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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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Visuelles Konzept:
Christina Goestl + Boris Kopeinig

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12.05.10

Sucht euch gefälligst einen andern Gast

| Comments (0) | 05/10 | Kunst & Kultur

So wie es ausschaut werde ich heute Abend etwas tun, das sowohl mit meiner Natur als auch mit meinen Prinzipien üblicherweise kein sehr harmonisches Verhältnis am Laufen hat und vermutlich auch künftig nicht haben wird: Ich werde im Rahmen einer Theaterproduktion auf einer Theaterbühne stehen. Natürlich habe ich die Hosen bis übern Bund voll und bereue schon seit Tagen bitterlich, dass ich mich dazu habe überreden lassen. Ach was, man musste mich nicht einmal überreden. Harald Posch von der Garage X sagte einfach nur: Schorsch Kamerun will dich. Und ich sagte: Bin schon da, wann, wo? Weil: Schorsch Kamerun. Schorsch Kamerun, von Goldenen Zitronen, wers nicht weiß, habe ich ja sehr gern . Immer schon gehabt. Schätze ich außerordentlich, ist einer dieser richtig guten Männer, von denen es irgendwie nie genug gibt: gescheit, streitbar, kreativ, laut, mutig. Wobei ich insgeheim natürlich nicht ganz verstehe, wie sich so einer mit dem Theater einlassen kann, aber wenn es Kamerun tut, kann es wohl nicht ganz verreckt sein. Und außerdem bin ich allmählich geneigt, Annas Wording zu folgen, dass meine Probleme mit dem Theater MEINE Probleme seien und nicht die des Theaters. Obwohl. Ganz überzeugt bin ich davon nicht, und soviel ich weiß, hat sich Anna in den letzten Wochen aus mehreren hochgelobten Aufführungen heimlich geschlichen und mir aus anderen, aus denen es sich nicht heimlich schleichen ließ, SMSe des Inhalts "Ich stähärbäääää!" geschickt. Es ist also auch Annas Affäre mit dem Theater nicht mehr ganz so verschmust und frei von Friktionen wie einst. Was meinereiner einerseits einen hochbefriedigten Händerieb verschafft, mich andererseits aber trotzdem nicht daran hinderte, meine Partizipation an dieser Kamerun-Produktion völlig gedankenlos zu versprechen. Fehler, Fehler, Fehler. Fehler! Denn es hieß, es gehe um die Teilnahme an einer Jury und Popkultur und vergebliche Versuche, und das kann ich alles so einigermaßen. Allerdings ging es in der ersten Besprechung auch darum, ob ich dabei ein Kostüm tragen würdemüssesolle, und da stieß ich gleich brutal an die Grenzen meiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Vergeblichkeit. Mich kann man ja schon mit den verhaltendsten Andeutungen völlig harmloser Dress Codes von Feierlichkeiten fernhalten: Ich soll mich verkleiden? Sorry, geht GAR nicht, sucht euch gefälligst einen andern Gast. Ich weiß auch nicht warum, vielleicht hat man mich als Kind einmal zu oft in ein Clownkostüm gesteckt, ich weiß auch nicht. Die Chancen, dass ich heute auf der Bühne der Garage X einen pipifeinen Nervenzusammenbruch erleide, stehen also nicht schlecht. Wenn Sie auf derlei gut verzichten können, schauen Sie sich Kameruns Stück lieber morgen oder übermorgen an. Da bin ich schon in der Geschlossenen. Schorsch Kamerun: Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur. Garage X, Petersplatz 1, 12., 13. und 14. Mai, 20 Uhr.
6.05.10

Offiziell liest sie Arno Geiger.

| Comments (0) | 05/10 | Kunst & Kultur

Jetzt habe ich 60 Stunden nicht geraucht, drei komplette Aufwachphasen ohne die je drei Aufwachzigaretten überstanden; die Rauchentwöhnung ist also so gut wie vollbracht. Und es war, wie ich prophezeit hatte, kollossal hilfreich, sie unter mütterlicher Aufsicht durchzuführen, denn wenn meine Mutter sagt „wie kann man nur?“, dann will man das, was man nur kann, zuverlässig lieber so schnell wie möglich nicht mehr können. Was sich auch abseits des Nikotinentzugs wieder zeigte: Man glaubt nur, man habe bestimmte Alltags- und Kulturtechniken längst soweit perfektioniert, dass ein relativ unfallfreies und gesetzestreues Überleben in Stadt und am Land möglich ist. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Tätigkeit, die nicht massiv verbesserungswürdig wäre, kaum einen Handgriff, den man nicht sehr viel effizienter durchführen könnte. Dabei sind die meinen wirklich vorbildliche, offene, unübergriffige Eltern. Solange ihre Kinder glücklich sind, mischen sich diese Eltern nie in deren große Lebensentwürfe ein, selbst wenn die Weltanschauungsübereinstimmung ganz nahe an der Nullline herumhoppelt. Über die elementaren Ideologie-Differenzen können sie in gelassenster Großzügigkeit hinwegsehen. Über praktische Defizite nicht. So wie letzte Woche der Lange auf der Gartenbank saß und dem Gras beim Wachsen zusah, sitzt jetzt meine Mutter auf der Gartenbank und sieht ihrer Tochter beim Rasenmähen zu. Also, sie sieht nicht zu, und zwar sehr aufdringlich nicht. Offiziell liest sie Arno Geiger. Inoffiziell beäugt sie mich, und zwar so lange, bis ich den Rasenmäher abstelle und sage: Was!!! Ich will dir nicht dreinreden!, sagte meine Mutter. Was, Mutter, sage ich, werde es los. Ich will mich wirklich nicht einmischen, sagt meine Mutter, aber tätest du dir nicht leichter, wenn du nicht über das schon gemähte Gras drübermähst? Und wenn du das Ding da an der Seite vom Rasenmäher abmontierst, da verstopft sich ja immer das Gras darin. Und sie hat natürlich recht, und trotzdem oder gerade deshalb will ich die Hauswand hochgehen, weil egal, wie lange man brav bewiesen hat, dass man den Titel „erwachsen“ mit Fug und Berechtigung trägt: Kaum sitzt die Mutter auf der Gartenbank, weiß man wieder, dass man es nicht tut: Man ist nur eine Betrügerin, man hat das Erwachsensein nur vorgetäuscht und jetzt wurde man erwischt. Und es erwischt einen nicht nur Mutter, sondern auch das eigene Kind, das bei meiner moralischen Demontage etwas subtiler vorgeht, indem es seit neuestem ansprechende, kleine Geschichten verfasst, an deren Ende immer zuverlässig die Mutter stirbt: entweder aus Gram über den Tod ihrer aufgrund mütterlicher Vernachlässigung tragisch verreckten Kinder und/oder weil sie zuviel Algahol getrunken und Tschigg geraucht hat. Ja, ich weiß, dass mir das zu denken geben sollte. Immerhin, ich rauche jetzt nicht mehr.
20.04.10

Das passt nicht zum Langen, dieses Lächeln

| Comments (0) | 04/10 | Kunst & Kultur

Das war pädagogisch eher bedenklich. Gebe ich unumwunden zu. Ich habe auch gleich die Hortbetreuerin angerufen und gesagt, bevor du es von den Kindern erfährst, ich gestehe alles. Denn damit die Kinder uns nicht zwingen, am Sonntag in aller Herrgottsfrühe nach Wien hineinzufahren, damit sie beim Marathon einen Kilometer im Pulk laufen und dann eine Medaille abgreifen können, haben wir mit ihnen einen Deal gemacht: Ihr verzichtet auf den Marathon, wir bleiben im Waldviertel, und ihr bekommt dafür diese Nintendo-Speicherkarte, wegen der ihr uns permanent auf den Sack geht. Mit 25 Spielen darauf. Die Kinder haben gesagt: okay. So macht man das als echter Pharisäer: Man predigt Kinder-Bewegung und drängt ihnen dann ersatzweise etwas auf, bei dem sie blöd herumsitzen und fett und deppert werden. Bekannte mit frischen Säuglingen erklären mir, dass ihr Kind aber garantiert nie einen Nintendo bekommt, aber erstens kann das Baby halt noch nicht widersprechen, und zweitens halte ich das, ja, sogar für möglich, aber nur weil es in sieben Jahren wesentlich geileres Computer-Verblödungszeugs geben und der Nintendo dann im Subotron-Shop als Antiquität verkauft werden wird. Das Ergebnis war, dass mich das eine Mimi am Samstag um zehn nach sechs geweckt hat, damit ich die Nintendos herausgebe. Ich musste ihm drohen, dass es das Ding bis Weihnachten nicht mehr zu sehen bekommt, wenn es das noch einmal macht, und so konnte ich am Sonntag bis sieben Uhr ausschlafen. Aber bitte. Man muss das positiv sehen. Ich weiß im Moment gerade nicht wie, aber ich kann jetzt nicht plötzlich mit negativer Weltsicht kommen, wo ich den Langen eben erst dazu überredet habe, das Leben auch einmal ein bisschen positiver zu betrachten, es sei wahrlich nicht immer alles so geschissen, wie er es immer sehe!, man müsse nicht immer schimpfen!, man könne das auch anders betrachten, freundlicher! Worauf der Lange jetzt tatsächlich positiv denkt, und zwar auf eine so radikale Weise, dass ich mir heimlich wünsche, er möge wieder zu seinem alten Grumpyismus zurückfinden. Der Lange findet jetzt alles total super. Und er lächelt nun manchmal, das macht mich extrem nervös. Das passt nicht zum Langen, dieses Lächeln. Ich bin es nicht gewohnt, die Zähne des Langen außerhalb der Essenszeiten zu Gesicht zu bekommen. Er schreibt jetzt von Orten, von denen er gewöhnlich Ich-wäre-eigentlich-lieber-tot-als-hier-SMSe schickt, Botschaften mit Inhalten wie: es ist wunderbar hier. man muss nur auf die menschen zugehen, das ist das geheimnis. Und ja! Das finde ich wirklich! Ich glaube an Freundlichkeit und die Kraft ihrer Potenzierung! Aber wenn es vom Langen kommt, ist es irgendwie spooky. Andererseits glaube ich eh nicht, dass es anhält. Ich gebe ihm eine Woche, dann ist er wieder der Alte. Acht Tage, neun höchstens, dann schimpft er wieder ganz normal.
30.03.10

Ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut

| Comments (0) | 03/10 | Kunst & Kultur

Muss heute Büsche galore besorgen und eilends einpflanzen. Der nachbarliche Rohbau tut mir in den Augen weh. Sind nette Menschen, die Rohbauer, und wir schauen ihnen jetzt schon das dritte Jahr zu, wie sie Wochenende für Wochenende je drei Ziegel aufmauern und dann pro Ziegel erschöpft je zwei Bier trinken. Andere Nachbarn haben erzählt, die Rohbauer planten, ihr Haus fertig zu haben, wenn sie in Pension gehen, und die Rohbauer sind etwa in unserem Alter und arbeiten, soweit mir bekannt ist, nicht bei Post und Bundesbahn. Muss also Büsche besorgen. Wir suchten gestern abend, nach dem Essen bei Horwaths, in den Horwathschen Baumbüchern nach dichten, schnellwachsenden Bäumen, und Pfirsich, Kirsche, Zwetschke leider nein. Holunder und Haselnüsse, das wirds. Man ist wieder am Land. Die Kinder hämmern zufrieden Nägel in Bretter. Der Lange verdaute schnell die schöne Hilde-Party, die noch schöner gewesen wäre, wenn wir nicht aufgelegt hätten. No more, absofuckinglutely no more Party-DJing. Ich hatte dem Hilde-Mann gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist, ich habe noch die Mails, in denen ich ihm erklärte, dass das nicht funktioniert, denn auch wenn er und die Hilde hundert Mal sagen, dass wir spielen können, was uns Spaß macht: Die Gäste von so einer Party sehen das nie so, für die bist du Personal, das genau das zu spielen hat, zu dem sie gern tanzen, was immer irgendetwas aus den Achtziger Jahren ist, zu dem sie letztes Mal so geil getanzt haben. Und auf dieser Party gab es ein paar Gäste, äh, ja. Also, ich gab nach fünf Nummern auf und übergab an den Langen, der das normal besser drauf hat mit der Tanzmusik. Und der hätte einfach auch nach fünf Nummern aufgeben sollen, aber der Lange ist ein sturer Hund, der sich von blonden Mauserln nicht sagen lässt, was er zu tun hat. Bald konnte ich von der Bar aus beobachten, wie der Lange und der Freund von der Blonden über das DJ-Pult hinweg ein einschlägiges Gespräch führten. Mit so nach hinten gereckten Fäusten, Nase an Nase, wo man sich denkt: ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut. Der Lange hatte der Blonden wohl nach ihrem fünften spiel-gefälligst-Auftritt gesagt, sie möge sich schleichen. Der Freund von der Blonden hatte dem Langen wohl gesagt, so rede er aber nicht mit seiner Freundin. Der Lange hatte dem Freund wohl gesagt, und er schleiche sich bitte gleich mit etcetera etcetera. Daraus lernen wir dreierlei: Erstens, ich bin ein Sitzmusik-DJ, zweitens der Lange auch, drittens man bleibt am besten immer in seinem eigenen kleinen Biotop mit seinen eigenen Leuten, die auf solche Ideen gar nicht kommen. Natürlich macht man sich so keine Freunde, aber: brauchen wir auch nicht. Die paar, die uns aushalten, haben wir schon; die Hilde ist uns, glaub ich, eh nicht mehr bös, und da kommt schon der Horwath, und, schau, er hat einen Busch unterm Arm.
23.03.10

Der Selbsthass steht erst bei den Brustwarzen

| Comments (0) | 03/10 | Kunst & Kultur

Man muss die Dinge genau so lange liegen lassen, bis man vor Angst kurz vor dem Herzinfarkt steht und keine Nacht mehr durchschläft. Die Angst muss einem auf der Seele liegen und auf den Magen schlagen. Der Selbsthass muss einem bis einen Millimeter unter den Nasenlöchern stehen. Praktisch ist, wenn man in so einem Fall über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt, die einen gelehrt hat, dass es dann, unmittelbar bevor man mit einer Panik-Attacke eingeliefert wird, auf einmal geht. Darauf vertraue ich jetzt erst einmal. Das große, das zukunftsweisende Projekt wurde projektiert, dingfest gemacht und auch letzte Woche wieder offensiv vertrödelt, ist ja noch Zeit. Der Selbsthass steht auch erst knapp bei den Brustwarzen, das reicht nicht, das ist für einen kreativen Schub noch lang nicht genug, da geht noch was. Das kleinere Projekt dagegen ist so gut wie im Kasten, nur eins der Mimis, die dafür je zwei völlig unschuldige Körperteile für ein Buch-Cover in eine Kamera halten sollten, ist jetzt doch nicht bereit, bei dem Unsinn mitzumachen. Sicher nicht, such dir ein anderes Kind. Will ich nicht, ich brauch dich. Nein. Du kriegst einen Euro. Hahaha. Drei Euro. Nein. Fünf! Trotzdem nicht. Aber der Fotograf hat schon gaaanz berühmte Leute fotografiert, zum Beispiel die Christina Stürmer und den Bundespräsidenten! Mir wurscht. Du machst da mit, Herrschaftszeiten! Nein. Ich werde Anna auf das Mimi ansetzen müssen, von Anna fühlt das Kind sich verstanden, ganz anders als von seiner blöden Mutter, die immer nur herumkeppelt, einen zum Essen, zum Baden und zum Schlafen zwingt, einen in der Früh aus dem Traum reißt, nie mit einem das "Frühlingsfest der Volksmusik" anschaut und einem nicht einmal Geschenke mitbringt, wenn sie verreist. Dabei ist es ein klares Geburtsrecht jedes Kindes, dass Eltern, die mit Koffern das Haus verlassen, mit Geschenken wiederzukommen haben. Das ist ein DJ-Koffer, Schatzl, ich verreise nicht, ich lege nur im phil auf. Es ist ein Koffer, bring mir was mit. Anna bringt mir auch immer was mit. Anna wird das machen, das mit der Fotosache, das ist sie mir auch schuldig, wenn sie schon unbedingt ihre perverse Veranlagung an den Mimis ausleben muss. Denn Anna schaut so gern das Dingsfest der Volksmusik, aber sie schaut es nicht gern allein, und außer den Mimis, die sich alles anschauen, solange es nicht gruselig ist, macht das ja keiner mit. Ich habe versucht, den Kindern zu erklären, dass das aber wohl gruselig ist, Entschuldigung, das ist womöglich das Gruseligste, was das Fernsehen überhaupt zu bieten hat, aber ich finde wie stets kein Gehör. Und in Anna diesmal keine Komplizin, sondern darf mir jetzt 24/7 volkstümliche Lieder aus Kinderkehlen anhören, Schwerpunkt Liebe im Frühling. Herrlich, vergeltsgott. Dafür regelst du das mit dem Foto, dankeschön, dann bin ich eventuell bereit, das zu verzeihen, e-ven-tu-ell.
2.03.10

Lass uns Freunde bleiben

| Comments (0) | 03/10 | Kunst & Kultur

Am Tag danach fühlte ich mich wie eine Frau, die nachts zuvor gegen zwei Uhr früh vor der total angesagten Bar 3 in der Linienstraße einen Schwächeanfall erlitten hatte. Immerhin in einem Winkel, in dem ich von Rainald Goetz, der inwendig Bier trank, dabei nicht beobachtet werden konnte. Reverend Tobi Müller, von dem ich mich kurz davor sehr eilig verabschiedet hatte, sah mich auch nicht, und Herr Daniel Schreiber, ein attraktiver Kolumnistenkollege von der Zeitschrift Cicero, hatte die Lokalität dankenswerterweise bereits früher verlassen, so dass er nicht Zeuge des nachlassenden Stehvermögens der Wiener Kreativwirtschaft wurde. Wobei: Anna stand noch. Ich hatte aber, das kann ich reinen Gewissens notieren, den ganzen Abend nur fünf Weißweinschorlen konsumiert, es lag also nicht daran, dass ich die 14-tägige Phase des selbstgewählten Temperenzlertums mit einem krachenden Exzess beendet hätte. Nein, ich hatte sogar den Hauptteil des besagten Abends in einer feuilletonistisch wertvollen Kulturveranstaltung verbracht und bin jetzt auch Pollesch-Fan. Womit ich mich zugegebenermaßen nicht als Trendsetterin ausweise, denn ohne Zweifel bin ich hiermit der letzte Pollesch-Fan im deutschsprachigen Kulturraum. Alle anderen waren es schon längst, auch Schreiber, mit dem ich bei der anschließenden Nachbesprechung ein bilaterales Erwähnungsabkommen verabschiedete, das von meiner Seite hiermit als erfüllt, wenn nicht übererfüllt betrachtet werden kann. Ich war - erwähnte ich das schon? – mit Anna in Berlin und wurde postpollesch von einheimischen Szenewizzards in die Karl-Marx-Allee und dort in eine der angesagten Lokalitäten geführt. Das Etablissement nannte sich Freitagsküche und es hieß, der angesagte Münchner Künstler Björn Dahlem koche diesen Abend dort öffentlich, aber als wir hinkamen, wurden wir nur Zeugen des Auftritts eines derart jammervollen Sängers, dass er in Wien auch in einer sehr viel weniger angesagten Lokalität binnen Minuten unter Androhung schwerer Faustwatschen der Bühne verwiesen worden wäre. Aber in Wien ist ja auch das Show-Kochen noch immer out. Berlin und Wien, das lässt sich allerdings irgendwie sowieso nicht vergleichen. Zum Beispiel malen wir in Wien ein Lokal frisch aus, bevor wir es eröffnen und kratzen nicht, wie in Berlin den schönen Putz von den Wänden, legen alle Leitung frei und picken sie mit Gaffa an der Wand fest, damit es mittiger ausschaut. Und wir geben dem Lokal dann auch keinen Namen wie „Kauf dich glücklich“, „Mädchenitaliener“ oder „Lass uns Freunde bleiben“ wie in Mitte und spielen dann ausschließlich Radio-Wien-Musik. Wann haben Sie das letzte Mal Billy Joel gehört? Ich am Sonntag, in einem neuen Mitte-Lokal mit abgeschrabbelten Wänden, das „Mein Haus am See“ heißt. Uncool ist das neue cool. Wir Wiener können von den Berlinern noch viel lernen. Wir gingen dann in die Bar 3 und hörten Carly Simon. Schön wars. Rainald Goetz ist sehr klein.
16.02.10

Ja, aber kann Palmetshofer auch skifahren?

| Comments (0) | 02/10 | Kunst & Kultur

Zweimal haben sie diese Woche angerufen, einmal aus der Schule, einmal aus dem Hort: Dem Mimi gehe es nicht gut, das Kind liege blass und still auf einer Bank und sei sichtlich krank, könnte man es in absehbarer Zeit bitte abholen kommen. Sicher kann man, man braucht dazu nur die Erwerbsarbeit zu unterbrechen. Beim zweiten Mal marschierte die Mutter, vorbei an den Hortbetreuerinnen, auf das Kind zu, das blass und still auf einem Sofa lag und sagte: Verdammt noch Mal, du bist nicht krank, ich weiß es genau! Das hat auf die Hortbetreuerinnen, zumal es offenbar neue Frischlingspraktikantinnen waren, gewiss keinen guten Eindruck gemacht. Das Mimi aber nahm sofort Farbe an und sah sich in der Lage, sich zu erheben und Mantel und Schuhe anzuziehen.

Selbstverständlich war es - ich kenne mein Kind - kaum hatten wir die heimischen vier Wände betreten, wieder pumperlgesund und machte ein großzügiges Angebot: Um es Mutter zu ermöglichen, die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, wäre es bereit, sich den Rest des Tages vor den Fernseher zu setzen und sich mit Schokokeksen und Mozartkugeln als Nahrung zu begnügen. Ja, ganz gewiss, sonst noch etwas. Du spielst oder liest, und ich koch dir ein extra gesundes Mittagessen und schnippel dir Obst, auch wenn ich dafür überhaupt keine Zeit habe.

Immerhin: Es war richtig, dieses Mimi in den Schauspielkurs zu schicken, es bringt ideale Voraussetzungen mit, vor allem aber eine Veranlagung zur Hysterie, die es ihm ermöglicht, sich in die Einbildung, es sei krank, so glaubhaft hineinzusteigern, dass es wirklich krank wird. Und auch andere von seinen Einbildungen zu überzeugen, was kürzlich dazu führte, dass ein Übernachtungskind spätabends nach Hause gefahren werden musste, weil das Mimi sich und ihm erfolgreich eingeredet hatte, im Kinderzimmer habe es purgatorische Temperaturen, man verbrenne, schmelze, verglühe, vertrockne und ersticke. Die Kinder liefen nackt und hysterisch heulend durch die Wohnung und schrien; diese Hitze!, sie verbrennten!, und niemand – NIEMAND! - hülfe ihnen!, und es hatte nicht den geringsten Sinn, auf das Thermometer zu weisen, das laue 20 Grad Celsius anzeigte. Ob man denn die Glut nicht spüre?!? Man verbrenne, man verbrenne.

Das hat es genauso wenig von mir wie das andere Mimi das im Skilager von Experten diagnostizierte Talent zum skifahren: Es gewann auch sofort das Rennen seiner Gruppe. Und es ist eine typisch revanchistische Finte des Schicksals, dass meine Kinder genau in jenen Bereichen ausgeprägte Begabungen zeigen, die mir relativ stark am Arsch vorbei gehen. Wenngleich sich mein Verhältnis zum Theater in letzter Zeit vorsichtig entspannt hat, was vor allem an Ewald Palmetshofer liegt, aber kann der auch so skifahren, dass es mir mit einem Mal reizvoll erscheint? Das glaube ich nicht. Dennoch will ich fröhlich sein.

2.02.10

Ich bin irgendwie keine Rampensau.

| Comments (0) | 02/10 | Kunst & Kultur

Es hat auch Vorteile, wenn die Kinder weg sind. Also, wenn dieser Scheiß-Bus endlich abgefahren ist. Bis dieser Bus abgefahren ist, mit den Kindern darin, die unununbedingt ins Schilager wollten, aber jetzt ihre Entscheidung schluchzend bereuen, durchläuft man allerdings den puren Höllen-Horror. Ich habe von Vätern gehört, die während dieser zwanzig Minuten final ergrauten. Es war so entsetzlich, dass schließlich mehrere Eltern am Gehsteig auf die Knie fielen und den Busfahrer händeringend anflehten, sein Gefährt endlich in Bewegung zu setzen. BITTTTEEEE! Die Qual ist UNERTRÄGLICH! Und wurde leider dadurch verlängert, dass manche Eltern noch ein achtes Mal in den Bus stiegen, um ihre Kinder zu beruhigen, was selbstredend den gegenteiligen Effekt hatte. Bittebittebitte, ich halt das nicht mehr aus, fahrt endlich! Als der Bus dann um die Ecke war, gaben sich die Eltern High Five und begannen umgehend, die ersten Stationen ihres lange vorbereiteten Halligallis abzuarbeiten. Der Lange und ich zum Beispiel gingen sofort wieder ins Bett, schoben am helllichten Tag GewaltDVDs ins Gerät, bestellten Pizza und Bier und ließen uns so grauslich gehen, wie wir es in der Prä-Mimi-Epoche jedes Wochenende getan hatten.

 

Leider verließen wir dann in der Dunkelheit noch einmal das Haus. Es hat auch Nachteile, wenn die Kinder weg sind, man geht fahrlässig zu vorher schlecht recherchierten Veranstaltungen und trinkt dort zuviel, anstatt wie gewöhnlich beim „Tatort“ einzuschlafen. Weshalb man anderntags dann müder ist als vorgesehen. Zudem hat der Lange nicht wie üblich um halb acht mit den Kindern das Haus verlassen, sondern liegt um halb neun noch neben einem im Bett und formuliert, während man gerade verzweifelt Kolumnenthemen aus dem Internet kratzt, Sätze wie diesen: „Du kommst mir ein bissl vor wie Elvis in Vegas.“ Ja, dankeschön! So fängt man den Tag gerne an! Kommt zurück, Kinder!

 

Allerdings war ich auch Elvis in Vegas, als die Mimis noch da waren. Palmetshofer, Heavy Trash und dann auch noch im Schauspielhaus Popismus predigen mit meinem alten Zürcher Nachbarn, Reverend Tobi Müller. Was interessant, aber insofern irritierend war, als wir vor 150 Leuten anfingen und vor 15 aufhörten. Während das Publikum in großen Trauben den Saal verließ, erhielt ich unablässig SMS vom lustigen Fotografen und vom lustigen Verleger, ich solle dalli im Dings erscheinen. Ich smste, ich könne nicht, ich säße auf einer Bühne und verrichte Erwerbsarbeit. „schleich dich runter von der bühne!“, smste der Fotograf, und das hätte ich gerne gemacht, beziehungsweise ich hätte mich gerne sub Bühnenboden verkrochen. Ich bin nicht geschaffen für die Bühne, ich bin lieber Publikum. Als Publikum bin ich, wie die Menschen, die ich beim Heavy-Trash-Konzert im Flex mit Bier beschüttete, bestätigen werden, richtig gut. „Is uuuuuuuu I want!“ Yes, Jon Spencer, yes, yes, yes.

 

26.01.10

Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an

| Comments (0) | 01/10 | Kunst & Kultur

Tatsächlich hat der Lange, glauben Sie es oder nicht, die Lesben von vis a vis kürzlich beim Sex beobachtet, während er zum Fenster hinausrauchte. Die, die nie Pornos schauen. Hat er mir erst nach Lektüre der letzten Kolumne erzählt. Dabei waren, wie immer, die Schlafzimmervorhänge zu, aber einer zufällig im richtigen Winkel offen stehenden Tür und daraus resultierenden Spiegelungen verdankte der Lange eine Sichtung, deren Einzelheiten ich dann nicht so genau wissen wollte. Das Leben imitiert wieder einmal die Kunst; nein, die Kolportage. Sonst habe ich diese Woche nichts zu erzählen, auf Wiedersehen.

Doch, ich habe die Bühnenhemden der Fehlfarben gesehen. Das hat mich merkwürdig berührt. Die Hemden hingen an der Wand eines Ateliers, und ich hätte sie gerne fotografiert, so wie sie da hingen, habe mich aber nicht getraut. Auch nur zu fragen, wäre mir wie ein Sakrileg vorgekommen. Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an, und zwar eine, die erst gemacht wird, wenn die Fehlfarben bald ihr neues Album "Glücksmaschinen" live vorspielen. Ich habe es schon, Peter Hein hat es mir geschenkt. Hein sitzt übrigens heuer in der Jury des Protestsongcontests, was, weil ich mir keinen denken könnte, der dort mit größerer Berechtigung säße, der substantielle Grund ist, warum ich doch auch wieder dort sitze. Obwohl ich mir und jedem, der es hören wollte, ein knappes Jahr lang schwur, dass ich mir das gewiss nicht mehr antue, hundertausendprozentig nicht. Weil, wozu? Damit der junge Mensch mir wieder seinen Mittelfinger präsentieren kann? Ich habe auch andere schöne Hobbies, dankeschön; zum Beispiel backe ich einen ausgezeichneten Kärntner Reinling, und Faschingskostüme für die Kinder sind leider auch wieder zu nähen. Ich könnte dabei die kollossale neue Fehlfarben hören, die mir Peter Hein geschenkt hat, ja.

Beziehungsweise ich würde, wie ich voreilig zugesagt habe, auf die Faschingsparty von der Fischer gehen, gemeinsam mit Anna im knappen Flugbegleiterinnen-Kostümchen, das verpasst die Welt jetzt leider auch, und ich werde stattdessen nach Mitternacht in der Verkleidung eines zart angeflaschelten Protestsongcontestjurymitglieds erscheinen, wenn alle anderen schon lustig sind und ich nur ausgebuht. Ich habe mir den Anschiss von der Fischerin und der Anna schon abgeholt, wobei die Anna nur noch resigniert geseufzt hat: sie wurde jetzt schon wiederholt Opfer meiner nachlässigen Kalenderführungspolitik. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich vergesse, dass am 12. Februar immer und immer am 12. Februar Protestsongkontest im Rabenhof ist, und ich natürlich trotz gegenteiligsten Geschwörs erneut da oben auf meinen Stühlchen sitzen und Punkte vergeben werde, selbstverständlich wie stets an die falschen, jaja. Aber diesmal wird Peter Hein neben mir sitzen, dort in der Politdisko, und das Leben wird die Kunst angrinsen und die Kunst wird zurückgrinsen, und es wird gut sein, ja, es wird.
19.01.10

Aber dann bleibt doch wieder nur das Sudern.

| Comments (1) | 01/10 | Kunst & Kultur

Jetzt schaue ich abends beim Abwaschen immer Lesbenpornos. Gegenüber sind zwei eindeutig zusammengehörige Damen eingezogen und der Fernseher steht wieder da, wo er schon stand, als noch eine alte Frau dort lebte, die immer Kinderfernsehen sah. Die ist wohl jetzt im Heim, und ich schaue beim Abwaschen immer Lesbenpornos, und brauche fürs Abwaschen eine Stunde. Boah. Da schau. Manchmal komme ich aber gar nicht dazu, weil der Lange eine Stunde lang genau aus diesem Küchenfenster rauchen muss; dabei haben wir einen Balkon, aber nein, dieses Fenster muss es sein. 

Gar nicht wahr. Ich wollte nur, wie letztes Mal leichtfertig angekündigt, mehr Sex ins neue Jahr bringen; es wird aber doch wieder nur das Sudern und das Streiten übrigbleiben. In Wahrheit tragen die Lesben von gegenüber immer Jogginghosen und sehen den ganzen Tag amerikanisches Sportfernsehen, ununterbrochen, sogar wenn sie gar nicht zu Hause sind.Sie haben einen Mops, der ist so fett, dass er für den Weg zwischen der Couch und der Tür 18 Sekunden braucht, ich habe einmal mitgezählt, aber nicht während des Abwaschens, sondern während ich darauf wartete, dass das Teewasser kocht. Wir haben eine Spülmaschine, ich wasche eigentlich selten ab. Nur, dass der Lange, das Lulu, aus diesem Fenster raucht, stimmt, was ich total unsportlich finde. Wer rauchen kann, kann auch am Balkon frieren, habe ich bitte fast den ganzen letzten Winter gemacht, bis ich das Rauchen aus div. Gründen wieder aufgab, u.a., weil  mich der Lange, der jetzt immer zum Fenster hinaus raucht,  mit seinem ständigen Genörgle genervt hat, weil ich schon wieder rauche, hatte ich nicht eben gerade geraucht? Ja. Und?!? 

Heuer streiten wir ersatzweise darüber, dass ich zu oft vor dem Computer sitze und sonntags immer arbeite, ja, Entschuldigung, damit verdiene ich nun einmal mein Geld. Und darüber, dass ich abends vor dem Einschlafen keine Filme sehen will, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, eigentlich will ich überhaupt nie mehr Filme sehen, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, weshalb ich auch in Zukunft von dem Wissen ausgeschlossen sein werde, wofür genau Christoph Waltz den Golden Globe bekommen  hat. Ich möchte lieber nur noch warmherzige, gutgläubige Filme sehen wie Woody Allens "Whatever works", der sich in jede aufgelegte Pointe schmeißt und sich darin wälzt, wie eine verspielte Sau in einem warmen Schlammloch, was natürlich  irgendwie nur bei Woody Allen funktioniert und lustig ist. Und wo am Ende die Schöne den Schönen abkriegt und der Schwule den Schwulen und die Künstlerin zwei Künstler und der Suderant die Nette, und der ist dann sogar so etwas ähnliches wie glücklich.Schön. So will ich das, und natürlich hat der Lange nur gesudert, wie wir wieder aus dem Kino raus sind, kein Geballere nichts, aber ich habe gar nicht hingehört.

12.01.10

Ich tendiere jetzt mehr Richtung würdelos

| Comments (0) | 01/10 | Kunst & Kultur

Es ist bisher nicht leiser geworden im neuen Jahr. Nicht ruhiger, nicht vernünftiger, nicht gescheiter. War ja aber auch gar nicht vorgesehen. Gab ja keine guten Vorsätze, gar nichts, ein paar Pläne vielleicht, aber mehr auf langfristig angedacht, man muss ja nichts überstürzen jetzt, ne. Ist ja eh noch das ganze Jahr für alles Zeit.

 Ich bin allerdings froh, dass ich gerade zwei Staffeln „Californication“ am Stück gesehen habe, was ich als, sagen wir, Jahresleitbild durchaus brauchbar finde: Exzess und Ernsthaftigkeit; Kompromisslosigkeit, Koitus und Commitment. Deppert reden, nett zu seinen Freunden sein, ausdrücklich leben, lieben, eine Meinung pflegen, die Kinder liebhaben. Schreiben, Schwimmen, Suff, Sex, Sinnsuche, Suderei, super Sound und schönes Wetter. (Ich sagte: Leitbild, ich habe nichts von unreflektierter, konvergenter Übernahme gesagt, und, ja sowieso ist die Reihenfolge verhandelbar.) Daneben natürlich Klimaschutz, Alliteration, Nachhaltigkeit, Pingpong, Fekter-Watch, Gemüseanbau, Tartes-Tatin-Bäckerei und weitere Themen, die in „Californication“ eher unterrepräsentiert sind.

 Und auch wenn ich unter keinen Umständen in dieses dumme Bobobashen einstimmen werde: es treibt mich derzeit eher ein bissl weg vom Boboistischen, also ich tendiere jetzt mehr Richtung würdelos. Es liegt nämlich, behaupte ich, Stolz in der Würdelosigkeit, das ist kein Paradoxon. Auch wenn, schmecks, sich ein paar Leute aus dem Nichtraucherteil vom Wetter, eh auf lustig, beschweren, dass wir zu laut lachen und brüllen, überhaupt die lautesten seien. Asso, ihr seids das, ist ja typisch! Ja, wir sind das! Und typisch sind wir eigentlich gern, und außerdem kamen gerade alle aus unterschiedlich besinnlichen Weihnachtsferien zurück und müssen jetzt gemeinsam das neue Jahr anschieben, auf dass es allmählich in Gang komme. Es ist viel zu tun! Und, bitte, ich fand, in dieser Gesellschaft an diesem Ort kam es auf hohem Niveau in die Gänge.

 Ja. Und erst unlängst habe ich mir beim Sedlacek gedacht: Er ist zwar ziemlich oft ein blödes Arschloch, und manchmal auch ein echt peinlicher, egomanischer Sack, aber er ist zumindest nicht langweilig. Wir waren, das war noch vor Weihnachten, auf einer Party, und draußen vor der Tür standen ein paar relativ unblöde und unarschlochige Männer beieinander, mit denen man sich ja durchaus gern ein wenig unterhalten hat, auf dem Weg zum Klo und retour, aber drinnen, am Tisch und auf der Tanzfläche mit Sedlacek, dem blöden Arschloch, war es um Häuser unlangweiliger. Weil Sedlacek die Kunst beherrscht, sich einen Dreck um sein öffentliches Ansehen und seinen Ruf zu scheren, wenn es die Situation erfordert, was mir, apropos "Californication“, ein überaus sinnvolles Lebenskonzept zu sein scheint: Jetzt gerade auch abseits von Partys, und ich will es mir für 2010 hinter die Ohrwaschl schreiben.

19.12.09

Ich kann nichts dafür, das Fernsehen ist schuld

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Nachdem die Kinder tagelang kränkelten und von ihren erwerbstätigen und/oder ebenfalls kranken Eltern nervenschonend vorm Fernseher gelagert wurden, konnten wir live und vor Ort den Einfluss elektronischer Medien  auf den Familienalltag überprüfen. Denn leider macht das Kinderfernsehen die Kinder nicht nur pflegeleicht und gusch, sondern auch klüger, nicht immer im Sinne der Erzeuger. Im inkriminierten Fall entlud sich die neue Kinderklugheit in einer morgendlichen Konversation zwischen einem der Mimis und dem Langen. 

Der Lange „Zieh dir bitte die Jacke an.“

Das Mimi: „Glaheich.“ 

Der Lange: „Jetzt!“

Das Mimi: „Du hast mir gar nichts zu sagen, du hast ja nicht einmal ein Sorgerecht.“

Die Mutter, vom Langen mit einem irritierten Blick beworfen: „Ich kann nichts dafür, das hat sie aus dem Fernsehen“.  Hatte sie, Kindernachrichten, Thema EU-Sorgerechtsvereinheitlichung. Das hatte Fragen aufgeworfen. Die wahrheitsgetreu beantwortet worden waren.

Andere haben jetzt was aus dem Radio, den Frenk Lebel nämlich, den FM4 jetzt löblicherweise doch spielt, nachdem ich die FM4sche Ignoranz in der letzten Kolumne bitter beklagte. Bravo, sage ich jetzt und lasse mich von diesem Erfolg natürlich sofort dazu verleiten, hier weitere unerbetene Vorschläge zu machen. Was den FM4lern sicher ungefähr so taugt wie mir, wenn einer, wie am Sonntag im phil, mit einer CD am DJ-Pult erscheint, die er bitte jetzt gern gespielt haben möchte.  Tschaulitschau, baba und tschüss. Aber anhören kannst du es dir wenigstens. Nein! Jetzt  nicht! Immerhin ergings mir besser als dem Kollegen R. denn der Kerl verzog sich murrend, während beim R. ein adäquater Vorgang damit endete, dass der Kerl dem R. die Pappn panierte. Das war aber auch im Flex, nicht im phil: im phil wirkt noch die Kraft des Wortes: Zupfst du dich jetzt bitte? Pfff, na gut. Danke, ich muss jetzt nämlich noch einmal "America" von Simon & Garfunkel spielen, ist gerade mein Lieblingslied. Ja, lacht doch, ist mir powidl. 

Kraftderwortemäßig hat dann auch die Laokoongruppe am Sonntag hervorragend live ins phil gepasst, eine meiner diesjährigen Heimspiel-Lieblingsbands. "Walzerkönig", bitte!  Unfassbar großartige Nummer. Gehört auf FM4 täglich zur Stoßzeit gespielt. (Jaja, ich zupf mich eh schon.) Habe ich auch letztens im rhiz wieder aufgelegt, leider vor praktisch leerer Hütte, denn Eugene Chadbourne hatte sein zweieinhalbstündiges Solo-Set gerade mit einer eineinhalbstündigen Banjo-Session beendet. Ein sehr höflicher Mensch, der Herr Chadbourne und ein kraftvoller Performer, solange er nur die Finger vom Banjo lässt. Danach hab ich den "Walzerkönig" gebraucht wie die drei Liter Grünen Tee gegen den Kater anderentags. Den "Walzerkönig" schaut man sich erst auf Youtube an (großartiges Video von Adnan Popovic und dann noch "Komm und tanz mit mir" und dann rennt man sofort los und kauft die CD. ("Walzerkönig", konkord). Schon, um den Gröbchen ein bisschen zu ärgern, aber das verstehen Sie jetzt nicht.

9.12.09

Soll doch bitte jeder glauben, was er will

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Haemmerli lässt schöne Grüße aus Taipeh ausrichten und dass er, bitteschön, natürlich schon wegen den Minaretten abgestimmt hat, brieflich, im voraus. Er macht schließlich auch immer noch das Abstimmungsportal votez.ch, das die Leute dazu bewegen soll, ihr Abstimmungsrecht in Anspruch zu nehmen, auch wenn ihnen die direkte Demokratie grundsätzlich eher am Arsch vorbei geht. Weil was passiert, wenn sie das bei zu vielen tut, hat man ja vorletzten Sonntag gesehen, an dem Haemmerli selbstverständlich so abgestimmt hat, wie ich es ihm unterstellt hatte. Weil Haemmerli fürchtet sich vor praktisch nichts, und sicher nicht vor ein paar Muslimen, die ihre Religion ausüben wollen.

 Ich finds ja auch auch kindisch, dass nun gleich ein paar Lustige auch alle Kirchtürme niederreißen wollen, wo samma denn, müssen jetzt alle gleich sein? Und darf jetzt niemand mehr einen Vogel haben? Ob das ein religiöser ist oder ein kultureller ist ja eigentlich wurscht, solange mich niemand zu bekehren versucht, sei es jetzt zum Islam oder zu Ja, Panik. Soll jeder glauben, an was er will. Mir ist ja auch diese Hysterie wegen Scientology eher unerklärlich, weil wenn du mich fragst, richtet ein Bischof Küng mehr Unheil an als ein Titan Cruise, und Cruise ist wenigstens ein guter Schauspieler. Soll doch jeder glauben, was er will.

 Apropos Ja, Panik, wenn ich etwas empfehlen dürfte, dann wäre das die neue Rotifer, „The Children on the Hill“ (monkey), wenngleich ich dem Rotifer jetzt einmal dringend davon abraten möchte, die Plattencover auch künftig selber zu gestalten. Man muss nicht alles können, und wenn einer so spitzenmäßige Songs schreibt und vorträgt (live vor allem, man muss den Rotifer unbedingt live sehen), dann muss er nicht zwingend auch ein großer Maler sein. Haemmerli möchte ich zum Beispiel lieber nicht singen hören. Und das neue Rotifer-Cover ist zwar lieb, verführt das interessierte Publikum aber doch sehr dazu, das Werk mit einer Kinder-CD zu verwechseln. Was schad wäre.

 Und weil Weihnachten ist, gleich noch eine Lobpreisung eines local hero: den FM4 nicht spielt, weil er für dort zu kommerziell sei (was zB bei Julian Casablancas oder MGMT kein Problem darstellt), und Ö3 nicht, weil zu underground. Beides ist eine totale Schande, weil Frenk Lebel Songs schreibt, die man sowohl da wie auch dort gerne hören würde, weil warum: Sie sind großartig. Zeitlos und großartig. Man kennt hierzulande nicht viele, die das Talent haben, so komplexe Ohrwürmer zu komponieren wie Frenk Lebel, und das muss natürlich, wir sind hier in Austria, sofort abgestraft werden. Da kann einer was? Das geht ja gar nicht. Ich erlaube mir hiermit wieder einmal, einen ausdrücklichen Anhör-Befehl zu erteilen: Frenk Lebel: Poems, Contradictions. (Halleluya, Hoanzl). Man kann das auch herumschenken, genauso wie den Rotifer; beides passt auf jeden Fall.

 

 

17.11.09

Wenigstens ist das Wetter schön

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Was jetzt? Ich weiß nicht. Die letzte Woche war: Ich weiß nicht. An vielen Orten gewesen. Jägerschule, Prater-Schihütte, Büro, Hold, Laternenfest, Annas Sofa, Polly Adlers Sofa, Kunsthalle, Bett, Internet, Roter Elefant, Folio-Fest, Millis neuer Küche, Wetter, Novelli und hinter den Plattentellern vom phil. Mit vielen interessanten Leuten geredet oder leider nicht, aber ich weiß nicht. Das führt mich wieder nur geradeaus in eine Faustwatsche des Kollegen Dings, der mich rügt, dass ich neuerdings nicht einmal mehr die elementarsten Regeln des Kolumnismus berherzige, nichts als verschwommene Andeutungen, deppertes Namedropping, lose Enden und narrative Sackgassen, aus denen sich der Leser dann genervt wieder auf den Rückweg machen muss, und du kommst dabei im übrigen ziemlich unsympatisch rüber. Ja. Weiß ich. Aber wenn das nun einmal mein Leben ist?

Dann erfinde dir ein besseres, nein: erfinde mir ein besseres, ein schachtelsatzfreies, mit einer Struktur und guten Pointen an den richtigen Stellen, ist mir völlig powidl, ob das gelogen ist oder wahr. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Erst einmal frühstücken. Und an etwas Schönes denken.

Schön ist zum Beispiel das Wetter. Also das neue Lokal am Yppenplatz, von Lea Redolf und Raetus Wetter, vormals Expedit. Dort stimmt alles so wunderbar (bis auf den, so die Mimis, höchst beklagenswerten Umstand, dass es zur Weißwurst kein Ketchup gibt), ich könnte dort tagelang versacken, was allerdings elementar damit zusammenhängt, dass man sich, nachdem man eine von Wetters Appenzeller Käsefladen gegessen hat, stundenlang nicht mehr rühren und gerade noch den Arm zum Verdauungschnapsordnern lupfen kann.

Wien wird ja augenblicklich von einem Bobo-Wettrüsten in Atem gehalten: Brunnen- oder Karmeliterviertel? Wo gibt es die lässigeren Lokale, die besseren Marktstände, das Slow-Food-Futter, die Bio-Artischocken, die selbstgepupsten Marmeladen, wo wohnen die cooleren Promis? Seit der Wetter das Wetter eröffnete, steht es 103 zu 102, wenngleich ich am Yppenplatz jetzt nur einen toten Schriftsteller weiß und am Karmeliter-Platz drei lebende; dafür am Yppenplatz viel mehr Musiker, und zwar von den guten; einer tauchte im Wetter auf, als ich gerade drohte, ob der Last der Käseflade unter den Tisch zu rutschen.

Überhaupt kannte ich im Wetter die halbe Gästeschaft, was Neo-Phobiker wie ich zu schätzen wissen, die vor Neuem scheuen und es gerne haben, wenn alles vertraut ist, wenn alles so bleibt wie es ist und es eine Woche oder drei immer das gleiche großartige Essen und den gleichen fantastischen Song gibt, die nie den Mann wechseln und sich die perfekte Jeans gleich dreimal kaufen. Die Pointe für den Dings wäre jetzt, dass sich das mit den Jeans bewährt hat, weil mir noch am Samstag, vermutlich käsefladeninduziert, das Hosentürl platzte, und es wäre zudem original wahr, aber das ist mir zu aufgelegt, sorry, echt nicht.
3.11.09

Das bin doch nicht ich!

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Leider sehe ich mich gezwungen, folgendes zu verlautbaren: Ich bin nicht die „Journalistin“ in Dirk Stermanns „Bottle-in-a-Message“-Text von vor zehn Tagen im Standard-Album. Ich bin niemand in Stermanns Text, ich komme Gottseilobunddank in dem Text überhaupt nicht vor, auch wenn ich sonst gerne in Texten vorkomme, in diesem: nicht.

Tatsächlich habe ich dem Stermann sofort ein Mail geschickt: „Ha! Lustiger Text! Wurde in der Sekunde zur Temperenzlerin!“, nachdem ich seinen Anzengruber-Alkoholismus-Aufsatz gelesen hatte: Einen von Mitleid unverstellten Blick auf Stermanns unmittelbares Tschecheranten-Umfeld, der dieser Tage bei Czernin in dem Buch „Wir sind gekommen um zu bleiben: Deutsche in Österreich“ erscheint. Jedenfalls sitze ich ein paar Tage später anlässlich einer anderen Buchpräsentation mit der Herausgeberin des Werks, der ansonsten klugen und unbestechlichen Eva Steffen im Jin´s, als sie mir über die Tafel hinweg zuruft, sie habe jetzt übrigens wiederholt das Gerücht gehört, ich sei die „Journalistin“ in Stermanns Text, stimme das denn. Himmel, Heiliger, Kruzitürken, nein, das stimmt natürlich nicht!  Allein dafür, dass du das fragst, müsste ich dich schon verklagen, Steffen!

Die Journalistin in dem Text ist, wer ihn noch nicht gelesen hat, eine Post-40erin mit zerzausten Haaren, die im Anzengruber abwechselnd Rot- und Weißwein trinkt. Im Laufe der Geschichte tritt sie an Stermanns Tisch, um ihn zu fragen, ob er glaube, dass sie eine versoffene Funze sei, verlässt dann mit einem „schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand“ das Lokal und wird später von Stermann schlafend auf einer Parkbank betreten. Ganz langsam, zum Mitschreiben: diese Frau hat mit mir nichts gemein als das ungefähre Alter und an schlechten Tagen die Frisur. Ich mische keine Weinsorten, ich bin so gut wie neverever im Anzengruber anzutreffen, ich schlafe nicht auf Parkbänken, ich schleppe keine Männer ab und ganz gewiss keine dünnen, und ich bin, soweit ich weiß, auch nicht die direkte Nachfahrin eines „ranghohen Sozialdemokraten aus dem Burgenland“, wie Stermann ausdrücklich schreibt. Also ich glaube, das ist jetzt geklärt, Steffen. Meinen Ruf ruiniere ich mir nämlich, wenns Recht ist, immer noch selber.Und ich bin in Wirklichkeit eine nette - ja: nett, in seinem ganzen, diffamierten Wortsinn - dezente, diskrete, schüchterne und im Grunde langweilige Person, die jetzt gleich noch ein Scheitchen ins Feuerchen werfen und ihren Liebsten ein Süppchen kochen wird

Aber es war überhaupt eine ziemlich lausige Woche. Ich zankte mit Hans Hurch über die Bedeutung des Wortes „Gala“, kam nur einmal zum Schwimmen, verlor meinen Kalender, und als der Lange nach fünf Tagen Halligalli aus Istanbul zurückkam, legte er sich sofort drei Tage mit Husten ins Bett. Wenns diese Woche ein bissl lustiger wird, hätte ich im Prinzip nichts dagegen.

20.10.09

Ja, schon, wenn man sehr gelenkig ist

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Der Heizungstechiker ist, so erfahre ich, auf einem Seminar; der nächste mögliche Termin um unsere Heizung zu reparieren sei, also, warten Sie, Mittwoch zwischen zehn und zwölf. Oh, super, herzlichen Dank, das sind ja nur fünf Tage. In einer eiskalten Wohnung. Eh würde eine verantwortungsbewusste und vorausschauende Mieterin schon im Frühherbst überprüft haben, ob die Heizung funktioniert, nein, das müsste sie gar nicht, weil die Heizung schon im Spätsommer vorschriftsmäßig gewartet worden wäre. Nur frage ich mich schon auch, warum Seminare für Heizungstechniker ausgerechnet zu Beginn der Heizsaison, Punkt Kälteeinbruch, stattfinden müssen. Wie wärs im Sommer, wenn Leute wie ich sowieso nicht anrufen, um ihre Heizungen nicht warten zu lassen? Zur Strafe nicht.

 Zum Glück funktioniert der Ofen im Waldviertel, und als es uns bei 28 Grad Raumtemperatur doch etwas schwitzert wird, gehen wir über die Straße zu Künstlers, weil: „Tag der offenen Ateliers“. Künstlers haben den Hof zusammengeräumt und ihn mit eigenen und fremden Werken vollgehängt. Es handelt sich dabei überwiegend um Bilder, auf denen unglaublich geschweinigelt wird. Die Mimis schauen sich alles mit großem Interesse an und finden, das sehe aber etwas anders aus als in ihrem Wir-machen-ein-Baby-Buch. „Kann man so auch Kinder machen?“ „Ja, schon, wenn man sehr gelenkig ist.“ „Und so?“ „Nein, so eher nicht.“ „Und was machen diese Frau und dieser Wolf da?“ „Sie kuscheln.“ „Und diese Frau und dieses Schwein?“ „Kuscheln auch.“ „Sieht aber aus, als ob das Schwein....“ „Schau mal, da drüben, da ist ein riesiges Hirschgeweih.“ „Wo?“ „Da hinten.“ „Aber das Schwein...!“

 Später sitzen wir im Atelier der Künstlerin am Holzofen und trinken Wein. Ein paar Leute aus der Stadt sind da, und das ganze Dorf kommt vorbei, die Bauersfrauen, die Hippies mit den Hunden und die gesamte Freiwillige Feuerwehr in Uniform, denn der Herr Künster ist Feuerwehr-Vizeobmann. Oder Vizekommandant oder wie das heißt. Die Feuerwehrmänner und ihre Frauen schauen sich die Bilder auch alle an, besonders gern die Fotos, auf denen der Künstler nackt auf allen vieren zu sehen ist, mit prächtigem Gehänge. Man äußert die Ansicht, dass es „unterschiedliche Lebensentwürfe“ gebe. Das stimmt, zum Wohl. Zum Glück finden die Frauen dann einen Stapel ferkeleienfreier Blumenbilder der Künstlerin, die ungeteilter Meinung als schön beurteilt werden. Der Wein schmeckt auch allen, und der Nachbar-Bauer und ich sind bald per du: Franz. Doris. Zeawas. Wir stellen fest, dass wir beide den selben Prinzen kennen. Er kennt ihn von der Jagd, ich kenn ihn, weil er eine Zeitlang an der Mizzi befestigt war: Das muss dann die gewesen sein, die immer frierend im Hochstand saß und Bücher gelesen hat. Ja, das war zuverlässig die Mizzi. Apropos frieren: Ist schon zehn? Ah, gleich.

 

30.09.09

Es fließt eben doch Mädchenblut in seinen Adern

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  Das Bubenmädchen ist immer noch ein Bubenmädchen, jetzt schon drei Viertel ihres Lebens lang. Einmal habe ich gelesen, aktuelle Forschungen hätten ergeben, an Transsexualität sei die Mutter Schuld, zuviel Stress in der Schwangerschaft. Nur frage ich mich dann, warum das Zwillingsmimi das gar nicht hat. Jetzt habe ich gehört, das könne am Hormonhaushalt liegen, der sei beim einen Kind so und bei den anderen so. Erscheint mir logischer, aber im Grunde ist es mir powidl: So lange das Kind kein Problem damit hat, habe ich auch keins, und deswegen ist das eigentlich auch nie ein Thema. Alle paar Monate erkläre ich ihr, dass sie da übrigens jederzeit auch wieder heraus kann, falls ihr das Bubenmädchen-Konzept nicht mehr taugt, dass sie das jetzt nicht durchziehen muss, nur weil sie es einmal beschlossen hat, aber sie winkt immer ab. Alles ok, keine Sache.

 

Es war allerdings interessant, als das Bubenmimi jetzt sein erstes Fussballturnier spielte. Es ist ganz gut im Fußball, also es ist so gut und ein so verlässlicher Teamspieler, dass der Trainer ihm vor dem ersten Turnier die Kapitänsbinde um den Arm wickelte. Die Mutter rot vor stolz. Der Lange auch: unsere Tochter! Allerdings nahm die Tochter die Binde wieder ab und übergab sie einem anderen Kind, weil: Das sieht nicht gut aus. Passt farblich null zum Dress. Dieses Exempel beweist. dass eben doch weitgehend testosteronfreies Mädchenblut in seinen Adern fließt. Und ich finde das, ehrlich gesagt, beruhigend, nicht, weil ich kein Transenkind haben will. Sondern weil es mir für das Kind lieber wäre, es würde glücklich erwachsen werden und erwachsen sein, ohne zuvor eine Hormontherapie und eine Geschlechtsumwandlung hinter sich bringen zu müssen. Was, kein Witz, am Familientisch ein Thema war, seit das Bubenmimi vier ist, aber in letzter Zeit nicht mehr so häufig diskutiert wird.

 

Aber man tut ja stets, was gut für die Kinder ist. Zum Beispiel wurde das andere Mimi von seiner bekanntlich nicht so theateraffinen Mutter zu einem Theaterkurs angemeldet und zu einer Schnupperstunde begleitet. Es war vielleicht nicht so eine spitzen Idee, mich ausgerechnet an selbigem Tag mit Sedlacek zum Lunch zu treffen, der sich, halleluja!, entschuldigt hatte. Was wir dann ein wenig feierten, so dass ich um vier in nicht einwandfrei erziehungsberechtigem Zustand Zeugin werden durfte, wie mein Kind – ich! Ich! ICH!!! – peinigend überengagiert seine Berufung entdeckte, immer den Finger kerzengerade in der Luft. Aber hallo, sagte mit so einem Grinsen in der Visage der Herr Kabarettist neben mir, dessen Tochter ich auch in den Kurs geschwatzt hatte. Zum Glück kam dann ein Kind, das war noch viel schlimmer; danke, Gott. Später an dem Abend küsste mir ein deutscher Verleger nicht die Hand, sondern den Arm bis über den Ellbogen, aber das ist eine andere Geschichte, die passt hier null dazu.

16.09.09

Ich glaube, dort gefällt es mir nicht

| Comments (0) | 09/09 | Kunst & Kultur

Der Plan wäre jetzt, ein bisschen fiktionale Distanz zwischen diese Kolumne und meine Wirklichkeit zu legen. Es wird auf die Dauer langweilig, wenn es jedes Mal, wenn ich was erzählen will, heißt: Weiß ich schon, hab ich schon gelesen. Plus werde ich immer harmoniesüchtiger und sehe nicht mehr so gern die hochgezogenen Augenbrauen von Leuten, die nicht darum gebeten haben, ihre privaten Angelegenheiten im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wiederzufinden.

Vielleicht sollte ich es machen wie Rubinowitz, der es macht wie Lottmann und ein paar reale Personen in ein paar fiktive Situationen schicken, aber ich glaube, ich mag Lottmann nicht. Also jetzt als Schriftsteller, privat kenne ich ihn ja nicht, obwohl es natürlich ein erster Schritt wäre, hier zu behaupten, ich sei letztes Jahr mit Lottmann und Rubinowitz aus dem Meinl am Graben geworfen worden und mit lebenslangem Hausverbot belegt worden, weil Lottmann und Rubinowitz sich dort in meinem Beisein einen Faustkampf mit Spucken und Tellerwerfen geliefert hätten. Und ich hätte einmal mit Lottmann in Darmstadt Rainald Goetz getroffen und wir hätten im Landgraf Ludwig VIII ein Hirschragout zurückgehen lassen, bevor wir im Nachtcafé-Club gemeinsam die Glieder schüttelten. Wäre aber eben ein peinlicher Abklatsch und überdies ein Schritt in die falsche Richtung; da will ich nicht hin, dort gefällt es mir nicht.

Und vielleicht kann ich ja überhaupt nur Wirklichkeit, vielleicht ist mir das Talent der Dichtung gar nicht gegeben. Aus der Wirklichkeit der letzten Woche, als ich auf einer Hochzeit beschimpft wurde, wäre noch etwas nachzureichen: Denn den Kerl hätte ich, so erklärten Braut wie Bräutigam hinterher, ruhig tüchtig zurück beschimpfen, ja von ihnen aus gerne auch mit der einen oder anderen Tätlichkeit bedenken dürfen; offenbar hätte es keinen Falschen getroffen. Und ich war wohl auch bereits der fünfte oder sechste Hochzeitsgast, der sich über den Herrn beschwert hatte. Hätte ich gern gemacht; zu spät. Aber ich habe ja regelmäßig im rhiz Gelegenheit, Gäste zu beschimpfen, die meinem Musikgeschmack erstens reserviert gegenüberstehen und das zweitens nicht für sich behalten können. Der Lange ebenfalls: Wobei ich mich frage, wie der auflegt, wenn ich nicht dabei bin, weil ich ihm letztes Mal von jeder zweiten CD die Titel vorlesen musste. „Now I’m a Fool“, welcher Track ist das? Sechs, Schatz. Zu kleine Schrift. Daran denkt die Musikindustrie wieder nicht, dass zahllose Djs bereits fortgeschrittenes Alter erreicht haben und ihre Arbeit in den Clubs und Underground-Lokalen ungern mit einer Lesebrille verrichten. Und, jajaja, ich WEISS, dass ich dir das schon einmal erzählt habe.

Doris Knecht liest am Do, 17.9., 20 Uhr, im Rahmen der unik.at-Vernissage in der Gartenvilla Albertgasse 33, 1080 Wien und legt am So, 20.9. im rhiz auf, live: Glen Meadmore
4.06.09

Scheiße, ich bin schon wieder tot

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Fk: Super Mario. Die aktuelle Niederlage im meinem niederlagsreichen Leben. Das kann ich nämlich auch nicht, wie ich Sudoku nicht kann, und den Zauberwürfel nicht. Die Mimis, und das sind die einzigen Konversationen, die wir derzeit mit ihnen führen, versuchen eh, es mir zu erklären: Da musst du hüpfen, das musst du kriegen, da pack es, neeeeiiiiiiin! Wieder keine zwei Leben erwischt, wieder kein Riese geworden, wieder nicht alles niedertrampeln dürfen. Wieder tot. Auch Super Mario ist nichts für mich.

Und Nintendos sind nichts für Kinder: Seit die Mimis je einen besitzen, weiß ich das noch besser. Nintendos sind etwas für Erwachsene, weil die sich nämlich, wie wir schon bei der Mimi-Geburtstagsparty feststellen konnten, in Ruhe alkoholisieren und anderen Erwachsenensachen widmen können, während sich alle Kinder in Trauben um die zwei oder drei versammeln, die auf einem Nintendo herumdrücken. Sie sehen dabei weit weniger intelligent aus, als wenn sie jetzt zum Beispiel eine Sandburg bauen; auch das weiß ich genau, denn davor waren wir mit der ganzen Party-Partie am Spielplatz. Einem kleinen Spielplatz. Die Siebenjährigen stellten sich an den Rand der Sandkiste und sprachen: Entschuldigung, aber was mache ich hier? Du spielst. Du meinst, ich soll da reingehen und mich schmutzig machen wie ein Kleinkind? Das wäre eine Möglichkeit; wir können aber auch Topfklopfen. Die Siebenjährigen starrten mich mit einem Was-will-die-Geisteskranke?-Blick an, weil Topfklopfen, Entschuldigung, babyischer geht’s ja wohl nicht. Rück die Süßigkeiten einfach so raus; und holst du bitte die Nintendos herunter? Nein. Dann gib den Topf her, wir brauchen Wasser, wir müssen den Dings einbetonieren. Bitte gern. Es wurde eine ausgefieselt schöne Sandburg, mit Wassergräben und Türmen und statisch einwandfreien Tunneln, und zwar völlig ohne mein Zutun.

Seit danach sind die Mimis praktisch nicht mehr da: Sie sitzen abwesend auf dem Sofa und sprechen mit ihren Computern. Jetzt geh da! Juchuuu! Scheiße, ich bin schon wieder tot! Es ist beängstigend, aber der Plan geht so: Eine Woche spielen sie, soviel sie wollen, danach brutales Reglement. Selbstverständlich hegte ich die Illusion, dass meine Kinder, meine Kinder nämlich, das Gerät schon nach wenigen Stunden weglegen und bekannt geben würden, das werde ihnen jetzt allmählich zu blöd, sie wöllen nun wieder etwas Kreatives tun. Passiert natürlich überhaupt nicht, und wieso auch, sie entstammen schließlich einer Klein-Dynastie von Computernerds und Süchtlern, denen das Talent zur Mäßigung nicht gegeben ist. Also zum Beispiel ihre Mutter musste sich mit schmerzhaften Schnitten zuerst vom Rauchen und danach vom Facebook abschneiden, weil ein bisschen geht einfach nicht. Es geht nur volle. Bis Mittwoch noch, Mimis. Dann will ich eure Gesichter wieder sehen, auch wenn schmerzverzerrt sein werden.
27.05.09

Let there be rock, wenn du mich fragst

| Comments (0) | 05/09 | Kunst & Kultur

Der Lange liegt mit dem kranken Mimi im Bett und zeigt ihm am Laptop AC/DC-Videos. Das Kind wirkt so glücklich, wie ich es von unseren Kindern, wenn sie ein AC/DC-Video sehen, erwarte, und will nun doch Gitarre lernen. Das ist gut; denn wenn sie im Herbst Gitarrenunterricht nehmen, muss ich nicht mehr mit dem schlechten Gewissen leben, dass ich meine Kinder vor allem zum Fußball und zum Judo schicke. Statt mich um die Förderung ihres musischen Talents zu kümmern, wie es gute, verantwortungsvolle Eltern tun würden, und zwar egal, ob in ihrem Kind ein musisches Talent verborgen liegt oder nicht. Und ich hätte ja gerne, dass die Mimis ein, zwei und dann vielleicht sieben Instrumente beherrschen, dass sie irgendwann virtuos Klavier oder in einem Orchester spielen können. Aber damit sie irgendwann virtuos Klavier spielen können, müsste ich sie schon jetzt jeden Tag vom Spielen, Fußballen, Balgen und Herumdüsen abhalten, und stattdessen mit ihnen das Instrument üben. Ich finde aber, dass siebenjährige Kinder ihre Nachmittage lieber mit Herumgespiele und sozialer Interaktion verbringen sollen, als mit konzentriertem Lernen und Üben, nur führt es halt wahrscheinlich dazu, dass sie keine Konzertpianisten werden. Allerdings können sie sich von ihrem Vater abschauen, dass es komplett unnötig ist, ein Instrument zu beherrschen oder auch nur singen zu können, um Frontman einer Band zu werden und wiederholt Tonträger zu veröffentlich; ja, dass zu große Kunstfertigkeit am Instrument im Gegenteil den Geist des Rock`n`Roll übel kontaminiert, wie der Lange gerne predigt. Oder hat man am Konservatorium je die Hells Bells erklingen hören? Eben. Es hat alles zwei Seiten.

Weil ich gerade die Zahl sieben erwähnte. Es naht das Wiegenfest der Mimis, und was ist? Am Tag der Feierlichkeiten, die dieses Jahr in einem Freibad stattfinden sollen, ist mit schweren Stürmen und Temperaturen unter zwanzig Grad zu rechnen. Das heißt, dass ich in der Wohnung Platz für ca. 22 Kinder plus ihre Erziehungsberechtigen schaffen muss. Wobei, das geht alles noch, richtig schwierig wird es, dann den heiteren und gelassenen Eindruck zu erwecken, den man von einer alltagsgestählten Mutter während der Party ihrer eh nur zwei Kinder erwartet, und leider sollte sie dabei nicht lallen. Und nicht mir ihrem Lebensgefährten streiten, was sich im Kinderpartystress gerne aufdrängt, wenn der Lange schließlich findet, er habe nun genug geschuftet, sich auf seine seine Kernkompetenz besinnt und mit den anderen Vätern beim Bier lustig plaudert. Die Eltern, die uns davor noch nicht gekannt haben, werden am Heimweg finden, dass der Vater ein heiterer und gelassener Kerl ist, aber die Mutter stresst leider entsetzlich, und hat die nicht gelallt? Die hat doch gelallt! I´m direkt on the highway to hell, aber das ist jetzt auch nichts Neues.
25.03.09

Bemühte Beweisballung biederer Bürgerlichkeit

| Comments (1) | 03/09 | Kunst & Kultur

Sie können mit dem Getstse wieder aufhören. Die letzte Woche war geprägt von überwältigender, ja einschläfernder Ereignislosigkeit. Nichts passiert. Keine peinlichen Performances. Nie ausgewesen, außer das eine Mal, wo ich mit den „Literats“ geprobt habe, und einmal Hauskonzert; Haus- nicht House-, ganz genau. Vor allem: Nicht geraucht, schon neun vollständige Tage nicht eine einzige Zigarette geraucht. Ich habe nämlich aufgehört, und nach sechs sehr kurzfristig gescheiterten Versuchen diesmal ernsthaft. Ich werde meinen Turm aus den nichtgerauchten Zigaretten-Schachteln jetzt weiterbauen, im November war er 173 Meter hoch, dann Baustopp, nun wächst er wieder täglich um 2,3 cm. Ich stinke weniger aus dem Maul, und mein Handekzem hat sich stark gebessert, seit ich mir nicht mehr alle halbe Stunde den Zigaretten-Gestank mit Seife von den Händen waschen muss, damit die Kinder meine Missetaten nicht erriechen. Allerdings habe ich jetzt nicht mehr so einen guten Überblick darüber, was unter meinem Balkon passiert. Nicht, dass viel Spannendes passiert wäre in der Zeit, einmal hab ich in der Nacht einen Mann gesehen, der Fahrräder fotografierte, das war, glaube ich, das Aufregendste. Abreagieren durch Anbrüllen von Hundebesitzern war auch nicht, weil die jetzt meistens ein Sackerl dabei haben, jedenfalls bei Tageslicht, und in der Nacht kann man aus der Distanz leider nicht genau sehen, was der Hund jetzt da gemacht hat, und es ist, das weiß ich zufällig, saupeinlich, wenn man einen Gassigeher mit Chili in der Stimme auffordert, dass er das gefälligst wegmachen soll, und der Hund hat nur gebrunzt.

Aber nicht einmal so eine kleine Peinlichkeit habe ich mir diese Woche zuschulden kommen lassen. Und sehen Sie, schon ist Ihnen fad. Und es geht so weiter: Gleich werde ich Ihnen erzählen, wie ich brav jeden Tag mit dem Kind Flöte geübt habe, wie die Mimis ihr erstes Buch ganz allein ausgelesen haben, wie ich bei ebay vier Thonet-Sessel um kein Geld ersteigert habe, wie ich ein paar neue Sofakissenbezüge nähte und wie mir vorgestern ein Kärntner Reindling gelungen ist: und man wird das Weiße in Ihren Augen sehen und Atemluft wird explosionsartig zwischen Ihren Lippen entweichen. Phhh, ist das öd. Und mitleiderregend; diese bemühte Beweiserballung braver Bürgerlichkeit. Und diese traurigen Alliterationen, meinerseel.

Bitte, wenn Sie mir bei echten Peinlichkeiten zusehen wollen, das geht, das können Sie, lesen Sie bitte das Kleingedruckte. Und die Thonet-Sessel sind in Wirklichkeit wahrscheinlich eh keine, so ein Pickerl ist ja schnell aufgepickt, und schon am Donnerstag oder so wird der Horwath mich deswegen schallend belachen. Es wird schon wieder alles normal hier, passen Sie auf.

Doris Knecht liest und singt am 1. April mit The Literats, Josef Haslinger, Mieze Medusa u.a. in der Roten Bar im Volkstheater, 22 Uhr.
 
18.03.09

Soviel zum Thema Körpergedächtnis

| Comments (1) | 03/09 | Kunst & Kultur

Die kulturellen Höhepunkte der letzten Woche: Hermes, Kreisky und Thomas Maurer, und danke, es reicht jetzt wieder für ein Zeitl. Nicht inhaltlich, inhaltlich war da, dort und drüben alles im grünen, ja teils im frühlingsgrellen Bereich, aber die Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen überlappen meine Kampfkraft massiv. Immerhin kann ich von Maurers kollossalem „Aodili“-Abend (das schauen Sie sich bitte umgehend an, sobald es ihnen gelingt, Karten zu kriegen, ist nämlich zu Recht auf längere Sicht hin ausverkauft) folgendes sagen: ich stand aufrecht bis zum letzten Glas. Was ich vom Kreisky-Abend nicht behaupten kann. Vor den Zugaben, um halb drei Uhr in der Früh, wartete ich im Flex-Klo darauf, dass sich endlich eine Tür öffnen möge und wunderte mich, wie man von ein paar Sommerspritzern mit einem Mal so blunznfett sein kann. Das nächste, was ich sah, waren drei Neunzehnjährige, die besorgt auf die merkwürdige alte Frau herniederblickten: Alles in Ordnung? Ja, danke. Ich kann jetzt wieder aufstehen. Ich kann nur einen Kreislaufkollaps nicht mehr von einem Fetzen unterscheiden.

Früher konnte ich das. Früher wurde man hin und wieder, wenn es die Situation erforderte, aus dem Chelsea hinausgetragen und lernte schließlich, wie sich das anfühlt, wenn man jetzt dann gleich ohnmächtig umfällt, und was man dann tun sollte. Und was? Der Organismus hat es, das kommt von dem ständigen Regelmäßigessen und Zeitiginsbett, vergessen, nach nur zehn Jahren. Soviel zum Thema Körpergedächtnis. Aber ich habe eh nicht vor, derlei in näherer Zukunft zu wiederholen. Haben wir nämlich etwas daraus gelernt? Ja, haben wir. Zum Beispiel, dass ein Leberkässemmerl zu Mittag keine ausreichende Unterlage für einen multistatiönigen Gemma-Abend ist. (Nicht, dass wir das nicht auch schon einmal gewusst hätten.) Zum Beispiel, dass Rauchen auch schlecht für die Kreislaufstabilität ist. Zum Beispiel, dass man, wenn einem schlecht ist, direkt an die Frischluft soll, ohne Umweg aufs Klo.

Danach wollte mich der Zwei-Meter-Security-Riegel nicht mehr ins Flex lassen, obwohl ich einen Stempel auf meinem Unterarm vorweisen konnte. Das sei nicht der Stempel. Ich bellte ihn an, dass, Entschuldigung, dieser Stempel vom Chef persönlich appliziert worden sei, also dürfte ich BITTE!? Ich durfte. Viel später, als ich im Backstageraum eine Banane aß – immer gibt’s Obst in Backstageräumen und noch nie habe ich einen Musiker Obst essen sehen  – erblickte ich auf meinem anderen Arm noch einen Stempel. Der wärs gewesen; Entschuldigung, Herr Security: Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld.

Das gleichnamige Kreisky-Album kaufen Sie sich übrigens bitte jetzt gleich. Und das alte dazu. Und Sie schauen sich ein Konzert von den Burschen an. Und den Austrofred im Rabenhof. Und kaufen die Bücher vom Austrofred. Und das Buch vom Franz Adrian Wenzl. Der Wenzl Franz ist definitiv State of the Pop-Art. Der Wenzl Franz hat das Talent, die Eier und den Stil. So muss das klingen, so muss das auschauen, so will man zum Lachen gebracht werden, so muss das im Bauch wirken und so im Kopf. So muss man das machen, genau so.
25.02.09

Kleiner Exkurs über die Würdelosigkeit

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Stellen Sie sich eine erwachsene Frau vor, die morgens um acht ungeduscht und mit anthrazitgrauen Augenringen vor ihrer Wohnungstür sitzt. Mit der einen Hand drückt sie mit ungefähr 130 beats per minute auf die Klingel, mit der anderen raucht sie und haut periodisch den Ellenbogen gegen die Wohnungstür. Es macht einen Höllenlärm. Sie hört es, das ganze Haus hört es, die angrenzenden Teile des Nachbarhauses hören es, der Lange hört es nicht. Der Lange schläft.

Die Mimis haben den Langen in der Früh auf eine Weise vorgefunden, die ich jetzt nicht näher erläutern möchte; andererseits haben sie es in der Zwischenzeit verlässlich voller Begeisterung der ganzen Schule erzählt. Der Papaaa! Der Lange hat in der Nacht davor im Flex aufgelegt und deshalb die Lizenz zum Schlafen. Die Mutter, die sich um halb drei in der Früh im Rabenhof vom Direktor des Rabenhofs, vom Austrofred, von einem lebensfrohen Fotografen und von noch ein paarn, die auch auschlafen durften, verabschiedet hatte: nicht. Die Mutter ist nach ungerechten drei Stunden Heia aufgestanden, hat den Mimis und dem Babysitter Frühstück und eine ernährungswissenschaftlich wertvolle Jause gemacht, hat den Langen ins Bett geschimpft, die Mimis mit Anzieh-Befehlen terrorisiert, Zöpfe geflochten, Mitteilungshefte kontrolliert, das Zeug fürs Hort-Eislaufen am Nachmittag zusammengesucht und dann die Wohnung verlassen, um die Mimis pünktlich zur Schule zu bringen, mit dem Plan, danach um-ge-hend wieder das Bett aufzusuchen.

Leider habe ich vergessen, den Schlüssel vom Langen innen abzuziehen. Jetzt sitze ich vor der Tür und lerne, dass Türklingeln nur eine begrenzte Zeit klingeln, denn nach exakt einer halben Stunde Dauerklingeln stellt sie ihren Betrieb für immer ein. Ich trete weitere zehn Minuten gegen die Tür. Der Lange schläft wie ein Stein. Nein, der Lange schläft wie ein Toter. Nein, der Lange schläft wie zwei Tote. Er wacht auf, nachdem ich vor dem Haus von einem Fuß auf den anderen getreten und dabei meinen Finger weitere zehn Minuten auf der Hausglocke affichiert habe. Alle Nachbarn hassen mich. Ich würde mindestens eine Woche lang nicht mit dem Langen reden, wenn mir das Goschnhalten gegeben wäre.

Es ist natürlich würdelos. Aber wissen Sie, wir müssen so leben, wenigstens ein paar von uns. Man erwartet das von uns Kreativwirtschaftlern, das gehört zu unserem Jobprofil. Wir sind Stellvertreter, wir müssen, damit die sich noch besser fühlen, repräsentativ für den weniger aufreibend alternden Teil der Bevölkerung hin und wieder diesen würdelosen Twentysomethingslebenstilscheiß weitermachen, bis weit in die Fünfziger hinein. Wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, ziehen wir eh aufs Land, hüten Ziegen, werden wunderlich und fallen nicht mehr ungut auf. Aber sowas muss man sich verdienen; ja.
17.02.09

Alter Sack spricht zur Jugend

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Der Protestsongcontest manövrierte mich letzte Woche in einen Generationskonflikt hinein, und noch nie war es so definitiv: ich stehe jetzt auf der anderen Seite. Ich stehe jetzt bei den alten Säcken, die Jugendkultur nicht verstehen und Jugendkultur verhindern und sich deshalb bitte nicht über Jugendkultur äußern sollen. Auf keinen Fall sollten alte Säcke wie ich in der Jury des Protestsongcontests sitzen. Was hat die da verloren, lese ich bei den Postings (Postings lesen: immer ein Fehler) auf der FM4-Website.

Zum Beispiel: Alte Säcke wie ich haben ihn erfunden. Ohne uns alten Säcke gäbs den Protestsongcontest gar nicht, so ist es nämlich, und ihr kleinen Scheißer könntet nicht im Publikum stehen und uns ausbuhen, weil unsere Altesackheit so krass nervt, und euch danach darüber ausheulen, dass alte Säcke gewonnen haben. Woran ich übrigens völlig unschuldig bin, weil ich meine neun Punkte an die tüchtig jungen Squishy Squid gegeben habe. (Und nirgends steht, dass der PSC ein Kiddy-Kontest mit anderen Mitteln sei. Oder? Nein.)

Natürlich hat es überhaupt keinen Sinn, in dieser Kolumne Botschaften an die Jugend zu richten, weil die Falter-Kolumnen sowieso nicht liest. Um ein Uhr früh stand ich vor dem Rabenhof auf der Straße und wartete auf ein Taxi, schnorrten mich drei Zwanzigetwasse um Tschik an. Und ich war, ich sage es ungern, in der Position, ihrem Wunsch zu entsprechen; aber gerne, wo ihr mich doch vorher so nett ausgebuht habt. Oh, na, sagte der junge Herr, das sei er nicht gewesen, das war sein Bruder, könnten sie vielleicht zwei haben? Aber klar. Man begehrte zu wissen, was ich denn so mache, normalerweise? Ich sagte wahrheitsgemäß, ich schrübe Kolumnen. Wo denn? Kurier und Falter. Kannten sie nicht, aber eine der jungen Frauen meinte, Kolumnen, aha, dazu müsse sie sagen, wir fladerten ja doch nur ihre Ideen, also die der Jungen. Sie trug dazu eine putzige Brille aus den 1970er Jahren.

Aha. So also. Unablässig wird einem vorgeworfen, man verspießere, das sei, gerade angesichts dessen, wie man früher einmal gewesen sei, richtig gruselig, dieses aggressive Verspießern jetzt. Aber kaum tut man es einen Abend lang nicht, ist es auch nicht recht. Gar nicht recht ist es. Einmischung ist es, feindliche Übernahme von Ideen, die uns nichts mehr angehen. Geht’s heim, Greise, haltet euch raus.

Ich habe eine eigene Idee: Machts euch euren Protestsongcontest doch selber, in eurem eigenen, selbsteroberten altesäckefreien Jungemenschenlokal und überträgts ihn in eurem eigenen Radio. Derlei haben wir alten Säcke in eurem Alter gemacht, aber das braucht euch nicht zu interessieren. Uns ists eh wurscht, wir sind mit dem Verspießern hübsch ausgelastet und mit der Aufzucht jener Generation, die euch den alten Sack überstülpen wird, lange bevor ihr mit dem Jungsein auch nur annähernd fertig seid. Huachts zua: das ist bälder, als ihr denkt.
3.02.09

Sag ich nicht, aber es wird dir gefallen

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Wie ich aus dem Bett gehüpft bin, hat es mich gleich längelang auf die Gosche gehauen und ich habe mir das Knie aufgeschlagen. Was erstens daran lag, dass ich mir tags zuvor schön die Füße geraspelt hatte, und jetzt babypopschzarte Füße plus glatter Parkett, gemma. Zweitens war eiliges Eingreifen von nöten, ich musste nämlich sehr schnell um die Bett-Ecke und aus dem Schlafzimmer bohren und das Schlimmste verhindern, weil ich gerade gehört hatte, wie der Lange dem einen Mimi sagte, na gut, wenn es denn so gar nicht mag, braucht es nicht in die Schule zu gehen. Das Mimi war fast die ganze Woche krank und erst einen Tag wieder in der Schule gewesen und hatte festgestellt, dass es, obwohl Schule nicht schlecht, wesentlich mehr Spaß macht, den ganzen Tag im Bett zu liegen und Filme anzuschauen. Nun war das zweite Mimi, das die ganze Woche in der Schule gewesen war, abends zuvor auch krank geworden, und würde nun, um Mutter die Erwerbsarbeit zu ermöglichen, den ganzen Tag im Bett liegen und Filme schauen müssen. Da fand das erste Mimi, es sollte das Herz seines Vaters mit ein wenig bitterlichem Geschluchze erweichen, was gelang. Leider rechnete es nicht mit dem leichten Sieben-Uhr-Früh-Schlaf seiner Mutter.

Hatte es auch keinen Grund dazu. Schließlich hatte sich die Mutter abends zuvor Richtung Austrofred-Buchpräsentation aus der Wohnung entfernt, mit dem Langen, mit Lippenstift, Stöckelschuhen und den Worten, wehe, man lasse sie morgen nicht ausschlafen, wehe ein Kind käme, wie letztens nach dem Auflegen im rhiz auf die Idee, nicht zur Schule gehen zu können, ohne zuvor an der geliebten Mutter gerüttelt und ihr einen innigen Abschiedskuss auf das stinkende Maul gedrückt zu haben. Die Oma ist eh da, also: WEHE!!!!

Aber jetzt wieder nix; sondern mit blutigem Knie und brutalem Schädelweh aussi, den Langen fragen, ob er deppert geworden ist und dem heulenden Kinde sanft, aber eindrücklich Informationen über die allgemeine Schulpflicht in Österreich nahebringen, die es nun einmal verbietet, einfach zu Hause zu bleiben, weil man gerade keine Lust hat. Buhuhu. Und warum, buhuhu, darfst du dann liegenbleiben? Wie du siehst, darf ich eh nicht. (Dafür hatte sich der Lange aus gekränkter Vater-Eitelkeit wieder ins Bett zurückgezogen und schnarchte bereits weiter.) Komm, du ziehst dich jetzt an und am Nachmittag, wenn du heimkommst, hab ich eine Überraschung für euch. Was für schluchz eine schluchz Überraschung? Sag ich nicht, siehst du dann, aber es ist eine gute und sie ist DVD-förmig.

Auch das habe ich bereut. Schon nachmittags um vier musste ich die Antwort auf die um zwei gestellte Frage, ob in „Mamma mia!“ Monster vorkommen, vollumfänglich revidieren, weil: Ja, es kommen in „Mamma mia!“ doch Monster vor. Ich werde jetzt, suupapa, truupapa, in einem ABBA-Umerziehungslager festgehalten; und das Knie schmerzt immer noch.
21.01.09

Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war

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Ich will jetzt nicht näher darauf eingegehen, dass noch Zeichen und Wunder geschehen, aber. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, ba ba, Cedric, grüß Gott, alte Frau. Und ich beantworte gerne die Frage, ob in meinem Leben nichts Aufregenderes passiere als bildlicher Ärger: Weil, richtig, tut es nicht. Und das ist überaus erwünscht, nach diesem Partyherbst, der mich ziemlich zerzaust ins neue Jahr schickte. Nun sitze ich abends endlich wieder an gedämpftem Schreibtischlampenlicht; lese Thomas Bernhard, trinke mäßig, rauche nicht und genehmige mir als äußerste Tollerei eine pfiffige Statusmeldung im Facebook. (Na gut, letzte Woche habe ich einmal im Flex-Café aufgelegt, und es war so, dass die Musikwünsche Michael Jackson - „Thriller“!!! - Usher und 50 Cent an mich herangetragen wurden. Oida. Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war.) Im Facebook habe ich 323 Freunde und ich könnte 324 haben, wenn der Kollege F. seine Facebook-Personality nicht suicidiert und 325, wenn die geschätzte junge Autorin auf Anfrage nicht gefunden hätte, sie wolle ihre Freunde lieber auf der Straße wiedererkennen und das träfe auf mich nun mal nicht zu. Ich mailte zurück, dass ich der Meinung zuneige, man solle wahre Freundschaft und Facebook-Freundschaft nicht miteinander verwechseln: aber man dürfe natürlich, und darauf antwortete sie nicht mehr. Eh klar kenne ich drei Viertel meiner fb-Freunde nicht persönlich, das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, Facebook ist ja kein Poesialbum und kein Weiberabend, sondern ein virtuelles Stammkaffeehaus, wo man auch nicht jeden persönlich kennt und kennen will und von den meisten auf keinen Fall mehr wissen möchte als die Konversationsfetzen, die es zufällig vom Nebentisch herüberweht. Die können sehr öd oder sehr inspirirend sein. Oder sehr nervig, wie beispielsweise die Anmache von Dick Johnson, dem ich hiermit versichere, dass ich ihn aus meinem Freundeskreis entferne, wenn er mir jetzt noch ein einziges Herz schickt und oder noch einmal sehen will, „how similar you are on the "Excuses to have Sex" quiz. Take this quiz to see your match score with Dick“. Ich matsche nicht mit Dick, das weiß ich unheimlich genau und werde es ihm mit der Löschtaste beweisen, was im Kaffeehaus übrigens leider nicht funktioniert. Und es ist dort auch nicht möglich, täglich meine echten erkenn-ich-auf-der-Straße-Freunde aus der Schweiz und Paris und Übersee anzutreffen, im Facebook aber schon. Wie Haemmerli, der gerade in Saigon lebt, guten Morgen, guten Tag, auch schon wach, was liegt an heute. Haemmerli, der sich vor drei Wochen oder so eingeloggt hat, hatte in zwei Stunden 180 Freunde und hat mittlerweile ungefähr 520, was Haemmerlis informationssüchtiger, diskursgieriger Persönlichkeit entspricht, während es meinem phlegmatischen Charakter entspricht, lieber nur den anderen beim Diskursen zuzusehen. Doris Knecht ist der Gruppe „Faule Voyeure“ beigetreten. Neuer Status, genau.
16.12.08

Wir haben noch genug andere Zimmer

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Wenn die Kinder noch einmal „Feliz Navidad“ auf ihren Pu-der-Bär-Casios spielen, entleibe ich mich. Ich weiß nicht, woher sie diese Besessenheit haben; aber sie muss jeweils über ein saisonal oder kulturindustriell vorgegebenes Ereignis gestülpt werden; aktuell: Weihnachten. Unsere Wohnung wird von einem Adventkranz geziert, unzähligen Kerzen und Sternen plus einem bereits fixfertig geschmückten Christbaum, den, auf Wunsch des Bubenmimis, die ganze Familie an Tag eins des Wiener Christbaumverkaufs gemeinsam aussuchen und singend nach Hause tragen musste. Das Kind hat, abseits ihres Fußballwahns, eine stark idyllische Ader.

Ossi, mein Alter Zürcher WG-Kumpel, hat das noch vor sich: nicht nur ehemalige Arbeitskollegen (neun), auch ehemaligen Mitbewohner (jetzt: zwei) zeigen eine auffällige Tendenz, ebenfalls Zwillinge zu bekommen; Ossis Zwillingsmädchen kommen im April zur Welt. Es spricht aus seinen Mails die übliche, präparentale, geistesgestört verklärte Ahnungslosigkeit: Er hat keinen Tau, was auf ihn zukommt, weiß aber mit Sicherheit, dass es überhaupt kein Problem wird. Ich erkläre ihm vorsichtig, dass er sich die ersten drei Jahre sogar die Zeit, die er zum Atmen braucht, gut einteilen wird müssen und er sich weitere drei Jahre später wegen anhaltender Weihnachtsliedfolter harakirien wird wollen, aber das hört er gar nicht. Hat er auch Recht, bringt ja nichts. Immerhin ist er realistisch genug, mir seinen Maserati zum Kauf anzubieten; weil dafür hat er vorläufig tatsächlich keine Verwendung. Obwohl ich ihm vielleicht erzählen sollte, dass einer der neun Arbeitskollegen einen Ferrari mit zwei Kindersitzen fährt.

Und ja, wir könnten ein neues Auto brauchen: Unseres hat ein Problem beim Starten. Einen Wackler in der Zünd-Elektronik, was weiß ich. Für das Auto ist der Lange zuständig, und er könnte es in eine Werkstatt bringen und das Problem beheben lassen, aber aus irgendeinem, vermutlich finanziellen Grund, widerstrebt ihm das. Wir machen es jetzt einfach so, dass wir das Auto nur noch auf abschüssigen Straßen abstellen, oder wenn verlässlich Leute in der Nähe sind, die beim Anschieben helfen können. Der Lange kennt mittlerweile alle Tankstellen zwischen Wien und Waldviertel mit einer Neigung von plus zehn Prozent, und er findet, damit ist die Sache erledigt. (Wenn es bei uns in einem Zimmer schlecht röche, würde der Lange ein Dutzend mal anmerken, dass es in dem Zimmer schlecht riecht und schließlich zum Baumarkt fahren, Abdichtklebeband oder Silikon kaufen und das Zimmer von außen luftdicht verschließen. Wir haben ja noch genug andere Zimmer).

Apropos Kulturtechniken und Besessenheit befinden wir uns gerade in einem Experiment, wie oft sich Sechsjährige „Kungfu Panda“ anschauen können, bevor ihnen das zu fad wird. Bislang können wir sagen: Nicht vor dem 8. Mal. Versuch 9 verschafft uns soeben eine lebenserhaltnde Pause von „Feliz Navidad“. Merci, Po. Und merci bien, Christkind, ich habe gehört, du bringst ein neues Kolumnenbild.
3.12.08

Ich war oft heiser in den Neunzigern

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Ich bin jetzt noch verärgert darüber, dass ich das TV On The Radio-Konzert ausgelassen habe. Selbstverständlich das, wie ich höre, großartigste Konzert des Jahres, unübertrefflich. Stattdessen saß ich mit Sedlacek in einem italienischen Lokal, und Sedlacek war überraschend angenehm; erwachsen, gelassen, zuhörbereit: Leider war ich es nicht, was in erheblichem Maß mit verschiedenen Aktivitäten zu tun hatte, in denen jeweils Rotwein eine Rolle spielte. Ich vertrage keinen Rotwein auf nüchternen Magen, haben das jetzt alle verstanden? Zuerst war ich mit einem der Mimis Adventkranzbinden im Hort (Glühwein), dann war das andere Mimi bei einem Freund abzuholen, wo es etwas zu essen gab (was ich, wegen der Verabredung mit Sedlacek, ausschlug) und Rotwein zu trinken (was nicht). Dann übergab ich die Kinder dem Babysitter und eilte in das Restaurant, wo Sedlacek schon beim Rotwein saß und in die Speisekarte blickte, aber ich hatte doch keinen Hunger und beteiligte mich nur am Wein. Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, ob ich eigentlich den Babysitter bezahlt hatte und Sedlacek antwortete bis heute nicht auf ein Mail, das eine Menge ähs enthielt. Der Mann hat keine Ahnung, wie schnell eine Mutter in eine akute Angetschechertheit rutschen kann. Viel schneller als keine Mutter nämlich, weil keine Mutter würde gerade aus dem Büro kommen, wo sie bis kurz vor dem Essen mit Sedlacek volkswichtige Erwerbsarbeit erledigt hätte. Was einen tatsächlich entschieden weniger durstig macht, als das Binden von Adventkränzen in Gesellschaft anderer Mütter, die dafür nicht geschaffen sind, und danach ein Rudel Sechsjähriger, das sich einen völlig enthemmten Dreifrontenkrieg mit Lebensmitteln, Schuhen und Tampons liefert, bis man sie endlich alle an den Ohren zu fassen kriegt. Seids ihr eigentlich noch. Kruzi.

Egal. Zum Glück habe ich nicht das Bernhard-Fleischmann-Konzert ausgelassen. Ich glaube zwar, dass es in ganz Wien keinen dümmer konzipierten Konzertsaal gibt, als den sonst hübschen Ragnarhof, aber das Konzert war wunderbar, melodiöses Gefrizzel mit hohem Seelenanteil, sehr uncool, sehr berührend, hat viel mit den Gaststimmen von Marilies Jagsch und Sweet William Van Ghost zu tun. Am Ende betrat auch noch Christoph Kurzmann vollkommen unverändert die Bühne und ich fiel schlagartig ins Zeitloch, zurück in die Neunziger, die ich praktisch lückenlos auf Konzerten verbracht habe und mit der Abklärung musikalischer und gesellschaftspolitischer Standpunkte. Ich war oft heiser in den Neunzigern. Ich konnte ausschlafen in den Neunzigern. Es war nett in den Neunzigern. Dafür hatte ich keinen Adventkranz und niemand, der mir tagelang damit auf die Nerven ging, wann jetzt endlich die erste Kerze angezündet wird, und insofern, soviel vorweihnachtliche Kinder-Verbrunztheit erlaube ich mir jetzt einmal, bin ich vollkommen damit einverstanden, dass sie vorbei sind. Tuts nur den Rotwein weg, bitte.
29.11.08

Ein paar Schriftsteller wären praktisch

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Viel über Privatheit nachgedacht, letzte Woche. Es gab da einen Konflikt, einen exemplarsichen Konflikt, aber den hier zu reflektieren, würde den Konflikt ins quasi Unermessliche potenzieren. Und mir ist nicht nach Streit. Ich will jetzt Friede um mich haben, Weihnachtsstimmung, ich möchte angelächelt werden durch Kerzenschein.

Allerdings letzte Woche immer noch nicht viel Privatheit gehabt, was darin gipfelte, dass ich am Samstag auf dem Weg zu einer Lesung, zwischen Wohnzimmer und brut-Theater, mein Leseexemplar mit den Postits verlor; ich weiß nicht wie, einfach weg. Wahrscheinlich fährt es in einem Taxi durch Wien, als eigenwillige Fußmatte. Es muss kein direkter Zusammenhang dazu bestehen, dass ich tags zuvor The Fall in der Arena sah, und danach ein bisschen etwas von A Life, a Song, a Cigarette im Flex und danach, um eins, bei der 30-Jahre-Droschl-Party nichts mehr zu trinken bekam. Denn die Party war schon aus. Aus, bitte! Entschuldigung, wenn das jemand im Ausland erfährt! Was wirft das für ein Licht auf den gesamten österreichischen Literaturbetrieb! Das ist ja!

Wobei man sagen muss, dass die Buch Wien am Messegelände ein wirklicher, voller Erfolg war: Das hat richtig gebrummt. Nur an den Partys muss man dringend noch arbeiten, so geht das nicht. Ich meine, um eins, wo samma. Und ich meine zum Beispiel das Eröffnungsfest: Das Setting im Museumsquartier war sehr schön, aber am Ablauf muss man unbedingt noch schrauben. Zum Beispiel widerspricht es dem Prinzip von Party an sich, sie mit acht Lesungen hintereinander zu kombinieren: Beides für sich ist prima, beides zusammen funktioniert null. So ein Eröffnungszeremonial, das muss rauschen, gearbeitet wird dann eh die ganze Woche. Und dann sollten, wenn man schon ein großes Literaturfest eröffnet, unbedingt ein paar Schriftstellerinnen und Schriftsteller anwesend sein, und zwar nicht nur die, die man zum Lesen engagiert hat, und ganz besonders auch die, von denen man weiß, dass sie sich garantiert schlecht benehmen. Nächstes Jahr. Nächstes Jahr!

Mark E. Smith, weil wir gerade von The Fall reden, sieht jetzt übrigens aus wie etwas aus einem Peter-Jackson-Film. Es ist im Fall-Fall, im Unterschied zu fast allen Konzerten sonst, besser, man seht nicht direkt bei der Bühne, weil man dann genau sehen kann, wie Mark E. Smith zwischen zwei Songzeilen auf seinem zahnlosen Zahnfleisch herumkaut wie die alte Hexe Tannenmütterchen. („Das alte Haus“ von Wilhelm Matthießen. Von 1923; und immer noch ein saugutes Märchenbuch; können sie sich auf die Weihnachtsliste schreiben. Apropos Weihnachtswunsch: Liebes Christkind, ich wünsche mir ein neues Kolumnenbild, auf dem ich ein Eitzerl wie ich ausschaue.) Allerdings greint Herr E. Smith uns immer noch tadellos was daher, das soll uns zum Vorbild gereichen, aber erst wieder ab Jänner oder so. Nun will ich friedlich sein.
19.11.08

Zuviel Unklarheit in der Zusammensetzung, leider

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Anderntags muss ich um elf im Fürstenhof gestellt sein, die Schellinskis, die alten Haberer, präsentieren ihre neue CD „Herz Schmerz Hotel“. Wie ich den Fürstenhof betrete, sitzt dort Hermes (nicht der Hermes von nebenan, der andere Hermes) hinter einer dunkeldunklen Sonnenbrille; man kann nicht sagen, ob er wach ist oder schläft, er wirkt aber so, als würde er, wenn er nicht schläft, selbiges gerne tun. Ich sage, haha, mir geht’s auch schlecht, weil ich war gestern bis drei im Jenseits, und Hermes sagt, da sei insofern interessant, als er gestern bis fünf im Jenseits aufgelegt hat. Ach, echt. Hab dich gar nicht gesehen, war in der andern Ecke mit der Ruth und dem Herrn Verlagschef und der Frau Lektorin, es war überaus anregend. Der Lange kommt, der Fink und noch ein paar andere und dann geben die Schellinskis zu Gulasch und Bier ein kleines Konzert mit Liedern, die nur der Fink und ich verstehen, aber die anderen finden es auch ganz prächtig. Weil die Schellinksis sind ungefähr so etwas wie der Ernst Molden auf vorarlbergerisch, der mir übrigens nach der letzten Kolumne einen nagelneuen Track gemailt hat: pvau, danke, echt nett. Aber im Unterschied zum Molden hat mir der Schellinski-Sänger, der damals die coolste Sau zwischen Kummenberg und Schweizer Grenze war, schon Bluese vorgesungen, wie ich selbst praktisch noch ein Kind war; das prägt. Es ist also sehr nett im Fürstenhof, und das Bier käme mir jetzt unglaublich gelegen, aber danke nein, ich muss noch arbeiten. Und dann noch ausgehen.

Das Leben ist derzeit so, dass uns die Babysitter ausgehen. Ständig ist etwas. Immer muss man wo sein, und wenn man nicht muss, dann will man. Hab ich nicht letztes Jahr den ganzen Herbst und den ganzen Winter gekocht und Kuchen gebacken? Und war das nicht schön und ungemein befriedigend? Kann mich nicht mehr erinnern. Kochen spielt derzeit in meinem Dasein eine so untergeordnete Rolle, dass die Anna, wie sie kürzlich am frühen Abend zum Babysitten herüber kam, bis auf die Tiefkühlerbsen und 1 Pommes rundheraus das gesamte Essen ablehnte, das ich ihr auf den Teller schaufelte: zuviel Unklarheit bei der Zusammensetzung der Hühner-Nuggets, die die Kinder serviert bekamen, und zuviel Klarheit beim Inhalt der Garnelen-Wantan aus dem Tiefkühlsack. Anna sagt, Entschuldigung, sie verträgt leider kein Glutamat. Ich schon; magst vielleicht ein Brot?

Immerhin kann ich den Einzug der Realität ins Leben meiner Kinder verlautbaren, denn als ich das Haus verlasse, zeigen die Mimis der Anna gerade, was sie in der Schule gelernt haben, sie können jetzt nämlich auf Türkisch „Arschloch“ sagen. Gottseidank, ich dachte schon, sie lernen da gar nichts fürs Leben.
12.11.08

Und Fionn Regan soll mich Hase heißen

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Der Lange sagt, er kann keine weißen Schmerzensmänner mehr hören, aber ich verehre die weißen Schmerzensmänner. Ich finde, es ist die Jahreszeit für weiße Schmerzensmänner. Ich bin in der Stimmung für weiße Schmerzensmänner, kömmet zu mir und singet mich an, ihr wundervollen Heulboyen. Ryan Adams, Fionn Regan, Vic Chesnutt, Conor Oberst, Fink, M. Ward, Mica P. Hinson, und auch (was der Lange gerade noch akzeptiert) Bernhard Fleischmann und Ernst Molden: Erschallet, bis die Krokusse wieder erblühen, bis mich des Morgens wieder fürwitzige Sonnenstrahlen wachkitzeln statt nachtschwarzer Frühwinterbrutalität. Und darüber hinaus gerne auch noch. Ich wölle, dass Adams mit seinem neuen Album „Cardinology“ mein Leben fixt und Regan sölle mich Hase heißen. Und natürlich soll mir Bob Dylan die Ballade vom Girl from the Red River Shore noch drei-, vierhundertmal vorsingen; glücklicherweise zählt der Lange Dylan zum Guten in der Welt. Dreihundertmalige Wiederholungen dagegen leider nicht, das bekamen auch die Mimis und Peter Fox zu spüren. Peter Fox haben wir gern gehört („Haus am See!“ Jess!) jetzt haben ihn die Mimis in die Finger gekriegt und wir hören ihn nicht mehr: Jetzt werden wir gehört, tagaus, tagein, auf einer 24/7-Basis. Mein Verständnis haben sie, wenn etwas wirklich wirklich gut ist, muss man es wieder haben und wieder tun. Plus, ich habe einen eigenen Kopfhörer, fett wie zwei doppelte Cheeseburger TS Royal.

Die Meinung, dass etwas Gutes wiederholungspflichtig ist, vertritt auch das Bubenmimi, das schon vor längerem ein zentrales Motiv in sein Leben implantiert hat, und das ist: Fußball, der Fußballverein, das wöchentliche Fußballtraining. Kann man ein Training auslassen, weil Laternenfest ist? Nein. Für einen Hort-Ausflug ins Schokolademuseum? Sicher nicht. Furchtbare Erkältung? Nix. Weil man seit einem Dreivierteljahr praktisch unmöglich zu ergatternde Karten für das Fest der Pferde hat? Nicht einmal daran denken. Und obwohl das Bubenmimi in dieser Familie die einzige ist, die Interesse daran hat, einen Ball mit dem Fuss zu treffen: es macht das Leben mir ihr doch einfach. Es ist leicht, sie glücklich zu machen. Das hat uns der Polz zuletzt im Garten der Horwaths vorgeführt, als es zu Tränen und Geschrei kam, weil wir das Bubenmimi aus dem Zimmer mit dem TV-Gerät entfernt haben. Und nachdem ich bei dem Kinde auch nach zehn Minuten mit vielen klugen, besänftigenden, pädagogisch wertvollen Worten, mit Versprechungen und Erpressungsversuchen genau nichts erreicht hatte, sagte der Polz, der keine Kinder hat und in seinem Leben mit Kindern überhaupt nichts am Hut, zum Mimi: Komm, wir spielen ein bisschen Fussball. Zwei Sekunden später war das Mimi wieder froh. Ach: so geht das.
29.10.08

Schön sprechen, Kleiner!

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Permanent muss man aufpassen, dass die Kinder nicht mit irgendwelchen völlig degenerierenden Medien und Medienprodukten in Kontakt kommen: es ist total nervig. Am Samstag am Land schaffen wir es endlich einen Tisch in einem der Handvoll akzeptabler Gasthäuser im Waldviertel zu bekommen; gemeinsam mit den Polzes und den Horwaths und den Hofingers, die auf Besuch sind, und wir müssen nicht einmal die Kinder mitnehmen, weil der Nachbarsvierzehnjährige hat sich zum Babysitten überreden lassen. Vierzehnjährige brauchen immer Geld. Leider beginnt der Abend suboptimal; denn der kleine Horwath ist ein liebes, nettes Kind, solange er seinen Willen bekommt. Wenn nicht, nicht. Zum Beispiel ist es nicht der Wille des kleinen Horwath, dass während der Eltern-Abwesenheit „Bullerbü“ geschaut wird, weil er der Ansicht ist, „Bullerbü“ sei etwas für Babies und kleine Mädchen; der kleine Horwath ist härteren Stoff gewohnt. Und der kleine Horwath ist gewohnt, dass geschieht, was er bestimmt, bloß steht es diesmal drei zu eins für „Bullerbü“. Der kleine Horwath hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz, und ich muss erst einmal in die Knie gehen und ihm mit großer Eindringlichkeit klarmachen, dass er zu mir sicher nicht „Blödmann“ sagt. (Früher, als der kleine Horwath drei oder vier war, bebrüllte er den jeweiligen Diskursgegner als Seistwodl: Schön sprechen, Kleiner, das heißt Scheißtrottel, und das sagst du auch nicht zu mir.) Es ist aber unwahrscheinlich, dass er mich hört, weil er gerade sehr viel Blut im Kopf hat, das rauscht in den Ohren, und die Mimis fangen auch noch an zu weinen, weil das Gederwische und Gekreisch des kleinen Horwath sie erschreckt.
Deshalb auch „Bullerbü“; die Mimis haben eine sehr niedrige Gewaltaffirmationstoleranz, medial und real, und als sie im Sommer einmal, eh gegen meine Überzeugung, „Harry Potter“ geschaut haben, weil die Mosers gesagt haben, das wäre ein total harmloser Babyfilm, den auch ihre dreijährige Tochter schon schaut, brachen Sie danach spontan in Tränen aus und hatten nächtelang Alpträume. Und ich verstehe das überhaupt nicht und werde das nie verstehen, warum aufgeklärte Eltern ihre kleinen Kinder bewusst solchen Bildern voller Bedrohung und Gewalt und Angst aussetzen. Ich bin ein großer Fan der netten Harmlosigkeiten von „Bullerbü“, und beabsichtige, es zu bleiben.
Diverse Drohungen der Horwathin später ist auch der kleine Horwath bereit für „Bullerbü“, der Nachbarsbub hat die DVD und vier Telefonummern schon in der Hand und ist über Allfälligkeiten instruiert. Wie wir drei Stunden später heimkommen, sitzen alle Kinder um des Nachbarsbuben Laptop (der vorher noch nicht da war), und als ich das Zimmer betrete, sagt der kleine Horwath gerade: „Kannst du den noch schnell töten?“ Nein, kann er nicht. Weil jetzt ist erst einmal er dran.
23.07.08

Was machen wir jetzt?

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Im Kaffeehaus kriegen sich der Horwath und der Lange jetzt zum Thema Sonnenengergie in die Haare. Gut, wir sind alle ein wenig aufgewühlt, weil wir eben unsere Kinder in einen Bus gesetzt und ins Sommerlager verschickt haben. Es war nicht unser Wunsch, es war der Wunsch der Mimis. Ich hatte viele Einwände, die ich ihnen gegenüber unausgesprochen ließ: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn ihr Heimweg bekommt? Weil ich hatte im Lager immer Heimweh, und es war immer schrecklich, und am zweiten oder dritten Abend musste ich immer abgeholt werden. Aber zumindest im Vorfeld zeigten die Kinder keinerlei Anzeichen von übermäßiger Sentimentalität gegenüber ihrer Herkunftsfamilie; zählten wochenlang die Nächte bis Sommerlager und wachen am Abreisetag mit leuchtenden Augen auf. HEUTE! Die Mutter hat sauschlecht geschlafen und muss sich das angemessene Strahlen mit einiger Anstrengung ins Antlitz schnitzen. Heute. Was, wenn ich Heimweh bekomme?

Dann stehen wir am Reisebus und winken unseren Kindern zu. Eins weint; zum Glück keins von unseren, sondern das von den Szene-Wirten, die ihrem Kind, obwohl ihnen gar nicht danach ist, entschlossen entgegenstrahlen: Durch die begeistert gefletschten Zähne zischt der Szene-Wirt, dass der blöde Bus jetzt bitte bitte bitte endlich fahren soll, er hälts nicht mehr aus, gleich heult er auch. Eins der Mimis winkt nicht einmal zurück; keine Zeit, aber wie der Bus endlich startet, bin ich trotzdem froh, weil lange hätte ich mein Grinsen auch nicht mehr derhalten.

In dem Moment kommt auch der Kabarettist unter Gekeuche um die Ecke gerannt und kann seinem Kind, das von dessen Mutter geliefert worden war, gerade noch zuwinken. Wir applaudieren herzlich: schöne Vorstellung, Herr Künstler, Gott zum Gruße! Der Kabarettist kommt akut von irgendwo am Land, er hat einen Rucksack mit Gehstöcken dabei, sieht aber das Gegenteil von erholt aus und formuliert im Kaffeehaus entschiedene Einwände, als der Ober findet, die Bestellung werde erst aufgenommen, wenn alle parat seien. Nix da, gleich Kaffee. Dann geraten der Horwath und der Lange aneinander: kriegt man jetzt, wo der Photovoltaik-Klimafonds leer ist, noch eine Förderung für eine Strom- oder Warmwassersolaranlage? NEIN, ruft der Horwath, JA! ruft der Lange!, und wieder einmal fallen die Worte Dummkopf, Dodel und Depp. Muss man aber nicht so ernst nehmen. Ihr seid jetzt Nachbarn, da im Waldviertel, oder?, grinst die Szene-Wirtin, und der Horwath brummt, dass, na, zum Glück noch ein alter Bauer seinen Hof dazwischen habe, der sei nämlich geistig weit flexibler als dieser Sturschädel da. Wer redet, sagt der Lange.

Denn als Nebenniederösterreicher ist man umweltbewusst, macht sich Solarzellen aufs Dach, und es werden, wie wir später recherchieren werden, beide Sturschädel Recht gehabt haben. Aber jetzt  im Kaffeehaus reden wir dann lieber wieder über die Kinder, und was wir machen, nun, wo sie nicht da sind.
9.07.08

Einer muss es tun

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Das Auge“ von Thomas Hirschhorn in der Wiener Secession
(für die Zürcher „Sonntagszeitung“)


Thomas Hirschhorn stellt in der Wiener Secession nicht allein aus. Er ist natürlich der Wichtigste, bespielt den Hauptraum, den er in eine einzige, polygestalte Skulptur verwandelt („Nicht Installation!“ betont Hirschhorn, „Skulptur!“), aber in zwei anderen Räumen werden gleichzeitig Ausstellungen einer österreichischen Künstlerin und eines Kollegen aus Ungarn eröffnet. Und die umkreisen nun brav je ein Denkmal – eine Brücke in Bratislava, eine Wohnanlage in Budapest – zum Teil mit Zeitzeugen-Interviews, alles lieb und meinungsschwach und nichts, was nicht völlig verblödeter TV-Journalismus nicht auch könnte. Hirschhorns Arbeit dagegen: generalinkompatibel mit allen Formaten, selbst dem Raum, in die er sie gepresst hat. Der Besucher hat Schwierigkeiten, zwischen den Skulpturteilen durchzuschlängeln, ohne sie zu berühren oder gar zu fällen. Ein Brutalinformationsparcour. „Augenbetäubend“, nannte die „Süddeutsche“ eine Hirschhorniade einmal: das trifft auch auf seine Wiener Skulptur „Das Auge“ zu. „’Das Auge“, erklärt der Pressetext, „sieht, aber ‚Das Auge’ versteht nicht.“ Niemand müsse „andererseits ’das Auge’ verstehen, niemand muss mit dem ‚ Auge’ einverstanden sein und niemand muss mit dem „Auge“ in Kontakt treten.“

Das ist fein und erleichtert die Rezeption des Werks ungemein. Es handelt sich beim „Auge“ nämlich um einen typischen Hirschhorn: Plakativ, anmassend, naiv, subjektiv, ausurfernd, simpel, alarmistisch, unverhältnismässig. Alles wie immer mit braunem Paketband zusammengepickt. Und: dieser spezielle Hirschhorn hier ist ziemlich rot. Denn dieses „Auge“, so Hirschhorn, sehe nur rot. Unheimlich viel Blutrot auf Schneeweiss (womit es, auch deshalb wird es die Wiener kaum schockieren, an Werke der Wiener Gruppe, vor allem Günther Brus erinnert).

Es gibt: einen Laufsteg mitten durch den Raum, darauf maskierte Schaufenster-Puppen in blutbespritzten Pelzen, um den Hals Schilder mit Parolen und Bildern verstümmelter Menschen und Tiere. Es gibt eine Styropor-Eislandschaft voller blutbespritzter Kuschelrobben auf Spielzeugboten. Es gibt Podeste mit zahllosen Fotos von grausig verstümmelten Kriegstoten, ein anderes Podest mit Fotos von brennenden Autos und Gebäuden, und ein weiteres mit Bildern folkloristischer Masken. Es gibt ein grosses Auge aus Pappmaché. Es gibt Puppenköpfe mit augenfömrigen Einschusslöchern in der Stirn, aus denen roter Isolierschaum quillt. Es gibt blutige Tiere und Extremitäten, die von Stangen hängen. Es gibt einen Haufen Cola-Familienpackungen über Schaufensterpuppen in blutverschmierten Arbeitsmänteln (Pech für Coca Cola, dass die Markenfarbe ausgerechnet rot ist), es gibt Weltkugeln und Flaggen en Gros, in denen Hirschhorn fein säuberlich alle nicht roten Flächen und Muster weisselte. Es gibt gesprayte und ausgeschnittene Parolen und Wort- Satzfetzen: PERMANENTE GEHIRNWÄSCHE. FETTE BEUTE. WAFFENGLEICHHEIT. KOSTEN DER MORAL. NACH DEM STURM. VIELES SPRICHT. URLAUB VON DER REVOLUTION. NICHTS IST UNMÖGLICH. NEUE UNÜBERSICHTLICHKEIT. Es gibt, es gibt, es gibt. Drumherum und dazwischendrin stehen Dutzende Monoblockstühle mit angeklebten Pappgesichtern, wie bei der Oscar-Generalprobe.

Ist natürlich alles naiv bis zur Putzigkeit, reflektionsfrei, geradezu lachhaft vordergründig.  Aber eben etwas, was heutzutage nur noch Kinder und Kunst dürfen: Hemmunglos subjektiv sein, einfach sagen: Ich finde den Krieg und das Töten SCHEISSE und brülle das einfach mal so völlig unembedded hinaus, und ich brauche nicht erklären warum oder ein Statement der Gegenseite einzuholen. Also, alles was  Journalismus nicht darf.

Hirschhorn, nachdem er die Ausstellungen seiner Künstlerkollegen freundlich durch die Hirschhornbrille beguckt hat, erklärt die Bezüge seiner Arbeit mit den Schock-Kampagnen der Tierschützer (und damit ihre Botschaft): Er „liebe diese Art von Skulptur, in Dringlichkeit gemacht mit Haltung“. Aber: „Es erschüttert mich, dass das für Tiere gemacht wird und nicht für Menschen.“ Einer macht das jetzt: Hirschhorn.
4.07.08

Ist es schon neun?

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Leser Otto Sch. will mich beleidigen, und es gelingt ihm. Ich sei nämlich, schreibt er, offenbar mit Meister Dylans Art nicht vertraut, denn entgegen meinen Behauptungen in der letzten Kolumne grinse Bob Dylan niemanden grundlos an. Ich weiß allerdings nicht, ob es mich mehr kränkt, dass mir Sch. mein in sechs Dylan-Konzerten gewachsenes Minimum an Dylanartvertrautheit abspricht, oder dass er so einen offensichtlichen Schmäh nicht kapiert. War das unklar? Dass das Wunschdenken- Witz gemeint war? Ich weiß natürlich sehr wohl, dass Dylan mich nicht angegrinst hat, erstens stand ich im Dunkeln und Dylan im Licht, zweitens wäre er aufgrund von, wie ich zu glauben glaube, Kräuterdingsinhalation gar nicht in der Lage gewesen, mein Antlitz zu fokussieren, selbst wenn ein 5000 Watt-Scheinwerfer darauf gerichtet gewesen wäre. Herr Sch. unterstellt mir außerdem, ich hätte während des Konzerts Nachrichten an meine Lieben in mein Handy gebrült, was ich natürlich eine glatte Lüge ist und ich nienienie tun würde: ich habe lediglich still Sedlaceks Nummer gewählt und ihn Dylan lausche lassen. Und schon gar nicht habe ich, wie Herr Sch. mich weiters bezichtigt, Dylan mit meinem Handy angeblitzt: mein Handy, ein Nokia Modell Xpress-Music, kann gar nicht blitzen, wenngleich ich gestehe, dass ich mich nicht zurückhalten konnte, mir ein Bildnis des Gottgleichen zu machen und es auf meinen Blog zu stellen. Es war aber völlig unscharf, was als Beweis für die totale Blitzfreiheit des Vorgangs reichen sollte. Plus, ich tat es, während Dylan mich mit einem  Altherrenblues von gefühlten 97 Strophen ein wenig - wie sags ichs, ohne Gott seinerseits zu Blitzen zu provozieren - langweilte.

Das Ländle, Xavers Wiese und die strengen Vor-neun-Uhr-Vormittags-keinen-Schnaps-Regeln in meiner Familie (der Vater: Magst einen Schnaps? Der Onkel: Ist es schon neun? Ach was, bis du eingeschenkt hast, sicher) habe ich unbeschadet überstanden, um mich zwei Tage darauf im Waldviertel zerstechen, zerkratzen und verbrennen zu lassen. Was irgendeinem unnötigen Stechviech noch nicht reichte: Es entstellte meine Visage mit einem gezielten Stich neben das rechte Auge, welches mit einer ausgeprägten und stündlich prosperierenden Schwellung reagierte, die mich nicht schöner macht. Lieber T., diese Woche geht sich ein Treffen leider doch nicht aus. Unter anderem, weil ich Mutter Urban treffen muss, in ihrer Ordination: heile mich, Mutter Urban.
1.07.08

Das geht so

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Der Lange sagt, wenn nur 50 Prozent vom dem, was ich letztes Mal über ihn behauptet habe, stimmen würden, wären es viel. Leider habe ich im Moment keine Zeit, mich mit dem Authentizitätsfanatismus vom Langen zu beschäftigen, und außerdem ist der Lange eh nicht wo ich bin. Nämlich in Xi, wo ich in die vorarlbergerischen Kernkompetenzzentren vordringe, indem ich die Großfamilie bekoche, Gartenbau bewundere und bald auch in der Kunst des Blumenkränzchenbindens reüssieren werde, pass auf. Zudem hat der Xaver, bei dem ich mich ein paar Mal beklagt habe, dass er praktisch nie Zeit für mich hat, wenn ich einmal, eh so selten, in Vorarlberg bin, beschlossen, mir einmal zu zeigen, warum er keine Zeit hat, indem er mich an seinen freizeitfressersischen Tätigkeiten teilhaben lässt. Schau, sagt, der Xaver, und drückt mir eine goldene Heugabel in die Hand, das geht so.

Wenn man mit dem Xaver dem Xaver seine Wiese heut, kriegt man ein relativ gutes Gefühl dafür, wie viel 1500 Quadratmeter sind. Es ist heiß. Es ist still. Manchmal meckert eine von Xavers Ziegen, hin und wieder blöckt eins der Schafe, die der Xaver drei Wochen in Pflege hat, zweimal legt eine von Xavers Hennen unter Gegacker ein Ei.  Der Xaver redet beim Heuen über seinen Plattenladen und über sein Kind, und ich rede über nichts, weil ich kann nicht. Denn obwohl mein Körper sich irgendwie der Bergbauerngene meiner Großmitter entsinnt und sich weniger blöd anstellt, als man von mir erwarten dürfte, erinnern mich die Blasen an den Händen und das Stechen im Rücken doch auch daran, dass es Gründe gibt, warum ich in der Stadt lebe. Zum Beispiel, um dort im Sitzen zu verweichlichen.

In der Nacht hat mich Sedlacek aufgeweckt: Er rief mich an, um mich am Meeresrauschen in Puerto Escondido teilhaben zu lassen. Schön, habe ich gesagt, ich bin ja sooooo neidig, kann ich jetzt weiterschlafen? Gut, ich habe ihn vorletzte Woche in Hongkong aufgeweckt, damit er am Dylan-Konzert teilhaben kann. Allerdings wusste ich nicht, dass Sedlacek in Hongkong war, und werde sowieso mit meiner Telefonrechnung dafür bestraft, dass er live die Hälfte von „All Along The Watchtower“ mithören durfte. Worum Sedlacek, das ist richtig, nicht gebeten hatte, weil er Dylan für einen historischen Irrtum hält, was periodisch zu ernsten Verstimmung zwischen Sedlacek und mir führt. Beim Dylan-Konzert stand ich, falls es irgendjemand noch nicht weiß, in der ersten Reihe, der allervordersten absolut nächstmöglichen Reihe,  so nah, dass ich die Schweißtropfen von Dylans Nase perlen sehen konnte; und er hat mich angegrinst. Doch. DOHOCH! Es war sehr schön.

Das erzähle ich dem Xaver beim Heuen dann doch noch, zwischen ein paar Keuchern und während mir der Schweiß ins Maul rinnt, und der Xaver sagt: Mich hättest du anrufen sollen, ich hätte das gern gehört. Aber das ist ein Witz, weil ein Handy hat der Xaver nicht. Aber eine sehr  große Wiese.
7.05.08

Schau mich nicht so an

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Als gute Idee hat es sich erwiesen, Buben in Mädchengruppen zu isolieren: Testosteron scheint sich zu potenzieren, wenn es auf anderes Testosteron trifft, neutralsiert sich allerdings ganz und gar, wenn man es isoliert. Buben allein unter Mädchen entwickeln mit einem Mal Fähigkeiten, die sogar ihre eigenen Mütter zu überraschen vermögen: Mädchen sind plötzlich auch respektable Spielkameraden, Scheren werden zu harmlosen Werkzeugen, mit denen putzige Figuren ausgeschnitten werden, ja selbst Puppenhäuser werden zu Spielzeugen, wenn weder Hohn noch Spott noch lebenslängliche Ächtung von Geschlechtsgenossen  zu befürchten ist. Aber kaum tut man einen zweiten Buben dazu, gibt es strikte Geschlechtersegregation, denn kein Bub, der auf sich hält, beschäftigt sich mit Mädchen, wenn richtige Menschen in der Nähe sind. Man kann gegen Testosteron - Bubenmütter versuchen es ständig – nicht argumentieren.
  Ich behaupte aber keineswegs, Mädchen seien das bessere Geschlecht. Das sind sie, meinerseel, nicht. Die Kindergartenmädchen haben sich kürzlich, als es hieß, zwei Gruppen bilden (nicht: zwei geschlechtshomogene Gruppen bilden) gegen alle Argumente der Kindergärtnerin zusammengetan, um es den Buben mal so richtig zu zeigen und stanken daraufhin beim Klobürstenhockey mit 1:7 oder so völlig ab. Worauf es sich die Mädchen, alles Töchter emanzipierter, berufstätiger Frauen, sofort in der Opferrolle bequem machten: sie seien nun mal die schwächeren und nicht so brutal, und woher sie denn auch Klobürstenhockeyspiel können sollten?, und überhaupt seien die Buben so gemein, buhuhu. Woher haben die das? Ist das biologisch?
  Dafür sind Mädchen nicht so anfällig für elektronische Infektionen. Der achtjährige Intelligenzbolzen von Freunden stand kürzlich, weil seine Eltern ihn lieber nicht mit zu IKEA nehmen wollten, mitten in einem Zimmer voller Spielzeug, auch bubenkompatiblem, und näselte völlig gelangweilt die Worte: Habt ihr auch irgendwelche Computer? Nicht für dich, Rotznase. Er entschied sich dann, mit dem Bubenmimi zwei Stunden lang einen Wasserball durch den Flur zu kicken; auch schön, ok. (Ich wäre eh mit ihnen in den nächsten Käfig gegangen, aber es wurden Gäste erwartet, und ich hegte den Wunsch, die Vorbereitungen diesmal rechtzeitig abzuschließen: Wie wir letztes Mal das Essen für Haemmerli gaben, erschien Haemmerli, als ich gerade noch die Servietten bügelte. Nie wieder möchte ich so angesehen werden.) Das war noch bevor das Panini-Fieber ausbrach, denn seither kann man die Kinder, Buben wie Mädchen, wunderbar damit beschäftigen, dass sie ihre Panini-Alben vergleichen und Pickerl einpicken. (Und die Mütter damit, dass sie, während sie längst woanders sein sollten, den Altpapier-Container im Hof durchwühlen, weil eins dieser Alben verschwunden ist.)
 Dafür ist jetzt jeden Abend das Kinderzimmer picobello aufgeräumt. Käuflich sind sie alle, unabhängig vom Geschlecht.
30.04.08

Du hast es versprochen

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Es war auch endlich warm. Man konnte die Hosen hochkrempeln und barfuss laufen und sich einen Sonnenbrand an den Waden holen und Bienenstiche an den Fussohlen. Das Bubenmimi hat sehr geheult, es war ihr erster Bienenstich, wir schmierten dick eine wichtig aussehende Creme darauf, und das Kind erholte sich schnell. Später gingen wir zur Waldlichtung, dort standen drei Gestalten in grotesker weißer Schutzkleidung in der Sonne und sahen aus, als drehten sie ein billiges Sequel von „Outbreak“. Spooky irgendwie. Es waren aber nur der Horwath und sein Freund, der Polz und die Freundin vom Polz an Tag eins nach der Absolvierung des Imkerkurses. Der Horwath macht jetzt auch Honig; soll mir recht sein. Wir fotografierten den Horwath und den Polz und seine Freundin mit dem Handys, später fotografierte der Horwath die Kinder und ihre Papp-Medaillen und ihr Siegerlächeln. Denn sie hatten alle die 400 Meter Ersatzmarathon geschafft, die wir ihnen ausgesteckt hatten, weil wir dann doch nicht in aller Herrgottsfrüh nach Wien gefahren waren, damit die Kinder an diesem Kinderlauf teilnehmen konnten. Stattdessen fand der Kinderlauf auf einem Waldviertler Kiesweg statt, es gab wertvolle-Panini-Preise, alle waren froh. Auch die Eltern, die sich nachher wieder in den Schatten von Horwaths Sonnenschirm in Horwaths Garten setzen, Zeitungen lesen, einen Sonnenbrand auf dem Hirn kriegen, deppert reden und überlegen konnten, was man als nächstes essen soll. Es wird viel gegessen im Garten der Horwaths.
  Später gab es eine kleine Krise, als der Horwath „elf“ antwortete, auf meine Frage, wie schrecklich das Ritterfest auf der zehnteiligen Schrecklichkeitsskala jetzt ehrlich gewesen sei. Elf! Wir hattens versprochen gehabt, aber ein gütiger Geist, der Lange nämlich, hatte mir die Klänge von Schalmeien und sich kreuzender Schwerter erspart. Und Bekleidung, neben der man sich freut, dass man eine elegante pestogrüne Wanderjacke tragen darf. Ich schaukelte auf der Hollywoodschaukel, während der Lange und der Horwath auf dem Burgfest den Horwath verfluchten, der seit Wochen am Spielplatz von diesem Burgfest geredet hatte, dass man dort unbedingt hin muss, und wie toll es die Kinder finden und alles. Der Horwath hatte wohl, wenngleich er normal nicht zu Kinderglücksverklärungsbedingter Bewusstseintrübung neigt, kurz verdrängt gehabt, wie arsch es die Erwachsenen finden. Jetzt weiß er es wieder.
  Dafür bekam ich Sonnenbrand auf den Fußssohlen, überlegte, warum verdammt ich mir eigentlich nichts kurzärmeliges Unschwarzes eingepacken hatte können, ärgerte mich über das Zeit-Magazin (Wolfgang Joop, Chef des teuersten deutschen Modelabels, in einer Geschichte über Mahlzeiten in seiner Potsdamer Villa: „Ich erzähle oft von Zeiten des Mangels und der Improvisation.“) und ein Vogel schiss mir aufs Handy. Es war ein aber kleiner Vogel, und seine Ausscheidungen trübten mein Frühlingsglück nicht.
18.04.08

Böse, alte Hexe

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Man sollte viel mehr ans Altwerden denken. Wenn sich die Jungen öfter das Altsein vorstellen würden, hätten nicht so viele Alte so ein Scheißleben in Pflegeheimen, wo nachmittags um sechs die Rollos dichtgemacht werden, damit man um sieben nicht mehr so viel teures Personal braucht. Das nur, weil sich Sedlacek darüber verwundert zeigte, dass ich eine relativ klare Vorstellung davon habe, wie ich meinen Lebensabend zu gestalten trachte, nämlich als schrullige Hexe mit ein paar dreckigen Hennen in einem schiefen Haus in einem weltvergessenen Kuhkaff. Wenn ich mit den schrulligen alten Horwaths die im selben Kuhkaff von der selben moldawischen Pflegerin betreut werden, nicht gerade übers Kreuz bin, werden wir uns am Küchentisch darüber beklagen, dass uns unsere Enkel nie besuchen kommen und darüber, dass wir schon wieder eine neue moldawische Pflegerin finden müssen, weil die aktuelle das Kuhkaff und uns schon wieder keinen Tag länger erträgt. Sedlacek sagt, ich spinne.
  Aber vielleicht blicke ich dem Alter deshalb derzeit offenenSinns entgegen, weil es mir gerade noch gelungen ist, meine galloppierende Frühvergreisung abzustoppen. Meine Freundinnen haben sich schon Sorgen gemacht, aber seit ich mal wieder in die Prä-Mimi-Jeans passe (voraussichtlich übernächste Woche werde ich damit auch sitzen können) und Sätze mit den Worten „Wie ich unlängst im Flex-Café aufgelegt habe“ (alternativ: „im rhiz“) beginnen kann, hat sich mein Zustand spürbar gebessert. Es hat sich auch herausgestellt, dass es beim Auflegen kein Schad ist, wenn man bissi älter ist als sein Publikum, weil es auch vor zwanzig Jahren schon ziemlich gute und immer noch funktionelle Musik über 130 bpm gab, ich sage nur Gun Club oder The Fall. By the way, Mark E. Smith, die böse Hexe: ein super Role-Model für nicht umweltschonende Altersverschrullung auf hohem Niveau. Sehr inspirierend in dieser Hinsicht auch das erste Kapitel von Rick Moody´s „Omega Force“ in seinem Novellen-Band „Paranoia“, während man sich die durchgebrunzten Windeln, die Nathan Zuckerman in Roths neuem Roman trägt, noch nicht unbedingt an den eigenen Hintern imaginieren möchte. Und sowas will man ebenfalls vorläufig nicht wahrhaben: So sehr spinne ich jetzt auch wieder nicht.
31.03.08

Das stimmt eigentlich

| Comments (0) | 03/08 | Kunst & Kultur

Der Kollege McDings, der all meine Offerten, ihm schnell itunes zu installieren, mit aggressivem Schweigen beantwortet hat, schreibt mir ein Mail: Er möchte sich so ein winziges Kasterl kaufen, wo man Musik hineinzaubern kann, er brauchts zum Laufen. Ob ich ihm sagen kann wie das funktioniert. Ich mail ihm zurück, ich kann, ob ich schnell hochkommen und ihm itunes installieren soll. McDings mailt, er will kein blödes itunes, er will in einen ipod Songs von seinen CDs einitun, weil die Scheißindustrie keine Kassettenwalkmen mehr herstellt. Ich mail ihm, itunes also, und der McDings, IQ irgendwo im Bereich 140 plus, mailt, ich soll ihn mit so einem neuen Mist in Ruhe lassen, er kann nicht mal den Senderspeicher vom Autoradio. Ich mail ihm: wenns der Lange kapiert, kapierst es auch du. Der McDings mailt, er hasst hasst hasst aber ... weiter lesen ...
19.03.08

Oder nach dem Alphabet

| Comments (1) | 03/08 | Kunst & Kultur

Der Urban hab ich den geplanten Kinobesuch  abgesagt, denn ich musste meine Bücher sortieren. Wie langweilig kann man eigentlich werden? Das hat sich, glaub ich, auch Sedlacek gedacht, neben dem ich auf Mizzis Geburtstagparty zu sitzen kam: Wir stießen auf Mizzi an, ließen uns von Anna in inniger Umarmung fotografieren und erinnerten uns mit sentimentalem Gegrinse daran, wie wir einmal fast... aber nur fast. Den Großteil meines Konversationsanteils befüllte ich mit kleinen Schwänken aus meinem Leben, die nur unzureichend davon abzulenken vermochten, dass es von meiner Existenz nicht viel zu berichten gibt, außer Langweiliges. Also langweilig für Mover und Shaker wie Sedlacek, die ein Leben voll beruflichem Abenteurertum, gesellschaftlicher Risikobereitschaft und sexueller Ausschweifung im In- und Ausland führen. Und auch wenn ich von früher weiß, dass das oft spannender klingt als es ist und immer aufreibender ... weiter lesen ...
5.03.08

Will ich aber

| Comments (0) | 03/08 | Kunst & Kultur

Ah, der Frühling ist da. Ich kann ihn hören. Andere werden vom Frühling mit knospenden Bäumen, blühendem Krokus und zarten Schneeglöckchen überrascht, mich begrüßt er Jahr für Jahr mit einer Schimpfkaskade vor der Wohnungstür. Myriaden verbotener Wörter, die die Kinder, ich sehs ihnen an, gleich gierig in ihren Wortschatz eingemeinden: Himmelherrgottsackkrutzitürkendugrauslichedummefut. Der Lange pumpt sein Fahrrad auf: der Frühling ist da. Gleich werde ich, wie jedes Jahr, hinaus vor die Tür gehen, gleich werde ich dem Langen, wie jedes Jahr, erklären, wie man ein Fahrrad aufpumpt; gleich werde ich sein Fahrrad aufpumpen. Aber erst will ich noch das Glück genießen, dass jetzt endlich Frühling ist. Bald wir es sprießen, blühen, duften. Der Frühling ist da, ich hör ihn schon.
  Später stehen wir ... weiter lesen ...
27.02.08

Bleib lieber sitzen

| Comments (0) | 02/08 | Kunst & Kultur

Wichtig ist, dass immer genug Essen im Haus ist. Das habe ich von meiner Mutter gelernt, die ihr Leben der Aufgabe gewidmet hat, Leute zu füttern. Falls bei uns plötzlich das gesamte Viertel vollzählig auftaucht, weil, ich weiß nicht weil warum, aber falls: kein Problem für uns, es ist genug für alle da. Der Kühlschrank ist voll, das Tiefkühlfach ist voll und das Vorratsregal ist voller lang haltbarer Nahrungsmittel, aus denen sich schnell 33 bunte Menüs aus drei Kontinenten zaubern lassen. Ist vielleicht etwas genetisches.
  Dennoch bringt mich die letzte Woche an psychische und phyische Grenzen. Am Montag finden wir, wir hätten die Horwaths zu lange nicht gesehen, also kommen sie zum Essen. Am Dienstag bitten wir die Breußes an unseren Tisch. Am Mittwoch haben die Mimis zwei Freunde zum Spielen zu Besuch, die von ihren Müttern wieder abgeholt werden, und das eine oder andere Glaserl und ein Teller Nudeln geht sich immer aus, auch für die Mutter von der Janine, die um halb sieben gleich gehen muss, und um neun muss ich sie aus der Tür treten. Ein Freund vom ... weiter lesen ...
13.02.08

Solche Männer braucht das Land

| Comments (2) | 02/08 | Kunst & Kultur

Der Horwath hat eine neue Brille: eine überaus eindrucksvolle Brille. Eine schöne Brille, in der Tat, in erstklassiger Qualität von Cutler and Gross in London, UK, gefertigt. Die Brille steht dem Horwath hervorragend. Wenn Sie dieser Tage einen Mann mit einer Brille erblicken, das ist der Horwath: Sie wissen es, wenn Sie ihn sehen. Ein missgünstiger Mensch mag einwenden, die Brille sei für übliche Brillenverhältnisse irgendwie viel, aber ich entgegne, dass sie zwar viel, für ein Charakterantlitz wie jenes des Horwath aber keinesfalls zu viel ist. Wenn Sie den Horwath mit seiner neuen Brille sehen: Es wird Sie kein Zweifel darüber anhauchen, dass der Horwath ein furchtloser Kerl ist, ein Mann, der das Neue, und sei es auch fremd und ungewohnt, unerschrocken antizipiert, und so, genau so, wollen wir die Männer haben.

Vielleicht müsste ich dem Kollegen Dings ein Foto vom Horwath zeigen, und sagen: Schau, Kollege, wenn der Horwath diese Brille mit Stolz tragen kann, kann ein Kerl wie du sich auch itunes von einem Weib installieren lassen, ohne dass ihn eine spontane Rückgraterweichung niederstreckt. Denn der Kollege, ein totaler Pop-Auskenner, kennt ... weiter lesen ...
5.02.08

Selber Schuld, Mutter

| Comments (3) | 02/08 | Kunst & Kultur

Mittlerweile wurden mir ungefähr 286 Gründe zugetragen, warum es super ist, keine Kinder zu haben. Einige davon stammen von Horwaths kinderlosen Freunden, die, wie mir der Horwath überbrachte, recht angespeist seien über meine letzte Kolumne. (Äh, tja, sorri. Ich weiß, das tut man nicht. Ich weiß, das war ein Bruch des Geheimvertrages zwischen Kinderlosen und Bekinderten.) 62 Gründe mailte Leser Simon F., der in der Gnade der Kompetenz steht, denn er hat drei Kinder. (Grund 2: Weil man Schlaf NICHT für überbewertet hält. 17: Weil man Familienferienclubs hasst. 28: Weil man nach der Arbeit Ruhe braucht. 29: Weil man Spongebob hasst. 34: Weil man eine saubere, ordentliche Wohnung schätzt. 41: Weil man nach einer Trennung die Chance auf einen Neuanfang haben will. 42: Weil man gerneeinmal auf ein Jahr verschwinden will, bevor man alt oder tot ist. 50: Weil man die Freiheit haben will, zu seinem Chef "Sie Riesenarschloch" zu sagen und zu kündigen.)

Auch von mir fiel während des Nähens von zwei Dschungeltier-Kostümen die Mutterschaftsverklärung vorübergehend vollständig ab, und ich darf die Liste wie folgt ergänzen: 287: Weil man keine Affen-Kostüme nähen muss. 288: Weil man keine Panther-Kostüme nähen muss, bis kurz bevor ... weiter lesen ...
30.01.08

Lügner, elende

| Comments (1) | 01/08 | Kunst & Kultur

Ich will jetzt wirklich nicht ewig auf der Sache herumreiten, aber die Kollegen H. und T. wussten nicht, was ein Tabuleh ist. Bitte: Kurz gesagt handelt es sich beim Tabuleh um den Nudelsalat des 21. Jahrhunderts. Oder der Bobos, wenn man gern diesen Begriff strapaziert.
Und, doch, ich habe diese Woche auch Interessanteres erlebt, möchte aber nicht darüber sprechen. Auch nicht über das Kindertheater. Auch nicht über die erste Vorführung in der Zirkusschule, gerade weil es nett und beeindruckend war. Auch nicht über die spontan einberufene Kinderfaschingsparty bei den Schwarzens, denn klischeehafter können sich die Insignien eines für Mutter praktisch vollständig versauten Nachmittags nicht aneinanderketten (liegengebliebene Arbeit, Streit mit dem Langen, Langeweile, Frust, Prosecco, Magenübersäuerung, mehr Streit mit dem Langen.) Und das hatten wir schon, das hatten wir schon.
  Die Geschichte wiederum, die Geschichte, die ich erzählen wollte, über Eltern, die Nicht-Eltern anlügen, geriet unfreiwillig irgendwie ketzerisch und ... weiter lesen ...
10.01.08

Das gibt nicht genug her

| Comments (2) | 01/08 | Kunst & Kultur

Nun wurde das neue, in Venedig erstandene Ledernotizbuch eröffnet: Eine herrliche und dabei preiswerte Handarbeit aus gutem, erstklassig gebundenen Papier innen und dickem, geprägtem Rindsleder außen, in das ich nur mit dem Akkuschrauber zwei Löcher bohren musste; für das Gummiband. Das Gummiband ist das einzige, was das alte Moleskine-Notizbuch dem venezianischen voraus hatte, ansonsten ist dieses gesamte Moleskine-Zeug völlig überschätzt und überpreist. Bei meinem musste ich schon nach wenigwöchiger Nutzung die Außenhülle mit Gaffertape reparieren, was nicht wundert, ist ja keine Maulwurfshaut, sondern offenbar chinesisches Polyester, und innen rissen die Fäden. Man müsste meinen, dass ein mit dem Etikett „legendär“ erworbenes Notizbuch die regelmäßige Aufnahme von Notizen verkraften können müsste. Allerdings stehen, was ich von dem venezianischen noch nicht behaupten kann, im alten Fetzenbuch verwendbare Notizen drin, und zwar nicht nur deswegen, weil ich sie  ... weiter lesen ...
24.12.07

Nakiger Nepotismus

| Comments (0) | 12/07 | Kunst & Kultur

Der Advent war so prächtig, wie ich ihn mir bestellt hatte, und bis aufs Keksebacken sind die Vorgaben so gut wie erfüllt. Beim Keksebacken bin ich im Rückstand, dafür habe ich einen Bastelüberschuss, denn das ist eines der Privilegien der Mutterschaft, dass man basteln darf. Basteln ist für gewöhnlich geht’s-dir-noch. Kunsthandwerk für Lulus. Die Hofingerin hieß mich einst eine verhinderte Handarbeitslehrerin, und das war wenig respektvoll gemeint. Kartoffeldruck gehört nicht unbedingt zu den Dingen, die Promi-Frauen in den Farbbeilagen-Fragebögen bei „Wie ich am liebsten einen Abend verbringen würde“ notieren, aber wenigstens meine Kinder sind mit der Virtuosität zu beeindrucken, mit der ich einen kerzenbestückten Tannenbaum aus einem Erdapfel zu schnitzen in der Lage bin. Das kann bitte nicht jeder.
  Und weil das nicht jeder kann, müssen weite Teile meines Bekanntenkreises ... weiter lesen ...
29.11.07

Aus dem Eck kommst du nie mehr raus

| Comments (1) | 11/07 | Kunst & Kultur

Also gehe ich zur Eröffnung des Advents in der „Kabine“, und zwar obwohl mir der Grätzl-Faschismus der Leopoldstädter extrem auf den Sack geht. Leopoldstädter verlassen ihren Bezirk ja wenn irgendwie möglich nie, was nicht einfach ist, weil es dort in Wirklichkeit außer dem Karmelitermarkt, zwei bis drei Gasthäusern, einem Donaukanalufer und einer Handvoll lässiger Läden nicht viel gibt. Super Grünraum, schön und gut, aber das kann ja wohl in einer Großstadt nicht alles sein. Wenn ich super Grünraum will, zieh ich aufs Land. Trotzdem gehe in die „Kabine“, einem lässigen Laden in der Karmelitergasse, und zwar, weil ihre Mitbesitzerin mir über Dritte Drohungen übermitteln ließ, in denen die Wörter „Kopf“, „abreißen“, „persönlich“, „wenn“, „du“ und „nicht“ vorkamen. Es ist sehr ... weiter lesen ...
13.11.07

Ich bin noch auf Bewährung

| Comments (0) | 11/07 | Kunst & Kultur

Die Breussin ruft an; ich hebe ab und sage, Breussin, tut mir leid, ich kann grad gar nicht. Das ist untertrieben. Tatsächlich passiert gerade folgendes gleichzeitig: Das Mädchenmimi, das mit dem Langen im steckengebliebenen Lift gefangen ist, will mit einem Strohhalm durchs Gitter mit Saft gefüttert werden, die erste der drei eingeladenen Freundinnen hat gerade meine Küche betreten und ist zur Begrüßung spontan in Tranen ausgebrochen, die zweite Freundin begehrt unten an der Haustür Einlass, die Zwiebeln von den Kässpätzle sind am Herd gerade in ihrer kritischen Phase und der Mann von der Liftfirma ruft, unmittelbar nach dem ich der Breussin aufgelegt habe, nochmal an, um sich zu erkundigen, ob der Techniker schon da ist.
Zum Glück sind nicht alle Abende so. An anderen Abenden werde ich einfach ganz normal von Theaternerds beschimpft. Das ist in Ordnung: Niemand

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7.11.07

Das glaubt ja nicht mal Rotkäppchen

| Comments (3) | 11/07 | Kunst & Kultur

Mit dem Langen im „König Lear“ gewesen. Ich weiß nicht. Großartige Schauspieler, beeindruckendes Bühnenbild, tolle Kostüme (vor allem das, wo Lear aussieht wie einer der Außerirdischen in „Mars Attacks“), ziemlich mieses Drehbuch. Ich meine, jetzt einmal ehrlich, selbst Rotkäppchen schnallt relativ schnell, dass das Viech in Grossmutters Nachthemd nicht Großmutter ist, aber im „Lear“ braucht sich nur einer ein bisschen Dreck ins Gesicht zu schmieren, schon wird er von seiner gesamten Familie, einschließlich seiner Erziehungsberechtigten, dauerhaft nicht mehr erkannt. Unnötiges Stück, überhaupt; mit insgesamt viel zu wenig Identifikationspotential, als dass es sich lohnen würde, vier Stunden lang aus dreißig Meter Höhe in einer Haltung, die meine Ergotherapeutin definitiv nicht ... weiter lesen ...
24.10.07

Ich hab noch einen anderen Fink

| Comments (0) | 10/07 | Kunst & Kultur

Der Fink: Fink, der Freund, Fink, der Spinner, smst am Samstag, als ich mir grad ein Brot schmiere, er will am Dienstag jassen, ich soll das organisieren. ich sms ihm mit klebrigen Fingern zurück: kann di leider nicht, mi auch nicht, gleichfalls nicht mo und do, sorri. Aber die Woche darauf kann ich jeden Tag, und das sms ich dem Fink. Dann sms ich dem Fink gleich hinterher: außer mi! Der Fink smst mir zurück: spitze, er kann fast immer. Also sms ich, während ich mein Ei löffle, dem Benni, wie´s bei ihm am Dienstag in einer Woche ausschaut, und der Benni smst, dass er in Spanien gerade dem warmen Meer entstiegen ist, was ich meiner Meinung nach nicht zu wissen brauche, und Dienstag super. Dann rühre ich einen Palatschinkenteig zusammen, und der Fink smst, also der Mittwoch wär ihm doch lieber, und ich smse, während die Butter

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11.10.07

Bringt mir den Kopf von Klaus S.

| Comments (0) | 10/07 | Kunst & Kultur

Ziemlich unglückliches Timing für diese Kolumne. Drei Wochen trag ich die Geschichte schon im Notizbuch herum, und jetzt, wo sie mir wieder unterkommt, ist der Zeitpunkt weniger als semioptimal. Denn was ich jetzt nicht wissen kann – ob Thomas Glavinic am Montag Abend den Deutschen Buchpreis erhalten haben wird (was ich nicht glaube; ich denke, die Juroren wollten ihn nur necken) – wissen Sie jetzt schon; zumindest könnten Sie es wissen, Ignorant, Sie. So oder so ist Glavinic augenblicklich der heimische Schriftsteller-Shooting-Star, der eine, der jetzt ein Zeitfenster lang alles darf, zu allem eine Meinung haben soll und sich nichts gefallen zu lassen braucht, der eine, den jetzt alle schon immer volle super gefunden haben wollen, echt immer schon. Und das ist ok, denn sein neues Buch ist gut, wenngleich es mich mit dem vorherigen trotzdem nicht zu versöhnen vermag.
  Als ich Glavinic kürzlich backstage im Rabenhof kennenlerne, ist er gerade sehr ungut zu sprechen auf den Herausgeber des „Datum“. Der „Datum“-Herausgeber hat ihm offenbar ... weiter lesen ...
28.08.07

The sun´s not yellow its chicken

| Comments (0) | 08/07 | Kunst & Kultur

Nachdem jetzt auch noch einer behauptet hat, die Oberösterreicher hättens erfunden (haha! Ausgerechnet die Oberösterreicher! Als hätten die Oberösterreicher je!), beende ich die Provenienz-Diskussion um den (na gut: das Biertrinken vielleicht. Und den Schweinsbraten.) Ausdruck „Die gelbe Sau“ mit dem Debatten-Beitrag der klugen (und das Stöcklkraut. Das Stöcklkraut ist okay.) Frau M., die mir ein Mail mit einem Zitat schickt: „The sun´s not yellow it´s chicken“. Ja, danke. Die Hühnersau, nämlich. Und erfunden hats, wie alle guten Sachen, Bob Dylan.
  Und weil der Himmel heute so chicken ist, muss ich das SMS der Finks abschlägig beantworten: Nein, wir können leider nicht im Kent frühstücken, wir müssen baden gehen, ich habs versprochen. Dabei wäre ich mit baden dann langsam durch, das Baden reicht mir, beziehungsweise das Herumsitzen am Rand von Nichtschwimmerbecken, in denen die Mimis gerade so ... weiter lesen ...
28.08.07

Schnäppchenjäger, grausliche

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Jetzt hab ich mir bei ebay einen Küchenlampenschirm aus denn 30er Jahren um einen Euro ersteigert, 1 Euro!, womit ich schlagartig zum Mitglied der ekelhaftesten Sekte der Welt wurde, der Schnäppchenjäger. Weah. Aber ich muss, weil bald eine Inspektion von Spießer-Experte Schnitzler droht, eine paar der schlimmsten Leiner- und XXX-Lutz-Teile durch altes Zeug ersetzen, das so ausschaut, als hätte ich es von Oma selig geerbt, von der ich in Wirklichkeit als einzige Erinnerung eine elektrische Zitruspresse von Philipps, ca. 1982, besitze. Oder als hätte ich es mit unbestechlichem Geschmack spottbillig bei einem kleinen Tandler ums Eck und in New York und Odessa gekauft, wie zum Beispiel dieser ... weiter lesen ...
28.08.07

Die Nummer eins vom Wienerwald

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Die Kinder sind ein paar Tage nicht da, Oma hat sie mitgenommen, und das hab ich weniger gern, als man mir zumuten würde. Ich hab es gar nicht gern. Ich hab die Kinder lieber um mich und in meiner Nähe, gut, wenn möglich: spielend, Bücher studierend, CDs hörend, zeichnend, malend, bastelnd, schlafend, ich bin eine Saumutter, die momentan am liebsten immer nur beim Richard Ford weiterlesen möchte. Aber kaum sind die Kinder nicht da, kann ich beim Richard Ford nicht weiterlesen, weil ich immer an die Kinder denke, und dass es mir lieber wäre, wenn sie da wären, in meiner Nähe, um mich herum, Matchbox-Autos neben dem Sofa herumschieben würden, süsses, gedämpftes Kindergeschnurre von sich gäben, behutsam Kuscheltiere über die Dielen hopsen ließen, ihnen Namen gäben wie Millililli Fitzikuhli und Hans Schneider, Häuser aus Vliesdecken und Stühlen bauten und ... weiter lesen ...
26.07.07

Freut euch, Leute

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Gute Nachrichten, endlich. Schöne, harmlose, aufmunternde Sommerloch-Nachrichten. „Erstmals Kugelgürteltier in Schönbrunn geboren“! Ja. Kein Pandababy, aber trotzdem. Erstmals Kugelgürteltier in Schönbrunn geboren: Da steckt doch nicht nur eine positive Neuigkeit drinnen, nein, die von bad news gemarterten Leser können sich an gleich drei Fühl-gut-Aspekten erwärmen und erfreuen.
Erstens: Kugelige Bäuche und  Babys, das findet  jeder spannend. Immer wieder ertaunlich, aber: Jede noch so semirelevante Schnepfe wird plötzlich doppelt bis 3,5 Mal so  interessant, wächst ihr plötzlich ein Wamperl: Da will jeder wissen, was genau drin ist und auch, was sonst noch wächst: Wird sie so blad wie Salma Hayek oder bleibt sie so ein Knochengeschepper wie Dings? Bäuche sind super, Babys ebenfalls, und wenn grad keine VIP-Frauen niederkommen, tun’s auch exotische Tiere.
Weil zweitens: Was ist ein Kugelgürteltier? Nie gehört, aber Wikipedia weiß wie meistens Bescheid: Kugelgürteltiere (Tolypeutes) (...) sind die einzigen Gürteltiere, die sich im Bedrohungsfall zu einer Kugel zusammenrollen können. Aha! So! Danke. Wird man sich nächstens im Tierpark genauer anschauen müssen.
Weil es ja, drittens, in Schönbrunn erstmals so ein verkugelbares Baby-Gürteltier gibt, also ein total exklusives Kleintier praktisch. Und wenngleich Kugelgürteltierjunior kein Minipanda und kein Knut ist, ein kuscheliges, haariges süßes Babytier ist es allemal. Außerdem: Eisbären kann bitte jeder. Kugelgürteltiere dagegen... Und wartet nur, bis die Pandas endlich zuschlagen: Das werden gute, richtig gute  Nachrichten. Da kann der dicke Knut aber einpacken.
20.07.07

Spiel schön weiter

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Eine Woche lang wurde der allgegenwärtige Vorarlberger Rasenmäher-Soundtrack von der Welt-Gymnaestrada übertönt, jetzt ist Sonntag, alles still, alle weg, enjoy the Silence. Die Gymnaestrada ist vorbei, was mir Recht ist, nachdem mich die Mimis eine Woche lang gezwungen haben, jeden Nachmittag punkt vier den örtlichen Marktplatz aufzusuchen, um dort bis lange nach Sonnenuntergang internationalen Gymnastiktruppen jeglichen Alters bei der Ausübung ihres Lieblingshobbies beizuwohnen. Eh sehr schön, aber ungefähr am vierten Tag hatte ich Gwen Stefanis bei Jazzgymnastikern über die Maßen beliebtes „Wind It up“ einmal zu oft gehört und sehnte den Sound of Rasenmäher heftig zurück. Am fünften Tag konne ich es keine Stunde länger ertragen, zwischen der Kletterluftburg und dem Kletterfelsen des Alpenvereins zu stehen, und meinen Kindern dabei zu zusehen, wie sie sich in langen ... weiter lesen ...
14.06.07

Jetzt räum doch mal das Auto auf

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Ich könnte natürlich endlich das Auto aufräumen und seinen Inhalt protokollieren, was nur klingt, als wäre es eine leicht verdientes Kolumnengeld: In Wirklichkeit wäre es brutale Arbeit. Soll der Lange machen; das Auto ist ja eh sein Revier, und ich vermute – unter anderem, weil er das Auto unbedingt selber aufräumen WILL, dass er irgendwo zwischen dem Gerümpel im Kofferraum säckeweise Dinge versteckt, die er von Rechts wegen entsorgt haben müsste. CDs vor allem, weil ich ihm ein Limit gesetzt habe: Diese ganze Regalwand sei dein, aber mehr nicht; alles was diese Wand, die bei Gott riesig ist, überlappt, verlässt rapido die Wohnung. Tut es natürlich nicht; der Lange versteckt Sackerl voller CDs unterm Bett, hinterm Sofa, in seinem Kleiderschrank und in der Garderobe hinter den Wintermänteln. Und im Auto, wo er glaubt, dass ich sie unter all den Rollern, Kinderrädern, Schlafsäcken, Gummistiefeln, Fischernetzen, Bällen, Regenjacken, Pixi-Büchern, verschneutzten Taschentüchern, steifen Geschirrtüchern, Sitzerhöhungen, vergessenen Kindermützen, Kinderpullis, Turnschuhen, Sonnenbrillen, Gaffertaperollen, Strohmatten, Badehosen, Wolldecken, aus dem Wald eingeschleppten Stöcken, Verbandsmaterial, alten Stadtplänen, zerfledderten Landkarten, Kaugummipapierl, Fahrradpumpen, Blasebälgen, Springseilen, Hulahoopreifen, Bob-der-Meister-Heftln, Princess-Dings-Hefltn, feuchten ... weiter lesen ...
9.05.07

Ich trag jetzt eh immer ärmel

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Es ist ein bisschen wie damals beim Tätowieren: Die Frage war nicht, ob ja oder nein, sondern wo und was. Der Schurl hatte es satt, das Pecken immer nur auf toter Sauhaut zu üben, er war bereit für lebende Menschen und ich war zufällig grad in der Nähe. Dabei hab ich mit meinem Oberarm noch Glück gehabt, jetzt mal im Vergleich mit dem Oberarm vom Mike oder dem Unterarm eines Wiener Flex-Chefs. Bei mir hatte der Schurl das mit den verschiedenen Hautschichten schon besser heraussen, nur die Linienführung, naja, aber ich trag ja jetzt eh meistens Ärmel.
 Daran erinnert mich jetzt das Gendermainstreaming meiner Tochter. Die Frage ist nicht mehr, wann der Zipfel nun endlich wächst oder warum buhuhu nicht, sondern wie und wann einer drangemacht wird. Meine völlig daherfantasierten Drastizismen, da müsse was aus dem Schenkel geschnitten und dann woanders anoperiert ... weiter lesen ...
9.05.07

Der Name der Dose

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Natürlich wundert es überhaupt nicht, dass, wie eine Umfrage des ÖAMTC ergab, jeder fünfte österreichische Autobesitzer seinem Kraftfahrzeug einen Namen gibt. Da uns die große  Kennzeichen-Reform vor bald 20 Jahren die europaweit weiterhin eher unüblichen Wunschkennzeichen beschert hat,  werden wir beim Autofahren ja eh permanent öffentlich über die  Art der  Beziehung der Österreicher zu ihren PKWs informiert: S-CHATZ8, FK-YOU2, W-ASTI1, W-ILLIG7.
Der französische Essayist Michel de Montaigne schreibt in seinem Aufsatz „Über die Macht der Phantasie“: „Wahrscheinlich entspringt die Tatsache, dass man den Wundern, Gesichten, Zaubereien und dergleichen außergewöhnlichen Erscheinungen Glauben schenkt, hauptsächlich der Macht der Phantasie, vor  allem auf die knetbaren Seelen des einfachen Volkes einwirkt: Dessen Leichtgläubigkeit hat man sich derart zunutze gemacht, dass es, was es nicht sieht, zu sehen meint.“ Also etwa, dass ein Auto eine Seele hat und deshalb einen Namen braucht, wovon de Montaigne allerdings 1572 noch nichts ahnen konnte.
Aber  ein  Auto ist  vielen eben nicht  nur ein Transportmittel, sondern ein  Familienmitglied: Das würde erkären, warum laut ÖAMTC nur 20 Prozent der Autobesitzer ihr Auto verleihen wollen. Weil ihnen ihr Auto mehr ist, als eine ersetzliche Dose auf Rädern.
Mir ist es, wie der Polizist bestätigen wird, der  kürzlich routinemäßig  mein Warndreieck sehen wollte, ein Mittelding aus Kellerabteil und Mistkübel. Unter all den Gummistiefeln, Flaschen, Kinderrädern, Regenjacken, Matten, Schlafsäcken, Büchern, CDs und Springseilen blieb das Dreieck unauffindbar. Es war aber ein netter Polizist. Mein Auto heißt übrigens Auto.
4.05.07

Sendung ohne Sendeplatz

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Wenn jetzt noch ein paar Tausend unterschreiben, ist bald die Quote von „Mitten im Achten“ erreicht. Na, Witz, aber: Immerhin 1038 Unterschriften hat die „Petition ohne Namen“  im Moment beieinander,   ganz ohne mediales Getrommel.
Die Petition fordert, die Schlaumeier  ahnen es bereits, die Wiederaufnahme der „Sendung ohne Namen“. Die wurde nämlich soeben nach ihrer 114. Folge abgeschafft: Nicht wegen Erfolglosigkeit, nicht wegen mieser Quoten, nicht wegen  Abgenutztheit oder weil sie umstritten war, sondern aus dem offenbar einzigen Grund, dass die Sendung nicht  mehr ins neue ORF–Sendeschema passe.
Das ist schon möglich, aber natürlich eine interessante Begründung für die Absetzung einer Sendung, deren Grundprinzip sozusagen auf ihrer Contraschematik  basiert: Die „Sendung ohne Namen“ war immer auch die Sendung, die in kein Schema passt. Was genau ihren anarchischen Charme ausmachte, ihren Witz, ihr Überraschungsmoment: Dass in den 25 Sendungsminuten alles passieren konnte. Und meistens passierte ziemlich viel ziemlich schnell, was für gewöhnlich das  Gegenteil eines Garants dafür ist, dass das was geschieht, auch was Gescheites ist. Bei der „Sendung ohne Namen“ war es das aber praktisch immer.
Dafür gab es 2003 eine Romy, dafür wurde die Sendung beim New York TV-Film-Festival und in Luzern für eine Goldene Rose nominiert. Und das wollten am späten Abend immer noch bis zu 140.000 Menschen sehen. Was in etwa der  M.I.A.-Quote am prominenten Vorabend entspricht.
Jetzt wollen schon 1165 Unterschreiber die „Sendung ohne Namen“ zurückhaben. Und falls das neue ORF-Schema nicht dazu passt: Das stört die nicht.
18.04.07

Nur noch zwölfundachtzig Minuten

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Bis drei lege ich auf und trinke Bier, um halb vier bin ich im Bett, gegen vier kann ich endlich einschlafen, um acht schickt mir der Lange die Kinder ins Zimmer, um neun fahren wir ins Waldviertel. Die ganze Fahrt hindurch stellen die Kinder hinter mir ohne Unterlass Fragen aus dem wie-lange-wie-weit-Komplex. Mämäääää? Ja, Kinder. Müssen wir noch tausend Kilometer fahren? Nein, Kinder. Nur zweihundertzweiundzwanzig Kilometer?Oder sieben Miniarden? Mämäää, wie weit ist es noch? Etwa 80 Kilometer, Kinder. Ist das weit, 80 Kilometer?, wie lange dauert das?, 1000 Stunden?, oder zweihundertzweiundzwanzig? Oder sieben Miniarden?, Mämäääää!, wie lange ist eine Stunde? Zweihundertzweiundzwanzig Minuten? Oder zwölfundachtzig Sekunden? immer mit diesen glockenhellen Stimmen in der sicheren Schmerzfrequenz. Der Lange konzentriert sich stur auf den Verkehr und spielt dazu in tüchtiger Lautstärke das gesamte neue Fehlfarben-Album „Handbuch für die Welt“, zwölf lange Lieder lang quäkt mir Peter Hein das Gehirn schlammig, hinten die Kinder, vorne Hein und als wir nach eineinhalb Stunden endlich ankommen, macht der Lange mit den Kindern gleich einen Spaziergang zum Bach hinunter und rettet so sein Leben.
  Das war wohl die Rache. Der Lange fand, er habe mit dem abflussgebrechensbedingten Küchenumbau genug gelitten, während ich ja am Land zehn Tage Halligalli ... weiter lesen ...
15.04.07

Jetzt viel deppenoffener

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In seinem Blog, den Rainald Goetz täglich für die Webseite der deutschen Vanity Fair verfasst, macht sich der Schriftsteller („Irre“,„Rave“, „Dekonspiratione“) Gedanken  über die Debattenkultur: „Die Regeln des Diskurses fortschrittlicher Kollektive“, schrieb Goetz am Dienstag,  „sollten deppenoffener verfasst sein. Falsche Gedanken, Begriffe und Argumente sollten weniger stark verachtet sein. Blödsinn kann ja widerlegt werden, muss nicht über gebannte Begriffe ausgeschlossen werden.“
Darüber dachte ich nach, als ich jetzt erwog, eine Fortsetzung der Spuckbeschwerde vom Montag zu schreiben, nachdem mich einige Leser auf eine Beobachtung hingewiesen haben, die ich weitgehend teile, nämlich wer spuckt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das österreichische Kollektiv inkl. mir insgesamt so fortschrittlich ist, dass die Artikulation dieser Beobachtung nicht die ganz normale verantwortungsloser Pauschalierung zur Folge hätte, und das Risiko möchte ich, in aller Feigheit, lieber  nicht eingehen. Das Diskutieren macht die Leute - oder die Debatte  – nicht immer gescheiter, so wie Goetz das vorsieht.
Das bringt mich auf die neue Zib 1.  Die Qualität der Information stelle ich nicht in Frage, aber ihre Präsentation wurde zur Kasperliade. Wozu zwei Sprecher? Wenn einer von  ihnen von diesem Supersize-Gameshow-Pult zur, wie heißt das?, Vidi-Wall geht, meint man, es würde gleich am Glücksrad gedreht. Hält man das Seherkollektiv für minderbemittelt, dass man  ihm die Nachrichten so dudeldei – oder in Goetz  ’ Wort: deppenoffen – präsentieren muss? Brauchts diesen  Technikschnickschnack? Und bin ich von gestern, wenn ich es vorzöge, dass mir ordentliche Beiträge von einem Sprecher kühl anmoderiert werden?
4.04.07

Wir haben noch was vor

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Seit sie den Limmatquai für den Autoverkehr gesperrt haben, hat sich das Schanigartenaufkommen in Zürich schlagartig vervielfacht. Wenngleich der Zwinglianer sich ungern bei untätiger Herumsitzerei an der frischen Luft ertappen lässt, das hält der Zwinglianer für eine Sünde, auf die im Zwinglianerpurgatorium verschärftes Aua steht, weshalb in den Zürcher Schanigärten praktisch nur Zürcher mit Migrationshintergrund und Touristen sitzen. Der Zürcher verbirgt eventuelle Fauhlheit hinter Vorhängen und Koniferen. Zum Glück verfügen die meisten meiner Zürcher Freunde über einen Migrationshintergrund oder einen Hang zur Touristerei im Heimatland, denn als ich an einem Donnerstag nachmittag um 16.30 Uhr bei Carmen eintreffe, findet Carmen, dass man zur Feier des Tages jetzt sofort mit einem Wodka Tonic anstoßen müsse, zuerst mit einem steifen, dann mit einem freundlichen, weil wir haben noch was Wichtiges vor. Wir müssen zur Premiere von Haemmerlis Film, und das ist nicht nur wichtig, weil Haemmerli, wie die anhänglicheren unter meinen Leserinnen wissen, mein Freund und Carmens Liebster ist, sondern weil der Film, wie ich anhand des Trailers (www.messiemother.com/film) bereits ahnte und ein paar Stunden später bestätigt bekomme, wirklich, wirklich gut geworden ist. Wirklich gut. 
  Was erst nur als Videodokumentation gedacht war, ist jetzte in Kinofilm mit dem Titel „Sieben Mulden und eine Leiche“ und handelt von Haemmerlis Mutter und wie sie vor zwei Jahren, als Haemmerli eben in aller Form vierzig werden wollte (ich hatte ihm dafür schon einen sehr lauten und dann sehr unpassenden Wiener- ... weiter lesen ...
25.03.07

Teuflische Vorfreude

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Freu ich mich schon auf den Song Contest. Dem Song Contest haftet seit jeher das Skurrile an, was heißt: Er lebt davon, dass er eine völlig bizarre Veranstaltung ist, ein Lieder-Wettbewerb  vollgepackt mit Beiträgen und Teilnehmern, von denen der Großteil am freien Markt nicht den Hauch einer Chance hätte. Vermutlich ist das der Grund für seinen Erfolg, und am besten lässt sich die Faszination an den Exponaten des Songcontests mit jener an den  Präparaten im Wiener Narrenturm vergleichen: Es ist entsetzlich, es ist grauenhaft, es wird einem fast übel, aber man kann den Blick von dieser Konzentration künstlerischen Grauens und choreographischer Brutalität einfach nicht abwenden.
Leider kommen immer mehr Rundfunkanstalten auf die öde Idee, richtige Musiker zum Songcontest zu entsenden. Der ORF glücklicherweise nicht. Aber die Schweiz, die ja mit der historischen Schuld leben muss, via Songcontest die singende Telefonstörung Celine Dion über die Welt  gebracht zu haben, schickt heuer DJ Bobo.
Wogegen in der Schweiz jetzt schon  30.000 Unterschriften gesammelt wurden: Denn DJ Bobo versetzt die Schweizer mit einem Vampirsong mit dem traumatisierenden Refrain „Vampires Are Alive“ in Angst und Schrecken: uhuhu! Aber mit Okkultismus und Satanismus sei nicht zu spaßen, sagen die Initiatoren dieser gespenstischen Aktion, denen offenbar bislang entgangen ist, dass DJ Bobo in der Rangliste der teuflischsten Popikonen den ungefähr sechsmilliardsten Platz hält: Knapp hinter dem österreichischen Teilnehmer, den der ORF zu einem großen internationalen Bewerb schickt, nachdem er eher zeitig aus einem kleinen nationalen flog. So eine teuflische Logik. Typisch Songcontest. Ich freu mich schon so.

 

7.03.07

The Great Pretender

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Ich hatte eine Frage an Philipp den Geschiedenen: Ist er glücklicher jetzt, nachdem er sich für die Scheidung und gegen die kleinfamiliäre Genießerspießerei entschied, die er zusehends nur noch im Zustand der Totalsomatisierung ertragen hatte? Nicht glücklicher, sagt Philipp der Geschiedene, nein, glücklicher nicht, aber das hänge damit zusammen,  dass Glücklichsein für ihn keine biographische Kategorie sei. Aber sein Unglück fühle sich nun authentischer an; er könne mit seinem Unglück allein besser umgehen. Das exhibitionierte Familienglück mit all den Insignien der Einheit und Vollständigkeit habe ihn durchaus kurzfristig abzulenken vermocht, aber ständig sei er wie verkatert daraus erwacht, was nichts mit Substanz-Zufuhr zu tun gehabt habe, sondern damit, dass Familienglück auf ihn wie Fusel gewirkt und ihn deppert gemacht habe, wie aus einem Schnapstraum sei er daraus herausgeschossen, ganz ernsthaft mit Herzklopfen und dem Gefühl, dass das nicht er, Philipp, sondern ein Traum-Philipp sei in einer Traumexistenz aus Liebsein und Schönwaskochen und dem tödlichen Frust von Drei-Sterne-Hausfrauen, wenn das Soufflee zusammenpappt sei und mit einem Preisleistungsverhältnis zu edlen Weinen. Grauenhaft, grau-en-haft!; leider war es sein Dasein. Das habe er irgendwann ... weiter lesen ...
25.01.07

Lob der Blasmusik

| Comments (1) | 01/07 | Kunst & Kultur

Nichts gegen die Blasmusik, bitte. Die Blasmusik ist etwas Wunderbares, außer vielleicht, man ist Landeshauptmann oder Bürgermeisterin, hat in der Silvesternacht  ausgiebig gefeiert, und verlässlich trompetet einem, kaum ist neue Jahr  zehn Stunden alt ist, die örtliche Blasmusik  vor  der Tür das Schädelweh wach. Und außer vielleicht, man ist Blasmusiker, hat in der Silvesternacht ausführlich gefeiert, und muss, Schmerz, zwei Stunden später einen Würdenträger ins neue Jahr posaunen.
Und außer man wohnt direkt neben dem lokalen Blasmusikheim und mag keine Blasmusik. Und außer natürlich, man ist eine Blasmusikerin mit kräftigen Wadeln und wird gezwungen, diese mit weißwollenen Stulpenstutzen zu betonen.
 Aber das sind natürlich marginale Probleme im Vergleich mit dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Blasmusik. Dieser Nutzen ist unschätzbar.  Ist der junge Mensch –  und in Österreich sind das  80.000 – Mitglied einer der 2400 Blasmusikkapellen, probt er ein bis zweimal wöchentlich im Kreise Gleichgesinnter im Blasmusikheim, kann also in dieser Zeit keine Drogen nehmen, keine Killerspiele spielen, nicht ungewollt schwanger werden oder sonstigen Unfug anstellen, der ihm einfallen könnte, wäre er nicht bei der Blasmusik.
 Er hat mit der  Blasmusik schöne Gemeinschaftserlebnisse und bereist mit ihr die Welt, manchmal sogar bis nach Wien hinein, wo er  beim Blasmusik-Treffen einmal im Jahr auch Menschen wecken darf, die keine Würdenträger sind. Er ist zumindest periodisch anständig angezogen, also die Hose über  der Unterhose,  den Bauch- und Hüftspeck unter gnädiger Bedeckung. Wenn also die Blasmusik nicht gemeinnützig und studiengebührenbefreiungwürdig  sein soll, fragt man sich schon, was dann.
19.01.07

Und das Wort ist Gio geworden

| Comments (2) | 01/07 | Kunst & Kultur

Der neue Wissenschaftsminister Johannes „Gio“ Hahn ist ein Mann schöner Worte, das zeigte schon das Festhalten nicht nur an seinem Spitznahmen, sondern auch an dessen falscher Prononciation. Tschio. Hübschio.
Drei Interviews gab Hahn in den letzten Tagen, drei Mal nahm er Stellung zur Studiengebühren- und Sozialdienstdebatte. Er sagte zum Standard: „Mir ist es ganz wichtig, dass es da nicht um einen Sozialdienst geht, wo jemand vergenusswurzelt wird, am Krankenbett zu stehen, obwohl er keine innere Berufung dazu hat (...).“ Er sagte zur Presse: „Und dann sollte niemand vergenusswurzelt werden, eine soziale Tätigkeit auszuüben, wenn er gar nicht innerlich dazu imstande ist.“ Er sagte zum KURIER: „Man muss eine soziale Ader haben, es soll niemand vergenusswurzelt werden.“
Wir bemerken: Hier hat der Wissenschaftsminister ein Wort erblickt, hat sich in das Wort verliebt, hat es ergriffen, in seinen Worthaushalt aufgenommen und es mit den anderen interessanten Hahn-Wörtern bekanntgemacht: „Darf ich vorstellen: Gio – Vergenusswurzelt, Vergnusswurzelt – Gio“. Nun, da das Wort seins geworden ist, zeigt er es natürlich auch gern her (so auf: mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Wort), indem er es so oft wie möglich verwendet.
Aber was bedeutet das Wort? Wikipedia führt es nicht. Der Duden kennt es nicht; es fehlt zwischen „vergelten“ und „vergesellschaften“, es findet sich auch nicht unter den Synonymen für „zwingen“, „gezwungen“ oder „drängen“. Wenn es verwendet wird, dann in Internet-Chatforen: stets erotisch konnotiert, im Sinne von sexueller Beglückung. Juchzio! Mit Minister Hahn wird selbst die Sozialdienstdebatte sexy.
3.01.07

Das ist Geschichte!

| Comments (0) | 01/07 | Kunst & Kultur

Während sich die Rumänen scheint’s nur schwer von der Sitte trennen können, Schweinen zum Jahresausklang rituell den Hals abzuschneiden, tut sich die SPÖ mit den Studiengebühren hart: ja, nein, vielleicht oder vielleicht ein bissl? Die Rumänen haben es vergleichsweise leicht  (und die Schweine sagen: mulţumesc!), denn  ab dem neuen Jahr verbietet die EU den  beliebten  Brauch. Die Sozialdemokraten aber müssen sich selbst überlegen, ob sie  einer Koalition mit der ÖVP eine ihrer heiligen Kühe opfern wollen. Oder nicht. Oder nur ein bissl . . . Das Schulterscherzl vielleicht oder eine saftige Wade. Das neue Jahr wird es weisen.
Da dieses neue Jahr noch so ... weiter lesen ...
26.12.06

Ein einfaches Leben

| Comments (0) | 12/06 | Kunst & Kultur

In „Das weiße Album“, ihrer Essaysammlung aus 1979, beschreibt die amerikanische Autorin Joan Didion auch die psychischen Probleme, die ihr in den turbulenten 1960er-Jahren in Los Angeles,  zu schaffen machten.  Ihr Arzt habe ihr, schreibt Didion, geraten „ein einfaches Leben“, zu führen, wenngleich er nicht sagen konnte, ob es ihr helfen würde und wie. Es schien einfach ratsam.
Didions Prosa-Band gehört zum Besten, was ich 2006 (wieder)gelesen habe, und seither denke ich über das „einfache Leben“ nach. Ein einfaches Leben: Das hat so eine klare, saubere Poesie, die würde man gern ins eigene Leben einbringen.
  Bloß, wie macht man das. Kann man das lernen oder geht das so? Was wär dafür zu opfern: Dinge? Gewohnheiten? Vorstellungen? Ideale? Und ... weiter lesen ...
19.12.06

Haus des Schreckens

| Comments (1) | 12/06 | Kunst & Kultur

Eines der Probleme, die aus dem totalen Kinder-TV-verzicht resultieren: man kann den Kindern nicht mehr mit Fernsehverbot winken, wenn. Oder wenn nicht. Die Erpressung mit drohendem Privilegien-Entzug muss also substituiert werden, und mit was, mit Belohnung für wenn nicht. Oder für wenn.
  Zum Beispiel könnte ein Kind Gefallen am Rülpsen finden, und weil eine rülpsende Vierjährige im Moment putzig und überhaupt nicht wie eine Person wirkt, die das Rülpsen, kaum dass sie es perfekt beherrscht, zu einer Vollbeschäftigung macht, wird ihr von ihrer dummen Mutter beigebracht, wie sich die Sache man mit einem bisschen Luftgeschlucke optimieren lässt. Natürlich bereue ich das in der Minute. Seit ich Kinder habe, bereue ich ständig, zum Beispiel, dass ich ihnen das Sprechen beigebracht habe. Jedenfalls rülpst das Kind dann den ganzen Tag, obwohl es selbst weiß, dass das umhöflich ist; dass das umhöflich, ist hat es im Kindergarten gelernt, aber es hat auch schon gelernt, dass die Regeln, die im Kindergarten gelten, nicht zwingend auch zu Hause gelten müssen. Es rülpst also und rülpst in einer Frequenz, die selbst Eltern überfordert, die in ihrem früheren Leben einer Religion anhingen, in der es als normal galt, periodisch auf ... weiter lesen ...
8.12.06

Oder schlafen gehen

| Comments (2) | 12/06 | Kunst & Kultur

Der „Club 2“ war, wer das Alter hat, sich zu erinnern, eine ORF-Diskussionssendung, die ihre besten Zeiten in einer Epoche hatte, als es noch kein Privatfernsehen gab. Das, und der Umstand, dass die junge Nina Hagen  im „Club 2“  einmal vorgezeigt hat, wie man masturbiert, führt bis heute dazu, dass der selige „Club 2“ gottgleiche Verehrung erfährt.  Der „Club 2“! Das war noch was.
 Tatsächlich war der „Club 2“, und ich hab das Alter, mich zu erinnern, in fünf von zehn Fällen so fad, dass einem die Füße einschliefen, was natürlich immer noch eine Spitzenquote ist,  im Vergleich zu „Offen  gesagt“, bei dem einem während elf von zehn Sendungen die Füße einschlafen. Und anderes. Das ist der eine Grund, wieso sich so viele Menschen an ... weiter lesen ...
6.12.06

Wem gehört das Grün?

| Comments (0) | 12/06 | Kunst & Kultur

Nicht alle Anrainer waren prinzipiell dagegen, als bekannt wurde, die Wiener Sängerknaben planten einen eigenen Konzertsaal im Augarten. Das Parkplatzproblem, ja: aber was man von dem Projekt in Zeitungen sah, wirkte zumindest architektonisch interessant. Zudem liegt der Augartenspitz, Ecke Castellezgasse/Obere Augartenstraße, praktisch brach: aus den  oberen Etagen der Anliegerhäuser sieht man  Parkplätze, Gestrüpp, einen Wassertank. Von unten nicht: Parkbesuchern ist der Spitz verschlossen.
Ein 430-Plätze-Saal hätte  also auch eine Öffnung des Spitzes für alle bringen können: der ließe sich ja  auch  für anderes nutzen, als nur für Sängerknaben-Konzerte.
 Einige der Anrainer gingen also letzte Woche offenen Herzens ... weiter lesen ...
4.12.06

Neues vom Kulturtechniksektor

| Comments (2) | 12/06 | Kunst & Kultur

Meine Verwinterung schreitet fort. Weil Sonntag ist, habe ich mit den Kindern Kekse gebacken (harte Sache, immer noch, und das bezieht sich nicht auf die Kekse). Rindfleisch in Rotwein und Knoblauch geschmort, für Montag, wenn die Horvaths und die Breusses nach dem Kindergarten kommen, dazu, thanks to „Babette´s“-Chefin Nathalie Pernstich und ihrem suprigen neuen Kochbuch „Schummelküche“ (avbuch), eine pipifeine Angeber-Hühnerleber-Paté, nur so als Vorspeise. Genauer: Nur so, mit etwas Weißbrot, als Nachmittagshappen zu den selbst eingelegten Balkontomaten, für die zwei Stunden, in denen die Eltern sich fürs richtige Essen warmmachen, während die Kinder... Ich möchte noch gar nicht daran denken, was die Kinder wieder vorzeigen weden. Der Breuss-Bub geht gerade durch eine ziemlich monomanische Epoche, eins meiner Kinder regrediert bei jedem Widerstand zum Schluchz- Baby: die Werdarfwas- und Wermitwem- und WeristderBestimmer-Agressionen bergen für das Publikum ein ähnliches Begeisterungspotential wie die Koalitionsverhandlungen. Das ist es, was mit Speisen und Fürs sonntägliche Familienessen bastle ich dann noch ein paar Ravioli mit
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3.12.06

Multitasking, vorweihnachtlich

| Comments (3) | 12/06 | Kunst & Kultur

Vor Weihnachten springt in den Menschen verlässlich der Altruismus-Detektor  an, ortet in ihnen eine Anlage zum  Gutsein, ein bisschen schlechtes Gewisses oder beides; dann tun sie Gutes oder spenden oder beides. Schlecht? Im Gegenteil: davon leben Hilfsorganisationen das ganze Jahr. Vor Weihnachten interessiert man sich zudem viel mehr als sonst für die Situation von Kindern;  und zwar auch fremden. Schlecht? Nein.
Es gibt aber auch Leute, denen Wohl und Weh fremder Kinder das ganze Jahr über nicht egal ist, und die sich einfach so, obwohl sie eigentlich gar nichts damit zu tun haben, etwas   überlegen, um das Wohl mehr und das Weh weniger zu machen.
Vor Weihnachten werden jetzt schon zum achten Mal Bilder zugunsten der Österreichischen Muskelforschung versteigert, u.a., um die ... weiter lesen ...
23.11.06

Audi oder Subaru oder so

| Comments (0) | 11/06 | Kunst & Kultur

Der Lange zum Beispiel gehört nicht zu den letztes Mal hier bemühten Matulesken, Gott seis in jeder Hinsicht gedankt, außer im Zusammenhang mit Rohrzangen u.ä. Der Lange hat zu den üblichen männerkonnotierten Feierabendexpressionismen eine eher kulturrelativistische Einstellung. Das Bubenmädchen hat eine Belohnung für ich weiß nicht mehr was verdient und wünscht sich einen Matchbox-Audi, der Lange geht los und kommt mit einem Matchbox-Subaru zurück. Audis habe es keine gegeben, das sei aber fast das Gleiche. Ja, insofern es auch vier Räder hat: Das Bubenmädchen natürlich plärr, und mit was, mit Recht. Sogar mir, die ich zu unserem Auto ein extrem unverspanntes Verhältnis pflege (fährt es: gut, fährt es nicht: Taxi), ist der Unterschied zwischen einem Audi und einem Subaru klar, und Entschuldige, Langer, aber das kannst du echt nicht bringen. Wieso nicht, es ist eh blau. Blau?, du redest wie ein ... weiter lesen ...
15.11.06

Lernen von Kasachstan

| Comments (0) | 11/06 | Kunst & Kultur

Es gibt schlechtere Anlässe, den österreichischen Umgang mit Homosexuellen zu überdenken und zu korrigieren. Ein schlechterer Anlass wäre zum Beispiel noch ein Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes, ohne dessen frequenten Tadel ein Homosexuellen-Diskriminierungsunrechtsbewußtsein hierzulande ja praktisch undenkbar ist.
Jetzt droht „Bruno“.  Der britische Komiker Sacha Baron Cohen plant Österreich mit „Bruno“ ähnliches anzutun wie Kastachastan mit seinem Welterfolg „Borat“, indem er   die „Ali-G.-Show“-Figur eines schwulen, österreichischen Lifestyle-Journalisten, der Nazis verehrt, durch einen abendfüllenden ... weiter lesen ...
3.11.06

Frische Luft wird doch eh überbewertet

| Comments (0) | 11/06 | Kunst & Kultur

Es ist doch so, sagt der Lange: Die meiste brutale Musik verliert nach einiger Zeit ihren Schrecken, schleift ihre Härten ab und verbrüdert sich irgendwann mit deinem Gehör, nur nicht Slayer und Mama Falkner. In einem Experiment, wie lange Eltern es aushalten, das pädagogisch Wertvolle über das schier Unpackbare zu stellen, legen die Kinder mal wieder ihre Hits von vor dem dritten Geburtstag auf: Sie spielen von Samstag früh bis Samstag spät ohne Unterbrechung die „63 Kinderlieder. Gesungen und gespielt von Pauline Falkner“. Aufgenommen vor zehn Jahren von ihrem Buben Hans-Peter, dem Attwenger, dem Narrischen, dem Elternquäler, der die Auswirkungen seiner jugendlichen Unbedachtheit allerdings schon demnächst von seiner eigenen Zweijährigen in ihrer ganzen Gnadenlosigkeit zu spüren bekommen wird. (Mit vier, Hansi, kann sie den CD-Player dann übrigens schon ganz allein bedienen.) Mama Falkner und ihrer schönen, hohen Stimme kann man nichts vorwerfen, ja, die Anschaffung der „63 Kinderlieder“ (fishrecords / hoanzl) muss man sogar empfehlen, jedenfalls ... weiter lesen ...
3.11.06

Sauberer Schabernack

| Comments (1) | 11/06 | Kunst & Kultur

Und nachdem Geena Davis die Welt vor einem Atomkrieg bewahrt hat, geht sie rüber in den Kinderflügel des weißen Hauses und liest ihrer jüngsten Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte vor. „Ist jetzt alles wieder gut, Mami?“, fragt das Kind, und während sie das Licht ausmacht, sagt Mrs. President, „ja, Mausi, jetzt ist alles wieder gut.“ Denn Mami hat den Planeten gerade nochmal gerettet, das Böse in die Schranken gewiesen, dem Guten zum Sieg verholfen und jetzt gute Nacht und schlaf schön.
Sowas geschieht natürlich nur im Fernsehen, in  Sat1, wo in „Welcome Mrs. President“ US-Präsidentin Mackenzie Allen immer Dienstag Nacht beweist, dass es durchaus möglich ist, Kinder und Weltherrschaft unter einen

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1.11.06

parallelgesellschaft.com

| Comments (2) | 11/06 | Kunst & Kultur

Schimpft mich gestrig, heißt mich technologiefeindlich, unterstellt mir ein gestörtes Verhältnis zur Moderne: Aber Computerspiele machen mir Angst. Genauer, die Computerspielerei, wie sie Besitz von Menschen  ergreift, wie sie in der Lage ist, Menschen von der Realität zu entfremden. Wie sie  ihnen den Eindruck vermittelt, die Teilnahme an dieser altmodischen und technologisch ziemlich  überholten Realität sei nicht verpflichtend, wo es doch eine schöne Auswahl an weit attraktiveren neuen Realitäten gibt, ganz easy per Konsole zu bedienen.
Ein neues Online-Rollenspiel nennt sich extrem folgerichtig „Second Life“ und ermöglicht es den Mitspielern, sich ... weiter lesen ...
26.10.06

Die Hunnen, sagt Roger

| Comments (2) | 10/06 | Kunst & Kultur

Und jetzt schlafen die Kinder ein zur Stimme von Beth Orton, die drüben im Zimmer, in dem die Mutter sitzt und arbeitet, wieder und wieder Leonhard Cohens „Sisters of Mercy“ singt, und eine schönere Art, einen langen Tag zu beenden, kann es doch gar nicht geben, oder. Und eine lange, anstrengende Woche, eine Woche, nach der ich mir sage: es muss anders werden. Die Kinder haben zu viele Termine. Die Kinder haben zuwenig Zeit, um einfach zuhause zu sein und zu spielen und sich zu langweilen. Aber. Wir sind so viel eingeladen. Und wir sind von so netten Menschen eingeladen, wo man nicht nein sagt, wenn die sagen: wie gings euch am Montag? Sondern wo man sagt, super, am Montag gings uns gut.
Am Dienstag, als ich mit Lotte und der Kaiserin vorm Palmenhaus in der Sonne sitze, radelt der Roger vorbei und bleibt stehen und trägt dabei eine sagenhaft lässige ... weiter lesen ...
25.10.06

Gescheit deppert

| Comments (0) | 10/06 | Kunst & Kultur

Die Erwin-Wurm-Ausstellung im MUMOK angeschaut und festgestellt: eigentlich brauchst du im Leben nur eine sehr gute Idee. Erwin Wurm hatte drei, und die sind nicht nur gut, die sind großartig. Am großartigsten sind die „Instructions on how to be politically incorrect“, so gescheit deppert wär man selber auch gern mal. Seit der Kippenberger-Retrospektive hab ich mich in keiner Ausstellung mehr so gefreut wie jetzt beim Wurm. Die Kinder übrigens auch, wenngleich die natürlich das „Fat house“, das „Fat convertible“ und die  Männer, die die Erde verschluckt haben, am tollsten fanden. Anschauen, unbedingt.
Danach hab ich mich gleich nochmal ... weiter lesen ...
22.10.06

Bobo, hurch zu!

| Comments (5) | 10/06 | Kunst & Kultur

Eist ist schon ein paar Tage her, dass „Viennale“-Direktor Hans Hurch in einem Falter-Interview gemeint hat, er mache jetzt „Bobo-Bashing: Man darf denen diesen he-donistischen, halbkritischen Genuss nicht durchgehen lassen.“ Das beschäftigt mich immer noch.
Ich mag den Hurch: Ich mag, wie er die „Viennale“ als Ereignis zelebriert,  wie er sich nichts schert um Geschmäcker und Generalmeinungen, und  dass er dennoch als möglicher Kulturminister gehandelt wird.
Aber die Sache mit den Bobos ärgert mich, weil diese grad so schicke Bobo-Miesmacherei ist mir etwas zu billig. Vor allem, wenn sie von einem Hurch kommt, der es sonst nicht billig gibt.
Bobo ist, falls Ihnen das noch nicht bekannt ist, ein Mischwort aus

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15.10.06

Die menschlichen Makel

| Comments (2) | 10/06 | Kunst & Kultur

Eigentlich will ich mich heute nur darüber aufregen, dass nicht Philip Roth den Literaturnobelpreis bekommen hat. Schon wieder nicht Philip Roth! Warum schon wieder nicht Philip Roth?! Was kann ein Schriftsteller noch leisten, als seit Jahrzehnten Jahr für Jahr den besten, prägnantesten, sarkastischsten, bösesten, aktuellsten und/oder wichtigsten Roman zu veröffentlichen? Stattdessen ist der Literaturnobelpreis auch heuer wieder   ein Wir-sagen-einer-Regierung-hintenrum-die-Meinung-Nobelpreis;  das ist eine echte Sauerei Roth gegenüber, und bis Roth den Literaturnobelpreis nicht kriegt, ist der Preis nicht mehr  ernst zu nehmen. So! Aber vermutlich liest das jetzt  schon wieder keiner von der Nobelpreisjury.
Die tatsächlichen Leser aber ... weiter lesen ...
5.10.06

Könnte abstürzen

| Comments (1) | 10/06 | Kunst & Kultur

innauerNoch immer exisitieren Freunde, die unsere Urlaubsfotos nicht gesehen haben. Sie werden mit Essen angelockt und müssen dann zum Aperitiv eine halbe Stunde Digidiashow in den Dominanzfarben Grün und Braun durchstehen: Alm, Alm, Kuh, Alm, glückliche Kinder vor Alm, glückliche Kinder vor Kuh, Kuh, Alm, Alm. Für gewöhnlich werden die Freunde von einem Foto von einem Foto von Toni Innauer aus ihrer Depression gerissen, aufgenommen in Innauers Heimathaus, einem Gasthof direkt an der Mittelstation der alten Bezauer Gondelbahn, die stets den Schweiß aus dem Langen löst.

Weil: Höhenangst. Die Gondel schlenkert an einem durchhängendem Seil, während in ihr Menschen zusammengepresst werden, welche dadurch nicht glücklicher werden, dass sich drei Horrorfilmgestählte Teenies über die Möglichkeiten unterhalten, in Gondeln zu Tode zu kommen. Das Seil könnte reißen. Der Boden könnte rausbrechen, genau über diesen spitzen Tannen. Die herabfahrende Gondel könnte gegen die hinauffahrende Gondel prallen, aufplatzen und die Passagiere auf die Felsenschmettern. Die Gondel könnte stehenbleiben, und jemand könnte in Panik geraten und die Tür auf- und andere mit sich in den Tod reißen. Das Seil der anderen Gondel könnte reißen, durch die Scheiben dieser Gondel schlenzen und den Passagieren die Schädel abrasieren. Davon leben die Innauers; auf der Mittelstation brauchen viele erstmal einen Schnaps. Später, wenn man vom Berg wieder runterkommt, hat man Hunger und Durst und muss aufs Klo, wofür man einen Raum queren muss, in dem so gut wie alle Pokale ausgestellt sind, die Toni Innauer im Laufe seiner Schispringer-Karriere ersprang, sowie eine Reihe von Fotos, die Innauer bei der Entgegennahme dieser Pokale zeigen.

Was ist bitte das?? fragen unsere gequälten Gäste, wenn das Foto des glücklichen Innauer in einem fetten, weißgrauen Pelzpullover im Mäser-Shirt-Schnitt erscheint und dann das Foto des glücklichen Innauer, der die glückliche Annemarie Moser-Pröll im identischen fetten, weißgrauen Pelzpullover an sich preßt. Wasistbittedas?? Das sind Innauer und Moser-Pröll nach ihren Siegen bei der Olympiade 1976, und mit solchen Pullovern aus ziemlich sicher ungenießbaren und eines unnatürlichen Todes verstorbenen Tieren, wurde im Jahr 1976 wohl die gesamte österreichische Olympiamannschaft ausgestattet; ein Wahnsinn, bitte. Und natürlich überlegt man dann, was aus diesen vielen Pelzpullis geworden ist: Gibt’s die noch? Und: Hat Innauer seinen noch? Und trägt er ihn manchmal heimlich auf nackter Haut? Sollte Innauer also noch immer vernünftige Zeitungen lesen. Ehrlich, Herr Toni, so ein Blödsinn interessiert uns.
Dabei gäbe es diese Woche selbstverständlich wichtigere Themen, weil, apropos Absturz: baba, Frau Gehrer!, auch meine Kinder sagen tschüss. Und wer hätte geglaubt, dass Gusenbauer doch noch Kanzler wird; nicht mal Gusenbauer. Aber dass sich nur eine große Koaliton ausgeht... Das hatten wir doch schon mal. Und das war nicht so toll.
27.09.06

Wie man kein Vorbild ist

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Andere fahren am Wochenende aufs Land, Rainhard Fendrich nutzte es,  um in Interviews ein wenig den Rechtsstaat in Frage zu stellen: Letzte Woche war bekannt geworden, dass Fendrich sich nun doch vor Gericht für seinen Kokain-Missbrauch verantworten muss. Im  SonntagsKurier sagte der Sänger, der 15 Jahre Drogenkonsum zugegeben hat,  er fühle sich vom Rechtsstaat Österreich "verlassen“, der Falsche werde angeklagt: Er sei schließlich nur süchtig gewesen, habe also das Kokain - es müssen Kilos sein - all die Jahre nur erworben und konsumiert. Was Fendrich offenbar für kein rechts-relevantes Problem hält: "Mein Unrechtsempfinden ist relativ gering.“
Der Mann, der das sagt, hatte sich ... weiter lesen ...
23.09.06

Das war ein verdienter Sieg

| Comments (1) | 09/06 | Kunst & Kultur

Es war ein harter aber gerechter Kampf, als Donnerstag Abend am Wiener Sportklub-Platz schweizer und österreichische Literaten gegeneinander  Fußball spielten. Und es geschah etwas für dieses Land  Extraordinäres: Wir demütigten die Schweizer mit einem verdienten 7:1.
Nein, ich habe nicht mitgespielt, und ich neige   nicht  zu blödpatriotischer Fremdsieganeignung: Der Triumpf gebührt allein den Herren Literaten um Kapitän Georg Bydlinsky, die vor begeistertem Publikum großartige sportliche Leistungen er-brachten. Ich habe zur österreichischen Chancenmaximierung nur getan, was ich konnte: indem ich  das fast vollzählige Schweizer Team - einen von denen kenn ich zufällig - am Abend vor dem Spiel  nach einem Empfang des Schweizer Botschafters ins *Wolf" verzahrt habe, wo die ... weiter lesen ...
20.09.06

Wir Literaturpatrioten

| Comments (4) | TrackBacks (1) | 09/06 | Kunst & Kultur

Das Ausmaß der Erholung in drei Wochen Bregenzerwald lässt sich anhand einer Zahl bemessen: sieben. Sieben Bücher hab ich gelesen, darunter drei aktuelle Österreicher, die durch den Umstand, dass ich davor den neuen Philip Roth und danach E. Annie Proulx´ „Schiffsmeldungen“ gelesen habe, auch nicht gewannen, besonders wegen der „Schiffsmeldungen“: ein Roman, ein richtiger Roman. Mit einer sich entwickelnden Handlung! Zahlreichen Figuren in verschwenderischer Charakter-Fülle! Verschiedenen Strängen! An einem außergewöhnlichen Ort! Auch wenn ich hier mit völlig unerbetener Meinung alte Bekanntschaften aufs Spiel setze: In dieser Liga spielen die jungen Österreicher nicht. Lange nicht. Sind ja nicht mal Romane, heißen nur so – wenngleich ich Daniel Glattauers flott und gut geschriebene Emailerei „Gut gegen Nordwind“ in einem Tag eingesaugt habe. Nicht weiter als bis Seite 110 habe ich dagegen „Das Wetter vor 15 Jahren“ ertragen, das öde ... weiter lesen ...
6.09.06

Unbesorgnis is my middlename

| Comments (0) | 09/06 | Kunst & Kultur

Hören tu ich zur Zeit am liebsten Metric, das ist ein musikalisch sehr vorteilhaft kanalisiertes Frauengegrantel from Canada, auf unkindische Weise postpunkig, so dass man das, das rede ich mir wenigstens ein, auch als Erwachsene gut finden kann. Darf. Also. Dieses Erwachsensein bleibt ein schwieriges Terrain, vor allem aufgrund des Fehlens eines verbindlichen Kanons. Beziehungsweise, falls einer existiert – und ich denke, meine Mutter denkt, dass das das der Fall ist – weiß ich ihn zu ignorieren. Lieber bin ich, anders als etwa Sedlacek, praktisch permanent verunsichert. Denn während Sedlacek, dessen Handy mir heute nachmittag unablässig MMSe aus dem Inneren seines Hosensacks schickte, die gängigen Reife-Aspekte wie Würde, Distinguiertheit oder die Fähigkeit, die Tastensperre seines Handys zu aktivieren, für keine erstrebenswerten Erwachsenentugenden hält, wünsche ich mir auf meinem Weg in den Pflegenotstand immer noch etwas derartiges wie eine Etappe eleganter Reife. Aber jedesmal wenn ich die Bergwertung dorthin faktisch ... weiter lesen ...
23.08.06

Oh Gott, wenn der Dragan das sieht

| Comments (0) | 08/06 | Kunst & Kultur

Das Mädchen auf dem Wahlplakat wirkt nicht froh. Sie sitzt neben Wolfgang Schüssel auf der Albertinatreppe, zupft unentspannt an ihrem rotweißroten Plastikarmband rum und lacht verlegen: Es ist ihr anzusehen, dass ein begeistertes, animiertes, bisschen verführtes Lachen von ihr erwartet wird, so als hätte Schüssel gerade eine für einen Kanzler extrem locker-amüsante Bemerkung gemacht, und es ist ihr anzusehen, dass sie das dazugehörige Lachen auch ehrlich gern bringen würde, aber irgendwie gelingt es nicht. Vielleicht sagt Schüssel was Peinliches. Vielleicht sagt er was zu Nettes. Vielleicht sagt er etwas, das sie offensichtlich dazu bringen soll, begeistert zu lachen, und die Durchschaubarkeit macht sie unrund. Vielleicht rückt er zu sehr ran. Vielleicht wäre sie lieber das andere Mädchen auf der Treppe, das mit einem hübschen Burschen ihres Alters flirten darf. Vielleicht findet sie, dass so ein Plastikarmband an einem Mann über 25 etwas lächerlich aussieht. Vielleicht tut ihr Schüssel leid, weil er junge Mädchen dafür bezahlen muss, sich mit ihm auf Treppen zu setzen. Vielleicht ist sie eine unterbezahlte Altenpflegerin aus der Slowakei, die nebenbei bisschen modelt und überhaupt nicht versteht, was der merkwürdige kleine Mann mit dem ... weiter lesen ...
16.08.06

Diesmal mit Deo-Erlass

| Comments (4) | 08/06 | Kunst & Kultur

tittenDie Breussin wirkt nicht mal irritiert. Obwohl ich im Kino an ihr dranpicke, als wollte ich was von ihr: aber vermutlich kann sie den Kerl an meiner anderen Seite, von dem ich größtmöglichen Abstand zu gewinnen suche, bis zu sich rüber riechen. Himmel, die Auswahl von Deodorants in den westlichen Industriestaaten ist nun wirklich unendlich, warum gibt es immer noch Leute, die akkurat keins benutzen? Und Duschgels offenbar auch nicht?
Natürlich dauert der Film zwei Stunden, und ist ein ziemlicher Scheißfilm, weil offenbar die Kritiker, die „Volver“ praktisch durch die Bank super fanden, sich nachher an nichts erinnert haben, als an Peneolope Cruzes Melonentitten. Ja, das ist jetzt überspitzt, aber Entschuldigung, was soll an diesem Film so toll sein? Allerdings: was hab ich erwartet, der Film ist von Pedro Almodovoar. Und tatsächlich hab ich mir ja mal geschworen, mir nie wieder einen Film von Almodovar anzusehen, weil ich dem sein Frauenbild ... weiter lesen ...
24.07.06

So treibens die Jungen

| Comments (0) | 07/06 | Kunst & Kultur

Dann seien doch Sie mal sichtbar post 30 und sitzen in einer nicht unbelebten ländlichen Gegend an einem Freitagabend an einer Bushaltestelle. Die Blicke aus den vorbeifahrenden Autos können Sie sortieren: zu kreditunwürdig für ein Auto, zu blöd für den Führerschein, zu feig, um betrunken heimzufahren. Oder: letztes Mal dabei erwischt worden. Dass man aus der Stadt kommt und lieber öffentliche Verkehrsmittel benutzt, auch wenn man gar nicht muss, kann sich dort draußen keiner vorstellen. Im Bus sitzen dann auch praktisch nur Jugendliche, Kleinkriminelle und Mitbürger mit Migrationshintergrund und ein Betrunkener, der periodisch vom Sitz fällt. Später steigt noch eine Blasmusikantin mit faszinierenden Waden zu, die fährt, wie mir bald klar wird, zur Arbeit, denn in Feldkirch ist Weinfest, was weit önologischer klingt, als es ist: Es geht hier keineswegs um die Qualität des verkosteten Weins, sondern um die dem Individuum gerade noch zumutbare Menge.

Begleitend spielen in der Fussgängerzone alle Blasmusiken des Rheintals gleichzeitig, wenngleich nicht dasselbe, und weil das noch nicht schlimm genug ist, wird mir auch noch ... weiter lesen ...
17.06.06

Es is imma hoibaochte

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Haemmerli sagt, ja, und dann grillen wir bei Carmen und später kommt vielleicht noch der Honzo und der Roger und ganz spät der Dings. Ich sag, du, schön, aber ich werd auf jeden Fall zeitig abhauen, schlafen gehen, ich muss morgen um halb acht auf und um neun ausgeruht an diesem Symposion antreten, und Haemmerli sagt, Mensch, Kneeeeeeeecht, wie uncool ist das denn, jetzt sei doch mal nicht immer so sagenhaft langweilig! Ich sagt, du, Haemmerli, weisst denn du überhaupt, was das ist: halbacht? Wie, glaubst du, fühlt sich halbacht an? Wann hast  denn du das zum letzten Mal erlebt: halbacht? Da druckst Haemmerli so rum. Na ja, ok. Hmm.

Kürzlich, als er in Prag war, ist Haemmerli an einem Samstag mal irrtümlich zu früh aufgewacht und hat mich dann um elf angerufen, nur um ... weiter lesen ...
14.04.06

Heiß hier

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Das muss schneller gehen. Ich muss raus, ich brauch ein neues Rad. Und ich muss bis zwölf raus. Denn wie ich gestern mit Commandantina Dusilova beim Lunch im Palmenhaus saß und wir über dies und das und Talkshows und Fahrraderwerb konversierten, sagte ich mit den roten Backen der Gerechten, dass ich, nein, mein neues Rad nicht in einer Großhändlerfiliale kaufen werde, nein, sagte ich strahlend, ich unterstütze den Einzelhandel, ich will belebte Innenstädte und ein florierendes Kleingewerbe und wohlgenährte Kleinunternehmerkinder, ja. Nachdem ich vor dem Palmenhaus auf Dusilovas Rad eine Runde gedreht und die Stoßdämpfer bewundert hatte, schwang ich mich auf meine alte Kraxn und radelte ... weiter lesen ...
7.04.06

Trag ich eigentlich eine Sonnenbrille?

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Von Murakami hab ich immer noch nichts gelesen, aber am Sonntag, vor der Nachmittagsvorstellung vom „Räuber Hotzenplotz“ in einem kleinen Vorstadt-Kinocenter, stecke ich meinen Kopf vollständig in eine Magnum-Popcorn-Tüte und stehe einfach herum wie eine ganz normale One-Minute-Sculpture von Erwin Wurm. Entschuldige, was MACHST du da?, fragt Mutter Hofinger. Die Fellners, sage ich, hinter dir. Nun ist die Chance, dass die Fellners meine Visage erkennen, gleich Null, trotzdem: Man will ja kein Risiko eingehen. Weil typisch. Extra gehe ich nie an Orte, wo ich Leute treffen könnte, die Gründe haben, mich zu ohrfeigen; aber kaum ... weiter lesen ...
20.03.06

Dabei war das eine von den guten Parties

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Der goldene Tapferkeitsorden am Band geht diese Woche an: Frau Gabriele Schiepek. Applaus und allgemeine Bewunderung, denn die Schiepek verbrachte einen kompletten Nachmittag auf einem Kindergeburtstag, in einem Raum mit 27 Kindergärtlern (gezählt, nicht gefühlt), 13 oder 14 Müttern und, eh klar, drei Vätern. Ordenbehängwürdig ist daran, dass die Schiepek von all diesen Personen die einzige war, die, weil kinderlos, nicht vom Schicksal dort hin verdonnert wurde. Mutter Urban musste, Vater Breuss musste, Mutter Hofinger, die Horwaths mussten, Mutter Bösch und all die anderen Müttern mussten. Ich musste. Die Schiepek musste nicht, und wusste alsbald nicht mehr, welche amikalen Bande sie in dieses Purgatorium ... weiter lesen ...
27.02.06

In the ghetto

| Comments (0) | 02/06 | Kunst & Kultur

Die Sichtung der aktuellen Nachrichtenlage bestätigt den Trend, dass Grazer ihre Babies offenbar signifikant öfter misshandeln, und sie scheinen signifikant depperter zu sein. Nehmen wir mal die Grazerin, die am Wochenende mit ihrem zerstörten Sohn ins Krankenhaus kam und die lebensgefährlichen Verletzungen des vier Monate alten Säuglings damit begründete, dieser sei gestürzt. Manche Leute sind zu dumm und zu degeneriert zum Kinderhaben. Im speziellen Fall – die Mutter drogensüchtig, das Kind schon bei der Geburt abhängig, der Säugling offenbar nicht nur akut, sondern chronisch misshandelt - fragt man sich zudem, wo eigentlich das Jugendamt schon wieder war. Müsste man bei so einer Familie nicht alle drei Tage nachsehen, ob alles ok ist? Oder besser täglich? Und falls das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, sollten diese Gründe aus der Welt geschafft werden, und zwar dalli. Es handelt sich hier um ein Problem, das aktuelln den deutschen Feuilletons heftig abgehandelt wird: Dass erstens zuwenige Leute Kinder kriegen, zweitens die falschen. Die Gründe dafür, warum eine hohe und wachsende Zahl von Akademikern (und vor allem Akademikerinnen) keine Kinder will, wird rauf- und runtergebetet: fehlende Kinderbetreuung, falsches Kindergeldsystem, verfehlte Arbeitsmarktpolitik, allgemeiner Werteverfall. Im „Wochenende“ der „Süddeutschen Zeitung“ wurde noch ein weiteres Argument eingebracht: Es ist den Akademikern scheints nicht vermittelbar, dass es schön ist, Kinder zu haben. Die bedingungslose Liebe von Kindern, die hundert täglichen Gründe für Gelächter, das ständige Staunen über die überraschende Präsenz von Glück, kommt im akademischen Wertekatalog offenbar nicht vor. Damit soll übrigens nicht angedeutet werden, gebildete Leute seien bessere Eltern als ungebildete; allerdings: wenn Wissen tatsächlich zu Bewußtsein führt, müssten man hoffen dürfen, dass das Bewußtsein darüber, dass und warum man Kinder nicht misshandeln darf, bei gebildeteren Leuten höher ausgeprägt sein müsste. Andererseits kommen in den „Supernanny“-Sendungen vielleicht auch nur deshalb nie Akademiker-Familien vor, weil die auf das Geld, das man dort fürs Vorgeführtwerden bekommt, nicht angewiesen sind... Ich weiß es nicht. Vielleicht sind aber einfach auch die anderen Eltern Schuld. Eben erreichte mich das Mail einer jungen Leserin, die meinte, seit sie eine Zeitlang als Kellnerin im Dschungel-Café gearbeitet habe, sei sie völlig sicher, dass sie nienienie eigene Kinder wolle. Im Dschungel habe sie Mütter und Kinder irreversibel hassen gelernt: ständig Flascherl aufwärmen, immer über Krabbelkinder steigen, sogar dreckige Windeln vom Tisch entsorgen müssen und dann mieses Trinkgeld kriegen. Das wirft bei mir mehrere Fragen auf: Erstens, warum Mütter so oft der Meinung sind, sie dürften sich, aus Gründen der Demographiepolitik oder was, mehr erlauben als andere. Zweitens aber frage ich mich, warum man ins Dschungel-Café arbeiten geht, wenn man mit Kindern und ihren Bedürfnissen nichts zu tun haben will. Es ist nämlich selbstverständlich, dass das Personal im drei-Hauben-Lokal jeden Furzwunsch der Gäste ohne zu murren erfüllt, und in einem dezidiert familienfreundlichen Café muss man halt mit Mutterkindfurzwünschen leben können, und wenn man das nicht kann, soll man in einem der 3920 Wiener Lokale, in denen Eltern mit Kindern nicht gern gesehen sind, arbeiten. Das ist nämlich das Problem: Dass Kinder in den meisten Lokalen so unerwünscht sind, dass die paar anderen Lokale zu mütterüberrannten Gettos werden. Ich geb dort übrigens immer mörder Trinkgeld.
10.11.05

"Vater, ich kann nicht singen!"

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erschienen im Tagesanzeiger Magazin, August 2003

Daniel Kehlmann sieht aus wie ein Musterschüler und redet wie ein Gymnasiallehrer -  und er schreibt  brillant. Sein neuer Roman ist ein kleines Meisterwerk. Ein Porträt.

Als Daniel Kehlmann 21 Jahre alt war, setzte er sich hin und versuchte, einmal etwas Längeres zu schreiben. Eine Novelle vielleicht. 15-jährig hatte er, wie viele Jugendliche vor ihm, Gedichte geschrieben, sie niemandem gezeigt und in einer Schublade versorgt, wo sie, wie sich Kehlmann jetzt mit plötzlich angeknipster Besorgnis erinnert, heute noch liegen. Jemand könnte sie finden. Dann hatte er Kurzgeschichten verfasst, mit den Vorbildern Thomas Mann und James Joyce im Kopf. Den «Zauberberg» und den «Ulysses» hatte er schon als Teenager gelesen, aber dass man weder den einen noch den anderen nachmachen kann, ist ihm beim Schreiben bald klar geworden, glücklicherweise, sagt Kehlmann , aber fürs Training war es nicht schlecht.
Das weiß einer wie Kehlmann natürlich schon mit 16, dass es keine Leistung ist, mit 16 «Ulysses» zu lesen, und als er zu jener Zeit zufällig den mittlerweile verstorbenen Schriftsteller und Genetiker Erwin Chargaff kennen lernte, habe der ihn gefragt: Na, junger Mann, was lesen Sie? Kehlmann habe stolz geantwortet: «Ulysses»! Chargaff habe vermutet: im Original. Kehlmann habe gesagt, nein, es gäbe da eine gute Übersetzung von Hans Wollschläger. Da habe Chargaff gemeint: «Junger Mann, kaufen Sie sich ein Wörterbuch, setzen Sie sich hin und arbeiten Sie.» Kehlmann sagt, das habe ihn ein wenig zurückgeworfen.
 
Aber nicht sehr, denn als Kehlmann auf die 22 zuging, hatte die versuchte Novelle die
Ausmaße eines Romans. Vier Monate lang hatte er jeden Tag daran  
Foto: Markus Rössle (www.markusroessle.com)

 geschrieben, und nun gab er das Manuskript einem Bekannten zu lesen, Ulrich Schulenburg vom Thomas-Sessler-Verlag. Der fand das so gut, dass er, da Sessler ein Theaterverlag ist, vorübergehend als Kehlmanns Agent agierte. Er schickte das Werk mit Ausdrücken der Begeisterung an die Lektoren von fünf Verlagen. Drei davon retournierten innerhalb von vierzehn Tagen Bescheide, dass sie den Roman gerne drucken würden. Bei Deuticke erschien er unter dem Titel «Beerholms Vorstellung». Daniel Kehlmann war 22 Jahre alt. Es war 1997.
 
Das war noch nicht die Zeit, als alle Verlage mit Teenager- und Twentysomething-Autoren ihre Umsätze bei den Teenagern und Twentysomethings erhöhen wollten. Das war, bevor die größeren Verlage anfingen, jedem talentierten Kind, das, grob gesagt, in der Lage war, in einem Exposé die Worte «ficken», «Extasy», «Yeah» und «Berlin» unterzubringen, astronomische Vorschüsse zu zahlen. «Es war die Zeit, als es als sehr merkwürdig und befremdlich empfunden wurde, dass jemand mit 22 Jahren einen Roman veröffentlicht», sagt Daniel Kehlmann heute. Mal abgesehen von der Tatsache, dass Kehlmann und seine Bücher wenig mit der so genannten Popliteratur zu tun haben.
 
In «Beerholms Vorstellung» erzählt der Zauberkünstler Arthur Beerholm sein Leben. Dieses Leben umfasst den Verlust zweier Mütter und folglich eine triste Kindheit, die Jugend in einem Schweizer Internat, ein Theologiestudium, strapaziöse Monate in einem Schweigekloster, die ausführliche Beschäftigung mit philosophischen und mathematischen Problemen, schliesslich die rasante Karriere als Zauber- und Illusionskünstler, ein kathartisches Schlüsselerlebnis, eine Wende. Einmal rennt Beerholm in ein Auto, irgendwie erscheint mal kurz eine Frau, zwei- oder dreimal fällt Beerholms Blick auf ein Werbeplakat, ansonsten: keine Gewalt, kein Sex, keine Werbung, keine Drogen, keine Witze, kein Pop. Stattdessen ist «Beerholms Vorstellung» fein ausgedacht, famos erzählt und beeindruckend formuliert. Nein, halt: Es ist sogar brillant formuliert. Das Alter des Autors fällt höchstens insofern manchmal auf, als er da und dort etwas zu beeindruckend formuliert und seine Koketterie mit den unendlichen Weiten seines Wortschatzes zuweilen etwas Angeberisches ist. Etwas leicht Bildungsbürgertümlerisches, in der Art, wie sich hier eine Wissenswut entlädt, die sich eher dem 19. als dem 20. Jahrhundert verpflichtet fühlt.
 
Die Hinweise auf das 20. Jahrhundert sind in «Beerholms Vorstellung» ziemlich rar, und der Balanceakt zwischen zeitlos und altmodisch geht nicht immer zu Gunsten von zeitlos aus. Das gilt auch für den Roman «Der fernste Ort» (1998 schon bei Suhrkamp erschienen), in dem ein junger Mann nach einem Badeunfall in eine Lücke zwischen Realität und Illusion, Leben und Tod gerät. Und auch für «Mahlers Zeit» (1999), dem Roman über einen jungen Wissenschaftler, der das Geheimnis der Aufhebung der Zeit entdeckt, was diese ihm übelnimmt. Nur in seinem neuesten Buch «Ich und Kaminski» verlässt Kehlmann besagten Grat und kommt auf seiner Wanderung nun definitiv in der Gegenwart an, jedenfalls in einer auch für den Durchschnittsdummie erkennbaren Gegenwart.
 
Jetzt muss man sich diesen Kehlmann aber einmal vorstellen. Im Moment tigert er durch ein großes modernes Wiener Museum, das auf der ganzen Welt für seine Schiele-Sammlung berühmt ist, und kann die Schiele-Sammlung nicht finden. Er ist mittlerweile ein schlaksiger, unauffälliger 28-Jähriger. Er trägt unauffällige, helle Turnschuhe, gebleichte, nicht besonders modern geschnittene Jeans und ein unauffälliges Poloshirt. Seine Haare sind hübsch geföhnt und seitlich gescheitelt, sodass eine kecke Bubenfrisur entsteht, nicht unbedingt aus diesem Jahrhundert. Die ganze Figur Daniel Kehlmann wirkt irgendwie nicht unbedingt wie aus diesem Jahrhundert.

Diesen Eindruck wird Daniel Kehlmann im Gespräch bestätigen und widerlegen. Kehlmann wirkt im Vergleich zu anderen, durchschnittlichen 28-Jährigen wie ein Alien from Outer Space. Andere in seinem Alter proben verzweifelt für das nächste regionale Deutschland-sucht-den-Superstar-Casting, Kehlmann schreibt an einer Dissertation über den Begriff des Erhabenen bei Immanuel Kant. Andere 28-Jährige können mit Mühe einen McDonalds-Werbespot rezitieren, Kehlmann sagt aus dem Stegreif Schiller, Proust, Cioran, Kierkegaard, Kertesz, Billy Wilder und Goetz auf (Rainald, nicht Berlichingen). Andere 28-Jährige haben in ihrem Leben keine vier Bücher gelesen, Kehlmann hat fünf geschrieben.

Deswegen sitzt er heute hier, an einem Tisch in einem Hof des Wiener Museumsquartiers und spricht Dinge in ein Aufnahmegerät, die für einen 28-Jährigen irritierend klingen, was Kehlmann weiss und beabsichtigt. Wie damals bei Chargaff ist er auch jetzt durchaus stolz auf seine frühen Leistungen. Kehlmann ist kein Bub mehr, und er hat, auf Grund anhaltender, wenn auch nicht bahnbrechender literarischer Erfolge, genug Erfahrung im Umgang mit der Presse, die ihm bislang durchgehend derart wohl gesonnen war (es gab bis dato eigentlich keine negativen Rezensionen seiner Bücher), was zu einem entspannten Umgang mit der Presse beiträgt. Und er hat mit «Ich und Kaminski» einen von der Kritik gut aufgenommenen Roman veröffentlicht, der zuletzt in Elke Heidenreichs «Lesen!»-Sendung von Marcel Reich-Ranicki überraschend enthusiastisch gelobt wurde. Wenn auch mit einem ärgerlichen Irrtum.

Aber zuerst, und bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: Dieser Daniel Kehlmann ist ein sehr sympatischer Mann. Er ist höflich, freundlich und zuvorkommend. Er ist selbstbewusst, aber kein bisschen zickig, kein bisschen arrogant, und er hat viel mehr Humor als seine Bücher, die außer «Ich und Kaminski» alle keinen haben. Und er verfügt über ein sehr einnehmendes Mass an Selbstironie. Also, er weiss schon, dass seine Erscheinung im Verbund mit seiner makellosen Biografie und seinem Fleiß ein klein wenig streberhaft wirkt. Er weiß schon, dass der ideale moderne Powerjungschriftsteller, jedenfalls in der Erwartungshaltung der modernen Powerjournalisten, ein wenig stuckrathbarrischer zu sein hat, haraldschmidtgastkompatibler, extremer. Viel extremer. Er weiß, dass sich ein paar dramatische Schulverweise, ein bisschen Drogen- oder Alkoholproblematik und tüchtig Elternhausrebellion in einer Jungliteratenbiografie ganz gut machen. Aber - leider nein.

Wo bleiben die Frauen?

Leider ist Daniel Kehlmann in einer kunst- und kultursinnigen Kleinfamilie in aller Harmonie zuerst in München, dann in Wien aufgewachsen. Seine Mutter Dagmar Mettler ist Schauspielerin, sein Vater Regisseur und entgegen Reich-Ranickis Äusserung bei bester Gesundheit. (Reich-Ranicki hatte Michael Kehlmann in «Lesen!» für verstorben erklärt*, weswegen Daniel Kehlmann noch immer aufgebracht ist. Beispiellos, sei das, ärgert sich Kehlmann , er könne sich bis heute über Reich-Ranickis Lob, das für einen jungen Schriftsteller wie ihn eigentlich überaus schmeichelhaft ist, nicht richtig freuen. Ausserdem hatte ihn Reich-Ranicki via TV aufgefordert, nicht so schnell zu schreiben. «Ich finde das eine problematische Aufforderung», sagt Kehlmann , «auch insofern, als ich ziemlich genau weiß, dass er meine früheren Sachen nicht gelesen hat.») Seine Eltern haben ihn nicht mit Geschwistern belästigt. Seine Mutter hat ihm viel vorgelesen, zum Beispiel «Die Mummins», noch immer sein Lieblingskinderbuch. Sie las ihm auch Michael Endes «Unendliche Geschichte» vor, davon blieb ihm die Liebe zum Fantastischen. «Das war prägend», obwohl, halt, «Momo» vielleicht noch mehr. Das entzifferte er dann aber schon ohne Mutters Hilfe, dann las er alles, was er von Karl May kriegen konnte. In Wien absolvierte Kehlmann Schule und Gymnasium mit guten Noten, wenn er auch darauf beharrt, kein Streber gewesen zu sein. Wenigstens seine «Betragungsnoten» ließen zu wünschen übrig, wenn das auch nicht aus kehlmannscher Aufsässigkeit resultierte, sondern aus Gelangweiltheit, weil er dann im Unterricht las, schrieb und sich unterhielt.
 
Auch zu Hause fehlte ihm aller Grund, aufsässig zu sein. «Meine Eltern waren Künstler, wogegen hätte ich rebellieren sollen? Mein Vater hat immer gesagt: Es wäre so schön, wenn du Sänger werden würdest. Ich sagte: Vater, ich kann nicht singen! Ich treffe keine Töne! Ich bin nicht musikalisch! Mein Vater sagte: Aber das kann man doch lernen!» Aber als Kind wollte Kehlmann eher Wissenschaftler werden als Künstler, Astronaut natürlich auch, aber nachdem er zeitig das Unrealistische dieses Berufswunsches erkannt habe, am ehesten Wissenschaftler. «Atomphysik hat mich fasziniert. Ich hab noch heute Sachbücher für Jugendliche zu Hause, in denen die Kernphysik als etwas völlig Ungefährliches dargestellt wurde. Insofern hat Tschernobyl meine Biografie doch erheblich beeinflusst.»
 
Diese Liebe zur Wissenschaft hat sich Kehlmann , obwohl er doch Künstler wurde, erhalten; in seinen Büchern spielt die Wissenschaft eine zentrale Rolle. In «Beerholms Vorstellung» die Mathematik. In «Mahlers Zeit» die Physik. In «Der fernste Ort» Philosophie, Mathematik und Statistik. In «Ich und Kaminski» dann nur noch die Kunstgeschichte. Wenn man es etwas überzogen interpretiert, könnte man sagen, dass die Wissenschaft in Kehlmanns Werk das pralle, saftelnde, übel riechende Leben weitgehend ersetzt. Sowie: die Frauen.

Frauen kommen bei Kehlmann nur als Abwesende vor, als Verlassene und Entflohene und Fantasierte. Was die Frage aufwirft, ob das deshalb der Fall ist, weil Frauen auch in Daniel Kehlmanns Leben nicht vorkommen, ob er vielleicht zu Frauen ein gestörtes oder kein Verhältnis hat. Hier protestiert Kehlmann. Das gelte vielleicht für sein erstes Buch! Aber mittlerweile kenne er doch einige Frauen ganz gut! Er ist ja auch mit einer zusammen! Und überhaupt! «Für «Ich und Kaminski» gilt das nicht mehr!» (nein, das sagt Kehlmann nicht, Kehlmann sagt: «Für den «Kaminski» gilt das nicht mehr»), «im «Kaminski»», sagt Kehlmann , «spielt die Elke doch eine wichtige Rolle, und ich hätte ihr gerne noch eine wichtigere Rolle gegeben, es ging bloss nicht.» Warum nicht? «Weil ich dem Zöllner eine Frau einfach nicht gegönnt habe. Ich wollte nicht, dass der Zöllner mit seinen Methoden Erfolg hat.» Deshalb hat die Frau im «Kaminski» nur die Aufgabe, Zöllner zu verlassen und aus ihrer Wohnung zu werfen, weil man als vernünftige Frau mit so einem Typen doch gar nichts anderes tun könne. (Das ist eine reizende, wenngleich - wie sogar Kehlmann selbst ahnt - etwas naive Idee von der Lage der Dinge zwischen Männern und Frauen.) Hier muss jetzt wohl eine kurze Inhaltsangabe vom «Kaminski» her: Sebastian Zöllner, ein unbegabter und wenig sympatischer Kunstkritiker, der gerade von seiner Freundin verlassen wird, versucht mit der Biografie des berühmten alten Malers Manuel Kaminski, dessen Ableben zusehends erwartbar wird, sozusagen seine eigene zu retten. Er schleicht sich an Kaminski in seinem letzten Domizil in den Alpen an und überredet ihn zu einer Autofahrt durch Europa, auf der merkwürdige und erleuchtende Dinge passieren.
 

Foto: Markus Rössle

«Ich und Kaminski» ist nicht nur das erste Kehlmann-Buch mit ein wenig Frau, es ist auch das erste Kehlmann-Buch mit Humor. Das ist Kehlmann wichtig, der es viel schwieriger findet, etwas Witziges als eine Sexszene zu schreiben. «Sex ist leichter»,
sagt Kehlmann. «Humor ist ein grosses Risiko, weil immer die Gefahr besteht, dass niemand anderer lacht.»
 
Er hat Glück, die Leute lachen. Wenn auch manchmal an merkwürdigen Stellen, wie Kehlmann bei Lesungen konstatieren musste. Es gibt da im «Kaminski» eine Episode, in der sich ein Zöllner uneingeladen in ein Abendessen drängt und den anderen Gästen mit langweiligen Geschichten ständig das Wort abschneidet. Das ist wirklich durchgehend sehr witzig. Aber die Leute lachten, sagt Kehlmann , stets nur bei dem Satz: Er konnte sich nicht erinnern, je so schlecht gegessen zu haben. «Ich weiß gar nicht, warum die das lustig finden», sagt Kehlmann .

Sommerhaus, später

Somit ist man endlich bei Kehlmanns Gegenwart, in der Lesungen augenblicklich eine wichtige Rolle spielen, angelangt, weshalb hier ein kleiner Abriss über Kehlmanns nähere Lebensumstände passend scheint. Also: Kehlmann lebt in einer 37 Quadratmeter grossen Wohnung in der Wiener Innenstadt, eine Gegend, die er liebt. Er steht morgens gegen zehn Uhr auf, trinkt Kaffee, isst Müesli und liest keine Tageszeitung, sondern macht bald mal den Fernseher an, um sich auf NTV oder BBC mit Nachrichten zu versorgen. Er hat zwei Magazine im Abonnement, den «New Yorker» und die «New York Review of Books». Er verlässt seine Wohnung oft und gern, um Menschen zu treffen; er ist nicht der Typ, der tagelang im Pyjama von Wand zu Wand tigert und über einer Formulierung grübelt. Er würde sich nie in eine Kaffeehaus setzen, um zu lesen oder gar zu schreiben: «Das geht doch nicht! In Wien leben, Schriftsteller und im Stammcafé dichten: Das wäre an sich schon epigonal.» Er liest meist nachmittags und abends. Wenn er an einem Buch schreibt, tut er das nicht auf 9-bis-5-Basis; seine persönliche Mindestanforderung ist eine Seite täglich. Er geht gern mit Freunden essen, bevorzugt Koreanisch, Japanisch oder Türkisch. Bei solchen Gelegenheiten trinkt er auch Alkohol, aber stets in einem Maße, die peinliches Benehmen ausschliesst. Er nimmt keine Drogen, ist aber nicht stolz darauf. Er ist ein fanatischer Beethoven-Fan und hört viel Schubert, die Lieder vor allem. «Ein Monat ohne Schubert ist ein verlorener Monat», sagt Kehlmann , wobei er mit einem Grinsen andeutet, dass er sich des Pathos dieser Aussage wohl bewusst ist. Im Fernsehen liebt er die «Simpsons», verehrt die «Sopranos» und sieht sich interessehalber manchmal deutsche Talkshows an. Sein Lieblingsschriftsteller ist John Updike, an lebenden Personen verehrt er weiters Alexander Solschenizyn und Alice Schwarzer. Er hasst Werbung in jeder Form und verachtet die Menschen, die sie machen. Er interessiert sich nicht für Marken und Mode, und wenn er eine Hose kauft, nimmt er lieber seine Freundin mit. Über seinen minimalen Popmusikgeschmack soll hier geschwiegen werden, dennoch besteht er die kleine Zeitgenossenprüfung bravourös: «Ich soll Ihnen erklären, wer Robbie Williams ist? Ich bitte Sie, das ist ja beleidigend. Natürlich kenn ich Robbie Williams.» (Das stimmt. Beckham kennt er auch. Und Bohlen, den er im Übrigen in seiner Authentizität ganz okay findet.)

Für seine Zukunft wünscht sich Daniel Kehlmann, dass er auch weiterhin guten Gewissens in Hotels als Berufsbezeichnung «Schriftsteller» angeben kann, was er sich noch nicht lange traut. Er möchte auf Dauer nicht allein leben. Er weiss noch nicht, ob er irgendwann Kinder möchte, derzeit sicher nicht. Es wäre schön, zwei oder drei Wohnsitze in zwei oder drei grösseren Städten zu haben. Er hätte gern ein Sommerhaus in seiner Lieblingsgegend, dem Berner Oberland. Er würde sich nicht ungern diesen kleinen tanzenden Mann aus der Toulouse-Lautrec-Ausstellung an die Wand hängen, die er auf Grund der nicht auffindbaren Schiele-Sammlung gerade bewundert, aber das ist natürlich ein Traum. Er würde gerne John Updike treffen.
 
Und in allerallernächster Zukunft möchte Daniel Kehlmann unbedingt die Schiele-Sammlung finden, ein Wunsch, der auf beunruhigende Weise nicht in Erfüllung geht, was Kehlmann außerordentlich zerknirscht. Am nächsten Tag schickt er ein SMS: «Heute die Meldung: Der Schiele-Saal wird nach dem Umbau neu eröffnet. Dann sind wir doch nicht so dumm. Erleichtert grüsst
Daniel Kehlmann.» ·

*Anm. d. A.: Michael Kehlmann verstarb am 1.12.2005.
9.10.05

Vom Glück, Barry White zu sein

| Comments (0) | 10/05 | Kunst & Kultur

Erschienen im Tagesanzeiger Magazin, Juni 2001

Mit seinem Viagra-Bariton lieferte Barry White den Soundtrack für ungezählte Liebesnächte. Heute ist der sesselfüllende Soulinterpret erfolgreicher denn je. Ein Gespräch mit dem Mann, der die Frauen wirklich versteht.

Da ist ein Mann, der aussieht wie Ray Charles, und da kommt ein Mann, der aussieht wie Eric Clapton, nur kleiner, und da geht ein Mann, der nur von hinten wie George Clooney aussieht, von vorne aber irritierenderweise wie James Woods, und jetzt kommt ein Mann, der ohne Zweifel Tom Jones ist. Tom Jones! Das ist schön. Aber es ist, auch wenn Tom Jones richtig nett aussieht und ein Bouquet aus roten und weissen Rosen mit einer grossen roten Schleife drumherum trägt, nicht schön genug, denn es gilt, einen Mann zu erspähen, der aussieht, wie Ned Shankman aussehen könnte, der wiederum, was keine einfache Aufgabe ist, irgendwo in diesem Gebäude einen Mann versteckt, der Barry White ist. Barry White in seiner ganzen wunderbaren Grösse. Aber eben: Damit man Barry White zu sehen kriegt, muss erst Ned Shankman gefunden werden, und Ned Shankman könnte hier jeder sein. Die Lobby des Grandhotels «Baglioni» in der Via Indipendenza in Bologna wimmelt nur so - der kleine, schwarze Mann mit dem riesigen Bodyguard, ist das George Benson? - von Männern, die alle Ned Shankman sein könnten, bei dem es sich um Barry Whites Manager handelt. Es ist alles sehr Rock 'n' Roll hier.

Das hat einen Grund, denn im «Baglioni» sind augenblicklich die augenblicklichen Freunde von Luciano Pavarotti einquartiert, mit denen er derzeit probt und Duette aufnimmt, denn ein paar Tage später wird in Modena das Pavarotti-&-Friends-Konzert für Afghanistan stattfinden. George Benson ist dabei, Tom Jones, Anastacia, Morcheeba, noch ein paar, Eric Clapton und Ray Charles nicht, Barry White dagegen schon.

Deswegen könnten so viele der Männer in der Lobby des Grandhotels Ned Shankman sein - weil in der altehrwürdigen Palaispracht des «Baglioni» die Entourage der Stars aufmarschiert, Assistenten, Agenten, Musiker, Manager... Dutzende weisse Männer in Turnschuhen, ausgewaschenen schwarzen Ich-war-auch-dort-T-Shirts, Goldketten und labbrigen Lederjacken, mit komischen Bärten und nachlässig gepflegten Haaren passieren die Lobby und sprechen laut und breit amerikanisch. Und, natürlich, Bodyguards. Viele Bodyguards, mit ihren Muskeln und Sonnenbrillen und Wichtigmann-Ausweisen um den Hals und Handys und Hinternmuskulaturen, zwischen die sich mit viel Mühe Jeansnähte zwängen. Irgendwo passen zwei oder drei von ihnen darauf auf, dass Ned Shankman und Barry White vorläufig nicht zu sehen sind.

Barry White ist in Italien, und das macht unglaublich Sinn, das gibt er nachher selber gerne zu: Der romantischste Sänger und Songwriter der Welt im romantischsten Land der Welt. Der Mann, der sein Leben der Liebe gewidmet hat, der Frauen mit seinen Songs verehrt und anbetet in einem Land, in dem die Frauen so geliebt und verehrt und angebetet werden, wie nirgendwo sonst. Denn, hallooo!, das merkt man, während man dann in einer Bar vor dem Hotel sitzt und die rein- und rausgetragenen Männergesichter auf ihre Nedshankmanoidität überprüft, sofort: Wir sind hier eindeutig in Italien, einem Land, in dem die Männer ihre Halswirbel bis Knirschfaktor acht überdrehen, nur um eine günstigere Aussicht auf die Beine der Frauen - auf die Beine jeder Frau - und, wenn irgend möglich, unter diesen Rock da zu kriegen. Wo es die Männer herumreisst, wenn eine schöne Frau vorbeigeht. Wo Männer den Frauen auf der Strasse geradeaus ins Gesicht strahlen, aus purer Begeisterung über die Existenz derartiger Wesen; wo sie um die Frauen herumschleichen, selbst wenn diese Männer auf die 100 zugehen und einen Stock dafür brauchen... Beeeella! Die italienischen Männer lieben und verehren die Frauen voller Stolz.

Und das tut Barry White auch. Man kann es vielleicht so sagen, dass Barry White das, was die italienischen Männer mit ihren Halswirbeln und Augen machen, mit seinen Liedern und seiner Stimme macht. Jeder kennt diese Stimme. Es ist kaum möglich, in einem Land mit Pop-Radio-Station aufgewachsen zu sein, ohne diese Stimme, diesen rauchigen, im untersten Kilohertzbereich brummenden Bariton zu kennen. Ohne «You're The First, The Last, My Everything», «Let The Music Play», «I Belong to You» oder «Never Gonna Give You Up» zu kennen. Beziehungsweise dürfte das Aufwachsen von zahlreichen Twentysomethings durch die Unterstützung dieser Songs, intoniert von Barrys Bariton, erst initiiert worden sein... Später wird White nicht ohne Stolz bestätigen, dass er die Zeugungsaktivitäten der mittlerweile zweiten Generation musikalisch unterstützt. Denn 1973 veröffentlichte White nach Jahren als Songschreiber und Produzent unter Protest - er hatte nie singen wollen - sein erstes Album «I've Got so Much to Give», hatte 1974 seinen ersten Hit, «Love's Theme», und gilt seither als - Vorsicht, explizite Sprache - König der Fickmusik. Mittlerweile ist White 57, und nach wie vor ist da niemand, der ihm ernsthaft seinen Titel streitig machen wollte.

Obwohl es vielleicht so gar nicht stimmt. Und obwohl man ihm damit eigentlich sogar Unrecht tut. Das hat damit zu tun, dass sich die Welt, die Umgangsformen, das Fernsehen und die Magazine, die Sprache und nicht zuletzt deshalb die Dinge zwischen Männern und Frauen radikal verändert haben, seit Barry White Anfang der Siebzigerjahre begann, Lovesongs zu schreiben. Da fing das gerade alles an, mit den Blumenkindern und der freien Liebe und der hergezeigten Nackedei. Das Expliziteste, was es in den Siebzigern an öffentlichem Sex gab, waren «Playboy» und «Hustler», und wenn damals einer wie Barry White in seinen Songs, in seinen Radiohits ganz offen vom Liebemachen sprach, dann war das in der verklemmten, körperfeindlichen Biedermeier-Erwachsenenwelt jener Zeit eine fast pornografische Obszönität und für den pubertierenden Jungmenschen schon eine revolutionäre Botschaft. Wenn man Barry Whites Songs heute hört - und man hört sie heute wieder sehr, sehr oft -, dann haben sie etwas fast rührend Altmodisches. Heute sieht man auf allen TV-Sendern alles, Menschen haben kein Problem damit, vor aller Augen Sex zu haben und in diversen Flirt-, Single- und Sexotainment-Sendungen ungeniert Auskunft darüber zu geben, wie sie es am liebsten tun und es auch zu zeigen. 30 Jahre nach Barry Whites erstem Hit hat Zwischenmenschlichkeit - vom Kennenlernen bis hinein ins Ehebett - nichts Intimes, nichts Privates mehr.

Liebe machen

Für Barry White schon. Barry White würde nie ein Begriff wie «to fuck» über die Lippen kommen. Barry White spricht nicht mal von «Sex» (und er hat das Thema sehr satt - alle, alle wollen mit White immer nur über Sex reden). Ein Barry White macht Liebe, und das ist für ihn ein heiliger Akt, aus dem im Idealfall Kinder hervorgehen. (Er selbst hat acht Kinder von drei Ex-Frauen, elf Enkel, und die erzeugen bereits Urenkel.)

Und wenn ein Barry White vom Liebemachen singt, dann meint er es auch so. Und deshalb ist das, was White macht, keine Rammelmusik; wie etwa - wofür Maurice Ravel nichts kann - der «Bolero», der durch den unsäglichen Film «Die Traumfrau» berühmt wurde. Barry White macht auch keine Stöhnvorlagen wie Serge Gainsbourg und Jane Birkin in «Je t'aime». Barry White ist nicht explizit wie Marvin Gaye in «Sexual Healing». Und Barry White möchte auch nicht, wie Prince mit manchen seiner Songs, die Rhythmusmaschine für männliche Beckenbewegungen sein. Was Barry White macht, ist eigentlich Schmusesoul und manifestiert im Prinzip die Differenz zwischen Erotik und Mechanik, zwischen Hingabe und Artistik - seine Songs verstehen sich als Soundtrack für wahre Gefühle, für die im Geschlechtsakt sozusagen erst vollendete Emotion zwischen zwei Personen verschiedenen (das ist White wichtig) Geschlechts. Ja, das ist kitschig. Ja, das ist pathetisch. Aber, ja, das ist es auch irgendwie, was doch in Wirklichkeit ein jeder will. Wonach sich jeder heimlich sehnt: Nach der Dualität aus Liebe und Sex, aus Gefühl und Körperlichkeit, die von der modernen, arbeitsteiligen Welt, vom Zeitalter des One Night Stands und der flüchtigen Begegnung gesprengt wurde: Wahre Liebe, die sich in der körperlichen Vereinigung schliesslich materialisiert. Echte Gefühle, die sich in richtig gutem Sex manifestieren. Liebe machen. Und Barry White versorgt uns mit dem Soundtrack für diese Sehnsucht. Und vielleicht ist das auch der Grund, dass White nach einem kommerziellen Tief in den Achtzigern seit Mitte der Neunziger plötzlich wieder so beliebt und so erfolgreich ist: Weil in seinen Songs so wunderbar altmodische Wünsche erfüllt werden. Weil in seinen Songs die Liebe noch heil ist.

Als die Welt noch heil war

Wir greifen vor. Es ist eine harte, kalte Welt, und erst muss Barry White gefunden werden. Es ist, wie in der Liebe, auch im Rock 'n' Roll alles nicht mehr wie früher, es ist nicht mehr wie in den Siebzigern, wie im Film «Almost Famous», wo der Rock 'n' Roll noch heil war, wo jeder, der die notwendige Hingabe zeigte, ganz einfach daran teilhaben konnte. Wo man einfach hingehen und einen wie Barry White ein paar Wochen begleiten konnte. Der Rock 'n' Roll ist heute wie die Liebe ein Geschäft, und man muss hart darum kämpfen, mitmachen zu dürfen.

Denn: Mr. Ned Shankman und Mr. Barry White sind grad nicht da. Unterwegs, wahrscheinlich um mit Luciano Pavarotti zu proben, beziehungsweise um «You're The First, The Last, My Everything», Barry Whites Klassiker, als Duett aufzunehmen. Ned Shankman hatte am Telefon gemeint, es sei alles etwas gedrängt und gehetzt; man solle doch einfach mal anreisen, sich im Grandhotel «Baglioni» einquartieren und zur Verfügung halten, es werde sich schon was ergeben. So sind der Rock 'n' Roll und die Liebe heutzutage: ein hartes, kaltes Business, in dem sich dann eventuell was ergibt.

Man wartet also stundenlang, nervt die Réceptionisten, erblickt Tom Jones und George Benson, und es sind dann die deutschen Bodyguards, die irgendwie die Rettung und Ned Shankman und damit Barry White herbeiführen. Weil die warten ja auch den ganzen Tag so herum, telefonieren ein bisschen, schauen mal kurz auf die Strasse raus und warten weiter, da kommt man leicht ins Gespräch. Die Hilfe kommt natürlich nicht von dem kleinen, arroganten, ganz harten Jungen da, sondern von dem anderen, dem grossen, der im Vorbeigehen immer zwinkert: Fragen Se doch mal den mit den schwarzen Haaren, der grad rausgegangen ist, und dann entpuppt sich die ältere Amerikanerin neben dem Schwarzhaarigen als Ned Shankmans Publizistin, und die ruft ihn sofort oben in seinem Zimmer an, wo er entgegen allen Versicherungen der Réception offenbar doch ist, und keine drei Minuten später kommt einem in einer riesenhaften Suite ein riesenhafter Mann entgegen, der eindeutig und unzweifelhaft der grosse, der wunderbare, der einzigartige Barry White ist.

«That's right, Baby!»

Da kommt er, lächelt, grüsst und setzt sich in einen der antiken Sessel, und man konstatiert Unerwartetes: Der grosse, wunderbare, einzigartige Barry White sieht im Moment gar nicht so sehr wie Barry White aus - so wie man Barry White kennt: stolz, aufrecht, erhaben in einem gelben oder roten oder fuchsiafarbenen, auf alle Fälle aber sehr sehr glänzenden Seidenanzug und mit im Nacken zusammengebundenen Haaren. Im Moment sieht Barry White eher ein bisschen aus wie Forest Withaker in Jim Jarmuschs «Ghost Dog»: riesig, ruhig, rund, wie er da in seinem Sessel sitzt, in einer - immerhin - glänzenden senffarbenen Hose, mit Booten von schwarzen Sneakers an den Füssen, in einem schwarzen Fleecepulli und einer aus dicker Wolle gehäkelten Haube - völlig entspannt, ohne Überheblichkeit souverän, totale Gelassenheit ausstrahlend. Man sieht ihn und denkt: Es muss sich grossartig anfühlen, Barry White zu sein. Es muss wunderbar sein, Barry White zu sein und die Welt fast naiv vom Standpunkt eines Liebenden und Geliebten betrachten zu können. Barry White sieht wie ein sehr glücklicher Mensch aus.

Auch wenn Barry White die Welt da draussen eigentlich recht unwirtlich findet. Er unterscheidet deshalb nicht nur zwischen Amerika und sozusagen der Nation of Barry White, sondern auch zwischen der sehr bösen und immer schlechter werdenden Welt da draussen und Barry Whites schöner kleiner Welt, bei der es sich erstens um ein ruhiges Anwesen in Los Angeles handelt, zweitens aber um den Grund von Barry Whites Seele. Barry Whites Seele, das ist eine Art Nährboden, auf dem nur gute Dinge wachsen dürfen, schöne Dinge, die mit Liebe zu tun haben und Hingabe und Zuneigung und Glück. Ein weicher warmer Ort, der nur und ausschliesslich von ihm eingerichtet wird. Barry White ruht auf beneidenswerte Art in sich selbst, das lässt sich in dieser einen Stunde, in der man White gegenübersitzt (und während der er ganz unamerikanisch Kette raucht) durchaus konstatieren. Da ist so eine Wohlfühlaura um ihn herum, die unter anderem deshalb so intakt wirkt, weil er einen gerade so ein bisschen daran schnuppern lässt. Da darf so einfach keiner rein und ran, das ist spürbar.

Whites hat mehrere Orte, wo ohne seine Erlaubnis keiner rein darf; zum Beispiel sein Studio in seinem Haus in Los Angeles, wo er - «Thaaaat's right. That's right, Baby!» - so was wie der Präsident von Barry-White-Land ist, was - «oh yeah!» - ein netter Job sein muss. Ein Land, das Barry White so selten wie möglich verlässt: «Jeder um mich herum wird Ihnen das bestätigen: Ich gehe nie irgendwohin. Es gibt nicht viel in den Strassen, das ich sehen möchte, und es gibt sehr wenig, was ich über das Leben in den Strassen nicht weiss.» White sagt das mit einer gewissen Berechtigung, weil der Mann, der 1944 als Booker T. Washington in Texas geboren wurde, ohne Vater aufwuchs und schon als 15-Jähriger von einer Gefängniszelle aus auf einen Karrierestart als Krimineller - vor allem Autodiebstähle - zurückblicken konnte. Während sein Bruder Darryl dem Gewerbe treu blieb und 1982 erschossen wurde, rettete ausgerechnet ein smarter weisser Hürftschwinger mit einem Song Booker T.s Leben: Als er im Gefängnis Elvis Presleys «Now or Never» hörte, begriff er das als Motto und führte fortan ein Leben in der Legalität und für die Liebe. Und das möchte er sich nicht von der Welt da draussen versauen lassen: «Ich sehe viele Menschen da draussen viele schlechte Dinge tun - und ich habe es satt, das sehen zu müssen. Deshalb bleibe ich zu Hause. Da habe ich alles, was ich liebe und brauche, um mich herum - meine Hunde, meine Fische.» (Von einer Frau spricht er nicht.) Und so pur, wie er sich die Liebe wünscht, so will White auch sein Dasein: «Ich führe ein sehr einfaches Leben. Ich gebe keine Partys. Ich gehe nur hin und wieder essen. Ich liebe mein Leben, so wie es ist, so einfach, wie es ist. Je schlichter die Dinge sind, desto besser funktionieren sie für mich.»

«Clinton war kein schwarzer Präsident.»

Aber manchmal muss auch der Präsident von Barry-White-Land aussenpolitische Aufgaben wahrnehmen, und dann sieht er all die Dinge, die er nicht sehen will, und über die er deshalb auch nicht gerne spricht, bei deren Erwähnung er sich wie das Kirchenvolk vorm Prediger lieber nur in Zustimmung oder Ablehnung äussert.

Zum Beispiel, dass Amerika kein sehr romantisches Land ist und immer prüder und kälter wird («so ist es!»). Dass es der schwarzen Bevölkerung Amerikas immer noch nicht viel besser geht («thaaaat's right»). Dass Bill Clinton im Unterschied zu George W. Bush zwar ein Demokrat und ganz lustig («ooooh yeah!») war, aber: «Er hat ein bisschen was für uns getan, aber nicht genug, dass man sagen könnte, er sei der erste schwarze Präsident gewesen. Das wäre Bullshit. Wir werden bei Bush aufpassen, wir werden auf den nächsten Präsidenten aufpassen - wer immer das sein wird. Wir werden aufpassen.» Von Politikern hält White grundsätzlich nicht viel: «Solche Leute sprechen mit doppelten Zungen - man muss ein grosser Lügner sein, um diesen Job machen zu können.» Dass er in seinem Leben noch einen schwarzen US-Präsidenten sieht, schliesst White aus: «Nein, ganz bestimmt nicht. Ich glaube nicht, dass Amerika für einen schwarzen Präsidenten bereit ist. Es ist so viel Hass da, so viel Rassismus. Und falls es doch einen schwarzen Präsidenten geben sollte - ich glaube nicht, dass er das lange überleben würde. Ich denke, er würde ermordet.»

Und White sieht, dass das Musikgeschäft keine nette Sache ist, und immer mal wieder verlangen Leute Dinge von ihm, die er ablehnt: «Ich habe Grundsätze, wenn es um meine Arbeit geht, eine Moral - ich bin keine Hure für diese Industrie. Und ich war es nie, nicht mal, als ich keinen Penny hatte. Ich jage nicht nach Geld.»

«Männer sind gierige Motherfucker.»

Und schliesslich sieht er, dass die Liebe nicht mehr so ist wie in den Siebzigerjahren. Barry White ist enttäuscht von der Liebe im Jahr 2001. Er habe schon in den Achtzigern gemerkt, dass was nicht stimmt, dass was massiv nicht stimmt in der Liebe, und erstaunlicherweise ist dieser unendlich männliche Mann der Meinung, dass daran einzig und allein die Männer schuld sind.

Insofern macht auch diese Sache mit der TV-Serie «Ally McBeal» viel Sinn. Denn die ameri- kanische Jung-Anwaltssaga hat viel zu Whites Comeback in den Neunzigern beigetragen, denn Whites Songs, vor allem «You're The First...», spielen darin eine zentrale Rolle. Das ist interessant, da «Ally McBeal» im Wesentlichen davon handelt, wie sich die Liebe seit den Siebzigerjahren verändert hat, davon, wie kompliziert die Liebe geworden ist, wie missverständlich und politisch besetzt jedes Detail zwischen Männern und Frauen sein kann; und ausgerechnet in einer solchen Serie sind Barry Whites alte Songs, in denen ein ganz einfaches, klares, unmissverständliches Ich-Mann-du-Frau-lets-make-love-Credo verkündet wird, so wichtig. Es gibt eine tolle Szene, in der eine der Hauptfiguren, John Cage, der Whites Songs stets abruft, wenn er seine Männlichkeit aufmunitionieren muss, zum Geburtstag einen Auftritt Whites in einer Bar geschenkt kriegt - White erscheint in einem glänzenden, gelben Anzug und singt dann «You're The First...» Und die ganzen neurotischen Anwälte aus der Serie tanzen dazu, und für einen Moment ist die komplizierte «Ally McBeal»-Welt einfach nur in Ordnung

Barry White mag die Serie sehr, und ja, er findet dieses Detail mit seinen Songs ebenfalls interessant. Denn Barry White ist erstaunlicherweise kein Chauvinist, überhaupt nicht. Er ist Realist. «Die meisten Probleme in der Liebe kommen von Männern. Wenn eine Frau zu einem Mann sagt: Ich liebe dich, dann meinen das neun von zehn Frauen auch so, aus dem Grunde ihrer Seele. Wenn ein Mann einer Frau sagt, dass er sie liebt: Darauf würde ich keine Wette abschliessen.» Die Frage, ob er Männern grundsätzlich nicht traue, beantwortet White mit einer sarkastischen Gegenfrage: «Do you?» Und meint dann: «Eben, deswegen traue ich ihnen auch nicht. Und ich bin einer.» Es wäre anders, meint White, «wenn sich die Männer ein bisschen mehr Mühe geben würden, die Frauen zu verstehen. Sie sind schliesslich all die Jahre mit Frauen zusammen: Sie haben Mütter und Schwestern, sie könnten davon lernen. Aber wenn man arrogant ist, lernt man halt nicht.» Männer seien, sagt Barry White, «gierige Motherfucker», in allem - was Geld, was Macht, was Frauen betreffe.

Und nicht zuletzt deshalb sympathisiert Barry White aus seine erdige Art - «Yes, I do!» - mit der Idee des Feminismus in dem Sinne, «dass jedes menschliche Wesen ein Recht auf Freiheit und Glück hat. Es interessiert mich nicht, was du bist, männlich oder weiblich, jeder verdient seine Chance.» Er ist der Meinung, dass Frauen diese Chancen nützen sollten: «Als Frauen anfingen, an den Orten zu arbeiten, die bisher Männern vorbehalten waren, fingen sie an, eigene Dinge im Leben zu erreichen. Das gibt einer Frau Stolz. Das verändert sie, das macht einen Unterschied. Und diesen Unterschied wird sie ihren Töchtern und ihren Nichten erzählen.» Und das sei gut so.

Dann wird das Leben wieder hart. Dann kommt nämlich Ned Shankman in die Suite und macht die typische Managerhandbewegung: auf die Uhr zeigen. Man hat Termine, muss Luciano Pavarotti treffen und so weiter... Gleich wird Barry White das Grandhotel «Baglioni», flankiert von zwei Bodyguards, verlassen. Zwei Fragen noch, Mr. White, okay? Erstens: Welche drei Dinge mag Barry White an einer Frau? «Drei? Also: Persönlichkeit. Sensibilität. Und dass sie weiss, was sie vom Leben will.» Und welche drei Dinge wird Barry White an einer Frau nie verstehen? Da lacht der grosse, der einzigartige, der wunderbare Barry White mit seinem Bariton: «Oh, ich verstehe alles an Frauen, Baaaby! EEEEVERYTHING! Es gibt nichts, was ich an Frauen nicht verstehe. Nichts.
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