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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
doris.knecht@kurier.at

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Christina Goestl + Boris Kopeinig

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6.05.10

Offiziell liest sie Arno Geiger.

| Comments (0) | 05/10 | Freunde

Jetzt habe ich 60 Stunden nicht geraucht, drei komplette Aufwachphasen ohne die je drei Aufwachzigaretten überstanden; die Rauchentwöhnung ist also so gut wie vollbracht. Und es war, wie ich prophezeit hatte, kollossal hilfreich, sie unter mütterlicher Aufsicht durchzuführen, denn wenn meine Mutter sagt „wie kann man nur?“, dann will man das, was man nur kann, zuverlässig lieber so schnell wie möglich nicht mehr können. Was sich auch abseits des Nikotinentzugs wieder zeigte: Man glaubt nur, man habe bestimmte Alltags- und Kulturtechniken längst soweit perfektioniert, dass ein relativ unfallfreies und gesetzestreues Überleben in Stadt und am Land möglich ist. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Tätigkeit, die nicht massiv verbesserungswürdig wäre, kaum einen Handgriff, den man nicht sehr viel effizienter durchführen könnte. Dabei sind die meinen wirklich vorbildliche, offene, unübergriffige Eltern. Solange ihre Kinder glücklich sind, mischen sich diese Eltern nie in deren große Lebensentwürfe ein, selbst wenn die Weltanschauungsübereinstimmung ganz nahe an der Nullline herumhoppelt. Über die elementaren Ideologie-Differenzen können sie in gelassenster Großzügigkeit hinwegsehen. Über praktische Defizite nicht. So wie letzte Woche der Lange auf der Gartenbank saß und dem Gras beim Wachsen zusah, sitzt jetzt meine Mutter auf der Gartenbank und sieht ihrer Tochter beim Rasenmähen zu. Also, sie sieht nicht zu, und zwar sehr aufdringlich nicht. Offiziell liest sie Arno Geiger. Inoffiziell beäugt sie mich, und zwar so lange, bis ich den Rasenmäher abstelle und sage: Was!!! Ich will dir nicht dreinreden!, sagte meine Mutter. Was, Mutter, sage ich, werde es los. Ich will mich wirklich nicht einmischen, sagt meine Mutter, aber tätest du dir nicht leichter, wenn du nicht über das schon gemähte Gras drübermähst? Und wenn du das Ding da an der Seite vom Rasenmäher abmontierst, da verstopft sich ja immer das Gras darin. Und sie hat natürlich recht, und trotzdem oder gerade deshalb will ich die Hauswand hochgehen, weil egal, wie lange man brav bewiesen hat, dass man den Titel „erwachsen“ mit Fug und Berechtigung trägt: Kaum sitzt die Mutter auf der Gartenbank, weiß man wieder, dass man es nicht tut: Man ist nur eine Betrügerin, man hat das Erwachsensein nur vorgetäuscht und jetzt wurde man erwischt. Und es erwischt einen nicht nur Mutter, sondern auch das eigene Kind, das bei meiner moralischen Demontage etwas subtiler vorgeht, indem es seit neuestem ansprechende, kleine Geschichten verfasst, an deren Ende immer zuverlässig die Mutter stirbt: entweder aus Gram über den Tod ihrer aufgrund mütterlicher Vernachlässigung tragisch verreckten Kinder und/oder weil sie zuviel Algahol getrunken und Tschigg geraucht hat. Ja, ich weiß, dass mir das zu denken geben sollte. Immerhin, ich rauche jetzt nicht mehr.
27.04.10

Es wird alles ganz von selber gut

| Comments (0) | 04/10 | Freunde

Verzeihung, es geht gerade nicht. Ich muss den Kaffee aufwischen, den ich eben über meinen ganzen Kramuri geschüttet habe, zwei Kolumnen schreiben und dann mit den Mimis zum Zahnarzt und mich vom Zahnarzt schief anschauen lassen, weil mit dem einen Zahn von dem einen Kind ist eindeutig was, und der Zahnarzt wird garantiert erkennen, dass das schon länger ist. Auch wenn die Mutter schwören wird, das sei erst vor ein paar Tagen passiert, was gelogen sein wird. Jaaaa! Meine Schuld! Ich weiß! Aber was soll ich denn noch alles schaffen?? Arbeiten, kochen, Laudatio halten, auflegen, arbeiten, Kinder antreiben, Salat pflanzen, Radieschen säen, Gästebetten beziehen, Kinderfahrräder ersteigern, Mitteilungshefte lesen, Termine ausmachen, hässige Mails mit gelassener Gutmütigkeit beantworten, rauchen aufhören, die Hängematte flicken, aufräumen, gelassen sein, den Installateur anrufen, den Strom zahlen, Schiefer ziehen, Kind trösten, arbeiten, Steuern zahlen, eine gute Mutter sein, eine gute Lebensgefährtin sein, eine gute Freundin sein, nett sein, Kaffee aufwischen: Ja, ich schaff das eh alles!! Irgendwie!! Jetzt bis auf das mit dem Rauchen. Das mach ich dann nächstes Wochenende, unter dem traurigen, sorgenvollen Blick meiner Mutter, der hilft in manchen Situationen immer noch am besten. Immerhin: Das mit der Laudatio war fein. Also, der zugehörige Anlass, weil mein Lebenswirt, der Herb Molin, das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen hat. Und mit was? Mit Recht. Viele Leute waren da und danach saßen die ganzen Nachteulen aus dem rhiz mit riesigen Sonnenbrillen am Maria-Treu-Platz, aßen Pizza und bekamen Sonnenbrand. Es war ein bisschen, wie wenn die Vampire in Rimini Urlaub machen. Nett war es. Und der Lange? Ach, der Lange. Wie ich gesagt habe. Nein, nicht ganz. Er hat mit dem Positiv-Denken nicht wieder aufgehört, er hat es diversifiziert. Er denkt jetzt spartenspezifisch positiv. Also, einerseits schimpft er wieder ganz normal. Andererseits sitzt er auf der Gartenbank, schaut in die Wiese, sieht, wie hoch das Gras steht und sagt: Der Rasen sollte dringend gemäht werden. Aber er lässt sich von derlei banalen Widrigkeiten nicht mehr belasten, soweit hat er den Glauben an die Kraft des Optimismus schon verinnerlicht. Er denkt jetzt positiv, dass der Rasen, wenn man nur mit radikaler, Richard-Fordscher-Gelassenheit daran glaubt, schon gemäht werden wird. Dass alles ganz von selber gut wird. Und das wird es auch, weil der Lange fährt jetzt erst einmal zehn Tage weg, und wenn er zurückkommt, wird vermutlich jemand den Rasen gemäht haben. Für den Erheiterungsprozess des Langen ist das natürlich gut, weil es gezeigt haben wird, dass das positive Denken zu konkreten, begrüßenswerten Resultaten führt. Für mich ist es schlecht, weil ich es getan haben werde. Aber ich mache das schon, jaja, ich schaff das irgendwie.
30.03.10

Ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut

| Comments (0) | 03/10 | Freunde

Muss heute Büsche galore besorgen und eilends einpflanzen. Der nachbarliche Rohbau tut mir in den Augen weh. Sind nette Menschen, die Rohbauer, und wir schauen ihnen jetzt schon das dritte Jahr zu, wie sie Wochenende für Wochenende je drei Ziegel aufmauern und dann pro Ziegel erschöpft je zwei Bier trinken. Andere Nachbarn haben erzählt, die Rohbauer planten, ihr Haus fertig zu haben, wenn sie in Pension gehen, und die Rohbauer sind etwa in unserem Alter und arbeiten, soweit mir bekannt ist, nicht bei Post und Bundesbahn. Muss also Büsche besorgen. Wir suchten gestern abend, nach dem Essen bei Horwaths, in den Horwathschen Baumbüchern nach dichten, schnellwachsenden Bäumen, und Pfirsich, Kirsche, Zwetschke leider nein. Holunder und Haselnüsse, das wirds. Man ist wieder am Land. Die Kinder hämmern zufrieden Nägel in Bretter. Der Lange verdaute schnell die schöne Hilde-Party, die noch schöner gewesen wäre, wenn wir nicht aufgelegt hätten. No more, absofuckinglutely no more Party-DJing. Ich hatte dem Hilde-Mann gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist, ich habe noch die Mails, in denen ich ihm erklärte, dass das nicht funktioniert, denn auch wenn er und die Hilde hundert Mal sagen, dass wir spielen können, was uns Spaß macht: Die Gäste von so einer Party sehen das nie so, für die bist du Personal, das genau das zu spielen hat, zu dem sie gern tanzen, was immer irgendetwas aus den Achtziger Jahren ist, zu dem sie letztes Mal so geil getanzt haben. Und auf dieser Party gab es ein paar Gäste, äh, ja. Also, ich gab nach fünf Nummern auf und übergab an den Langen, der das normal besser drauf hat mit der Tanzmusik. Und der hätte einfach auch nach fünf Nummern aufgeben sollen, aber der Lange ist ein sturer Hund, der sich von blonden Mauserln nicht sagen lässt, was er zu tun hat. Bald konnte ich von der Bar aus beobachten, wie der Lange und der Freund von der Blonden über das DJ-Pult hinweg ein einschlägiges Gespräch führten. Mit so nach hinten gereckten Fäusten, Nase an Nase, wo man sich denkt: ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut. Der Lange hatte der Blonden wohl nach ihrem fünften spiel-gefälligst-Auftritt gesagt, sie möge sich schleichen. Der Freund von der Blonden hatte dem Langen wohl gesagt, so rede er aber nicht mit seiner Freundin. Der Lange hatte dem Freund wohl gesagt, und er schleiche sich bitte gleich mit etcetera etcetera. Daraus lernen wir dreierlei: Erstens, ich bin ein Sitzmusik-DJ, zweitens der Lange auch, drittens man bleibt am besten immer in seinem eigenen kleinen Biotop mit seinen eigenen Leuten, die auf solche Ideen gar nicht kommen. Natürlich macht man sich so keine Freunde, aber: brauchen wir auch nicht. Die paar, die uns aushalten, haben wir schon; die Hilde ist uns, glaub ich, eh nicht mehr bös, und da kommt schon der Horwath, und, schau, er hat einen Busch unterm Arm.
23.03.10

Der Selbsthass steht erst bei den Brustwarzen

| Comments (0) | 03/10 | Freunde

Man muss die Dinge genau so lange liegen lassen, bis man vor Angst kurz vor dem Herzinfarkt steht und keine Nacht mehr durchschläft. Die Angst muss einem auf der Seele liegen und auf den Magen schlagen. Der Selbsthass muss einem bis einen Millimeter unter den Nasenlöchern stehen. Praktisch ist, wenn man in so einem Fall über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt, die einen gelehrt hat, dass es dann, unmittelbar bevor man mit einer Panik-Attacke eingeliefert wird, auf einmal geht. Darauf vertraue ich jetzt erst einmal. Das große, das zukunftsweisende Projekt wurde projektiert, dingfest gemacht und auch letzte Woche wieder offensiv vertrödelt, ist ja noch Zeit. Der Selbsthass steht auch erst knapp bei den Brustwarzen, das reicht nicht, das ist für einen kreativen Schub noch lang nicht genug, da geht noch was. Das kleinere Projekt dagegen ist so gut wie im Kasten, nur eins der Mimis, die dafür je zwei völlig unschuldige Körperteile für ein Buch-Cover in eine Kamera halten sollten, ist jetzt doch nicht bereit, bei dem Unsinn mitzumachen. Sicher nicht, such dir ein anderes Kind. Will ich nicht, ich brauch dich. Nein. Du kriegst einen Euro. Hahaha. Drei Euro. Nein. Fünf! Trotzdem nicht. Aber der Fotograf hat schon gaaanz berühmte Leute fotografiert, zum Beispiel die Christina Stürmer und den Bundespräsidenten! Mir wurscht. Du machst da mit, Herrschaftszeiten! Nein. Ich werde Anna auf das Mimi ansetzen müssen, von Anna fühlt das Kind sich verstanden, ganz anders als von seiner blöden Mutter, die immer nur herumkeppelt, einen zum Essen, zum Baden und zum Schlafen zwingt, einen in der Früh aus dem Traum reißt, nie mit einem das "Frühlingsfest der Volksmusik" anschaut und einem nicht einmal Geschenke mitbringt, wenn sie verreist. Dabei ist es ein klares Geburtsrecht jedes Kindes, dass Eltern, die mit Koffern das Haus verlassen, mit Geschenken wiederzukommen haben. Das ist ein DJ-Koffer, Schatzl, ich verreise nicht, ich lege nur im phil auf. Es ist ein Koffer, bring mir was mit. Anna bringt mir auch immer was mit. Anna wird das machen, das mit der Fotosache, das ist sie mir auch schuldig, wenn sie schon unbedingt ihre perverse Veranlagung an den Mimis ausleben muss. Denn Anna schaut so gern das Dingsfest der Volksmusik, aber sie schaut es nicht gern allein, und außer den Mimis, die sich alles anschauen, solange es nicht gruselig ist, macht das ja keiner mit. Ich habe versucht, den Kindern zu erklären, dass das aber wohl gruselig ist, Entschuldigung, das ist womöglich das Gruseligste, was das Fernsehen überhaupt zu bieten hat, aber ich finde wie stets kein Gehör. Und in Anna diesmal keine Komplizin, sondern darf mir jetzt 24/7 volkstümliche Lieder aus Kinderkehlen anhören, Schwerpunkt Liebe im Frühling. Herrlich, vergeltsgott. Dafür regelst du das mit dem Foto, dankeschön, dann bin ich eventuell bereit, das zu verzeihen, e-ven-tu-ell.
17.03.10

Geht mich nichts an

| Comments (0) | 03/10 | Freunde

Nicht nur die Kirche muss derzeit darüber nachdenken, was man mit Kindern alles nicht tun darf, auch ich. Der Wunsch, mein Kind zu hauen, ist dieser Tage überwältigend. Ich tue es, wie immer, nicht, würde aber sehr gern. Es ist nämlich nicht so, dass Trotzphasen kommen und gehen und irgendwann aufhören, nein, das Kind performt jetzt einen Trotzphasen-Remix mit besonderem Engagement in den hohen Frequenzen. Die, bei denen ich leicht die Beherrschung verliere, was, wie mir einer meiner Psychiater am Samstag bei Wirtens erklärt hat, wahrscheinlich von einem selektiven Hörschaden herkommt: Wenn im Lokal der Geräuschpegel hoch ist, höre ich meinen Gesprächspartner zu wenig, wenn das Kind mich angreint, leider zu viel. Immerhin haben sie uns bei Wirtens das fantastische Abendessen zu Ehren von Horwaths nichtendenwollendem 50er nicht ruiniert, sie waren im Kinderzimmer damit beschäftigt, ihre Strategien im Geschlechterkampf zu verfeinern und Schuhe anzuzünden: nicht meine Wohnung, geht mich nichts an, ich muss mich mit dem Rindfleischsalat, den scharfen Garnelen-Nudeln, dem Steak mit Garnitura Dalmatinska, dem Tiramisu und der Jogurt-Panacotta beschäftigen, ich habe gerade keinen Kopf für etwas anderes. Und ich war auch zu dankbar, überhaupt endlich stabil an Wirtens Tisch zu sitzen, die Kinder wollten ja zuerst nicht hin. Nachdem sie sich die ganze Woche über bitter beklagt hatten, dass ihre grausamen Eltern ihnen ständig aus purem Egoismus den Kontakt zu anderen Kindern verwehrten, den und die und die und den hätten sie jetzt schon seit ewig, was heißt: seit Jahren praktisch nicht gesehen, NIE führe man sie anderen Kindern zu. Und wie wir am Samstag zu Wirtens und ihren Kindern aufbrechen wollten, erscholl großes Geheul, das sei ja wieder eine spezielle Grausamkeit, einem überarbeiteten, erschöpften Schulkind seine verdiente Wochenend-Freizeit zu rauben, nie könne man sich ausruhen, nie erholen, nie in Ruhe spielen (aka fernsehen), es sei eine unablässige Quälerei. Und nein, man gehe auf keinen Fall mit und ziehe sich jetzt sicher nicht die Schuhe an; überhaupt, was sei das für eine Art der Kommunikation, den ganzen Tag nur Befehle, Befehle, Befehle. Natürlich vernahmen wir, als wir sie um elf bei Wirtens einpackten, das gleiche, nur in anderen Worten, aber da hatte das viele Essen und Trinken meinen selektiven Hörschaden derart verstärkt, dass ich gar nichts mehr hörte. Der Horwath hatte bei Wirtens zu unser aller Erstaunen die Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler an den Füßen, in die er, gegen alle Prognosen - außer meiner - offenbar sofort nach Überreichung eingezogen ist. Der Horwath sagt, super, alles, was das Leben verlangsame, sei ihm gerade sehr recht. Mein Leben würde derzeit schon von einer partiellen Verleiserung massiv profitieren, und den Kindern ist das wieder einmal komplett powidl.
10.03.10

Das mit den Namen war keine gute Idee

| Comments (0) | 03/10 | Freunde

Drei Wochen lang hatten wir Lazarett. Kind krank, Kind krank, Mutter krank, Kind krank, Kind krank, und jetzt sind die Mimis komplett ruiniert vom Fernsehen. Sie singen und tanzen Werbespots nach, träumen schlecht, haben das Spielen verlernt und zucken wegen jedem Scheiß aus. Die Mutter im Übrigen auch. Die Mutter würde wieder einmal gern ein paar Stunden lang nicht angesprochen werden, von niemandem, einfach nur gar nicht. Nur den Sound of Silence hören, verziert mit paar Geräuschen von der Straße und aus dem Ballkäfig, die mit mir nichts zu tun haben und an denen keine Forderungen und Beschwerden appliziert sind. Wieder ganze Tage nur unter Erwachsenen verbringen, in Ruhe in der Redaktion schreiben, Mittagessen gehen mit dem C. oder dem T. oder der B., dazu Wein trinken, statt Nutella-Brote schmieren und magenschonendes Karottensüppchen nach dem Rezept von Dr. Urban kochen, das dann sowieso abgelehnt wird. Gemoser, den ganzen Tag. Dieses wurde immerhin am Samstag unterbrochen von Horwaths 50er, im Wetter, sehr nett. Wir schmissen die Kinder in der Ecke auf einen Haufen, warfen Nintendos und Weißwürste mit Ketchup hinterher (die vorbildlich guten Wetter-Menschen haben die Ketchup-Anregung sofort aufgenommen) und konnten so mehrere Stunden ungestört mit Erwachsenendingen verbringen, aka trinken, rauchen, reden und Blut- und Leberwürste vom Metzger Fontain in Dornbirn essen, ohne dass die Kinder dazu Würgegeräusche machten. Das war sehr schön, obwohl das Geschenk für den Horwath nicht rechtzeitig angekommen war, dabei hätte es so gut zu den Würsten gepasst. Und der gute Herr Devich war extra noch am Mittwochnachmittag in Bezau, Bregenzerwald, mit einem Paar wunderhübscher, lammfellgefütterter Rindsfell-Hölzler der Größe 45 zur Post marschiert, wo man es dann genau so lange liegen ließ, dass es dann pünktlich nicht ankommen, sondern erst Montag früh geliefert werden konnte. Danke, liebe Post. Deswegen kann ich auch noch nichts über die Horwathsche Reaktion erzählen, der uns exilierte Xiberger (plus dem Langen) jetzt seit Jahren wegen dem Schuhwerk verlästert, das wir im Waldviertel praktisch ausschließlich an den Füßen tragen. Aber heuer hat ja auch Lagerfeld Holz-Clogs, das überzeugt den Horwath vielleicht von der Sinnhaftigkeit seines Geschenks. Weil: Was schenkt man einem wie dem Horwath zum Fünfziger? Das Werkzeug, damit er endlich mal eins seiner fetten Sulmtaler mordet, hat er schon gekriegt. Gut: Die Felders schenkten ihm ein Kochbuch mit Hendl-Rezepten, das wird er hoffentlich bald benützten. Er nennt die Hendln jetzt auch schon „Hendln“ und nicht mehr bei ihren Namen, wir waren von Anfang an gegen die Namen, da wird doch das Verhältnis vom Bauern zu seinem Schlachtvieh viel zu intim und vertraulich. Wir halten es für einen Schritt in die richtige Richtung, dass der Horwath dieses Verhältnis jetzt allmählich auf eine prosaischere Ebene herunterschraubt, und hoffen sehr auf Ostern.
2.03.10

Lass uns Freunde bleiben

| Comments (0) | 03/10 | Freunde

Am Tag danach fühlte ich mich wie eine Frau, die nachts zuvor gegen zwei Uhr früh vor der total angesagten Bar 3 in der Linienstraße einen Schwächeanfall erlitten hatte. Immerhin in einem Winkel, in dem ich von Rainald Goetz, der inwendig Bier trank, dabei nicht beobachtet werden konnte. Reverend Tobi Müller, von dem ich mich kurz davor sehr eilig verabschiedet hatte, sah mich auch nicht, und Herr Daniel Schreiber, ein attraktiver Kolumnistenkollege von der Zeitschrift Cicero, hatte die Lokalität dankenswerterweise bereits früher verlassen, so dass er nicht Zeuge des nachlassenden Stehvermögens der Wiener Kreativwirtschaft wurde. Wobei: Anna stand noch. Ich hatte aber, das kann ich reinen Gewissens notieren, den ganzen Abend nur fünf Weißweinschorlen konsumiert, es lag also nicht daran, dass ich die 14-tägige Phase des selbstgewählten Temperenzlertums mit einem krachenden Exzess beendet hätte. Nein, ich hatte sogar den Hauptteil des besagten Abends in einer feuilletonistisch wertvollen Kulturveranstaltung verbracht und bin jetzt auch Pollesch-Fan. Womit ich mich zugegebenermaßen nicht als Trendsetterin ausweise, denn ohne Zweifel bin ich hiermit der letzte Pollesch-Fan im deutschsprachigen Kulturraum. Alle anderen waren es schon längst, auch Schreiber, mit dem ich bei der anschließenden Nachbesprechung ein bilaterales Erwähnungsabkommen verabschiedete, das von meiner Seite hiermit als erfüllt, wenn nicht übererfüllt betrachtet werden kann. Ich war - erwähnte ich das schon? – mit Anna in Berlin und wurde postpollesch von einheimischen Szenewizzards in die Karl-Marx-Allee und dort in eine der angesagten Lokalitäten geführt. Das Etablissement nannte sich Freitagsküche und es hieß, der angesagte Münchner Künstler Björn Dahlem koche diesen Abend dort öffentlich, aber als wir hinkamen, wurden wir nur Zeugen des Auftritts eines derart jammervollen Sängers, dass er in Wien auch in einer sehr viel weniger angesagten Lokalität binnen Minuten unter Androhung schwerer Faustwatschen der Bühne verwiesen worden wäre. Aber in Wien ist ja auch das Show-Kochen noch immer out. Berlin und Wien, das lässt sich allerdings irgendwie sowieso nicht vergleichen. Zum Beispiel malen wir in Wien ein Lokal frisch aus, bevor wir es eröffnen und kratzen nicht, wie in Berlin den schönen Putz von den Wänden, legen alle Leitung frei und picken sie mit Gaffa an der Wand fest, damit es mittiger ausschaut. Und wir geben dem Lokal dann auch keinen Namen wie „Kauf dich glücklich“, „Mädchenitaliener“ oder „Lass uns Freunde bleiben“ wie in Mitte und spielen dann ausschließlich Radio-Wien-Musik. Wann haben Sie das letzte Mal Billy Joel gehört? Ich am Sonntag, in einem neuen Mitte-Lokal mit abgeschrabbelten Wänden, das „Mein Haus am See“ heißt. Uncool ist das neue cool. Wir Wiener können von den Berlinern noch viel lernen. Wir gingen dann in die Bar 3 und hörten Carly Simon. Schön wars. Rainald Goetz ist sehr klein.
2.02.10

Ich bin irgendwie keine Rampensau.

| Comments (0) | 02/10 | Freunde

Es hat auch Vorteile, wenn die Kinder weg sind. Also, wenn dieser Scheiß-Bus endlich abgefahren ist. Bis dieser Bus abgefahren ist, mit den Kindern darin, die unununbedingt ins Schilager wollten, aber jetzt ihre Entscheidung schluchzend bereuen, durchläuft man allerdings den puren Höllen-Horror. Ich habe von Vätern gehört, die während dieser zwanzig Minuten final ergrauten. Es war so entsetzlich, dass schließlich mehrere Eltern am Gehsteig auf die Knie fielen und den Busfahrer händeringend anflehten, sein Gefährt endlich in Bewegung zu setzen. BITTTTEEEE! Die Qual ist UNERTRÄGLICH! Und wurde leider dadurch verlängert, dass manche Eltern noch ein achtes Mal in den Bus stiegen, um ihre Kinder zu beruhigen, was selbstredend den gegenteiligen Effekt hatte. Bittebittebitte, ich halt das nicht mehr aus, fahrt endlich! Als der Bus dann um die Ecke war, gaben sich die Eltern High Five und begannen umgehend, die ersten Stationen ihres lange vorbereiteten Halligallis abzuarbeiten. Der Lange und ich zum Beispiel gingen sofort wieder ins Bett, schoben am helllichten Tag GewaltDVDs ins Gerät, bestellten Pizza und Bier und ließen uns so grauslich gehen, wie wir es in der Prä-Mimi-Epoche jedes Wochenende getan hatten.

 

Leider verließen wir dann in der Dunkelheit noch einmal das Haus. Es hat auch Nachteile, wenn die Kinder weg sind, man geht fahrlässig zu vorher schlecht recherchierten Veranstaltungen und trinkt dort zuviel, anstatt wie gewöhnlich beim „Tatort“ einzuschlafen. Weshalb man anderntags dann müder ist als vorgesehen. Zudem hat der Lange nicht wie üblich um halb acht mit den Kindern das Haus verlassen, sondern liegt um halb neun noch neben einem im Bett und formuliert, während man gerade verzweifelt Kolumnenthemen aus dem Internet kratzt, Sätze wie diesen: „Du kommst mir ein bissl vor wie Elvis in Vegas.“ Ja, dankeschön! So fängt man den Tag gerne an! Kommt zurück, Kinder!

 

Allerdings war ich auch Elvis in Vegas, als die Mimis noch da waren. Palmetshofer, Heavy Trash und dann auch noch im Schauspielhaus Popismus predigen mit meinem alten Zürcher Nachbarn, Reverend Tobi Müller. Was interessant, aber insofern irritierend war, als wir vor 150 Leuten anfingen und vor 15 aufhörten. Während das Publikum in großen Trauben den Saal verließ, erhielt ich unablässig SMS vom lustigen Fotografen und vom lustigen Verleger, ich solle dalli im Dings erscheinen. Ich smste, ich könne nicht, ich säße auf einer Bühne und verrichte Erwerbsarbeit. „schleich dich runter von der bühne!“, smste der Fotograf, und das hätte ich gerne gemacht, beziehungsweise ich hätte mich gerne sub Bühnenboden verkrochen. Ich bin nicht geschaffen für die Bühne, ich bin lieber Publikum. Als Publikum bin ich, wie die Menschen, die ich beim Heavy-Trash-Konzert im Flex mit Bier beschüttete, bestätigen werden, richtig gut. „Is uuuuuuuu I want!“ Yes, Jon Spencer, yes, yes, yes.

 

26.01.10

Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an

| Comments (0) | 01/10 | Freunde

Tatsächlich hat der Lange, glauben Sie es oder nicht, die Lesben von vis a vis kürzlich beim Sex beobachtet, während er zum Fenster hinausrauchte. Die, die nie Pornos schauen. Hat er mir erst nach Lektüre der letzten Kolumne erzählt. Dabei waren, wie immer, die Schlafzimmervorhänge zu, aber einer zufällig im richtigen Winkel offen stehenden Tür und daraus resultierenden Spiegelungen verdankte der Lange eine Sichtung, deren Einzelheiten ich dann nicht so genau wissen wollte. Das Leben imitiert wieder einmal die Kunst; nein, die Kolportage. Sonst habe ich diese Woche nichts zu erzählen, auf Wiedersehen.

Doch, ich habe die Bühnenhemden der Fehlfarben gesehen. Das hat mich merkwürdig berührt. Die Hemden hingen an der Wand eines Ateliers, und ich hätte sie gerne fotografiert, so wie sie da hingen, habe mich aber nicht getraut. Auch nur zu fragen, wäre mir wie ein Sakrileg vorgekommen. Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an, und zwar eine, die erst gemacht wird, wenn die Fehlfarben bald ihr neues Album "Glücksmaschinen" live vorspielen. Ich habe es schon, Peter Hein hat es mir geschenkt. Hein sitzt übrigens heuer in der Jury des Protestsongcontests, was, weil ich mir keinen denken könnte, der dort mit größerer Berechtigung säße, der substantielle Grund ist, warum ich doch auch wieder dort sitze. Obwohl ich mir und jedem, der es hören wollte, ein knappes Jahr lang schwur, dass ich mir das gewiss nicht mehr antue, hundertausendprozentig nicht. Weil, wozu? Damit der junge Mensch mir wieder seinen Mittelfinger präsentieren kann? Ich habe auch andere schöne Hobbies, dankeschön; zum Beispiel backe ich einen ausgezeichneten Kärntner Reinling, und Faschingskostüme für die Kinder sind leider auch wieder zu nähen. Ich könnte dabei die kollossale neue Fehlfarben hören, die mir Peter Hein geschenkt hat, ja.

Beziehungsweise ich würde, wie ich voreilig zugesagt habe, auf die Faschingsparty von der Fischer gehen, gemeinsam mit Anna im knappen Flugbegleiterinnen-Kostümchen, das verpasst die Welt jetzt leider auch, und ich werde stattdessen nach Mitternacht in der Verkleidung eines zart angeflaschelten Protestsongcontestjurymitglieds erscheinen, wenn alle anderen schon lustig sind und ich nur ausgebuht. Ich habe mir den Anschiss von der Fischerin und der Anna schon abgeholt, wobei die Anna nur noch resigniert geseufzt hat: sie wurde jetzt schon wiederholt Opfer meiner nachlässigen Kalenderführungspolitik. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich vergesse, dass am 12. Februar immer und immer am 12. Februar Protestsongkontest im Rabenhof ist, und ich natürlich trotz gegenteiligsten Geschwörs erneut da oben auf meinen Stühlchen sitzen und Punkte vergeben werde, selbstverständlich wie stets an die falschen, jaja. Aber diesmal wird Peter Hein neben mir sitzen, dort in der Politdisko, und das Leben wird die Kunst angrinsen und die Kunst wird zurückgrinsen, und es wird gut sein, ja, es wird.
12.01.10

Ich tendiere jetzt mehr Richtung würdelos

| Comments (0) | 01/10 | Freunde

Es ist bisher nicht leiser geworden im neuen Jahr. Nicht ruhiger, nicht vernünftiger, nicht gescheiter. War ja aber auch gar nicht vorgesehen. Gab ja keine guten Vorsätze, gar nichts, ein paar Pläne vielleicht, aber mehr auf langfristig angedacht, man muss ja nichts überstürzen jetzt, ne. Ist ja eh noch das ganze Jahr für alles Zeit.

 Ich bin allerdings froh, dass ich gerade zwei Staffeln „Californication“ am Stück gesehen habe, was ich als, sagen wir, Jahresleitbild durchaus brauchbar finde: Exzess und Ernsthaftigkeit; Kompromisslosigkeit, Koitus und Commitment. Deppert reden, nett zu seinen Freunden sein, ausdrücklich leben, lieben, eine Meinung pflegen, die Kinder liebhaben. Schreiben, Schwimmen, Suff, Sex, Sinnsuche, Suderei, super Sound und schönes Wetter. (Ich sagte: Leitbild, ich habe nichts von unreflektierter, konvergenter Übernahme gesagt, und, ja sowieso ist die Reihenfolge verhandelbar.) Daneben natürlich Klimaschutz, Alliteration, Nachhaltigkeit, Pingpong, Fekter-Watch, Gemüseanbau, Tartes-Tatin-Bäckerei und weitere Themen, die in „Californication“ eher unterrepräsentiert sind.

 Und auch wenn ich unter keinen Umständen in dieses dumme Bobobashen einstimmen werde: es treibt mich derzeit eher ein bissl weg vom Boboistischen, also ich tendiere jetzt mehr Richtung würdelos. Es liegt nämlich, behaupte ich, Stolz in der Würdelosigkeit, das ist kein Paradoxon. Auch wenn, schmecks, sich ein paar Leute aus dem Nichtraucherteil vom Wetter, eh auf lustig, beschweren, dass wir zu laut lachen und brüllen, überhaupt die lautesten seien. Asso, ihr seids das, ist ja typisch! Ja, wir sind das! Und typisch sind wir eigentlich gern, und außerdem kamen gerade alle aus unterschiedlich besinnlichen Weihnachtsferien zurück und müssen jetzt gemeinsam das neue Jahr anschieben, auf dass es allmählich in Gang komme. Es ist viel zu tun! Und, bitte, ich fand, in dieser Gesellschaft an diesem Ort kam es auf hohem Niveau in die Gänge.

 Ja. Und erst unlängst habe ich mir beim Sedlacek gedacht: Er ist zwar ziemlich oft ein blödes Arschloch, und manchmal auch ein echt peinlicher, egomanischer Sack, aber er ist zumindest nicht langweilig. Wir waren, das war noch vor Weihnachten, auf einer Party, und draußen vor der Tür standen ein paar relativ unblöde und unarschlochige Männer beieinander, mit denen man sich ja durchaus gern ein wenig unterhalten hat, auf dem Weg zum Klo und retour, aber drinnen, am Tisch und auf der Tanzfläche mit Sedlacek, dem blöden Arschloch, war es um Häuser unlangweiliger. Weil Sedlacek die Kunst beherrscht, sich einen Dreck um sein öffentliches Ansehen und seinen Ruf zu scheren, wenn es die Situation erfordert, was mir, apropos "Californication“, ein überaus sinnvolles Lebenskonzept zu sein scheint: Jetzt gerade auch abseits von Partys, und ich will es mir für 2010 hinter die Ohrwaschl schreiben.

9.12.09

Soll doch bitte jeder glauben, was er will

| Comments (1) | 12/09 | Freunde

Haemmerli lässt schöne Grüße aus Taipeh ausrichten und dass er, bitteschön, natürlich schon wegen den Minaretten abgestimmt hat, brieflich, im voraus. Er macht schließlich auch immer noch das Abstimmungsportal votez.ch, das die Leute dazu bewegen soll, ihr Abstimmungsrecht in Anspruch zu nehmen, auch wenn ihnen die direkte Demokratie grundsätzlich eher am Arsch vorbei geht. Weil was passiert, wenn sie das bei zu vielen tut, hat man ja vorletzten Sonntag gesehen, an dem Haemmerli selbstverständlich so abgestimmt hat, wie ich es ihm unterstellt hatte. Weil Haemmerli fürchtet sich vor praktisch nichts, und sicher nicht vor ein paar Muslimen, die ihre Religion ausüben wollen.

 Ich finds ja auch auch kindisch, dass nun gleich ein paar Lustige auch alle Kirchtürme niederreißen wollen, wo samma denn, müssen jetzt alle gleich sein? Und darf jetzt niemand mehr einen Vogel haben? Ob das ein religiöser ist oder ein kultureller ist ja eigentlich wurscht, solange mich niemand zu bekehren versucht, sei es jetzt zum Islam oder zu Ja, Panik. Soll jeder glauben, an was er will. Mir ist ja auch diese Hysterie wegen Scientology eher unerklärlich, weil wenn du mich fragst, richtet ein Bischof Küng mehr Unheil an als ein Titan Cruise, und Cruise ist wenigstens ein guter Schauspieler. Soll doch jeder glauben, was er will.

 Apropos Ja, Panik, wenn ich etwas empfehlen dürfte, dann wäre das die neue Rotifer, „The Children on the Hill“ (monkey), wenngleich ich dem Rotifer jetzt einmal dringend davon abraten möchte, die Plattencover auch künftig selber zu gestalten. Man muss nicht alles können, und wenn einer so spitzenmäßige Songs schreibt und vorträgt (live vor allem, man muss den Rotifer unbedingt live sehen), dann muss er nicht zwingend auch ein großer Maler sein. Haemmerli möchte ich zum Beispiel lieber nicht singen hören. Und das neue Rotifer-Cover ist zwar lieb, verführt das interessierte Publikum aber doch sehr dazu, das Werk mit einer Kinder-CD zu verwechseln. Was schad wäre.

 Und weil Weihnachten ist, gleich noch eine Lobpreisung eines local hero: den FM4 nicht spielt, weil er für dort zu kommerziell sei (was zB bei Julian Casablancas oder MGMT kein Problem darstellt), und Ö3 nicht, weil zu underground. Beides ist eine totale Schande, weil Frenk Lebel Songs schreibt, die man sowohl da wie auch dort gerne hören würde, weil warum: Sie sind großartig. Zeitlos und großartig. Man kennt hierzulande nicht viele, die das Talent haben, so komplexe Ohrwürmer zu komponieren wie Frenk Lebel, und das muss natürlich, wir sind hier in Austria, sofort abgestraft werden. Da kann einer was? Das geht ja gar nicht. Ich erlaube mir hiermit wieder einmal, einen ausdrücklichen Anhör-Befehl zu erteilen: Frenk Lebel: Poems, Contradictions. (Halleluya, Hoanzl). Man kann das auch herumschenken, genauso wie den Rotifer; beides passt auf jeden Fall.

 

 

2.12.09

Dabei wirkte der Schweizer erst gestern noch so nett

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Der Schweizer, bitte. Zwei Gesichter. Eben noch sitzt der Schweizer am Tisch vom Fischtürken, trinkt Rotwein, ist vergnügt, witzig (ja, doch!) smart und aufgeschlossen, zahlt die gesamte Zeche und sieht exakt so aus wie Haemmerli in einem Designer-Anzug. Und nur ein paar Stunden später schreitet der Schweizer zur Urne und verbietet fortan den Bau von Minaretten in seinem Land. Ich meine, geht’s noch? Der Schweizer, bitte? Wo will der hin? Zu Haemmerlis Ehrenrettung ist zu sagen, dass Haemmerli während des gesamten Urnenganges in einem Flugzeug saß, welches ihn von Wien in eine asiatische Metropole transportierte: Haemmerli hatte also mit dem Abstimmungsergebnis insofern nichts zu tun, als er zuverlässig nicht für das Minarett-Bauverbot gestimmt hat. Leider konnte er so auch nicht dagegen stimmen, was bei 57 Prozent aber auch nichts mehr geholfen hätte.

Haemmerli war ja die letzten Jahre Filmemacher – also er hat 1 Film gemacht, den über seine Messie-Mutter -  jetzt ist Haemmerli Künstler. Künstler wurde Haemmerli im Wesentlichen durch Behauptung. Er hat sich einfach, zum Beispiel bei der Art Basel, hingestellt und gesagt: I am an Artist, bis die Leute anfingen, ihm das zu glauben und ihn in asiatische Metropolen einzuladen, wo Haemmerli jetzt Vorträge hält und seine Werke zeigt. Ich bin ja bislang nur mit zwei Haemmerlischen Werkreihen vertraut, einerseits die Stiefelbilder, für die Haemmerl das Innere vieler Stiefel fotografiert hat, andererseits die Ohrenbeißerserie, in der ich, glaube ich, auch vertreten bin. Weil darin alle vertreten sind, die mit Haemmerli einmal länger als fünf Minuten verbrachten, und während diesen von Haemmerli unvermittelt von hinten gepackt, ins Ohr gebissen und dabei fotografiert wurden. Immerhin weiß ich, dass Haemmerli ein für die Kunst gerne  herangezogenes Kriterium erfüllt hat, er hat nämlich für seine Kunst gelitten. Und zwar körperlich, denn als er im Sommer während eines Geburtstagsfestes die Krautgartner von hinten packte und ins Ohr biss, haute die ihm auf der Stelle eine herunter und brüllte, dass Haemmerli eine totale Sau sei. Die Krautgartner hat mir erzählt, es war im Schock, sie konnte praktisch überhaupt nichts dafür, und Haemmerli hat ihr die Watsche auch gleich verziehen (vor allem weil, wie Haemmerli sagt, das Foto super geworden ist) und die Krautgartnerin ihm den Übergriff, den es diente ja der Kunst, und sie vertragen sich längst wieder.

Wie wir beim Fischtürken saßen, hat Haemmerli ungefähr nach der dritten Flasche Rotwein darüber zu sinnieren angefangen, dass es doch  vielleicht schön wäre, einmal eine Zeitlang in Wien zu leben, wahrscheinlich besser als in Berlin. Das begrüßten wir sehr. Die Frage ist jetzt, ob die Schweizer Minarett-Entscheidung Haemmerli nach der asiatischen Metropole eher nach Wien treibt, oder ob Haemmerli, wenn er mit der Kunst fertig ist, vielleicht die Schweiz retten will. Wundern würds mich nicht.
17.11.09

Wenigstens ist das Wetter schön

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Was jetzt? Ich weiß nicht. Die letzte Woche war: Ich weiß nicht. An vielen Orten gewesen. Jägerschule, Prater-Schihütte, Büro, Hold, Laternenfest, Annas Sofa, Polly Adlers Sofa, Kunsthalle, Bett, Internet, Roter Elefant, Folio-Fest, Millis neuer Küche, Wetter, Novelli und hinter den Plattentellern vom phil. Mit vielen interessanten Leuten geredet oder leider nicht, aber ich weiß nicht. Das führt mich wieder nur geradeaus in eine Faustwatsche des Kollegen Dings, der mich rügt, dass ich neuerdings nicht einmal mehr die elementarsten Regeln des Kolumnismus berherzige, nichts als verschwommene Andeutungen, deppertes Namedropping, lose Enden und narrative Sackgassen, aus denen sich der Leser dann genervt wieder auf den Rückweg machen muss, und du kommst dabei im übrigen ziemlich unsympatisch rüber. Ja. Weiß ich. Aber wenn das nun einmal mein Leben ist?

Dann erfinde dir ein besseres, nein: erfinde mir ein besseres, ein schachtelsatzfreies, mit einer Struktur und guten Pointen an den richtigen Stellen, ist mir völlig powidl, ob das gelogen ist oder wahr. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Erst einmal frühstücken. Und an etwas Schönes denken.

Schön ist zum Beispiel das Wetter. Also das neue Lokal am Yppenplatz, von Lea Redolf und Raetus Wetter, vormals Expedit. Dort stimmt alles so wunderbar (bis auf den, so die Mimis, höchst beklagenswerten Umstand, dass es zur Weißwurst kein Ketchup gibt), ich könnte dort tagelang versacken, was allerdings elementar damit zusammenhängt, dass man sich, nachdem man eine von Wetters Appenzeller Käsefladen gegessen hat, stundenlang nicht mehr rühren und gerade noch den Arm zum Verdauungschnapsordnern lupfen kann.

Wien wird ja augenblicklich von einem Bobo-Wettrüsten in Atem gehalten: Brunnen- oder Karmeliterviertel? Wo gibt es die lässigeren Lokale, die besseren Marktstände, das Slow-Food-Futter, die Bio-Artischocken, die selbstgepupsten Marmeladen, wo wohnen die cooleren Promis? Seit der Wetter das Wetter eröffnete, steht es 103 zu 102, wenngleich ich am Yppenplatz jetzt nur einen toten Schriftsteller weiß und am Karmeliter-Platz drei lebende; dafür am Yppenplatz viel mehr Musiker, und zwar von den guten; einer tauchte im Wetter auf, als ich gerade drohte, ob der Last der Käseflade unter den Tisch zu rutschen.

Überhaupt kannte ich im Wetter die halbe Gästeschaft, was Neo-Phobiker wie ich zu schätzen wissen, die vor Neuem scheuen und es gerne haben, wenn alles vertraut ist, wenn alles so bleibt wie es ist und es eine Woche oder drei immer das gleiche großartige Essen und den gleichen fantastischen Song gibt, die nie den Mann wechseln und sich die perfekte Jeans gleich dreimal kaufen. Die Pointe für den Dings wäre jetzt, dass sich das mit den Jeans bewährt hat, weil mir noch am Samstag, vermutlich käsefladeninduziert, das Hosentürl platzte, und es wäre zudem original wahr, aber das ist mir zu aufgelegt, sorry, echt nicht.
10.11.09

Den Teil mit der Parkbank lasse ich vielleicht aus

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Nur Stunden, was heißt, Minuten nach Erscheinen der letzten Kolumne erhielt ich ein freundliches Mail vom freundlichen Herrn Stermann, in dem er mir freundlicherweise folgendes schriftlich bestätigte: Ich war definitiv nicht gemeint. Mit dieser angeflaschelten Journalistin mit der Zauselfrisur. In diesem seinem Anzengruber-Sauftext. Das beruhigte mich ungemein, und ich ließ es in diversen Internet-Foren und Live-Gesprächen nicht unerwähnt, bis selbigen Abends kurz vor Mitternacht bei der Viennale-Abschlussparty, als ich, nachdem ich auch dort mehrere Menschen, die nicht danach gefragt hatten, über Stermanns Quasi-Freispruch informiert hatte, auf dessen Kumpel Grissemann traf, der irgendetwas sagte wie: Ha ha, so so, aber der Stermann hat mir gesagt, dass er beim Schreiben speziell an dich gedacht hat, doch, hat er.

Ich sagte: Sagamal, Grissemann, findest du eigentlich, dass ich eine versoffene Funzen bin?, und verließ die Viennale-Party, ohne Grissemanns Antwort abzuwarten, mit einem schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand. Dann hätte mich Grissemann eigentlich um vier Uhr früh schlafend auf einer Parkbank betreten sollen, aber ich ließ diesen Teil angesichts der frostigen Temperaturen lieber aus, sonst wäre ich jetzt erfroren und könnte diese Kolumne nicht schreiben. Und ich könnte nicht den Deutschen und ein paar Korrektoren dieser Stadt erklären, dass es sich, wie mir das Österreichische Wörterbuch schriftlich und hoffentlich stabil unwiderlegt bestätigt, beim Ausdruck „betreten“ um altes Wiener Amtsdeutsch handelt: Das ich mir letztes Mal herauskorrigieren habe lassen, weil das, falls es überhaupt existiere, kein Schwein verstehe, wie mir wiederholt versichert worden war.

Aber auf Versicherungen gebe ich sowieso nichts mehr. Man hat ja gesehen, wie viel sie wert sind. Vielleicht lässt sich die ganze peinliche Angelegenheit aber doppelt profitabel verwerten, als ich ja erstens in der göttlichen Position bin, jede mir widerfahrende Demütigung unmittelbar in bares Gerstl verwandeln zu können. Zweitens kann sie als Beweis dafür herhalten, wie ungemein rockbitchig ich im Grunde meines Herzens eben bin, also voll im Trend, wenn man sich die ganzen angejahrten Damen mit 1.-Bezirk-Strähnchen-Frisuren und voll hoaten Preis-auf-Anfrage-Motorradjacken so anschaut, die gerade überall auf cool aus der Zeitung äugen; Oida. Oder auf den Covern eigener Magazine ihre bislang mühsam unterdrückte ur-oage-Rockerbrauthaftigkeit mithilfe eines Visagisten, einer Stylistin, einer Chanel-Bikerjacke und eines professionell gestylten 300-Euro-Zauselkopfs auch endlich einmal freilegen dürfen. Eh nur diese Saison, fürs Frühjahr hat Stella McCartney Blümchen und Rüschen verordnet. Dann verräumen die Bankergattinnen die Lederjacken im Schrank und föhnen wieder; nur ich, ich bin immer noch zerzaust.
3.11.09

Das bin doch nicht ich!

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Leider sehe ich mich gezwungen, folgendes zu verlautbaren: Ich bin nicht die „Journalistin“ in Dirk Stermanns „Bottle-in-a-Message“-Text von vor zehn Tagen im Standard-Album. Ich bin niemand in Stermanns Text, ich komme Gottseilobunddank in dem Text überhaupt nicht vor, auch wenn ich sonst gerne in Texten vorkomme, in diesem: nicht.

Tatsächlich habe ich dem Stermann sofort ein Mail geschickt: „Ha! Lustiger Text! Wurde in der Sekunde zur Temperenzlerin!“, nachdem ich seinen Anzengruber-Alkoholismus-Aufsatz gelesen hatte: Einen von Mitleid unverstellten Blick auf Stermanns unmittelbares Tschecheranten-Umfeld, der dieser Tage bei Czernin in dem Buch „Wir sind gekommen um zu bleiben: Deutsche in Österreich“ erscheint. Jedenfalls sitze ich ein paar Tage später anlässlich einer anderen Buchpräsentation mit der Herausgeberin des Werks, der ansonsten klugen und unbestechlichen Eva Steffen im Jin´s, als sie mir über die Tafel hinweg zuruft, sie habe jetzt übrigens wiederholt das Gerücht gehört, ich sei die „Journalistin“ in Stermanns Text, stimme das denn. Himmel, Heiliger, Kruzitürken, nein, das stimmt natürlich nicht!  Allein dafür, dass du das fragst, müsste ich dich schon verklagen, Steffen!

Die Journalistin in dem Text ist, wer ihn noch nicht gelesen hat, eine Post-40erin mit zerzausten Haaren, die im Anzengruber abwechselnd Rot- und Weißwein trinkt. Im Laufe der Geschichte tritt sie an Stermanns Tisch, um ihn zu fragen, ob er glaube, dass sie eine versoffene Funze sei, verlässt dann mit einem „schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand“ das Lokal und wird später von Stermann schlafend auf einer Parkbank betreten. Ganz langsam, zum Mitschreiben: diese Frau hat mit mir nichts gemein als das ungefähre Alter und an schlechten Tagen die Frisur. Ich mische keine Weinsorten, ich bin so gut wie neverever im Anzengruber anzutreffen, ich schlafe nicht auf Parkbänken, ich schleppe keine Männer ab und ganz gewiss keine dünnen, und ich bin, soweit ich weiß, auch nicht die direkte Nachfahrin eines „ranghohen Sozialdemokraten aus dem Burgenland“, wie Stermann ausdrücklich schreibt. Also ich glaube, das ist jetzt geklärt, Steffen. Meinen Ruf ruiniere ich mir nämlich, wenns Recht ist, immer noch selber.Und ich bin in Wirklichkeit eine nette - ja: nett, in seinem ganzen, diffamierten Wortsinn - dezente, diskrete, schüchterne und im Grunde langweilige Person, die jetzt gleich noch ein Scheitchen ins Feuerchen werfen und ihren Liebsten ein Süppchen kochen wird

Aber es war überhaupt eine ziemlich lausige Woche. Ich zankte mit Hans Hurch über die Bedeutung des Wortes „Gala“, kam nur einmal zum Schwimmen, verlor meinen Kalender, und als der Lange nach fünf Tagen Halligalli aus Istanbul zurückkam, legte er sich sofort drei Tage mit Husten ins Bett. Wenns diese Woche ein bissl lustiger wird, hätte ich im Prinzip nichts dagegen.

20.10.09

Ja, schon, wenn man sehr gelenkig ist

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Der Heizungstechiker ist, so erfahre ich, auf einem Seminar; der nächste mögliche Termin um unsere Heizung zu reparieren sei, also, warten Sie, Mittwoch zwischen zehn und zwölf. Oh, super, herzlichen Dank, das sind ja nur fünf Tage. In einer eiskalten Wohnung. Eh würde eine verantwortungsbewusste und vorausschauende Mieterin schon im Frühherbst überprüft haben, ob die Heizung funktioniert, nein, das müsste sie gar nicht, weil die Heizung schon im Spätsommer vorschriftsmäßig gewartet worden wäre. Nur frage ich mich schon auch, warum Seminare für Heizungstechniker ausgerechnet zu Beginn der Heizsaison, Punkt Kälteeinbruch, stattfinden müssen. Wie wärs im Sommer, wenn Leute wie ich sowieso nicht anrufen, um ihre Heizungen nicht warten zu lassen? Zur Strafe nicht.

 Zum Glück funktioniert der Ofen im Waldviertel, und als es uns bei 28 Grad Raumtemperatur doch etwas schwitzert wird, gehen wir über die Straße zu Künstlers, weil: „Tag der offenen Ateliers“. Künstlers haben den Hof zusammengeräumt und ihn mit eigenen und fremden Werken vollgehängt. Es handelt sich dabei überwiegend um Bilder, auf denen unglaublich geschweinigelt wird. Die Mimis schauen sich alles mit großem Interesse an und finden, das sehe aber etwas anders aus als in ihrem Wir-machen-ein-Baby-Buch. „Kann man so auch Kinder machen?“ „Ja, schon, wenn man sehr gelenkig ist.“ „Und so?“ „Nein, so eher nicht.“ „Und was machen diese Frau und dieser Wolf da?“ „Sie kuscheln.“ „Und diese Frau und dieses Schwein?“ „Kuscheln auch.“ „Sieht aber aus, als ob das Schwein....“ „Schau mal, da drüben, da ist ein riesiges Hirschgeweih.“ „Wo?“ „Da hinten.“ „Aber das Schwein...!“

 Später sitzen wir im Atelier der Künstlerin am Holzofen und trinken Wein. Ein paar Leute aus der Stadt sind da, und das ganze Dorf kommt vorbei, die Bauersfrauen, die Hippies mit den Hunden und die gesamte Freiwillige Feuerwehr in Uniform, denn der Herr Künster ist Feuerwehr-Vizeobmann. Oder Vizekommandant oder wie das heißt. Die Feuerwehrmänner und ihre Frauen schauen sich die Bilder auch alle an, besonders gern die Fotos, auf denen der Künstler nackt auf allen vieren zu sehen ist, mit prächtigem Gehänge. Man äußert die Ansicht, dass es „unterschiedliche Lebensentwürfe“ gebe. Das stimmt, zum Wohl. Zum Glück finden die Frauen dann einen Stapel ferkeleienfreier Blumenbilder der Künstlerin, die ungeteilter Meinung als schön beurteilt werden. Der Wein schmeckt auch allen, und der Nachbar-Bauer und ich sind bald per du: Franz. Doris. Zeawas. Wir stellen fest, dass wir beide den selben Prinzen kennen. Er kennt ihn von der Jagd, ich kenn ihn, weil er eine Zeitlang an der Mizzi befestigt war: Das muss dann die gewesen sein, die immer frierend im Hochstand saß und Bücher gelesen hat. Ja, das war zuverlässig die Mizzi. Apropos frieren: Ist schon zehn? Ah, gleich.

 

8.10.09

Das ist doch ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt

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An den Käsefladen im Madiani habe ich mir Donnerstag Nacht so das Maul verbrannt, dass ich bis heute nur lauwarmes Essen in Breiform zu mir nehmen kann; trotzdem hätte ich gerne das Rezept. Könnte ich bitte das Rezept bekommen? Die Käsefladen sind ein Parade-Winteressen; einfach, weich, warm, saugut, also genau das richtige, um eine Winter-Depression zu kalmieren. Ich meine, falls sich etwas derartiges wie ein Winter-Gefühl heuer überhaupt überhaupt einzustellen beliebt; im Moment sieht es eher wenig danach aus.

 Auch der Donnerstag Abend war ein für meine derzeitige So-kann-es-unmöglich-weitergehen-Situation überaus typischer. Die Mimis schliefen bei Freunden, und zufälligerweise eröffnete der P. eine Ausstellung mit neuen Fotos in einer Galerie am Karmelitermarkt. Und wen treffe ich da? Den P., eh klar, den W. und den G., mit denen ich vor, ich will auf keinen Fall sagen, wie vielen Jahren zum Soundtrack von Sadé lange Abende in der Oskar-Bar in Feldkirch abhing. Wir waren 18, 20, 21, wir standen wie Cowboys an der Bar und ließen alle an unseren Zukunftsplänen teilhaben, denn jeder von uns war ein Künstler und würde demnächst ein berühmter Künstler sein: Der P. hat schon fotografiert, der W. hat schon Musik gemacht und damit Preise gewonnen, der G. studierte schon Architektur, der R. machte kleine Filme, die schon gezeigt wurden, und ich war hauptsächlich verwirrt und habe heimlich gedichtet. Und was ist, wie ich die jetzt treffe, aus denen geworden? Der P. ist ein super Fotograf, der W. lebt glücklich von seiner Musik, der G. ist Architekt, der R. konnte zur Vernissage leider nicht kommen, weil er grad seinen neuen Film schneidet und ich kann immer noch nichts anderes als schreiben. Ich finde, das ist ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt, speziell für Vorarlberger. Und alle können wir, wie sich im Madiani zeigt, noch immer noch bis tief in die Nacht hinein deppert sein, vor allem der G., mit dem ich gegen zwei Uhr früh mit meinem verbrannten Maul engagiert über DJ Ötzi stritt, wobei die Worte Trottel, Idiot und ungefickt fielen. Der Lange und ich gingen dann bald nach Hause, was aber nichts mehr daran änderte, dass wir vergessen hatten, dass anderntags um neun Uhr früh eine Ö1-Reporterin vor unserer Tür stehen würde, was auch geschah. Das hätte mir eine Lehre sein sollen.

 

War es aber nicht. Am nächsten Tag verhockte ich bei der Mimi-Abholung von einem Kindergeburtstag bei Leuten, die von steirischen Winzern abstammen. Am Samstag war phil-Geburtstag und der 30er von der H. im Espresso, Sonntag wieder Kindergeburtstag bei Leuten, die nicht von steirischen Winzern abstammen, aber trotzdem gut trinken können. Heute abend bin ich mit Sedlacek verabredet und hoffe inniglich, dass er absagt. Weil so geht das definitiv nicht weiter, definitiv nicht.

22.09.09

Vermutlich hat ihn seine Mutter zu lange gestillt

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Jetzt schickt mir Sedlacek jede Woche ein SMS des Wortlauts: du bist super. Immer: du bist super, alle paar Tage. Seit ungefähr acht Wochen geht das so. Ich habe noch kein einziges Mal darauf geantwortet, was einen normalen, sensiblen Menschen vermutlich an der Effizienz der gewählten Strategie zweifeln ließe. Allerdings handelt es sich beim Absender um Sedlacek, deshalb rechne ich noch mit weiteren acht, zehn, zweiundzwanzig gleichlautenden Nachrichten. Die ich ebenso ignorieren werde.

Das Nachtragendsein gelingt mir bei Sedlacek, das fällt mir auf, jetzt immer besser und besser als bei anderen: Was aber möglicherweise im Kontext damit steht, dass ich mir Sedlaceks damaliges Arschloch-SMS noch immer jederzeit vergegenwärtigen kann, und es regt mich noch immer mörder auf, und der Trottel hat sich noch immer nicht dafür entschuldigt. Das wiederum dürfte unmittelbar damit zusammenhängen, dass Sedlacek zwar niemals vergisst, wie ihn einer, zum Beispiel der Hofer Pepi in der zweiten Klasse Volksschule, nicht von seinem Käsbrot hat abbeißen lassen, oder dass ich ihn zu seinem 36. Geburtstag nicht beschenkt, ja nicht einmal angerufen habe, weil ich in boshafter Ignoranz gerade in den Wehen lag oder derlei. Anderseits vergisst er schon circa übermorgen auch die ungeheuerlichsten Untergriffe, die miesesten Frechheiten, die ihm anderen gegenüber ausgekommen sind, ja er erinnert sich nicht einmal an die wirklich gezielten, mit äußerstem Vorsatz auf das zumeist amikal gesonnene Gegenüber abgeschossenen Treffer. Wahrscheinlich, weil es funktioniert; die meisten Menschen halten Sedlacek für nicht hundertprozentig zurechnungs- und somit auch nicht für satisfaktionsfähig, und sehen ihm seinen periodischen Arschlochismus mit der Generosität der Gescheiteren nach. Habe ich auch gemacht. Mache ich nicht mehr. Fertig, da brauchts jetzt einmal ein bisschen mehr, der soll jetzt einmal etwas lernen.

Nach ein paar mit der charakteristischen Sedlacekschen Zärtlichkeit formulierten wasistjetzts, warumspinnstdennduschonwieders und zicknichtimmersoherums seinerseits ließ ich ihn meinerseits kurz wissen, dass seine penibel ausformulierte Kränkung durchschlagenden Erfolg gehabt habe und er nun bitte mit den Folgen leben soll. Und genau wie ichs erwartet habe, kroch Sedlacek keineswegs zu Kreuze, sondern schickte eine patzige, völlig verständnislose SMS zurück, dass er keine Ahnung habe, wovon ich da rede. Das soll der jetzt einmal ohne meine Hilfe herausfinden. du bist super. Meine Güte.

Die Frage ist, wer an so einem Sedlacek Schuld trägt. Ich sags ungern, aber ich verdächtige seine Mutter. Die hat ihn vermutlich zu lange gestillt oder ihn fürs Deppertsein tüchtig belohnt, in der Hoffnung, das würde aus ihm einen sensiblen, dankbaren Menschen machen. Das hat nicht funktioniert, aber gar nicht.
9.09.09

Beim Langen trauen sie sich das nicht

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Die Frage „Freust du dich schon auf die Schule?“ wurde vergangene Woche mit vielen inbrünstigen JAs beantwortet. Vor allem von Müttern. Und Vätern. Ich selbst zählte am Sonntag, als ich dazu wieder in der Lage war, die Stunden bis Montag um neun, wenn sich zur Abwechslung wieder einmal andere Menschen als ich um meine Kinder kümmern würden. Am Sonntag nachmittag war ich, dank neun Wochen Ferien und Pias Hochzeitsfest nachts zuvor, so fertig, dass ich die Kinder mit einer Schachtel Schwedenbomben vor den Fernseher setzte, normal ein absolutes no-no.

 

Aber der Lange und ich hatten bei Pias Hochzeit aufgelegt, normal auch ein absolutes no-no. Vor allem Hochzeiten von Freunden. Die sollen ja einen glücklichen Abend haben, was den DJ relativ oft über den Rand der Erniedrigung führt, weil volle Tanzfläche, gelungener Abend. Aber auch verschiedene Geschmäcker. Plus gibt es auf jeder Hochzeit dieses Paar, das fantastisch tanzt, Walzer, Tango, Two-Step, Dingsbums, was weiß ich, die schweben über die Tanzfläche und strahlen sich an, und die wollen das dann den ganzen Abend so beibehalten. Und wenn du einmal etwas spielst, bei dem es  nicht mit wehenden Kleidern übers Parkett fliegen kann, wirft das Paar verletzte Blicke gegen das DJ-Pult und wünscht sich deutlich sichtbar einen ganz anderen Sound. Und wenn man normal, sagen wir im rhiz, auflegt, ist der Hinweis, dass in diesem Moment in in dieser Stadt in sicher tausend Lokalen genau jetzt genau solche Drecksmusik läuft, schnell bei der Hand, was du bei einer Hochzeit natürlich nicht bringen kannst. Du spielst, was gewünscht wird. Du willst, dass das Brautpaar glücklich ist.

 

Was zuerst einmal schief ging, denn Pia hatte sich als ersten Tanz einen Walzer gewünscht, und ausdrücklich gesagt, es sei einerlei, welche Sorte Walzer, es müsse nichts Traditionelles sein, sie wolle nur einmal mit dem neuen Herrn Pia walzen. Also hatte ich lange gewühlt und spielte dann „When a Man Loves A Women“, in der fantastischen Version von der wunderbaren, toten Karen Dalton, und sie tanzten sehr schön und am Ende des Stücks kam eine Frau und fragte, und was jetzt mit dem Walzer sei. Hallo? Einszweidreieinszweidrei? Walzer?

 

Aber das mit der vollen Tanzfläche wurde dann schon, ich sage nur Barry White, und bei „You're the First, my last, my everything“ zeigte dann die alte Posse, dass wir auch tanzen können, halt anders, und das schöne Paar floh mit allen Anzeichen von Panik. Und später wurde ich nur ein bisschen von einem weißhaarigen Herrn wegen schlechten DJings übel beschimpft (ich, nicht der Lange; bei großen Männern trauen sie sich das nicht), der war vor fünfzig Jahren auch einmal DJ und ist wahrscheinlich ein super Kollege, wenn er nüchtern ist. Es war ein sehr schönes Fest, lustige Leute, guter Wein und Pias Kleid war meine Herren, aber Hochzeiten mache ich trotzdem nicht mehr.

22.07.09

Ich bin eigentlich mehr der Ufer-Typ

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Um sieben Uhr früh sitze ich mit einer Tasse Kaffee auf einer steinernen Treppe und schaue hinaus aufs Meer. Die Kinder schlafen noch. Das Meer ist unvorstellbar blau. Es ist still, nur die Zikaden brüllen in den Föhren und weit draußen tuckert ein Fischer vorbei. Von rechts nähert sich ein schlankes Ruderboot mit einer langen, dürren Gestalt darin. „Guten Morgen“, sage ich. „Guten Morgen“, sagt der Xaver. „Wo ruderst du hin“, sage ich. „Steig ein und finde es heraus“, sagt der Xaver.

Sie kennen den Xaver von daher, dass ich einmal mit einer goldenen Heugabel seine Wiese geheut und dabei mit ihm über Dylan und dergleichen geredet habe. Während ich jetzt mit meiner Kaffeetasse vor dem Xaver in seinem Faltboot sitze und mich der Sonne entgegenrudern lasse, erzählt der Xaver meinem Rücken, wo er und der Gery mit dem Boot schon überall waren. Einmal waren sie auf Teneriffa und haben in der Morgendämmerung nach Gomera hinübergeschaut. Der Xaver sagt, er hat gesagt, dass das höchstens 25 Kilometer sind, das packen sie in nicht einmal zwei Stunden. Der Gery, sagt der Xaver, hat genickt, wie es so die Art vom Gery ist, du kennst ihn ja. Ja. Also sind sie, sagt der Xaver, in das Boot gestiegen, mit einer Orange und einer Flasche Wasser. Wie es wieder dunkel geworden ist, hatten sie Gomera immer noch nicht erreicht und erst wie es schon ganz dunkel war, gelangten sie irgendwie an Land. Normal wären der Gery und ich jetzt tot, sagt der Xaver, und dass er das Faltboot danach drei Jahre nicht mehr zusammengebaut hat. Wann war das?, sage ich? Wart, sagt der Xaver, ich glaube, 1996. Aha, sage ich. Was ist das für eine Insel dort drüben, die mit dem Leuchtturm?, fragt der Xaver und deutet mit dem Paddel auf eine dunstige Erhebung am Horizont. Unbewohnt, soviel ich weiß, sage ich, soll einen schönen Sandstrand haben. Schauen wir sie uns an, sagt der Xaver, in einer halben, höchstens einer dreiviertel Stunde sind wir drüben. Ich denke, ich sollte einmal nachsehen, ob die Kinder schon wach sind und Hunger haben, sage ich. Na gut, sagt der Xaver, dann vielleicht morgen. Ja, morgen vielleicht, sage ich.

Ich bin aber nicht mehr in das Boot eingestiegen. Der Xaver hat irgendwann ein winziges Segel daran befestigt und ist um das Kap gesegelt, aber ohne mich. Ich habs nicht so mit Booten. Oder mit Abenteuern. Das Schlauchboot der Kinder, ja, passt, bissl über die Kindergeschreigrenze rudern, bissl in den Himmel schauen, perfekt, aber sonst ist Ufer als solches für mich absolut ausreichend. Am besten um sieben Uhr früh, wenn es ganz still ist.

Jetzt: The weißbrotfaced Woman ist wieder da. Zwei Wochen makelloser Strandurlaub, nothing to write home about. Das dachten sich auch die Kinder, die der Oma in der Autobahnraststätte Gralla mit erheblichem Widerwillen noch schnell eine Karte schrieben. „Liebe Oma, ich war in Krowazien. Mimi 1.“ „Ich auch. Mimi 2“. Brav, Kinder, und JAAA!, die Belohnung kriegt ihr dann.
15.07.09

Warum ich nicht mehr bei Facebook bin

| Comments (1) | 07/09 | Freunde

Weil ich einmal in der Nacht richtig lange wachlag. Ich lag wach und verschob Sorgen. Draußen gings schon los mit dem Getrillere. Die Sorgen wurden nicht weniger durchs Herumgeschiebe. Es fängt übrigens immer der unmusikalischste Vogel mit dem Gelärm an, furchtbares, völlig dissonantes Gequietsche, erinnert ein bissl an den frühen Kurzmann in den Neunzehnneunzigerjahren. Alle anderen spielten schöne Harmonien oder ließen die Walls of Sound tuschen, und Kurzmann ließ die Tröte in Ihrer unmittelbaren Dringlichkeit sprechen. Mit Kurzmann war ich dann Facebookmäßig auch wieder befreundet, ich konnte sehen, wo und mit wem er sich gerade in der Welt herumtreibt, immer noch gern im Beisein eines Saxophons. Als ich ihn letztes Mal, irgendwann im Winter, einmal spielen hörte, klang es aber richtig schön; möglicherweise hat mein musikalisches Harmoniebedürfnis eine Entwicklung oder Umorientierung erfahren und den ersten Vogel Kurzmann jetzt unter „Wohlklang“ abgespeichert. Ich weiß nicht. Den konkreten ersten Vogel in den Bäumen jedenfalls nicht. Grundgütiger; was für ein Versager. Was so pfeift, sollte lieber kein Vogel werden. Ich meine, finden das die anderen Vögel akzeptabel? Als Wecker wohl schon, denn kaum hat der erste Vogel seine ersten, furchtbaren Töne in die Welt getrötet, setzen sofort die talentierteren ein; vermutlich, um ihn zu übertönen

Das war einerseits natürlich nett, einen wie den Kurzmann wieder präsent zu haben. Sehen, was der so macht. Nicht dass es wichtig wäre. Und nicht dass es wichtig wäre, irgendwelchen anderen bei irgendwas zuzusehen. Man macht es aber. Ich hatte 789 Freunde. Ich kannte ihre Kinder und ihre Katzen. Ich war bei ihrer Arbeit dabei, bei ihren Partys, bei ihren Hochzeiten, bei den Hochzeiten ihrer Freunde, bei den Scheidungen ihrer Eltern, und, Himmel, bei ihren Geburten. Ich fühlte mich wie ein Spanner, wenngleich ein eingeladener. Trotzdem: Geht’s mich was an? Und bringts mir was? Nix. Plus: Man kommt dann ja zu nichts mehr. Bespitzeln Sie einmal 789 Leute, daneben gehen sich zwei Kinder, zwei Haushalte und zwei Erwerbsarbeiten knapp nicht mehr aus. Das setzt einen insgesamt so unter Stress, dass man den ersten Vogel, den Trottel, dann immer öfter hört. Vor allem, wenn einem klar wird, dass die alle zurückspannen. 789 Menschen in meinem Nacken, die mir zuschauen, wie ich mit meinen echten Freunden parliere, und 699 von denen kenne ich nicht einmal. Ich meine, ich exponiere mich schon so genug; und wen das interessiert, der soll den Falter kaufen. Ich mach mich ja nicht gratis zum Idioten. Und ich bin in Wirklichkeit schüchtern, fragen Sie meine echten Freunde.

Bin ich raus aus dem Bett und habe im Morgengrauen meinen Account gelöscht. Es fühlte sich befreiend an, und zwei Monate später tut es das immer noch. Den ersten Vogel hab ich jetzt schon ewig nicht gehört.
22.04.09

Künftig will ich grantig sein

| Comments (1) | 04/09 | Freunde

Weil unser verblendetes Kindsvolk unbedingt beim Wien-Marathon mitlaufen will (Kinderlauf, Medaille), dürfen wir nicht ins Waldviertel fahren. Nicht in der Scholle wühlen. Nicht am Lagerfeuer Wein trinken. Nicht den gruseligen Rohbau der Nachbarn hinter fette Platanen oder ins nächste Dorf imaginieren. Das von studierten Metereologen versprochene schlechte Wetter, das diesen Umstand leichter verschmerzen ließe, bleibt aus: Die Sonne lacht am Freitag, die Sonne lacht am Samstag, also treffen wir uns, wenn wir schon in der Stadt sein müssen, wenigstens mit den Finks zum Mittagessen im Kent. Der Fink kommt zuerst und informiert uns gleich darüber, dass er jetzt ein neues Daseinskonzept hat, er will künftig grantig sein. Das ewige Lustigsein habe sich abgenutzt, fertig jetzt. Das macht mir keine großen Sorgen, weil im genetischen Bauplan vom Fink zwar vielerlei lustige Abweichungen von der humanoiden Standardverfasstheit vorgesehen sind, aber Grant gehört nicht dazu. Grant müsste der Fink sich in eigenen Grantkursen mühsam aneignen, dafür ist er zu alt und zu träge.

Dann kommt das Kind vom Fink mit der Frau Fink, die ist auch grantig, aber echt, und zwar aus zahlreichen überaus nachvollziehbaren Gründen, von denen, sage ich einmal, die meisten im Kontext ihres Zusammenlebens mit dem Fink stehen. Aber die Finks kennen wir schon so lange, dass das wurscht ist, wenn sie beim Mittagessen einmal grantig sind, und schließlich erleben die uns auch nicht immer sonnig; also mich schon, aber den Langen nicht. Der Lange hat das Grummelige nämlich im Unterschied zum Fink außerordentlich in der Genetik, wenn man nicht überhaupt vom Grummeligen als des Langen charakterlichem Fundament sprechen will. Und schlimm ist es ja nur, wenn die immer sonnigen Paare bei so einem Essen plötzlich übereinander herfallen, so dass man den Wunsch, das Mittagessen ganz am WC zu verbringen, irgendwann gar nicht mehr unterdrücken kann. Bei den Finks und uns ist das nicht so. Wir sind einander gewohnt.

Alle essen das übliche, Omletts, Hühnerspieße, Köfte mit Pommes, nur ich bin mutig genug, den neu angebotenen Mozarella-Salat zu testen. Davon kann ich jetzt abraten. Dann müssen die Finkin und das Finkkind zu einem Kindergeburtstag, also überantwortet die Fink dem Fink den Wochenendeinkauf. An dieser Stelle versucht es der Fink kurz mit seiner neuen Daseinsidee, findet aber in seiner Frau einen in dieser Hinsicht gut trainierten und unbezwingbaren Gegner. Die Finkin sagt: Zwiebeln, Essiggurkerl, Erdbeeren und Lammkoteletts. Der Fink entsinnt sich einer seiner Abweichungen und ruft: Wo um ALLES in der Welt soll ich jetzt noch LAMMKOTELETTS herbekommen? Wir befinden uns, zur Erinnerung, mitten am türkisch dominierten Brunnenmarkt. Das ist unser Fink, so haben wir ihn lieb; auch wenn die Finkin die Augen rollt, und mit was, mit Recht. 
15.04.09

Der Gabelbub hat wohl getrödelt

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Weil Sie gefragt haben: Das Schremser gibt’s beim Verde, in der Josefstädterstraße 27. Auch sonst gab es bezüglich der letzten Kolumne zig Fragen. Ausdrücklich beantwortet sei jene der Wahlpariserin Sigrid N., die entgeistert wissen will, ob das ernst gemeint sei, dass man von diesem Speck nur das Weiße esse, also das pure Fett? Ist es, werte Frau N., es heißt ja auch Lardo, was wir sehr leicht über das englische „lard“ also „Fett, Schmalz“ herleiten können und uns zu einer gleichnamigen Band führt, deren schönes Lied „Forkboy“ ich kürzlich nach Mitternacht im rhiz mit viel Zuspruch zur Aufführung brachte. Der Gabelbub passt mir auch thematisch gut ins Konzept, denn ich will diesmal eigentlich nur übers Essen reden. Fastenzeit: vorbei. Mein Horoskop sagt, es sei heute sowieso nicht mein Tag, ich solle mich bei Verhandlungen entschuldigen und das machen, was mir Freude bereite, und es macherte mir eine Freude, wenn ich, unter Beifügung von einem wengerl mildem Alkohol, ohne Unterlass essen könnte. Speckbrote. Lardobrote. Oder, wie die Waldviertler Marktfrau auf die Frage, wie man denn den weißen Speck da nenne, meinte: weißen Speck. Oder Speckspeck. Der Oberösterreicher nennt ihn Kübelspeck, hat es aber nicht so mit der Kräuter-Raffinesse bei seiner Herstellung, weil er serviert ihn eh mit dick darüber gestreutem Schnittlauch. Brauch ich nicht so.

Leider ist der Speckspeck aus. Die Speckjause hat hier in der Waldviertler Wochenend-WG eine so schöne Nachmittagstradition, dass man gar nicht so viel Speck im Eiskasten aufhäufen kann, wie sofort weggegessen wird. Das Gute ist, dass es davor ein Mittagessen gab und danach ein Abendessen geben wird, bei Kerzen- oder Gebrauchtwarenhändlerlichterkettenschein, je nachdem, ob wir bei den Horwaths essen oder bei uns. Letztes Mal, wie wir bei uns gegessen haben, ging mir beinahe das Besteck aus (weil das ersteigerte, typisch, nicht rechtzeitig geliefert worden war, der Gabelbub hatte wohl getrödelt) und vorübergehend standen sieben Erwachsene in unserer Küche und betrachteten versonnen ein großes, auf den Punkt gebratenes Stück Beiried. Wir vertrieben sie aber schnell, weil das große Stück Beiried wurde, nachdem es mit einer dicken Bärlauchschicht bedeckt und für kurze Zeit erneut in den Holzofen geschoben worden war, im Verbund mit einem Erdäpfelpüree und in Olivenöl gebratenem Wurzelgemüse am Tische in der lauschigen Laube tranchiert. Die Kinder verzichteten überraschenderweise auf das Gemüse und kriegten automatisch Würstel; wir wollten nicht, dass irgendwer das exorbitante Grün-Fleisch mit wäh und bäh beleidigte.

Was ich noch erzählen wollte: Unlängst habe ich, ich glaube, in der FAS, ein Tracey-Emin-Interview gelesen. Die Journalistin fragte Emin, ob sie sich denn mit dieser permanenten persönlichen Preisgabe in ihrer Kunst nicht „irrsinnig verletzlich“ mache. Tracey Emin antwortete: „Inwiefern?“
Ja. Haha.
11.03.09

Zu Lasten der Herkunftsfamilie

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Jetzt hat eins der Mimis zwei Mal bei bei meiner Freundin Anna übernachtet und ist darob zu der Erkenntnis gelangt, dass Elternschaft ein soziales Konstrukt ist. Anna, deren Sohn schon aus dem Haus ist, steht den Bedürfnissen kleiner Mädchen extrem aufgeschlossen gegenüber: man darf bei Anna schon zum Frühstück fernsehen, spät Nachts mit dem Handy für den favorisierten Dancing Star voten, Schokolade essen bis man in ein glykolisches Koma verfällt und wird in Milch und Honig gebadet. Die Anna sagt nie Sachen wie; jetzt nicht, geht’s noch?, räum dein Zimmer auf, zieh dich endlich an, dann gibt’s aber keinen Nachtisch, komm Flöte üben und beeil dich. Es ist dem Mimi klar, dass sein Wunsch, ganz zu Anna zu übersiedeln, vermutlich abschlägig beschieden würde, deswegen hat es jetzt realistischer verankerte Sorgerechtsverhandlungen aufgenommen: Wenn es ein- oder zweimal pro der Woche bei Anna übernachten würde, würde das das Verhältnis zwischen ihr und der ihrer Herkunftsfamilie doch sehr entlasten, das wäre doch für alle das Beste, da hätte doch jeder was davon. Geht’s noch? Und jetzt räum endlich dein Zimmer auf.

Immerhin glaube ich jetzt zu wissen, was des Mimis Frühpubertät ausgelöst hat: Dass wir es an das Schulsystem verraten und ausgeliefert haben. Dass wir den bösen Drachen Schule nicht mit güldenden Schwertern und unter Einsatz unseres nackten Lebens von unserem Kinde abgewehrt, sondern ihm dieses zum Fraße hingeworfen haben. Ich fürchte, das hat das Mimische Grundvertrauen in unsere Komplizenschaft stark erschüttert. Zur Strafe lässt es seine Hausaufgabenhefte in der Schule liegen, weil nicht gemachte Hausaufgaben natürlich nicht dem Kind angelastet werden, sondern den innerlich verwahrlosten Eltern. Das andere Mimi will auch nicht in die Schule, verarbeitet diese Tatsache aber mit weniger rebellischem Potential. Dabei ist es ja nicht so, dass es ihnen in der Schule nicht gefällt. Sie tun sich auch nicht schwer. Sie wollen nur nicht hin.

Der Fink wiederum fühlt sich von seiner Dreijährigen verraten. Es gäbe im Kindergarten seiner Tochter so viele nette Kinder aufregender und geiler Mütter, sagt der Fink, und wen hat sich das Kind zum Freund erwählt: den Justin. DER JUSTIN!, heult der Fink, AUSGERECHNET DER JUSTIN!

In dieser Hinsicht haben wir mit unseren Kindern mehr Glück. Wann immer eins der Mimis von einem der neuen Schulfreunde zum Geburtstag geladen wird, holen wir es hernach in Wohnungen ab, in denen man nicht von frostiger Pathologie-Athmosphäre oder exakten Kopien von Schöner-Wohnen-Trend-Dekos in die Flucht geschlagen wird. Nein, wo immer es uns hinverschlägt, verweilen wir auf ansprechend zerkratzten Fußböden, zwischen sich stapelnden Büchern und dekorativ herumlehnenden Stromgitarren gern auf alten Stühlen. Keine Justins, nirgends, nur unzickige Eltern, die einem ohne lang zu fragen, den Teller oder das Glas noch einmal bis zum Rand füllen. Wenn alles an dieser ganzen Schulsache so einfach wäre: halleluja.
27.01.09

Schön, dass es dir auch nicht besser geht

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Ich glaube immer noch, dass man das Richtige tun muss. (Der Lange glaubt das auch, er glaubt aber nicht, dass es sich beim Richtigen um Ballett handelt. Max und Moritz. Er muss da jetzt mit den Mimis hin. Die Horwathische hat Karten besorgt, und ich bekam durch einen meinerseitigen Überhang an Kinderglücksaktivitäten den Kopf gerade noch aus der Schlinge. Der Lange ist wegen dem Ballett so stinkig, dass ich mich, nachdem ich die Mimis mit Dead-Kennedys- und Slayer-T-Shirts fein gemacht habe, mit dem Notebook am Klo verstecke. Ich höre ihn aber poltern.) Nur wird das Richtigtun desto schwieriger, je älter man wird. Je älter man wird, desto leichter macht man sich bei der Verfolgung und Fokussierung des Richtigen lächerlich: Erstens sieht man nicht mehr so gut, zweitens sieht man nicht mehr so gut aus, weil drittens ist das Richtige halt oft mit leidenschaftlichem Überschwang und gerechtem Zorn und geistesgestörter Risikobereitschaft verbunden, was einen bis 30 oder 35 lässig kleidet und danach leicht in einen närrischen Eiferer verwandelt, Sektierertranspiration inkl.. Wenn man dann auch noch die falschen Schuhe anhat... Und jetzt soll mich bitte keiner fragen, worauf ich genau hinaus will, kruzi: so definitiv weiß es auch nicht. Wie jedes Jahr um diese Zeit lässt mich winterdepressive Verstimmung in ein tralalaphilosophisches Loch stolpern, das mich mit Erkenntnissen versorgt, mit denen man gerade einmal eine Facebook-Existenz aus subtil-gestörten Statusmeldungen zusammenbasteln kann. Man trifft dort aber glücklicherweise auf Figuren, denens auch nicht besser geht: Honzo ist jetzt zum Beispiel auch da und läßt mich an seinem „scheuernden Gefühl von Langeweile“ teilhaben. Danke, Honzo.

Übrigens, guter F., dein Facebook-Suicid war ein Fehler; den Grund, die Kuscheligkeit dort sei unecht, lasse ich nicht gelten. Es ist kuschelig, genau so distanziert-kuschelig, wie man es außerhalb des familiären Sicherheitstrakts gerade eben ertragen kann. Nur dass das Kuschelige eben nicht aus Nähe entsteht, sondern aus Komplizenschaft, weil man im Facebook jeden Augenblick versichert wird, dass man in seiner kindischen, geltungssüchtigen, ambivalenten Versagerexistenz tatsächlich nicht allein ist (man braucht dazu nur die richtigen Freunde). Und dass die individuelle Orientierungslosigkeit Teil eines riesigen, vielgliedrigen sozialen Konstrukts ist. Eines endlich beweisbaren Konstrukts. Sag mir einen Ort auf der Welt, F., wo du diese Erkenntnis so billig kriegst. Ok, die katholische Kirche, aber sonst.

Schau, der coole junge Magazin-Moverundshaker weiß jetzt auch schon einen perfekten Fenchel zu schätzen und fällt in die alten Gun-Club-Platten. Schau, die Partyschwester widmet ihre Freizeit mittlerweile auch dem korrekten Spicken von Lammrücken. Schau, der Lange muss ins Ballett. Schau, wir sind alle auf der Suche nach dem Richtigen. Wir machen uns komplett lächerlich, und wir sind dabei jetzt weniger allein.
21.01.09

Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war

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Ich will jetzt nicht näher darauf eingegehen, dass noch Zeichen und Wunder geschehen, aber. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, ba ba, Cedric, grüß Gott, alte Frau. Und ich beantworte gerne die Frage, ob in meinem Leben nichts Aufregenderes passiere als bildlicher Ärger: Weil, richtig, tut es nicht. Und das ist überaus erwünscht, nach diesem Partyherbst, der mich ziemlich zerzaust ins neue Jahr schickte. Nun sitze ich abends endlich wieder an gedämpftem Schreibtischlampenlicht; lese Thomas Bernhard, trinke mäßig, rauche nicht und genehmige mir als äußerste Tollerei eine pfiffige Statusmeldung im Facebook. (Na gut, letzte Woche habe ich einmal im Flex-Café aufgelegt, und es war so, dass die Musikwünsche Michael Jackson - „Thriller“!!! - Usher und 50 Cent an mich herangetragen wurden. Oida. Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war.) Im Facebook habe ich 323 Freunde und ich könnte 324 haben, wenn der Kollege F. seine Facebook-Personality nicht suicidiert und 325, wenn die geschätzte junge Autorin auf Anfrage nicht gefunden hätte, sie wolle ihre Freunde lieber auf der Straße wiedererkennen und das träfe auf mich nun mal nicht zu. Ich mailte zurück, dass ich der Meinung zuneige, man solle wahre Freundschaft und Facebook-Freundschaft nicht miteinander verwechseln: aber man dürfe natürlich, und darauf antwortete sie nicht mehr. Eh klar kenne ich drei Viertel meiner fb-Freunde nicht persönlich, das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, Facebook ist ja kein Poesialbum und kein Weiberabend, sondern ein virtuelles Stammkaffeehaus, wo man auch nicht jeden persönlich kennt und kennen will und von den meisten auf keinen Fall mehr wissen möchte als die Konversationsfetzen, die es zufällig vom Nebentisch herüberweht. Die können sehr öd oder sehr inspirirend sein. Oder sehr nervig, wie beispielsweise die Anmache von Dick Johnson, dem ich hiermit versichere, dass ich ihn aus meinem Freundeskreis entferne, wenn er mir jetzt noch ein einziges Herz schickt und oder noch einmal sehen will, „how similar you are on the "Excuses to have Sex" quiz. Take this quiz to see your match score with Dick“. Ich matsche nicht mit Dick, das weiß ich unheimlich genau und werde es ihm mit der Löschtaste beweisen, was im Kaffeehaus übrigens leider nicht funktioniert. Und es ist dort auch nicht möglich, täglich meine echten erkenn-ich-auf-der-Straße-Freunde aus der Schweiz und Paris und Übersee anzutreffen, im Facebook aber schon. Wie Haemmerli, der gerade in Saigon lebt, guten Morgen, guten Tag, auch schon wach, was liegt an heute. Haemmerli, der sich vor drei Wochen oder so eingeloggt hat, hatte in zwei Stunden 180 Freunde und hat mittlerweile ungefähr 520, was Haemmerlis informationssüchtiger, diskursgieriger Persönlichkeit entspricht, während es meinem phlegmatischen Charakter entspricht, lieber nur den anderen beim Diskursen zuzusehen. Doris Knecht ist der Gruppe „Faule Voyeure“ beigetreten. Neuer Status, genau.
16.12.08

Wir haben noch genug andere Zimmer

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Wenn die Kinder noch einmal „Feliz Navidad“ auf ihren Pu-der-Bär-Casios spielen, entleibe ich mich. Ich weiß nicht, woher sie diese Besessenheit haben; aber sie muss jeweils über ein saisonal oder kulturindustriell vorgegebenes Ereignis gestülpt werden; aktuell: Weihnachten. Unsere Wohnung wird von einem Adventkranz geziert, unzähligen Kerzen und Sternen plus einem bereits fixfertig geschmückten Christbaum, den, auf Wunsch des Bubenmimis, die ganze Familie an Tag eins des Wiener Christbaumverkaufs gemeinsam aussuchen und singend nach Hause tragen musste. Das Kind hat, abseits ihres Fußballwahns, eine stark idyllische Ader.

Ossi, mein Alter Zürcher WG-Kumpel, hat das noch vor sich: nicht nur ehemalige Arbeitskollegen (neun), auch ehemaligen Mitbewohner (jetzt: zwei) zeigen eine auffällige Tendenz, ebenfalls Zwillinge zu bekommen; Ossis Zwillingsmädchen kommen im April zur Welt. Es spricht aus seinen Mails die übliche, präparentale, geistesgestört verklärte Ahnungslosigkeit: Er hat keinen Tau, was auf ihn zukommt, weiß aber mit Sicherheit, dass es überhaupt kein Problem wird. Ich erkläre ihm vorsichtig, dass er sich die ersten drei Jahre sogar die Zeit, die er zum Atmen braucht, gut einteilen wird müssen und er sich weitere drei Jahre später wegen anhaltender Weihnachtsliedfolter harakirien wird wollen, aber das hört er gar nicht. Hat er auch Recht, bringt ja nichts. Immerhin ist er realistisch genug, mir seinen Maserati zum Kauf anzubieten; weil dafür hat er vorläufig tatsächlich keine Verwendung. Obwohl ich ihm vielleicht erzählen sollte, dass einer der neun Arbeitskollegen einen Ferrari mit zwei Kindersitzen fährt.

Und ja, wir könnten ein neues Auto brauchen: Unseres hat ein Problem beim Starten. Einen Wackler in der Zünd-Elektronik, was weiß ich. Für das Auto ist der Lange zuständig, und er könnte es in eine Werkstatt bringen und das Problem beheben lassen, aber aus irgendeinem, vermutlich finanziellen Grund, widerstrebt ihm das. Wir machen es jetzt einfach so, dass wir das Auto nur noch auf abschüssigen Straßen abstellen, oder wenn verlässlich Leute in der Nähe sind, die beim Anschieben helfen können. Der Lange kennt mittlerweile alle Tankstellen zwischen Wien und Waldviertel mit einer Neigung von plus zehn Prozent, und er findet, damit ist die Sache erledigt. (Wenn es bei uns in einem Zimmer schlecht röche, würde der Lange ein Dutzend mal anmerken, dass es in dem Zimmer schlecht riecht und schließlich zum Baumarkt fahren, Abdichtklebeband oder Silikon kaufen und das Zimmer von außen luftdicht verschließen. Wir haben ja noch genug andere Zimmer).

Apropos Kulturtechniken und Besessenheit befinden wir uns gerade in einem Experiment, wie oft sich Sechsjährige „Kungfu Panda“ anschauen können, bevor ihnen das zu fad wird. Bislang können wir sagen: Nicht vor dem 8. Mal. Versuch 9 verschafft uns soeben eine lebenserhaltnde Pause von „Feliz Navidad“. Merci, Po. Und merci bien, Christkind, ich habe gehört, du bringst ein neues Kolumnenbild.
10.12.08

Das kann in einem Mann lange arbeiten

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Ich war eh brav. Einmal den Weihnachtsmarkt überlebt, zweimal mit den Kindern Kekse gebacken, drei Mal Adventlieder am Kranz gesungen. Kaum ausgewesen; Einladungen tapfer ausgeschlagen. Doch, ich war bei Peter Fox und klemmte in der Arena zwischen einer Million transpirierender Zwanzigjähriger, die alle überaus textsicher „Haus am See“ mitsangen. Daran erkennt man, dass es wurscht ist, ob der Künstler englisch oder deutsch singt, das Jungvolk versteht Songtexte nicht einmal, wenn sie in der Muttersprache vorgebracht werden.
 
Ich meine, wenn ich „Haus am See“ mitsinge: gut, das könnte man, auch wenn man es mir nicht ansieht, auf eine altersbedingte Lebenskrise schieben oder die Einsicht, dass es nun eben soweit ist, dass man sich Gedanken über Altersvorsorge macht, egal wie oft man sich in Twentysomethingskonzerte schwindelt und so tut, als gehöre man noch da dazu. Aber mit zwanzig sollte man doch eigentlich noch ein bisschen zu jung sein für utopische Fantasien über ideale Vergreisungsstrategien; diesfalls finanziell gut abgesicherte, denn bei dem von Herrn Fox bedichteten Altersheim handelt es sich eine Immobilie am Wasser. Außerdem hat Fox in seiner Fantasie eine schöne Frau und zwanzig Kinder, damit kann ich jetzt nicht soviel anfangen, wie mit dem, dass alle Freunde vorbeikommen und Schnaps trinken, während die Mamas kochen.

Wobei: Welche Mamas jetzt eigentlich? Egal. Im Prinzip kann man es aufs Waldviertel umlegen, vor allem, was den Schnaps betrifft, weil irgendwann muss man sich für die Millionen Tonnen Äpfel eh etwas Gescheites überlegen, wenngleich jetzt nicht die Jahreszeit dazu ist. Und obwohl im Waldviertel die Papas kochen, tatsächlich gibt es eine entschiedene Kochkonkurrenz zwischen den Papas, die alle einen großen göttlichen Kochauftrag in sich fühlen und sich mit ausgefeilten Gerichten, verlässlich auf zünftiger Fleisch-und-Soße-Basis, kerneske Kochturniere liefern. Die Mamas und ihre Speckrollen profitieren davon unheimlich, deshalb ist es gut, dass wir den Winter in der Stadt verbringen. Im Sommer und im Herbst, und hoffentlich auch an dem des Lebens, geht es praktisch permanent um die Frage, wer nächstes Wochenende kocht. Ich! Nein: ich! Nein, der Maurizio! Der kommt am Sonntag und bringt zwei Lammhaxen! Ich glaube zum Beispiel, dass wir nicht bei den Mosers zum Nikolaus eingeladen sind, weil wir dem Moser seine wirklich schöne Idee, auf unserem Herd sein kollossales Ossobucco zuzubereiten, versenken mussten, weil dort schon ein Hirsch im Saft simmerte. Eine derartige Zurückweisung kann in einem Mann lange arbeiten. (Ungefähr so lange wie ein misslungenes Kolumnenbild in einer Frau, die das bitte gerne geändert hätte). Zum Glück sind wir schon längst bei den Ritters eingeladen, wo wir den Leberkäse und den Erdäpfelsalat selber mitbringen, weil die reißen sich nicht ums Kochen. Über derlei müsste Peter Fox einmal dichten, mal schauen, wer da mitsingt.
3.12.08

Ich war oft heiser in den Neunzigern

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Ich bin jetzt noch verärgert darüber, dass ich das TV On The Radio-Konzert ausgelassen habe. Selbstverständlich das, wie ich höre, großartigste Konzert des Jahres, unübertrefflich. Stattdessen saß ich mit Sedlacek in einem italienischen Lokal, und Sedlacek war überraschend angenehm; erwachsen, gelassen, zuhörbereit: Leider war ich es nicht, was in erheblichem Maß mit verschiedenen Aktivitäten zu tun hatte, in denen jeweils Rotwein eine Rolle spielte. Ich vertrage keinen Rotwein auf nüchternen Magen, haben das jetzt alle verstanden? Zuerst war ich mit einem der Mimis Adventkranzbinden im Hort (Glühwein), dann war das andere Mimi bei einem Freund abzuholen, wo es etwas zu essen gab (was ich, wegen der Verabredung mit Sedlacek, ausschlug) und Rotwein zu trinken (was nicht). Dann übergab ich die Kinder dem Babysitter und eilte in das Restaurant, wo Sedlacek schon beim Rotwein saß und in die Speisekarte blickte, aber ich hatte doch keinen Hunger und beteiligte mich nur am Wein. Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, ob ich eigentlich den Babysitter bezahlt hatte und Sedlacek antwortete bis heute nicht auf ein Mail, das eine Menge ähs enthielt. Der Mann hat keine Ahnung, wie schnell eine Mutter in eine akute Angetschechertheit rutschen kann. Viel schneller als keine Mutter nämlich, weil keine Mutter würde gerade aus dem Büro kommen, wo sie bis kurz vor dem Essen mit Sedlacek volkswichtige Erwerbsarbeit erledigt hätte. Was einen tatsächlich entschieden weniger durstig macht, als das Binden von Adventkränzen in Gesellschaft anderer Mütter, die dafür nicht geschaffen sind, und danach ein Rudel Sechsjähriger, das sich einen völlig enthemmten Dreifrontenkrieg mit Lebensmitteln, Schuhen und Tampons liefert, bis man sie endlich alle an den Ohren zu fassen kriegt. Seids ihr eigentlich noch. Kruzi.

Egal. Zum Glück habe ich nicht das Bernhard-Fleischmann-Konzert ausgelassen. Ich glaube zwar, dass es in ganz Wien keinen dümmer konzipierten Konzertsaal gibt, als den sonst hübschen Ragnarhof, aber das Konzert war wunderbar, melodiöses Gefrizzel mit hohem Seelenanteil, sehr uncool, sehr berührend, hat viel mit den Gaststimmen von Marilies Jagsch und Sweet William Van Ghost zu tun. Am Ende betrat auch noch Christoph Kurzmann vollkommen unverändert die Bühne und ich fiel schlagartig ins Zeitloch, zurück in die Neunziger, die ich praktisch lückenlos auf Konzerten verbracht habe und mit der Abklärung musikalischer und gesellschaftspolitischer Standpunkte. Ich war oft heiser in den Neunzigern. Ich konnte ausschlafen in den Neunzigern. Es war nett in den Neunzigern. Dafür hatte ich keinen Adventkranz und niemand, der mir tagelang damit auf die Nerven ging, wann jetzt endlich die erste Kerze angezündet wird, und insofern, soviel vorweihnachtliche Kinder-Verbrunztheit erlaube ich mir jetzt einmal, bin ich vollkommen damit einverstanden, dass sie vorbei sind. Tuts nur den Rotwein weg, bitte.
29.11.08

Ein paar Schriftsteller wären praktisch

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Viel über Privatheit nachgedacht, letzte Woche. Es gab da einen Konflikt, einen exemplarsichen Konflikt, aber den hier zu reflektieren, würde den Konflikt ins quasi Unermessliche potenzieren. Und mir ist nicht nach Streit. Ich will jetzt Friede um mich haben, Weihnachtsstimmung, ich möchte angelächelt werden durch Kerzenschein.

Allerdings letzte Woche immer noch nicht viel Privatheit gehabt, was darin gipfelte, dass ich am Samstag auf dem Weg zu einer Lesung, zwischen Wohnzimmer und brut-Theater, mein Leseexemplar mit den Postits verlor; ich weiß nicht wie, einfach weg. Wahrscheinlich fährt es in einem Taxi durch Wien, als eigenwillige Fußmatte. Es muss kein direkter Zusammenhang dazu bestehen, dass ich tags zuvor The Fall in der Arena sah, und danach ein bisschen etwas von A Life, a Song, a Cigarette im Flex und danach, um eins, bei der 30-Jahre-Droschl-Party nichts mehr zu trinken bekam. Denn die Party war schon aus. Aus, bitte! Entschuldigung, wenn das jemand im Ausland erfährt! Was wirft das für ein Licht auf den gesamten österreichischen Literaturbetrieb! Das ist ja!

Wobei man sagen muss, dass die Buch Wien am Messegelände ein wirklicher, voller Erfolg war: Das hat richtig gebrummt. Nur an den Partys muss man dringend noch arbeiten, so geht das nicht. Ich meine, um eins, wo samma. Und ich meine zum Beispiel das Eröffnungsfest: Das Setting im Museumsquartier war sehr schön, aber am Ablauf muss man unbedingt noch schrauben. Zum Beispiel widerspricht es dem Prinzip von Party an sich, sie mit acht Lesungen hintereinander zu kombinieren: Beides für sich ist prima, beides zusammen funktioniert null. So ein Eröffnungszeremonial, das muss rauschen, gearbeitet wird dann eh die ganze Woche. Und dann sollten, wenn man schon ein großes Literaturfest eröffnet, unbedingt ein paar Schriftstellerinnen und Schriftsteller anwesend sein, und zwar nicht nur die, die man zum Lesen engagiert hat, und ganz besonders auch die, von denen man weiß, dass sie sich garantiert schlecht benehmen. Nächstes Jahr. Nächstes Jahr!

Mark E. Smith, weil wir gerade von The Fall reden, sieht jetzt übrigens aus wie etwas aus einem Peter-Jackson-Film. Es ist im Fall-Fall, im Unterschied zu fast allen Konzerten sonst, besser, man seht nicht direkt bei der Bühne, weil man dann genau sehen kann, wie Mark E. Smith zwischen zwei Songzeilen auf seinem zahnlosen Zahnfleisch herumkaut wie die alte Hexe Tannenmütterchen. („Das alte Haus“ von Wilhelm Matthießen. Von 1923; und immer noch ein saugutes Märchenbuch; können sie sich auf die Weihnachtsliste schreiben. Apropos Weihnachtswunsch: Liebes Christkind, ich wünsche mir ein neues Kolumnenbild, auf dem ich ein Eitzerl wie ich ausschaue.) Allerdings greint Herr E. Smith uns immer noch tadellos was daher, das soll uns zum Vorbild gereichen, aber erst wieder ab Jänner oder so. Nun will ich friedlich sein.
19.11.08

Zuviel Unklarheit in der Zusammensetzung, leider

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Anderntags muss ich um elf im Fürstenhof gestellt sein, die Schellinskis, die alten Haberer, präsentieren ihre neue CD „Herz Schmerz Hotel“. Wie ich den Fürstenhof betrete, sitzt dort Hermes (nicht der Hermes von nebenan, der andere Hermes) hinter einer dunkeldunklen Sonnenbrille; man kann nicht sagen, ob er wach ist oder schläft, er wirkt aber so, als würde er, wenn er nicht schläft, selbiges gerne tun. Ich sage, haha, mir geht’s auch schlecht, weil ich war gestern bis drei im Jenseits, und Hermes sagt, da sei insofern interessant, als er gestern bis fünf im Jenseits aufgelegt hat. Ach, echt. Hab dich gar nicht gesehen, war in der andern Ecke mit der Ruth und dem Herrn Verlagschef und der Frau Lektorin, es war überaus anregend. Der Lange kommt, der Fink und noch ein paar andere und dann geben die Schellinskis zu Gulasch und Bier ein kleines Konzert mit Liedern, die nur der Fink und ich verstehen, aber die anderen finden es auch ganz prächtig. Weil die Schellinksis sind ungefähr so etwas wie der Ernst Molden auf vorarlbergerisch, der mir übrigens nach der letzten Kolumne einen nagelneuen Track gemailt hat: pvau, danke, echt nett. Aber im Unterschied zum Molden hat mir der Schellinski-Sänger, der damals die coolste Sau zwischen Kummenberg und Schweizer Grenze war, schon Bluese vorgesungen, wie ich selbst praktisch noch ein Kind war; das prägt. Es ist also sehr nett im Fürstenhof, und das Bier käme mir jetzt unglaublich gelegen, aber danke nein, ich muss noch arbeiten. Und dann noch ausgehen.

Das Leben ist derzeit so, dass uns die Babysitter ausgehen. Ständig ist etwas. Immer muss man wo sein, und wenn man nicht muss, dann will man. Hab ich nicht letztes Jahr den ganzen Herbst und den ganzen Winter gekocht und Kuchen gebacken? Und war das nicht schön und ungemein befriedigend? Kann mich nicht mehr erinnern. Kochen spielt derzeit in meinem Dasein eine so untergeordnete Rolle, dass die Anna, wie sie kürzlich am frühen Abend zum Babysitten herüber kam, bis auf die Tiefkühlerbsen und 1 Pommes rundheraus das gesamte Essen ablehnte, das ich ihr auf den Teller schaufelte: zuviel Unklarheit bei der Zusammensetzung der Hühner-Nuggets, die die Kinder serviert bekamen, und zuviel Klarheit beim Inhalt der Garnelen-Wantan aus dem Tiefkühlsack. Anna sagt, Entschuldigung, sie verträgt leider kein Glutamat. Ich schon; magst vielleicht ein Brot?

Immerhin kann ich den Einzug der Realität ins Leben meiner Kinder verlautbaren, denn als ich das Haus verlasse, zeigen die Mimis der Anna gerade, was sie in der Schule gelernt haben, sie können jetzt nämlich auf Türkisch „Arschloch“ sagen. Gottseidank, ich dachte schon, sie lernen da gar nichts fürs Leben.
29.10.08

Schön sprechen, Kleiner!

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Permanent muss man aufpassen, dass die Kinder nicht mit irgendwelchen völlig degenerierenden Medien und Medienprodukten in Kontakt kommen: es ist total nervig. Am Samstag am Land schaffen wir es endlich einen Tisch in einem der Handvoll akzeptabler Gasthäuser im Waldviertel zu bekommen; gemeinsam mit den Polzes und den Horwaths und den Hofingers, die auf Besuch sind, und wir müssen nicht einmal die Kinder mitnehmen, weil der Nachbarsvierzehnjährige hat sich zum Babysitten überreden lassen. Vierzehnjährige brauchen immer Geld. Leider beginnt der Abend suboptimal; denn der kleine Horwath ist ein liebes, nettes Kind, solange er seinen Willen bekommt. Wenn nicht, nicht. Zum Beispiel ist es nicht der Wille des kleinen Horwath, dass während der Eltern-Abwesenheit „Bullerbü“ geschaut wird, weil er der Ansicht ist, „Bullerbü“ sei etwas für Babies und kleine Mädchen; der kleine Horwath ist härteren Stoff gewohnt. Und der kleine Horwath ist gewohnt, dass geschieht, was er bestimmt, bloß steht es diesmal drei zu eins für „Bullerbü“. Der kleine Horwath hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz, und ich muss erst einmal in die Knie gehen und ihm mit großer Eindringlichkeit klarmachen, dass er zu mir sicher nicht „Blödmann“ sagt. (Früher, als der kleine Horwath drei oder vier war, bebrüllte er den jeweiligen Diskursgegner als Seistwodl: Schön sprechen, Kleiner, das heißt Scheißtrottel, und das sagst du auch nicht zu mir.) Es ist aber unwahrscheinlich, dass er mich hört, weil er gerade sehr viel Blut im Kopf hat, das rauscht in den Ohren, und die Mimis fangen auch noch an zu weinen, weil das Gederwische und Gekreisch des kleinen Horwath sie erschreckt.
Deshalb auch „Bullerbü“; die Mimis haben eine sehr niedrige Gewaltaffirmationstoleranz, medial und real, und als sie im Sommer einmal, eh gegen meine Überzeugung, „Harry Potter“ geschaut haben, weil die Mosers gesagt haben, das wäre ein total harmloser Babyfilm, den auch ihre dreijährige Tochter schon schaut, brachen Sie danach spontan in Tränen aus und hatten nächtelang Alpträume. Und ich verstehe das überhaupt nicht und werde das nie verstehen, warum aufgeklärte Eltern ihre kleinen Kinder bewusst solchen Bildern voller Bedrohung und Gewalt und Angst aussetzen. Ich bin ein großer Fan der netten Harmlosigkeiten von „Bullerbü“, und beabsichtige, es zu bleiben.
Diverse Drohungen der Horwathin später ist auch der kleine Horwath bereit für „Bullerbü“, der Nachbarsbub hat die DVD und vier Telefonummern schon in der Hand und ist über Allfälligkeiten instruiert. Wie wir drei Stunden später heimkommen, sitzen alle Kinder um des Nachbarsbuben Laptop (der vorher noch nicht da war), und als ich das Zimmer betrete, sagt der kleine Horwath gerade: „Kannst du den noch schnell töten?“ Nein, kann er nicht. Weil jetzt ist erst einmal er dran.
8.10.08

Andere wären einfach mit dem Schaufelbagger rein

| Comments (1) | 10/08 | Freunde

Dafür finde ich es im Gegensatz zu praktisch allen anderen Eltern fantastisch, dass die Schule schon um acht anfängt. Es bedeutet, dass der Lange, der in der Früh dafür zuständig ist, Kaffee und Kakao ans Bett zu liefern, sich zu duschen, sich anzuziehen und drei Mal wöchentlich die Kinder zur Schule zu bringen (ich mache den winzigen Rest) jetzt nicht mehr bis um neun in Unterhosen durch die Wohnung hoppelt: da in einem Buch blättert, hier ein Zeitschrift aufschlägt und dort einen Song herunterlädt. Die Kinder warteten derweil angezogen und schwitzend an der Wohnungstür und kriegten schlechte Laune. Jetzt sind sie um halb acht aus dem Haus; und Mutter widmet sich in aller Ruhe der Ruhe.

Wie ich letztes Mal bis drei Uhr früh im rhiz aufgelegt habe und die Young Gods waren da, durfte ich ausschlafen. Die Kinder gingen ohne Frühstück, ohne Regenjacke und ohne Frisur in die Schule, und ich erbaute mich später sehr an des Langen Gestöhn, wie wahnsinnig anstrengend das denn alles sei, was da in der Früh zu erledigen anstünde . Ach wirklich. Dieses Erledigen bringt mich nämlich täglich an den Rand meiner Möglichkeiten, und wenn die Kinder abends um acht im Bett sind, will ich auch ins Bett. Nein, eigentlich will ich schon um halb zwölf wieder ins Bett.

Halb zwölf ist ungefähr die Zeit, zu der Haemmerli an normalen Tagen in Zürich aufsteht, und wenn ich abends bereits mit meinen Augendeckeln kämpfe, ist er gerade schön warmgelaufen und würde jetzt gerne telefonieren. Haemmerli und ich leben in verschiedenen Zeitzonen, dabei müssen gerade jetzt akut Sachen besprochen werden. Essen verabredet. Adressen ausgetauscht. Denn Haemmerlis Dokumentar-Film über seine Messie-Mutter hat heute, Mittwoch, im Top-Kino in Haemmerlis Beisein Premiere. Der Film heißt "Sieben Mulden und eine Leiche", die Schweizer kennen ihn schon, die Deutschen kennen ihn auch schon, denn Haemmerli war bei Kerner, eine offenbar semilässige Erfahrung, weil Kerner wollte wohl immer nur über die grausigste Stelle in dem Film reden. Dabei ist der Film, in dem Haemmerli zeigt, wie er mit seinem Bruder die Wohnung der verstorbenene Messie-Mutter aufräumt, die darin durch einen Treppensturz zu Tode gekommen und leider ein paar Tage lang dort auf der Bodenheizung lang, eigentlich überraschend heiter. Und wirklich gut, ich habe ihn schon bei der Zürcher Premiere gesehen. Haemmerli sagte, das Kerner-Publikum habe ihn für herzlos gehalten, aber herzlos ist Haemmerli nicht: Die Akribie, mit der er die Lebensgeschichte seiner Mutter aus dem Material zusammenpuzzelt, das er in dieser unfassbaren Müllhalde fand, in der sie lebte, zeigt eine Zuneigung, die man einer Mutter, die einen mit zehn ins Internat steckte, nicht zwingend entgegenbringen müsste. Andere wären einfach mit dem Schaufelbagger rein, man hätts verstanden. Haemmerli hat einen Film gemacht, der ist extrem sehenswert. Gut, ein bisschen grausig auch.

„Sieben Mulden und eine Leiche“ von Thomas Haemmerli. Ab Fr im Top-Kino
21.09.08

Das glaubt dir normal nicht einmal eine Zweijährige

| Comments (0) | 09/08 | Freunde

Wie uns der Fink am Land besuchte und doch kein Haus kaufte, trug er ein pakistanisches Nationalgewand; weiße Pluderhose, knielanges weißes Hemd, dazu Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler und eine Siebzigerjahre-Pilotenbrille. Er klapperte einmal quer durchs Dorf und wieder zurück, und jetzt großes Aha. Aha, die gehören also zu einer Sekte! Die ganze Partie, die Horwaths, der Polz und seine Freundin, und die neuen da; alle Sektenheinis! Haben wir gleich gedacht, dass mit denen was nicht hui ist.

Dabei sind wir bestensfalls eine Art WG auf ein paar Tausend statt 237 Quadratmeter wie früher; und jetzt halt eine WG mit den Mitteln einer Wochenendagargemeinschaft: Früher haben wir mit illegalen Lustigmachern experimentiert, jetzt experimentieren wir mit Honigschleudern und Saftpressen. Plus es gibt jetzt auch Kurze, das gab es früher auch nicht, weil früher hätte keine Mutter mit einem Eitzerl Verantwortungsbewusstsein einen Minderjährigen in unsere Nähe gelassen und wir keinen Minderjährigen in die Nähe unserer Gitarren-, Platten- und Fanzine- und Tätowiernadelsammlungen. Wenn du das angreifst, Kleiner, bist du erledigt. Wie Leute wie wir an eine Erziehungsberechtigung kommen, kann ich mir bis heute nicht genau erklären, aber am Wochenende saßen 13 Kinder unter der Laube vom Horwath, aßen Nudeln mit Bambisoße und ließen sich von uns belügen. Das war ein irre altes Reh, eine Rehgreisenurli! Die hatte ein urlustiges Leben mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln und ist dann von selber im Wald tot umgefallen! Das glaubt dir normal nicht einmal ein Zweijähriger, aber je hungriger das Kind, desto empfänglicher ist es für Lügen, selbst wenn sie so miserabel sind wie die. Und ich bin der Meinung, dass manche Wahrheiten noch warten können: beziehungsweise: Sie wissens in Wirklichkeit eh. Und sie finden es selber entlastend, dass sie noch so tun dürfen, als wüssten sie´s nicht. Wie beim Christkind; wenngleich meine Idee, ihnen heuer in aller Vorsicht die Wahrheit zu sagen, von der Realität bösartig hintertrieben wurde: Vorgestern in der Früh wurde uns auf nüchternen Magen mitgeteilt, man wisse übrigens wer das Christkind sei: IHR! Öh, aso, naja, hm, stimmt; seid ihr jetzt traumatisiert? Waren sie aber nicht. Scheint ihr Weltbild nicht zu ruinieren. Hätte man wohl schon früher machen können, wollte man auch, aber andere Eltern baten einen händeringend, derlei zu unterlassen, weil was eins weiß, wissen alle. Also, wenn es jetzt dann alle wissen: ich kann nichts dafür; von mir haben sie es nicht.

Was jetzt auch alle wissen, also im Dorf: Dass diese Wiener, die das Dings-Haus gekauft haben, die von der Sekte, an Sonntagen noch zu Mittag vollzählig in fleckigen Pyjamas anzutreffen sind, vor Bergen Geschirrs: der örtliche ÖVP-Mann, der mit einem pröllvollen Papiersackerl unvermittelt in unserer Küche stand, wird schon berichtet haben. (Bitte, die Pumpe hat nicht funktioniert! Wir hatten kein Wasser!) Na, ich sags euch, mit denen ist was nicht hui.
27.08.08

Wie Fink uns findet

| Comments (0) | 08/08 | Freunde

Aber wie uns jetzt plötzlich der Fink erschienen ist, das war schon. Spooky war das. Andererseits: Mit dem Fink ist es so. Wenn ich dem Fink die Waldviertler Adresse gesagt hätte, hätte er sich die auf keinen Fall gemerkt. Oder er hätte die Adresse, wenn er sie notiert hätte, verschmissen. Zuverlässig hätte er sich, wenn er die Adresse doch noch gehabt hätte, auf dem Weg hierher verfahren, weil der Fink verfährt sich überall, auf der ganzen Welt haben wir uns mit dem Fink schon verfahren, in Sizilien, in Vietnam, im Bregenzerwald und zwischen Wien und Wiesen. Der Fink verfährt sich, wurscht wo. Und jetzt hatte der Fink irgendwo im Waldviertel einen Termin, hat sich auf dem Weg dorthin verfahren, und sieht plötzlich ein Ortsschild, einen Bach, eine Brücke und denkt sich: Hier, hier ist etwas. Der Fink fährt weiter, da steht unser Auto am Straßenrand und dann, wie er nach links in die Bäume hinein schaut, sieht er weit hinten den Langen mit verschränkten Armen hinter einem Schremser sitzen, und darüber sinnen, was er alles umhauen könnte, jetzt wo ihm der Breuß den Umgang mit der Motorsäge beigebracht hat. Der Lange blickt dem Fink geradewegs in die Augen und der Fink dem Langen. Der Fink bremst seinen Porsche ab, siebziger Jahre, kackbraun, jault ihn an den Straßenrand, springt heraus, brüllt wie ein Stier und ist da.

Später, nachdem er noch einmal weggefahren ist und seinen Termin erledigt hat, sitzt der Fink auch hinter einem Schremser unter dem Baum. Die Horwaths kommen mit dem Polz herüber, sie haben gerade ihren Bienen den Honig geraubt und geschleudert, und niemand wurde gestochen. Die Breußes sind auch da. Weitere Gäste vom Horwath schauen vorbei und setzen sich dazu; es ist kühl, aber sonnig, wir sitzen um den Tisch und trinken Wein und Bier und essen Speckbrote und die Kinder hängen verkehrt von an den Bäumen, und der Fink verwirft schlagartig seine schon sehr weit gediegenen Pläne, sich im Bregenzerwald eine Almhütte zuzulegen. Morgen kommt er und schaut sich ein Haus am Ortsrand an. Weil etwas hat ihn geradewegs hierher geschickt: Und der Fink kann zwar keine Landkarten lesen, aber er einen göttlichen Wink erkennt der Fink, wenn er ihm so vor der Nase herumwedelt; SO nämlich.
10.08.08

Ich weiß gar nicht, warum mir das jetzt einfällt

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Ein schattiger Waldviertler Obstgarten hat auch seine Nachteile, wie ich bestätigen kann, seit ich in nicht einwandfreier körperlicher Verfassung eine Tonne fauliger Klaräpfel aufgehoben habe. (Postalkoholische Tristesse nennt Fritz Ostermayer das.) Die Hälfte davon von der Straße, denn ich bin jetzt eine pflichtversessene Nebenwohnsitzerin eines netten, kleinen Dorfes. Wenngleich sich das Waldviertel vom Propperkeitsfaktor her nicht mit dem, jetzt zum Beispiel, Bregenzerwald messen kann, denn wenn der Bregenzerwald auf der zehnteiligen Propperkeitsskala eine gute 9,8 erreicht, schafft das Waldviertel bei extrem wohlwollender Wertung an ausgesuchten Orten eine wacklige Zwei. Man sollte hier niemals hinter die Häuser und in die Höfe schauen, außer man ist akut auf der Suche nach Ziegelhaufen aus hundert Jahren Bautätigkeit, nach verrosteten Autoteilen aus den Siebzigern oder knietief Kuhscheiße. Ich kaufe meine Milch hier ausschließlich pasteurisiert im Supermarkt.

Andererseits ist Dorf ist da wie dort Dorf, und wie ich mir eben beim Äpfelaufheben den Rücken ruiniere, fährt eine Frau, die ich nie zuvor gesehen habe, mit dem Rad daher, bleibt stehen, steigt ab und sagt: Grüßgott, übrigens, vorne, im 28er Haus ist gerade auch eine Frau aus Vorarlberg zu Gast, die stammt aber aus einer anderen Gegend als Sie und hat gesagt, sie kennt Sie nur vom Namen her. Ah da schau her. Interessant, danke! Das Schicksal schickt mir also einen kleinen Reminder, nur, falls ich vergessen haben sollte , aus welchen Gründen ich damals in die große Stadt gezogen bin. Unbeobachtetheit und Anonymität und alles! Aufgegeben für ein bisschen Apfelbaumschatten! Und die Äpfel sind noch nicht einmal gut!

Bevor wir uns jetzt ins Waldviertel begaben, um hier, ehe die Mimis in die Schule kommen, den Restsommer zu verbringen, fuhren der Lange und ich in die Steiermark zur Regionale. Sagen wir so, Ostermayer veranstaltete dort ein kleines Symposion zum Thema „Saufen“ und fand, ich sei eine geeignete Referentin; was mir durchaus irgendwie zu Herzen geht. Andererseits ist es jetzt wohl zu spät, mein Fachgebiet noch zu ändern; also, was solls, mache ich halt das Beste daraus.  Es war aber sehr nett und man traf dort in ungewöhnlich herrlicher Umgebung Menschen, mit denen man seit nunmehr bald einem Vierteljahrhundert die Erlebnisvielfalt im Baccantischen pflegt. Herr Welter von Naked Lunch zum Beispiel, mit dem ich mich schon im alten Flex betschecherte, wie ehedem auch (ich weiß gar nicht, warum mir das jetzt einfällt) mit dem nunmehrigen Presseprecher eines sehr hohen politischen Repräsentanten, der damals langes blondes Wallehaar und Zehn-Tage-Bärte trug und nicht nur wahnsinnig gut singen konnte, sondern dabei auch ergreifend anzusehen war. Wie übrigens auch die Herren Welter und Red, die zum Abschluss des erstens Symposion-Abends ein unglaublich schönes musikalisches Zusammentreffen hatten, während welchem sich Herr Olivier Red, ein freundlicher Franzose, endlich nicht mehr frug, was für erstaunliche Mengen an Alkohol in manche seiner neuen österreichischen Freunde sowie in den Veranstalter selbst  hineinpassen: was er die Tage zuvor gelernt hatte. Er hatte wohl geglaubt, das Motto des Wochenendes sei im übertragenen Sinn gemeint. So naiv war ich nicht.
30.07.08

Es fängt immer klein an

| Comments (0) | 07/08 | Freunde

Man hätte, wenn man ein Haus im Waldviertel besäße, vielleicht auch eine Pumpe, weil das Wasser aus dem eigenen Brunnen käme. Und die Pumpe könnte nicht funktionieren, wenn man am Samstag das Wasser anmachen wollte; nichts, niente. Der Horwath, der sich mit Pumpen auskennt, würde erste Anzeichen von Reue zu verbergen versuchen, dass er damals mit dem Finger auf dieses Haus gezeigt haben würde, wäre das nicht etwas für euch? Jetzt musste er, weil der Lange Kettensäge nicht kann, schon Bäume fällen, dann waren seine Fähigkeiten beim Autoanschieben gefragt, dann seine Kenntnisse des Siphons, jetzt auch noch die Pumpe. Das kann ja noch bravo werden.

Doch wenngleich des Langen Fertigkeiten beim Thujenkillen und bei der Pumpeninstandsetzung stark verfeinerbar sind, ist er überraschend gerne Nebenniederösterreicher und zelebriert das mit launigen Lesungen aus der NÖN und dem regionalen Bezirksjournal. Es werden hier noch Linden und Autos gesegnet, und zärtliche Landwirte mit tiefer Sehnsucht nach Neubeginn suchen ihr Äquvivalent. Der Lange ist vom Landleben wesentlich angetaner als er prophezeit hat, er würde nämlich, hat er prophezeit, das Scheißlandleben scheißmäßig hassen und, nur damit ich mir keine Illusionen machte, alles was ich dort von ihm zu sehen bekommen würde, sei seine auf einem Liegestuhl dahingestreckte Silhouette, er rühre dort keinen Finger. Außer die, die nötig seien, dass einem die Zeitung nicht aufs Gesicht fällt. Und so weiter, der Lange halt. Seit ihm aber aufgefallen ist, dass die Kinder am Land in dem Augenblick verschwinden, in dem man dort die Autotür aufmacht und er nun jedes Wochenende keine Minute am Spielplatz und im Prater verbringen muss, ist er mit dem Landleben versöhnt. Ich würde so weit gehen zu behaupten, der Lange liebt das Landleben, und wenn er die Zeitung ausgelesen hat, greift er nun freiwillig zum Astzwicker. Denn die Möglichkeit, seinen irgendwie angeborenen Zerstörungsdrang, den er bisher nur in Familie, Freundeskreis und Beruf ausleben durfte, auf die Natur auszuweiten, hat sogar über seine natürliche Abscheu gegenüber jeglicher handwerklicher Betätigung gesiegt. Der Astzwicker ist das neue Werkzeug des Langen, und mit ihm fand der Lange sein Mantra: Das muss weg. Der Horwath sagt, er findet, der Lange ist jetzt viel ausgeglichener.

Sorgen macht mir, dass es beim Horwath, der gerade in Imkermontur auf seinem 15er Steyr-Traktor an meinem Gartentor vorbeiknattert, auch mit einem Astzwicker angefangen hat. Oder mit einer Gartenkralle oder derlei. Es fängt immer klein an, und bald wird der Lange seine Bäume mit seinem eigenen Caterpillar umschmeißen, aber das behalte ich jetzt einmal für mich.
23.07.08

Was machen wir jetzt?

| Comments (0) | 07/08 | Freunde

Im Kaffeehaus kriegen sich der Horwath und der Lange jetzt zum Thema Sonnenengergie in die Haare. Gut, wir sind alle ein wenig aufgewühlt, weil wir eben unsere Kinder in einen Bus gesetzt und ins Sommerlager verschickt haben. Es war nicht unser Wunsch, es war der Wunsch der Mimis. Ich hatte viele Einwände, die ich ihnen gegenüber unausgesprochen ließ: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn ihr Heimweg bekommt? Weil ich hatte im Lager immer Heimweh, und es war immer schrecklich, und am zweiten oder dritten Abend musste ich immer abgeholt werden. Aber zumindest im Vorfeld zeigten die Kinder keinerlei Anzeichen von übermäßiger Sentimentalität gegenüber ihrer Herkunftsfamilie; zählten wochenlang die Nächte bis Sommerlager und wachen am Abreisetag mit leuchtenden Augen auf. HEUTE! Die Mutter hat sauschlecht geschlafen und muss sich das angemessene Strahlen mit einiger Anstrengung ins Antlitz schnitzen. Heute. Was, wenn ich Heimweh bekomme?

Dann stehen wir am Reisebus und winken unseren Kindern zu. Eins weint; zum Glück keins von unseren, sondern das von den Szene-Wirten, die ihrem Kind, obwohl ihnen gar nicht danach ist, entschlossen entgegenstrahlen: Durch die begeistert gefletschten Zähne zischt der Szene-Wirt, dass der blöde Bus jetzt bitte bitte bitte endlich fahren soll, er hälts nicht mehr aus, gleich heult er auch. Eins der Mimis winkt nicht einmal zurück; keine Zeit, aber wie der Bus endlich startet, bin ich trotzdem froh, weil lange hätte ich mein Grinsen auch nicht mehr derhalten.

In dem Moment kommt auch der Kabarettist unter Gekeuche um die Ecke gerannt und kann seinem Kind, das von dessen Mutter geliefert worden war, gerade noch zuwinken. Wir applaudieren herzlich: schöne Vorstellung, Herr Künstler, Gott zum Gruße! Der Kabarettist kommt akut von irgendwo am Land, er hat einen Rucksack mit Gehstöcken dabei, sieht aber das Gegenteil von erholt aus und formuliert im Kaffeehaus entschiedene Einwände, als der Ober findet, die Bestellung werde erst aufgenommen, wenn alle parat seien. Nix da, gleich Kaffee. Dann geraten der Horwath und der Lange aneinander: kriegt man jetzt, wo der Photovoltaik-Klimafonds leer ist, noch eine Förderung für eine Strom- oder Warmwassersolaranlage? NEIN, ruft der Horwath, JA! ruft der Lange!, und wieder einmal fallen die Worte Dummkopf, Dodel und Depp. Muss man aber nicht so ernst nehmen. Ihr seid jetzt Nachbarn, da im Waldviertel, oder?, grinst die Szene-Wirtin, und der Horwath brummt, dass, na, zum Glück noch ein alter Bauer seinen Hof dazwischen habe, der sei nämlich geistig weit flexibler als dieser Sturschädel da. Wer redet, sagt der Lange.

Denn als Nebenniederösterreicher ist man umweltbewusst, macht sich Solarzellen aufs Dach, und es werden, wie wir später recherchieren werden, beide Sturschädel Recht gehabt haben. Aber jetzt  im Kaffeehaus reden wir dann lieber wieder über die Kinder, und was wir machen, nun, wo sie nicht da sind.
15.06.08

Es soll aufhören

| Comments (0) | 06/08 | Freunde

Bereits im ersten Drittel der ersten Halbzeit des ersten EURO-Matches erleide ich einen Hörsturz, dank ununterbrochenen Freudengeheuls der Mimis. Erstens, sie dürfen fernsehen. Zweitens, sie dürfen Fußball fernsehen; was vor allem das Bubenmimi in einen Begeisterungstaumel versetzt, für den ich Unterhaltungschemie im Gegenwert eines Designersofas benötigte.

Das Bubenmimi spricht von morgens um sechs bis abends um acht ohne Unterbrechung nur noch über Fußball. Mein Tag beginnt mit der Anhörung glühender Referate über tschechische Torwarte und schwedische Stürmer und endet mit der Akklamation aller fixfertigen Mannschaftspuzzles im Panini-Album. (Es sind acht. Ich weiß es. Sie hat mir die freudvolle Neuigkeit schon etwa 600 Mal überbracht.) Dieses verfluchte Panini-Album; das ich zugegebnermaßen selbst ins Haus geschleppt habe, und zwar mit einem kecken Grinsen, das, wie ich jetzt weiß, meine komplette, lückenlose Ahnungslosigkeit darüber illustrierte, was dieses Teufelszeug aus Kindern macht.

Kollegin B. hat mir erzählt, dass ihr Neunjähriger kürzlich vom Telefon der Lehrerin anrief, weinend, weil er den Aufhauser verloren hat, und beides ist im normalen Alltag eines Neunjährigen undenkbar: Weinen, die Mama anrufen, wie ein Baby. Ein Pickerl mit dem Antlitz eines österreichischen Nationalspielers machts möglich. Wir hatten den Aufhauser; spontan erklärten die Kollegin und ich die Tauschbörse „Mürbe Mütter, die wollen, dass es aufhört“ für gegründet und mailen uns seither gegenseitig lange Zahlenlisten zu, wie Verschlüsselungsspezialisten. Wie Verrückte.

Wobei ich sagen muss, dass das andere Mimi nicht unbedingt den nötigen Ernst für den Panini-Irrsinn mitbringt; einerseits: halleluja, lobet den Herrn. Andererseits zwingt das die Mutter dazu, in der ganzen Wohnung nachlässig gehortete Fussballstars einzusammeln und einzupicken: Sie schlafen in den Betten des Puppenhauses, lächeln nach Frisuren sortiert vom Badezimmerregal und rütteln am Gitter des Playmobil-Gefangenentransporters. Und sie erfüllen in keiner Weise mehr den Zweck, dessentwegen sie überhaupt mit den Mimis bekannt gemacht wurden: Denn sie waren, pro 5-Stück-Packerl, dazu rekrutiert, die Mimis dazu zu kriegen, freiwillig ihr Zimmer aufzuräumen. (Spießerin! Spießerin! Hören Sie auf. Ich bin bei der „Wunder von Wien“-Premiere von Herrn Rubinwitz deswegen bereits erschöpfend gedögelt worden, dankeschön.) Allerdings hat es sich als wenig moralisierend erwiesen, ein Kind eine halbe Stunde aufräumen zu lassen und ihm dann gönnerhaft ein Packerl Paninis zu überreichen, von dem es jedes einzelne schon hat; „Hysterie“ beschreibt die Folgen überaus unzureichend. Nun schmeiße ich ihnen jeden Tag freiwillig und ungebeten drei Packerl in den Rachen, renn mit ihnen auf Tauschbörsen und schreibe lange Zahlenlisten in emails und Blog. Es muss endlich aufhören; es reicht.
4.06.08

Es gibt Reis, Baby!

| Comments (0) | 06/08 | Freunde

Lassen Sie mich noch erwähnen, dass der Horwath tatsächlich 50 Schnitzel für die Kindergrillparty gebacken hat, ich kenn ihn doch, und dass wir das mit den Abschiedssackerl nächstes Mal lassen. Die Horwathin hat nämlich doch welche gemacht, aber da hat der Horwath Recht, das ist zuviel des Guten, das braucht kein Mensch. Nach der Party war ich aber so oder so relativ nah am Ende meiner Kräfte und habe drei Kreuze geschlagen, dass ich jetzt bis zum nächsten Kindergeburtstag 364 Mal schlafen darf. Also tatsächlich durfte ich nur drei Mal schlafen, aber da hatten nicht wir die Scherereien, sondern ein anderer Kindergartenkindsvater, dem wir an seinem Küchentisch zusehends beschickert dabei zusahen, wie er zügig dem Ende seiner Kräfte entgegenstrebte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er später drei Kreuze geschlagen hat, weil er jetzt bist zum nächster Kindergeburtstag 364 Mal und so weiter.
  Allerdings hat die Badesaison nun auch in Wien begonnen, die aber sehr viel weniger Falten macht, wenn der Nachwuchs endlich schwimmen kann. Die 400 Euro, die wir in mehrere Schwimmkurse investiert haben, machen sich nun in heiterer Entspannung mutterseits bezahlt: Ich sitze mit anderen Müttern gelassen unterm Schirm, während unsere Kinder in egal welchem Pool nicht ertrinken; das entstresst die Sommerzeit entschieden. Die Gelassenheit rastet kurz, wenn die Kinder aus dem Becken kommen und sich darüber in die Haare kriegen, wer die Sonnenschutzcreme mit dem höheren Lichtschutzfaktor hat (Ich hab nämlich  50! Und du nur 25! Aber ich kenn jemand, der hat 100, und der borgt sie mir!), wo man sich echt an den Kopf greift und fragt, woher dieser geisteskranke Konkurenzzwang bitte herkommt. Kauft euch sofort ein Eis.
  (Aber ich krieg das größere!). Jesusundmaria. Von uns haben sie das nicht. Naja, vielleicht haben sie es vom Langen und vom Horwath, die sich in Kroatien tatsächlich ernsthaft darüber zerkrachten wie man Basmati richtiger kocht. Ob man ihn ins kochende Wasser schmeißt oder glasiert und aufgießt, was als Die Große Reiskrise in die Kroatien-Annalen einging. Aber am achten Urlaubstag schuf Gott nun mal die Faustwatsche, da muss man durch, gelassen drüber, weitermachen, tun als wär nix gewesen, dann wirds schon wieder.
  Ich bin mit meinem Nicht-mein-Kind-Geht-mich-nichts-an-Mantra überraschend schmerzfrei über die zwei Wochen gekommen: Erst an Tag zwölf platzte mir einmal wegen einer Kinderessen-Sache der Kragen, was aber wohl vor allem damit zu tun hatte, dass ich es gewohnt bin, den Großteil meiner Tage still über Texten zu sitzen, und diese Gewohnheit nehme ich gerne in den Urlaub mit. Aber die schöne Idee, dass man wo hin fährt und dort die Klappe hält, ist vor allem bei Kindern extrem unpopulär, und wer mein mein Meeresrauschen lang genug in dieser bestimmten Frequenz zerkreischt, kriegt irgendwann die Rechnung. Zahlen, bitte! Nein, nicht Sie, der Kleine da hinten.
28.05.08

Heuer machen wir es anders

| Comments (0) | 05/08 | Freunde

Heuer, habe ich gesagt, machens wirs einmal anders am Kindergeburtstag. Der Horwath war gleich dagegen; sein kleiner Horwath hat drei Tage vor den Mimis Geburtstag, also gemeinsame Party. Eine Scheißidee, sagte der Horwath, da saßen wir noch in der Neptun-Bar in Kroatien, nachdem er zuerst gefragt hat, wie ich das meine und ich es ihm erklärt habe: dass wir heuer einen Kindergeburtstag machen, an dem es ausnahmsweise auch einmal Spaß für die Kinder gibt. Spaß, hat der Horwath gesagt und durch seine Cutler&Gross-Brille bitter aufs Meer geschaut, was für Spaß. Ein Clown oder was. Blödsinn, hab ich gesagt, ein Spiel oder eine Schnitzeljagd oder etwas in der Art, und Würstelgrillen am Feuer, und wir laden heuer nicht nur unsere Freunde ein, sondern die Freunde der Kinder, schau nicht so, mir gefällt es auch nicht besonders. Aber trotzdem machen wir es heuer so. Der Horwath hat gesagt, grillen hasst er. Schnitzeljagden auch. Die Horwathin hat gesagt, sie findet es aber eine super Idee. Der Horwath hat noch ein Karlovacko bestellt und gesagt, dass es für so einen Unsinn nicht den geringsten Grund gibt, weil bis jetzt hats immer gepasst.
  Normal laden wir am Kindergeburtstag alle unsere Freunde mit Kindern ins Schwimmbad oder auf den Spielplatz, schneiden den Kuchen an, singen Happy Birthday, rufen jöö und schööön, und schicken die Kinder dann spielen. Oder baden oder raufen, Hauptsache, sie stören uns nicht, während wir riesenschüsselweise Erdäpfelsalat und kleine Horwath-Schnitzis verputzen und Kühltaschen voller Bier und Wein leermachen. Bitte, die Kinder haben sich nie beschwert, aber dann war ich auf Kindergeburtstagen, die wirklich Feste für die Kinder waren, und zuerst fand ich das echt schischi, und dann habe ich mich geschämt. Heuer machen wir es anders.
  Jetzt ist heuer schon morgen und ich komm aus der Hektik nicht heraus. Ich habe Einladungen gemacht, kopiert, verteilt, der Lange und ich waren einkaufen und auf der Geburstagsfestwiese, die Schnitzeljagd auskundschaften, und wir haben gestritten. Ich habe zwei Blecher Schoko-Kuchen gebacken, nicht wie letztes Jahr mit einer schicken Zuckergussgraphik, sondern fußballrasendicht mit Smarties belegt, denn so und nicht anders wollen es Kinder. Aber es sind noch keine Schnitzeljagd-Aufgaben ausgedacht, keine Geschenke eingepackt, keine Schatzkiste und keine Partysackerl befüllt, und auch Erwerbsarbeit wäre noch zu erledigen. Weil ich mich in dieser Sache an den Horwath nicht zu wenden brauche, rufe ich die Horwathin an und sage, du, mir wächst der Kindergeburtstag gerade ein bissl über den Kopf, und sie sagt, oje, aber leider kann sie nichts tun, jetzt wühlt sie grad am Land im Garten und morgen kommt sie nicht vor fünf aus der Klinik, tut ihr echt leid. Der Horwath ist nicht zu sprechen, wahrscheinlich brät er gerade eine Scheibtruhe voll Schnitzel, aus lauter Wut über die Scheißidee, und ich bin kurz davor, ihm Recht zu geben.
18.04.08

Böse, alte Hexe

| Comments (1) | 04/08 | Freunde

Man sollte viel mehr ans Altwerden denken. Wenn sich die Jungen öfter das Altsein vorstellen würden, hätten nicht so viele Alte so ein Scheißleben in Pflegeheimen, wo nachmittags um sechs die Rollos dichtgemacht werden, damit man um sieben nicht mehr so viel teures Personal braucht. Das nur, weil sich Sedlacek darüber verwundert zeigte, dass ich eine relativ klare Vorstellung davon habe, wie ich meinen Lebensabend zu gestalten trachte, nämlich als schrullige Hexe mit ein paar dreckigen Hennen in einem schiefen Haus in einem weltvergessenen Kuhkaff. Wenn ich mit den schrulligen alten Horwaths die im selben Kuhkaff von der selben moldawischen Pflegerin betreut werden, nicht gerade übers Kreuz bin, werden wir uns am Küchentisch darüber beklagen, dass uns unsere Enkel nie besuchen kommen und darüber, dass wir schon wieder eine neue moldawische Pflegerin finden müssen, weil die aktuelle das Kuhkaff und uns schon wieder keinen Tag länger erträgt. Sedlacek sagt, ich spinne.
  Aber vielleicht blicke ich dem Alter deshalb derzeit offenenSinns entgegen, weil es mir gerade noch gelungen ist, meine galloppierende Frühvergreisung abzustoppen. Meine Freundinnen haben sich schon Sorgen gemacht, aber seit ich mal wieder in die Prä-Mimi-Jeans passe (voraussichtlich übernächste Woche werde ich damit auch sitzen können) und Sätze mit den Worten „Wie ich unlängst im Flex-Café aufgelegt habe“ (alternativ: „im rhiz“) beginnen kann, hat sich mein Zustand spürbar gebessert. Es hat sich auch herausgestellt, dass es beim Auflegen kein Schad ist, wenn man bissi älter ist als sein Publikum, weil es auch vor zwanzig Jahren schon ziemlich gute und immer noch funktionelle Musik über 130 bpm gab, ich sage nur Gun Club oder The Fall. By the way, Mark E. Smith, die böse Hexe: ein super Role-Model für nicht umweltschonende Altersverschrullung auf hohem Niveau. Sehr inspirierend in dieser Hinsicht auch das erste Kapitel von Rick Moody´s „Omega Force“ in seinem Novellen-Band „Paranoia“, während man sich die durchgebrunzten Windeln, die Nathan Zuckerman in Roths neuem Roman trägt, noch nicht unbedingt an den eigenen Hintern imaginieren möchte. Und sowas will man ebenfalls vorläufig nicht wahrhaben: So sehr spinne ich jetzt auch wieder nicht.
31.03.08

Das stimmt eigentlich

| Comments (0) | 03/08 | Freunde

Der Kollege McDings, der all meine Offerten, ihm schnell itunes zu installieren, mit aggressivem Schweigen beantwortet hat, schreibt mir ein Mail: Er möchte sich so ein winziges Kasterl kaufen, wo man Musik hineinzaubern kann, er brauchts zum Laufen. Ob ich ihm sagen kann wie das funktioniert. Ich mail ihm zurück, ich kann, ob ich schnell hochkommen und ihm itunes installieren soll. McDings mailt, er will kein blödes itunes, er will in einen ipod Songs von seinen CDs einitun, weil die Scheißindustrie keine Kassettenwalkmen mehr herstellt. Ich mail ihm, itunes also, und der McDings, IQ irgendwo im Bereich 140 plus, mailt, ich soll ihn mit so einem neuen Mist in Ruhe lassen, er kann nicht mal den Senderspeicher vom Autoradio. Ich mail ihm: wenns der Lange kapiert, kapierst es auch du. Der McDings mailt, er hasst hasst hasst aber ... weiter lesen ...
27.02.08

Bleib lieber sitzen

| Comments (0) | 02/08 | Freunde

Wichtig ist, dass immer genug Essen im Haus ist. Das habe ich von meiner Mutter gelernt, die ihr Leben der Aufgabe gewidmet hat, Leute zu füttern. Falls bei uns plötzlich das gesamte Viertel vollzählig auftaucht, weil, ich weiß nicht weil warum, aber falls: kein Problem für uns, es ist genug für alle da. Der Kühlschrank ist voll, das Tiefkühlfach ist voll und das Vorratsregal ist voller lang haltbarer Nahrungsmittel, aus denen sich schnell 33 bunte Menüs aus drei Kontinenten zaubern lassen. Ist vielleicht etwas genetisches.
  Dennoch bringt mich die letzte Woche an psychische und phyische Grenzen. Am Montag finden wir, wir hätten die Horwaths zu lange nicht gesehen, also kommen sie zum Essen. Am Dienstag bitten wir die Breußes an unseren Tisch. Am Mittwoch haben die Mimis zwei Freunde zum Spielen zu Besuch, die von ihren Müttern wieder abgeholt werden, und das eine oder andere Glaserl und ein Teller Nudeln geht sich immer aus, auch für die Mutter von der Janine, die um halb sieben gleich gehen muss, und um neun muss ich sie aus der Tür treten. Ein Freund vom ... weiter lesen ...
20.02.08

Das war zuverlässig der Horwath

| Comments (0) | 02/08 | Freunde

Ich bin mit dem Sedlacek zum Frühstück verabredet, und zur Begrüßung sagt er, das sei jetzt schwer zu glauben, aber er hat vorhin auf der Straße einen großen Mann mit einem Kind im Genick und Brillen wie zwei kleinen Fernsehern gesehen, war das vielleicht der Horwath? Das war zuverlässig der Horwath. Coole Brille, sagt der Sedlacek, sehr einprägsam. Sagte ich doch, sage ich, wie geht es dir? Einen doppelten Espresso und ein großes Glas Wasser, sagt der Sedlacek, nein, zum Essen nichts.

Es geht dem Sedlacek gut. Der Sedlacek ist zufrieden. Naja, bis auf die Weiber. Aber über die Auftragslage kann sich der Sedlacek nicht beschweren. Es ist natürlich anstrengend. Diese Woche war er schon in London, letzte Woche in Kopenhagen und in Mailand und vorletzte Woche in Hongkong. Und die ewige Fliegerei macht dir nichts aus?, sage ich. Nein, sagt Sedlacek. Ich flieg nicht mehr gern, sage ich. Ich bin auch nicht gern länger als zwei Tage weg von der Familie, es ist wie früher, als Kind, ich bekomme Heimweh. Echt, sagt Sedlacek. Ja, sage ich, wie damals im Jungscharlager: Weißt du, der Schmerz ist nicht kleiner geworden, nur die Person rundherum größer. Der Sedlacek schaut mich

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13.02.08

Solche Männer braucht das Land

| Comments (2) | 02/08 | Freunde

Der Horwath hat eine neue Brille: eine überaus eindrucksvolle Brille. Eine schöne Brille, in der Tat, in erstklassiger Qualität von Cutler and Gross in London, UK, gefertigt. Die Brille steht dem Horwath hervorragend. Wenn Sie dieser Tage einen Mann mit einer Brille erblicken, das ist der Horwath: Sie wissen es, wenn Sie ihn sehen. Ein missgünstiger Mensch mag einwenden, die Brille sei für übliche Brillenverhältnisse irgendwie viel, aber ich entgegne, dass sie zwar viel, für ein Charakterantlitz wie jenes des Horwath aber keinesfalls zu viel ist. Wenn Sie den Horwath mit seiner neuen Brille sehen: Es wird Sie kein Zweifel darüber anhauchen, dass der Horwath ein furchtloser Kerl ist, ein Mann, der das Neue, und sei es auch fremd und ungewohnt, unerschrocken antizipiert, und so, genau so, wollen wir die Männer haben.

Vielleicht müsste ich dem Kollegen Dings ein Foto vom Horwath zeigen, und sagen: Schau, Kollege, wenn der Horwath diese Brille mit Stolz tragen kann, kann ein Kerl wie du sich auch itunes von einem Weib installieren lassen, ohne dass ihn eine spontane Rückgraterweichung niederstreckt. Denn der Kollege, ein totaler Pop-Auskenner, kennt ... weiter lesen ...
10.01.08

Das gibt nicht genug her

| Comments (2) | 01/08 | Freunde

Nun wurde das neue, in Venedig erstandene Ledernotizbuch eröffnet: Eine herrliche und dabei preiswerte Handarbeit aus gutem, erstklassig gebundenen Papier innen und dickem, geprägtem Rindsleder außen, in das ich nur mit dem Akkuschrauber zwei Löcher bohren musste; für das Gummiband. Das Gummiband ist das einzige, was das alte Moleskine-Notizbuch dem venezianischen voraus hatte, ansonsten ist dieses gesamte Moleskine-Zeug völlig überschätzt und überpreist. Bei meinem musste ich schon nach wenigwöchiger Nutzung die Außenhülle mit Gaffertape reparieren, was nicht wundert, ist ja keine Maulwurfshaut, sondern offenbar chinesisches Polyester, und innen rissen die Fäden. Man müsste meinen, dass ein mit dem Etikett „legendär“ erworbenes Notizbuch die regelmäßige Aufnahme von Notizen verkraften können müsste. Allerdings stehen, was ich von dem venezianischen noch nicht behaupten kann, im alten Fetzenbuch verwendbare Notizen drin, und zwar nicht nur deswegen, weil ich sie  ... weiter lesen ...
24.12.07

Nakiger Nepotismus

| Comments (0) | 12/07 | Freunde

Der Advent war so prächtig, wie ich ihn mir bestellt hatte, und bis aufs Keksebacken sind die Vorgaben so gut wie erfüllt. Beim Keksebacken bin ich im Rückstand, dafür habe ich einen Bastelüberschuss, denn das ist eines der Privilegien der Mutterschaft, dass man basteln darf. Basteln ist für gewöhnlich geht’s-dir-noch. Kunsthandwerk für Lulus. Die Hofingerin hieß mich einst eine verhinderte Handarbeitslehrerin, und das war wenig respektvoll gemeint. Kartoffeldruck gehört nicht unbedingt zu den Dingen, die Promi-Frauen in den Farbbeilagen-Fragebögen bei „Wie ich am liebsten einen Abend verbringen würde“ notieren, aber wenigstens meine Kinder sind mit der Virtuosität zu beeindrucken, mit der ich einen kerzenbestückten Tannenbaum aus einem Erdapfel zu schnitzen in der Lage bin. Das kann bitte nicht jeder.
  Und weil das nicht jeder kann, müssen weite Teile meines Bekanntenkreises ... weiter lesen ...
5.12.07

Das ist normal unmöglich

| Comments (0) | 12/07 | Freunde

Mitten in Dornbach und unmittelbar nachdem mir eine nette Dame erklärt hat, der Zirkus sei von hier noch ungefähr einen Kilometer entfernt, kriege ich einen derartigen Zornanfall, dass eines der Kinder schließlich sagt, wenn ich jetzt nicht gleich zum Fluchen aufhöre, geht es keinen Schritt mehr weiter. Nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte. Das würde mir nämlich den blöden Zirkus ersparen, in den ich mich von Mutter Urban hatte schwatzen lassen. Zirkus macht mich narrisch, da bin ich wie der Horwath.
  Immerhin, und das wird Sie jetzt überraschen, das Adventkranzbinden war lässig; und wir haben jetzt ... weiter lesen ...
22.11.07

Freundschaft!

| Comments (0) | 11/07 | Freunde

Jetzt höre ich heimlich, weil der Lange mir sonst den Vogel zeigt, „Simon & Garfunkel: The Collection“, die mir der Kollege T. geborgt hat. Der Kollege T. und ich befechten uns für gewöhnlich mit vollkommen konträren Pop-Positionen, deren Gegensätzlichkeit sich damit illustrieren lässt, dass der Kollege T. die E-Street-Band liebt, von der ich jedes einzelne Mitglied mit strengem, lebenslangem Musizierverbot belegt sehen will. Was die eben wieder auf der neuen Springsteen angerichtet haben; Heiliger. Aber es gibt winzige Schnittflächen, bei denen der Kollege T. und ich uns unglaublich einig sind. Simon & Garfunkel! Ja. Immer.
Apropos Schittflächen, was tut man, wenn die Kinder endlich wieder mal zu den Kindern der Y.s wollen, man selbst aber nicht mehr zu den Y.s? Das kommt nun mal vor, dass man manche Freunde nicht ... weiter lesen ...
13.11.07

Ich bin noch auf Bewährung

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Die Breussin ruft an; ich hebe ab und sage, Breussin, tut mir leid, ich kann grad gar nicht. Das ist untertrieben. Tatsächlich passiert gerade folgendes gleichzeitig: Das Mädchenmimi, das mit dem Langen im steckengebliebenen Lift gefangen ist, will mit einem Strohhalm durchs Gitter mit Saft gefüttert werden, die erste der drei eingeladenen Freundinnen hat gerade meine Küche betreten und ist zur Begrüßung spontan in Tranen ausgebrochen, die zweite Freundin begehrt unten an der Haustür Einlass, die Zwiebeln von den Kässpätzle sind am Herd gerade in ihrer kritischen Phase und der Mann von der Liftfirma ruft, unmittelbar nach dem ich der Breussin aufgelegt habe, nochmal an, um sich zu erkundigen, ob der Techniker schon da ist.
Zum Glück sind nicht alle Abende so. An anderen Abenden werde ich einfach ganz normal von Theaternerds beschimpft. Das ist in Ordnung: Niemand

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24.10.07

Ich hab noch einen anderen Fink

| Comments (0) | 10/07 | Freunde

Der Fink: Fink, der Freund, Fink, der Spinner, smst am Samstag, als ich mir grad ein Brot schmiere, er will am Dienstag jassen, ich soll das organisieren. ich sms ihm mit klebrigen Fingern zurück: kann di leider nicht, mi auch nicht, gleichfalls nicht mo und do, sorri. Aber die Woche darauf kann ich jeden Tag, und das sms ich dem Fink. Dann sms ich dem Fink gleich hinterher: außer mi! Der Fink smst mir zurück: spitze, er kann fast immer. Also sms ich, während ich mein Ei löffle, dem Benni, wie´s bei ihm am Dienstag in einer Woche ausschaut, und der Benni smst, dass er in Spanien gerade dem warmen Meer entstiegen ist, was ich meiner Meinung nach nicht zu wissen brauche, und Dienstag super. Dann rühre ich einen Palatschinkenteig zusammen, und der Fink smst, also der Mittwoch wär ihm doch lieber, und ich smse, während die Butter

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21.09.07

Außer die Situation erfordert es

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Schön, dass man Brunnenmarkt immer Leute trifft, die man kennt, mal gekannt und schon lange nicht mehr gesehen hat, und damals war es oft dunkel und man war eventuell nudelfett. Jetzt steht man beim Yip-Hint an der Kassa oder im Biofritz-Lager mit einem Randig in der einen und einem Ziegenkäse in der anderen Hand, und, ah, du auch hier! Und freut sich ure, sich zu sehen, nur behindert der Umstand, dass man sacknüchtern ist und sich so so so samstagvormittäglich fühlt, die Konversation stark. Also, man weiß überhaupt nicht, was reden, entscheidet sich aber (ein weiterer gravierender Unterschied zu den einstigen Begegnungen) für: Süße Kinder! Du auch! Was ist denn das für eins? Und dann: hmm. Man will das Gegenüber ja nicht mit halbhirntotem Samstagsblabla fertigmachen. Ein Konversationskanon für Einkaufsvormittage am Brunnenmarkt wäre überfällig, aber bis dahin dreht man schließlich mit freundlichem Genicke ab zum Speck-Bauern, steckt die Nase ... weiter lesen ...
28.08.07

Schnäppchenjäger, grausliche

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Jetzt hab ich mir bei ebay einen Küchenlampenschirm aus denn 30er Jahren um einen Euro ersteigert, 1 Euro!, womit ich schlagartig zum Mitglied der ekelhaftesten Sekte der Welt wurde, der Schnäppchenjäger. Weah. Aber ich muss, weil bald eine Inspektion von Spießer-Experte Schnitzler droht, eine paar der schlimmsten Leiner- und XXX-Lutz-Teile durch altes Zeug ersetzen, das so ausschaut, als hätte ich es von Oma selig geerbt, von der ich in Wirklichkeit als einzige Erinnerung eine elektrische Zitruspresse von Philipps, ca. 1982, besitze. Oder als hätte ich es mit unbestechlichem Geschmack spottbillig bei einem kleinen Tandler ums Eck und in New York und Odessa gekauft, wie zum Beispiel dieser ... weiter lesen ...
20.07.07

Spiel schön weiter

| Comments (0) | 07/07 | Freunde

Eine Woche lang wurde der allgegenwärtige Vorarlberger Rasenmäher-Soundtrack von der Welt-Gymnaestrada übertönt, jetzt ist Sonntag, alles still, alle weg, enjoy the Silence. Die Gymnaestrada ist vorbei, was mir Recht ist, nachdem mich die Mimis eine Woche lang gezwungen haben, jeden Nachmittag punkt vier den örtlichen Marktplatz aufzusuchen, um dort bis lange nach Sonnenuntergang internationalen Gymnastiktruppen jeglichen Alters bei der Ausübung ihres Lieblingshobbies beizuwohnen. Eh sehr schön, aber ungefähr am vierten Tag hatte ich Gwen Stefanis bei Jazzgymnastikern über die Maßen beliebtes „Wind It up“ einmal zu oft gehört und sehnte den Sound of Rasenmäher heftig zurück. Am fünften Tag konne ich es keine Stunde länger ertragen, zwischen der Kletterluftburg und dem Kletterfelsen des Alpenvereins zu stehen, und meinen Kindern dabei zu zusehen, wie sie sich in langen ... weiter lesen ...
27.06.07

Sag es mit Binder & Krieglstein

| Comments (1) | 06/07 | Freunde

Diesmal sind wir einen halben Tag vor den Horwaths im Landhaus der Horwaths und hallo, ist der Garten grün. Fett. Alles explodiert in Blatt, Blüte und Frucht und, schau, die Ribisel sind auch reif, sie sind so reif und süß, dass sie die Kinder freiwillig mit vollen Händen in ihre Mäuler schaufeln. Wenn die Ribisel im Garten meiner Oma selig so reif war, plegte meine Oma uns Kinder und wen sie sonst erwischen konnte, mit Küberln zu behängen, und die Ribiseln wurden, bevor sie die Sonne vertrocknen und die Vögel fressen konnten, abgenommen, abgebeerlt, zu Marmelade verkocht, tschüss bis nächstes Jahr. Und weil ich so eine Streberin bin und immer die Suprigste und Patenteste sein will, nehm ich mir gleich ein Küberl und brock die Ribisel, und noch ein Küberl und noch eins, und während ich meinen Rücken trotz Hexenschusswarnung nicht schone, fühle ich mich unglaublich gut: Ich bin nämlich keine von denen, die ... weiter lesen ...
14.06.07

Mir ist so fad

| Comments (0) | 06/07 | Freunde

Das kühlste, was ich diesen Monat oder dieses Jahrtausend gesehen habe, war, wie Amy Winehouse bei den MTV Movie Awards „Rehab“ vortrug. Ich glaube nicht, dass das in absehbarer Zeit zu übertreffen sein wird, auch wenn das, was Vesely über Dylans Zürcher Hallenstadion-Auftritt berichtet, auf einen schönen Lauf des Meisters schließen lässt. Gut, Amy Winehouse ist zu dünn, was in ihrem Fall aber eine maximierende Wirkung auf ihre eh schon riesige Stimme hat und ihr zudem ermöglicht, winzige, schwarze Kleider zu tragen, die ihre Millionen Peckerl prächtig zur Geltung bringen. Unten turmhohe High Heels, oben turmhohe Haare, dazwischen Tanzminimalismus und schlechte Laune, bloß nicht lächeln, könnte als Anbiederung ausgelegt werden. Zum Schluss klatscht Winehaus seitlich dreimal in die Hände, mit ihren ziemlich outen Friseurinnenfingernägelfingern, und es ist so sagenhaft lässig, dass man sich fragt: Weiß sie das? Woher weiß sie das? Hat sie das wo gesehen? Oder hat ihr das wer beigebracht, ein Choreograph, hat er gesagt, du, Amy, schau, ganz zum Schluss klatscht du dir dreimal in die Hände, so seitlich neben der Hüfte, das schaut endkrass cool aus, und wir machen dir vorher noch eine total oute Friseurinnenfrenchmanicüre, damit machst du sie alle platt, und sie hat gesagt, na gut, wenn du das sagst, dann mach ich das halt?
  Über so Zeug hirne ich, vermutlich, um mich ... weiter lesen ...
14.06.07

Zum hungrigen Carnivoren

| Comments (0) | 06/07 | Freunde

Kommt mir auch schon wieder ewig her vor, dass ich von unserem Strand zur lokalen Konoba geschwommen bin, um einen Tisch zu reservieren: aus dem Wasser krabbeln, Bauch einziehen, über die Terrasse tropfen – 13 Personen, bitte – zurücktropfen, heimschwimmen. Kam gut an bei der restlichen Urlaubsgesellschaft. Brachte Boah-Punke. Es war aber überhaupt.... also, das beste an diesem Urlaub war: Alle Freunde, mit denen ich ihn machte, waren es hinterher immer noch. Das ist bitteschön nicht selbstverständlich und ein schönes Signal dafür, dass meine selbstgebastelten Demissbilligungs- und Ärgermanagementstrategien allmählich greifen.
  Immerhin kann man in so einem Urlaub auch andere Aggressionsbewältigungsmethodiken studieren, zum Beispiel am Horwath. Die ganze Woche lacht und scherzt der Horwath. Witzelt es klein, wenn er schon wieder den ganzen Planschbedarf allein vom Strand ins Haus geschleppt hat. Tut es mit einem Grinsen ab, wenn der Lange oder der Breuss schon wieder den ganzen Tag in dem einzigen Gartenklappsessel im Schatten kleben, den der Horwath aus einem Sperrgutcontainer rettete und extra für sich mit nach Kroatien nahm. Scherzt nur darüber, dass er schon zum dritten Mal an diesem Morgen die Espressokanne gefüllt und auf den Herd gestellt, aber selber noch keinen einzigen Kaffee erwischt hat. Zuckt völlig aus, als wir ihn an einem Mittag mit gefühlten 46 Grad im Schatten vorsichtig fragen, ob es schon der richtige Tag  ... weiter lesen ...
14.06.07

Darf ich vorstellen

| Comments (1) | 06/07 | Freunde

Weil Hauen, Prügeln und Liebesentzug nicht funktioniert haben, wurde jetzt ein Belohnungssystem eingeführt und es gibt Sternchen fürs Zimmeraufräumen und Sternchen für Probieren exotischer Gemüse wie Karfiol und Sternchen fürs Schieferziehen (wobei ich glaube, sie jagen sich die Dinger jetzt selber rein; das Schieferaufkommen stieg in den letzten Wochen eklatant) und Sternchen dafür, dass sie bei Autofahrten nicht mehr fragen, wie weit es jetzt noch ist. Wie wir jetzt aus Kroatien heimgefahren sind, gab es davon acht pro Kind, was es zu einer weisen, weitsichtigen Idee machte, dass ich die Belohnung, die es für zehn Sternchen gibt, schon lange besorgt hatte. Ich gute, vorausschauende Mutter, ich.
  Wie wir daheim ankommen, ist die Belohnung nicht auffindbar, nicht im Dachboden, wo ich sie hundertprozentig versteckt habe, nicht in meiner Unterhosenlade und nicht auf einem der oberen Regalbretter, was unsere Heimkehr zu einer wenig idyllischen Angelegenheit macht. Ganz abgesehen davon, dass es in Wien kein Meer gibt und keinen Strand und nicht mehr drei Mal täglich Schleckeis, und dass der kleine Horwath und der kleine Breuss nicht bei uns wohnen, wodurch sich die Lebensqualität der Mimis ja sowieso schlagartig minimierte. Und obwohl die Mimis, nachdem sie mit Süssigkeiten und morgen-ein-Film-Versprechungen sediert wurden, mittlerweile schlafen, hirne ich noch immer darüber nach, wo diese verdammte Belohnung hingekommen ist. Das war so ein flaches ... weiter lesen ...
25.04.07

Second Life

| Comments (0) | 04/07 | Freunde

Es ist ein schöner Anblick, wie der Herr Wiener Intellektuelle die Spitzhacke in die steinige Erde rammt, im Versuch, eine kleine Birke ihrer Heimaterde zu entwurzeln. Er wirkt glücklich. Die Birke steht dem Horwath in seinem Waldviertler Hof im Weg; der Herr Wiener Intellektuelle Schnitzler hat vor seinem Waldviertler Hof eine Birke zuwenig. Die Frau Wiener Intellektuelle steht dabei, gibt komplexe Anweisungen und scheucht die kleineren Kinder aus dem Schwingradius der Spitzhacke, während der größere Intellektuellen-Bub schon mal einen perfekten Seemannsknoten an Horwaths alten 15er-Steyr seilt. Das ist unser Second Life: An Wochenenden schwingen wir gern den Spaten, rupfen Bäume aus und fahren mit dem Traktor. Nur der Lange macht unterdessen lieber Tsatstsiki; ist besser so.
  Anderntags weckt uns um viertel nach sechs eins der Kinder, um uns davon in Kenntnis zu setzen, dass wir beim Einschlafen anders lagen. In diesem Durcheinander könne sie nicht weiterschlafen. Ich dann auch nicht mehr; also helfe ich dem Horwath beim Aufräumen des ... weiter lesen ...
4.04.07

Wir haben noch was vor

| Comments (1) | 04/07 | Freunde

Seit sie den Limmatquai für den Autoverkehr gesperrt haben, hat sich das Schanigartenaufkommen in Zürich schlagartig vervielfacht. Wenngleich der Zwinglianer sich ungern bei untätiger Herumsitzerei an der frischen Luft ertappen lässt, das hält der Zwinglianer für eine Sünde, auf die im Zwinglianerpurgatorium verschärftes Aua steht, weshalb in den Zürcher Schanigärten praktisch nur Zürcher mit Migrationshintergrund und Touristen sitzen. Der Zürcher verbirgt eventuelle Fauhlheit hinter Vorhängen und Koniferen. Zum Glück verfügen die meisten meiner Zürcher Freunde über einen Migrationshintergrund oder einen Hang zur Touristerei im Heimatland, denn als ich an einem Donnerstag nachmittag um 16.30 Uhr bei Carmen eintreffe, findet Carmen, dass man zur Feier des Tages jetzt sofort mit einem Wodka Tonic anstoßen müsse, zuerst mit einem steifen, dann mit einem freundlichen, weil wir haben noch was Wichtiges vor. Wir müssen zur Premiere von Haemmerlis Film, und das ist nicht nur wichtig, weil Haemmerli, wie die anhänglicheren unter meinen Leserinnen wissen, mein Freund und Carmens Liebster ist, sondern weil der Film, wie ich anhand des Trailers (www.messiemother.com/film) bereits ahnte und ein paar Stunden später bestätigt bekomme, wirklich, wirklich gut geworden ist. Wirklich gut. 
  Was erst nur als Videodokumentation gedacht war, ist jetzte in Kinofilm mit dem Titel „Sieben Mulden und eine Leiche“ und handelt von Haemmerlis Mutter und wie sie vor zwei Jahren, als Haemmerli eben in aller Form vierzig werden wollte (ich hatte ihm dafür schon einen sehr lauten und dann sehr unpassenden Wiener- ... weiter lesen ...
22.02.07

Wie man unvernünftig 50 wird

| Comments (0) | 02/07 | Freunde

Seinen 50. Geburtstag feierte Herbert Molin vorgestern ohne Gesülze und ohne Torte, sondern, wie es sich für einen wie ihn gehört, auf der Bühne seines Gürtellokals rhiz: mit einem nicht 100prozentig  peinlichkeitsfreien, vom Publikum gleichwohl heftig akklamierten Kurzauftritt seiner Band The Thorns. Natürlich haben sich die schon in den späten 1980ern aufgelöst, aber für  einen Anlass wie den 50er von Sänger Molin frischt man im Proberaum gern wieder mal drei oder vier Nummern auf.
Wie zuletzt beim 20. Geburtstag der Blue Box, die Molin Ende 1983 gemeinsam mit Partnern im 7. Bezirk eröffnete, und die entscheidend zum Erwachen Wiens, zur Verjüngung und Befindlichkeitsmodernisierung beitrug. Eine Wiener „Szene“ existierte davor ja nur in Mikrospuren:  mit und in der Blue Box, vom  Falter einmal als „New Wave-Hawelka“  bezeichnet, erblühte sie prächtig. Wienerisches wie zugereistes Jungvolk mit popkulturellen Ambitionen fand dort  seinesgleichen und formierte, unter tätiger Mitwirkung des hündisch respektierten Personals, Bands, Beziehungen, Kunst- und Kulturkollektive, Familien und, wie der Molin-50er zeigte, anhaltende Freundschaften.  Immer stabil mittendrin: Wirt Molin.
Seine Anteile an der Blue Box verkaufte Herbie Molin vor wenigen Jahren , die am Musiklokal B72 kürzlich ebenfalls: Das hatte  er in den 90ern, kurze Zeit nach dem rhiz, in den Gürtelbögen eröffnet. Auch bei  der popkulturellen Urbarmachung des Gürtels war Molin einer der ersten vor Ort.
Jetzt ist er also im Ehrenzeichenalter, wenngleich es ihm noch immer am würdigen Ernst mangelt.  Heute wird im Badeschiff noch einmal gefeiert, wieder mit unvernünftig lauter Musik und vermutlich wieder Torten- und Sülzefrei:  wie es einem wie dem Molin eben ansteht.
25.01.07

Lob der Blasmusik

| Comments (1) | 01/07 | Freunde

Nichts gegen die Blasmusik, bitte. Die Blasmusik ist etwas Wunderbares, außer vielleicht, man ist Landeshauptmann oder Bürgermeisterin, hat in der Silvesternacht  ausgiebig gefeiert, und verlässlich trompetet einem, kaum ist neue Jahr  zehn Stunden alt ist, die örtliche Blasmusik  vor  der Tür das Schädelweh wach. Und außer vielleicht, man ist Blasmusiker, hat in der Silvesternacht ausführlich gefeiert, und muss, Schmerz, zwei Stunden später einen Würdenträger ins neue Jahr posaunen.
Und außer man wohnt direkt neben dem lokalen Blasmusikheim und mag keine Blasmusik. Und außer natürlich, man ist eine Blasmusikerin mit kräftigen Wadeln und wird gezwungen, diese mit weißwollenen Stulpenstutzen zu betonen.
 Aber das sind natürlich marginale Probleme im Vergleich mit dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Blasmusik. Dieser Nutzen ist unschätzbar.  Ist der junge Mensch –  und in Österreich sind das  80.000 – Mitglied einer der 2400 Blasmusikkapellen, probt er ein bis zweimal wöchentlich im Kreise Gleichgesinnter im Blasmusikheim, kann also in dieser Zeit keine Drogen nehmen, keine Killerspiele spielen, nicht ungewollt schwanger werden oder sonstigen Unfug anstellen, der ihm einfallen könnte, wäre er nicht bei der Blasmusik.
 Er hat mit der  Blasmusik schöne Gemeinschaftserlebnisse und bereist mit ihr die Welt, manchmal sogar bis nach Wien hinein, wo er  beim Blasmusik-Treffen einmal im Jahr auch Menschen wecken darf, die keine Würdenträger sind. Er ist zumindest periodisch anständig angezogen, also die Hose über  der Unterhose,  den Bauch- und Hüftspeck unter gnädiger Bedeckung. Wenn also die Blasmusik nicht gemeinnützig und studiengebührenbefreiungwürdig  sein soll, fragt man sich schon, was dann.
7.12.06

Das Gedächtnis des Körpers

| Comments (1) | 12/06 | Freunde

Großes, dramatisches Gehtsdirnoch, Jetzthatsdichaberkomplett plus extensives Vogelgezeige nach der letzten Kolumne. Bei der Glockenmarkt-Eröffnung* wurde ich tüchtig verlacht, der Freundeskreis ist genervt wegen der gestörten Kochangeberei und aufgebracht wegen meines Feldzugs gegen fernsehende Kinder; spinnst denn du, du gräbst uns doch die letzten Ruhe-Reserven ab, was soll jetzt plötzlich schlecht sein an pädagogisch wertvollem Kinder-TV. Das: dass ich pädagogisch wertvolles TV zwischenzeitlich für eine Contradictio in adjecto halte. Und dass ich finde, es könnten ruhig wieder mal ein paar frische Mindeststandards eingezogen werden, und wenn die bitte in meiner Umgebung nicht allzu offensiv unterschritten wü... Ja, ich halt eh schon mein Maul.
   Mit meiner Kocherei aber liege ich, wie mir die „Zeit“ diese Woche bestätigt, im Trend, denn „das Bürgertum“, so steht dort geschrieben, „inszeniert sich heute an seinen Herdplatten“. (So fertig bin ich, dass ich mich mittlerweile vom Begriff „Bürgertum“ erfasst fühle.) Die „Zeit“ hat ein gutes ... weiter lesen ...
11.11.06

Von ganz, ganz innen

| Comments (2) | 11/06 | Freunde

Wie wir kürzlich auf diesem Kindergeburtstag eingeladen waren, kam ich neben einer Mutter zu sitzen. Nona. Wir plauderten so. Man ist ja höflich, man will ja nicht schon beim Anschnitt des Geburtstagskuchens den schlechten Eindruck hinterlassen. Den schlechten Eindruck hinterlass ich lieber später, wenn die braven Mütter schon heimgegangen sind, während man selbst gerade mal deutlich eine Meinung formuliert, zu zu zu, ich weiß nicht: zu Elitekindergärten, zu den Koalitionsverhandlungen, zur Fischqualität in Wien, zu Müttern ohne Makel. Ja, zu Müttern ohne Makel, weil in irgendeinem Magazin hat immer grad eine wieder ihre fleckenlose Entspanntheit hergezeigt: ach, drei, vier Kinder, Haushalt und Beruf, das schafft man mit einem bisschen guten Willen, etwas Organisationstalent und vor allem ganz, ganz viel Liebe doch wie nix. Die zwei bis drei Kindermädchen und/oder Euromillionen, die der Gatte jährlich heimträgt, bleiben unerwähnt, weil die haben mit der Gelassenheit nichts zu tun, denn so eine Gelassenheit kommt von innen, wissen Sie: von ganz, ganz innen.
  Aber noch plaudern wir höflich; die Mutter neben mir ist sogar derart höflich, mich zu fragen, was ich so mache. Ich sags ihr halt, und sie sagt, ach Sie sind die?, und dass sie das manchmal liest, und mich, also jetzt vom Foto her, gar nicht erkannt hätte. Das ist schon ok, aber nicht ok ist, dass sie dann sagt, aber, naja, auf dem Foto sei ich halt doch wohl EINIGE Jährchen jünger als jetzt. Ich zeige ein fleckenloses gelassene-Mutter-Lächeln und sage jaja, stimmt, haha. In Wirklichkeit ist das Foto knapp zwei Jahre alt und ich bin ehrlich gesagt, schockiert, weil ich offenbar akkurat die Realität ... weiter lesen ...
26.10.06

Die Hunnen, sagt Roger

| Comments (2) | 10/06 | Freunde

Und jetzt schlafen die Kinder ein zur Stimme von Beth Orton, die drüben im Zimmer, in dem die Mutter sitzt und arbeitet, wieder und wieder Leonhard Cohens „Sisters of Mercy“ singt, und eine schönere Art, einen langen Tag zu beenden, kann es doch gar nicht geben, oder. Und eine lange, anstrengende Woche, eine Woche, nach der ich mir sage: es muss anders werden. Die Kinder haben zu viele Termine. Die Kinder haben zuwenig Zeit, um einfach zuhause zu sein und zu spielen und sich zu langweilen. Aber. Wir sind so viel eingeladen. Und wir sind von so netten Menschen eingeladen, wo man nicht nein sagt, wenn die sagen: wie gings euch am Montag? Sondern wo man sagt, super, am Montag gings uns gut.
Am Dienstag, als ich mit Lotte und der Kaiserin vorm Palmenhaus in der Sonne sitze, radelt der Roger vorbei und bleibt stehen und trägt dabei eine sagenhaft lässige ... weiter lesen ...
13.10.06

Das geht sich schon aus

| Comments (0) | 10/06 | Freunde


Wenn ich mir bei Ikea einen Tisch kaufe irgendetwas aus gepresstem Abfall um 19,90 vermesse ich mich nicht. Der passt wie reingezimmert dorthin, wo ich ihn hinimaginiert habe. Wenn ich mir mein erstes Möbelstück maßschneidern lasse, einen schmalen Schreibtisch aus schönem Holz in einem eleganten Metallgestell, der genau in die Lücke zwischen Sofa und Wand passt, dann ist er fünf Zentimeter zu breit. Ich bin fassungslos, die Frau des Schreibtischdesigners ist fassungslos, der Schreibtischdesigner ist fassungslos, weil er nicht glauben kann, wie jemand so deppert sein kann, nur in Tischplattenhöhe zu messen und nicht am Boden, wo doch jeder Trottel die Wände in Altbauten kennt, und, sind wir uns ehrlich, selbst wenn das am Boden gemessen worden wäre, ginge sich das im Leben nicht aus. Es handelt sich hier einen eindeutigen Fall von Messversagen auf Kundenseite. Der Schreibtisch an sich ist perfekt, seine Optik leidet nur sehr darunter, dass er eher überzählig in einem Wohnzimmer herumsteht, das von einem großen Eck-Sofa, einem großen Esstisch mit sechs fetten Sesseln und meinem großen Schreibtisch bereits weitgehend zur Unbegehbarkeit verdammt ist: das Spielzeug noch nicht eingerechnet, das jeden Zentimeter der Grundflächengesamtheit unserer Wohnung knöcheltief bedeckt, ausgenommen das Spielzimmer. Das war ein Witz: das Spielzimmer auch.

Erst nachdem der Schreibtischdesigner und seine Frau mit ungesund verdrehten Augen abgezogen sind, kommt mir die Idee, und ich hole die Stichsäge und kürze das Sofa eckseitig um fünf Zentimeter. Das klingt jetzt ruinöser als es ist: Tatsächlich entspricht das Ensemble samt Schreibisch jetzt in etwa dem innenarchitektonischen Äquvivalent einer SPÖ-Regierung mit einem Gusenbauer im Kanzleramt. Als hätte er immer schon da reingepasst; ich hab doch gesagt, dass sich das schon ausgeht, und dass einer nur Kanzler wird, indem er es ist... So wie der Tisch ja auch erst Schreibtisch wird, indem der Lange ihn benutzt.

Aber der Lange braucht keinen Schreibisch. Ich brauch keinen Schreibtisch, sagte der Lange. Eh nicht, er hatte ja meinen. Aber ein Schreibtisch ist eine überaus persönliche Sache, vor allem ein derart brutal unordentlicher Schreibtisch wie meiner, ständig bringt mir der Lange meine Unordnung durcheinander, das geht so nicht weiter. Ich brauch keinen Schreibtisch, sagte der Lange, so wie er gesagt hat, dass er keinen eigenen Laptop braucht (Doch. Brauchst du. Definitiv.) und früher einmal definitiv kein so ein saublödes Schischi-Deppen-Handy gebraucht hat, wieso schenkst du mir so einen Scheiß?

Der Designerschreibtisch (der Lange: aha, schön, aber ich brauch ihn echt nicht) wird innerhalb von zwanzig Minuten unter Substance"- und "Rave-up"-Sackerl, Zettelhaufen, alten Zeitungen, CD-Stapeln und dem Laptop des Langen samt dranmontiertem Langem faktisch unsichtbar. Jetzt fügt er sich perfekt in unser Wohnzimmer ein.

25.09.06

Guten Tag, Herr Misik!

| Comments (0) | 09/06 | Freunde

Robert Misik hat jetzt auch einen blog - und wenn sowas bei jemandem wirklich Sinn macht, dann bei einem Viel- und Vielerortsschreiber wie ihm. Sagen wir servus!
26.08.06

Auf Wiedersehen

| Comments (8) | 08/06 | Freunde

Dann kränke ich mich und es fällt mir ein, dass ich, als Manu nicht wusste, ob sie den Job annehmen soll oder nicht, einen ganzen Abend mit ihr an meinem Küchentisch sass und wir sprachen über den Job, über die Fürs und Widers, und gekocht hatte ich ihr auch. Überhaupt kochen ihr der Lange und ich ständig was, immer wieder sind Manu und Gruber zum Essen bei uns eingeladen, und dann sitzen sie bei uns am Tisch und essen Vorspeise, Nachspeise und Dessert und trinken Wein, gut, einen Wein bringen sie immer mit, aber wann bin eigentlich ich das letzte Mal an Manus Tischchen gesessen und hab von Manus Tellerchen gegessen und aus ihrem Becherchen getrunken? Dass muss, ohne Scheiss, 2000 gewesen sein, nein warte!, 1999 war das!, lange, bevor ich die Mimis hatte und lange bevor mich Köppel nach Zürich geholt hat und ich anfing, diese Kolumne zu schreiben, ja: 1999 war das, und es gab Osso Bucco und danach gabs nie wieder was. Nicht bei Manu, aber bei uns schon, immer wieder, aber wir, wir haben ja die Mimis und ... weiter lesen ...
12.07.06

Klenks Watchblog

| Comments (0) | 07/06 | Freunde

klenkDas ist Florian Klenk, der beste Journalist Österreichs, derzeit beschäftigt bei der "Zeit". Er hat auch einen Blog: so elegant wie interessant. watch it: www.florianklenk.com
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