeresrauschen lang genug in dieser bestimmten Frequenz zerkreischt, kriegt irgendwann die Rechnung. Zahlen, bitte! Nein, nicht Sie, der Kleine da hinten.
Heuer, habe ich gesagt, machens wirs einmal anders am Kindergeburtstag. Der Horwath war gleich dagegen; sein kleiner Horwath hat drei Tage vor den Mimis Geburtstag, also gemeinsame Party. Eine Scheißidee, sagte der Horwath, da saßen wir noch in der Neptun-Bar in Kroatien, nachdem er zuerst gefragt hat, wie ich das meine und ich es ihm erklärt habe: dass wir heuer einen Kindergeburtstag machen, an dem es ausnahmsweise auch einmal Spaß für die Kinder gibt. Spaß, hat der Horwath gesagt und durch seine Cutler&Gross-Brille bitter aufs Meer geschaut, was für Spaß. Ein Clown oder was. Blödsinn, hab ich gesagt, ein Spiel oder eine Schnitzeljagd oder etwas in der Art, und Würstelgrillen am Feuer, und wir laden heuer nicht nur unsere Freunde ein, sondern die Freunde der Kinder, schau nicht so, mir gefällt es auch nicht besonders. Aber trotzdem machen wir es heuer so. Der Horwath hat gesagt, grillen hasst er. Schnitzeljagden auch. Die Horwathin hat gesagt, sie findet es aber eine super Idee. Der Horwath hat noch ein Karlovacko bestellt und gesagt, dass es für so einen Unsinn nicht den geringsten Grund gibt, weil bis jetzt hats immer gepasst. Normal laden wir am Kindergeburtstag alle unsere Freunde mit Kindern ins Schwimmbad oder auf den Spielplatz, schneiden den Kuchen an, singen Happy Birthday, rufen jöö und schööön, und schicken die Kinder dann spielen. Oder baden oder raufen, Hauptsache, sie stören uns nicht, während wir riesenschüsselweise Erdäpfelsalat und kleine Horwath-Schnitzis verputzen und Kühltaschen voller Bier und Wein leermachen. Bitte, die Kinder haben sich nie beschwert, aber dann war ich auf Kindergeburtstagen, die wirklich Feste für die Kinder waren, und zuerst fand ich das echt schischi, und dann habe ich mich geschämt. Heuer machen wir es anders. Jetzt ist heuer schon morgen und ich komm aus der Hektik nicht heraus. Ich habe Einladungen gemacht, kopiert, verteilt, der Lange und ich waren einkaufen und auf der Geburstagsfestwiese, die Schnitzeljagd auskundschaften, und wir haben gestritten. Ich habe zwei Blecher Schoko-Kuchen gebacken, nicht wie letztes Jahr mit einer schicken Zuckergussgraphik, sondern fußballrasendicht mit Smarties belegt, denn so und nicht anders wollen es Kinder. Aber es sind noch keine Schnitzeljagd-Aufgaben ausgedacht, keine Geschenke eingepackt, keine Schatzkiste und keine Partysackerl befüllt, und auch Erwerbsarbeit wäre noch zu erledigen. Weil ich mich in dieser Sache an den Horwath nicht zu wenden brauche, rufe ich die Horwathin an und sage, du, mir wächst der Kindergeburtstag gerade ein bissl über den Kopf, und sie sagt, oje, aber leider kann sie nichts tun, jetzt wühlt sie grad am Land im Garten und morgen kommt sie nicht vor fünf aus der Klinik, tut ihr echt leid. Der Horwath ist nicht zu sprechen, wahrscheinlich brät er gerade eine Scheibtruhe voll Schnitzel, aus lauter Wut über die Scheißidee, und ich bin kurz davor, ihm Recht zu geben.
In Kroatien wird immerhin die heikle Morchelnudeln-Sache endlich entschärft. So welche hat der Horwath unlängst gekocht, als der Lange unabkömmlich war. Und das war nun, wie ich dem Langen hernach berichtete, ungelogen das beste Essen seit Wochen gewesen, worauf sich der Lange tagelang entschlossen vom heimischen Herd fernhielt, weil er kann bitte auch anders. In Kroatien aber kocht der Breuß das beste Essen seit Monaten, was nicht so sehr an seiner Busara liegt und mehr an den Scampi darin, die uns der Scampi-Fischer gerade frisch aus dem Meer geholt hat. Wir haben uns diesmal schamlos an die örtlichen Fischer zubigeschmissen, und die verkaufen uns nun fast jeden Tag etwas von dem, was sie aus dem Meer geholt haben, und während wir die tropfenden Säcke ins Haus tragen, lachen sie über uns. Der fesche Josip, dessen hundert Meter entferntes Ferien-Haus von den Kindern final gekapert wurde, weil Josip eine nette schwäbische Hildegard zur Frau hat, die endlich gerne Oma wäre, Josip also erzählt uns, dass die Sepie, die wir heute wieder von den Fischern gekauft habe, hier nicht einmal die Fische fressen. Geschweige denn die Einheimischen. Sowas kann man nur Touristen andrehen, grinst der fesche Josip, während er auf der Bank vor seinem Haus aufs Meer schaut und raucht, und erwähnt in diesem Zusammenhang auch, wie Eskimokinder tagelang auf einer Seehundhaut herumkauen. Am nächsten Abend gehen wir rüber zu Josip und seiner Bank, die Breußin schnorrt Josip eine Zigarette ab, und wir sagen, Josip, wir wissen jetzt, warum nur Touristen eure Sepie hier kaufen, weil von euch hier kann sie keiner richtig zubereiten. Wenn man die Sepie nämlich nicht eine Stunde oder zwei zu Semperit kocht, sondern nur kurz z. B. in einer Rosmarin-Tomatensauce mit weißen Bohnen ziehen lässt, schmecken sie nicht wie Flipflops, sondern sind sie zart wie ein Henderl, Josip, zart wie ein Henderl. Am nächsten Abend laden wir Josip und Hildegard, sozusagen als Kinderbetreuungshonorar, zu uns zum Essen ein, der Horwath paniert endlich die Wiener Schnitzel, ohne die er keine zwei Wochen am Meer überlebt, und wir fragen Josip, der aus der Gegend stammt, wie er nach Deutschland kam. Die Geschichte geht so, dass Jung-Ingenieur Josip in den späten 60ern nach Deutschland ging, weil er einen Sportwagen fahren wollte, und das tat er auch, einen BMW 2500 um 18.000 Mark, den er mit einem Monatsgehalt von 600 abzahlte und bald an deutscher Maurerhandwerkswertarbeit ruinierte. Leider übernimmt Hildegard dann den Erzählfaden und gibt ihn nicht mehr her, und wir erfahren wir alles über den Karneval in einer schwäbischen Kleinstadt, und das ist leidlich verstörend. Ich schleiche in die Küche und danke dem Herrn auf Knien dafür, dass ich heute den ganzen Abwasch machen darf. Andererseits soll eine Frau, die es mir ermöglicht, im Urlaub trotz Kindern fast drei Bücher zu lesen, im Karneval ihren Spaß haben: das ist nur gerecht.
Ich lese eigentlich keine Mails mehr, außer sie sind von meinem Chef oder von meinen Freundinnen. Leider generiert das Ignorieren von Elektropost nicht weniger, sondern mehr Mails, diesfalls solche, die mit der Zeile beginnen: Ich habe Ihnen am soundsovielten ein Mail mit einer Anfrage geschickt, auf die ich leider bis heute keine ... und soweiter; und es wird schlimmer, wenn man die nicht beantwortet. Keine Freude. Macht noch mehr Stress und lässt einen in der Nacht noch öfter wachliegen, geplagt von der Schuld, seine Pflichten nicht anständig erfüllt zu haben. Den Fleck kriegt nicht mal ein Hyper-Mega-Vanish aus einer Vorarlbergerin raus, da kann man sie zwanzig Jahre lang in Wiener Laissez-Fair eingeweicht haben, den sieht man noch. Auch habe auch schon lange keine Freude an meinem Handy mehr; aber das hatte ich eigentlich schon früher nicht, als mich Sedlacek ständig in der Nacht angerufen hat. Das war, wie ich noch zu den 30ern gehörte, die jetzt, wie ich überall lese, ganz anders drauf sind als wir damals, ohne Vertrauen in die Zukunft und alles, betrogene Gläubiger gebrochener Du-kannst-es-schaffen-Versprechen, aber immerhin mit einem neuen Zugang zur Welt: Sie wollen jetzt einmal durchhalten. Nicht immer gleich aufgeben, nicht mehr Teil der Instant- und Wegwerf-Generation sein, vor allem als Beziehungskonsumenten. Dieses wiederentdeckte Langstreckenläufer-Denken erscheint mir ein interessanter und partiell lobenswerter Zug an den neuen 30jährigen, wenngleich natürlich das Aufgeben-Dürfen gescheiterter Beziehungen, das Beendenkönnen unglücklicher Ehen eine großartige Errungenschaft der Neuzeit und des Feminismus ist, die man nicht so einfach einem reformierten Durch-Dick-und-Dünn-Gequäle opfern möchte. Allerdings ist die Halbwertszeit moderner Beziehungen und Ehen für eine genetisch determinierte Durchbeisserin wie mich immer wieder überraschend: Gerade kürzlich bin ich an einer TV- und Radiomoderatorin vorbeigeradelt, die feingemacht vor einem Bezirksgericht herumstand, daneben ihr Kindsvater, der stur in einem Winkel von 140 Grad von seinem Ex-Lebensmenschen wegschaute, denn offensichtlich war man gerade dabei, die intensiv in Medien beschworene Liebe des Lebens mit einer Scheidung zu finalisieren. Die Ehe hatte, inkl. Kindsproduktion, neun Monate gedauert, aber das ist heutzutage höchstens noch Durchschnitt. Es geht auch kürzer. Und vielleicht liegt das genau am Internet und am Handy, weil früher musste man beim Schlussmachen in nässende Augen blicken oder telefonisches Geschluchze ertragen: das war sehr unangenehm, das wollten viele sich lieber nicht zumuten und ertrugen deshalb tapfer ein paar Jährchen moderaten Doppelunglücks. Heute schickt man ein formloses email oder SMS, don´t u w8 4 me oder sowas und, damit das Ganze nicht so brutal daherkommt, einen Smiley dazu. Wenn die 30jährigen daraus keine Tradition zu basteln zu basteln gedenken, habe ich nichts dagegen.
Als gute Idee hat es sich erwiesen, Buben in Mädchengruppen zu isolieren: Testosteron scheint sich zu potenzieren, wenn es auf anderes Testosteron trifft, neutralsiert sich allerdings ganz und gar, wenn man es isoliert. Buben allein unter Mädchen entwickeln mit einem Mal Fähigkeiten, die sogar ihre eigenen Mütter zu überraschen vermögen: Mädchen sind plötzlich auch respektable Spielkameraden, Scheren werden zu harmlosen Werkzeugen, mit denen putzige Figuren ausgeschnitten werden, ja selbst Puppenhäuser werden zu Spielzeugen, wenn weder Hohn noch Spott noch lebenslängliche Ächtung von Geschlechtsgenossen zu befürchten ist. Aber kaum tut man einen zweiten Buben dazu, gibt es strikte Geschlechtersegregation, denn kein Bub, der auf sich hält, beschäftigt sich mit Mädchen, wenn richtige Menschen in der Nähe sind. Man kann gegen Testosteron - Bubenmütter versuchen es ständig – nicht argumentieren. Ich behaupte aber keineswegs, Mädchen seien das bessere Geschlecht. Das sind sie, meinerseel, nicht. Die Kindergartenmädchen haben sich kürzlich, als es hieß, zwei Gruppen bilden (nicht: zwei geschlechtshomogene Gruppen bilden) gegen alle Argumente der Kindergärtnerin zusammengetan, um es den Buben mal so richtig zu zeigen und stanken daraufhin beim Klobürstenhockey mit 1:7 oder so völlig ab. Worauf es sich die Mädchen, alles Töchter emanzipierter, berufstätiger Frauen, sofort in der Opferrolle bequem machten: sie seien nun mal die schwächeren und nicht so brutal, und woher sie denn auch Klobürstenhockeyspiel können sollten?, und überhaupt seien die Buben so gemein, buhuhu. Woher haben die das? Ist das biologisch? Dafür sind Mädchen nicht so anfällig für elektronische Infektionen. Der achtjährige Intelligenzbolzen von Freunden stand kürzlich, weil seine Eltern ihn lieber nicht mit zu IKEA nehmen wollten, mitten in einem Zimmer voller Spielzeug, auch bubenkompatiblem, und näselte völlig gelangweilt die Worte: Habt ihr auch irgendwelche Computer? Nicht für dich, Rotznase. Er entschied sich dann, mit dem Bubenmimi zwei Stunden lang einen Wasserball durch den Flur zu kicken; auch schön, ok. (Ich wäre eh mit ihnen in den nächsten Käfig gegangen, aber es wurden Gäste erwartet, und ich hegte den Wunsch, die Vorbereitungen diesmal rechtzeitig abzuschließen: Wie wir letztes Mal das Essen für Haemmerli gaben, erschien Haemmerli, als ich gerade noch die Servietten bügelte. Nie wieder möchte ich so angesehen werden.) Das war noch bevor das Panini-Fieber ausbrach, denn seither kann man die Kinder, Buben wie Mädchen, wunderbar damit beschäftigen, dass sie ihre Panini-Alben vergleichen und Pickerl einpicken. (Und die Mütter damit, dass sie, während sie längst woanders sein sollten, den Altpapier-Container im Hof durchwühlen, weil eins dieser Alben verschwunden ist.) Dafür ist jetzt jeden Abend das Kinderzimmer picobello aufgeräumt. Käuflich sind sie alle, unabhängig vom Geschlecht.
Es war auch endlich warm. Man konnte die Hosen hochkrempeln und barfuss laufen und sich einen Sonnenbrand an den Waden holen und Bienenstiche an den Fussohlen. Das Bubenmimi hat sehr geheult, es war ihr erster Bienenstich, wir schmierten dick eine wichtig aussehende Creme darauf, und das Kind erholte sich schnell. Später gingen wir zur Waldlichtung, dort standen drei Gestalten in grotesker weißer Schutzkleidung in der Sonne und sahen aus, als drehten sie ein billiges Sequel von „Outbreak“. Spooky irgendwie. Es waren aber nur der Horwath und sein Freund, der Polz und die Freundin vom Polz an Tag eins nach der Absolvierung des Imkerkurses. Der Horwath macht jetzt auch Honig; soll mir recht sein. Wir fotografierten den Horwath und den Polz und seine Freundin mit dem Handys, später fotografierte der Horwath die Kinder und ihre Papp-Medaillen und ihr Siegerlächeln. Denn sie hatten alle die 400 Meter Ersatzmarathon geschafft, die wir ihnen ausgesteckt hatten, weil wir dann doch nicht in aller Herrgottsfrüh nach Wien gefahren waren, damit die Kinder an diesem Kinderlauf teilnehmen konnten. Stattdessen fand der Kinderlauf auf einem Waldviertler Kiesweg statt, es gab wertvolle-Panini-Preise, alle waren froh. Auch die Eltern, die sich nachher wieder in den Schatten von Horwaths Sonnenschirm in Horwaths Garten setzen, Zeitungen lesen, einen Sonnenbrand auf dem Hirn kriegen, deppert reden und überlegen konnten, was man als nächstes essen soll. Es wird viel gegessen im Garten der Horwaths. Später gab es eine kleine Krise, als der Horwath „elf“ antwortete, auf meine Frage, wie schrecklich das Ritterfest auf der zehnteiligen Schrecklichkeitsskala jetzt ehrlich gewesen sei. Elf! Wir hattens versprochen gehabt, aber ein gütiger Geist, der Lange nämlich, hatte mir die Klänge von Schalmeien und sich kreuzender Schwerter erspart. Und Bekleidung, neben der man sich freut, dass man eine elegante pestogrüne Wanderjacke tragen darf. Ich schaukelte auf der Hollywoodschaukel, während der Lange und der Horwath auf dem Burgfest den Horwath verfluchten, der seit Wochen am Spielplatz von diesem Burgfest geredet hatte, dass man dort unbedingt hin muss, und wie toll es die Kinder finden und alles. Der Horwath hatte wohl, wenngleich er normal nicht zu Kinderglücksverklärungsbedingter Bewusstseintrübung neigt, kurz verdrängt gehabt, wie arsch es die Erwachsenen finden. Jetzt weiß er es wieder. Dafür bekam ich Sonnenbrand auf den Fußssohlen, überlegte, warum verdammt ich mir eigentlich nichts kurzärmeliges Unschwarzes eingepacken hatte können, ärgerte mich über das Zeit-Magazin (Wolfgang Joop, Chef des teuersten deutschen Modelabels, in einer Geschichte über Mahlzeiten in seiner Potsdamer Villa: „Ich erzähle oft von Zeiten des Mangels und der Improvisation.“) und ein Vogel schiss mir aufs Handy. Es war ein aber kleiner Vogel, und seine Ausscheidungen trübten mein Frühlingsglück nicht.
Dennoch: Wenn ich mir in diesen Tagen etwas Teures zum Anziehen kaufe, ist es eher von Jack Wolfskin als von Marc Jacobs. Obwohl mich Wolfskin ein wenig enttäuscht hat, er konnte die bestellte Superduperfunktionsjacke nicht liefern. (Der Wunsch nach einer Funktionsjacke entstand, als wir unlängst in Horwaths Wald einen Baum zersägten und aufstapelten, und jetzt krieg ich die Harzflecken nicht mehr aus meinem Donna-Karen-Mantel.) Jedenfalls nicht wie gewünscht, denn ich wollte die Funktionsjacke in Schwarz. Also, die Erhältlichkeit in Schwarz war überhaupt der Grund, warum ich mich gerade für dieses spezielle Superduperjacke entschieden habe, denn es gibt, finde ich, keinen Grund warum man auf Wald und Wiese Zechenkasbraun oder Alle-um-mich-sollen-erblinden-Farben tragen soll. Ich finde außerdem, schwarz kleidet mich und geht immer. Der Lange findet, schwarz macht mich blaß und alt. Ich finde, Schwarz kleidet alle Frauen. Es sollten viel mehr Frauen schwarz tragen. Mädchen auch. Apropos Mädchen: man wird oft beneidet, wenn man Mädchen hat, und zwar mit Recht. (Was sich radikal ändert, wenn sie 12 werden; bis wohin ich jede Minute engagiert
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Man sollte viel mehr ans Altwerden denken. Wenn sich die Jungen öfter das Altsein vorstellen würden, hätten nicht so viele Alte so ein Scheißleben in Pflegeheimen, wo nachmittags um sechs die Rollos dichtgemacht werden, damit man um sieben nicht mehr so viel teures Personal braucht. Das nur, weil sich Sedlacek darüber verwundert zeigte, dass ich eine relativ klare Vorstellung davon habe, wie ich meinen Lebensabend zu gestalten trachte, nämlich als schrullige Hexe mit ein paar dreckigen Hennen in einem schiefen Haus in einem weltvergessenen Kuhkaff. Wenn ich mit den schrulligen alten Horwaths die im selben Kuhkaff von der selben moldawischen Pflegerin betreut werden, nicht gerade übers Kreuz bin, werden wir uns am Küchentisch darüber beklagen, dass uns unsere Enkel nie besuchen kommen und darüber, dass wir schon wieder eine neue moldawische Pflegerin finden müssen, weil die aktuelle das Kuhkaff und uns schon wieder keinen Tag länger erträgt. Sedlacek sagt, ich spinne. Aber vielleicht blicke ich dem Alter deshalb derzeit offenenSinns entgegen, weil es mir gerade noch gelungen ist, meine galloppierende Frühvergreisung abzustoppen. Meine Freundinnen haben sich schon Sorgen gemacht, aber seit ich mal wieder in die Prä-Mimi-Jeans passe (voraussichtlich übernächste Woche werde ich damit auch sitzen können) und Sätze mit den Worten „Wie ich unlängst im Flex-Café aufgelegt habe“ (alternativ: „im rhiz“) beginnen kann, hat sich mein Zustand spürbar gebessert. Es hat sich auch herausgestellt, dass es beim Auflegen kein Schad ist, wenn man bissi älter ist als sein Publikum, weil es auch vor zwanzig Jahren schon ziemlich gute und immer noch funktionelle Musik über 130 bpm gab, ich sage nur Gun Club oder The Fall. By the way, Mark E. Smith, die böse Hexe: ein super Role-Model für nicht umweltschonende Altersverschrullung auf hohem Niveau. Sehr inspirierend in dieser Hinsicht auch das erste Kapitel von Rick Moody´s „Omega Force“ in seinem Novellen-Band „Paranoia“, während man sich die durchgebrunzten Windeln, die Nathan Zuckerman in Roths neuem Roman trägt, noch nicht unbedingt an den eigenen Hintern imaginieren möchte. Und sowas will man ebenfalls vorläufig nicht wahrhaben: So sehr spinne ich jetzt auch wieder nicht.
Das ist eine glückliche Familie auf Fahrrädern, Vater, Mutter, Kleinkind, sie strahlen, das Kind winkt, sie lachen, und das sehe ich alles nicht. Ich sehe: Das Kind trägt keinen Helm, und ich will rufen: Verantwortungslos! Total verantwortungslos! Aber ich habe das mal bei den Finks gemacht, als sie das Kind für eine Strecke von 200 Metern oder so nicht angeschnallt haben, und das kam nicht gut an. Auch Vater Breuß verdreht periodisch die Augen, er sagt, ich muss mehr Vertrauen zu meinen Kindern haben, weil ich tendenziell hysterisch werde, wenn die Kinder am Rande eines 100-Meter-Abgrunds Fangerl spielen. Der Breuß sagt, ich übertrage meine eigenen Ängste auf meine Kinder, und das kann schon sein, aber erklär das mal einer, die mit fünf von einem Auto überfahren wurde und vier Wochen im Spital liegen musste, Elternbesuchszeit zwei Stunden pro Woche. Das hat relativ hohes Angstübertragungspotential, was soll ich machen. Vielleicht hat auch mein Herumgeeiere mit der Schule der Mimis mit alten Traumata
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Der Kollege McDings, der all meine Offerten, ihm schnell itunes zu installieren, mit aggressivem Schweigen beantwortet hat, schreibt mir ein Mail: Er möchte sich so ein winziges Kasterl kaufen, wo man Musik hineinzaubern kann, er brauchts zum Laufen. Ob ich ihm sagen kann wie das funktioniert. Ich mail ihm zurück, ich kann, ob ich schnell hochkommen und ihm itunes installieren soll. McDings mailt, er will kein blödes itunes, er will in einen ipod Songs von seinen CDs einitun, weil die Scheißindustrie keine Kassettenwalkmen mehr herstellt. Ich mail ihm, itunes also, und der McDings, IQ irgendwo im Bereich 140 plus, mailt, ich soll ihn mit so einem neuen Mist in Ruhe lassen, er kann nicht mal den Senderspeicher vom Autoradio. Ich mail ihm: wenns der Lange kapiert, kapierst es auch du. Der McDings mailt, er hasst hasst hasst aber
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Diese Woche brachte die erfreuliche Nachricht, dass die Mimis einen Platz an dieser kuscheligen, kleinen Schule haben. Es sind dort alle sehr nett und engagiert und pro Klasse gibt es, schätze ich, ungefähr zwei Ausländer, Schweizer oder Dänen oder so, deren Eltern vermutlich im Management eines BioFood-Distributors arbeiten. Oder bei der UNO. Wir haben den Kindern auch realitätsnähere Schulen gezeigt, mit rauchenden, kraftwörterspuckenden Hauptschülern am Schulhof, in die sie trotzdem nicht wollten. Zugegeben, es ist leicht, zwei Sechsjährige dazu zu kriegen, unbedingt an die kleine, engagierte Schule zu wollen, wenn sie dort beim Tag der offenen Tür zehn frühere Kumpels aus dem Kindergarten in den Klassen treffen und die Kinder der Freunde, der Nachbarn und anderer bildungsnaher Eltern, die ihren Nachwuchs ebenfalls gern an einer kuscheligen, kleinen, engagierten Volksschule ohne gewaltaffine 14jährige wissen. Und wo das schlimmste Wort, das die Erstklässler nach Hause bringen, etwas ist wie wie wie... wie Nutella. Mama, was bedeutet das: Nutella? Das, Kind, ist ein ganz böses
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Der Urban hab ich den geplanten Kinobesuch abgesagt, denn ich musste meine Bücher sortieren. Wie langweilig kann man eigentlich werden? Das hat sich, glaub ich, auch Sedlacek gedacht, neben dem ich auf Mizzis Geburtstagparty zu sitzen kam: Wir stießen auf Mizzi an, ließen uns von Anna in inniger Umarmung fotografieren und erinnerten uns mit sentimentalem Gegrinse daran, wie wir einmal fast... aber nur fast. Den Großteil meines Konversationsanteils befüllte ich mit kleinen Schwänken aus meinem Leben, die nur unzureichend davon abzulenken vermochten, dass es von meiner Existenz nicht viel zu berichten gibt, außer Langweiliges. Also langweilig für Mover und Shaker wie Sedlacek, die ein Leben voll beruflichem Abenteurertum, gesellschaftlicher Risikobereitschaft und sexueller Ausschweifung im In- und Ausland führen. Und auch wenn ich von früher weiß, dass das oft spannender klingt als es ist und immer aufreibender
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Weil gerade Frauentag war, und weil ich gerade im „Zeit Magazin“ eine Geschichte über moderne Familien gelesen habe, und weil auf fm4.at gerade eine Feminismusdebatte läuft: Also, da werden junge Frauen zitiert, die sagen, dass es diesen Feminismus nicht mehr braucht, weil die jungen Männer eh super sind und man alles kriegt, wenn man es nur will. So ähnlich habe ich, als ich etwa in dem Alter und unbekindert war, auch geredet, mit Inbrunst, weshalb mich die Hofinger bis heute Postfeministin schimpft: Aber, Hofingerin, du verwechselst mich mit jemandem aus den Neunzigern. Außerdem war ich keine Postfeministin. Ich war Neofeministin: Ich hielt den Feminismus nicht für überwunden, er war mir nur zu aus der Mode, den wollte ich genauso wenig anziehen wie Omas Kittelschürzen, nützlich hin oder hier. Ich wollte einen anderen Feminismus: nicht weniger kämpferisch, aber lässiger, mit mehr Rock`n`Roll. Doch nach wie vor respektiere ich das vorsätzliche Ignorieren von Emanzipationspipapo als bewussten feministischen Akt, in dem Sinn: die Beschäftigung
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Ah, der Frühling ist da. Ich kann ihn hören. Andere werden vom Frühling mit knospenden Bäumen, blühendem Krokus und zarten Schneeglöckchen überrascht, mich begrüßt er Jahr für Jahr mit einer Schimpfkaskade vor der Wohnungstür. Myriaden verbotener Wörter, die die Kinder, ich sehs ihnen an, gleich gierig in ihren Wortschatz eingemeinden: Himmelherrgottsackkrutzitürkendugrauslichedummefut. Der Lange pumpt sein Fahrrad auf: der Frühling ist da. Gleich werde ich, wie jedes Jahr, hinaus vor die Tür gehen, gleich werde ich dem Langen, wie jedes Jahr, erklären, wie man ein Fahrrad aufpumpt; gleich werde ich sein Fahrrad aufpumpen. Aber erst will ich noch das Glück genießen, dass jetzt endlich Frühling ist. Bald wir es sprießen, blühen, duften. Der Frühling ist da, ich hör ihn schon. Später stehen wir
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Wichtig ist, dass immer genug Essen im Haus ist. Das habe ich von meiner Mutter gelernt, die ihr Leben der Aufgabe gewidmet hat, Leute zu füttern. Falls bei uns plötzlich das gesamte Viertel vollzählig auftaucht, weil, ich weiß nicht weil warum, aber falls: kein Problem für uns, es ist genug für alle da. Der Kühlschrank ist voll, das Tiefkühlfach ist voll und das Vorratsregal ist voller lang haltbarer Nahrungsmittel, aus denen sich schnell 33 bunte Menüs aus drei Kontinenten zaubern lassen. Ist vielleicht etwas genetisches. Dennoch bringt mich die letzte Woche an psychische und phyische Grenzen. Am Montag finden wir, wir hätten die Horwaths zu lange nicht gesehen, also kommen sie zum Essen. Am Dienstag bitten wir die Breußes an unseren Tisch. Am Mittwoch haben die Mimis zwei Freunde zum Spielen zu Besuch, die von ihren Müttern wieder abgeholt werden, und das eine oder andere Glaserl und ein Teller Nudeln geht sich immer aus, auch für die Mutter von der Janine, die um halb sieben gleich gehen muss, und um neun muss ich sie aus der Tür treten. Ein Freund vom
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Ich bin mit dem Sedlacek zum Frühstück verabredet, und zur Begrüßung sagt er, das sei jetzt schwer zu glauben, aber er hat vorhin auf der Straße einen großen Mann mit einem Kind im Genick und Brillen wie zwei kleinen Fernsehern gesehen, war das vielleicht der Horwath? Das war zuverlässig der Horwath. Coole Brille, sagt der Sedlacek, sehr einprägsam. Sagte ich doch, sage ich, wie geht es dir? Einen doppelten Espresso und ein großes Glas Wasser, sagt der Sedlacek, nein, zum Essen nichts.
Es geht dem Sedlacek gut. Der Sedlacek ist zufrieden. Naja, bis auf die Weiber. Aber über die Auftragslage kann sich der Sedlacek nicht beschweren. Es ist natürlich anstrengend. Diese Woche war er schon in London, letzte Woche in Kopenhagen und in Mailand und vorletzte Woche in Hongkong. Und die ewige Fliegerei macht dir nichts aus?, sage ich. Nein, sagt Sedlacek. Ich flieg nicht mehr gern, sage ich. Ich bin auch nicht gern länger als zwei Tage weg von der Familie, es ist wie früher, als Kind, ich bekomme Heimweh. Echt, sagt Sedlacek. Ja, sage ich, wie damals im Jungscharlager: Weißt du, der Schmerz ist nicht kleiner geworden, nur die Person rundherum größer. Der Sedlacek schaut mich
Der Horwath hat eine neue Brille: eine überaus eindrucksvolle Brille. Eine schöne Brille, in der Tat, in erstklassiger Qualität von Cutler and Gross in London, UK, gefertigt. Die Brille steht dem Horwath hervorragend. Wenn Sie dieser Tage einen Mann mit einer Brille erblicken, das ist der Horwath: Sie wissen es, wenn Sie ihn sehen. Ein missgünstiger Mensch mag einwenden, die Brille sei für übliche Brillenverhältnisse irgendwie viel, aber ich entgegne, dass sie zwar viel, für ein Charakterantlitz wie jenes des Horwath aber keinesfalls zu viel ist. Wenn Sie den Horwath mit seiner neuen Brille sehen: Es wird Sie kein Zweifel darüber anhauchen, dass der Horwath ein furchtloser Kerl ist, ein Mann, der das Neue, und sei es auch fremd und ungewohnt, unerschrocken antizipiert, und so, genau so, wollen wir die Männer haben.
Vielleicht müsste ich dem Kollegen Dings ein Foto vom Horwath zeigen, und sagen: Schau, Kollege, wenn der Horwath diese Brille mit Stolz tragen kann, kann ein Kerl wie du sich auch itunes von einem Weib installieren lassen, ohne dass ihn eine spontane Rückgraterweichung niederstreckt. Denn der Kollege, ein totaler Pop-Auskenner, kennt
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Mittlerweile wurden mir ungefähr 286 Gründe zugetragen, warum es super ist, keine Kinder zu haben. Einige davon stammen von Horwaths kinderlosen Freunden, die, wie mir der Horwath überbrachte, recht angespeist seien über meine letzte Kolumne. (Äh, tja, sorri. Ich weiß, das tut man nicht. Ich weiß, das war ein Bruch des Geheimvertrages zwischen Kinderlosen und Bekinderten.) 62 Gründe mailte Leser Simon F., der in der Gnade der Kompetenz steht, denn er hat drei Kinder. (Grund 2: Weil man Schlaf NICHT für überbewertet hält. 17: Weil man Familienferienclubs hasst. 28: Weil man nach der Arbeit Ruhe braucht. 29: Weil man Spongebob hasst. 34: Weil man eine saubere, ordentliche Wohnung schätzt. 41: Weil man nach einer Trennung die Chance auf einen Neuanfang haben will. 42: Weil man gerneeinmal auf ein Jahr verschwinden will, bevor man alt oder tot ist. 50: Weil man die Freiheit haben will, zu seinem Chef "Sie Riesenarschloch" zu sagen und zu kündigen.)
Auch von mir fiel während des Nähens von zwei Dschungeltier-Kostümen die Mutterschaftsverklärung vorübergehend vollständig ab, und ich darf die Liste wie folgt ergänzen: 287: Weil man keine Affen-Kostüme nähen muss. 288: Weil man keine Panther-Kostüme nähen muss, bis kurz bevor
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Ich will jetzt wirklich nicht ewig auf der Sache herumreiten, aber die Kollegen H. und T. wussten nicht, was ein Tabuleh ist. Bitte: Kurz gesagt handelt es sich beim Tabuleh um den Nudelsalat des 21. Jahrhunderts. Oder der Bobos, wenn man gern diesen Begriff strapaziert. Und, doch, ich habe diese Woche auch Interessanteres erlebt, möchte aber nicht darüber sprechen. Auch nicht über das Kindertheater. Auch nicht über die erste Vorführung in der Zirkusschule, gerade weil es nett und beeindruckend war. Auch nicht über die spontan einberufene Kinderfaschingsparty bei den Schwarzens, denn klischeehafter können sich die Insignien eines für Mutter praktisch vollständig versauten Nachmittags nicht aneinanderketten (liegengebliebene Arbeit, Streit mit dem Langen, Langeweile, Frust, Prosecco, Magenübersäuerung, mehr Streit mit dem Langen.) Und das hatten wir schon, das hatten wir schon. Die Geschichte wiederum, die Geschichte, die ich erzählen wollte, über Eltern, die Nicht-Eltern anlügen, geriet unfreiwillig irgendwie ketzerisch und
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Maria ruft an und sagt, sie glaubt, es heißt DIE Tabuleh. Philipp smst, es gehören aber unbedingt Rosinen rein. Mark mailt, schön und gut, aber ein Tabuleh wär doch schon eher ein Sommeressen. Die E. sagt bei der Geburtstagsparty vom D., danke, jetzt kann sie sich beim Tabulehmachen endlich das depperte Couscous-Einweichen ersparen, das hat sie eh immer so genervt.
Und sehen Sie, genau das ruiniert den Journalismus. Genau das korrumpiert die Journalisten, die hunderte messerscharfe Hintergrundanalysen über politische Ereignisse in die Zeitung schreiben können, tausende blitzblanke Blicke auf die Aktualitäten der Realität werfen oder in Millionen Kolumnenzeilen die diversen Elende in der Welt beprangern: Auf all das kriegt man kaum ein Reaktiönchen. Nichts, praktisch. Man ist wie gar nicht da. Aber schreiben Sie einmal ein Rezept in Ihre Kolumne, dann wird
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Ich sitze mit dem Kollegen X, der gerade aus der Schweiz auf Besuch ist, im Finstern Stern, wir haben prächtig gegessen, Wein getrunken und uns den ganzen Abend über streng berufliche Dinge unterhalten. Kein Mutterblabla, ich kann auch anders. Ich habe, ganz nebenbei, meine ungebrochene, wenngleich ruhende Blattmacher-Kompentenz durchscheinen lassen, journalistische Hochprofessionalität verströmt, Trittsicherheit auf den Gebieten Politik, Literatur und Philosophie bewiesen und insgesamt gezeigt, dass ich immer noch ein Mover und Shaker bin. Oder sein könnte, wenn mir danach wäre. Nebenbei habe ich dem Kollegen mit hellwachem Interesse gelauscht, an den richtigen Stellen blitzgescheite Kompaktkommentare deponiert, und wie gerade das Dessert abserviert wird, düdelt mein Telefon und es ist Mutter Urban, und sie braucht für ihren morgigen Kindergeburtstag mein super Tabuleh-Rezept.
Hierbei handelt es sich nun um die klassische „Kann ich dich morgen früh zurückrufen“-Situation, aber ich lasse keine Mutter
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Nun wurde das neue, in Venedig erstandene Ledernotizbuch eröffnet: Eine herrliche und dabei preiswerte Handarbeit aus gutem, erstklassig gebundenen Papier innen und dickem, geprägtem Rindsleder außen, in das ich nur mit dem Akkuschrauber zwei Löcher bohren musste; für das Gummiband. Das Gummiband ist das einzige, was das alte Moleskine-Notizbuch dem venezianischen voraus hatte, ansonsten ist dieses gesamte Moleskine-Zeug völlig überschätzt und überpreist. Bei meinem musste ich schon nach wenigwöchiger Nutzung die Außenhülle mit Gaffertape reparieren, was nicht wundert, ist ja keine Maulwurfshaut, sondern offenbar chinesisches Polyester, und innen rissen die Fäden. Man müsste meinen, dass ein mit dem Etikett „legendär“ erworbenes Notizbuch die regelmäßige Aufnahme von Notizen verkraften können müsste. Allerdings stehen, was ich von dem venezianischen noch nicht behaupten kann, im alten Fetzenbuch verwendbare Notizen drin, und zwar nicht nur deswegen, weil ich sie
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Der Advent war so prächtig, wie ich ihn mir bestellt hatte, und bis aufs Keksebacken sind die Vorgaben so gut wie erfüllt. Beim Keksebacken bin ich im Rückstand, dafür habe ich einen Bastelüberschuss, denn das ist eines der Privilegien der Mutterschaft, dass man basteln darf. Basteln ist für gewöhnlich geht’s-dir-noch. Kunsthandwerk für Lulus. Die Hofingerin hieß mich einst eine verhinderte Handarbeitslehrerin, und das war wenig respektvoll gemeint. Kartoffeldruck gehört nicht unbedingt zu den Dingen, die Promi-Frauen in den Farbbeilagen-Fragebögen bei „Wie ich am liebsten einen Abend verbringen würde“ notieren, aber wenigstens meine Kinder sind mit der Virtuosität zu beeindrucken, mit der ich einen kerzenbestückten Tannenbaum aus einem Erdapfel zu schnitzen in der Lage bin. Das kann bitte nicht jeder. Und weil das nicht jeder kann, müssen weite Teile meines Bekanntenkreises
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Mitten in Dornbach und unmittelbar nachdem mir eine nette Dame erklärt hat, der Zirkus sei von hier noch ungefähr einen Kilometer entfernt, kriege ich einen derartigen Zornanfall, dass eines der Kinder schließlich sagt, wenn ich jetzt nicht gleich zum Fluchen aufhöre, geht es keinen Schritt mehr weiter. Nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte. Das würde mir nämlich den blöden Zirkus ersparen, in den ich mich von Mutter Urban hatte schwatzen lassen. Zirkus macht mich narrisch, da bin ich wie der Horwath. Immerhin, und das wird Sie jetzt überraschen, das Adventkranzbinden war lässig; und wir haben jetzt
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Also gehe ich zur Eröffnung des Advents in der „Kabine“, und zwar obwohl mir der Grätzl-Faschismus der Leopoldstädter extrem auf den Sack geht. Leopoldstädter verlassen ihren Bezirk ja wenn irgendwie möglich nie, was nicht einfach ist, weil es dort in Wirklichkeit außer dem Karmelitermarkt, zwei bis drei Gasthäusern, einem Donaukanalufer und einer Handvoll lässiger Läden nicht viel gibt. Super Grünraum, schön und gut, aber das kann ja wohl in einer Großstadt nicht alles sein. Wenn ich super Grünraum will, zieh ich aufs Land. Trotzdem gehe in die „Kabine“, einem lässigen Laden in der Karmelitergasse, und zwar, weil ihre Mitbesitzerin mir über Dritte Drohungen übermitteln ließ, in denen die Wörter „Kopf“, „abreißen“, „persönlich“, „wenn“, „du“ und „nicht“ vorkamen. Es ist sehr
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Jetzt höre ich heimlich, weil der Lange mir sonst den Vogel zeigt, „Simon & Garfunkel: The Collection“, die mir der Kollege T. geborgt hat. Der Kollege T. und ich befechten uns für gewöhnlich mit vollkommen konträren Pop-Positionen, deren Gegensätzlichkeit sich damit illustrieren lässt, dass der Kollege T. die E-Street-Band liebt, von der ich jedes einzelne Mitglied mit strengem, lebenslangem Musizierverbot belegt sehen will. Was die eben wieder auf der neuen Springsteen angerichtet haben; Heiliger. Aber es gibt winzige Schnittflächen, bei denen der Kollege T. und ich uns unglaublich einig sind. Simon & Garfunkel! Ja. Immer. Apropos Schittflächen, was tut man, wenn die Kinder endlich wieder mal zu den Kindern der Y.s wollen, man selbst aber nicht mehr zu den Y.s? Das kommt nun mal vor, dass man manche Freunde nicht
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Die Breussin ruft an; ich hebe ab und sage, Breussin, tut mir leid, ich kann grad gar nicht. Das ist untertrieben. Tatsächlich passiert gerade folgendes gleichzeitig: Das Mädchenmimi, das mit dem Langen im steckengebliebenen Lift gefangen ist, will mit einem Strohhalm durchs Gitter mit Saft gefüttert werden, die erste der drei eingeladenen Freundinnen hat gerade meine Küche betreten und ist zur Begrüßung spontan in Tranen ausgebrochen, die zweite Freundin begehrt unten an der Haustür Einlass, die Zwiebeln von den Kässpätzle sind am Herd gerade in ihrer kritischen Phase und der Mann von der Liftfirma ruft, unmittelbar nach dem ich der Breussin aufgelegt habe, nochmal an, um sich zu erkundigen, ob der Techniker schon da ist. Zum Glück sind nicht alle Abende so. An anderen Abenden werde ich einfach ganz normal von Theaternerds beschimpft. Das ist in Ordnung: Niemand
Mit dem Langen im „König Lear“ gewesen. Ich weiß nicht. Großartige Schauspieler, beeindruckendes Bühnenbild, tolle Kostüme (vor allem das, wo Lear aussieht wie einer der Außerirdischen in „Mars Attacks“), ziemlich mieses Drehbuch. Ich meine, jetzt einmal ehrlich, selbst Rotkäppchen schnallt relativ schnell, dass das Viech in Grossmutters Nachthemd nicht Großmutter ist, aber im „Lear“ braucht sich nur einer ein bisschen Dreck ins Gesicht zu schmieren, schon wird er von seiner gesamten Familie, einschließlich seiner Erziehungsberechtigten, dauerhaft nicht mehr erkannt. Unnötiges Stück, überhaupt; mit insgesamt viel zu wenig Identifikationspotential, als dass es sich lohnen würde, vier Stunden lang aus dreißig Meter Höhe in einer Haltung, die meine Ergotherapeutin definitiv nicht
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Der Fink: Fink, der Freund, Fink, der Spinner, smst am Samstag, als ich mir grad ein Brot schmiere, er will am Dienstag jassen, ich soll das organisieren. ich sms ihm mit klebrigen Fingern zurück: kann di leider nicht, mi auch nicht, gleichfalls nicht mo und do, sorri. Aber die Woche darauf kann ich jeden Tag, und das sms ich dem Fink. Dann sms ich dem Fink gleich hinterher: außer mi! Der Fink smst mir zurück: spitze, er kann fast immer. Also sms ich, während ich mein Ei löffle, dem Benni, wie´s bei ihm am Dienstag in einer Woche ausschaut, und der Benni smst, dass er in Spanien gerade dem warmen Meer entstiegen ist, was ich meiner Meinung nach nicht zu wissen brauche, und Dienstag super. Dann rühre ich einen Palatschinkenteig zusammen, und der Fink smst, also der Mittwoch wär ihm doch lieber, und ich smse, während die Butter
Das Bubenmädchen ist übrigens immer noch eins. Das Mädchenmädchen trägt jetzt Leggins und Miniröcke, und wenn ich das Bubenmädchen frage: Soll ich dir auch mal sowas mitbringen?, dann weiß ich schon, was kommt, das Bubenmädchen lacht nämlich aus vollem Hals. Es lacht wie Peymann, wenn man ihm vorschlüge, ein Stück von Fellner zu inszenieren. Es lacht, als hätte jemand behauptet, Dichand würde jetzt Asylanten ins Land locken wollen. Es lacht von Herzen: Hahaha!, was für eine lustige Idee! Was für eine völlig abseitige Idee. Als ich unlängst meine schöne, lang nicht gesehene Freundin Klara wiedertraf, als wir uns ganz zufällig einen Abend lang feinstens unterhielten, und als Klara, die die Mimis vor zwei Jahren mal einen Abend lang erlebt hatte, nach dem Bubenmädchen fragte, da fiel mir erst wieder mal ein, dass ich ja eine kleine Transe
Ziemlich unglückliches Timing für diese Kolumne. Drei Wochen trag ich die Geschichte schon im Notizbuch herum, und jetzt, wo sie mir wieder unterkommt, ist der Zeitpunkt weniger als semioptimal. Denn was ich jetzt nicht wissen kann – ob Thomas Glavinic am Montag Abend den Deutschen Buchpreis erhalten haben wird (was ich nicht glaube; ich denke, die Juroren wollten ihn nur necken) – wissen Sie jetzt schon; zumindest könnten Sie es wissen, Ignorant, Sie. So oder so ist Glavinic augenblicklich der heimische Schriftsteller-Shooting-Star, der eine, der jetzt ein Zeitfenster lang alles darf, zu allem eine Meinung haben soll und sich nichts gefallen zu lassen braucht, der eine, den jetzt alle schon immer volle super gefunden haben wollen, echt immer schon. Und das ist ok, denn sein neues Buch ist gut, wenngleich es mich mit dem vorherigen trotzdem nicht zu versöhnen vermag. Als ich Glavinic kürzlich backstage im Rabenhof kennenlerne, ist er gerade sehr ungut zu sprechen auf den Herausgeber des „Datum“. Der „Datum“-Herausgeber hat ihm offenbar
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In Venedig gibt es keine Diskussionen. In Venedig gibt es meistens Pizza, Pasta oder Fisch; Pizza, Pasta oder Fisch sind offenbar ok., trotz der Salami auf der Pizza. Woraus wird Salami gemacht? Schwein, glaub ich. Die Phase der Moral ist angebrochen, der ethischen Bedenken gegen das Töten und Verzehren von Lebenwesen: aber Schwein ist ok, denn Schweine fallen, so die Mimis, wie die Fische in die Kategorie der nutzlosen Tiere, wohingegen Hühner Eier legen, Kühe Milch geben, Hasen kuschelig und Lämmer süß sind, also alle auf ihre Weise nützlich, also nicht mehr verzehrt werden dürfen. Also neue Probleme in einem Haushalt, dem ein Oberösterreicher angehört. Denn ein Oberösterreicher braucht seine regelmäßige Zufuhr großer Fleischstücke, er wird sonst unrund. Der Oberösterreicher isst an fleischlosen Tagen Huhn, und Fisch nennt er
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Die Koch, eine Freundin von der Urban, war kürzlich auf Dienstreise. Frühmorgens hin, spätabends am nächsten Tag zurück. Dazwischen Termin, Termin, Termin, und wie sie endlich mit allem fertig war und dann langsam mal wieder den Flughafen und die Heimat anpeilte, ist ihr glühend heiß eingefallen, dass sie für das arme, arme Kind daheim kein Geschenk besorgt hat. Der Rabenmutterpegel in der Koch ist, nona, flutgleich bis knapp unters Schlüsselbein gestiegen, heiliger Himmel, so kann sie nicht heimkommen. So braucht sie nicht heimkommen; denn auch wenn die Vorstellung der Mütter über den Sehnsuchtsquotienten ihrer daheimgebliebenen Brut nicht immer mit der Realität korreliert, so ist doch eins gewiss: Ein Elternteil braucht nach mehrnächtiger Abwesenheit nicht ohne Geschenk wieder erscheinen. Die Erfahrung hat mich daheim eine heimliche Kiste mit kleinen Geschenken anfüllen lassen, periodisch wird mit Playmobil-Manderln, Pixi-Büchern, Aufblas-Dinos, Matchbox-Autos, Disney-Unterhosen und Plastikschmuck aufgestockt, und wenn der Lange
Schön, dass man Brunnenmarkt immer Leute trifft, die man kennt, mal gekannt und schon lange nicht mehr gesehen hat, und damals war es oft dunkel und man war eventuell nudelfett. Jetzt steht man beim Yip-Hint an der Kassa oder im Biofritz-Lager mit einem Randig in der einen und einem Ziegenkäse in der anderen Hand, und, ah, du auch hier! Und freut sich ure, sich zu sehen, nur behindert der Umstand, dass man sacknüchtern ist und sich so so so samstagvormittäglich fühlt, die Konversation stark. Also, man weiß überhaupt nicht, was reden, entscheidet sich aber (ein weiterer gravierender Unterschied zu den einstigen Begegnungen) für: Süße Kinder! Du auch! Was ist denn das für eins? Und dann: hmm. Man will das Gegenüber ja nicht mit halbhirntotem Samstagsblabla fertigmachen. Ein Konversationskanon für Einkaufsvormittage am Brunnenmarkt wäre überfällig, aber bis dahin dreht man schließlich mit freundlichem Genicke ab zum Speck-Bauern, steckt die Nase
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Dass die dumme Herman jetzt auf die Fresse gefallen ist, nehme ich, obzwar ich sonst nicht zur Schadenfreude neige, mit viel Wohlgefallen zur Kenntnis. Dagegen möchte ich alles zurück nehmen, was ich Sehnsüchtigtes über den Herbst gesagt habe. Sommer ist super. Schwitzen, stinken, freie Sicht aufs Bauchfleisch, alles ure super. Beziehungsweise erlaube ich mir, den Herbst, insbesondere den Frühherbst, mit sehr viel netteren Eigenschaften zu konnotieren als mit grauskaltem Dauerregen: süße, reife Früchte, bitte! Betörend schön verfärbte Blätter, der Glanz auf den Kastanien, der feine Nebel des Atems, wenn man in kühler Früh auf die Straße tritt! Dünne, bunte Hauben auf den Köpfen der Kinder, feste Turnschuhe an ihren Füßen, gesundes Rot auf den Backen und die Taschen ihrer strapazierfähigen und wasserabweisenden Herbstjacken voller Kastanien mit tüchtig Glanz darauf! Ein Glas Sturm (ich) und eine heimliche Zigarette (der Lange) abends am Balkon, wenn die Mimis schlafen (tagsüber weisen sie ihn stets erbarmungslos darauf hin, dass man vom Rauchen übrigens tot wird, TOT, Papa!), unter einer kuscheligen Wolldecke... Aber. Nix: Die Kastanien schwimmen in dreckigen Lachen, die Kinder unter Ganzkörpergummi tropfen uns die
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Wichtige Fragen müssen erörtert werden: Wird man tot, wenn man sich das Schnitzmesser in den Bauch rammt? Oder muss man nur ins Krankenhaus, wo sie einem die Eingeweide mit langen Nadeln zusammennähen? Das Schnitzmesser ist Teil des üblichen Russisch Roulette des Kindergroßziehens, welches dadurch verkomplizierrt wird, dass hundert Eltern von Fünfjährigen hundert Vorstellungen davon haben, was Fünfjährige können müssen oder dürfen sollen. Sollen beispielsweise Fünfjährige allein eine mittelstark befahrene Landstraße überqueren dürfen? Ich bin dagegen, was aber damit zu tun haben könnte, dass ich mit fünf auf einer mittelstark befahrenen Landstraße über den Haufen gefahren wurde, vier Wochen im Krankenhaus lag, dort von meinen Eltern nur einmal die Woche besucht
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Nachdem jetzt auch noch einer behauptet hat, die Oberösterreicher hättens erfunden (haha! Ausgerechnet die Oberösterreicher! Als hätten die Oberösterreicher je!), beende ich die Provenienz-Diskussion um den (na gut: das Biertrinken vielleicht. Und den Schweinsbraten.) Ausdruck „Die gelbe Sau“ mit dem Debatten-Beitrag der klugen (und das Stöcklkraut. Das Stöcklkraut ist okay.) Frau M., die mir ein Mail mit einem Zitat schickt: „The sun´s not yellow it´s chicken“. Ja, danke. Die Hühnersau, nämlich. Und erfunden hats, wie alle guten Sachen, Bob Dylan. Und weil der Himmel heute so chicken ist, muss ich das SMS der Finks abschlägig beantworten: Nein, wir können leider nicht im Kent frühstücken, wir müssen baden gehen, ich habs versprochen. Dabei wäre ich mit baden dann langsam durch, das Baden reicht mir, beziehungsweise das Herumsitzen am Rand von Nichtschwimmerbecken, in denen die Mimis gerade so
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Ich konstatiere über die Jahre eine inflationäre und missbräuchliche Verwendung des Begriffs „frustierte Hausfrau“ in Leserkritiken, inbesondere in solchen, die mir mindergesonnen sind. Das macht eine Begriffsabklärung notwendig. Denn wenn Sie mich professionell beleidigen wollen, werte Verbalinjuriker, muss ich Sie bitten, alternative Insultationsformulierungen zu bemühen, denn mit „frustrierte Hausfrau“ zielen sie einen Kilometer an meiner Pappn vorbei. Als „frustrierte Hausfrau“, gehen wir das kurz durch, bezeichnen wir für gewöhnlich eine Vollzeit-Hausfrau, die überm unbezahlten und unterbedanktem Bügeln, Kochen, Putzen, Aufräumen, Einkaufen und Kinderbetreuen auf Dauer eine eklatante Selbstverwirklungsunterversorgung erleidet und darüber verbittert. Und das trifft ja nun auf mich gar nicht zu; die Verwerfungen in meinem und dem Alltag meiner Freundinnen und, falls vorhanden, assoziierter
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Jetzt hab ich mir bei ebay einen Küchenlampenschirm aus denn 30er Jahren um einen Euro ersteigert, 1 Euro!, womit ich schlagartig zum Mitglied der ekelhaftesten Sekte der Welt wurde, der Schnäppchenjäger. Weah. Aber ich muss, weil bald eine Inspektion von Spießer-Experte Schnitzler droht, eine paar der schlimmsten Leiner- und XXX-Lutz-Teile durch altes Zeug ersetzen, das so ausschaut, als hätte ich es von Oma selig geerbt, von der ich in Wirklichkeit als einzige Erinnerung eine elektrische Zitruspresse von Philipps, ca. 1982, besitze. Oder als hätte ich es mit unbestechlichem Geschmack spottbillig bei einem kleinen Tandler ums Eck und in New York und Odessa gekauft, wie zum Beispiel dieser
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Die Kinder sind ein paar Tage nicht da, Oma hat sie mitgenommen, und das hab ich weniger gern, als man mir zumuten würde. Ich hab es gar nicht gern. Ich hab die Kinder lieber um mich und in meiner Nähe, gut, wenn möglich: spielend, Bücher studierend, CDs hörend, zeichnend, malend, bastelnd, schlafend, ich bin eine Saumutter, die momentan am liebsten immer nur beim Richard Ford weiterlesen möchte. Aber kaum sind die Kinder nicht da, kann ich beim Richard Ford nicht weiterlesen, weil ich immer an die Kinder denke, und dass es mir lieber wäre, wenn sie da wären, in meiner Nähe, um mich herum, Matchbox-Autos neben dem Sofa herumschieben würden, süsses, gedämpftes Kindergeschnurre von sich gäben, behutsam Kuscheltiere über die Dielen hopsen ließen, ihnen Namen gäben wie Millililli Fitzikuhli und Hans Schneider, Häuser aus Vliesdecken und Stühlen bauten und
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Eine Woche lang wurde der allgegenwärtige Vorarlberger Rasenmäher-Soundtrack von der Welt-Gymnaestrada übertönt, jetzt ist Sonntag, alles still, alle weg, enjoy the Silence. Die Gymnaestrada ist vorbei, was mir Recht ist, nachdem mich die Mimis eine Woche lang gezwungen haben, jeden Nachmittag punkt vier den örtlichen Marktplatz aufzusuchen, um dort bis lange nach Sonnenuntergang internationalen Gymnastiktruppen jeglichen Alters bei der Ausübung ihres Lieblingshobbies beizuwohnen. Eh sehr schön, aber ungefähr am vierten Tag hatte ich Gwen Stefanis bei Jazzgymnastikern über die Maßen beliebtes „Wind It up“ einmal zu oft gehört und sehnte den Sound of Rasenmäher heftig zurück. Am fünften Tag konne ich es keine Stunde länger ertragen, zwischen der Kletterluftburg und dem Kletterfelsen des Alpenvereins zu stehen, und meinen Kindern dabei zu zusehen, wie sie sich in langen
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Jetzt, wo Madonna und Al Gore die Welt gerettet haben, können wir uns wieder den wichtigen Dinge zuwenden, also meinen. Wobei, ich rette die Welt auch, ich reise mit dem Zug, was nicht alle Mitreisenden der 1. Klasse im gleichen Maße akklamierenswert finden, als sie unser ansichtig werden. Zwei kleine Kinder mit glockenhellen Stimmen und eine Mutter in fleckigen Hosen und mit einem wenig vertrauenserweckenden Mae-West-Spruch quer über der Brust: Wenn ich gut bin, bin ich gut, wenn ich schlecht bin, bin ich besser. Mehrere Passagiere springen auf, Panik im Blick, um sich dann des Umstands gewahr zu werden, dass die 1. Klasse bis auf den letzten Platz besetzt ist. Was eine kurze, trügerische Hoffnung in ihnen weckt, aber ätschibätsch, wir haben drei reservierte (und, falls mir wieder wer Journalistenprivilegien unterstellen will, mit meinem selbstverdienten Geld finanzierte) Plätze. Wieder einmal wabert dick wie Pudding die Frage durch den Waggon, ob man das eigentlich darf, Kinder in der 1. Klasse mitführen, und falls ja, wann das endlich verboten wird. Aber die Mimis geben ihren Mitreisenden allen Grund, taub vor schlechtem Gewissen über ihre miesen und grundfalschen Vorurteile Kindern gegenüber in ihren Ledersitzen
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Werden wir und wie werden wir die Pubertät überleben?, fragt der Lange, und das frage ich mich auch. Heute habe ich zum ersten Mal ein Tränchen verdrückt, weil mein Kind immer so gemein zu mir ist. Ja, peinlich; und während ich das Tränchen verdrückte, erinnerte ich mich mein spottsüchtiges Überich daran, wie ich mich über meine Schwester lustig machte, als sie mir erzählte, dass ihr Kind sie zum Weinen bringt. Ein Kind, haha! Das soll mir mal kommen, das Kind! Naja, aber das Schwestern-Kind war drei, der Hass von Dreijährigen ist unkonkret, amöbig und radikal situationsabhängig, das ist ein Hass so weich, mild und süß wie Grieskoch. Und: frei von Verachtung. Diesem Hass ist noch kein Verletzungswille immanent, der schlägt noch nicht den Putz von der Wand. Aber mein Kind ist fünf, das ist ein Unterschied. Der Hass einer Fünfjährigen kann schon mehr. Der ist mehrzellig. Der hat
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Diesmal sind wir einen halben Tag vor den Horwaths im Landhaus der Horwaths und hallo, ist der Garten grün. Fett. Alles explodiert in Blatt, Blüte und Frucht und, schau, die Ribisel sind auch reif, sie sind so reif und süß, dass sie die Kinder freiwillig mit vollen Händen in ihre Mäuler schaufeln. Wenn die Ribisel im Garten meiner Oma selig so reif war, plegte meine Oma uns Kinder und wen sie sonst erwischen konnte, mit Küberln zu behängen, und die Ribiseln wurden, bevor sie die Sonne vertrocknen und die Vögel fressen konnten, abgenommen, abgebeerlt, zu Marmelade verkocht, tschüss bis nächstes Jahr. Und weil ich so eine Streberin bin und immer die Suprigste und Patenteste sein will, nehm ich mir gleich ein Küberl und brock die Ribisel, und noch ein Küberl und noch eins, und während ich meinen Rücken trotz Hexenschusswarnung nicht schone, fühle ich mich unglaublich gut: Ich bin nämlich keine von denen, die
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