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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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15.04.11

Mutter abgeschoben, Kind da

| 04/11 | Kurier-Kolumne

Es geschah ohne Ankündigung und ohne Information des Anwalts: Mittwoch früh erschienen sieben Polizisten, um die alleinerziehende Frau T. und ihre Kinder nach Armenien abzuschieben: Der 13- und der 14-jährige Sohn waren in der Salzburger Unterkunft anwesend, in der die Familie seit 2006 lebt. Der älteste Bub, 17, hatte, da er nichts von der bevorstehenden Abschiebung wusste, bei Freunden übernachtet und war nicht da. 
Die Mutter versuchte den Beamten klar zu machen, dass sie ihr Kind nicht einfach zurücklassen könne, was die  Beamten nicht beeindruckte: Zammpacken, wir fahren. Sie wurden nach Wien   ins Familienanhaltezentrum Simmering gebracht, von wo sie Donnerstag Nacht nach Yerewan abgeschoben wurden. Ohne den 17-jährigen, der erst von der Abschiebung seiner Familie erfuhr, als diese schon unterwegs war.  Es ist momentan unklar, wo er sich jetzt aufhält. 
Die Familie war gut integriert, die Kinder besuchten Hauptschule und Polytechnikum. Der 13-jährige Afo konnte noch mit einer Betreuerin telefonieren: Er bat sie, seine Lehrerin anzurufen und ihr zu sagen, dass er nicht mehr kommen kann und sich leider nicht verabschieden konnte. 
Um mit den Worten der Band Die Sterne zu sprechen: Was hat uns bloß so ruiniert? Was hat uns in Unmenschen verwandelt, die so mit anderen Menschen  umgehen? Denen die Ängste von Müttern und Kindern völlig egal sind, die einfach minderjährige Kinder von ihre Müttern trennen und  ihrem Schicksal überlassen?
Familienfreundliche Politik, Menschenrechte, Kinderrechtskonvention: Nur für echte Österreicher.  Asylwerber sind in diesem Land Menschen zweiter Klasse, wir beweisen es jeden Tag. 

11.04.11

Wollen wir wissen, was wir essen?

| 04/11 | Kurier-Kolumne

Eine Chronik-Meldung von letzter Woche brachte mich ins Grübeln. In einer deutschen Schule schlachtete ein Vater  im Rahmen einer Ernährungs-Projektwoche, in einer Klasse ein Kaninchen.
Die Schlachtung war angekündigt, es stand den Schülern frei, teilzunehmen oder nicht. Die Kinder streichelten das Kaninchen zum Abschied, dann tötete es der Mann weidmännisch und den Tierschutzgesetzen entsprechend, zog ihm das Fell ab und nahm es aus. Ein paar der freiwillig anwesenden Schüler brachen in Tränen aus, es kam zu Protesten einiger Eltern.
So. Jetzt. Was halten wir davon? Würden wir unseren Kindern das zumuten wollen? Oder uns selbst? Was am Ende auf die Frage zielt: Wollen und sollen wir und unsere Kinder wissen, was wir essen? Und unter welchen Umständen das, auf dem Teller oder zwischen zwei Semmelhälften liegt, dort hin gelangte?
Ihre Kolumnistin hat auf der Suche nach einer etwas ehrlicheren und naturnaheren Lebensweise einmal einen Jagdkurs begonnen und ihn dann aus Zeit- und ein paar anderen Gründen wieder abgebrochen. Letztendlich vermutlich deshalb, weil ich doch auf kein Reh schießen möchte. Und ihm das Fell abziehen. Und es ausnehmen. Ich bin feig; und deshalb froh, dass das andere für mich tun: weil ich nach wie vor und allen moralischen Bedenken zum Trotz ab und zu gerne Fleisch esse.
Aber wenn möglich eben nur noch Wild oder Bio-Fleisch oder solches, von dem man weiß,  dass das Tier gut und artgerecht gelebt hat und in einer gewissen Würde zu Tode kam. Am liebsten ein Hendl von Freund Horwath, von ihm gefüttert, geschlachtet und geschmort. Oder eben ein Kaninchen, das davor noch von Kindern gestreichelt wurde.
10.04.11

Lass mich rein!

| 04/11 | Kurier-Kolumne

Eigentlich würde man meinen, der Sessel sei schon erfunden. Und der Tisch, das Regal, das Sofa: Dessen ungeachtet findet jedes Jahr in Mailand die Möbelmesse statt und parallel dazu Interieurssonderhefte und Einrichtungsschwerpunkte. Den spannendsten fand ich den im Magazin der Süddeutschen, das Einlass in Berliner Wohnungen begehrte und bekam.
Leider nur zum Teil  in  ganz normale Wohnungen, im Unterschied zu den anorganischen Designer-Möbel-Abstell-Prachtkammern und klinischen Architektur-Museen, die einem in den Neunzigern verhaftete Einrichtungsmagazine immer noch als Wohn-Räume verkaufen wollen: Nirgends ein Verdacht auf richtiges, schmutzendes Leben. Am schlimmsten jeweils: Die Kinderzimmer, in denen nichts darauf hinweist, dass hier aufgewachsen wird, samt des Aufwachsens stinkenden, contra-ästhetischen und für die Eltern nicht unpeinlichen Aspekten. In diesen Räumen pickt nie mit Tesa  ein Teenie-Star-Poster an der Wand, es liegen keine Stinksocken herum und  keine Frühstückscerealien verschimmeln auf  nicht mehr identifizierbaren Schreibtischen. Vielleicht, weil die angeblichen Bewohner dieser perfekten Kinderzimmer in Wirklichkeit im Internat aufwachsen.
Auch das Süddeutsche Magazin tendierte leider dazu, vor allem exklusiv und teuer eingerichtete Wohnungen zu zeigen. Vielleicht, weil die Leute, die ganz normal wohnen, keine Journalisten hereinlassen: da es in ihren Wohnungen nichts zum Angeben gibt und die paar die guten Stücke, die man sich im Lauf eines Wohnlebens so zusammensammelt, durch Benutzung unherzeigbar wurden. Man liebt sie dennoch, auch wenn's jedes Jahr neue gäbe.
8.04.11

Die armen Kabarettisten!

| 04/11 | Kurier-Kolumne

Auf youtube kann man sich immer und immer wieder das Interview anschauen, das Justiz-Ministerin Claudia Bandion-Ortner letzten Mittwoch in der Zib2 Armin Wolf zur Kritik an der Beendigung der Eurofighter-Ermittlungen gab. Oder besser gesagt: nicht gab.
Wenn man sieht, wie Bandion-Ortner hier lavierte, macht man sich ernsthafte Sorgen um das politische Kabarett in Österreich: Weil, wovon werden die Kabarettisten leben, wenn die österreichischen Ministerinnen und Minister ihnen weiterhin mit derart bizarren Wortmeldungen das Wasser abgraben? Wer geht noch ins politische Kabarett, wenn man nur die Nachrichten zu schauen braucht, um die originellsten und komischsten Begründungen frei Haus von  Politikern persönlich geliefert zu bekommen? Wo man zuhört und sagt: Hahaha, die meint das nicht ernst, oder? Sie glaubt nicht wirklich, dass uns das reicht?
Die Frage ist natürlich, ob man von solchen Lustigen auch regiert werden will. Und wer das will: Z.B, wenn  man sich einmal anschaut, wie viele Wählerinnen und Wähler allein auf Facebook in den letzten Tagen Bandion-Ortners Rücktritt gefordert haben, weil sie einfach nicht mehr fassen können,  wie in Österreich Politik gemacht wird. Und wie die Justiz hier arbeitet.
Und weil wir in Österreich zahlreiche solche Politiker und Ex-Politiker haben, die derartige Interviews geben, braucht der Kabarettist Florian Scheuba seine Programme jetzt gar nicht mehr selber zu schreiben, sondern montiert, wie in seiner nach wie vor erfolgreich im Rabenhof aufgeführten „Unschuldsvermutung", einfach Original-Zitate aneinander. Die Wirklichkeit lässt sich nämlich, wie gesagt, eh kaum mehr toppen. Vielleicht wird ja auch Bandion-Ortner bald im Rabenhof zu hören sein.
4.04.11

Ganz normale Wunder

| 04/11 | Kurier-Kolumne

Folgendes. Die Klospülung funktionierte nicht. Fünf Tage lang. Das ist einerseits ein minderschweres Problem. Man stellt einen Kübel Wasser daneben, gemma.  Andererseits ein lästiges:  Der Kübel muss ständig in der Küche nachgefüllt  und durchs halbe Haus geschleppt werden, das Wasser schwappt über und daneben, der Boden der Toilette ist permanent feucht, den Kindern ist der Kübel sowieso zu schwer, undsoweiter.
Zwei Tage hofft man auf das Wunder der Selbstreparatur, soll ja vorkommen. Am dritten holt man die Rohrzange, schraubt daran herum, und erzielt außer einer überdrehten Schrauben keinerlei Effekt. Am vierten Tag überlegt man, ob man den Gartenschlauch rund ums Haus und durchs Toiletten-Fenster führen soll. Am fünften sucht man schon einmal die Telefonnummer vom Installateur heraus, ruft dann aber doch erst noch einmal den netten und allwissenden ehemaligen Besitzer von Haus und Toilette an, der einen freundlich und mit seit Jahren nichtendenwollender Geduld in den Keller schickt, mit der Aufforderung, dort an einem grünen Rad zu drehen und aufzupassen, dass daneben das Ventil zu ist. Das macht man, und die Klospülung rauscht wieder.
Und das ist so ein Moment. So ein Moment umfassender Dankbarkeit: Wenn eins der Dinge, die das Leben so selbstverständlich erleichtern, endlich wieder selbstverständlich das Leben erleichtern. Ganz kurz wird man gewahr, was alles nicht selbstverständlich ist: warmes Wasser und  Strom aus der Wand. Musik oder die Stimme des 700 km entfernten Vaters aus einem winzigkleinen Kasterl. Ein Wasserklosett. In zwei Tagen ist alles wieder normal, aber einen Moment lang ... ein Wunder, ganz klar. 
3.04.11

Mehr Auswahl, mehr Freude

| 04/11 | Kurier-Kolumne

Leser Michael F. hat meine Radlerkolumne vom Samstag gelesen, die mit der Polly, der M. und dem Bürgermeister, die jetzt alle radeln. Herr F., ein Mann, der beruflich viel unterwegs ist,  fühlte sich davon  provoziert: „Wenn Sie mir jetzt verraten könnten, wie ich zum Beispiel meine heutigen Termine (Schwechat, 3. Bezirk, Schwechat, 1. Bezirk, 3. Bezirk, 9. Bezirk, 19. Bezirk) bei Regenwetter, im Anzug und mit  zwei Hunden mit dem Fahrrad absolvieren soll: Dann reaktiviere ich meine beiden Radln gern. Herzliche Grüße, Michael F.".
 Herr F.! Das verlange ich ja gar nicht. Ich habe nie gesagt: Verkaufen Sie Ihr Auto und erledigen fortan alle Wege mit dem Rad. Erstens weil ich niemanden Vorschriften mache, zweitens  weil das  ein kompletter, fundamentalistischer Blödsinn wäre. Ich meine allerdings, dass es in der Stadt Wege und Strecken gibt, auf denen es sinnvoller ist, das Rad statt dem Auto zu benützen. Wenn man zum Beispiel im zweiten Bezirk in der Nähe des Donaukanals wohnt und im dritten Bezirk in der Nähe des Donaukanals arbeitet, böte es sich an, bei dafür geeignetem Wetter morgens und abends den Donaukanal entlang zu radeln, und sich selbst etwas Gutes zu tun, weil das nämlich schön ist und Freude macht. Mehr Freude, als Auto suchen, Staufahren, Parkplatz suchen, Auto suchen, Staufahren, Parkplatz suchen. Ähnliches gilt für die meisten   Strecken unter fünf Kilometern.
Gut, man kann dabei Radio hören oder ein schönes Hörbuch, aber.  Es geht doch um eins: bei der Fortbewegung in der Stadt flexibler zu werden. Und sich ideologiefrei anzuschauen, für welchen Weg sich welches Fortbewegungsmitel am besten eignet: Auto, Fahrrad, Öffi, Haxn. Mehr Auswahl, mehr Freude, weniger Stress: garantiert.
27.03.11

Und jetzt: Enthusisamus!

| 03/11 | Kurier-Kolumne

Ryan Adams hat heute früh auf Facebook  gepostet: „Es ist nichts falsch daran, aus ganzem Herzen zu lieben. Entschuldigt euch nie für euren Enthusiasmus. Nie. Nie. Nie."  Ryan Adams  ist ein großartiger amerikanischer Country-Folk-Musiker (denen, die ihn nicht kennen, sei sein zeitloses Debüt-Album "Heartbreaker" empfohlen), und er kennt sich aus mit den schwierigen Aspekten der Existenz, Depression, Selbstmedikation, usw.
Was immer ihn auf die positive Seite des Lebens katapultiert hat, oder zumindest auf einen Standpunkt, der ihm erlaubt, die Dinge  aus einem optimistischen Blickwinkel zu sehen: sein Posting ist ein schöner Anlass es ihm gleichzutun.
Und an diesen ersten Sonntag des 2011er-Frühlings mit Enthusiasmus positiv zu denken und mit sonnigem Optimismus in die neue Woche zu schreiten.
In der Sicherheit dass dieser Wintereinbruch nur ein kurzer, dem schwierigen Jahreszeitenwechsel  geschuldeter Irrum war - so: sorry! Falscher Knopf! - und schon wieder vorbei ist.
In der Hoffnung, dass die Klospülung (das Dach, der kaputte Rücken, die verbrühte Hand, das Ofentürl, die Türklinke) irgendwie sich reparieren / repariert werden wird.
Und in der Zuversicht, dass der Abschiebungsstopp der sechsjährigen, schwerbehinderten Ani R. von Dauer sein wird, weil den Behörden die  Unmenschlichkeit ihres Vorgehens bewusst  und der Kleinen und ihren Eltern doch noch ein humanitäres Bleiberecht gewährt wird. (Morgen mehr dazu.) Denn wem, wenn nicht ihnen? Hoffen wir, enthusiastisch.


21.03.11

Wo der Schmäh wächst

| 03/11 | Kurier-Kolumne

Die DVD gibt's schon lange, seit drei Wochen erst zeigt der ORF die Doku-Serie nun sonntags im Vorabend. Endlich. Denn der "Wilde Gärtner" ist ziemlich gut. Erstens hat Roland Düringer (alias Orlando Furioso) ein guten, trockenen Schmäh. Zweitens ist es immer interessant, so einem Kerl bei einer Art Läuterung zusehen; in diesem Fall dem Benzinbruder bei der Grünwerdung (und, augenscheinlich, dem Genuss-Völlerer beim metabolischen Balancieren). Drittens orientiert sich das Konzept des "Wilden Gärtners" sichtlich an den lockeren, so schön improvisiert wirkenden frühen Folgen von Jamie Olivers Kochshow: Koch ma daheim was, laden wir ein paar Haberer ein und schau ma, was passiert. In Düringers Fall wird nicht gekocht, sondern gegärtnert, aber ein paar Haberer hat er sich auch heim eingeladen, wobei "heim" im "Paradies 8" liegt, einem schön gelegenen Garten, mit einem genial umgebauten alten Bus als Zentrum. Was zum manchmal etwas zu verspielten Hippie-Charme der Serie beiträgt, eventuell auch von Grünzeug inspiriert, das im "Paradies 8" gewiss nicht angebaut wird.

Das und Düringers lässiges Team aus überwiegend nicht hauptabendkompatiblen Menschen (prima: Birgit Denk als singende "Schwester") dürfte des ORF s Zaudern befeuert haben, die wilden Gärtner ins Programm zu nehmen. Denn die sind alle so gar nicht Karl Ploberger, sondern jeder Einzelne ziemlich exakt das Gegenteil des TV-gärtnernden Ideal-Schwiegersohns. Alles: Typen. Und: genau das hat Charme. Nächsten Sonntag wieder (18.55 Uhr). Und nächstes Frühjahr hoffentlich auch.

16.03.11

Toleranz, österreichisch

| 03/11 | Kurier-Kolumne

Der Verfassungsgerichtshof hat also entschieden: Niederösterreichische Kindergärten mit einer Mehrzahl an christlichen Kindern müssen auch weiterhin ein Kruzifix an der Wand anbringen - wie vom NÖ-Kindergartengesetz vorgeschrieben.

Das Gesetz schaffe, so die Begründung des VfGH, die "Voraussetzungen dafür, dass verfassungsgesetzlich festgelegte Bildungsziele sowie Offenheit und Toleranz gegenüber religiösem und weltanschaulichem Denken erreicht werden".

Bei allem Respekt vor den ehrwürdigen Verfassungsrichterinnen und -richtern: das ist doch eine sehr merkwürdige Argumentation. Denn inwieweit soll die erzwungene Anbringung des Symbols einer einzigen Konfession zu Offenheit und Toleranz gegenüber "religiösem und weltanschaulichem" Denken beitragen? Was ist daran genau offen?
Es ist ein sehr österreichisches Urteil. Denn wo in Österreich "religiös" oder "Religion" (wie vor "sunterricht") draufsteht, ist halt fast immer Katholizismus oder zumindest Christentum drin. Und so fordert auch der VfGH mit Tunnelblick Toleranz und Offenheit nur für christliches Denken, indem er dessen - und nur dessen - konfessionelles Symbol fest an den niederösterreichischen Kindergartenwänden verdübelt.

Im katholischen Italien gab es eine adäquate Klage: die italienischen Gerichte urteilten ähnlich wie der VfGH. Allerdings wird am Freitag verkündet, ob die Entscheidung der kleinen Kammer des Europäischen Menschenrechtsgerichtshof hält, der 2009 entschied, dass das Kreuz Kinder ohne oder mit anderem religiösem Bekenntnis verstören könne. Kindergärtler in Niederösterreich sind offenbar verstörungsresistenter.
14.03.11

Wo ist Zuhause, Sohn?

| 03/11 | Kurier-Kolumne

Nachrichten will man gar keine mehr hören. Und man will jetzt schon gar nicht hören, dass eine politische Diskussion zum Thema Atomkraft "deplaziert" sei, wie der deutsche Umweltminister meinte. Ach so? Deplatziert, angesichts explodierender Atomkraftwerke?

Also lieber ab in Arno Geigers neues Buch "Der alte König in seinem Exil" (Hanser Verlag). Geiger beschreibt darin das Leben mit seinem demenzkranken Vater: Von den verlorenen Jahren, in denen sich die Familie über die wachsende Verschrobenheit des Vaters ärgerte und ihm vorwarf, er lasse sich gehen, weil man nicht sah, dass er schon krank war. Und über die Zeit danach, als man akzeptieren lernte, dass der Vater "nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann", also "muss ich hinüber zu ihm." Wie Geiger das erzählt, wie er, seine Mutter, seine Geschwister und die Pflegerinnen des Vaters diese Brücke beschritten, um den Vater manchmal drüben anzutreffen und mitunter nicht, das ist voller Zärtlichkeit und Respekt.

Auch, weil Geiger seinen kranken Vater nicht als einen Degenerierenden sieht, sondern als einen, der in einer neuen Realität lebt: In einer, in der er sein Haus, das er mit eigenen Händen gebaut und fünfzig Jahre lang bewohnt hat, nicht mehr als Zuhause erkennt. Und seinen Sohn für einen Bruder hält. Aber die ihm in Momenten auch überraschend Witz, Eleganz und Luzidität verleiht.
Der schönste Satz in Arno Geigers Buch: "Wenn die Menschen unsterblich wären, würden sie weniger nachdenken. Und wenn die Menschen weniger nachdenken würden, wäre das Leben weniger schön." Das gilt auch für dieses Buch; das so schön ist, weil da einer präzise nachdenkt. Und nicht nur mit dem Hirn, sondern auch mit dem Herzen.
14.03.11

Schöne Straßen-Deko

| 03/11 | Kurier-Kolumne

Natürlich ist der Begriff „Wohnstraße" ein bisschen missverständlich. Ja: schwer zu begreifen. Gewohnt wird schließlich, abgesehen von Autobahnen, an den meisten Straßen.  Wenn am Anfang einer Straße also das Wohnstraße-Schild steht - das ist das große, rechteckige, weißumrandete blaue Schild mit den ballspielenden Kindern, dem Haus und dem Auto darauf -, bedeutet das den meisten Autofahrern offenbar nichts anderes, als dass sich hier jemand die Mühe gemacht hat, die Straße mit einer hübschen Kinderzeichnung zu dekorieren. 
Anders ist das, was  gestern auf ORF.at zu lesen war, kaum zu interpretieren: Denn die für Wohnstraßen vorgeschriebene Schrittgeschwindigkeit - drei bis fünf Km/h - werde, wie ein  Rechtsexperte des Kuratoriums für Verkehrssicherheit erklärte, von so ziemlich genau überhaupt keinem KfZ-Lenker eingehalten. Denn dass sie nicht so schnell fahren dürfen wie im normalen Ortsgebiet - weil es Kindern in Wohnstraßen erstaunlicherweise erlaubt ist, auf der Straße zu spielen -, sei „nur wenigen bekannt".
Dass das so ist, wird offenbar hingenommen, wie die Tatsache, dass es im Winter schneit. Nein, Schnee im Winter regt mehr auf. Andererseits ist menschliches Fehlverhalten  im Unterschied zum Wetter korrigierbar. Der KfV-Sicherheitsexperte will das allerdings nicht mit höheren Strafen erreichen, sondern durch mehr Polizei-Präsenz.
Eine Kollegin lebt  in  einer Wohnstraße und kennt das Problem sehr gut.  Wobei, am rücksichtslosesesten, mitunter mit Vollgas, würden die Nachbarn von gegenüber fahren.  Die wären allerdings  durch mehr Polizeipräsenz auch nicht zu beeindrucken: Bei den Nachbarn handelt es sich nämlich um eine Polizeidienststelle. 

11.03.11

Zeigen wir Respekt!

| 03/11 | Kurier-Kolumne

Beschließen wir die Woche doch mit guten Nachrichten. Zum Beispiel einer ULP-Geschichte, wie man sie gern öfter hören möchte. Hier wurde ja in letzter Zeit wiederholt der Verdacht formuliert, Anrufe bei der ULP-Servicestelle seien so zielführend und effizient wie eine Eingabe beim Salzamt. Aber.
Frau Mag. P. hat in Wien eine Firma, und die ist täglich von acht Uhr früh bis 18 Uhr abends besetzt. Dennoch, kennen wir: Ein Brief wurde nicht zugestellt, sondern es fand sich im Postfach der berüchtigte gelbe Zettel, „leider nicht angetroffen", undsoweiter undsobekannt. Frau Mag. P. ärgerte sich und rief  sogleich den ULP-Kundendienst an. Was geschah? Sie wurde weder abgewimmelt noch vertröstet, sondern man entlockte ihr freundlich nähere Informationen über den Vorfall und versprach, sich der Sache anzunehmen.
Und das Erstaunliche: Das tat man auch, rief Frau P. eine halbe Stunde später zurück und sagte ihr, nein, sie müsse nicht auf die Post gehen um den Brief zu beheben, er werde ihr gleich vorbeigebracht. Und auch das passierte tatsächlich keine 30 Minuten später. Lästig sein lohnt sich also doch, beschweren und anrufen nützt. Zeigen wir ULP und ihrem Kundendienst, wie sehr wir ihre Bemühungen respektieren und anerkennen, indem wir das ab jetzt viel öfter tun.
Und, ach ja, vielen Dank für die zahlreichen  und aufmunternden Nichtraucher-Wünsche! Es wird jeden Tag leichter und ich bin jetzt, glaube ich, auch für meine Umwelt schon nicht mehr so eine massive Belastung. Auch eine gute Nachricht, doch.

Doris Knecht hat soeben ihren ersten Roman veröffentlicht: „Gruber geht" ist bei Rowohlt Berlin erschienen und wird am 23.3. im Rabenhof präsentiert.
6.03.11

Sehen wir es doch positiv!

| 03/11 | Kurier-Kolumne

War irgendjemand überrascht, dass auf mehr als 20 Beamten im Justizministerium der Verdacht der Korruption lastet? Ach, wirklich. Wenn man hier soetwas hört, schaut man doch nicht einmal vom Schuhbandlbinden auf. Aha;  wo sind schon wieder meine Handschuhe?
Kürzlich sollte ich in Berlin ein paar Deutschen erklären, warum gegen KHG zuerst gar nicht und jetzt so schleppend ermittelt wird. Naja, ganz einfach: Weil die Gefahr, dass dabei etwas herauskommen könnte, einfach zu groß ist. Das will man lieber nicht riskieren. Am besten  gar nicht daran rühren. Erstens macht es viel extra Arbeit, Überstunden gar, da erwachsen dem Steuerzahler nur unnötige Kosten, und wir müssen schließlich alle sparen.
Und wenn zweitens tatsächlich etwas dabei herauskommt, kommt eventuell noch mehr heraus,  und macht Risse im Fundament und bringt am Ende vielleicht das ganze schöne, für viele so profitable und gemütliche System ins Bröseln. Korruption? Böses Wort, sagen wir es doch, wie in dem Erste-Bank-Vorfreude-statt-Vorsorge-Spot, lieber freundlicher. Sehen wir es positiv! Wir sind eine christlich geprägte Nation und fühlen uns der Nächstenliebe verpflichtet: Man hilft einander in guten Zeiten und lässt sich auch in schlechten nicht im Stich. Was soll daran schlecht sein?
Gut, dergleichen mag  anderswo, drüben bei den grummeligen Deutschen zum Beispiel, einen Gout haben, hierzulande aber gehört Einehandwäschtdieandere zur Folklore wie der Apfelstrudel, die Mozartkugeln und die Melange. Und unsere Traditionen lassen wir uns so wenig madig machen, wie wir uns von der EU die Paradeiser durch Tomaten ersetzen lassen. Das ist schließlich Österreich: ein gutes, liebes Land.

4.03.11

Respekt vor Ruby

| 03/11 | Kurier-Kolumne

Es gibt ein bissl eine Gerechtigkeit auf der Welt. Dass toute vienne zugeben musste, dass Ruby eine der freundlichsten und charmantesten Damen war, die Lugner je auf den Opernball schleppte, ist sehr gerecht: angesichts des ganzen pikierten Igitt-Getues, das  im Vorfeld über ihre Person hereingebrochen war. 
Nicht nur, zum Glück: Ich habe sehr gern gelesen, wie Niko Fechter, die Designerin von Rubys Opernball-Kleid, die Sache in einem Interview kommentierte: „Wenn jemand eine moralische Schuld trifft, dann Herrn Berlusconi und den hätte man als Opernballgast sicher herzlich willkommen geheißen." 
Wenn man sich, wie das News tat, die Verhörprotokolle der Mailänder Staatsanwaltschaft anschaut und liest, was Karima el-Mahroug, wie Ruby richtig heißt, in Interviews erzählte, ist Respekt vor der Gelassenheit dieser 18-jährigen eigentlich die einzig angemessene  Reaktion. Im Alter von neun Jahren wurde sie von zwei Onkeln vergewaltigt. Als sie zwölf war, übergoss der Vater sie mit heißem Öl, weil sie katholisch werden wollte, und schlug sie auf regelmäßiger Basis mit Gürteln und Stromkabeln. Sie lief weg, man griff sie auf und steckte sie  Heime für psychisch Kranke, wo sie belästigt wurde, bis sie wieder weglief. Um dann wiederholt, wie News schreibt, „in der Obhut bedenklich betagter Tröster" zu landen. 
Und  schließlich in der Prostitution.  Als sie mit 17 wegen Diebstahls aufgegriffen wurde, lag ein Suchbefehl für sie vor: sie sei zu ihrer eigenen Sicherheit in einem Heim unterzubringen. Was nicht geschah, weil sich stattdessen der italienische Premier persönlich ihrer  annahm. Wir wissen wie. 
Am Opernball hatte Ruby offenbar trotz Lugner wirklich Spaß. Der sei ihr aufrichtig gegönnt.

1.03.11

Fahrrad-Kennzeichen: ja oder nein?

| 03/11 | Kurier-Kolumne

Für einmal ist eine Prophezeiung dieser Kolumne eingetroffen:  Radfahren wird allmählich zum ganz großen Trend; das Fahrrad wurde, nicht zuletzt aufgrund der neuen rot-grünen Stadtregierung, zu einem zentralen Thema. Ein überaus kontrovers diskutiertes Thema allerdings. Denn während die einen den Rad-Verkehrsanteil in Wien  zur Freude der Radler mit diversen Maßnahmen erhöhen wollen, sehen die anderen darin nichts als eine gefährliche Drohung.
Legionen von Leserinnen und Lesern mailen mir Legionen von Geschichten, wie sie von rücksichtslosen Radfahrern von Gehsteigen gedrängt, beschimpft, angerempelt,  angefahren und sogar schwer verletzt wurden, inklusive Fahrerflucht. 
Dazu ist zweierlei zu sagen: Erstens, ja, es gibt üble Rowdies unter den Radfahrern (wie übrigens auch in allen anderen Menschengruppen), aber es sind keineswegs alle Radler Rowdies. Die meisten benutzen ihr Rad nämlich nicht als Waffe, sondern als schnelles, gesundes, sauberes Fortbewegungsmittel, und sie haben keine Ambitionen, Fußgänger damit zu bedrohen, sondern wollen friedlich ihrer Wege pedalen. 
Zweitens liegt eins der Probleme allerdings darin, dass man derer, die das nicht tun, so schwer habhaft wird. Weil es in Österreich keine Kennzeichnungspflicht für Räder gibt.  Viele Leser, darunter Herr A., fragen sich, wieso eigentlich, und finden, man sollte über  eine Fahrrad-Vignette  nachdenken. Ja, kann man: Spricht einiges dafür, z.B. der damit verbundene Versicherungsschutz. Allerdings: Die Schweizer wollen ihre Kennzeichenpflicht wieder abschaffen - der Verwaltungsaufwand sei größer als der Nutzen. Hmm. Interessant. Und: diskussionwürdig; Fortsetzung folgt.
28.02.11

Skandal beim Opernball

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Der Opernball hat auch heuer seinen jährlichen Skandal: Richard Lugner hat Ruby Rubacuori in seine Loge geladen, die Frau, die sich als Minderjährige für den italienischen Premier prostituierte. Opernball-Organisatorin Desirée Treichl-Stürgkh sagte in einem TV-Interview, das sei „traurig, beschämend und pietätlos".
Sie hat recht: Es ist traurig und beschämend.
Aber nicht, weil die Institution Opernball durch den Umstand beschädigt würde, dass eine ehemalige Prostituierte in einer Loge sitzt. Sondern weil niemand Mitleid mit Ruby hat.
Lugner sowieso nicht. Lugner ist... Sagen wir es so: Lugner ist intellektuell und moralisch nicht satisfaktionsfähig. Lugner ist ein lächerlicher Greis, der für seine Publicity auch vor wachsender Widerwärtigkeit nicht mehr zurückschreckt. Und es ist widerwärtig, dass er Frau Rubacuori eingeladen hat, die ausschließlich wegen des Umstands bekannt ist, dass sie schon als Kind in die Prostitution getrieben wurde und sich von alten Männern betatschen und mehr lassen musste. Ja, sie schlägt jetzt soviel Kapital wie möglich aus ihrer Lage, und zwar aus einer nicht zuletzt von dieser bedauernswerten Sozialisation geprägten Weltsicht. Das ist traurig und beschämend: ein System, in dem die Prostition Minderjähriger zwar sanktioniert ist, aber tja.
Weil, apropos Prostitution. Der Opernball findet in einem Land statt, in dem Asylwerber keiner legalen Arbeit nachgehen dürfen, außer einer: Asylwerberinnen dürfen sich ganz legal prostituieren, Mindestalter: 18. Von den Politikern, die solche Gesetze machen, exekutieren und zulassen, werden auch einige in den Opernball-Logen sitzen, und der Champagner wird fließen, und niemand wird sich schämen.
24.02.11

"Wenn's wirklich wichtig ist..."

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Erst kürzlich wurde hier die Theorie formuliert, dass Eingaben bei der Servicestelle von ULP nichts bewirken. Einen frustrierenden Beweis dafür sandte mir heute Leserin Sabine L.. Dabei wollte die sich gar nicht beschweren. Sie wollte nur, dass ihre Mutter keine Post mehr erhält, denn die ist leider verstorben. 
Frau L. ließ  die Wohnung der Mutter ausräumen und wollte die dort noch eintreffende Post zurückschicken lassen. Auf der zuständigen Postfiliale erfuhr sie, das sei nur über die Servicestelle der Post möglich. Also wandte sich Frau L. telefonisch an diese, und von einem äußerst netten Mitarbeiter wurde ihr beschieden, sie brauche nur ein Mail mit der Sterbeurkunde zu schicken, und die Sache sei erledigt. 
Frau L. tat dies. Die Post an ihre Mutter traf weiterhin ein. Frau L. fragte per Mail nach, und erhielt die Antwort, die Post werde seit 1. Februar an die Absender retourniert. Die Post traf weiterhin  ein. Frau L. schickte eine Woche später ein weiteres Mai an die Servicestelle, und erhielt keine Antwort mehr. Die Post traf weiterhin ein. Frau L. schickt jetzt alle paar Tage ein Mail an ULP, das alle paar Tage nicht beantwortet wird. Ihre verstorbene Mutter erhält weiterhin täglich Post.
Im Unterschied zu Leserin L. aus Wien 11, die ihre Post nur noch unregelmäßig erhält und im Jänner endlich begriff, warum einige ihrer Freunde etwas beleidigt wirkten: Weil sie sich für die Weihnachtspost nicht bedankt hatte. Die allerdings, trotz korrekter Adresse, leider nie bei ihr angekommen war. Genauso wenig wie eine Einladung zu einer Hochzeit. Einen Brief erhielt sie immerhin im vierten Anlauf. 
Wie wirbt ULP? „Wenn's wirklich wichtig ist, dann lieber mit der Post." Äh, hmm.
22.02.11

Gibts zwei Häuser weiter eh schon.

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Als ich heute Vormittag zur Bäckerei gekommen bin, lagen dort im Schaufenster auf einmal nicht mehr die Mohn- und Karottenkuchen, die Nussstrudel und die verschiedenen Brote, die stets den Verdacht erweckten, dass sie schon seit zehn oder zwanzig Jahren versteinert sind und einfach immer abgestaubt werden. Im Schaufenster lagen jetzt farbige Kartons. 
Ich ging hinein und hinter der Vitrine stand keine der beiden vertrauten älteren Damen in den weißen Kittelschürzen, die immer ein bisschen muffig waren, denen man aber an guten Tagen mit ein bisschen Geschick ein Lächeln entlocken konnte, sondern zwei freundliche junge Frauen in Uniformen und mit Käppis. Die immer resolut auf Kante ausgerichtete Zwieback- und Haltbarmilch-Ausstellung in den Resopal-Regalen: Geschichte. Die frischen Vollkornkekse waren aus der Vitrine verschwunden, die mürben Kekse, die Linzeraugen, die Punschtörtchen mit den Gesichtern darauf, die Schokoschirmchen. Die zehn oder zwölf vertrauten Brot- und Weckerlsorten, wegen großen Erfolges seit Jahren verlässlich unverändert, die Butter- und die Briochekipferln: alles weg. Stattdessen stand ich vor dem Standardprogramm der modernen Bäckerei-Filiale: überquellende Vitrinen voll fertig gefüllter Sandwiches, Dutzender Sorten süßen Gebäcks,  Modebrot-Allerlei. 
In der Ecke steht schon ein Backofen, aus dem wird sicher bald frisch Gebähtes serviert, und Coffee-to-go wird es gewiss auch geben. Aber das alles gibt es zwei Häuser weiter und drei Häuser weiter und um die Ecke eh auch schon. 
So eine richtige alteingesessene Bäckerei, wo das Roggenbrot noch warm aus einer richtigen Backstube kommt:  Die gibt's in der Gegend jetzt nicht mehr. 
20.02.11

A) anhalten; b) weiterfahren

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Heute aus leider permanent aktuellem Anlass: kleines Straßenverkehrsordnungsquiz für Auto- und Radfahrer. Kreuzen Sie bitte die zutreffende Antwort an:
Wenn Sie sehen, dass
1) ein oder mehrere Kinder eine durch einen Schutzweg gekennzeichnete Fahrbahn überqueren wollen:
a) halten Sie an und ermöglichen den Kindern das unbehinderte und ungefährdete Überqueren der Fahrbahn.
b) fahren Sie weiter.
2) Kinder in Begleitung von Erwachsenen eine durch einen Schutzweg gekennzeichnete Fahrbahn überqueren wollen:
a) halten Sie an.
b) fahren Sie weiter.
3) Kinder ohne Begleitung eine Fahrbahn ohne Schutzweg überqueren wollen:
a) halten Sie an.
b) fahre n Sie weiter.
4)  Kinder in Begleitung von Erwachsenen eine  Fahrbahn ohne Schutzweg überqueren wollen:
a) halten Sie an.
b) fahre n Sie weiter.
5) Wenn Erwachsene einen Schutzweg überqueren wollen:
a) halten Sie an.
b) fahren Sie weiter.
Falls Sie auch nur bei einer einzigen  Frage die Antwort  B angekreuzt haben: dann sei Ihnen dringend ein sorgfältiger Blick in die Straßenverkehrsordnung  plus Verhaltenskorrektur geraten: Paragraph 29a, Absatz 1: „Vermag der Lenker eines Fahrzeuges zu erkennen, dass Kinder die Fahrbahn einzeln oder in Gruppen, sei es beaufsichtigt oder unbeaufsichtigt, überqueren oder überqueren wollen, so hat er ihnen das unbehinderte und ungefährdete Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen und hat zu diesem Zweck, falls erforderlich, anzuhalten."
Diese Woche starben wieder zwei Kinder auf österreichischen Straßen.
18.02.11

"Ihr Mail wurde ungelesen gelöscht"

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Ein  Leitartikel in der letzten ZEIT stellt ein paar interessante Fragen, die auch für Österreich relevant sind. Gerade hinsichtlich der Fremdenrechtsnovelle, die am Dienstag im Ministerrat beschlossen werden soll.
Es geht in dem Beitrag um tunesische Flüchtlinge, die Deutschland nicht aufnehmen will, und der Autor fragt: „Wie lässt sich der Zustrom stoppen? Was nicht diskutiert wird, ist die Frage, warum wir das dürfen. Mit welchem Recht verwehren wir es armen Leuten, zu uns zu kommen? Wer erlaubt uns festzulegen, wer ein Mensch mit minderem Recht auf ein menschenwürdiges Leben ist und wer ein vollwertiger Europäer?" Er kommt zu einem einfachen Schluss: Wir tun es, weil wir es können, „aus schlichtem Egoismus, der menschlich verständlich, aber nicht sehr menschlich ist".
So ähnlich ist es auch mit der österreichischen Fremdengesetzgebung.  Sie ist - in ihrer  zunehmenden, ja, panischen Radikalität, die auch nicht mehr davor zurückschreckt,  Kinder ins Gefängnis zu stecken  - ein Ausdruck der verständlichen Angst der Regierung vor der FPÖ, die ja mit dem Schüren von Überfremdungsängsten so erfolgreich wurde. Wobei die aktuellen FPÖ-Umfragewerte wohl eher ein Resultat der Kämpfe einer zerstrittenen Koalition sind, der die Wähler nicht mehr zutrauen, gemeinsam zukunftsweisende Strategien und Lösungen bei den großen Themen Bildung, Sicherheit und, ja, auch Zuwanderung zu finden.
Über 7000 besorgte BürgerInnen haben die Regierung in Mails übrigens bereits aufgerufen, das Fremdenrecht nicht zu verschärfen. Leser Gerhard B. bekam von den Büros Fekter und Bures die Antwort, dass sein Mail „ungelesen gelöscht" wurde. Können sie tun, ja: Das Vertrauen der Wähler steigert man so halt auch nicht.

15.02.11

Nicht auf dem Rücken der Kinder

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Kleine, keineswegs empirische Untersuchung im Freudeskreis: Die meisten getrennten Eltern kümmern sich gleichermaßen um die gemeinsamen Kinder und versuchen, Trennungskonflikte nicht zu Lasten des Nachwuchses auszutragen. Bei einigen leben die Kinder mehr bei der Mutter, der Vater sieht sie an Wochenenden. Einige wenige Freundinnen mussten um die Alimente streiten, auch vor Gericht. 
Dass es in diesem Kreis keinen einzigen Vater gibt, der sich beklagt, dass die Ex-Partnerin ihm den Kontakt zu den Kindern verwehrt, heißt natürlich nicht, dass das nicht  vorkommt. Und dass es nicht Mütter gibt, die ihre Kinder als - auch finanzielles - Pfand gegen deren Väter benutzen. Aber das sei, wie die bekannte Scheidungsanwältin Helene Klaar in einem profil-Interview meinte, „ein marginaler Prozentsatz im Vergleich zu jenen Müttern, die daran verzweifeln, wie selten die geschiedenen Väter Kontakt mit ihren Kindern aufnehmen. Mich haben Mütter schon gebeten, den Vätern Geld anzubieten, damit sie ihre Kinder wenigstens einmal besuchen."
Man kann in Beziehungen nicht hineinschauen; die Probleme zwischen Partnern und Ex-Partnern lassen sich schwer verallgemeinern. Aber:  Sie resultieren auch aus den Problemen einer Gesellschaft, in der  Frauen immer noch den weit überwiegenden  Anteil an Kinderversorgung und Haushalt übernehmen. Leider ist es noch immer mehrheitlich so, dass der eine (meist der Mann) voll arbeitet und die andere voll für alles daheim zuständig ist. 
Mütter und Väter, die sich schon während der Beziehung gemeinsam um Kinder und Haushalt gekümmert haben, tun sich naturgemäß leichter, dieses Prinzip  beizubehalten: auch über eine Trennung hinweg.
13.02.11

Die Welt als Wille und Wohnzimmer

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Zuerst hatte nur die Oma einen Fernseher. Dann hatten wir auch einen; und dazu Eltern mit sehr strikten Vorstellungen davon, was Kinder sehen dürfen und was nicht, was mich in der Schule zur einzigen Zwölfjährigen machte, die "Winnetou" zwar gelesen, aber nicht gesehen hatte. Weil dort wurde geschossen. Zuverlässig nicht geschossen wurde in den Samstagabend-Shows, und deshalb durften wir die sehen: Am laufenden BandDalli dalli, die Peter-Alexander-Show.
Peter Alexander kannten wir aus seinen Filmen (weil in denen auch nicht geschossen wurde, und wenn, dann nur mit Kalauern) und er brachte die große Welt in die Wohnzimmer einer Provinz-Gemeinde, in der das Leben übersichtlich und von ambitiösen Ideen nicht kontaminiert war: mit Arbeiten, Häuslbauen und Kinderkriegen als begrenzte Daseinsoptionen. Peter Alexander gab uns eine Tele-Vision davon, dass eine Welt jenseits von FS1 und FS2 existiert, in der lustige Stars (sogar Frauen! Caterina Valente, bitte!) lustige, extravagante Dinge tun und darauf eine Existenz aufbauen. So konnte das Leben also auch sein.
Diese Welt dringt jetzt jede Sekunde über Internet und hunderte TV-Kanäle noch ins entlegenste Kuhdorf, und kein Kind kann sich mehr vorstellen, dass es kein Star wird. Deshalb sieht Wetten, dass...? auch schon so lange so alt und bieder aus: Weil die TV-Hauptabend-Show ihre Ur-Funktion verloren hat und nicht mehr die Welt ins Wohnzimmer bringt, sondern mit eingeschraubten Glühbirnen und fliegenden Kronenkorken das Wohnzimmer zur Welt erklärt.
Am Samstag, als Thomas Gottschalk verkündete, dass er endlich aufhört, ist Peter Alexander gestorben: und niemand aus meiner Generation dachte diesem Tag nicht an seine Kindheit zurück. Es war bezaubernd, dankeschön.
9.02.11

Einfach weiterleben

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Darüber möchte man gar nicht nachdenken. Das sind Gedanken, die man gerne wegschiebt. Aber heute ist Internationaler Tag der Kinderhospizarbeit. Und: 400 Kinder sterben in Österreich im Jahr, viele davon an einer tödlichen Krankheit. Man möchte gar nicht nachdenken, wie das ist: für das Kind, die Eltern, die Geschwister. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des mobilen Kinderhospizes "Netz" in Wien tun es: Sie stellen sich: einem Kind, das sterben wird. Und der Verzweiflung, Angst und Trauer seiner Angehörigen.

Das Kinderhospiz hilft Familien, die sich damit abfinden müssen, dass ihr Kind nicht wieder gesund, nie erwachsen werden wird, an dem Schicksalsschlag nicht zu zerbrechen, weiter als Familie zu leben. Vor allem, wenn da auch noch Geschwister sind, mit einem eigenen Leben, das davon geprägt ist, dass ihre Schwester, ihr Bruder sterbenskrank ist.

"Netz" unterstützt diese Familien: 'Das Kind wird von einer Palliativ-Medizinerin betreut, seine Familie bekommt Hilfe bei der Pflege, psychologische Betreuung, finanzielle Beratung, Wege und Einkäufe werden erledigt, den Geschwisterkindern wird ermöglicht, ihr Kinderleben, mit Kindergarten, Schule, Nachmittagsprogramm so normal wie möglich weiterzuleben. Und es wird ihnen geholfen, mit ihrer Trauer fertig zu werden, wenn das kranke Kind gestorben ist - so lange, wie die Familien diese Hilfe brauchen. 25 ehrenamtliche "Netz"-Mitarbeiter, die alle einen sechsmonatigen Befähigungskurs abgeschlossen haben, unterstützen derzeit sechs Familien, darunter eine, die ihr Kind vor zwei Jahren verlor.

Das mobile Kinderhospiz "Netz" ist auf Spenden angewiesen (BAWAG, 14000, Kto-17210 804 897) Auch wenn man nicht darüber nachdenken will: Helfen kann man trotzdem.
8.02.11

Abgewimmelt am ULP-Salzamt

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Weiter gehts mit ULP, und warum? Rufen Kunden beim ULP-Kundenservice an, erhalten sie auf ihre dezidierten Fragen schwammige, vorgefertigte Antworten. Was hörte Sibylle H., als sie wegen der Sache mit dem gelben Zettel ganz konkret nachfragte? „Wir nehmen das entgegen", „Das kann ich Ihnen nicht sagen", „Das kann ich nicht versprechen". Eine befriedigende, den Sachverhalt klärende Antwort erhielt sie erst von der Post-Filial-Mitarbeiterin, und auch erst nachdem diese sie mit einem kopierten Zettel mit der Kundenservice-Telefonnummer abwimmeln wollte: bei der H. aber ja bereits abgewimmelt worden war.
Genau das ist das Gefühl, das immer mehr Post-Kunden haben: das Gefühl des Abgewimmeltseins. Die Kunden wissen eh, dass nicht einzelne Mitarbeiter Schuld an der Misere sind, dass die Probleme systemisch sind und Kundschaft wie Mitarbeiter gleichermaßen frustriert. Sie wissen, dass die meisten Zusteller und Filialmitarbeiter ihre Arbeit gewissenhaft tun, häufig mehr als das. Sie wissen, dass die Probleme nicht die Schuld einzelner Mitarbeiter ist, sondern die Folge ihrer Überforderung, die wiederum die Folge von Missmanagment und Sparmaßnahmen ist.
Und deswegen reagieren sie sich nicht an den Mitarbeitern ab, sondern rufen beim Kundenservice an, wo sie dann wie kleine Kinder abgewimmelt werden. Am Salzamt. Leserin M., die letzte Woche auf einem Postamt im dritten Bezirk in einer kurzen Schlange mit ihrem gelben Zettel eineinhalb Stunden warten musste, kontaktierte danach die Servicestelle. Sie bekam folgende Antworten: Wir nehmen das entgegen, das kann ich Ihnen nicht sagen, das kann ich Ihnen nicht versprechen. Also: Wohin mit den Anliegen? Hierhin eben.
7.02.11

Einkaufen mit Vorleser

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Wachsendes Problem: die Kennzeichnungen und Inhaltsangaben auf den Produkten. Ich kann sie nicht mehr lesen. Ja, man kommt in ein Alter, in dem allmählich die Sehkraft nachlässt: Aber hat man nur ein Recht zu wissen, was für Stoffe ein Produkt, was für Ingredienzen ein Lebensmittel enthält, wenn man jung und mit Adler-Augen gesegnet ist? Oder stets eine Lesebrille parat hat?

Muss ich mich damit abfinden, dass ich beim Einkaufen jetzt immer eine Lupe dabei haben muss? Oder die Kinder, damit die mir vorlesen können, was alles in dem Joghurt drin ist oder in dem Kaviar-Ersatz (Überraschung: das Kind liest sechs verschiedene E-Nummern vor), und ob das Shampoo eher für trockenes Haar ist oder für fettiges? Immerhin: Für die Kinder ist es eine gute Schule; so lernen die schon früh, was in ganz natürlich aussehenden Produkten so alles enthalten ist. Und was Antioxidantien, künstliche Aromen, Geschmacksverstärker, Konservierungsmittel und Farbstoffe eigentlich sind.

Aber nicht jeder hat ständig einen Vorleser oder eine Lesehilfe zur Verfügung. Und wem nützt eine Kennzeichnungsverordnung, die zwar penibel vorschreibt, was in welchem Land genau auf dem Produkt aufgeführt werden muss, aber nicht, wie groß es geschrieben sein muss? Was bringt es, wenn die Angaben auf Verpackungen zwar in zwölf verschiedenen Sprachen aufdruckt sind, aber in einer Vier-Punkt-Schrift, die nur scharfsichtige Zwölfjährige zu lesen imstande sind und, als zusätzliche Herausforderung, vielleicht auch noch in Weiß auf Gelb? Ihre Autorin hat aufgegeben und sich zur Minimierung des Problems eine Brille zugelegt. Gelöst wird es dadurch nicht.
6.02.11

Was ist da genau drin?

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Eine US-Mutter verklagt Nutella: Der Brotaufstrich sei keineswegs gesund und nahrhaft, wie die Werbung irreführenderweise behaupte, sondern das Gegenteil. Das mag überzogen wirken, aber nur wenn sich kritische Konsumenten wehren, wird die immer dreistere Nahrungsmittelindustrie reagieren. Was passiert, wenn nicht, zeigt das Beispiel Los Angeles: Die Kommune verbietet nun die Errichtung neuer Fast-Food-Restaurants im Stadtteil South Central L.A., weil ein Drittel der mehrheitlich unterprivilegierten Bevölkerung nicht mehr nur übergewichtig ist, sondern fettsüchtig. In der ganzen Gegend gibt es derzeit fast nur ungesundes, hochkalorisches Fertig-Futter.

Aber auch, wer die Wahl hat ... Die Kinder erzählen, dass mittlerweile ein großer Teil der Schulkollegen Fertig-Jausen-Sackerln der Supermarktkette mit dem Hausverstand dabei hat. Kein Wunder: Das gibt's ganz ohne Aufwand und plus kleinem Spiel für weniger als drei Euro. Das will man sich auch einmal ansehen und bestellt eins an der Feinkost-Theke.

Frage an den Mitarbeiter: Was ist da genau drin? Eine Extrawurst-Semmel, eine Milchschnitte, ein Flascherl Mineralwasser und ein Sackerl Pom-Bären. Und sind da immer dieselben Sachen drin? Ja, eigentlich schon. Kann man sich das nicht, wie auf der Website dargestellt, aussuchen und selbst kombinieren, also zum Beispiel einen Apfel statt der Milchschnitte? Nein, eigentlich nicht. (Aber der extrem freundliche Feinkost-Herr packt einfach noch einen Apfel dazu.)

Dass mindestens zwei der Produkte nicht in eine Schul-Jause gehören, weiß mittlerweile jedes Kind. Aber Hausverstand kann man eben nicht kaufen. Es ist ein Privileg, dass wir kritisch und wählerisch sein dürfen: Seien wir es doch.

sd
6.02.11

Neues vom gelben Zettel (3)

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Und Neues für den gelben Zettel: Denn nicht nur Sibylle H. möchte ULP mit konstruktiven Lösungsansätzen helfen, auch die Leserinnen und Leser des KURIER. Etwa Leserin Helga H. und Leser Z. Es steht auf der Benachrichtigung ja "Leider konnten wir Sie nicht zu Hause antreffen", womit ULP erstens das Problem an die Kundschaft zu delegieren trachtet: Wäre die während der Zustellung daheim gewesen anstatt sich herumzutreiben, müsste sie jetzt nicht in der nächsten Post-Filiale Schlange stehen, ätschibätsch, selber schuld.

Was allerdings zweitens meist nicht den Tatsachen entspricht, wie Sibylle H. (nachzulesen auf kurier.at ) herausfand. Weil es eben keine Rolle spielt, ob man zu Hause ist oder nicht, da größere Briefsendungen sowieso nicht zugestellt werden. Das von ULP vorgebrachte Argument, man könne nicht für jedes Problem einen eigenen Zettel anfertigen, lassen die Leser nicht gelten: Weil man die Benachrichtigungen nämlich mit dem total revolutionären Multiple-Choice -System ganz leicht optimieren könnte. Indem man darauf ein paar Möglichkeiten aufführt, mit kleinen Kästchen davor, von denen der Zusteller das Zutreffende nur anzukreuzen bräuchte, ungefähr so: "Wir konnten Ihre Briefsendung nicht zustellen, denn a) es regnet/schneit; b) die Sendung ist ur-schwer/unhandlich; c) Sie wohnen im dritten Stock ohne Aufzug und haben deswegen das Recht auf Zustellung verwirkt; d) Sie waren nicht daheim, selber Schuld."

Bitte, gern geschehen, ULP, das Honorar für unsere Mitarbeit überweisen Sie bitte an eine caritative Organisation Ihrer Wahl (nein, Post-Manager-Konten zählen dazu nicht). Das ULP-Beschwerde-Management reformieren wir dann im Lauf dieser Woche.

4.02.11

Neues vom gelben Zettel (2)

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Jetzt also die Fortsetzung der ULP-Geschichte. Sibylle H. erhielt auf ihre schriftlichen Fragen an den Post Kundenservice folgende Antwort: Ihr Wohnhaus sei wohl mit EU-Postkästen ausgestattet, für die die Postboten keinen Schlüssel haben. "Wenn nun die Sendung zu groß oder zu dick ist, um durch diesen Schlitz zu passen, muss die Sendung benachrichtigt werden." Diese könne "in der Zustellbasis zurückgelassen werden, wenn das Risiko besteht, dass sie durch Unbefugte aus dem Zustellerhandkarren entwendet oder durch schlechte Witterungsverhältnisse beschädigt werden könnte."

Frau H. hakte nach: Gebe es nur dann keinen Zustellversuch, wenn das Wetter schlecht sei und Diebstahlsgefahr bestehe?
Antwort: Bei "nichtbescheinigten Sendungen in Übergröße" überwiege das Interesse das Absenders, dass seine Sendung "unbeschadet und sicher ihren Zielort" erreiche, und es werde, "ohne Zustellversuch benachrichtigt". Das stellte Frau H. nicht zufrieden: Warum stehe "auf den gelben Zetteln dann 'Leider konnten wir Sie nicht zu Hause antreffen' und nicht 'Wir stellen Ihren Brief nicht zu, weil er zu groß ist'?" Antwort: "Ganz einfach. Es ist org. nicht möglich für unsere Zusteller, für jeden Grund eine eigene Benachrichtigung zu geben. 1) würde die Fehlerquelle vergrößert, wenn sich unser Zusteller 'im Zettel' vergreift und 2) hätten wir eine 'Zettelwirtschaft' ohne Ausmaß."

Was Frau H. zu einem letzten Mail veranlasste: "Warum steht auf der Benachrichtigung dann nicht: 'Wir stellen Ihren Brief nicht zu, bitte holen Sie ihn am Postamt ab?' Sie sehen, wie gern ich an konstruktiven Lösungen mitarbeite, damit Sie sich Kundenärger ersparen." Wäre es nicht schön, wenn man das auch von ULP behaupten könnte.

3.02.11

Neues vom gelben Zettel (1)

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Sibylle H. erwartet dringend ein Paket - ein normal großes Buch - und bleibt deshalb zu Hause. Und wartet auf ULP. Und findet Mittags in ihrem Postfach den gelben Zettel: "Wir haben Sie leider nicht zu Hause angetroffen". Und ist angespeist, weil das etwa alle zwei Wochen passiert - und immer, während sie eh zu Hause ist.

Also, diesmal Kundendienst, Beschwerdedeponierung. Plus der Frage, was denn jetzt geschehe. Antwort: Man nehme das entgegen. Gebe es einen zweiten Zustellversuch? Könne man nicht versprechen. Sibylle H. würde das Problem aber gerne dauerhaft lösen. Könne man nicht versprechen. Usw., Sibylle H. legt schließlich mit einem Fluch auf.

H. geht anderntags zur Post, um das Packerl zu holen, und erklärt dabei der Schalterdame noch einmal ihr Problem. Und: Vielleicht könnte man dem zuständigen Zusteller zur Kenntnis bringen, dass sie vormittags oft zu Hause arbeite und die Sendungen gern entgegennehmen würde? Darauf die Dame: Das bringe nichts, der Zusteller habe größere Briefe gar nicht dabei. Wie?? Müsse er nicht, das Wagerl sei dafür zu klein.

Worauf Frau H. nach Hause geht, sich an den Computer setzt und schriftlich mehrere Fragen an den Post-Kundenservice formuliert, ungefähr derart: Müssen größere Briefe neuerdings routinemäßig bei der Post abgeholt werden und wird eine Zustellung gar nicht erst versucht? Wenn ja: Hat die Post das ihren Kunden je mitgeteilt? Das würde nämlich Unbill für alle Seiten verhindern. Warum steht auf dem gelben Zettel: "Wir haben Sie leider nicht zu Hause angetroffen", anstatt: "Für Sie ist eine Briefsendung gekommen, die wir nicht zustellen. Holen Sie sie doch bei der Postfiliale ab." Es gab bereits Antworten der ULP auf Frau H.s Fragen: lesbar morgen hier.
2.02.11

Macht Erfolg gut und glücklich?

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Es gibt in Amy Chuas heiß diskutiertem "Tigermutter"-Buch (s. a. die gestrige Kolumne) einen Punkt, der mir, auch hinsichtlich der heimischen Bildungsdebatte, bedenkenswert erscheint: Chua schreibt, westliche Eltern sorgten sich ständig um das Selbstwertgefühl ihrer Kinder: Aber es stärke doch "nichts das Selbstvertrauen so sehr, wie wenn man etwas zustande bringt, das man sich erst nicht zugetraut hat".

Unterfordern wir Eltern unsere Kinder? Wenn wir etwa ihre Schwächen akzeptieren - in einzelnen Schulfächern, bei sportlichen oder musischen Talenten. Ist es Aufgabe von uns Eltern, sie zu ihrem "Glück" oder besser ihrem (und damit unserem) Erfolg zu zwingen? Indem wir, wie Chua, ihren Willen mit entschiedener Härte brechen, sie unnachgiebig zur Verbesserung ihrer Leistung zwingen?


Schwierige Frage: Einerseits verrotten beklagenswert viele Kinder samt ihren brachliegenden Talenten vor Fernsehern und Computern, weil ihre Eltern sich - aus welchen Gründen auch immer - nicht um sie kümmern: Sie lesen nichts, lernen nichts, denken nicht, sind völlig unkreativ. Andererseits: Was für eine Zukunft ermöglichen wir unseren Kindern mit radikaler Strenge und Unnachgiebigkeit? Eine erfolgreiche, vorzeigbare, gewiss, in elitären, höchstleistenden Kreisen. Aber werden sie dadurch auch bessere, zufriedenere Menschen? War die selbst von ihren Eltern gedrillte Amy Chua zufrieden und voller Selbstvertrauen, während sie ihre Kinder quälte, um weiter die Großartigste zu sein?

Die jüngere Tochter tat dann etwas für ihr eigenes Selbstwertgefühl und widersetzte sich schließlich mit eisernem Willen dem Drill der Mutter. Ihre zerstörte Kindheit aber bleibt irreparabel.

1.02.11

Tigermutter im Ehrgeizwahn

| 02/11 | Kurier-Kolumne

Liebe kommt auf 250 Seiten zwei Mal vor, Glück wird in einem Absatz abgehandelt. Denn "in der chinesischen Erziehung", schreibt Amy Chua, "kommt der Zustand des Glücklichseins nicht vor". Von der handelt ihr derzeit weltweit kontrovers debattierter Erziehungsratgeber "Die Mutter des Erfolges": und von der chinesischen Mutter, die nicht zwingend Chinesin sein muss.

Chuas Bericht, wie sie ihre beiden Töchter zu musikalischen und schulischen Höchstleistungen drillt, gehört zum Abstoßendsten und Beängstigendsten, was je über Kindererziehung geschrieben wurde. Chua, chinesischstämmige Yale-Professorin, vertritt die Meinung, die Kindheit sei einzig dazu da, Kinder zum maximalen Erfolg zu drillen: Für die Kinder einer chinesischen Tigermutter gibt es keine Partys, kein Schultheater, kein TV, nur Bestnoten und keine Freizeitaktivitäten und Instrumente außer Geige und Klavier.

Die zwang Chua ihre Kinder täglich - auch auf Ferienreisen - drei bis sechs Stunden zu üben, wenn nötig mit Guantanamo-Methoden: Ihre Siebenjährige ließ sie "nie aufstehen, sie bekam weder Wasser, noch durfte sie aufs Klo", sie beschimpft ihre Töchter als "Müll" und droht ihnen mit Prügeln und Essensentzug - damit sie als "Wunderschwestern" Konzerte spielen und mit ihrer Mutter die Bewunderung aller anderen ernten.

Denn nur darum geht es Chua: den Beifall anderer. So berichtet sie etwa, wie ihre Dreijährige Sartre las. Bringt das der Dreijährigen etwas? Nein, nur ihren ehrgeizigen Eltern, die damit prahlen können. Aber das ganze Buch schert sich nie darum, ob es den Kindern gut geht, sondern nur, dass die Kinder gut werden: nein, die Allerbesten. Glückliche Kindheit? Etwas für Schwächlinge und künftige Versager: zumindest nach Tiger Mom Chua.L
27.05.10

Vielleicht existiere ich gar nicht?

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Seit Tagen kriegen wir keine Post. Keine Briefe, keine Rechnungen, nicht die zwei Tageszeitungen, nicht die Wochenzeitung, nicht einmal Reklame, nichts. Heute fand ich im Postfach die Tageszeitungen vom Samstag, wenigstens: gut, besser als diese immerfort mich angähnende Leere in meinem Postfach, die mich allmählich tief in eine existentielle Krise wirft: Denn vielleicht liegt es ja gar nicht an der Post. Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht existiere ich gar nicht? Denn wer existiert, kriegt auch Post, wer existiert, erhält zumindest Rechnungen und Mitteilungen vom Finanzamt. Wer keine Rechnungen bekommt, den gibt es nicht. Das macht mir Sorgen. Dass die nette Dame vom Post-Kundenservicetelefon, mit der ich mich um 9.39 Uhr unterhalten hatte, mich bislang nicht zurückgerufen hat, nährt weitere Zweifel an meiner Vorhandenheit: Vielleicht habe ich ja gar nicht mit ihr gesprochen, und sie vielleicht nicht mit mir... Es ist alles sehr beunruhigend. Immerhin: Der Herr, der mich um 12.27 Uhr am Kunden-Service-Telefon der Post AG freundlich begrüßt, weiß, dass ich heute schon einmal angerufen habe, um meine Postlosigkeit zu deponieren: Das kann ich als Beweis meiner Tatsächlichkeit einigermaßen akzeptieren. Zumal er mir versichert, dass mein Problem bereits an zuständiger Stelle vorgetragen wurde und man nun einer Antwort harre, die man mir umgehend zur Kenntnis bringen werde. Das kalmiert mich kurz, allerdings ist seither eine weitere Stunde vergangen, ohne dass mich die Post meines Daseins versichert hätte. Ich werde wohl bis morgen vormittag durchhalten müssen, wenn mein Postfach mir hoffentlich endlich wieder meine Existenz bestätigt: Ich habe Post, also bin ich.
26.05.10

Das werden wir ja sehen

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Das Thema der nächsten Wochen: Der Rauch, und was damit geschieht. Die Zäsur rückt unaufhaltsam heran: Ab 1. Juli müssen Lokale über 70 Quadratmeter über räumlich getrennte Raucherbereiche verfügen. Doch offenbar haben in Wien die meisten Wirte mit den Umbauten ihrer Lokale noch nicht einmal begonnen. Wollen sie die Sache aussitzen? Spekuliert man darauf, dass man einen Nichtraucherbereich vielleicht doch wie bisher auch weiterhin mit einem dieser hübschen Nichtraucher-Blechschildchen, das an einer dekorativen Kette über einem einzigen Tisch mitten im Lokal baumelt, definieren kann? Wird man nicht. Allerdings, und das ist möglicherweise der Grund für die gastronomische Zögerlichkeit, wird es auch nach dem 1. Juli keine Organe geben, die die Einhaltung der neuen Gesetze kontrollieren: Denn es spekuliert auch der Gesetzgeber, nämlich auf die hierzulande historisch verankerte Lust am Vernadern. Das könnte zu einer eine schönen neuen Nebenbeschäftigung für pensionierte und Freizeit-Querulanten avancieren: gemma Gastwirte denunzieren. Die Gastwirte hoffen, scheint's, auf die Kulanz ihrer nichtrauchenden Stammgäste. Das wird sich auf die Dauer nicht ausgehen. Was dann? Das Lokal auf unter 70 Quadratmeter verkleinern? Unter dieser Grenze dürfen die Wirte nämlich selber entscheiden. Gescheiter, wenn schon Ausnahmen, wäre es, den Wirten die Freiheit zu lassen, ihren Gästen ab 22 Uhr das Rauchen zu gestatten: Da haben alle gegessen, alle Kinder sind im Bett und wer um die Zeit noch unterwegs ist verträgt auch ein bisschen schlechte Luft. Aber für Vorschläge ist es jetzt zu spät. Jetzt wird umgebaut: gern oder nicht.
25.05.10

Lasset uns schweigen

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Die AHS-Lehrergewerkschafterin Eva Scholik ist verärgert; ich habe ihr im Zusammenhang mit den Gymasium-für-alle-Ideen von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl einen „ausgesprochenen Skandal“ in den Mund gelegt. Das hat sie aber gar nicht gesagt, das hat ihr Kollege, Lehrervertreter Walter Riegler, gesagt. Frau Scholik kommentierte Karls Überlegungen zur Reform des Mittelschulsystems dagegen höchst konstruktiv, sie empfahl der Ministerin, sie möge „in Hinkunft von diesbezüglichen Wortspenden Abstand nehmen“. Was ich einmal so interpretiere, dass hier in Österreich niemand über Reformen des Schul- und Bildungssystems nachdenken und reden soll, schon gar nicht eine Wissenschaftsministerin. Das darf, wenn ich jetzt alles richtig verstanden habe, nur die Lehrergewerkschaft, die ihre Flexibilität und Gesprächsbereitschaft im Zusammenhang mit Reformvorschlägen ja immer wieder engagiert beweist. Ich bedaure also die Fehlzitierung samt daraus resultierender Schlussfolgerung: Ich habe das missverstanden, diese Menschen haben nichts anderes im Sinn, als das Wohl und die Zukunft unserer Kinder. Und das erfüllt mich mit warmer Zuversicht: Alles ist gut! Wir brauchen nicht über Veränderungen nachzudenken! Oder gar zu reden! Alles läuft prima! Österreich hat ja in allen wichtigen Rankings die Nase vorn. (In der Pisa-Studie belegen wir bei der Lesekompetenz Rang 16 von 29, im Uni-Ranking des Lisbon Council Platz 16 von 17, aaaaaber: Platz 3 im EU-Kampftrinker-Ranking.) So wollen wir Eltern schulpflichtiger Kinder uns nun alle hinter die Lehrergewerkschaft stellen und rufen: Alles ist super so, lasst uns vereint die Pappn halten! Schweigen ist nämlich Gold, ja, so ist es doch.
19.05.10

Fernseh-Verbot

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Zweierlei. Zwei aktuelle Studien nämlich, zum Thema Kinder-Entwicklung. Die eine sagt: Zu viel Fernsehen macht Kinder dumm und dick. Die andere sagt: Wer früh lügt, tut sich später leichter. Beides ist logisch – und gehört zusammen. Denn lügen ist ja nicht einfach eine Unart; es setzt auch, wie die Forscher der Universität Toronto begründeten, die Fähigkeit voraus, „die Wahrheit im Kopf zu behalten, Spuren zu verwischen und die Tatsachen zu ihren Gunsten zu manipulieren“, lauter Talente, die dem erwachsenen Menschen im Beruf günstig sind. Sowie: Fantasie und Vorstellungskraft. Die wiederum geht vor dem Fernseher in beängstigendem Maße verloren. Vom Fernsehen bekommen Kinder fertige Bilder geliefert: Während sie, wenn sie etwas vorgelesen bekommen oder Hörbücher und Hörspiele hören, sich selbst eine Vorstellung machen müssen von den Figuren und Situationen. Die Frage ist leicht beantwortet, ob es für die Entwicklung eines Kinder-Hirnes besser ist, das Haus fixfertig vorgesetzt zu bekommen, oder es dort, im eigenen Kopf, selbst zu konstruieren, zu bauen und anzumalen. Die kanadische Langzeitstudie zeigt, dass Kinder, die zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren mehr als zwei Stunden pro Tag fernsehen, mit zehn signifikant schlechtere Schüler und um durchschnittlich fünf Prozent schwerer sind als Kinder mit niedrigem TV-Konsum. Studien-Fazit: Kleinkinder sollen so wenig wie möglich fernsehen. Ihre Autorin, die damit hervorragende Erfahrungen hat, geht noch weiter: Lassen Sie Ihre Kleinkinder gar nicht fernsehen. Weil sie, während sie das tun, nicht spielen, nicht basteln, nicht rennen, sich nicht konstruktiv langweilen – und nicht lügen. Und das sollen sie ja jetzt.
18.05.10

Unösterreichische Umtriebe

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Gut, es war Freitag nachmittag. Insofern war ich bereit zu verzeihen, dass in der Filiale der Fleischerei-Kette das Telefon nicht abgehoben wurde. Und wieder nicht. Aber dann schließlich doch, und man nahm meine Bestellung nett und aufmerksam entgegen. (Also, wie aufmerksam, werde ich dann heute Nachmittag bei der Abholung feststellen.) Aber ich konstatiere grundsätzlich in letzter Zeit sehr unösterreichische Umtriebe, wenn es darum geht, eine telefonische Information zu bekommen. Man ist als gelernte Hotline-Kundin ja viel Kummer gewohnt. Man hat ja Telefon seit den achtziger Jahren und Internet seit den frühen Neunzigern, und wurde zu dieser Zeit auch von diversen Behörden (u.a. Melde-, Pass-, und Finanzamt) als existent und säumig registriert. Und hat seither viel Zeit damit verbracht, seine Elektro-Kommunikation in Gang und seine Angelegenheiten in Griff zu bekommen, was einem früher von den zuständigen Stellen so schwer wie irgend möglich gemacht wurde. (Die Zeit, die ich anlässlich von 14 Wohnungswechseln in Meldeämtern zubrachte, summiert sich zu Tagen, ja, Wochen.) Und jetzt: Man wartet kaum, wird freundlich empfangen, die Anliegen werden schnell und kompetent erledigt. So erlebe es ich jedenfalls. Auch der Versuch, telefonische Hilfe im Zusammenhang mit Telekommunikation zu erhalten, ist von einer traumatischen Nerven- und Sitzfleisch-Sache, die häufig an inkompetenter Stelle ergebnislos endete, zu einem Spaziergang geworden: Man wird freundlich und namentlich begrüßt und gefragt, wie einem geholfen werden kann. Und dann wird einem meistens wirklich geholfen! Vielleicht ist Österreich doch nicht Kundendienstresistent! Schwer zu glauben, aber tja.
15.05.10

Neidgesellschaft an der Biotonne

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Das ist Krise: Oben jonglieren die Finanzminister mit Abermilliarden von Euro, unten streiten sich die sog. kleinen Leute wegen weggeschmissenem Obst. Gestern früh rief mich die die Kollegin U. an, zitternd vor Zorn. Sie hatte eine große Supermarkt-Filiale angesteuert, aber bevor sie diese betreten konnte, wurde sie von einer Auseinandersetzung vor der Biomülltonne abgelenkt. Ein einfach gekleideter Mann um die 60 wollte sich eben ein weggeworfenes Bündel Bananen aus dem Container nehmen, woran ihn in weiterer einfach gekleideter Mann um die 60 zu hindern trachtete: „Des dürfen’S ned.“ Der erste: „Sind aber weggeschmissen.“ Der zweite: „Des dürfen´S trotzdem ned.“ Es geht hin und her, bis sich die Kollegin. einmischt: „Jetzt lassen´S ihn halt die Bananen nehmen.“ Herr Nr. 2: „Das wollte ich letztes Mal auch, aber der Filialleiter hat gesagt, des derf i ned. Also darf der auch nicht.“ Die Kollegin: „Ja, aber bevor die Bananen weggeschmissen werden...“ Der Herr Nr. 2 erklärt vor einem mittlerweile großen Publikum, dass er jetzt den Filialleiter holt. Was geschieht, aber der Herr Nr. 1 macht in der Zwischenzeit einen Abgang. Trotzdem betont der Filialleiter, dass das nicht gehe, dass jeder einfach Obst aus dem Biomüll hole, das sei Diebstahl. Und das ist es rechtlich auch. Aber als die Kollegin den Herrn Nr. 2 fragte, ob es jetzt wirklich notwendig gewesen sei, den ersten Herrn zu vernadern, habe dieser gesagt: „Ja, weil ich habe das auch nicht dürfen.“ Die Kollegin U. rief mich hinterher aufgebracht an: „Kannst du das glauben? Weit haben wirs gebracht, wenn wir es anderen schon neidig sind, dass sie sich etwas aus einem Mistkübel nehmen.“ Die Krise in den Menschen, das ist vermutlich die schlimmste.
12.05.10

Steigen Sie bitte aus

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Dass Bus fahren auch in Österreich eine recht freudlose Sache sein kann, beweisen ein paar Leserinnen-Geschichten. So berichtete mir Gabriele G. von ihrer 72-jährigen Mutter, die in Traiskirchen lebt und gerne eine ihrer Töchter plus Enkel in St. Pölten besucht. Mit dem Bus. Was nicht unkompliziert ist. Sie muss mit dem Wiesel-Bus von Baden nach St. Pölten, der fahre aber nur einmal täglich, weshalb sie um 7.10 Uhr zuerst mit dem Bus der Wiener Lokalbahnen nach Baden fährt; zu dieser Zeit ist der dieser voll mit Schülerinnen und Schülern. Mehr als einmal sei deshalb die Mutter vom Busfahrer aufgefordert worden, den Bus wieder zu verlassen, da dieser zu voll sei, was diese mit Hinweis auf ihren Anschlussbus verweigerte, was den Busfahrer wörtlich „nicht interessierte“. Die alte Dame fuhr trotzdem mit. Ein anderes Mal habe die Mutter ihren Pensionisten-Ausweis gezeigt und dem Busfahrer das Geld passend gereicht, welcher ihr aber einen normalen Fahrschein heraus drückte. Die Mutter habe protestiert. Der Fahrer habe gesagt: „Hob i ned gsehn.“ Die Mutter habe bemerkt, dass sie den Ausweis aber deutlich sichtbar hingehalten habe. Der Fahrer habe gemeint: „Glauben´S do schau i drauf?“ Dass ihr im Wiesel-Bus nicht geholfen wird, wenn sie ihren Trolley im Stauraum unterzubringen sucht, ist die 72-jährige schon gewöhnt. Dass der Bus nach dem Aussteigen mit ihrem Koffer darin abfährt, sei ihr aber erst einmal passiert. Was hoffentlich auch nicht wieder passiert: Im 62 A in Wien wurde die Freundin einer Leserin vom Fahrer aufgefordert, den Bus zu verlassen, weil ihr Baby seit drei Stationen weinte. Die junge Mutter stieg aus und weinte mit.
11.05.10

Wie ist man Eltern?

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Die Deutschen diskutieren gerade darüber, wie man korrekt Eltern ist. Konkret hat sich die FAZ auf die neue Familien-Zeitschrift Nido eingeschossen. Nido, ein Ableger des Stern-Magazins Neon, erscheint seit neuestem monatlich und will das Sprachrohr einer neuen, coolen Elterngeneration sein, die den Nachwuchs in ihr Leben integrieren möchte anstatt umgekehrt. Das passt nicht so recht ins Kindchenschema der alten Tante FAZ, die kritisierte, Kinder kämen in Nido nur am Rande vor, „bestenfalls als modisches Anhängsel, das auszustaffieren man sich dem Kaufrausch ungehemmt hingeben darf, schlimmstenfalls als ein Handicap, dessen man sich irgendwie entledigen sollte.“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung legte am Muttertag noch nach: für Nido bliebe „Kinderhaben eine Frage des Lifestyles“. Tatsächlich werden in Nido Fragen gestellt: „Bin ich eine gute Mutter?“ Wie gehen zwei einst gleichermaßen einkommenstarke Partner mit dem neuen Familienbudget um? Gibt es im Land genug Krippenplätze, und wenn nein, warum nicht? Und das, ja, ein wenig poppiger und radikaler als in „Eltern“. Die Debatte darüber, was Eltern ausmacht, wie sie leben und mit ihren Kinder umgehen sollten, wurde auch durch Ursula van der Leyens streitbare Familienpolitik angefacht und macht hierzulande vor allem eins: neidisch. Denn bei uns ist moderne Elternschaft eine vorwiegend budgetpolitische Frage, keine philosophische. Und wird medial weitgehend als obskures Randthema betrachtet, das seine Entsprechung in oft originell platzierten Randspalten findet. Oder, eh, in Frauenzeitschriften, wo das Thema Familie für viele noch immer perfekt aufgehoben ist. Nido erscheint übrigens in einer Auflage von 200.000 Stück.
6.05.10

Was wir dringend lernen sollten

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Rankings können wir nicht so gut. Weil: Schon wieder ein neues Ranking, in dem Österreich nicht besonders glorreich abschneidet: In der Rangliste der Länder, in denen Mütter am besten und sichersten leben, belegt Österreich den 26. Platz der 43 entwickelten Länder. Das ist interessant, auch im Vergleich zu einem anderen Ranking: Dem EU-Ranking über die Frauen-Gleichstellung, in dem Österreich im vergangenen Jahr dramatisch auf den vorletzten, 26. Platz abgerutscht ist. Weil bei uns Frauen um durchschnittlich 25,5 Prozent weniger verdienen als Männer. Jetzt müsste man meinen, dass es ein Land, das die Frauen am Arbeitsmarkt, in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft so massiv benachteiligt, wenigstens auf dem Gebiet der Mutterschaft mindestens aufs Stockerl, wenn nicht ganz nach vorne schaffen müsste, als logischer Ausgleich. Aber: genau nicht. Wieder, wie auch beim Gleichstellungsranking, liegen die skandinavischen Länder (und Australien) vorn: Dort sind die Frauen nicht nur am gleichberechtigsten, es geht dort auch den Müttern am besten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Wo Frauen viel Verantwortung und viel zu sagen haben, haben Frauen, ihre Interessen und ihre spezifischen Anliegen automatisch eine starke Lobby. Denn Frauen wissen nun einmal am besten, was Frauen in ihren individuellen Lebenssituationen brauchen und wollen: während der Ausbildung, wenn sie in den Beruf einsteigen, wenn sie Kinder bekommen, wenn sie trotzdem arbeiten wollen, wenn Familien auseinander brechen, wenn sie keine Kinder wollen und lieber auf sich gestellt sind. Wir lernen: Wo Frauen stark und gleichberechtigt sind, leben auch Mütter und Kinder gut. Besser: wir sollten es lernen, dringend.
5.05.10

Wie wir wurden, was wir sind

| 05/10 | Kurier-Kolumne

Es ist vollbracht. Ihre Autorin, die es nicht lassen kann, bei diesem Thema immer wieder beide Seiten zu recherchieren, hat mit dem Rauchen wieder aufgehört. Nachdem ich die Recherche zwei Monate lang sehr ernst genommen habe, 20-bis-30-am-Tag-ernst, um genau zu sein. Der Entzug fand unter verschärften Bedingungen statt, weil ich mir während der ersten drei Tage die gesamte zweite Staffel von „Mad Men“ anschaute. „Mad Men“, wer’s noch nicht kennt, ist eine unglaublich gut aussehende US-TV-Serie, die in einer New Yorker Werbeagentur der 1960er Jahre spielt. Und in der man die Charaktere mitunter kaum erkennen kann, weil sie permanent in dichten Rauchwolken verschwinden. In „Mad Men“ wird unablässig getschickt: In den Büros, während des Frühstücks mit den Kindern, ja selbst in Arztpraxen und Kinderzimmern. Das ist das Spannende an dieser Serie: Dass sie den jetzt 20 - bis 50jährigen zeigt, wie wir wurden, was wir sind: und was wir auf dem Weg in die Gegenwart alles zurück ließen. Im Prinzip macht „Mad Men“ anschaulich, was das konkret bedeutet, gesellschaflicher Wandel und kollektiver Konsens, und wie dergleichen entsteht. Verantwortungsbewusste Mütter sperren in „Mad Men“ ihre Kinder zum Zwecke der Züchtigung in dunkle Kleiderschränke und fordern ihre Ehemänner auf, den Fünfjährigen endlich wieder einmal zu verprügeln. Bierdosen werden in der Natur entsorgt, es wird beim Autofahren Whisky getrunken und auch mit Fremden konsequent ohne Kondom gevögelt. Frauen werden ganz selbstverständlich benachteiligt und fangen gerade erst an, das merkwürdig zu finden. Und rauchen ist gesund. Letzteres hätte von mir aus gern so bleiben dürfen. Aber nur letzteres.
29.04.10

Politik für Anfänger

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Die neunjährige Tochter der H.s wurde als eine von zwei Vertreterinnen ihrer Volksschule ins Währinger Schülerparlament gewählt: eine Sache, der viel politische Bildung im Unterricht voran ging. Dann fand die erste Sitzung dieses Schülerparlaments statt und die Schülerin kam mit einem Packerl Unterlagen zurück: sowie einem neuen Ravensburger-Spiel, Wert, schätzt die Mutter, ca. 30 Euro. Das sei, fragten die Eltern das Kind, wohl für die Schule? Nein, sagte das Kind, das habe es vom Bezirksvorsteher als Geschenk für sich erhalten. Das fanden die Eltern nicht in Ordnung, sondern sehr bedenklich. Weil: was ist das für eine politische Sozialisation, was lernt ein Kind daraus, dass politisches Engagement unmittelbar mit persönlicher Bereicherung einher geht? Die H.s schrieben dem ÖVP-Bezirksvorsteher von Währing deshalb am 7. April einen Brief, eine Kopie erging an die Schule ihrer Tochter. In dem Schreiben fragten sie höflich, aus welchem Grund das Kind „eine Belohnung für die Teilnahme am Schülerparlament“ erhalten habe. Denn: „Unserem Demokratieverständnis nach muss allein die Auswahl zur Teilnahme Ehre und Belohnung genug sein. Schließlich vertreten die Grundschüler nicht ihre privaten Interessen, sondern sind von der Schule demokratisch gewählt und als deren Vertreter mit einem Auftrag ins Parlament geschickt worden.“ Das dürfe, schlossen die H.s „nicht mit individueller Begüngstigung verbunden sein“. Dass der Bezirksvorsteher den Brief erhalten hat, wissen die H.s, weil sie hörten, dass er offenbar die Schuldirektorin deswegen anrief. Eine Antwort erhielten sie nie. Vielleicht versteht der Bezirksvorsteher ja einfach das Problem nicht: So läuft Politik nun halt einmal.
28.04.10

Nur ein Wind im Wind

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Die Lesermeinungen im Online-KURIER sind ab sofort mit Vor- und Nachnamen gezeichnet. Ich begrüße das außerordentlich: es ist ein substanzieller Beitrag zur Emanzipation der Gesellschaft. Andere Zeitungen ermöglichen ihren online-Leserinnen und -Lesern noch immer anonyme Postings, aus einem leicht durchschaubaren Grund und auf der Basis einer ziemlich fragwürdigen Behauptung: Dass das Leserinteresse und die Relevanz eines Artikels sich daran bemessen lasse, wie oft dieser angeklickt wird. Je mehr Postings desto mehr Klicks, weil die Poster den Artikel öfter anklicken, um zu sehen, ob auch ihre Meinung kommentiert wurde. Und je anonymer die Postings, je sicherer das Versteck, desto eher trauen sich die Leute, einen Kommentar abzugeben. Kann ihnen ja nichts passieren, weiß ja keiner, wer dahintersteckt, muss ja niemand zu seiner Meinung stehen. Aus dieser Deckung heraus trauen sich Leute Meinungen und Kritik in mitunter beängstigender Brutalität zu artikulieren, für die sie im richtigen Leben einfach zu feig sind. Ich meine (nicht zum ersten Mal): Eine Meinung ohne erkennbaren Sprecher hat soviel Gewicht und Bedeutung wie ein Wind im Wind. Das ist verbales Heckenschützentum, etwas für totalitäre Regime, in denen kritische Menschen um ihre Existenz bangen müssen. Eine offene, aufgeklärte Gesellschaft dagegen braucht Menschen mit Haltung, die sich trauen, sich zu ihren Ansichten und ihrer Kritik zu bekennen. Was auch nur fair ist gegenüber den kritisierten Journalisten, die das schließlich auch tun. Vermummte, verbale Ballerei aus dem Graben heraus ist stil- und rückgratlos – der Kenntnisnahme nicht Wert. Kritik mit Vor- und Zunahme dagegen: bitte, her damit, jederzeit.
27.04.10

Hier kommen Sie nicht raus

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Der Kollege V. hat ein frisches Kind und hat (macht? absolviert? leistet? wie sagt man da?) seinen Papa-Monat. Und forscht nun in seiner Gegend nach Plätzen, an denen es sich mit einem Kinderwagen angenehm herumsitzen lässt. Und hörte von einem versteckten, aber eigentlich öffentlichen kleinen Park im Gebäudekomplex der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter in der Josefstädter Straße. Und beschloss, sich den einmal anzusehen. Er durchschob also den Haupteingang und fand dann auch eine Türe, hinter der es grün leuchtete. An der Tür befand sich zwar ein Kein-Ausgang-Schild, aber sie erwies sich als unverschlossen, also trachtete V. danach, sie zu durchschreiten. Da könne er nicht hinaus, sagte der Portier. Es sei aber eh offen, sagte V. Aber er dürfe nicht, sagte der Portier. Dürfe er doch, sagte V., bewies es, saß ein Stündchen im Grünen in der Sonne und trat dann den Rückweg an. Der Portier stand gerade bei der Tür im Hof und rauchte. Und beschied V., dass er da nicht zurück könne. Wieso nicht. Sei verschlossen. Aber er gehe dann ja auch wieder hinein, sagte V. Na, er wisse ja auch, wie man sie öffnet. Dann solle er dieses Wissen, bat V., doch bitte anwenden. Er dürfe aber mit dem Kinderwagen nicht mehr vom Hof zurück ins Foyer, sagte der Portier. Warum nicht, sagte V. Weil das Spuren mache. Und was mit den Portiersschuhen sei, machen die keine Spuren? Nicht solche wie ein Kinderwagen. Aha. Deshalb. An dieser Stelle bietet sich auch ein Plädoyer für rauchfrei Kaffeehäuser an. Denn kürzlich war ich in einem der wenigen, genoss es, und gegen Mittag konnte ich es kaum mehr verlassen, weil es von acht Kinderwägen völlig verstellt war. Was es nicht wäre, wenn in allen Kaffeehäuser nicht mehr geraucht würde. Also.
26.04.10

Wie es schmecken soll

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Am Wochenende bei der Reinsaat in St. Leonhard Setzlinge gekauft; Zucchini, Mangold, Kürbisse, Paprika und Pfefferoni, seltene, alte Paradeisersorten. Bald ist Pflanzenmarkt bei der Arche Noah in Schiltern; dort weiß man gar nicht, wo anfangen, vor lauter tollen, kuriosen Gemüsesorten: gesammelt und gezogen von Utopisten mit der fixen Idee, dass wir keine wässrigen Paradeiser essen sollen, die in Holland oder Spanien auf Chemie-Teppichen gezogen werden. Man muss gar nicht bis Schiltern fahren, man kann das jetzt auch bei Billa kaufen: Eine Auswahl von Samen alter Sorten und die Bio-Erde dazu. In Österreich gab es Bio-Freiland-Eier im Supermarkt , als die Menschen in deutschen Städten schon wieder vergessen hatten, was das ist, ein gesundes Hendl, das auf einer Wiese herumrennt und Körndl pickt. Weil sich Europa schon daran gewöhnt hatte, dass Hühner massenhaft in Käfigen gehalten werden, auf Gitterrosten, wo sie nicht schmutzen und nie die Sonne sehen. Dass man Obst und Gemüse nicht mehr in der Erde wachsen lässt, sondern in Agrarindustrien herstellt, in Landschaften, die keine mehr sind, weil sie unter pestizidverseuchten Folientunneln verschwinden, in denen unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen geschmackloses Gemüse produziert wird. Das ist einmal eine schöne österreichische Tradition: dieses gute, überlieferte Wissen, wie Landschaften aussehen, Tiere gehalten werden und Nahrungsmittel schmecken sollen. Und wir haben, zum Glück, die entschlossenen Narrischen, die engagiert dafür sorgen, dass dieses Wissen nicht in den Archiven vergilbt, sondern auf Feldern, in Gärten, auf Weiden und schließlich auf unseren Tellern weiterlebt. Weil wir leben wie wir essen. Hier: gut.
20.04.10

Na, geht doch!

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Ah, das Internet funktioniert wieder. Das macht mich nervös, wenn das Internet einmal zehn Minuten nicht funktioniert: man fühlt sich abgeschnitten von der Welt. Na gut, man hat auch noch ein Handy, trotzdem. Dabei hat man einmal tadellos ohne Internet und Handy überlebt, erstaunlicherweise war das einst möglich. Und das Leben war gut, manche meinen sogar: besser. Unbeschwerter. Ruhiger. Konzentrierter. Ja. Trotzdem bin ich froh, dass das Internet wieder funktioniert. Und ich hoffe auch, dass die Post heute wieder kommt. Das ist derzeit nicht täglich der Fall: Der üblicherweise zuständige, absolut zuverlässige Postler ist wohl auf Urlaub oder krank. Gestern kam sie endlich wieder, die Post, und mit ihr die Wahlkarte für die Bundespräsidentschaftswahl, und ich habe gewählt. Und ich finde es, bei dem Weg, pädagogisch wenig wertvoll, den Wählern das Weiß-Wählen anzutragen, das ist ein bisschen wie wenn man Kindern beibringt, dass sie etwas, das sie nicht haben können, lieber kaputtmachen sollen. Es wirkt etwas kleinlich. Apropos kleinlich: Auch die Amerikaner entdecken jetzt das Radfahren: US-Verkehrsminister Ray LaHood möchte Radfahrer und Fußgänger bei der Vergabe öffentlicher Mittel künftig den Autofahrern gleichstellen. Große Proteste der Auto-Lobby. Auch in Österreich werden Vorschläge, dem unmotorisierten Straßenverkehr die gleichen Rechte einzuräumen wie dem motorisierten, noch immer mit Kopfschütteln quittiert: Ein Leser schrieb, das sei „eine unglaubliche Entgleisung“. Dennoch weisen alle Zeichen darauf hin, dass sich die Fortbewegung im öffentlichen Raum weiter diversifizieren wird. Und, doch, das ist gut.
20.04.10

Alles so schön übersichtlich

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Das Niki-Lauda-Interview im Seitenblicke-Magazin wurde hier gestern schon zitiert und wird es heute erneut, weil es noch mehr Signifikantes enthält. Diesmal im Zusammenhang mit der Frauenquote, die längst keine linke Forderung mehr ist, sondern auch von konservativen Politikerinnen mitgetragen wird, die ebenso resigniert einsehen, dass sich das Geschlechterverhältnis in Wirtschaft und Politik und Haushalt ohne Quoten niemals ändern wird. Denn in der Realität hat man es immer noch mit einer Generation von Männern zu tun, die an einer Änderung der Verhältnisse schlicht desinteressiert ist. Niki Lauda ist ein typischer Vertreter dieser Gruppe. In erwähntem Interview, in dem es um seine Familie geht, sagte Lauda, nein, er habe noch nie eins seiner Babys gewickelt, „weil sie sich noch nie vor mir angemacht haben.“ Und er finde die Diskussion um die Karenzväter „mühsam: Warum müssen sich Karenzväter so wichtig machen?“ Lauda findet, ob einer Windeln wechsle oder nicht, sei „kein Maßstab, ob ich nun ein guter oder ein schlechter Vater bin.“ Das sollen lieber die Mütter machen, denn im Allgemeinen „wachsen die an ihrer Aufgabe mit Freude und Hingabe.“ Dieser Männertyp will, dass alles so schön übersichtlich und optimal verteilt bleibt wie in den 1950er Jahren: die Männer in den Führungspositionen, die Frauen daheim bei den Kindern. Dieser Männertyp ist überzeugungs-, ermahnungs- und erziehungsresitent. Diese Männer muss man mit Quoten zwingen, damit Frauen endlich die gleichen Rechte bekommen und „Karenzväter“ zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit werden. Denn vollmundig beteuert und lieb besänftigt wurde lange genug: Es ist jetzt Zeit, Fakten zu schaffen.
19.04.10

So einfach ist das nicht

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Im Internet kursiert seit Freitag ein Interview von Ö3-„Mikro-Mann“ Tom Walek, in dem er eine junge Frau fragt, „für welches Amt die Bundespräsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz“ kandidiere. Die Antwort im Original: „Für welche Partei?“ Nein, für welches Amt. „Boah, ich weiß es wirklich nicht.“ Woher sie sei? „Aus Wels. Und ich sollte es eigentlich wissen, weil ich bin bei der FPÖ.“ Was sie bei der FPÖ mache? „Ich bin nur Jugendreferentin.“ Aha. Welche Fragen denn die Jugend so zur Politik habe? „Na, ned solche jetzt. Aber ich hab schon vo dera Rosenkranz gehört. Was sie macht, das ist jetzt...“ Was eine Bundespräsidentschaftskandidatin sei? „Ah, ja, hahaha.“ Für welches Amt sie dann kandidiere? „Das traue ich mich im Moment nicht sagen.“ Wer denn im Moment aktueller Bundespräsident sei. „Na, ich trau mich das nicht sagen, weil was ist , wenn es der nimmer ist?“ Na, sie solle einmal sagen, wer es ist. „Na, ich sag jetzt nichts, jetzt wird’s peinlich.“ Wer jetzt Bundespräsident sei. „Ich weiß es nicht.“ Ja, dann mache er es ihr einfacher: Wer Bundeskanzler sei, Josef Pröll... „Oder?“ Werner Faymann. „Da sag ich den ersten. Aber mir sagen beide Namen jetzt gar nichts.“ Ok, dann einen dritten Namen: Heinz Fischer. „Der sagt mir schon was! Ich glaub, das ist er.“ Was macht also Heinz Fischer? „Bundeskanzler. Sagerte ich jetzt einmal.“ Aber auch andere Menschen haben Probleme mit einfachen Fragen. Niki Lauda wurde kürzlich vom Seitenblicke-Magazin als großer Familienmensch präsentiert und nach den Vornamen seiner verstorbenen Eltern gefragt. Lauda: „Keine Ahnung.“ Nach einigem Nachdenken: „Also, meine Mutter hieß... Elisabeth. Das ist fix.“ Und der Vater „hatte einen Doppelnamen. Glaub ich.“ Er hieß Peter.
15.04.10

Süße Katze abzugeben

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Das Kind durchläuft eine Phase forcierter Pampigkeit und sucht gerne Streit. Beliebtes Thema: Haustiere. „Warum darf ich eigentlich keinen Hund?“ Aus den hundert Gründen, die wir schon hundertmal durchdekliniert haben, darum. Freundin E. hat damals, als ihr Sohn sieben war, nachgegeben; er wollte eine Katze. E., die keine Katzen mag, ließ sich vom Sohn das Tier einreden, weil er sich, eh klar, um alles kümmern würde, Kisterl, Futter, alles, was nach zwei Wochen, eh klar, nicht mehr der Fall war. Als der Sohn mit 18 eine eigene Wohnung bezog, sah seine Mutter eine einmalige Chance, das kratzbürstige Katzenvieh loszuwerden und machte mit dem Sohn ein, wie sie fand, für beide vorteilhaftes Geschäft: Er nahm seine Katze mit, sie zahlt ihm dafür seither 100 Euro monatlich für deren Unterhalt. Zur Schonung ihrer Nerven (es gibt innerhalb der Familie stark divergierende Auffassungen über den Begriff „Ordnung“) betritt E. die Wohnung des Sohnes nur selten; und als sie es vor einigen Monaten doch tat, wurde sie sogleich darüber informiert, die Katze sei, wegen einer Reise, noch bei der Nachbarin. Kürzlich googelte E. den Sohnemann einmal und stieß auf eine Internet-Anzeige mit einem Foto, auf dem der Sohn mit traurigem Lächeln die Katze auf dem Arm hält: Mit dem Text, eine „uuuuursüße 3-färbige Katze“, zutraulich und sterilisiert, müsse leider abgegeben werden, da er nach New York auswandere. Er hoffe einen Platz für sie zu finden, da er sie sonst einschläfern lassen müsse, „und das würde mir das Herz brechen“. Das Inserat stammt aus dem Jänner letzten Jahres und von Auswanderungsplänen ihres Sohnes hat E. noch nie etwas gehört. Sie hat jetzt aber die Unterhaltszahlungen eingestellt.
14.04.10

Radweg oder Holzweg?

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Man ist als Radfahrerin allerlei Unbill ausgesetzt: plötzlich aufgehende Autotüren, nicht blinkende Rechtsabbieger, auf Radwegen parkende Zulieferer, Fußgänger, die einfach auf die Straße laufen, weil sie glauben, wenn sie kein Motorengeräusch hören, kommt auch nichts. Und man ist auch selbst gefährlich für die Autofahrer, wenn man plötzlich rechts vorgefahren oder in einer für Radfahrer freigegebenen Einbahn entgegenkommt. Aber es gilt halt ganz besonders auf der Straße: Man kann nicht alles tuttiquanti mit Regeln regeln. Man kann den Verkehrsteilnehmer nicht in Watte packen. Er muss selbst aufpassen und sich selbstverantwortlich der Gefahren bewusst sein. Insofern ist auch der Radweg immer wieder ein Problem. Weil er dem Radfahrer das Gefühl vermittelt, er sei dort sicher und alle anderen Verkehrsteilnehmer in der Illusion wiegt, Radfahrer seien nur am Radweg anzutreffen. Beide Seiten werden hochfrequent vom Gegenteil überrascht. Aktuelles Radweg-Problem: Sollen E-Bikes darauf fahren müssen? Momentan gilt Radweg-Pflicht für alle Radfahrer außer Rennrad-Fahrern, was die Rad-Organisationen schon lange stört. Während der ÖAMTC meint, es entspreche der Meinung der Österreicher, dass bereits vorhandene Radwege auch von E-Bikes benützt werden sollen. („Meinung der Österreicher“ heißt hier wohl: Meinung der Österreicher innerhalb eines PKWs). Es wäre klug, die Autofahrer endlich an Radfahrer auf der Straße zu gewöhnen. Es werden ja immer mehr: Mittlerweile fahren 4,5 Millionen Österreicher Rad, Tendenz steigend. Was die Radwege auf Dauer nicht fassen werden. Es wird ein Miteinander geben müssen, jetzt oder dann.
12.04.10

Wenn Hader "ha" sagt

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Wenn, sagen wir, Hansi Hinterseer „ha“ sagt (etwa im Kontext von: „Isch des nit bärig, ha?“) dann heischt dieses „ha“ nach kollektiver Zustimmung. Wenn Josef Hader „ha“ sagt, dann das Gegenteil. Dann liegt in diesem „ha“ das ganze Spektrum von Angezipftheit und grollendem Grant. In der im ORF morgen und am Freitag gezeigten Serie „Aufschneider“ sagt Hader ein paar Mal „ha“. Also: „Haaa“. Weil es der Grundkonstitution seines Charakters entspricht, des Pathologen Hermann Fuhrmann, der uferlos im Clinch liegt: mit dem Grad des Ansehens, das ein Krankenhaus für Pathologen vorgesehen hat, mit der Ex-Frau, mit dem neuen Assistenten und mit dem Chirurgen Böck, den er unbedingt eines Kunstfehlers überführen will. Allerdings gibt das Leben Fuhrmann noch weitere Anlässe zu angespeisten „haaa“s, und davon handelt der „Aufschneider“. Und er handelt, im Kontext von Fernsehen im Allgemeinen, davon, wie Fernsehen im Speziellen sein kann. Ihre Autorin hat endlich die letzte Staffel der „Sopranos“ quasi am Stück gesehen und ist jetzt entsprechend aufgewühlt und qualitätsverwöhnt. Und auch wenn der „Aufschneider“, nona, nicht die „Sopranos“ ist und sein kann, vermittelt er doch eine sehr anschauliche, überzeugende Idee davon, dass auch mit den heimischen Produktionsbedingungen (und mit der einen oder anderen Konzession an das hiesige 20.15-Uhr-Publkum) gutes, intelligentes, lustiges und mitreißendes Fernsehen möglich ist. Man muss halt die guten, intelligenten Leute ran und machen lassen. Was in diesem Fall geschah. Und das Ergebnis sollte dem ORF Anlass genug sein, dieses Konzept entschieden weiter zu verfolgen. Ha? Und zwar „ha“ im hinterseerschen Sinn.
10.04.10

Die Eltern müssen ran.

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Das Reaktionsspektrum auf die dicke-Kinder-Kolumne war breit. Katharina G. ist erzürnt: „Ihr schriftlicher Ausflug zu Schwabbel-Bäuchen und Fett-Brüsten war völlig unter der Gürtellinie. Ich hoffe, dass keines dieser Kinder ihre Zeilen gelesen hat.“ Susanne C. meint, die Politik müsste „viel härter bei den vielen falsch deklarierten Lebensmittel einschreiten.“ Oder beim Fast-Food. Brigitte R. beschreibt einen aktuellen TV-Spot: „Ein Kleinkind versucht, mit ungeeignetem Besteck Köstlichkeiten wie Muscheln, Fisch, Oktopus, zu essen und verzweifelt.“ Dann zeigt man es, wie es glücklich in einem Fast-Food-Restaurant „alles mit den Fingern essen“ darf. Franz B., seit 30 Jahren HS-Lehrer widerspricht : In seiner Schule gebe es mehr als zwei Turn-Stunden und „dauernd Projekte gegen ungesundes Leben. Aber was nützt es, wenn trotzdem Wurstsemmeln und Eistee gekauft werden und der Schulwarte auf Obst und dgl. sitzen bleibt?“ Eine Möglichkeit wäre, Wurstsemmerl und Eistee an Schule nicht zu verkaufen. Jugend- und Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch verweist auf das Projekt „Bewegtes Lernen“ an 150 Wiener Volksschulen, auf gut akzeptierte Sportaktionen und das Bio-Essen, das in Kindergärten und Schulen angeboten werde. Zudem: Man dürfe bitte die Eltern nicht aus der Verantwortung entlassen. Stimmt, und das wird an dieser Stelle hochfrequent betont. Allerdings: Was, wenn immer mehr Eltern ihre Kinder mit Junkfood vor dem Bildschirm verskommen lassen? Schaut man dann einfach zu? Sollte ein verantwortungsbewusstes Bildungswesen die Vermittelung dieses fürs Leben substanzielle Grundwissen nicht noch viel stärker übernehmen? Ich meine: doch.
8.04.10

Unbeweglichkeit, ff

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Eine aktuelle Untersuchung beweist’s, die bald beginnende Badesaison wird es zeigen: Die Wiener Kinder sind zu dick. Es sind zu viele zu dick, und viele sind viel zu dick. Sie springen in den städtischen Freibädern (an deren Buffets, ich wette, auch heuer wieder nur Eis, Pommes, Langos und kein Stück Obst angeboten werden wird) von den Sprungbrettern, und werden begeistert bejohlt, wenn das Becken überschwappt. Und sie tun einem leid, mit ihren Schwabbel-Bäuchen und ihren dicken Beinen und ihren Fett-Brüsten. Die Amerikanisierung der heimischen Teenager-Figur schreitet munter fort. Seit Jahren wird warnend darauf hingewiesen, dass es schlimmer geworden ist und werden wird, und was wird an den Stellen, die das könnten, unternommen? Nichts. Die Stundenpläne werden nicht geändert; zwei Stunden Bewegung pro Schulwoche gelten nach wie vor als ausreichend. Ernährung steht noch immer nicht am Stundenplan, gut und gesund kochen lernen sowieso nicht: Außer wenn, wie an einigen Schulen, die Lehrerinnen und Lehrer in Eigeninitiative regelmäßig mit ihren Schülerinnen und Schülern kochen und essen; und das wird ihnen nicht selten von Vorschriften schwer gemacht. Es ist eine traurige Ironie, dass Kinder im Fernsehen, von Sascha Walleczek, mehr über richtige Ernährung lernen als in der Schule. Oder von ihren Eltern, die es auch nicht besser gelernt haben: Die dicken Kinder werden zu dicken Erwachsenen, die ihre Kinder wieder dick machen. Dass man hier so lange zuschaut und diesen Kreislauf nicht endlich effizient unterbricht, ist pure Verantwortungslosigkeit. Gesellschaftspolitische Unbeweglichkeit, die zu faktischer Unbeweglichkeit führt: jener der dicken Kinder.
7.04.10

Was Buben halt für stark halten

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Habe mir endlich das umstrittenee Na-C-Strache-Rap-Video angesehen. Es ist ein Song, den ein heute 15jähriger vor zwei Jahren geschrieben, aufgenommen und mit einem Video versehen hat und den 2008 praktisch niemand zur Kenntnis nahm; jedenfalls die FPÖ nicht. Die Wahlkampf-Brandung hat das Video nun angeschwemmt. Darin rappt Big DnC, ein dünner Bub, zu netten, reduzierten Nintendo-Sounds über H.C. Strache – im Song: Na C Strache. Es ist adoleszentes Machtgehabe, viel saudummes Gefuchtel mit Messern und Pistolen, Konfektions-Gewaltfantasien, wie sie 13jährige, die zu oft Slasher-Filme sehen und Playstation spielen, halt als Ausdruck von Stärke rezipieren. Andererseits findet man, wenn man einmal auf den Text hört, in dem Lied neben den ganzen Kraftausdrücken, Schimpfkanonaden und Gewalt-Idiotien noch etwas: für ein Kind durchaus wache Beobachtungen der rechten Ausdrucksformen und einiges an putzig gereimter, gar nicht so kindischer Kritik, die sich nicht nur an die FPÖ richtet. „Es ist klar, Ausländer sollten sich anpassen. Aber wenn sie’s nicht tun, ist das kein Grund, sie zu hassen.“ Und: „Ich hab so viele offene Fragen / über Politik: Keiner kann mir irgendwas sagen.“ Oder: „Ich frag mich, ob die Sätze, die Sie sagen, noch Sinn haben.“ Die FPÖ ist naturgemäß empört und fühlt sich bedroht. DnC sagte in einem Interview, er würde das heute nicht mehr so machen. Er ist jetzt älter. Gut. Noch eine Textzeile: „Am liebsten sähen sie mich stumm mit Knebel. Aber aufgepasst, ich habe mehr als meinen Säbel!“ Aber, halt, Moment: Diese Drohung ist ja gar nicht von DnC. Die stammt vom Rapper HC Man. Den kennen wir auch als H.C. Strache.
6.04.10

Gratis-Kindergärten: heute so, morgen so.

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Sollen Kindergärten jetzt gratis sein oder nicht? Der steirische SPÖ-Landeshauptmann Franz Voves ist sich nach der Niederlage bei den Gemeinderatswahlen plötzlich nicht mehr so sicher. Die ÖVP – personifiziert in der Wiener ÖVP-Chefin und Staatssekretärin Christine Marek – ist sich uneins: Marek meinte am Donnerstag, der Kindergarten müsse „nicht zu 100 Prozent gratis sein“, und erklärte am Freitag geschwind, es sei ihr nur um die soziale Staffelung bei den Tarifen für Zusatzangebote gegangen. Die Beitragsfreiheit der österreichischen Kindergärten ist mehr als nur eine Geldfrage. Einerseits erscheint es gerecht, dass die, die es sich leisten können, für die Förderung und Betreuung ihrer Kinder auch einen Beitrag leisten. Andererseits geht es beim Gratiskindergarten um viel mehr als um Gerechtigkeit: Die öffentliche Finanzierung von Kindergartenplätzen ist ein politisches Bekenntnis dazu, dass die Förderung von Klein- und Vorschul-Kindern eine fundamentale, gesellschaftliche Notwendigkeit mit beträchtlichen Auswirkungen sowohl auf das einzelne Kind als auch auf das ganze Land bedeutet. Frühförderung ist, alle Untersuchungen belegen das, eine Investition in die Zukunft. Was ein Land für die Kleinkinder tut, bekommt es später zurück. Umdenk-Förderung. Aber das ist ein Umdenkprozess, der in diesem Land noch intensiver Frühförderung bedarf. Von heute auf morgen gibt es dafür – weil es hier natürlich auch um tüchtig Geld geht, das man in die Hand nehmen muss – keinen gesellschaftlichen und politischen Konsens. Oder einen nationalen: Denn die Fragen rund um den Gratis-Kindergarten müssten auf Bundesebene beantwortet werden, nicht von den einzelnen Ländern heute so und morgen so. Die Stadt Wien hat mit der Einführung der Gratis-Kindergärten Fakten geschaffen – mit Blick auf die Wien-Wahl natürlich. Die Praxis funktioniert bislang durchaus suboptimal: Denn wer sagt, der Kindergarten ist ab dem Tag X gratis, müsste an und für sich rechtzeitig dafür sorgen, dass man genug gut ausgebildetes Personal und ausreichend Kindergartenplätze hat, wenn man sie dann braucht. Das war nun eindeutig nicht der Fall. Und es wird sich erst zeigen, ob man sich nach der Wien-Wahl halt irgendwie durch die Mangelwirtschaft improvisiert und kalmiert, oder ob man tatsächlich für genügend Plätze sorgt und mehr Menschen beiderlei Geschlechts für den Beruf der Kindergartenpädagogin, des Kindergartenpädagogen begeistert. Wofür man für gewöhnlich mit ausreichend guten Ausbildungsplätzen und anständiger Bezahlung sorgt. Von all dem ist man derzeit weit entfernt. Wie labil so ein Bekenntnis sein kann, hat in der letzten Woche auch der steirische Landeshauptmann Franz Voves gezeigt: Kaum wird das Geld knapp, überlegt man gleich die Abschaffung der Gratis-Kindergärten. Und sagt damit: So wichtig ist das bitte auch wieder nicht. First Things First. Und Kinder, ihre Gegenwart und unsere Zukunft, gehören zu den ersten Dingen offenbar nicht. doris.knecht
1.04.10

Wo die wilden Mäuse wohnen

| 04/10 | Kurier-Kolumne

Ich erkenne einen Mäusekötel, wenn ich ihn sehe. Das, auch wenn der Mann aus Gründen der Verdrängung etwas anderes, Harmloses, hinein interpretieren will, das ist ein Mäusekötel. Nein: Das sind viele Mäusekötel. Glücklicherweise stehen die Stadt-Kinder, in deren Land-Zimmer die Maus offenbar irgendwo haust, allem Tierischen enorm positiv gegenüber, selbst Spinnen, so sie nicht zu groß und zu schwarz sind, und eine Maus: süß! Wo ist sie? Vermutlich in dem Loch hinter dem Heizkörper, da hat sie’s schön warm; oder in eurem zerwühlten Kleiderschrank, da riechts interessant. Eine Maus, herzig! Die Mutter ist nicht so begeistert, denn sie muss zur Radikal-Reinigung eines Zimmer schreiten, das nach der Winterpause innerhalb von Minuten in eine Müllhalde aus halbbekleideten Barbiepuppen, Lego-Ruinen, Playmobil-Kleinteilen und hüllenlosen CDs verwandelt worden war. Zuerst räumt ihr auf, dann putze ich, dann Mausefalle. Aber keine, wo die Maus tot wird!!! Nein, keine, wo die Maus tot wird. Man hat der Maus jetzt eine Lebendfalle hingestellt, aber so blöd ist die Maus wirklich nicht und hat den Speck in der Nacht einfach herausgeangelt. Die Maus ist allerdings ein minderschweres, ja eigentlich gar kein Landhaus-Entwinterungsproblem, denn heuer kam erstens Wasser aus dem Hausbrunnen, zweitens blieb es nach dem Anstellen der Pumpe innerhalb der Rohre und kam nur aus den dafür vorgesehenen Öffnungen heraus. Das war, sagen wir einmal, letztes Jahr nicht so; und zwar überhaupt nicht Die Maus erwischen wir schon noch, ich lege eben einmal ein bisschen Speck nach. Und hoffe, dass sie ihn in dem längst wieder restaurierten Spielzeug-Schlachtfeld auch findet.
31.03.10

Unerbetene Verscherzung

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Im Facebook kursiert eine Gruppe von „Menschen, die ihren Namen immer buchstabieren müssen“. Zu denen gehöre ich nicht. Ich würde, wenn dann, bei der Gruppe mit den Namen ressortieren, die gern einmal ein bissl missbräuchlich verwendet und verwitzelt werden. Dazu gehört wenig überraschend auch die oberösterreichische Gemeinde Fucking, die sich aktuell gleich mit zwei unerbetenen Verscherzungen konfrontiert sieht. Erstens durch den neuen Roman von Kurt Palm mit dem Titel „Bad Fucking“ (Residenz). Und zweitens in einem deutschen Bier des Namens „Fucking Hell“. Das ist, seien wir ehrlich, kein unwitziger Name für ein Helles, nur stimmt es halt nicht, was die Deutschen behaupten: Dass das Bier nämlich in Fucking gebraut worden sei. Die haben gar keine Brauerei. Im Journalismus gelten Witze mit Eigennamen als großes No-no, und ich begrüße das. Außer jetzt, wenn Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ihre Namen aus durchsichtigen Gründen ändern haben lassen: Wir erinnern uns immer wieder gerne an den Herrn Hojac, dem dieser sein ursprünglicher Name offenbar zu ungermanisch war. Nicht belegen lässt sich hingegen das hartnäckige Gerücht, Dominic Heinzl sei ein geborener Karl. Herr Heinzl, Jg. 1964, lieferte dem Magazin Fleisch zum Beweis sogar eine Geburtsurkunde; es bedeutet gewiss nichts, dass die 1992 neu ausgestellt wurde. Namen, die einem von der Herkunft zugewiesen wurden, sind für Witze aber tabu. Das wäre jetzt der perfekte Moment, den Titel dieser Kolumne in ein schlichtes, scherzloses Knecht zu ändern. (Chef, was meinst du?) Andererseits: Ich schreibe das alles ja eh gar nicht selber. Das erledigen durchwegs meine Zeilenknechte.
29.03.10

Gut unter Guten

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Beim Lichtertanz gegen Rosenkranz war ich nicht. Kurz überlegte ich, ob ich hingehen soll, weil es hieß, die beste heimische Band Kreisky trete auch auf. Tat sie dann aber aus guten Gründen nicht. Es gab weitere Gründe, nicht hinzugehen. Erstens zu viel SPÖ dahinter, also Wahlkampf. Zweitens: Ein Lichtermeer gegen Politiker - das erscheint mir der falsche Weg. Wer Barbara Rosenkranz und ihre Weltanschauung nicht will, soll sie nicht wählen; das ist Demokratie. Wer will, dass sie andere nicht wählen, soll die davon überzeugen, dass es falsch und schlecht für das Land ist; das ist Politik. Eine Masse zu bilden, die sich einfach nur gegen die andere Masse der Rechts-Wähler stellt: Damit überzeugt man niemanden, damit predigt man nur zu den Bekehrten und stärkt so die andere Masse. Drittens: Die selben Leute, die sich jetzt beim Lichtertanz wichtig gemacht und engagierte Grußbotschaften verlesen haben, begrüßten erst kürzlich vor Society-TV-Kameras Claudia Haider mit warmem Händedruck bei der Premiere eines Stücks mit zwei der Lichtertanz-Moderatoren im Akzent-Theater, und führten sie zu ihrem Platz in der ersten Reihe. Man erklärte mir das so, dass der armen Frau Haider ja vermutlich gar nicht bewusst gewesen sei, mit wem sie da verheiratet war, der könne man wirklich keinen Vorwurf machen. Frau Riess-Passer war auch eingeladen. Das ist ein bisschen das Problem in diesem Land: Es gibt für jeden und alles eine Entschuldigung. Am Ende geht es darum, dass sich alle gut fühlen und man nicht über die Gründe für den Erfolg von Strache & Co nachdenken muss. Ein Lichtermeer ist dafür ein schöner Ort. Man hält einfach ein Kerzerl in die Höh’: Und ist gut unter Guten, und total politisch; ja.
27.03.10

Dann doch noch König

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Am Mittwoch berichtete ich über einen Studenten, der beim Verlassen seines Zielbahnhofs von einer ÖBB-Kontrollorin ohne Ticket betreten und mit einem Erlagschein über Euro 90 versehen worden war. Trotz der Beweise, die er vorlegen konnte, dass er für die Fahrt mit der Bahn bezahlt hatte, war er in einem harschen Schreiben von den ÖBB aufgefordert worden, den Betrag umgehend zu überweisen, andernfalls Inkasso. Noch am selben Tag meldete sich mit einem freundlichen Mail ein Herr von der Schlichtungsstelle der Schienen-Control GmbH, der sich des Falls annehmen wollte; er könne nichts versprechen, aber er wolle versuchen, Herrn K. zu helfen. Selten war ein derartiger Versuch so schnell so erfolgreich. Schon einen Tag später erhielt ich zwei Mails. Eins von dem Herrn von der Schienen-Control: Er könne mich darüber informieren, „dass das Schlichtungsverfahren für Herrn Kowatsch positiv endete und die ÖBB PV auf die gesamte Fahrgeldnachforderung verzichtet hat“. Und eins vom Studenten K., das viele Rufzeichen enthielt, die anzeigten, wie sehr er sich über den positiven Ausgang seiner Angelegenheit freute. Die Autorin freut sich mit. Auch über die Geschichte von Frau K., die gerne einmal die ÖBB-Security gelobt wissen möchte. Einmal beobachtete sie am Westbahnhof, wie zwei dieser Herren zwei alten Damen samt Gepäck-Trolley behutsam über den Gürtel halfen. Und ein andermal, wie ein Security-Mann nicht nur zusah, als eine offenbar alkoholisierte Mutter ihr Kind am Bahnhof beschimpfte und grob anfasste, sondern beherzt eingriff. Bleibt zu hoffen, dass auch die ÖBB-Oster-Urlaubsreisenden viel Positives mit der Bahn erleben. Jubelberichte sind sehr willkommen.
25.03.10

Nachrichten aus dem Spind

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Der Ressortleiter hat ein Plakat ans Fenster seines Ressortleiter-Aquariums gehängt. Ich gehe ins Aquarium und sage: „Du, Schatzi“ (wir pflegen hier im Ressort einen sehr familiären Umgang), „du, Schatzi, ich finde, dieses Plakat ist eines Ressortleiters irgendwie nicht würdig“. Das Plakat zeigt eine liegende Frau in Spitzen-Dessous, mit geöffneten Beinen und aufmunterndem Blick. Der Ressortleiter, ein Mann von hervorragenden Manieren und untadeligem Umgang mit Frauen, schaut mich groß und ungläubig an, weil er bisher offenbar nicht ahnte, dass ich, verborgen, hinter Lippenstift und in Highheels, in Wirklichkeit eine radikalfeministische Kampflesbe bin: halt jemand, von dem man so eine Reaktion erwartet. Das Plakat hänge hier, sagt der Ressortleiter, weil, wenn ich da mal genauer hinsehen würde, in dem Schriftzug sein Name vorkomme, da, lies. Äh, stimmt, war mir gar nicht aufgefallen. Eine Kollegin - einE KollegIN bitte – habe es ihm geschenkt, eine andere habe ihm geholfen, es anzupicken, er werte das als eindeutigen Freispruch. Mir wird klar, dass meine Position eher suboptimal ist, und sie wird davon nicht verbessert, dass eine weitere Kollegin erscheint und sagt: lustiges Plakat! Solche Plakate auf der Straße stören mich nicht, das ist halt Unterwäsche-Werbung, die wird mit nackten Frauen und Sex gemacht. Und, nein, ich fühle mich auch nicht belästigt: Es tut mir eher der nette Ressortleiter leid, weil jemand, der ihn nicht kennt, über ihn denken könnte, er sei einer, der es nötig hat, sich solche Plakate ins Büro zu hängen. Hat er natürlich nicht. Ist nur Spaß. Ich arbeite jetzt halt im Inneren eines Bundesheer-Spinds. Aber wenn das sonst keine hier stört, sage ich auch nichts mehr.
24.03.10

Nur Kunde, kein König

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Dass es die ÖBB mit der Pünktlichkeit ihrer Züge nicht immer so genau nehmen, ist bekannt. Zum Ausgleich dazu nimmt man es sehr genau mit der Abstrafung vermeintlicher Schwarzfahrer, z.B. dem Studenten Benjamin K. Der pendelt seit einem Jahr mit Vorteilscard und Studententicket von Krems zum Studium nach Wien. Vor ein paar Tagen löste er sein sieben-Euro-Ticket, das vom Zugbegleiter kontrolliert wurde und ließ es dann im Abteil liegen. Das war ein Fehler, der ihn 95 Euro kostet, denn nachdem er in Spittelau ausgestiegen war, wurde er dort im Bahnhof oberhalb der Rolltreppe kontrolliert und trotz seiner Beteuerungen mit einem Erlagschein ausgestattet. Das fand Herr K. sehr ungerecht, also schilderte er dem ÖBB-Kundenservice in einem Brief seinen Fall, fügte hinzu, dass die ÖBB von ihm viel Verständnis für Zugverspätungen erwartet und erhalten habe, bat mit dem Verweis auf seine prekäre studentische Finanzlage um ebensolches, und legte sowohl Abbuchungsbestätigung als auch Kundenbeleg bei. Er erhielt schon drei Wochen später Antwort. Man habe den Fall überprüft: Die Ausstellung der gegenständlichen Forderung sei korrekt gewesen sei. Man ersuche den Betrag umgehend einzubezahlen, weil man sonst gezwungen sei, die Forderung an ein Inkassobüro weiterzugeben. Und am Ende: „Wir ersuchen um Verständnis, dass es im Zusammenhang mit dieser Forderung seitens ÖBB-Personenverkehr AG keine weiteren Stellungnahmen geben wird.“ Wie sagte Verkehrsministerin Doris Bures kürzlich so schön? Ihr Anliegen sei es, „das Bewusstsein in den ÖBB zu schärfen, dass der Kunde König ist.“ Das misslang bisher.
22.03.10

Ah, Schlafmühlgasse!

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Schleifmühlgasse bitte, sagte ich. Was, sagte der Taxler. Schleifmühlgasse, sagte ich. Schlafwie, sagte der Taxler. Das nächste, was ich tat: Ich tippte dem Taxler die Schleifmühlgasse, eine bekanntlich an der äußersten Peripherie der Stadt versteckte Sackgasse, ins Navi. Ah, Schlafmühlgasse, sagte der Taxler, da beim Naschmarkt! Genau, sagte ich, und der Taxler sagte: Und wie komme ich da hin? Immerhin: Der Mann sah während des Fahrens nicht fern. Das ist nicht selbstverständlich; immer wieder gerate ich in Taxis, in denen der Taxler sich mehr auf Germanys Next Topmodel konzentriert als auf den Verkehr und auf die wieder auf Grün gesprungene Ampel aufmerksam gemacht werden muss. Wir erreichten die Schleifmühlgasse und den Ort, an dem ich auszusteigen beabsichtigte. Der Navi befahl anzuhalten. Ich bat anzuhalten. Der Fahrer fuhr weiter, reagierte aber bereits bei der Margaretenstraße auf mein drittes „Stopp!“. Das ist auch nicht selbstverständlich. Unlängst kurvten wir auf der Suche nach einer Party mit einem Taxi durch Erdberg. Gut, unsere Ortsangaben waren etwas fragmentarisch. Als die Feierlichkeit sich nicht am angepeilten Ort fand, drehte der Taxler um und raste kurz einmal zwei Kilometer in die Gegenrichtung, bis wir ihn überreden konnten, zur genaueren Orientierung doch bitte einmal anzuhalten. Danach fuhren wir die zwei Kilometer wieder zurück, das war nämlich genau da gewesen, wo wir es vermutet hatten, nur rechts statt links. Aber wenigstens: er fuhr. Kürzlich in Berlin sanken wir erschöpft und sackerlbepackt in ein Taxi, nannten ein kilometerweit entferntes Ziel und hörten: „Kamma det ned lofn?“ Kamma. Muss aber nicht.
15.03.10

Wir machen die Mauer, wir halten dicht

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Die Reaktion des Vatikan zum Missbrauchsskandal entspricht genau der Bunker-Athmosphäre, in der er stattgefunden hat: Man schweigt sich aus. Das ist unsere Sache, das besprechen wir intern, geht keinen etwas an, niemand von außen hat sich einzumischen, wir machen die Mauer, wir halten still. Genau so entsteht auch das Umfeld, in dem etwas derartiges wie kollektiver Missbrauch und akzeptierte Misshandlung von Kindern überhaupt möglich wird: eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen und einer eigenen Weltanschauung, in der Dinge möglich sind, die draußen, im wirklichen Leben, verpönt und verboten sind. Eines dieser eigenen Gesetze heißt Zölibat: eine Lebensform, deren Regeln nicht unbedingt der Natur des Menschen entsprechen. In diesem Zusammenhang ist die auch Haltung der Kirche zur Homosexualität interessant, und zwar doppelt. Denn Homosexualität habe, heißt es von kirchlicher Seite her gerne, Gott in der Schöpfung nicht vorgesehen: die Menschen, Mann und Frau, seien dazu geschaffen, sich fortzupflanzen. Der Zölibat entspricht, wenn man sich dieser Sichtweise verschreiben will, wohl auch nicht den göttlichen Vorgaben, speziell wenn er seine Anhänger dazu treibt, sich an Minderjährigen zu vergreifen. Dafür ist sicher nicht nur der Zölibat verantwortlich zu machen; bekanntlich tun das, da es ja mehr mit Macht als Sex zu tun hat, auch nicht zölibatär lebende Männer. Aber Männer, die ihre Sexualität unterdrücken müssen, sind sicher gefährdeter – und wieder schützt sie das geschlossene System – ihre durch ein lebensfernes Reglement stillgelegten Triebe an denen auszuleben, die eigentlich ihres Schutzes bedürften. Die Abschaffung des Zölibats, Peter Rabl hat es gestern an dieser Stelle geschrieben, wäre ein wichtiger Schritt zur Verhinderung weiterer Opfer. Verjährung oder nicht? Ein anderer Schritt, aktuell sowohl in Deutschland als auch hierzulande erwogen, ist die Aufhebung oder Verlängerung der Verjährungsfristen für Kindesmissbrauch. Der Schriftsteller Josef Haslinger, selbst ein Opfer des Missbrauchs durch katholische Pater, der sich aber nicht nur als Opfer sehen möchte, äußert sich dazu in einem bemerkenswerten Beitrag für die deutsche Welt. Er warnt davor, „jetzt eine Hexenjagd“ zu inszenieren. Es habe „einen guten Sinn“ dass es im Gesetz Verjährungsfristen gebe. „Das Hauptaugenmerk kann doch nicht Tätern gelten, deren Straftaten verjährt sind“, schreibt Haslinger: „Das Hauptbestreben der derzeitigen Thematisierung von Pädophilie und Pädosexualität muss es sein, heutige Fälle aufzudecken und künftige zu verhindern.“ Die Opfer aber hätten einen uneingeschränkten Anspruch auf Aufarbeitung der Geschichte. Und genau hier müssen sich jetzt vor allem der Vatikan und der Papst bewegen. Denn eines ist sicher: Nur die schonungslose Offenheit, nur die Wahrheit wird auch die innerkirchliche Realität verändern. Und eine Veränderung ist unumgänglich.
13.03.10

Am Beispiel Vorderdings

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Ihre Kolumnistin lernt gerade die Eigenheiten ihrer schönen Nebenwahlheimat Niederösterreich kennen. Und ist, siehe letzte Kolumne, ein wenig verwundert über die Direktwahl-Besonderheiten bei den Gemeinderatswahlen. Was Leser-Reaktionen bewirkte: Einige zeigten sich über die niederösterreichischen Demokratie-Spezialitäten gleichfalls irritiert, andere schimpften mich „ahnungslos“, reimten mir „Gepolter“ an und begrüßten die Regelung. Eine Gemeinderätin berichtete mir, was das System in der Praxis bewirkt – und um das zu veranschaulichen, erfinden wir hier einmal eine niederösterreichische Gemeinde. Nennen wir sie Vorderdings. In Vorderdings gibt es 70 Wahlberechtigte, und die sind mit ihrem Bürgermeister so zufrieden, dass er von 60 der 70 wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern wiedergewählt wird. Von den 60 haben – und genau das komme, berichtet die Gemeinderätin, in der Realität ständig vor – 20 nicht nur mit dem amtlichen Stimmzettel gewählt, sondern auch noch den Direktwahl-Zettel dazugesteckt. Bei der Auszählung werden nun alle Kuverts aus- und alle Zettel auf einen Haufen geleert. Die Auszählung ergibt: Von den 70 wahlberechtigten Vorderdingsern haben 90 – amtlich und direkt – gewählt, zehn davon stimmten für die andere Partei: 80 der 70 Wahlberechtigten wählten also den Bürgermeister. 114 Prozent: Das ist ein Resultat, das normalerweise nicht einmal von Diktatoren totalitärer Ein-Partei-Regime erreicht wird. In weniger zivilisierten Ländern mit Demokratie-Defiziten würde eine Wahl mit einem derartigen Ergebnis von OSZE-Wahlbeobachtern vermutlich als ungültig betrachtet werden. In Niederösterreich geht so etwas.
13.03.10

Kandidat sticht Partei

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Ihre Kolumnistin lernt gerade die Eigenheiten ihrer schönen Nebenwahlheimat Niederösterreich kennen. Und ist, siehe letzte Kolumne, ein wenig verwundert über die Direktwahl-Besonderheiten bei den Gemeinderatswahlen: die Kandidaten können Direktwahlstimmzettel mit nur ihrem Namen darauf ausgeben, auf denen man nichts mehr anzukreuzen braucht und die den amtlichen Stimmzettel ersetzen. Was Leser-Reaktionen bewirkte: Einige zeigten sich über die niederösterreichischen Demokratie-Spezialitäten gleichfalls irritiert: das sei „obskur“, und „verunsichernd“. Andere schimpften mich „ahnungslos“, reimten mir „Gepolter“ an und begrüßten die Regelung: Das sei bitte die niederösterreichische Wahlordnung und gut so, und jegliche Verwunderung darüber sei höchst unangebracht. Was noch interessant ist an dem System, und es ist gut, wenn Neo-und Nebenniederösterreicher wie ich das wissen: Man sollte sich besser entscheiden, ob man den amtlichen Stimmzettel verwendet oder den Parteienstimmzettel, also den Direktwahlzettel mit dem Namen eines Kandidaten darauf. Wenn man beide hineinsteckt, ist das kein Problem, so lange das Kreuz auf dem amtlichen und die Partei des direkten übereinstimmen. Wenn man aber auf dem amtlichen Stimmzettel die Partei ankreuzt, die man z. B. bei Nationalratswahlen favorisiert, aber noch den Direktwahlzettel des Bürgermeisters einer anderen Partei dazu steckt – beispielsweise als, wie ein Leser mailt, „Ausdruck der Wertschätzung“ – sticht der Direktwahlzettel den amtlichen Stimmzettel: der verliert seine Gültigkeit und die Stimme geht an die Partei des Bürgermeisters. Puhh, Demokratie ist schwer.
11.03.10

Demokratie, leicht gemacht

| 03/10 | Kurier-Kolumne

So, zugeklebt, fertig, muss nur noch in die Post. Ihre Autorin, Neben-Niederösterreicherin, hat gerade gewählt: Entschied sich für eine von zwei Parteien und vergab ihre Vorzugsstimme. In vielen niederösterreichischen Gemeinden wird einem diese Entscheidung erleichtert. Leser R. aus Langenlois etwa erhielt einen Brief seines ÖVP-Bürgermeisters: Es sei kommenden Sonntag eine wichtige Entscheidung für die nächsten fünf Jahre zu treffen, man habe viel geleistet. Wahlkampf halt, und im üblichen Ton geht es weiter, Werbung um die Stimme und so fort. Interessant wird’s beim P.S. ganz unten, da fand Herr R. nämlich diesen Satz: „Mit den beiliegenden Stimmzettel ist es möglich, mich direkt zu wählen, dieser ersetzt den amtlichen Stimmzettel. Herzlichen Dank!“ Und dieser Stimmzettel enthält dann, zwischen den Hinweisen „ersetzt den amtlichen Stimmzettel“ und „Bitte stecken Sie diesen persönlichen Stimmzettel bei der Gemeinderatswahl am 14. März 2010 ins Wahlkuvert. Danke.“ nur noch in fetten Versalien den Namen des Bürgermeisters. Ankreuzen nicht mehr nötig. So erleichtert man dem Wahlvolk die Demokratie. Service an den Bürgerinnen und Bürgern, denen man das verwirrende Auswählen und quälende Kreuzerl-Malen abnimmt. Von niederösterreichischen Kolleginnen höre ich, das sei in ihren Orten auch so üblich. Und als Nicht-Juristin würde ich gerne wissen: Sieht das österreichische Wahlgesetz vor, dass Bürgermeister einfach eigenmächtig den amtlichen Stimmzettel durch einen Zettel mit nur ihrem Namen darauf ersetzen dürfen? Oder ist das einfach Usus, den man gegenseitig toleriert? Demokratie: langweilig wird sie nie.
10.03.10

Vater sein dagegen sehr

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Anlässlich des Frauentags las der Kollege H. im KURIER diesen Satz der ÖVP-Parlamentarierin Silvia Fuhrmann: „Wenn ein Mann einfach nicht in Karenz gehen will, kann auch die Politik nichts tun.“ Und er erzählte dann folgendes: Im Jänner bekamen der Kollege und seine Freundin ihr erstes Kind: einen Sohn. Und gleich, nachdem dieser auf die Welt kam, bekamen die beiden schon im Krankenhaus eine Sozialberatung der Wiener Mag 11, auch bekannt als: Amt für Jugend und Familie. Der Kollege H., ein wacher, aufgeschlossener junger Vater, berichtete der Sozialarbeiterin von seinem Plan, ein paar Monate in Karenz gehen zu wollen; also konkret: vier Monate von insgesamt 14 in der einkommensabhängigen Kindergeld-Version. Was meinte dazu die Sozialarbeiterin? Die Sozialarbeiterin meinte, das sei keine gute Idee. Der Kollege habe erst kürzlich eine Anstellung gekriegt? Dann rate sie ihm eher davon ab, in Karenz zu gehen; denn auch wenn Chefs sagten, man könne danach zurückkommen, sei das keineswegs immer sicher, und in Zeiten wie diesen sei eine Anstellung doch viel Wert. Stattdessen riet die Frau H.s Freundin, die längstmögliche Karenzvariante in Anspruch zu nehmen, damit habe man die größte Sicherheit. Die Höhe des Verdiensts der jungen Mutter oder das Karriere-Risiko , das sie mit 14 Monaten Karenz eingeht, interessierte die Frau von der Mag 11 nicht. Und ließ die jungen Eltern verdattert zurück. Und die, beide Akademiker, fragen sich nun, wie junge Eltern aus weniger bildungsnahen Schichten wohl auf so eine Beratung reagieren. Es ist nicht nur die Schuld der Väter, dass die Väter–Karenz so unpopulär ist.
9.03.10

Wie Missbrauch am besten funktioniert

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Das gab’s immer schon. Und jetzt wird – wenn nötig auch gegen den Widerstand der Kirche,– endlich auch darüber geredet, was in deutschen katholischen Internaten vorgefallen ist. Und vermutlich noch immer vorfällt. Der deutsche Missbrauchsskandal weist erstaunliche Parallelen zu einem österreichischen auf, nämlich jenem der Mühl-Kommune. Das beweist erstens, dass Kindesmissbrauch nichts mit Ideologie zu tun hat: Die 68er und ihre lockere Sexual-Moral sind an derartigen Vergehen keineswegs schuld. Überhaupt hat die Sache, wie auch Kollege Tartarotti schon deutlich formulierte, mit Sex eigentlich nichts zu tun. Es geht beim Kindesmissbrauch nur vordergründig um das Ausleben von Sexualität: Es geht um Macht und die billigste, brutalste Form ihres Missbrauchs. Die Parallelen zeigen zweitens, dass kollektiver Missbrauch in hermetisch geschlossenen Systemen am reibungslosesten funktioniert, deren Mitglieder sich ihre eigene Realität, ihre eigenen Codizi etablieren und legitimieren. Dass der Mensch – speziell der männliche – in von äußerer Kontrolle geschützten Labor-Sitationen dazu neigt, sich sein eigenes Wertesystem außerhalb der rechtlichen Normen und des sozialen Konsenses zu errichten. Frauen übernehmen in solchen Systemen – genauso wie beim innerfamiliären Missbrauch – häufig den traurigen Part der Komplizinnen, der Schweigerinnen und Wegschauerinnen, die sich in ihrer Machtlosigkeit so gemütlich eingerichtet haben, dass sie die Gewalt-Hierarchie nicht mehr sehen: Und die noch viel Schwächeren, die sie als Erwachsene zu schützen hätten. Da wie dort hielt die Schweigemauer über Jahre und Jahrzehnte. Jetzt stürzt sie ein: Und mit ihr hoffentlich das System dahinter.
8.03.10

Einmal im Jahr

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: „D ie Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ.“ Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statisken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weiter gehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z.B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so. Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm!, und jetzt zu Wichtigerem. Und genau das ist systemstabilisierend. Einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
8.03.10

Einmal im Jahr

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: „D ie Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ.“ Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statisken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weiter gehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z.B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so. Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm!, und jetzt zu Wichtigerem. Und genau das ist systemstabilisierend. Einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
6.03.10

Älter, milder, bärtiger

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Weil wir gestern übers Speiben sprachen: Das provokative Kokettieren einer Präsidentschaftskandidatin mit rechtsextremem Gedankengut verlängert den Brechreiz weit über die virale Infektion hinaus. Es ist das alte Dilemma: Einerseits kann man derartige Ungeheuerlichkeiten nicht unerwidert lassen, anderseits signalisiert jede Reaktion auch Gesprächsbereitschaft... Es ist ein ewiges Elend, dass diese Strategie immer wieder Erfolg hat. Auch deshalb dachte ich diese Woche lieber über Alex James nach. James war – und ist es bei Bedarf noch – Bassist der britischen Band Blur, die das Lebensgefühl, mit dem meine Generation erwachsen wurde, präzise, politisch und extrem erfolgreich in Popmusik übersetzte. (Oasis gaben die dumpfen, begabten Bauchmenschen, Blur die wachen, sensiblen Schlauköpfe.) Blur waren so etwas wie der kürzeste Weg von Punk zu Pop, mit allen exzessiven Begleiterscheinungen, die der Rock‘n‘Roll-Lifestyle so im Repertoire hat. Dafür wird man irgendwann zu alt und zu gescheit. (Naja, die meisten; Oasis nicht.) Damon Albarn, der geniale Blur-Frontman, rannte in die Welt hinaus und nahm von überall Sounds mit, die er in verschiedenen Formationen einbrachte. Gitarrist Graham Coxon wandelte solo und in der Kunst. Und Alex James wandte sich ab und zog aufs Land. Zog aufs Land, bekam fünf Kinder und begann auf seiner Farm Käse zu zu produzieren. Und schrieb darüber ein Buch, dessentwegen er jetzt Interviews gibt, und das Konzentrat ist: Der Mann hat wieder den richtigen Ort zur richtigen Zeit gefunden, den Ort an dem er ungestört älter, milder und bärtiger werden kann. Der Mann ist glücklich. Und er weiß, warum.
5.03.10

The Sound of Frühling

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Um fünf Uhr früh spieb das Kind zum vierten Mal, und als es wieder schlief, ging ich hinaus auf den Balkon, frische Luft atmen. Und dann hörte ich es. Die Vögel. Die Vögel sind wieder da. Wenn die Vögel wieder da sind, ist der Winter vertragsgemäß vorbei. Leider kommt der Lenz heuer nicht nur mit dem Geräusch zwitschernder Vögel, sondern mit (Achtung! Ab hier 50%iges Gustiositätsgefälle!) einem weiteren: Dem Sound von plötzlich sich entleerenden Mägen. Jeder um mich herum speibt, hat gespieben – oder wird demnächst speiben, weil er schon angesteckt wurde. Ich habe es gerade hinter mir und trachte jetzt, während ich das Kind versorge und tröste, allmählich meinen Kreislauf wieder... (Kurze Unterbrechung. Die Schule hat angerufen. Das andere Kind sähe so aus, als würde es gleich speiben und sei deshalb pronto abzuholen. Bin gleich wieder da.) Bin wieder da. Die Kinder sehen fern, um sich vom Bauchweh abzulenken, und wenn ich das oben erwähnten Geräusch vernehme, laufe ich los, um mütterlichen Beistand zu leisten und dann eiskaltes Wasser in klitzekleinen Schlucken zu verabreichen, wie es die Hausärztin meines Vertrauens empfohlen hat. Sie händigte mir zudem ein Rezept für eine Rossi-Kur aus (¼ l Schwarztee, ¼ l frischen Orangensaft, ¼ l abgekochtes Wasser und eine Prise Salz mischen, im Tiefkühlfach kühlen und eiskalt löffelweise über den Tag verteilt verabreichen), aber das akzeptieren meine nicht einmal, wenn ihnen brechschlecht ist. Hoffentlich wird es auch so besser. Dann geh ich hinaus auf den Balkon, nehme meinen Kreislauf langsam wieder in Betrieb und seh mir den Frühling an. Vielleicht zeigt sich ja ein Vogel.
4.03.10

Kundendienst, so und anders

| 03/10 | Kurier-Kolumne

Klara K. startet ihr MacBook neu: graue Fläche. Nichts. Bei dem Apple-Händler am Getreidemarkt, bei dem sie das MacBook vor zwei Jahren und drei Monaten gekauft hat, erklärt ihr ein Herr, der Kostenvoranschlag koste 66 Euro, und nein, keine Ahnung, was das Gerät haben könnte, aber vor in zwei Wochen sei nichts zu machen. Klara K. erklärt dem Mann, ihre Erwerbstätigkeit hänge von dem Gerät ab. Der Mann zeigt professionelles Desinteresse. Ob es denn einen Expressdienst gäbe? Ja, das koste 59 Euro extra. Der Mann ruft einen Techniker an, legt sein Ohr ans Gerät und bescheidet Frau K. dann: derzeit kein Expressdienst. Frau K. erklärt, dass sie in diesem Laden bereits zwei ibooks für je 1000 Euro gekauft habe, was dem Mann nicht gleichgültiger sein könnte. Klara K. zieht ab: Schön, dass es Unternehmen gibt, die es sich noch leisten können, auf Kunden zu verzichten. Klara K. geht dann zum Apple-Reparaturservice MyMac in der Margaretenstraße, und dort geschieht folgendes: Ein freundlicher Mitarbeiter hört sich ihr Problem aufmerksam an, fragt nach, sagt, was es sein könnte und dass es sich gewiss beheben lasse; eventuell sei sogar eine Kulanz von Apple drin. Der Kostenvoranschlag kostet zwar 86 Euro, aber die Frage nach der Reparatur-Dauer wird befriedigend beantwortet: zwei bis vier Tage. Noch am späten Nachmittag wird sie angerufen und das Problem wird ihr erklärt. Und schon am nächsten Tag bekommt Frau K. den Bescheid, das Gerät sei repariert, und sie habe Glück, das koste sie gar nichts, das Problem trete öfter auf, Apple mache das in Kulanz. Und so ist es auch. Sie bekommt sogar die 86 Euro zurück. Noch schöner, dass es auch Unternehmen gibt, für die das Wort Kundendienst kein Witz ist.
25.02.10

Was machen die da den ganzen Tag?

| Comments (1) | 02/10 | Kurier-Kolumne

Und jetzt zu etwas ganz anderem. Einer Sache, über die im Freundinnenkreis seit einiger Zeit diskutiert wird, ohne schlüssiges Ergebnis. Die Tiger-Woods-Geschichte nämlich, der Aufenthalt in der Sex-Klinik, diese traurige TV-Beichte, dieses mea culpa am Medien-Pranger. Tatsächlich ist so ein öffentlicher Kniefall doch etwas, was man sich in einer religiösen Diktatur erwarten würde, aber doch nicht im Land of the Free. Dem Land mit der blühenden Porno-Industrie. Und es ist schon absurd, dass etwas, das sich zwei erwachsene Menschen doch an und für sich untereinander ausmachen müssten, coram publico vor dem nationalen Moral-Gericht verhandelt wird. Was uns allerdings mehr interessiert: Was genau machen diese Männer in der Sex-Klinik? Sitzen die den ganzen Tag in Therapien, die sie mit der Idee versöhnen sollen, dass ein Leben ohne ständigen Sex mit wechselnden Partnern einen Sinn hat? Lernen sie Meditationstechniken, die ihnen zur besseren Kontrolle ihres primären Geschlechtsorgans verhelfen sollen? Wird ihnen Brom verabreicht? Testosteron abgesaugt? Der Freundinnenkreis ist zum Schluss gekommen: Wahrscheinlich spielen die Sexsüchtigen den ganzen Tag Karten. Und Playstation. Und Golf. Trinken mit den neuen Haberern, und unterhalten sich über die geilsten Automodelle. Surfen auf YouPorn. Üben gemeinsam eine schöne Sex-Beichte ein. Und trainieren den schuldsatten Blick der Läuterung, unter viel Schenkelgeklopfe der anderen Sexsüchtigen. Wir stellen es uns als eine Art Pfadi-Lager für große Buben vor. Haben wir hierzulande nicht. Hierzulande kann ein ÖVP-Bundespräsident eine Geliebte haben, ohne dass es seinen Ruf übermäßig beschädigt. Und das ist uns, ehrlich gesagt, lieber.
25.02.10

Jeder ist ein "Künstler"

| 02/10 | Kurier-Kolumne

„Der unverzichtbare Anspruch auf volle innere und äußere Freiheit der Kunst wird nur durch die allgemeingültige Rechtsordnung eingeschränkt.“
So steht es im Parteiprogramm der Freiheitlichen. Und: „Eine begriffliche Festlegung würde den Anspruch der Kunst auf volle innere und äußere Freiheit einengen.“ Und so steht es in einer FPÖ-Aussendung zur aktuellen Ausstellung in der Secession (ja, die mit dem Swingerclub): „Die Rathaus-SPÖ muss schon völlig durchgeknallt sein, wenn sie öffentlichen Gruppensex mit 90.000 Euro, die der Umbau für die Realiserung der verschwitzten Phantasien eines „Künstlers“ aus der Schweiz verschlungen hat, unterstützt.“ Abgesehen davon, dass die Ausstellung sich selbst finanziert: Wenn man sich mit der „begrifflichen Festlegung“ schwer tut, engt man den Begriff der Kunst und des Künstlers einfach mit Anführungzeichen ein.
Welche Kunst die FPÖ unverschwitzt findet, zeigt sie in ihrem Sitzungssaal, dessen Wänden zahlreiche Bildnisse von Damen, gerne auch mit Exotik-Hintergrund, in unterschiedlichen Stadien der Unbekleidetheit schmücken.
Und was signiert Strache da auf dem Foto? Ein Kunstwerk gar? „Jeder Mensch“ erkläre für sich selbst, „was er als künstlerischen Ausdruck betrachtet“, heißt es im FP-Programm. Womit wieder einmal der alte Spruch bewahrheitet wird, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Auch Strache.

20.02.10

Reden übers Leben

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Zwingende abendliche Verpflichtungen führten dazu, dass „In Treatment“ gestern ausgelassen werden musste: sehr ungern. Die mehrfach preisgekrönte HBO-Serie, von der 3sat momentan täglich um 21 Uhr zwei Folgen zeigt, hat nämlich die Wirkung, die der Droge „Crystal Meth“ zugeschrieben wird: Man wird davon schlagartig süchtig.
Was eher erstaunlich ist bei diesem Plot: „In Treatment“ widersetzt sich allen Gesetzen des Fernsehens. So wenig ist in einer Serie vermutlich  noch nie passiert. Faktisch passiert überhaupt nichts. Es wird eigentlich nur geredet, mit einem Minimum an Nebenhandlung.
„In Treatment“ (übersetzt: in Behandlung) zeigt Sitzungen des Gesprächstherapeuten Paul Weston. Nicht, wie man es erst erwartet, in jeder Folge verschiedene Ausschnitte aus verschiedenen Sitzungen; nein: In Echtzeit wird je eine Therapiesitzung abgehandelt, fünf Patienten pro Staffel, Sitzung um Sitzung. Die Jugendliche, die sich nicht eingestehen will, dass sie suicidal ist, der Soldat, der im Irak ohne es zu wissen eine Schule bombardiert hat, die Frau, die  sich nicht zur Hochzeit entschließen kann, weil sie in Wirklichkeit in den Therapeuten verliebt ist, das Paar, das nicht weiß, ob es ein Kind bekommen soll oder nicht: Und der Therapeut selbst, der Hilfe bei einer Supervisorin sucht, zu der er ein schwieriges Verhältnis hat. Alle reden, über sich und ihre Rolle im Kontext ihrer Realität. Und diese Gespräche fesseln einen mehr als drei Teile „Die Hard“.
Und das passt irgendwie sehr gut in die Fastenzeit: Man sitzt nüchtern zuhause und denkt unabgelenkt über sein Leben nach. Und ab neun sieht und hört man anderen dabei zu, wie sie über ihres reden... Fein.
17.02.10

Das begreift man auch so

| Comments (1) | 02/10 | Kurier-Kolumne

So, der Fasching ist vorbei. Gestern sind noch Legionen kleiner, rosafarbener Prinzessinnen in Satin und Tüll an mir vorbeiparadiert, Hexen und Harry Potters, eine paar Charaktere aus Star Wars und ein paar Piraten. 
Daheim, in der Früh, große Krise; die Zähne des kleinen Familien-Vampirs waren verschwunden, final verschwunden: die Oma war da und hatte ein bisschen aufgeräumt. Und dabei offenbar das zerknüllte Taschentuch auf meinem Schreibtisch für ein zerknülltes Taschentuch gehalten und es mit spitzen Fingern entsorgt, ohne zu bemerken, dass der Vater darin nach der Samstags-Faschingsparty die Vampirzähne eingewickelt hatte. Der Vampir wollte heulen, konnte aber mit dem Hinweis auf drohendes Make-Up-Desaster an einem gröberen Nervenzusammenbruch gehindert werden: Und später wurden neue Vampirzähne in die Schule nachgeliefert. Ein Vampir  braucht Zähne; muss sein.
Jetzt ist der Fasching vorbei, und es ist fast eine Erleichterung. Nein, es ist eine Erleichterung. Auch wenn man nicht katholisch ist, begreift man den Sinn einer Fastenzeit: das Herunterfahren des Organismus, das dringend notwendige Kurieren überreizter Nervenenden durch temporäre Entsagung, den Aspekt der Reinigung und der Konzentration auf Innerlichkeit. Und die Idee, so eine Zeit mit einem asketischen Ritual zu beginnen und zu beenden.
Es ist ja auch außerhalb der Faschingszeit manchmal alles viel zu viel. Der Überfluss ist dem Menschen ja auch eine stete Überforderung: Es ist heilsam, wenn er sich hin und wieder eine Zeitlang davon  distanziert und konzentriert auf das, was für ihn selber richtig und gut ist.
Das muss nicht unbedingt in der christlichen Fastenzeit passieren. Aber sie  bietet sich an: Auch weil man da beim Entsagen zwar trotzdem allein ist, aber nicht allein. So, der Fasching ist vorbei: zum Glück.
16.02.10

Kinder müssen draußen bleiben

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Der Kollege K. war kürzlich im Café Engländer und durfte beobachten, wie eine Frau mit Kinderwagen des Lokals verwiesen wurde. Was K., demnächst Vater, entsetzte, während ihre Autorin, die die Kinderwagenzeit schon hinter sich hat, kaum mit den Mundwinkeln zuckte: Wenn man ein paar Jahre mit einem Kinderwagen, im Extremfall mit einem Zwillingswagen, durch Wien marschiert ist und diverse Lokale aufsuchte, macht man sich über seine Beliebtheitswerte keine großen Illusionen mehr. Und außerdem: es gibt löbliche Ausnahmen, Cafés und Restaurants, in denen Kleinkindern sogar eigene Spielecken eingerichtet werden.
Ich habe ja nichts dagegen, wenn kleine Kinder abends – wenn nötig halt unter Babysitter-Aufsicht – daheim in ihren Betten liegen, weil ich  gelernt habe, dass das allen am besten tut: den  Kindern, ihren Eltern und den anderen Restaurantbesuchern, die nach einem anstrengenden Tag in Ruhe essen wollen.
Aber dennoch, und schon sowieso tagsüber, haben Mütter und Väter mit Kindern das Recht, genau gleich behandelt zu werden wie alle anderen Gäste. Sonst haben wir hier bald Verhältnisse wie in Zürich, wo es mittlerweile an Lokalen tatsächlich gedruckte Aufkleber gibt, die nicht nur einen roten Kreis mit durchgestrichenem Hund zeigen, sondern darunter auch einen mit durchgestrichenem Kinderwagen. Gibt’s in Wien aber sicher auch schon.
Und das ist inakzeptabel. Kinder werden nun einmal nicht brav und still hergestellt, das wäre schön fad.  Kinderlärm gehört zum Alltag wie Gläserklirren, Gelächter, Geplauder, Autolärm und Bim-Geklingel. Wer in ein Lokal geht, sollte das aushalten. Und wer eins führt, erst recht.
15.02.10

To sit or not to sit

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Am ersten Sonntag der Semesterferien fuhren die beiden 10- und 12-jährigen Kinder von Familie N. mit ihrer Oma von St. Pölten nach Jenbach, um dort Skifahren zu lernen. Um der Oma für ihre  Unterstützung zu danken, spendierten die N.s ihr und den Kindern für hin und retour Plätze in der Businessclass der ÖBB, im vielbeworbenen Railjet. Im Angebot enthalten: ein „cold towel“, ein Begrüßungsgetränk und eine Auswahl an Zeitungen.
Kinder und Oma bestiegen am 31.1. den Zug und setzten sich auf ihre Plätze. In der sehr, sehr kalten Business-Class: Die Heizung war ausgefallen, worum sich bis Linz niemand kümmerte. Erst in Salzburg habe eine Zugbegleiterin etwas unternommen und kurz vor Jenbach sei es dann endlich warm gewesen. Das ominöse „cold towel“ (was ist das eigentlich?) gab es nicht, vielleicht wegen der eh schon unterirdischen Temperaturen, der „Begrüßungsdrink“ sei kurz vor dem Aussteigen serviert worden, Zeitungen wurden nicht gebracht.
Und das war nur die Hinfahrt. Bei der Rückfahrt nämlich durfte die Oma nach langem Suchen feststellen, dass es die teuer bezahlten Businessclass-Plätze gar nicht erst gab: ,Sie stand mit Skiern und Gepäck am Gang, bis sie, wie die anderen Businessclass-Kunden, für sich und  die  Kinder endlich in verschiedenen Wagen einzelne freie Plätze zwischen reservierten gefunden hatte. Auf Nachfrage habe der Zugbegleiter erklärt, tja, die Oma könne bei der Ankunft in St. Pölten am Schalter für die Unannehmlichkeiten vier Euro zurückerstattet bekommen. Vier Euro?
Herr N. versuchte eine Beschwerdestelle zu erreichen, was am Wochenende nicht gelang. Die N.s fahren  künftig lieber wieder mit dem Auto.
13.02.10

Das geht zuverlässig vorbei

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Mit Interesse die „Albtraum Rosa“-Geschichte im gestrigen KURIER gelesen. Eine britische Filmproduzentin hat eine Kampagne mit dem Titel „Pink Stinks“ losgetretreten: Denn es käme, erfahre ich da, nur schwer von der „rosa Rolle“ los, wer sich von klein auf nur mit rosa umgibt. Das deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Die  mir bekannten Mädchen spielen alle circa bis sechs, sieben, höchstens acht  pink Prinzessin:  dann dürfen  ihre glücklichen Mütter schlagartig drei Viertel des Schrankinhalts ausräumen und alles, dass auch nur irgendwie rosa oder lila schimmert, schnurstracks an jene bedauernswerten Mütter weiterreichen, deren Töchter diese Phase noch nicht überwunden haben. (Und das Barbie–Zeug gleich mit dazu.) Aber überwinden tun es alle kleinen Mädchen, die ich kenne – was aber möglicherweise auch damit zusammenhängt, dass deren Mütter durchwegs Lichtjahre entfernt von einem Prinzessinnendasein samt dazu passender Ausstattung leben.
In Edward St. Aubyns wunderbar moderner Familienstudie „Muttermilch“ (Dumont) unterhalten sich Eltern an einer Stelle darüber, was man tun muss, um aus  Kindern erfolgreiche Menschen zu machen, und eine Mutter meint: „Wenn du willst,dass deine Kinder Fernsehproduzenten oder Vorstandsmitglieder werden, bringt es nichts, ihre kleinen Köpfe mit Vorstellungen von Vertrauen, Wahrheitsliebe und Verlässlichkeit zu füllen. Dann werden sie nämlich als Assistenten enden.“
Was zeigt, wie  schwierig es ist, Kinder richtig zu erziehen und ihre Entwicklung angemessen zu fördern. Trotzdem; ich glaube, dass Liebe, Vertrauen und verlässliche Strukturen für Kinder das Beste sind: plus die Chance, ihre  Prinzessinnenphasen ausleben zu dürfen. Auch wenn ihre Mütter die Farbe Rosa noch so zum Würgen finden.
10.02.10

Kenn ich von irgendwo

| 02/10 | Kurier-Kolumne

In „Californication“, einer der aktuell besten und pointiertesten US-Fernsehserien, hat Hank Moody, ein einst erfolgreicher Schriftsteller in anhaltender Schaffenskrise, Sex mit einer jungen Frau, die ihn in einem Laden auf seinen Roman angesprochen hatte. Wie sich hernach herausstellt, hat er sich dabei strafbar gemacht: Denn die Frau ist erst 16 (und zudem die Tochter des neuen Lebensgefährten seiner Ex-Gattin). Moody verarbeitet das Erlebnis zu einer Novelle, die 16-jährige (ein ziemlich cleveres Luder) fladert ihm das Manuskript, veröffentlicht es geringfügig verändert unter eigenen Namen und lässt sich fortan von den Feuilletons als literarisches Fräuleinwunder feiern. Kommt Ihnen bekannt vor. Mir auch; denn wieder einmal imitiert das Leben die Kunst, indem es andere Kunst imitiert hat. Oder besser: plagiiert. Ungefähr eine Woche hat es gedauert, bis aus der begabten deutschen Teenagerin Helene Hegemann, 17, ein vom Feuilleton des gesamten deutschsprachigen Raums gefeierter Literatur-Jungstar wurde. Nun muss sich der Ullstein-Verlag mit Plagiatsvorwürfen herumschlagen, denn im Unterschied zur TV-Vorlage gab das junge Genie im richtigen Leben recht zügig zu, dass es einige Teile seines Romans „Axolotl Roadkill“ relativ eins zu eins aus dem Buch eines Berliner Bloggers übernommen hatte. Schade. Wäre schön gewesen. Ein Talent ist Hegemann trotzdem. Und sie hat ja Recht, wenn sie sagt, dass etwas derartiges wie Originalität in Wirklichkeit nicht exisitert, schon gar nicht in der Kunst: Eine Künstlerin, ein Werk sind immer Produkte der Einflüsse, die auf sie wirken. Den Unterschied zwischen Zitat und Kopie wird Hegemann allerdings nochlernen müssen.
9.02.10

Ich tu das nur, um Hegel zu widerlegen

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Nachdem ich es mir in der ersten Wochenhälfte serienweise mit Freunden verscherzt hatte, verbrachte ich die zweite sicherheitshalber vorwiegend im Bett. Die Kinder waren ja eh im Skilager, und mit ihnen alle mit Aushäusigkeit verbundenen Verantwortlichkeiten. Nicht, dass es im Bett freundschaftsdestruktionstechnisch sicher wäre: ich verfüge über zwei intakte Hände, ein Mobiltelefon, einen Laptop und ein Wireless Lan, damit lässt sich einiges anrichten. Allerdings lassen sich zwei der Verscherzungen hoffentlich unter Einsatz üppig dosierter Champagner-Kuren heilen. Nur eine ist final, und da konnte ich, ehrlich, nichts dafür. Und der Freund auch nicht. Unüberwindliche Differenzen. Culture-Clash, Weltanschauungscrash, nichts geht mehr.

 Hat sich aber eh schon abgezeichnet. Ich meine, wie befreundet ist man, wenn dich einer permanent nur aus Boarding-Warteräumen anruft, um dir ständig aufs Neue zu erklären, es könne gar nicht stimmen, dass du glücklich bist? Das sei technisch gar nicht möglich, weil wenn ein topmotivierter Firstmover wie er das nicht schaffe, wie sollte es dann einem mittelmäßigen Lulu wie meinereinem gelingen? Hören Sie sich einmal dabei zu, wie Sie jemandem erklären, dass Sie aber SEHR WOHL glücklich seien, TOTAL nämlich. Der Tonfall, in dem das nicht verzweifelt klingt, existiert nicht. Und wenn es hundert Mal stimmt. So gesehen ist mein Leben durch diesen Verlust nicht unbedingt ärmer geworden.

 Und es wird sowieso schon diesen Freitag wieder reicher, wenn mich beim Protestsongcontest wieder hunderte junge Menschen in ihre Herzen schließen werden. Oder so. Oder nicht. Hegel formuliert in seinen „Vorlesungen über die Ästhetik“ ja schwere Bedenken gegenüber dem Protestsongcontest: „Das musikalische Talent kündigt sich“, meint er, „darum auch am meisten in sehr früher Jugend, bei noch leerem Kopfe und wenig bewegtem Gemüte an und kann beizeiten schon, ehe noch Geist und Leben sich erfahren haben, zu sehr bedeutender Höhe gelangt sein; wie wir denn auch oft genug eine sehr große Virtuosität in musikalischer Komposition und Vortrage neben bedeutender Dürftigkeit des Geistes und Charakters bestehen sehen.“ Aber gerade um Hegel zu widerlegen, setze ich mich auch heuer extra wieder da hinauf. Und ich will nicht enttäuscht werden, Damen und Herren! Sonst schreibe ich mir diesmal die unsterblichen Worte des Langen hinter die Ohren, der da sagt: „Ich schätze den jungen Menschen, aber ich suche nicht seine Gesellschaft“. Und zwar in goldener Gravur.

 Der Lange schätzt auch die moderne Kunst, sucht sie aber nicht unbedingt in seiner Stube, wie ich feststellen darf, als ich gerade den suprigen neuen Draschan an die Wand düble. Was ist das. Wieso muss das hier hängen. Warum hat er das da nicht angemalt, war er da zu faul. Und warum sind bitte keine Nackerten darauf?

Ich will wieder ins Bett, so-fort.

 

 

9.02.10

Entschuldigung angenommen

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Das passiert nicht oft. Üblicherweise muss viel geschehen, bis das passiert; eine empörte Öffentlichkeit, Klagsdrohungen, Sanktionen, dergleichen. Und normalerweise passiert das nur nach einem Ausrutscher gegenüber einem Einzelnen, höchstens vielleicht einer Gruppe: Dass ein Politiker oder eine Politikerin sich für etwas entschuldigt. Umso außerordentlicher klangen am Wochenende folgende Worte: „Für diese undurchdachte, hirnlose Aktion kann ich mich nur bei allen Frauen in Österreich entschuldigen.“ Gesprochen hat die Worte Verteidigungsminister Norbert Darabos im Zusammenhang mit dem vielgespotteten Bundesheer-Spot. Und ich für meinen Teil sage: Ok, Entschuldigung angenommen: unter anderem deshalb, weil sie von Konsequenzen begleitet wird. Aber schon allein das Eingeständnis, dass Fehler gemacht wurden, ist in Österreich exzeptionell. Normalerweise sind diverse andere für den Fehler verantwortlich, also sollen die sich gefälligst entschuldigen. Oder der Fehler war unvermeidlich, eine Kulmination widriger Umstände, höhere Gewalt quasi, für die niemand verantwortlich gemacht werden kann. Oder der Fehler war in Wirklichkeit gar kein Fehler, sondern ein vollkommen durchschnittliches Ereignis , das, wie so oft, von den üblichen Miesmachern (vorzugsweise: die Medien) in den Dreck gezogen und völlig überspitzt wurde. Oder die Sache war zumindest nicht der exorbitante Fehler, zu dem die Miesmacher ihn jetzt aufblasen. (Vergl. dazu: ÖOC-Präsident Karl Stoss im Standard zum Dopingskandal: „An manchem sind auch die Medien Schuld.“) Ein Politiker hat sich entschuldigt! Marantjosefr; wenn das Schule macht.
8.02.10

Der Preis der Unschuld

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Was kostet die Unschuld? Eben noch sahen wir den österreichischen Waffenlobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly verhaftet und im grauen Jogginganzug in London, schon trägt er wieder eleganten Wams und ist ein  freier Mann. Das kommt vor. Nur liegt zwischen zwei derartigen Bildern üblicherweise ein rechtsstaatliches Verfahren. In diesem Fall genügte eine Überweisung, um aus einem Verdächtigen einen Unschuldigen zu machen: 34 von insgesamt 328 Millionen Euro zahlt das Rüstungsunternehmen BAE Systems im Zusammenhang mit Mensdorff-Pouilly an die britische und die amerikanische Justiz dafür, dass alle Ermittlungen eingestellt werden und BAE Systems weder Korruption noch Bestechung eingestehen muss. Denn genau das hätte den Rüstungskonzern  vom wichtigsten Rüstungsmarkt der Welt, dem amerikanischen,  final ausgeschlossen.
„Die gesamte Operation des Bestrafens hat sich mit außerjuristischen Elementen und Personen aufgeladen. Man könnte sagen, dass daran nichts Ungewöhnliches ist, da das Recht nun einmal fremde Elemente zu absorbieren pflegt“, schrieb der französische Philosoph Michel Foucault 1975 in seinem  Werk „Überwachen und Strafen“. „Funktion und Rechtfertigung der Kriminaljustiz liegen heute nur mehr in diesem ständigen Bezug auf etwas anderes als sie selber, in ihrer ständig erneuerten Integration in nichtrechtliche Systeme.“

Ökonomisierung statt Auslöschung. Im 21. Jahrhundert heißt das nichtrechtliche System, das sich jetzt offenbar ungeniert auch die Justiz einverleibt: Ökonomie. Die Londoner Börse habe, hieß es anderntags in den Medien, erleichtert auf den Handel zwischen Rüstung und Justiz reagiert. Thank God.
Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass sich die meisten gesellschaftlichen Institutionen ökonomischen Bedingungen unterzuordnen haben – beziehungweise ihre Ökonomisierung ihrer Auslöschung wohl oder übel vorziehen. Sport, Kultur, Charity, Medien: Ohne Sponsoren, ohne Finanziers geht nichts mehr; weil das eine, da der Staat als Subventionsgeber immer mehr ausfällt, überhaupt nur mehr durch die anderen stattfinden und existieren kann. Und dass es nichts umsonst gibt, dass Investition und Einfluss nun einmal  Schwester und Bruder sind, haben wir längst akzeptiert. Vor allem die, deren Arbeitsplätze davon abhängen.
Aber die Justiz? Nun ja: Die 34 Millionen Euro, derentwegen Alfons Mensdorff-Pouilly in Großbritannien unangeklagt bleibt, dienen, wie es heißt, wohltätigen Zwecken in Tansania. Wer wollte da etwas dagegen haben? Jetzt einmal außer Herr und Frau Durchschnittsbürger, die sich ihre Unschuld nicht so einfach kaufen können und auch über keine amikalen Kontakte innerhalb der Justiz verfügen, durch die ja hierzulande schon auch einmal belastende Akten weggezaubert werden. Wie wird die österreichische Justiz nun mit Mensdorff-Pouilly verfahren? Sein Anwalt glaubt: gar nicht. Wir Durchschnittsbürgerinnen harren gespannt.

6.02.10

Es gibt auch andere

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Heute: kleiner Exkurs über das Es-gibt-auch-andere-Problem. Denn als ich Anfang der Woche kritisierte, dass manche Hundebesitzer sich nicht an die Gesetze halten, rüttelte ich damit nicht nur erfolgreich am Watschenbaum, sondern wurde auch dafür gescholten, dass ich nicht erwähnt hätte, dass es auch brave  Hundebesitzer gibt.
Richtig. Die Frage ist nur: Muss man das? Existiert ein dialektischer Kodex, der vorschreibt, dass jede Kritik an einer zufälligen Gruppe verpflichtend zu ergänzen ist mit der  Feststellung, es existiere aber auch deren Gegenteil?
 Wenn jetzt zum Beispiel kritisiert wird, dass eine Hundezeitschrift gegen den Hundeführerschein mobil macht, in dem sie auf Flyern Welpen mit einem gelben, sechszackigen Stern versah, um  nach Protesten zu behaupten, die Ähnlichkeit mit dem Judenstern sei rein zufällig: Muss dann extra erwähnt werden, dass nicht alle Hundefreunde so ruch- und hirnlos sind? Nein, weil die meisten Hundehalterinnen und Hundehalter an derartige Entgleisungen nicht einmal anstreifen wollen. Und weil sie keine homogene Gruppe mit Solchen und Solchen sind, sondern weil halt zufällig Solche Hunde halten und Solche auch.
Genauso wie auch Hohlköpfe gerne Ski fahren, und trotz eindringlichster Lawinenwarnungen gerade extra abseits der sicheren Pisten fahren. Und derart nicht nur ihr Leben, sondern auch das Dutzender  Helfer in Gefahr bringen: Muss da extra dazugesagt werden, dass die meisten  Schifahrer das nicht tun? Kann man, muss man aber nicht. Ein gemeinsames Merkmal schafft noch keine gemeinsame Identität. Skifahrer, Hundebesitzerinnen, Politiker, Homosexuelle, Autofahrerinnen, Asylwerber: Solche und Solche, da wie dort.
4.02.10

Loos raus, Leben rein

| Comments (1) | 02/10 | Kurier-Kolumne

Ja, gut! Das Café Ritter und das Café Museum sollen gerettet werden.
Denn die Kaffeehäuser: die sind ein substanzieller Teil des Wiener Lebensgefühls. Alles da, in so einem Kaffeehaus. Und eine Institution, die nur in Wien  funktioniert, aber da perfekt. Und solche Kellner, wie die typischen Wiener Kaffeehaus-Ober, werden in anderen Ländern ja auch gar nicht hergestellt. Und auch wenn man manche ob ihrer Arroganz verflucht, sie gehören irgendwie zum kaffeehäuslerischen Lebensgefühl: Fühlen Sie sich wohl, aber bitte nicht zu sehr.
Interessant ist, dass es überhaupt nicht funktioniert hat, das Café Museum wieder im Looschen Original-Format herzurichten. Die Gäste des 21. Jahrhunderts nahmen das nicht an.
Was ein Signal sein sollte für die Zukunft des  Kaffeehauses, ach, für Wien: Loos war wegweisend für Wien, aber Loos ist schon ziemlich lange tot. Und wenngleich es wichtig ist, das Gute zu bewahren: Das kann auch zu Stumpfheit führen. Und nicht jeder Wind, der den Looses und Hoffmanns und Wagners entkam, ist  in Wien des 21. Jahrhunderts noch funktionell.
Vor allem: Es kommt neues Wegweisendes nach. Was es in Wien aber traditionell schwer hat, weil man hier – Dutzende international gefeierte und in Wien ignorierte Architekten können davon ein Wienerlied dudeln – gern irrtümlich glaubt, man schütze  die Tradition am wirksamsten, indem man neues Gutes und Richtiges, ja für die Gegenwart Besseres und Richtigeres verhindere. Ein Irrtum, der zu Versteinerung führt und zu historisch korrekter Leblosigkeit. Und,  siehe Café Museum, zu einem Kaffeehaus ohne Gäste.
Dort will man  jetzt behutsam wieder Leben hineinbringen. Was für ein Kaffeehaus doch wichtiger ist, als 100 Prozent original Loos.
3.02.10

Zu wissen, dass man Glück hat

| Comments (1) | 02/10 | Kurier-Kolumne

Als ich das Fenster aufmache, steht vis a vis ein Mann auf dem Dach und grüßt freundlich. Er steht einfach nur so auf dem Ziegeldach eines fünfstöckigen Hauses, Hände in den Hosentaschen, und blickt in die blaue Luft. Die Sonne scheint, während gleichzeitig ein paar Schneeflocken zwischen den Häusern tanzen. Es ist schön.
Heute früh habe ich mich mit einem Schweizer Freund unterhalten, während der weit über den Hafen von Hongkong schaute, durch das Fenster seines Hotelzimmers. Er schrieb in seinen Computer, ich in meinen. Es geht ihm gut. Er war weit weg und er war nah, und es war schön.
Wenngleich ich müde war, gestern habe ich wieder Musik aufgelegt in meinem alten Stammlokal, und wie immer – die Gäste liefen  trotzdem  nicht davon – nur das, was ich augenblicklich für die beste Musik der letzten 70 Jahre halte. Und davon gibt es viel. Es war schön, sehr schön. Und das ist Glück, irgendwie.
Das ist auch Glück: Dass es verlässlich Frühling werden wird.  Eine Aufgabe im Leben haben.  Mit dem Taxi durch die stille nächtliche Stadt nach Hause fahren. Kinder, die quietschend an der Tür vorbeirennen. Menschen, die einen in der Bim grundlos anlächeln.
Eine Meinung haben zu dürfen. Diskutieren, streiten können. Zu wohnen. Freunde zu haben, die einem „Wo-bleibst??“-Smse schicken. Und kritisieren. Und korrigieren. Und da sind. Etwas tun zu dürfen, was einem Freude macht.  Musik, die einen versteht. Literatur, die einen schweben lässt. Filme, die einen lachen machen. Zu wissen, dass man Glück hat.
Der Mann  steht jetzt nicht mehr auf dem Dach, er hat etwas repariert und war dann plötzlich weg. Aber die Sonne scheint noch, und es ist schön.

2.02.10

"Frechheit, diese Forderung!"

| Comments (1) | 02/10 | Kurier-Kolumne

Seit gestern früh wurde ich mit folgenden Attributen belegt: „dumm“, „faschistoid“, „volksverhetzend“ und natürlich „Hundehasserin“. Ich hatte („Frechheit, diese Forderung!“) darauf gedrungen, dass Hundehalter sich an die bestehende Gesetze halten. Und dass die Exekutive einschreiten möge, wenn sie es nicht tun.
„Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, was Sie für einen Sch... schreiben?“, schreibt Leserin Lisi L. Leser Thomas J. fordert die Einstampfung aller meiner Bücher.  Alexander F. formuliert wörtlich, dass „immer mehr Hass und Aggression von widerlichen tierfeindlichen Gutmenschen und Dummmenschen gegen jegliche Art von Tierhalter in dieser Stadt entfacht wird wie in den guten alten Zeiten als die Tierhalter noch die Juden waren“. Lassen Sie mich das präzisieren: Der Leser vergleicht die Kritik an Hundebesitzern, die ihre Hunde frei und ohne Maulkorb herumlaufen lassen, mit der Vernichtung von sechs Millionen Menschen. Entschuldigung: Das ist ein ungeheuerlicher Vergleich.
Allerdings offenbar unter manchen Hundehaltern üblich, nicht nur in Wien: eine Berliner Freundin berichtete mir von Berliner Hundebesitzern, die im Zuge der Debatte über ein Verbot gefährlicher Hunderassen ihren Tieren Judensterne anhefteten.
Zum Glück gibt es auch Hundehalter, die nicht mit religiösem Fanatismus auf Vorschläge reagieren, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Hunde optimieren könnten. Herrl  und Frauerl H. sind ebenso meiner Meinung wie Hundebesitzerin Alexandra W., und es sei hier wieder einmal gesagt: Die meisten Hundebesitzer gehen verantwortungsvoll mit ihrem Tier um.
Aber manche eben nicht. Und es sollte erlaubt bleiben, das zu kritisieren.
1.02.10

Passiert eh nichts

| 02/10 | Kurier-Kolumne

Eh klar, sind nicht die Hunde schuld. Es liegt an den Besitzern, es liegt immer an den Besitzern, wenn etwas passiert. Wenn ständig wieder etwas passiert.
Schon geht es los mit der Fragerei: Wie gehen wir damit um? Tolerieren wir, dass immer wieder etwas passiert? Legen wir das in der Schublade mit den minderen,  überschaubaren Risiken des Alltags? Oder in die mit den intolerablen Vergehen?
Wir haben Gesetze, an die Hundebesitzer sich zu halten haben: Die Pflicht, das Tier artgerecht zu halten. Leinenpflicht, Beißkorb-Pflicht, die Pflicht, die Hinterlassenschaften ihrer Hunde von öffentlichen Plätzen zu entfernen. Nur: Man nimmt es nicht immer so genau. Unter anderem deshalb, weil, wie man aus nebenstehender Geschichte erfährt, die Polizei nicht wirklich willig sei, sich um Hundehalter zu kümmern. Die Gefahr, belangt zu werden, ist also eher gering.
Wo sich  die steuerzahlende, von unangeleinten Hunden bedrohte Autorin eben mal fragt: Ach ja? Darf sich die Polizei aussuchen, gegen welche Gesetzesbrecher sie gerne vorgeht und gegen welche nicht? Gibt es in den Wachzimmern eine Liste von Lieblingsverbrechen, um die man sich gerne kümmert sowie von Vergehen, über die man hinwegsieht? Zur Erinnerung: Es geht hier um Gesetzesverstöße mit mitunter tödlicher Konsequenz.
Was das Vertrauen der Bevöllkerung in seine Kontrollorgane nicht eben stärkt. Und schon gar nicht das Schuldbewusstsein der  Hundehalter: Denn was nicht bestraft wird, ist wohl auch nicht richtig verboten.
Auch deshalb bin ich  eine entschiedene Anhängerin des Hundeführerscheins. Damit Hundehalter wenigstens einmal erfahren, was sie dürfen. Und was sie müssen.




30.01.10

Mit große Dinger fahren

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Nachdem die österreichischen Töchter sich jetzt wiederholt belehren lassen mussten, es gäbe beileibe wichtigere Probleme, als sie in die Bundeshymne aufzunehmen, wollte man sie jetzt zum Bundesheer locken. Mit Hilfe eines Werbespots, der die emanzipatorische Zurückgebliebenheit Österreichs ungeheuer drastisch dokumentiert. Und dessen aufdringliche Amateurhaftigkeit so viel Hohn und Spott auf sich zog, dass das Heer das Video umgehend wieder aus dem Netz nahm.
Man kann den Spott-Spot aber auf youtube – Stichwort: Bundesheer 4U – anschauen und tausendfach auf Facebook, wo er begeistert und fassungslos kolportiert wurde. Und das Anschauen lohnt sich: Allmächtiger!
Wem fällt so etwas ein? Wer schreibt so etwas? Wer nimmt so etwas ab? Wer gibt so etwas frei? Und wer bezahlt so etwas? Die ukrainische Armee. Das österreichische Bundesheer hat den dilettantischen Schwachsinn dann einfach  nur noch praktisch eins zu eins nachgedreht. Dabei sah schon das Orignal so aus, als hätte der geistesgestörte Neffe eines Generals nach seinem Rausschmiss aus Filmschule  und Werbe-Praktikum dringend eine Beschäftigung gebraucht. Waren wir in der Evolution nicht eigentlich schon  ein ganzes Stück weiter? Wenn man sich den Bundesheer-Spot anschaut, bekommt man daran starke Zweifel.
Schon die Idee hinter dem Film ist betörend paradox: Die Erhöhung der Frauenquote im Bundesheer mit den Mitteln des Sexismus. „Wir wollen mit große Dinger fahren!“ ruft eine der vier Frauen, die am Ende einem Panzer hinterherlaufen. Wenn man das gesehen hat, ist man ehrlich dankbar, dass man nur in der Bundeshymne nicht vorkommt. Denn wir haben viel schlimmere Probleme, stimmt.
28.01.10

Endlich Fasching

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Opernball ist auch schon bald. Ich gehe auch heuer nicht hin, beziehungsweise wie immer in Jogginghosen und Patschen, via TV. Dafür habe ich mich auf einen maskierten Gschnas einladen lassen: Allerdings hatte ich einen unaufschiebbaren Termin vergessen und erspare mir damit auch heuer, mich in ein Flugbegleiterinnenkostümchen aus 100 Prozent Polyester zu zwängen oder mich als Stehlampe zu verkleiden.
Immerhin: Meine Entscheidung, mich ausnahmsweise in lustiges Gewand zu hüllen, hätte ich zumindest eigenmächtig gefällt. Während Legionen bedauernswerter Verkäuferinnen und Verkäufer auch heuer wieder mit lustigen Hütchen,  Perücken und Clownnasen zwangsentstellt werden. Und mit „Hossa-hossa“-Partymusik beschallt – obwohl, das war ja geradezu würdevoll im Vergleich zu dem, was heutzutage als lustige Musik gilt.
Immerhin, die Leute könnten argumentieren, dass, leider, für heuer keine Faschingskostüme mehr erhältlich seien, weil die Geschäfte jetzt Bademoden und Grill-Party-Bedarf im Sortiment führen, ist ja logisch. So wie ich letzte Woche erst im dritten Laden Kinder-Skihosen auftrieb, was Körbe voller So-gings-mir-auch!-Mails zeitigte. Denn es gibt unter den Leserinnen und Lesern offenbar zahlreiche Nulpen wie mich, die ebenfalls nicht  im Spätsommer ihren Skibedarf erwarben: Leser Martin H. brauchte deshalb jetzt drei Tage und sieben Geschäfte, bis er eine Skihose für seine Tochter fand.
Während Leserin Petra K. schon im November keine Skianzüge mehr für ihre Kinder auftrieb. Aber sie hat einen guten Tipp für alle, die auch jetzt noch keine haben: Gehen Sie in die Second-Hand-Läden. Dort gibt’s merkwürdigerweise im Winter noch Wintersachen.
26.01.10

Genug gefroren!

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Zuerst die gute Nachricht: Die P.S.K. kassiert keine Gebühren mehr für Haiti-Spenden. Noch am Tag, an dem hier diese Praxis kritisiert wurde, traf ein Mail der P.S.K. ein: Es sei bereits beschlossen worden, wie schon bei früheren Spenden-Gelegenheiten auf die Gebühren zu verzichten. Die bereits verrechneten Entgelte würden den Erdbeben-Opfern gespendet. Sehr gut. Und jetzt die schlechte: Mir ist kalt. Ja, völlig richtig, nach der Eröffnung ist das nicht nur ein minderschweres, sondern ein vollumfänglich marginales Problem. Dennoch: Mich friert. Was tun? Hmm. Warme Musik hören; Dylan vielleicht, „Blood On the Tracks“ vielleicht, oder die schönen Bootlegs auf „Tell Tale Signs“. M. Ward oder Ryan Adams. Ryan Adams geht immer, Bright Eyes auch. Mark Olson und Gary Louris, Cat Power, Beirut, und, weil es gar so bitter kalt ist, „April Come She Will“ von Simon & Garfunkel und „America“. Und die neue Tindersticks. Und die neue Get Well Soon. Und die neue Robert Rotifer. Und die neue Richard Hawley; und die alte. Und alles von Ann Peebles. Und alles von Al Green. Und heiße, scharfe Suppe essen. Und literweise Tee mit Ingwer trinken. Und sich nicht zu jung dafür sein, eine Wärmeflasche auf dem Bauch zu plazieren. Und Lammfellpatschen tragen, was heißt: Lammfellstiefel, über die von der Mama gestrickten Socken. Und unter die Decke kriechen. Und Urlaubsfotos anschauen, aber nicht die von der Hundeschlittentour am Polarkreis, sondern die mit den fetten, grünen Almen. Und die mit dem warmen, blauen Meer. Und die, auf denen man die Hitze so richtig flimmern sieht. Und überhaupt an den Sommer denken, und an noch etwas Schönes. Wird schon wärmer; ja, wird schon wärmer.
25.01.10

Herein, die Töchter

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Die Bundeshymne: Ist das nicht das Lied, das Fussballer bei Länderspielen gemeinsam nicht singen, weil sie es nicht können?  Für ein Lied, das ein Großteil der östereichischen Bevölkerung nicht kann, ist die Bundeshymne in den letzten Tagen ganz schön auffällig geworden: Wegen der Töchter, die man jetzt dazugedichtet hat, und die Christina Stürmer dazusang. Große Aufregung, Klagsdrohung, Skandal: Wobei mir der Umstand, dass Stürmer – im Auftrag des Bildungsministeriums – die österreiche Bundeshymne in radikalem Preussendeutsch intontiert, weitaus skandalträchtiger zu sein scheint.
Doch wenn im Zusammenhang mit der Bundeshymne schon so erbittert über das Wie gestritten wird, kann man auch gleich einen Schritt weitergehen, und nach dem Ob fragen.  Nämlich, ob etwas derartiges wie ein gemeinsames National-Lied heutzutage überhaupt noch eine Bedeutung hat. Und wenn ja für wen. Moooment, nein, ich will hier keineswegs die Abschaffung der Bundeshymmne anregen. Aber wem gehört das Lied? Und was soll es bezwecken?
Es gehört allen Österreicherinnen und Österreichern und  soll ihr Gemeinschaftsgefühl wecken und stärken. Was natürlich eine weitere Frage aufwirft: Ob das von einem Lied nicht eh zu viel verlangt ist. Aber wenn man es schon verlangt, dann wäre es doch überaus hilfreich,  das Lied so zu formulieren, dass  sich alle Mitglieder der identitätssuchenden  Gemeinschaft darin  vorfinden.
 Also, bitte, lasst die Töchter herein. Und lasst auch die Chöre in der letzten Strophe freudig – bzw. freud’g – statt nur brüderlich erklingen. Dafür motschgern wir auch nicht am „Vaterland“ herum, versprochen.
21.01.10

Fehler, Fehler, Fehler

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Kaum jemand, der jetzt noch nicht für die Erdbebenopfer in Haiti gespendet hat. Leser Werner M., wollte das auch und beteiligte sich an der KURIER-Caritas-Spendenaktion. Er ging zur PSK und überwies seine Spende an die Caritas, und was erlebte er dabei? Dass die PSK-Bank von Werner M.s Spende  tatsächlich 55 Cent Gebühren einbehält. Bzw. er die 55 Cent extra bezahlte. Die Frage, ob das ernst gemeint sei, wurde Herrn M. positiv beschieden: was ihn empört. 2004, nach der Tsunami-Katastrophe, verzichtete die Bawag-PSK  auf Gebühren auf Spenden. Es ist schwer zu begreifen, dass sie nun am Leid der Opfer der Katastrophe von Haiti etwas verdienen will.
Harscher Themawechsel. Denn ihrer Autorin sind in den vergangenen Tagen zwei Fehler unterlaufen, ein lässlicher und ein peinlicher. Fehler Nr. eins: Bei dem  Werkzeug, das der FPK-Chef am Ende des Parteitags in Händen hielt, handelte es sich, wie zahlreiche Leserinnen und Leser anmerkten, nicht um eine Spitzhacke, sondern um einen Eispickel, im Verein mit einem Hanfseil ein Symbol für Kamerad- und Seilschaft. Kann allerdings, wie die Geschichte beweist, ebenfalls zur Waffe umgedeutet werden; siehe Trotzki.
Der zweite Fehler unterlief mir bei meiner Tatort-Kritik, die unter der Leserschaft erbitterte Ablehnung und euphorische Zustimmung hervorrief und  nichts dazwischen.  Der Konschtanz-Tatort, Sie erinnern sich: ich behauptete, die Schauspieler schwäbelten unerträglich. Das ist nun ein mörder peinlicher Fehler für eine, die aus eben der Gegend – halt von rechts unterhalb des Bodensees – stammt und also, genauso wie die Bewohner von Konstanz, eine Alemannin ist. Wenn das bloß meine Mutter nicht erfährt.
14.01.10

Da isser, fremd schaut er aus

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Die Debatte um Eberau und die Inhaftierung von Asylwerbern hat wieder einmal gezeigt, wie dringend es ein Staatssekretariat für Integration und Asylfragen braucht. Im Innenministerium von Maria Fekter sind diese Themen nicht gut aufgehoben: Fekters Umgang mit Asylwerbern nimmt immer deutlichere Züge echter Feindseligkeit an. Sie geht so leidenschaftlich aggressiv gegen Asylwerber vor, dass man sich allmählich fragt, ob das noch professionell ist.
Oder ob ein Asylwerber ihr persönlich etwas angetan hat: Vielleicht hat sie ja den, der ihr damals das Handtaschl gefladert hat, eindeutig als Asylsuchenden identifiziert, und anstatt effizient gegen die Einbruchskriminalität loszugehen, müssen jetzt Asylwerber daran glauben.
Lenkt erstens von den wenig dekorativen Resultaten bei der Einbruchsbekämpfung ab. Ist zweitens viel einfacher, wenn sich der Gegner nicht versteckt, sondern man ihn vorführen kann: Da isser, fremd schaut er aus. Und es hat drittens einen viel höheren Populismusquotienten, denn es ist ja doch angenehmer, wenn man in der Pressestunde mit originellen Ideen auftrumpfen kann, als wenn man in der ZiB2 keine hat, wie man  etwa mit den Einbrechern fertigwerden soll.
Fekter kriminalisiert sehr erfolgreich die Asylsuche als solche und denunziert damit relevante, international anerkannte Asylgründe wie etwa politische Verfolgung. Bei jenen Volksgruppen, die nur einfache Botschaften verstehen, kommt das natürlich gut an; Asylwerber böse: passt. Ist so schön einfach. Versteht jeder. Braucht man nix differenzieren.
Es braucht dringend ein Ressort für Asylfragen, das Asylpolitik wieder ojektiviert.  Dringend.
13.01.10

Aggressive Publikumsvertreibung

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Auf der Suche nach gutem TV stieß ich am Sonntag irrtümlich auf „Im Zentrum“. Kurz hineingeschaut, viele rechte Herren erblickt, die über ihre Probleme mit sich selbst und untereinander redeten, und gleich erkannt: Ah, der ORF will mich nicht. Folgsam weitergezappt und dann aufgegeben, ich habe ja eh gerade ein großartiges Buch in Lektüre: Edward St. Aubyns „Muttermilch“, wo es zwar ebenfalls um Männerprobleme geht, aber um solche, die mich interessieren.
Warum macht sich der ORF die Mühe, eine teure Sendung auszustrahlen, deren mittlerweile einziges Ziel die aggressive Publikumsvertreibung zu sein scheint? Baba! Alle! Vor allem: Pfiat eich die Madln! Braucht’s ja nicht.
Ein paar „In Zentrum“-Ankündungen der letzten Monate:  „Sonderfall Kärnten: Haiders Erben auf dem Weg in die Sackgasse? Es diskutieren u.a. der Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler (BZÖ), Wirtschaftsexperte Gottfried Haber und Christian Rainer (Profil)“. Oder: „Über die aktuellen Turbulenzen bei der AUA diskutieren Niki Lauda (angefragt), Flugunternehmer, Alfred Junghans, AUA-Betriebsrat und ÖIAG-Aufsichtsrat, Mario Rehulka, der ehem. AUA-Vorstand und Präsident des Österr. Luftfahrtverbandes, Kurt Hofmann, Luftfahrtexperte, Hans Schmid, ehem. AUA-Aktionär.“ Oder: „Österreichs Wirtschaft bricht ein - leichte Hoffnung erst für 2010. Es diskutieren  Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ), Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP), Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts Karl Aiginger und Johannes Kopf (AMS).“
Wecken Sie mich bitte morgen um 6 Uhr 20. Oder ich schalte um auf den „Columbo“ am Einser. Sogar der ist zuverlässig spannender als „Im Zentrum“.
12.01.10

Na, die ist irreparabel

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Am 19.5. 2006 bezahlte Klara K. – sie hat die Rechnung noch – dem freundlichen Herrn vom Waschmaschinen-Service 64,80 Euro für die Mitteilung, ihre Waschmaschine sei defekt. Und jetzt? Irreparabel defekt, da müssen Sie wohl eine neue kaufen. Ja, bravo. Am 29.5.06 wurde – Klara K. hat den Lieferschein noch – eine neue Elektra Bregenz Waschmaschine geliefert; Kaufpreis 499 Euro, inklusive Liefer-Zuschlag und Altgeräte-Rücktransport: 558,79 Euro.
Letzten Freitag, am 8.1. 2010, erschien ein Elektra-Bregenz-Techniker, griff in die Maschine, drehte die Trommel zwei Mal rundherum, blickte traurig und kassierte – Klara K zürnt noch immer über der Rechnung – 85,20 Euro für die Auskunft „Lager defekt, Reparatur unrentabel“. Natürlich wurde Klara K. nicht einmal ausgelacht, als sie bei der Service-Abteilung von Elektra-Bregenz anrief, sich über die  Halbwertszeit ihrer Waschmaschine beschwerte und fragte, was man da zu tun gedenke. Ja, nichts natürlich, die Gewährleistung war doch längst abgelaufen. Kulanz? Was für eine Kulanz?
Ja, eh klar, war ein Versuch. Aber hielten Waschmaschinen, fragt sich Klara K., früher nicht 15, 20, ja manchmal 30 Jahre lang durch? Warum tun sie das heutzutage nicht mehr? Und warum sind Reparaturen so teuer, dass sie sich für die Kunde niemals rentieren, so dass man die Trümmer jedes Mal abtransportieren, wegschmeißen und entsorgen muss?
Am 9.1. bezahlte Klara K. für die neue Waschmaschine (anderer Hersteller, na sicher), Lieferung und Anschluss 437,99 Euro. Den Lieferschein wird sie – man wird sehen, wie wenige Jahre diesmal – sicher verwahren. Auch wenn es sowieso keinen Sinn hat.

10.01.10

Es gibt nur sie

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Der Fall Kampusch ist also abschlossen. Der Endbericht ist da, und damit ist alles erzählt, was es, im Sinne der Staatsanwaltschaft, zu erzählen gibt. Das ist auf vielen Seiten nicht viel neues: Ermittlungspannen werden eingeräumt, die Einzeltäter-Theorie wird betoniert.

 Natürlich wird das weitere Spekulationen nicht verhindern. Die Außerordentlichkeit des Verbrechens an Natascha Kampusch trägt dazu ebenso bei, wie die merkwürdigen Aussagen von Ludwig Adamovic, dem Leiter der Evaluierungskommission und das ambivalente Verhältnsi des Opfers zur Öffentlichkeit.

 Natascha Kampusch war, wie nicht nur ihr eigenes anhaltendes Leiden, sondern auch der völlig andere Umgang mit den Opfern von Josef Fritzl zeigte, von Beginn an schlecht beraten: Die konzentrierte öffentliche Neugier fokussierte gleich auf das Opfer, dass sich bis heute nicht recht entscheiden kann, ob es seine Traumata aus der Isolation seines achtjährigen Gefangenschaft öffentlich oder ganz für sich verarbeiten will. Kampusch befeuert diese Neugier selbst immer wieder, indem sie die Hoffung der Medien, dass bei ihr doch noch etwas Neues, Sensationelles zu holen sei, periodisch durch Interviews nährt.

Ganz anders verlief der ansonsten ähnlich gelagerte, aber noch grausigere Amstettner Kriminalfall; unter anderem deshalb, weil es da einen lebendigen, angemessen diabolischen und letztlich seiner Strafe zugeführten Täter gab, an dem sich die Öffentlichkeit abreagieren konnte. Und weil man die Opfer, soviel hatte man aus dem  Fall Kampusch gelernt, von der Neugier der Öffentlichkeit entschieden und erfolgreich abschirmte, bis deren Interesse nach dem schnellen, kurzen Gerichtsverfahren allmählich erlahmte.

 Diese Glück hat Natascha Kampusch nicht. Der Fall ist abgeschlossen, aber ihre Geschiche ist wohl nie vorbei.

8.01.10

Es geht so oder anders

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Leser Florian K. ist an einem Einkaufstag mit seinem kleinen Neffen im ersten Bezirk unterwegs, als der Bub ganz dringend auf die Toilette muss. Also geht K. mit dem Kind in das Hotel am Stephansplatz (Eigenwerbung: „Es gefällt, Sie werden sich wohlfühlen!“), das man eben passiert, erklärt das Problem und bittet darum, mit dem Buben ein WC aufsuchen zu dürfen. Der Bescheid: abschlägig, dafür dekoriert mit dem bekannten Wo-kämen-wir-da-hin-wenn-wir-jeden...-Hinweis. In der U-Bahnstation Stephanplatz darf das Kind das WC dann sogar gratis benützen.
Dafür hat mir Leserin Emma B. anlässlich der Postbus-Geschichte von letzter Woche eine zwar nicht ganz aktuelle, aber ganz  andere Postbus-Geschichte erzählt. Ihr Sohn, damals Volksschüler, war in den falschen Bus gestiegen, der ihn statt nach Rehberg nach Gföhl fuhr.  Der Bub bemerkte das zwar, aber in seiner Schüchternheit sagte er nichts, sondern blieb bis zur Endstation einfach sitzen. Der Busfahrer, der eigentlich schon frei hatte, entdeckte das ratlose Kind: Er nahm sein Handy, rief die Mutter des Buben an und teilte seine Jause mit ihm, bis die eintraf.
Auch Jutta O. aus Oberwart, Mutter von siebenjährigen Drillingen, hat nicht nur gute, sondern sehr gute Erfahrungen mit den Postbus-Chauffeuren, die ihre Kinder täglich fahren: „Niemals“ schreibt sie, würde einer dieser stets freundlichen Fahrer ein Kind nicht mitnehmen, weil es seinen Ausweis vergessen hat. Sondern die fragen, erzählt Frau O., sogar nach, wenn eines der Kinder, die sie täglich befördern, einmal fehlt. Wofür sie ihnen gern ein großes Lob aussprechen möchte: dem  man sich gerne anschließt.
6.01.10

Lob der großen Stadt

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Jetzt fanden, Halleluja!, die ersten Verpartnerungen (ein Bastard, dieser neue Begriff, aber ein gelungener, brauchbarer) statt. In Wien: feierliche Zeremonien in festlichem, offiziellen Rahmen. Denn hier dürfen sich homosexuelle Paare überall dort verpartnern, wo andere Paare heiraten dürfen. Und zwar, wer das will, mit dem gleichen feierlichen Pomp und Juchee, auf dass der Tag für alle Beteiligten unvergesslich bleibe.
Ein Lob der großen Stadt! In der dergleichen Liberatlität ungeniert gepflogen wird. Erstens einfach so, zweitens weil es den gesellschaftlichen Realitäten  entspricht. Drittens um die Ungerechtigkeiten des neuen Homo-Partnerschaftsgesetzes ein wenig  auszugleichen. Denn das wirft sich bekanntlich entschlossen vor die Tore der österreichischen Standesämter, auf dass diese  lesbischen und schwulen (pfui!) Paaren auch weiterhin verschlossen bleiben.
Zum Beispiel in Graz, das ihren homosexuellen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, Wählerinnen und Wählern, Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern eine feierliche Zeremonie  verwehrt. Nein, unserern Trauungssal kriegt ihr nicht! Grad extra! Das ist unnett, kleinlich, kleingeistig und schäbig. Und wie auch in Vorarlberg, wo man Verpartnerungen offenbar gar nicht durchzuführen bereit ist, kommt das ausgerechnet von jener Partei, die sich christlichen Werten wie  Verantwortungsbewusstsein und Nächstenliebe verpflichtet fühlt, aber halt – über das Gesetz hinaus – mitbestimmen will, wer und wie dieser geliebte Nächste zu sein hat.
Was diese Paare, zumindest viele von ihnen, tun werden, ist klar: Die zelebrieren ihre Verpartnerung eben feierlich in Wien. Wo sie erwünscht und willkommen sind. Ja, gut so.
5.01.10

Die Schwester von nett

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Die Regierung sollte sich fürs neue Jahr u. a. das Studium der Himmelsrichtungen (Nie Ohne Seife Waschen) verordnen, mein ganz persönlicher Vorsatz lautet hingegen: zählen lernen. Ja, Sie zahlreichen, aufmerksamen Leser (wirklich, nur: Leser), Sie haben völlig Recht, das war Unsinn, dass am 1. Jänner das neue Jahrzehnt anfing, das tat es überhaupt nicht. Das fängt erst nächsten 1. Jänner an, denn ordnungsgemäß zählen wir  von Eins weg und nicht von Null. Das Jahrzehnt, dass ich hier fälschlicherweise abschloss, war  ein gefühltes Jahrzehnt, ein Bauchjahrzehnt quasi, während die Kopfdekade korrekterweise noch ein ganzes Jahr andauert. Ok.
Und hierfür  gleich noch ein weiterer Vorsatz, den ich, völlig eigennützig, sehr gern verallgemeinert seherte: Nett sein, netter werden. Denn nett ist  (ich entschuldige mich bei der feinfühligeren Leserschaft, aber exakt so geht nun mal der momentan viel bemühte Spruch), nett also ist mitnichten die Schwester von scheiße. Nett ist mit der inkriminierten Materie nicht einmal entfernt verwandt, es gäbe, tatsächlich, einige einschlägige Verwandte, die man hier   aufzählen könnte, aber nett ist definitiv nicht darunter.
Nett ist, wenn überhaupt, eine Tochter von positiv, die Schwester von freundlich und zuvorkommend,  eine Cousine von heiter und tolerant und eine Nichte von gelassen. Überdies steht nett in einer ernsthaften Liaison mit Gutmensch, der gleichfalls völlig zu unrecht in Verruf geraten ist. Denn gäbe es mehr Paare wie Nett und Gutmensch, wäre die Welt ein freundlicherer, besserer  und gerechterer Ort.
Lasset uns also nett zueinander und zu anderen sein; denn Nettigkeit vermehrt und potenziert sich und kehrt zurück. Genau wie Aggression; nur: Es ist sehr  viel angenehmer.
1.01.10

Betr: Postbus, Pathos, Prosit

| 01/10 | Kurier-Kolumne

Bevor ich mich hier inbrünstig in eine pathetische Eloge auf die Nullerjahre werfe und das neue Jahrzehnt in ein euphorisch-optimistisches Visier nehme, noch ein kurzer Nachtrag zur gestrigen Kolumne. In der wies ein Postbusfahrer  Sechs- und Siebenjährige, die ihre Freifahr-Ausweise vergessen hatten, bei Minusgraden aus dem Bus. (www.kurier.at, blogs)
Ein paar Leser fanden, die Eltern hätten bitte dafür zu sorgen, dass die Kinder ihre Ausweise dabei haben: der Busfahrer habe  zu Recht ein Exempel statuiert. Abgesehen davon, dass ich mich schon frage, wie es jemanden geht, der es richtig findet, sechsjährige Mädchen schutzlos auf der Straße ihrem Schicksal zu überlassen: Es besteht ein Beförderungsvertrag zwischen den Kindern – vertreten durch ihre Eltern – und der ÖBB-Postbus-GmbH.  Diese Kinder fahren ja immer mit dem Postbus. Und der Busfahrer ist für die Kinder, die er befördert, mitverantwortlich – auch wenn ihnen etwas passiert, weil er die Beförderung verweigert.
In Deutschland wurden zwei Kontrolleure suspendiert, die eine 12-jährige Schülerin an einer Station aus der S-Bahn wiesen, weil sie falsch gestempelt hatte. Die Deutsche Bahn entschuldigte sich: Es gebe eine strikte Anweisung, dass Minderjährige nicht aus Zügen geworfen werden dürften. Derlei fehlt bei den ÖBB offenbar.
Und jetzt zum Pathos: geschafft! Das Jahr; das Jahrzehnt. Was sich, da es  das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends war, irgendwie gewichtiger anfühlt als sonst. Wo war man nochmal zu Millennium? Wer war man zu Millennium? Und wer ist man geworden in diesen letzten zehn Jahren?
Jetzt jedenfalls: auf ins neue  Jahr! Prosit und alles: Möge 2010, Leserinnen und Leser, ein schönes, befriedigendes Jahr für Sie werden.
31.12.09

Schmeißt die Kinder aus dem Bus!

| Comments (1) | 12/09 | Kurier-Kolumne

Stellen Sie sich vor, Ihr siebenjähriges Kind kommt nicht von der Schule nach Hause. Die Schule ist ein paar Kilometer entfernt, das Kind hätte den Post-Bus nehmen sollen, um 11.59 ab  Maria Enzersdorf Schulplatz Richtung Gießhübl. Aber das Kind kommt nicht.
Das passierte am 14. Dezember der Familie W. und mehreren anderen Familien. Denn der Fahrer des Busses hatte den 7-jährigen Sohn der W.s, fünf weitere Siebenjährige und eine sechsjährige Erstklässlerin unter Geschimpfe wieder aus dem Bus aussteigen lassen, weil die Kinder  ihre Schülerfreifahr-Ausweise vergessen hatten. Der Busfahrer ließ die Kinder einfach unbeaufsichtigt an der Straße stehen und fuhr davon. Es hatte an diesem Tag minus zwei Grad Celsius. Keines der Kinder hatte ein Mobiltelefon dabei. Sie  marschierten dann halt ganz allein Richtung nach Hause.
Das Wort „skandalös“ wurde in dieser Kolumne noch nie verwendet, heute geschieht es: Der Vorfall ist skandalös. Das Verhalten des Busfahrers: skandalös.
Das fand auch Herr W.. Er schrieb an die ÖBB-Postbus-Servicestelle eine Sachverhaltsdarstellung mit Ersuchen um Aufklärung, und erhielt bald eine Antwort. Man verstehe den Ärger, aber: „Der Fahrer hat sich in der Situation streng an die Dienstvorschrift gehalten.“ Denn er habe bei einer Kontrolle des Verkehrsverbundes „mit Konsequenzen zu rechnen, wenn er wissentlich Fahrgäste ohne gültigen Fahrausweis befördert.“ Man habe den Fahrer aber angewiesen, „mit Kunden in entsprechendem Umgangston zu kommunizieren.“
Die Dienstvorschrift der ÖBB-Postbus-GmbH verlangt von ihren Fahrern allen Ernstes,  Erstklässler  mit freundlichen Worten aus dem Schulbus zu weisen und ganz allein an der Straße zurück zu lassen? Skandalös.
30.12.09

Unösterreichische Umtriebe

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Eine Essenseinladung kurz vor Weihnachten. Ein paar Kinder, acht Erwachsene und eine Überraschung: nur einer raucht noch. Im Unterschied zu früher: Früher hätten von den acht Erwachsenen vielleicht zwei nicht geraucht. Man ist also geneigt, Gesundheitsminister Stöger beizupflichten: „Der Großteil der Bevölkerung raucht nicht. Die Wirte tun gut daran, diese Mehrheit zu berücksichtigen.“
Allerdings meine ich, dass es halt nicht in der Zuständigkeit der Wirte liegt, diese Mehrheit zu berücksichten – also: zu schützen – und ein ein allgemeines Rauchverbot zu exekutieren. Sondern in jener des Gesundheitsministers und der Politik: Wenn die  ein Rauchverbot für notwendig und richtig erachtet, dann muss sie ein entsprechendes Gesetz halt eben auch gegen den Widerstand der Gastronomie durchsetzen. Ist in anderen Ländern, in denen die rauchende Minderheit wesentlich größer war als bei uns, auch gelungen.
Aber es wäre halt so überaus unösterreichisch, ein vernünftiges Tabakgesetz auszuarbeiten (und vernünftig ist nun einmal: das Rauchen und vor allem das Anrauchen von Nichtrauchern, z.B. Kindern, zu ächten), zu beschließen und zu sanktionieren. Und weil sich auch die Regierung lieber keiner unösterreichischer Umtriebe verdächtig machen möchte,  arbeitet sie lieber mit jedem Betroffenen des Gesetzes einen eigenen Kompromiss aus: Der bislang bewirkt hat, dass es so gut wie  keinen Unterschied macht, ob wir ein Tabakgesetz haben oder nicht. Weil die Nichtraucher mit und ohne ziemlich genau gleich ungeschützt sind.
Aber wer ist in einem Rechtsstaat für Nichtraucherschutz zuständig? Der Gesundheitsminister. Die Regierung. Das gesetzgebende Parlament. Die Wirte eher nicht.
24.12.09

Süßer die Glocken nie klingen

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Bitte, es war eigentlich ein Witz, aber wenn Sie schon fragen... Also, die Weihnachtsfeier war so: Ich durfte an einer Konversation vom Dings, vom H. und von dem aus dem Sport teilhaben, in welcher Situation man Brüste korrekterweise wie bezeichnet bzw. anspricht. Der X. hatte, ich hab’s genau gesehen, einmal seine Hand auf dem Hintern von der Y., wo sie rechtmäßig nicht hingehört. Wie der M. mit der E. getanzt hat, war original auch nicht mehr feierlich. Die P. hat sich, davon gibt’s im Internet schon ein hübsches Foto, an den Bassisten mit dem Afro zubigeschmissen, und es gibt auch ein schönes Detailfoto vom Dekollete von der B. und der K., das die B. eigenhändig geknipst hat. Meins ist nicht auf dem Bild, ich war hochgeschlossen. Dafür habe ich dem Dings und dem einen da aus dem Sport erzählt... meine Güte, habe ich denen das ernstlich erzählt?!? Oioioi. Aber was mir der Dings dann vorgeschlagen hat: also echt. Und dass der H. mich dann nicht verstand, hat mit alkoholinduzierter Aphasie nichts zu tun; sondern der H. sollte dringend einmal zum Ohrendoktor. Und was soll das überhaupt heißen: tief? Von der Frau vom H. existiert auch ein schönes Lichtbild, da liegt sie, süßer die Glocken nie klingen, irgendwie unter dem Afro-Bassisten. Aber bei der, also der Gabriele Kuhn, ist das ja alles dienstlich und Recherche: Erstens schreibt sie bekanntlich die Freizeit-Sex-Kolumne. Zweitens hat sie eben ein schönes Buch verfasst, das heißt „Alles, nur nicht perfekt“ (KURIER-Edition): Welches sich allerdings perfekt als Geschenk für Damen eignet, die mit dem Perfektionismus auch endlich abschließen wollen. Also Frauen wie die P., die B., die E., die K. und ich. Es war ein schönes Fest. Hat zufällig wer ein Kopfwehpulver?
22.12.09

Und jetzt: Das Duell der Alphamännchen

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Betrachten wir den FPK-Kracher doch einmal aus küchenpsychologischer Sicht. Und durch die Augen einer Frau, weil: Wie die beiden Alphahirsche Scheuch und Strache sich da letzte Woche durch alle Medien röhrten: huiiii! Männlich. Eindrucksvoll. Und putzig. Man konnte direkt sehen, wie den beiden das Testosteron aus allen Poren perlte. Hier wurde ein archaisches Männer-Ritual zelebriert: Zwei Könige verlassen nach langem Kampf das Schlachtfeld, stecken ihre Schwerter ein und vereinigen ihre Ländereien gegen die anderen Könige. Oder auch: zwei Buben ziehen sich in der Sandkiste nicht mehr gegenseitig die Schaufeln über, sondern bauen fortan gemeinsam an der Burg und erheben ihre Schaufeln jetzt Seite an Seite gegen Dritte.
Auch H.C. Straches Motivation  lässt sich küchenpsychologisch am schlüssigsten  erklären. Weil, eh. Der arme Bub ist beleidigt worden, gekränkt, gedemütigt und verraten. Er hat lange, sehr lange auf seine Revanche gewartet und jetzt zurück geschlagen. H.C. Strache ließ es sich nicht mehr anmerken, aber er sann auf Rache, seit Jörg Haider, sein Hero, sei Mentor, sein Freund, sein Idol, ihn damals in Knittelfeld übrig ließ: mit einer fragmentierten FPÖ, der im Moment kaum einer nur den Hauch einer Chance gegeben hätte.

Wer zuletzt lacht. Es genügte Strache nicht, diese Annahme zu widerlegen. Es reichte ihm nicht, Chef einer FPÖ zu sein, die sich an allen Flanken – außer der südlichsten – zügig erholte. Und es war ihm zu wenig, mit dieser – längst: seiner – FPÖ Wahl um Wahl zu gewinnen. Strache will mehr: Er will nicht  nur die FPÖ, er will sich auch die Haider-Partei  unterordnen, und zwar genau dort, wo Haider wie ein Heiliger verehrt wird. Er will es ihnen jetzt zeigen. Er gibt es ihnen jetzt zurück. Er beweist jetzt, wer zuletzt lacht. Er hat sich seine Rache hart und geduldig erarbeitet. Er hat alle Demütigungen stehend und lächelnd hingenommen. Jetzt schlägt er zurück.
Diese Frage lässt sich allerdings auch mit den Mitteln der Küchenpsychologie nicht befriedigend klären: Warum gerade jetzt? Hat er es einfach nicht mehr ausgehalten? Doch diese Ungeduld könnte seinen schönen Plan letztlich zunichte machen. Denn der typische Wiener Wechselwähler, der aus Ärger und dem Gefühl des Zukurzkommens von der SPÖ zur FPÖ überläuft, wird es kaum goutieren, dass er bei der Wien-Wahl nicht nur Saubermacher Strache wählt, sondern mit seinem Kreuz auch für zwielichtige Kärntner Steuergeld-Vernichter stimmt. Das passt nicht zusammen. Und könnte deshalb für Strache klassisch nach hinten losgehen. Dass umgekehrt die Kärntner Strache nach Haiders Tod ersatzweise als Reservebank-Messias anbeten werden, ist eher unwahrscheinlich. Aber das, genau das, will Strache eigentlich. Und deshalb, genau deshalb, ist ein beinhartes Duell der Alphahirschen schon vorprogrammiert: Die Geweihe werden aufeinanderklirren. Und am Ende wird es nur einen geben. Oder wieder zwei Parteien. Oder drei. Bei so viel Testosteron ist man vor Überraschungen ja nie sicher.


20.12.09

Es gibt ja eh die Festspiele!

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller schließt das Frauenhaus in Hallein. Warum? Die Auslastung stimmt nicht. Das Frauenhaus erfüllt die erwartete Quote an verprügelten Frauen und Kindern derzeit nicht, die Auslastung beträgt nur 80 Prozent. Und das Frauenhaus Salzburg, das ebenfalls 15prozentige Kürzungen hinnehmen muss, sei ja nicht weit entfernt und könne die Frauen aufnehmen, die nun im Tennengau keine Zuflucht mehr finden. Auf dieser Argumentationsbasis könnte man zum Beispiel auch das Salzburger Landestheater zusperren, das 2009 eine Auslastung von nur 76 Prozent vorweisen konnte; mit dem Verweis, dass eh jedes Jahr Festspiele stattfinden, dass sollte doch kulturell reichen. Das passiert zum Glück nicht, und ich will hier auf keinen Fall den Wert von Frauenhäusern gegen den Wert von Theatern aufwiegen: Aber es sagt halt schon ein bissl was darüber aus, welchen Stellenwert misshandelte Frauen und Kinder einnehmen. Und wo in Wirtschaftskrisenzeiten wie immer zuerst gespart wird: bei den eh schon Erniedrigten und Wehrlosen. Geprügelten Frauen und Kindern, Flüchtlingen. Und bei denen, die sich mit Engagement um sie kümmern. (Apropos Relation: Es ist mir einfach nicht möglich, in diesem Kontext nicht erneut die magischen drei Worte zu notieren. Hypo. Alpe. Adria. Und die dazugehörige Zahl: 450 Millionen Euro Steuergeld.) Momentan scheitere ich nämlich ununterbrochen daran, die Dinge so zu sehen, wie es Politik und Wirtschaft immer wieder gerne hätten: isoliert. In gar keinem Zusammenhang stehend. Leben wir nicht alle in einer Gesellschaft, in einem gemeinsamen Österreich? Doch. Aber es sind hier lang nicht alle gleich viel wert.
19.12.09

Liebes Christkind!

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Liebes Christkind, tut mir leid, meine Liste kommt erst heit, für Wünsche war bisher ka Zeit, Aber jetzt bin ich soweit. Liebes Christkind, bitte bring, dem Heinz-Christian ein Piercing, das passert gut zum neuen Bart, und er ist ja eh so hart. Liebes Christkind und dem Uwe, bring doch bitte neue Schuhe, die jetzt sind ihm viel zu groß, damit stolpert er ja bloß. Liebes Christkind, sei nicht krank, bitte schenk mir keine Bank! Willst du Anerkennung ernten, bring mir einen Freistaat Kärnten. Loslösung von Österreich, das wär ein Husarenstreich! Wenn der Gerhard dafür sörg: er würd unsterblich wie der Jörg. Christkind, gutes, bitte bring, der Justizministerin eine eigene Autospur, sie kommt sich sonst deppert vur. Das ist bitte nicht großkopfert, wenn man sich fürs Gemeinwohl opfert. Dafür hat man was verdient! Zum Beispiel, dass ein Akt verschwindt. Liebes Christkind, außerdem, fände ich für Wien bequem: viel mehr Sonnentage und ein Führerschein für jeden Hund. Und bitte für die Wiener Wahl, einen göttlichen Bannstrahl, der jede grausliche Parole automatisch, zack, verkohle. Und schenke doch der Bundesbahn Pünktlichkeit nach dem Fahrplan. Liebes Christkind, ganz famos: Meine Freud wird grenzenlos.
17.12.09

Oder 45 Millionen warme Essen

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Dieses Kärnten ist mir nicht mehr wurscht. Und ich kriege einen Zorn, wenn ich bedenke, dass ich gestern hier die Leserschaft um Spenden angebettelt habe (und weiter bettle), damit ein kleines, ehrenamtliches Sozialprojekt wie Immo-Humana (www.immo-humana.at) den unterstützten Familien zu Weihnachten 50-Euro-Lebensmittelgutscheine schenken kann. Aus den 450 Millionen Euro, die wir Steuerzahler zur Rettung dieses Kasperl-Landes zahlen müssen, könnte man neun Millionen solcher Einkaufsgutscheine finanzieren. Und man könnte das Caritas-Deckenlager mit 30 Millionen Wolldecken oder neun Millionen Schlafsäcke für Obdachlose füllen. (Caritas: PSK 7.700.004, BLZ 60000). Und man könnte diesen Wohnungslosen gut 45 Millionen warme Mittagessen in Wirtshäusern spendieren. Die Flüchtlingshilfe der Diakonie müsste, nachdem das Innenministerium ihr die Mittel gestrichen hat, nicht um Spenden für den Notbetrieb der Rechtsberatung Traiskirchen betteln(PSK 90.006.423, BLZ 60.000), sondern könnte in 2500 Rechtshilfestellen ein Jahr lang Flüchtlinge beraten. 56 Frauenhäuser wären je zehn Jahre lang finanziert, um insgesamt etwa 40.000 Frauen und 45.000 Kinder Frauen vor häuslicher Gewalt zu schützen. (Bank Austria 610 782 047, BLZ 20151) Und Ute Bock könnte mit dem Geld 187.500 Flüchtlinge jeweils zwei Jahre lang unterbringen. (Hypo Bank Tirol, 520 110 17499, BLZ 57000) Spielt sich aber nicht. Solche Dinge finanziert der Staat nicht, dafür ist kein Geld da. Da müssen die Bürgerinnen und Bürger einspringen mit einem Teil jenes Geldes, das ihnen bleibt, nachdem das Finanzamt die Steuern abgezogen hat: Mit denen u. a. das Kärntner Desaster finanziert wird. So einen Hals könnte man kriegen.
15.12.09

Beckett: 2554 Stück

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Wegen  Internets, TVs und anderer contrabibliophiler Ablenkungen läsen die Leute weniger als früher. Heißt es immer. Das ist offenbar Unsinn, wie die Lektüre des Briefverkehrs zwischen dem Schriftsteller Thomas Bernhard und seinem Verleger, Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld, u.a. beweist. „Der Briefwechsel“ (Suhrkamp) ist ein fantastisches, mitreißendes und vergnügliches Dokument, wie Bücher entstehen – und wie auch die Produktion von Weltliteratur von quälenden pekuniären Begleitumständen belastet ist.
Denn in seinen schriftstellerischen Anfängen litt Bernhard unter chronischer Geldnot, die eng verknüpft war mit dem Erwerb des Ohlsdorfer Anwesens, ursprünglich einer totalen Ruine. Bernhard hatte Unseld 1965 dafür ein Darlehen in der Höhe von 25.000 DM aus dem Kreuz geleiert, das er nur sehr unwillig  zurückzuerstatten bereit war. Im Juli 1968 beschwerte sich Bernhard darüber, dass Suhrkamp die schleppende Abtragung seiner Schuld mit verantworte, denn von seinem 1967 veröffentlichten Roman „Verstörung“ – und Bernhard war zu diesem Zeitpunkt bereits leidlich berühmt – hatte Suhrkamp gerade einmal 1800 Stück verkauft.
In seiner Antwort listete ihm Unseld darauf hin die Verkaufszahlen von Samuel Beckett auf, der im Suhrkamp-Verlag „als Nummer 1 aller Autoren rangiert“, und die Zahlen verblüffen: Denn von Becketts größtem Erfolg, „Molloy“ aus 1954, hatte Suhrkamp insgesamt 2554 Exemplare verkaufen können.
Es mag also schon sein, dass die Leute heutzutage wenig lesen: Aber offenbar haben sie das, zumindest was anspruchsvollere Literatur betrifft, auch schon vor 50 Jahren getan. Ganz ohne die Hilfe von 350 TV-Programmen und Internet.
13.12.09

Und jetzt die Bagger

| Comments (1) | 12/09 | Kurier-Kolumne

Das Bundesdenkmalamt sei, schreibt der Architektur-Kritiker Jan Tabor im letzten Falter, „dringend demolierungsbedürftig“. Zum „Bundes-schweig-mal-Amt“ sei es geworden, in dem es sich mit keiner Regung und keinem Wort gegen die Demolierung des Wiener Südbahnhofs verwehrte. Der wird in diesen Tage endgültig geräumt und dann abgerissen, um dem neuen Zentralbahnhof Platz zu machen. Dabei zähle der Südbahnhof „zu den Denkmälern der Aufbauzeit“, er sei, konstatiert Tabor, „einzigartig in die Zeit und ihre spezifische kulturpolitische Topografie eingebaut, also besonders schön“.
Ja, er war  schön, der Südbahnhof, nicht nur ob seiner architektonischen Großzügigkeit, sondern auch wegen den Versprechungen, Erwartungen und Hoffnungen, die sich in dieser Halle zusammenfanden – je nachdem, ob sie Ausgangspunkt oder Ziel der Reise war. Für die, die von dort nach Süden fuhren, fing er, so empfand es Tabor, „die Fröhlichkeit des Fernwehs“ ein, er versprach Sonne, Wärme, Meer; Süden eben. (Außer natürlich, man fuhr nur bis Graz.) Für die, die ankamen, versprach er nicht selten den Eintritt in eine bessere Welt – auch wenn dieses Versprechen häufig von der Realität gebrochen wurde.
Westler wie ich, die zwangsweise engen Kontakt zum Westbahnhof pflegten, waren jedesmal, wenn sie  eine Reise ab Südbahnhof antraten, beindruckt von der schieren Maßlosigkeit dieser Halle, in der die Fahrkartenschalter wirkten wie aus dem  Puppenhaus. Was für ein Luxus,  hier einfach eine riesige Menge Luft mit einer Halle zu umbauen.
Das wird der neue Bahnhof, in dem wohl kein Kubikmeter kommerziell ungenutzt bleiben wird, vermutlich nicht bieten. Also, Südbahnhof: baba.


10.12.09

Wir können auch anders

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Franz H. hat einen zwölfjährigen Sohn mit starkem Willen. Man war am Samstag auf dem Friedhof gewesen und anstatt wie sonst mit Bim und Bus zurück zu fahren, wollte der Bub die S-Bahn nehmen. Mit seiner Mutter, Besitzerin einer Jahreskarte und seiner Tante, ausgestattet mit einem 24-Stunden-Ticket, bestieg er eine in Leopoldau einfachende S-Bahn Richtung Zentrum.
Prompt erschien ein Schaffner. Und: Der Bub hatte seinen Schüler-Freifahrausweis daheim in der Schultasche. Was die Mutter angesichts des Wochenendes und der sonst untadeligen Befahrscheinung für eine lässliche Sünde hielt. Der Schaffner nicht; er strafte den Buben erbarmungslos mit 55 Euro ab. Vielleicht kaufen die ÖBB davon ja einen Lautsprecher zur Fahrgast-Information.
Es geht aber auch anders. Leserin Fini H. hatte bei der ÖBB im Voraus eine Reise gebucht, und konnte diese, wegen eines ernsthaften Schwangerschaftsproblems nicht antreten. Sie versuchte, die Reise unter Angabe dieses  Grundes zu stornieren, was misslang. Frau H. schrieb daraufhin an die Servicestelle der ÖBB, und erhielt prompt Antwort, und zwar überraschende: „Wir bedauern sehr, dass es Ihnen aus gesundheitlichen Gründen zu Unannehmlichkeiten gekommen ist.“ Es gäbe leider keine Möglichkeit zur Erstattung oder zum Umtausch, da Frau H. jedoch eine Stammkundin sei, lege man ihr „ÖBB-Reisegutscheine im Wert von 108 Euro“ bei. Was annähernd den Betrag abdeckte, den Frau H. ausgegeben hatte. Indes, das war noch nicht alles: Im P.S. schrieb dieser Herr D. noch: „Ich wünsche Ihnen und Ihrem Erdenbürger auf diesem Weg alles Gute für die Zukunft, besonders aber Gesundheit.
So kann die Bahn also auch: großartig; öfter so.
8.12.09

Nächstes Jahr nimmer

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Der Nikolaus war heuer ein Desaster. Nicht die Nikolaus-Feier: Die war, sofern die Kinderzimmertür fest verschlossen und dahinter gerade kein Meuchelgeräusch zu vernehmen war, zwar  wenig besinnlich – es gab  Wein, Gulasch, Gugelhupf, Geplauder und Gelächter – aber sehr schön. Minus des Nikolo-Besuches. Alle Erwachsenen waren sich danach einig: Das war heuer gewiss das letzte Mal.
Denn der Nikolaus traf nicht wie in früheren Jahren auf großäuigige, aufgeregte Kinderlein, sondern auf eine Horde fünf- bis achtjähriger Hooligans, die sich während der gesamten Zeremonie lärmend auf dem Sofa balgten und ihre Säcke kassierten, ohne den Worten aus dem goldenen Buch  groß Beachtung zu schenken. „Und hier steht noch, du sollst daheim mehr helfen.“ „Ja, ja; wars das?“
Leider handelte es sich um einen  Miet-Nikolaus, dem weder groß Talent im Umgang mit Gfastern, noch jenes zur Schauspielerei gegeben war. Plus er nuschelte unterm Bart, was bei den Eltern zu viel Juchee führte, als der gute Mann eines der  Kinder lobte, es „raucht Gras mit dem Papa“. Halloho??? (Tatsächlich stand da „rauft brav mit dem Papa“, aber das interessierte dann  natürlich keine Sau mehr.) Noch bevor alle Kinder Lob, Tadel und Säcke bekommen hatten, waren die ersten  verschwunden, um anderswo deren Inhalt zu überprüfen, sowie ob man eh nicht übervorteilt worden war.
Das war heuer de-fini-tiv das letzte Mal, stöhnten die gedemütigten Eltern danach beim Gulasch,  als die Kinder im Nebenzimmer mit einem Kinderfilm davon abgehalten wurden, sich um die Säcke blutig zu prügeln. („Das ist meiner!!“ „Nix!!! Meiner!!“) Nächstes Jahr bringt der Nikolaus die Säcke  still und heimlich in der Nacht, soviel ist sicher.
6.12.09

Betr.: Einsatzpläne f. Nikolaus

| 12/09 | Kurier-Kolumne

 Liebe Nikoläuse, liebe Krampusse, hier die genauen Einsatzpläne morgen! Nicht, dass  alles schiefgeht und es keiner gewesen sein will. Also:
Zum Heinz Fischer geht bitte ein  Nikolaus, der sollte aber stark sein, weil er nämlich einen Gegenkandidaten im Sack hat, das wünscherte sich UHBP so sehr.
Zur Mizzi Fekter ein Krampus, aber, obacht: Bitte keiner, der auch nur ein bissl ausländisch ausschaut, weil den lässt sie sonst vor lauter Angst gleich in Schubhaft nehmen.
Zum Werner Faymann einen Nikolaus, damit er lernt, dass in dem großen Sack von dem gütig lächelnden  Mann mit dem Silber-Haar in bissl mehr drin sein sollte als nur warme Luft.
Zum Josef Pröll schicken wir einen Nikolaus und einen Krampus, wegen des Ausgleichs, auf Ausglich steht der ja so, egal welches Ressort er gerade betreut. Und er kann dann gleich  einen davon als Superpraktikant casten.
Zum Gio Hahn geht auch ein Nikolaus, im Sack aber nur Nüsse. Oder, Moment, nein, doch einen Kramperl, und zwar ein ganz oarger, damit er noch einen Grund hat, wie ein Pfitschipfeil nach Brüssel abzuzischen, und den Studenten von dort aus zuzuwinken.
Zu den Studenten im Audimax schicken wir einen Nikolaus mit einem Sack voller leerer Versprechen und ein paar Zuckerl dazwischen, und einen Krampus, der sie ein bissl das Fürchten lehrt, weil sonst lernens ja derzeit nix.
Den HC Strache besucht ein..., nein, das machen wir anders: Den Strache schicken wir im Krampus-Gwandl zum Häupl, das taugt beiden und ist auch eine gute Übung für den Wahlkampf. (Gebts ihm recht dickes Reisigbündel mit, der kehrt ja so gern.)
So. Das isses fürs erste. Voller Einsatz bitte! Vergeltsgott.  Die Zentrale.
4.12.09

Die Superkonkurrenz ist erdrückend

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Guten Tag, ich heiße Doris Knecht und möchte Österreichs Superpraktikantin werden, weil Josef Pröll viel von meinen Erfahrungen profitieren kann. Nein, Witz, ich natürlich von seinen. :-) Möglicherweise bin ich bei der Wahl zu Österreichs Superpraktikant (www.superpraktikant.at) aber ein bissl spät dran: Hunderte junger und nicht mehr so junger Menschen haben bereits ihre Superbewerbungen für den einwöchigen Superjob beim Supervizekanzler ins Netz gestellt und lassen jetzt für sich voten. Und ich fürchte, mein Chance entspricht etwa jener des jungen Kärntners Hubert T., der „unbedingt gewinnen“ will und schon drei Stimmen auf sich vereinen konnte: Platz 291. Dabei wäre er als gesellschaftliche Minderheit eigentlich hübsch prädestiniert: Platz eins hält derzeit eine Falter-Redakteurin mit fast 5000 Stimmen, ganz knapp gefolgt von einem Rolli-Fahrer. Platz sechs belegt ein Clown, Platz neun ein Mann mit sichtbarem Migrationshintergrund, Platz 20 eine junge Frau mit Geweih. Auf Platz 24 findet sich der erste einer Reihe von Bladen. Auf Platz 27 möchte eine brüllfarbene Prinzessin „frischen Wind“ in die Politik bringen, was mir Sorgen macht, weil schon das winzigste Winderl weherte ihr das rutschende Kleid vom Leib. Auf Platz 32 bewirbt sich ein Pfarrer (oder: ein Mann im Pfarrerkostüm?) auf Platz 53 und 56 zwei gänzlich kostümfreie Männer. Auf 83 kandidiert ein Hund, auf 230 Superman. Gegen diese erdrückende Konkurrenz komme ich nicht an, ich ziehe meine Bewerbung zurück. Und vote stattdessen für die aktuelle Nr. 2, Martin Habacher, der Josef Pröll, wenn er gewinnt, eine Woche lang in einen Rollstuhl setzen will, zwecks Super-Perspektiven-Erweiterung. Und das würde ich doch zu gerne sehen.
3.12.09

Es geht auch um Durchlässigkeit

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Der Kommentar zur  Gesamtschule stieß auf, no na, Zustimmung und Protest. Einige Leserinnen und Leser fühlten sich gar von der Formulierung „ungünstige Herkunft“ beleidigt, was nur möglich ist, wenn man sie aus dem Kontext reißt. Es ging dabei nämlich um eine Studie, aus der hervorgeht, dass 77 Prozent der Kinder von Akademiker-Eltern ein Gymnasium besuchen, aber nur 19 Prozent der Kinder von Eltern mit Lehrabschluss. Das „ungünstig“ beurteilte also die Bildungschance der Kinder: die  Abwertung nicht-akademischer Berufe würde einer Studienabbrecherin aus einer Arbeiter- und Handwerkerfamilie auch eher schlecht anstehen.
  Aber: Der alte Sager von den Eltern, die wollen, dass ihre Kinder es einmal besser haben (wobei „besser“ eh relativ ist), stimmt wohl nur bedingt. Ich vermute, dass viele Eltern  ihre eigene Bildungsvergangenheit als logische Basis für die Bildungszukunft ihrer Kinder hernehmen. Heißt: Wenn eine Lehre mir eine gute Lebensgrundlage beschieden hat, wird das auch für mein Kind gut genug sein. Auf der anderen Seite überschätzen wohl Akademiker-Eltern schon auch einmal die Möglichkeiten des eigenen Nachwuchses: Und zwingen Kinder in ein Gymnasium und zur Matura, die in einem Lehrberuf viel glücklicher würden. Aber wer will das eine wie das andere schon bei Zehnjährigen so genau wissen?
Eine Gesamtschule verbessert die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsschichten in beide Richtungen. Und verhindert  Ghettoisierung, denn machen wir uns nichts vor: Derzeit haben Kinder aus unterprivilegierten Familien, häufig mit Migrationshintergrund, schlechtere Bildungschancen.  Ich bleibe dabei: die gemeinsame Mittelschule ist der  richtige Weg.

2.12.09

Gleiche Sprache, andere Sitten

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Vermutlich kraxeln auch bei uns schon ein paar Gerechte die Kirchtürme hoch, bewehrt mit leistungsstarken Megafonen, um von dort den Ruf nach verfassungsmäßig geregelter Minarett-Freiheit erschallen zu lassen, weil: Was die Schweiz kann, können wir auch! Und hier ruft nun Ihre Kolumnistin ein lautes, krachendes „NEIN!“ zurück, denn sie hat zwei Jahre in der Schweiz gelebt und weiß es darum zufällig genau. (Und auch die Fußball-WM-Qualifikation – Helvetia ja, Austria nein– hat das eben wieder gezeigt.) Aber leider wird ja - tragischer historischer Irrtum auch in Bezug auf Deutschland – oft angenommen, gleiche Sprache, gleiches Volk. Ganz falsch, wie wir (na ja, die meisten) längst begriffen haben und auch im Zusammenhang mit der Schweiz nicht vergessen sollten. Einmal abgesehen davon, dass die Schweizer ja drei Sprachen sprechen, wobei jene, die von ihnen als „deutsch“ bezeichnet wird, sich mit dem Deutsch wie wir es kennen, nicht zwingend deckt. Wer also in die Schweiz kommt, soll nicht damit rechnen, verstanden zu werden oder zu verstehen, auch nicht in den deutschsprachigen Teilen. Sondern damit, auf mannigfache Mentalitätsdifferenzen und mitunter exotische Bräuche zu treffen. Auch wenn man zum Beispiel in der Ostschweiz immer mehr davon abkommt, im Fasching ganz normale Gasthäuser als „dekoriert“ zu deklarieren, was dann nichts anderes heißt, als dass die Kellnerinnen dort halbnackt servieren. Zum Beispiel flüssigen Käse in riesigen Pötten, in die die Schweizer dann ihr Brot tunken, wonach man zehn Schnäpse braucht. Was also die Schweizer für eine gute Idee halten, muss für Österreich noch lange nicht richtig sein. Das sollten die Kirchturmkraxler unbedingt bedenken.
1.12.09

Früher oder später kommt das sowieso

| 12/09 | Kurier-Kolumne

Manche Ideen und Themen brauchen länger, bis sie in den Köpfen ankommen. Oder bis sie dort einen Platz zum Verweilen und Bleiben gefunden haben. Es hat fast vierzig Jahre gedauert, bis sich die ÖVP endlich an den Gedanken gewöhnen konnte, dass mitunter Männer Männer und Frauen Frauen lieben: jetzt dürfen auch in Österreich lesbische und schwule Paare endlich heiraten. Jeder – auf Seiten der Gegner und der Befürworter– wusste seit Jahren, dass sich Ausweitung der Ehe auch auf homosexuelle Paare irgendwann nicht verhindern würde lassen, dass sie definitiv auch in Österreich kommt. Die Frage war nur, wie lange es noch dauern – bzw. sich verzögern lassen –  würde. 

Betonierte Ungerechtigkeit.  Der Gesamtschule der 10- bis 14jährigen ist ein ähnliches Schicksal beschieden. Denn auch daran führt, das wissen Befürworter wie Gegner, früher oder später kein Weg vorbei. Und auch hier fragt sich nur, wie lange sich der Widerstand dagegen noch halten wird können: Längst protestieren die Bundesländer gegen die zehn-Prozent-Klausel, die bestimmt, dass nur ein Zehntel aller Mittelschulen sich am Schulversuch „Neue Mittelschule“ beteiligen dürfen: Der Bedarf liegt in fast allen Bundesländer weit höher. Aber es werden noch lange die immer gleichen Argumente für die gemeinsame Mittelschule wieder und wieder aufgezählt und heruntergebetet werden müssen, bis die Idee endlich auch in den entscheidenden Köpfen Aufnahme gefunden haben wird. Und zwar auch von immer mehr Expertinnen und Experten aus dem Bildungsbereich: Er kenne, sagt etwa WU-Rektor Christoph Badelt im nebenstehenden Interview, „fast niemanden, der das im privaten Gespräch nicht befürwortet“.
Das ist kein Wunder. Denn gute Gründe für eine echte Reform der Mittelschule liegen längst vor, und die Notwendigkeiten – auch soziale - werden zusehends drängender. Es ist einfach ungerecht, dass man schon zehnjährige Kinder in ein schulisches Zwei-Klassen-System zwingt, das ihre berufliche Zukunft – Universitätsstudium oder nicht, Aufstiegschancen oder nicht – bereits in der Volksschule weitgehend vorbestimmt. Eine vor zwei Jahren veröffentlichte Studie erforschte, dass  77 Prozent der Kinder von Akademikern ein Gymnasium besuchen – aber nur 19 Prozent der Kinder von Eltern mit einem Lehrabschluss und sogar nur zwölf Prozent der Kinder von Eltern mit Pflichtschulabschluss. Das macht deutlich, dass hier soziale Ungleichheiten schon im Kindesalter unverrückbar betoniert werden. Nur eine gemeinsame Mittelschule bietet allen Schulkindern  eine Chance zu beweisen, dass sie trotz ungünstiger Herkunft intelligent und ehrgeizig genug für eine Matura und eine akademische Ausbildung sind. Vier Jahre Volksschule sind für diesen Beweis einfach zu wenig.
Das sollte irgendwann auch  in den entscheidenden Köpfen ankommen. Und wenn möglich nicht erst in 40 Jahren.
29.11.09

Freiwilligkeit greift hier nicht

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Menschen, die es besser wissen, haben mich davon überzeugt, dass es Unsinn ist, einzelne Hunderassen zu verbieten: Einerseits, weil die Mischlingsproblematik eine solche Verordnung undurchführbar macht. Andererseits kann  auch ein Dackel bei falscher Haltung ein bissiges Tier werden.
Genau da soll der Antrag für eine Novelle des  Wiener Tierhaltegesetzes ansetzen, der vorgestern den Gemeinderat passierte:bei den Hundehalterinnen und -haltern.
Die Wiener Grünen haben den Antrag eingebracht, um so schreckliche Unfälle mit Hunden wie jenen, bei dem kürzlich ein einjähriges Mädchen starb, künftig zu verhindern. Im Moment gibt es dafür mit einem rein freiwilligen Hundeführerschein freilich keine Basis.
Vorgeschlagen wird ein mehrstufiges Verfahren für HundehalterInnen. Zuerst sollen alle, die einen Hund  halten wollen, einen kurzen Hundehaltungskurs absolvieren müssen. Dann sollen HundehalterInnen, die bereits wegen Gewalt oder gefährlicher Drohung straffällig geworden sind, eine psychologische Eignungsprüfung absolvieren müssen, nach welcher „die Haltung eines Hundes gegebenenfalls untersagt“ werden kann. Schließlich soll Besitzern und Besitzerinnen von Hunden, die  aggressives Verhalten zeigten, zwingend ein Hundeführerschein vorgeschrieben werden.
Der Vorschlag scheint mir weitgehend vernünftig, nur in zwei Punkten wünscht man ihn sich konsequenter. Eine Züchterin von Schäferhunden schrieb mir einmal, wenn einer ihrer Hunde nach einem Kind auch nur schnappe, lasse sie ihn sofort einschläfern: erstens das. Zweitens sollte auch der Verstoß gegen Leinen- und Beißkorbpflicht  zur Hundeführerschein-Absolvierungspflicht führen. Aber sonst: Her mit diesem Gesetz.
27.11.09

Jetzt fängt es an

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Gestern fing – auch wenn die Sonne, die eben durch das offene Fenster auf mein Antlitz und meinen Bildschirm brennt, das Gegenteil behauptet – gestern  also fing Weihnachten an. Offiziell; also bei uns daheim
Der Adventkranz wurde im Hort unter völlig tatenlosem Beisein der Kinder („nein, mach du“) produziert: Das übliche ringförmige Strauchwerk, die Deko heuer in orange (das Jungvolk hat es angeordnet).
Die ersten Geschenke wurden mit der Post geliefert und im Dachboden versteckt. Die Wände der Wohnung sind eh schon längst vollgepickt mit gezeichneten und ortografisch originellen Wunschzetteln voller teils unerfüllbarer, teils bizarrer Wünsche. („Ein Torwartleibal. Ein Gemboi Schbil.“ „Ich wünche mir ein eigenes Zimer, das ist mein gröster Wunsch. Und Krücken.“) Auch gestern wurden die neuesten Eintragungen von den Erziehungsberechtigten mit de Worten kommentiert, man werde dem Christkind die aktuellen Änderungen übermitteln, garantiere aber für nichts; Was auch gestern mit genervtem Gebrüll bestraft wurde: „Jetzt kapiert das doch endlich! Es gibt kein Christkind! IHR müssts das kaufen!“ Ach so. Und das Leiberl soll, warte mal, rosa sein, oder?“ „Grün, Mama, GRÜN, ich hab dir das schon TAUSEND Mal gesagt! Das! Ist! Nicht Lustig!“  (Ist es doch, und eine  der preiswertesten Freuden des Advents: den Nachwuchs auf die Palme zu treiben, äh, den Baum.)
Und weil gestern offiziell Weihnachten anfing, wagte ich es erstmals, in Bob Dylans  Weihnachtsalbum hineinzuhören, und Allmächtiger, ich hatte ja keine Ahnung. Und es wäre mir  viel lieber, ich hätte sie auch weiterhin nicht. Gestern fing Weihnachten an, schön; aber wenn ich es nicht hören muss, ist es total ok.
26.11.09

Es mischt sich wieder

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Eine Zeitlang war es eher trist am Brunnenmarkt. Nein, nicht trist, es  wurde bloß immer einheitlicher. Eh gabs immer schon tolle Orte wie den Käsewagen mit der fantastischen Auswahl. Das Kent. Die beste Holzofenbäckerei im Umkreis von drei Bezirken, mit fantastischen Öffnungszeiten. Der Fisch-Mann. Den  Staud und das Café International.
Aber: Die Bank sperrte zu: ein türkischer Haushaltsladen kam hinein. Eine Fleischerei machte zu: ein Wettcafe kam hinein. Der Bäcker machte zu: ein türkischer Laden kam hinein. Der Sauerkrautladen sperrte zu: ein türkisches Geschäft kam hinein. Der nächste Fleischer ging in Pension und keine der drei Töchter wollte übernehmen: ein türkischer Fleischer kam hinein.
Es gab viele  günstige, aber wenige für Mittelstandsfamilien attrakive Wohnungen. Häuser verfielen. Am Markt gab es praktisch nur  Standard-Grünzeug, und selbst das wurde zusehendes von Textilramsch made in China ersetzt. Es zeigte alles in Richtung Ausländerghetto, mit einer Handvoll Multikulti-Bobos dazwischen.
Dann griff die Gemeinde Wien mit einem mächtigen und langfristig extrem effizienten Instrument ein, und das nennt sich Stadtentwicklung. Der Markt wurde autofrei und Stück für Stück an Strom und Kanalisation  angeschlossen, es wurden Häuser und Wohnungen saniert, Kultur gefördert.
Die Köchin Denise Amann mit dem Noi und die italienische Feinkostbar La Salvia trauten sich an den Yppenplatz und andere zogen nach. Mittlerweile gibt es längst nicht mehr nur das Kent und andere türkische Gasthäuser, sondern ein lässiges Lokal nach dem anderen. Familien ziehen zu, auch österreichische. Es mischt sich wieder. Und es lebt sich gut am Brunnenmarkt,sehr gut.
25.11.09

Unglaublich: Die rufen zurück!

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Einerseits hat Frau R. letzte Woche wegen der Bahn einen Opernbesuch in Wien verpasst. Und wurde dafür in Wels, wo sie nach einem verspätungsbedingten Anschluss-Versäumnis wie immer völlig desinformiert wartete, auch noch von einem Schaffner ausgelacht: Haha, der Zug, der sie noch rechtzeitig nach Wien hätte bringen können, sei gerade an ihr vorbeigerauscht. Andererseits ist die Odyssee der O.s endlich vorbei: die waren im August mit zwei kleinen Kindern und der Bahn nach Rumänien und zurück gereist; erinnern Sie sich? Am Rückweg hatte man sie an der ungarischen Grenze aus dem Zug werfen wollen, weil ein ÖBB-Mitarbeiter beim Buchen Mist gebaut hatte. Beherzte ÖBB-Schaffner hatten das verhindert, und so hatte der Zug Wien mit fast vierstündiger Verspätung erreicht. Seither hat Herr O. versucht, die ihm dafür zustehende Entschädigung zu erhalten. Und 12 Wochen später bekam er sie. Wenn auch nicht von selber, und das nun wird vielleicht Leserin R. interessieren. Bernhard O. fand nämlich nach unzähligen ergebnislosen Telefonaten mit diversen ÖBB-Stellen eine Behörde, die für das Recht der ÖBB-Kunden kämpft. Nämlich die Schienen Controll Gesellschaft, eine Schlichtungsstelle, die bei Kunden-Problemen mit der ÖBB eingreift und vermittelt. Und zwar so, dass man, wenn man dort anruft oder mailt, von freundlichen Menschen, die sich kümmern, zurückgerufen wird. ZU-RÜCK-GE-RU-FEN, bitte!!! Die Telefonnummer dieser außerordentlichen Behörde lautet 01 5050707/40, und sie hat auch eine Website (www.scg.gv.at) sowie eine Mailadresse: office@scg.gv.at. Und die werden, das traue ich mich wetten, viele von der ÖBB bis aufs Blut gereizte Leserinnen und Leser gerne nutzen. Eben.
24.11.09

Da ist kein Vorwurf zu machen

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Wir würden nicht noch einmal davon anfangen, wenn es nicht die Staatsanwaltschaft Klagenfurt taterte. Und wenn es sich nicht gerade so harmonisch in den Themenkomplex „Das Recht muss für alle gelten“ fügerte, der ja im Arigona-Kontext heftig und überwiegend zu Lasten der Zogajs bemüht wurde.
Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt zeigt, dass es auch anders geht. Sie bestätigt uns erneut, dass das Recht eine undurchschaubarer  Wissenschaft ist, deren praktische Anwendung nur Experten zumutbar ist. Also etwas ähnliches wie Gefäßchirurgie oder Atomphysik. Denn es sei, es muss hier noch einmal in seiner ganzen Pracht ausgebreitet werden, dem Kärntner Landeshauptmann für die Verrückung von Ortstafeln kein Vorwurf zu machen, da er „über keine juristische Ausbildung verfüge“. Deswegen keine neue Anklage. Also: Da Dörfler, verantwortlich für das Wohl von mehr als einer halben Million Kärntnern, das Recht im Detail nicht bekannt war, kann er für den Verstoß dagegen nicht belangt werden.
Das wirft  Fragen auf. 1. Gehört Kärnten noch zu Österreich? 2.) Falls ja: Gilt dort ein anderes Recht als im Rest der Republik? Oder hat, 3.,  Kärnten die Ausnahmegenehmigung, eine ganz andere Rechtsauffassung pflegen zu dürfen als die anderen acht Bundesländer? Und wie war das, 4., noch einmal bei den Zogajs?
Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, denn das  Fremden-, Asyl-,und   Aufenthaltsrecht versteht ja jedes Kleinkind, und ein nicht deutschsprachiger Asylwerber sowieso. Also kann man dem Asylwerber den Verstoß dagegen ruhig – so formuliert es die Klagenfurter Staatsanwaltschaft – „zum Vorwurf“ machen.
Wie heißt es in der Österreich-Werbung? „Das muss Österreich sein.“ Oh ja.

20.11.09

Seit 20 Jahren ein glückliches Paar

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Freunde von mir haben kürzlich ihr Beziehungsjubiläum gefeiert: Sie sind seit zwanzig Jahren ein Paar. Auf den Fotos ihrer Facebook–Alben sieht man sie meistens zu zweit, und auf fast jedem Foto sehen sie glücklich aus; ein glückliches Paar. Vor drei oder vier Jahren haben sie sich gemeinsam eine Wohnung gekauft, mit einem Garten und einer Katze. Ihr Jubiläum haben sie in Venedig gefeiert. Und, nein, verheiratet sind sie nicht. Weil: Sie durften bisher nicht heiraten. Und falls sie jetzt heiraten wollen – sie wollen nicht, wollen’s aber dürfen – können sie es zwar, aber nicht am Standesamt, das hat die Regierung vorgestern so beschlossen. Sie dürfen es nicht, weil sie Mann und Mann sind, statt, wie es sich gehört, Mann und Frau. Kanzler Werner Faymann hat diese eingeschränkte Homo-Ehe ernsthaft als „Erfolg der SPÖ“ gefeiert. Und das ist nun eine ernsthafte Verhöhnung mündiger Wählerinnen und Wähler, homo- wie heterosexueller. Denn das ist es nicht. Es ist ein Erfolg der ÖVP, dass ihre Ressentiments und Vorurteile jetzt in einem Gesetz festgeschrieben sind, das längst überfällig war. Immerhin: Das Gesetz verschafft endlich endlich endlich auch in Österreiche gleichgeschlechtlich Liebenden ein Recht auf eine gesetzlich verankerte Partnerschaft. Und natürlich ist die Tatsache, dass es dieses Gesetz jetzt gibt, weitgehend den jahrelangen, sturen Bemühungen von SPÖ-Verhandlern zu verdanken. Aber: Es ist ein Kompromiss, mit diskriminierenden Einschränkungen, die dem Koalitionsfrieden geschuldet sind. Ein Kompromiss, der, ja, besser ist als gar nichts und auf dessen Basis man – und so hätte Faymann das glaubwürdig argmentieren können – man weiterarbeiten kann und muss, bis das Gesetz wirklich gut und gerecht ist. Aber ein Erfolg für die SPÖ? Bitte gar schön.
18.11.09

"Der Rechtsstaat muss für alle gelten"

| 11/09 | Kurier-Kolumne

So reagierten Leserinnen und Leser auf die Zogaj-Kolumne (www.kurier.at, blogs): Richard V. schrieb: „Ich stimme Ihnen hundertprozentig zu.“ Pfarrer Gerald G. meinte: „Sie werden wahrscheinlich einige böse Reaktionen auf Ihre Zeilen bekommen: ich meinerseits möchte mich voll inhaltlich übereinstimmend erklären!“
Leserin Renate A. tut das nicht. „Es gibt Millionen Zogajs. Diese Famiie genießt das Medieninteresse und versucht ihren Aufenthalt zu erpressen. Immer wieder höre ich, wir sind in einem Rechtsstaat. Der muss für alle gelten.“ Liebe Frau A., genau darum ging es ja. Dass das Recht eben leider nicht für alle gleich gilt, und solche wie die Zogajs gerne seine volle Härte zu spüren bekommen, während bei anderen Milde waltet. (Apropos: Was wurde eigentlich aus den Kremser Polizisten? Der überlebende 17jährige Einbrecher wurde so zügig angeklagt, dass jetzt schon der Prozess stattfinden kann. Und die Polizisten, die ihn ange- und seinen 14jährigen Freund erschossen hatten? Die sind wieder im Dienst.)
Leserin C. K. schreibt: „Diesem steigenden Bodensatz a la Strache einerseits und dem Verhalten der Politik andererseits muss man energisch entgegentreten, um etwas zu bewegen.“ Herta W. fordert gar „das goldene Ehrenzeichen“ für Arigona und Familie, dafür „dass sie das Problem publik gemacht und damit hoffentlich die Aufmerksamkeit auf ihre vielen LeidensgenossInnen gelenkt hat.“   Josef St.: „Vollinhaltliche Zustimmung!“
Manfred P. dagegen meint: „Fakt ist, dass die Eltern schwere Fehler gemacht haben. Nachdem aber die Familie zusammenbleiben sollte, ist als einzige Lösung die Abschiebung der gesamten Familie richtig.“
Auf die Frage, was  die Zogaj-Kinder für die Fehler ihrer Eltern können, hat Josef S. eine Antwort: „Richtig, nichts. Aber was kann die Tochter von Lugners dafür, solche Eltern zu haben? Mit solchen Argumenten machen Sie beste Arbeit für Strache und Co.!“  Was garantiert keine Absicht war.

18.11.09

Permanente Panikattacke

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Seit einer Woche laboriere ich an einer Verkühlung, und wann immer ich das erwähne, höre ich Grunz-Geräusche: Zefix, nein! Es ist nicht die Schweinegrippe! Es ist eine stinknormale, altmodische Erkältung, mit zähem Husten, hartnäckiger Heiserkeit, und laufender Nase: Das gibt es, wenngleich man es kaum glauben würde, nämlich auch noch.  Und ich finde das alles langsam ein bisschen H1N1ysterisch hier, obwohl: Hysterisch war’s schon, als es noch nicht einmal echte Gründe dafür gab. Aber der Mensch sorgt sich halt  gern.
Immerhin: Die Gründe gibt es jetzt. Wenngleich mir die  permanente Panikattacke bezüglich der Schweinegrippe noch immer übertrieben scheint.
Aber, ja: Ich bin auch verunsichert. Und ich bin über meine Impf-Verweigerung nicht mehr hundertprozentig gewiss: Zuerst hat mich meine Leserschaft mit aufmunterndem Infomaterial eingedeckt, danke; jetzt empfehlen diverse Institutionen wie die Medizin-Uni allen Österreicherinnen und Österreichern die Impfung.
Mein Widerstand erodiert allmählich: Denn da meine eigene medizinische Kompetenz mich zu nichts weiter befähigt, als das Aufkleben von Pflastern auf Kinderknie und die Verabreichung von Kopfwehpulvern, werde ich mich wohl auf die verlassen müssen, die sich mit Viren, Epi- und Pandemien auskennen. Und die finden jetzt, dass sich möglichst alle impfen lassen sollen.
Eh: Wer nicht krank wird, kann auch nichts verbreiten. Aber natürlich fragt sich eine erfahrene Paranoikerin wie ich trotzdem: Wer profitiert davon, wer verdient daran, wer reibt sich die Hände, wenn ich mich und die Kinder impfen lasse? Denn wie sehr bei so einer Empfehlung auch ökonomische Interessen berücksichtigt werden, weiß man ja nie so genau.  Trotzdem: Ich überlege es mir.



 
17.11.09

Im Einzelfall erbarmungslos

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Wie sehr in diesem Land mit zweierlei Maß gemessen wird, zeigt  ein  Nebenaspekt in der  aktuellen Zogaj-Geschichte. Als Falter-Redakteur Florian Klenk vor ein paar Monaten geheime Akten aus dem Justizministerium zugespielt wurden, in denen es genau um die juridische Janusköpfigkeit in diesem Land ging, war die erste Reaktion der zuständigen Ministerin, sofort mit aller Härte gegen die undichte Stelle vorzugehen. Wenn aber die Zogajs und ihre Betreuer über ihren abgelehnten Asyl-Antrag aus der Kronenzeitung erfahren, ist das halt ein kleines Malör, schmecks. Genauso wird rigorose Law-and-Order-Politik immer nur bei den Wehrlosen gefordert, während zum Beispiel ein ehemaliger Finanzminister, in dessen nächster Umgebung es Geld regnete, noch nicht einmal befragt wurde oder Verfahren gegen einen Landeshauptmann oder einen ehemaligen Minister einfach vergessen werden.
Maria Fekters  Asylpolitik ist auch ein weiteres Exempel dafür, wie in diesem Land Politik gemacht wird: Man vertraut entweder darauf, dass sich die Dinge mit gut Zureden schon von selber regeln (siehe Bildungs-, Klima- oder Frauenpolitik), oder man dreht  so brutal an irgend einer Schraube, bis jemand die Daumen abfallen und es anderen hoffentlich eine Lehre sein wird.
Im  Fall der Zogajs wird nebenbei noch die Strafmündigkeit für Kinder, sowie ein bissl Sippenhaftung eingeführt: Denn was können diese Kinder für die Fehler ihrer Eltern?  Nichts, gar nichts: Trotzdem werden sie von einer im Einzelfall erbarmungslosen Gesetzgebung für diese aus dem Land geworfen, in dem sie ihr halben Leben unbescholten aufwuchsen – und das ihnen Heimat ist. Man fragt sich: Wann wenn nicht hier, soll humanitäres Bleiberecht wirksam werden?

15.11.09

Das Kind ist tot.

| Comments (3) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Gestern ist ein einjähriges Mädchen von einem Rottweiler totgebissen worden. Es war der Familienhund. Der war sicher bisher immer ganz lieb. Der tat nix. Und der wollte vielleicht auch diesmal nur spielen; leider ist dabei das Kind tot geworden.
Das ist so schockierend und traurig, man kann und will man eigentlich gar nichts mehr sagen. Weil es ist alles schon gesagt worden, zuletzt vor zwei Monaten, als zwei Pitbulls eine Dreijährige fast umgebracht hätten. Die Pittbulls, die ja nichts dafür konnten, leben immer noch unbehelligt bei ihrer unbehelligten Besitzerin; immerhin wird ihr Sohn zur Verantwortung gezogen. Die Dreijährige überlebte schwer verletzt und mit nur noch einem Ohr. Und viele besorgte  Eltern, Großeltern, Hundebesitzer, Kommentatorinnen, Bürgerinnen und Bürger fragten entsetzt: Muss erst ein Kind sterben, damit etwas geschieht? Damit etwas gegen bestimmte Hunderassen und gegen verantwortungslose Hundebesitzer unternommen wird?
Jetzt ist ein Kind tot, es starb an schweren Kopfverletzungen, zerfleischt  vom Hund seines Vaters. Und das verschärft die Tragödie zusätzlich. Denn dieser Hund war vermutlich gut erzogen: Sein Besitzer, der Vater des toten Kindes, ist Polizeihundeführer.
Es liegt also nicht immer nur an den verantwortungslosen, erziehungsfaulen Hundehaltern. Es liegt auch an den Hunden selbst; deren Gefährlichkeit offenbar nicht einmal ausgebildte Experten richtig einschätzen können. Es ist Zeit endlich ernsthaft das Verbot bestimmter Rassen in Angriff zu nehmen.
Es ist viel zu lange gewartet worden. Man hat es darauf ankommen lassen, und es ist wieder passiert: Und diesmal ist das Kind tot.
13.11.09

Im Kreis der Fehlbaren

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Prokrastinieren  – also aufschieben – war gestern: Jetzt wird durchgewurstelt: Weil es manchmal zielführender ist, das Leben nicht nach Plan zu führen, sondern es einfach passieren zu lassen. Wie man das macht, weiß der Wiener Autor Christian Ankowitsch im neuesten seiner „Kleinen Seelenklempner“. Der trägt den Titel „Wie Sie sich glücklich durchs Leben improvisieren“ und Ankowitsch begibt sich darin in heiterer Grundstimmung nicht nur in die alltäglichen Kampfzonen: Wie man cool ist, wie man abnimmt, wie man Dinge wegwirft, wie man mit dem Rauchen aufhört oder wie man den richtigen Partner findet und behält.
Nein: Er bricht auch die ganz großen, die ganz elementaren Fragen (ja, selbst die nach dem Sinn des Lebens) auf das überschaubarste Private herunter: Weil das der Ort ist, wo man diese Antworten auch braucht.
Wobei es nicht unbedingt darum geht, dass man ein besserer oder erfolgreicherer Mensch wird, sondern viel mehr darum, dass man die eigene Fehlbarkeit leichter erträgt. Was, wie sich einwenden ließe, die Welt nicht optimiert: Allerdings sind ein paar Menschen mehr, die mit sich im Reinen sind, für das globale Psychoklima sicher nicht abträglich. 
Ankowitsch verrät ein paar gute Tricks zum Glücklichwerden, er hat sehr liebevolle und lebensnahen Ansichten über das Erziehen von Kindern und er drängt sanft, aber nachdrücklich dazu, den Blick aufs Wesentliche zu lenken. Z.B. auf „Liebe, Respekt und Engtanzen.“
 
Am Fr. den 13. 11. wursteln sich Christian Ankowitsch und Doris Knecht gemeinsam durch die Präsentation von Ankowitsch’ Buch:  19 Uhr, Kunsthalle Wien project space, am Karlsplatz.

12.11.09

Wurlt ein wengerl

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Der Taxifahrer fuhr 17 Minuten lang orientierungslos durch den Prater und setzte mich dann einfach irgendwo aus. Die Straße des 1. Mai mit dem gesuchten Restaurant sei vermutlich da hinten und dann um die Ecke. Vielen Dank, man stöckelt ja gerne nachts mausallein an finsteren Geisterbahnen und geschlossenen Zuckerwatte-Standln vorbei. Aber ich erreichte heil das prallvolle Riesen-Restaurant, in dem gerade mit Ansprachen, Lesungen von Eva Rossmann und Franzobel sowie einem großartigen Konzert der famosen Frau Gustav die Eröffnung der heurigen Lesefestwoche gefeiert wurde: Und heute Abend wird – die Rede hält Eva Menasse – die Buch Wien am Messegelände eröffnet. Gut, Lesefestwoche und Buch Wien sind nicht die Frankfurter Buchmesse, werden es nie werden. Aber es wird jedes Jahr besser. Vor allem: Man spürt die Buch Wien jetzt in der Stadt, man spricht darüber. Wer liest wo?, bei welcher Lesung trifft man wen?, wann ist man auf dem Messegelände?, was gibt es dort? und wo gehst du am Freitag hin? Und was gibt es sonst noch? (Sonst gibt es zum Beispiel noch Kinderprogramm, Diskussionsrunden, schreibende DJs – bzw. plattenauflegende Autoren – und eine Schiffreise. Alle Informationen: www.lesefestwoche.at.) 325 Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland lesen, 400 Verlage stellen ihre Neuerscheinungen vor. Und wenn Sie mich fragen, ist das spitze, wenn es in Wien eine Woche lang des geschriebenen Wortes wegen wurlt, wenigstens ein wengerl. Wenn Literatur ein paar Tage lang ein Thema ist; und ein gesellschaftlicher Faktor. Und voller Ereignisse, von denen man zumindest ein paar nicht versäumt haben möchte.
11.11.09

Das aber wärmt.

| 11/09 | Kurier-Kolumne

In Salzburg hat vorgestern Nacht ein Mann auf drei Obdachlose geschossen und zwei davon getroffen und verletzt; es habe ihn gestört, dass die Leute auf einem Firmengelände in der Nähe seines Wohnhauses übernachten wollten. In Wien dagegen bekomme ich Briefe wie jenen von Leser Karl B.: „Bin zwar Alleinverdiener und die Tochter hat im September mit der Schule begonnen (Sie wissen, dieser Umstand ist mit nicht geringem finanziellen Aufwand verbunden), werde aber trotzdem für zumindest zwei Decken spenden.“ Und jenen von Franz S.: „Im Krieg (ja, ich bin mit 15-einhalb zur Flak eingerückt und heute im 82sten) mussten wir viele Nächte im Freien an Gerät und Geschützen verbringen und haben Decken schätzen gelernt. Und so hat mich Ihr Beitrag zur spontanen Spende von zehn Decken an die Gruft angeregt.“ Denn ich hatte letzte Woche hier darüber berichtet, dass das Caritas-Lager mit Wolldecken für Obdachlose fast leer sei. Nicht nur diese beiden Leser spendeten: „Nach dem Aufruf glühten bei uns die Telefone“, schreibt der Pressesprecher der Caritas Wien. „Ein großzügiger Spender, der anonym bleiben möchte, hat 3000 Euro für 200 Decken gespendet, dass ist ein wichtiger Beitrag. Rund 30 Decken wurden bereits gestern Vormittag in den drei Ausgabestellen vorbeigebracht.“ Ich danke meinen Leserinnen und Lesern, dass sie nicht schießen, sondern helfen. Apropos Hilfe. In einem momentan kursierenden Rund-Mail empfehlen die Blaulicht-Organisationen im eigenen Handy folgendes einzuspeichern: Unter dem Kürzel ICE (In Case of Emergency) die Nummer jener Person, die im Falle eines Notfalls informiert werden soll. Auch wenn der Fall bitte bloß nicht eintreten möge.
10.11.09

Die Gegenwart frisst die Zukunft

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Für ihr Video „Der Angriff der Zukunft auf die übrige Zeit“ filmte die junge Künstlerin Conny Habbel eine Nacht lang ein paar ihrer Freunde: Sie treffen sich in einem Lokal, sie reden, lachen und trinken, sie holen Geld aus dem Automaten, sie fahren mit dem Taxi in die Disco, sie tanzen, und als es hell wird, gehen sie zusammen frühstücken. Es sieht alles sehr leicht und unbeschwert aus. Aber auf der Tonspur zu dem Film zerstören die Freunde, alle Studierende Anfang bis Mitte 20, die vermeintliche Sorglosigkeit komplett, indem sie von ihren Erwartungen an die Zukunft erzählen: Sie wollen viel und erwarten weniger als nichts. Weil sie, wie einer der jungen Männer sagt, ihre Illusionen über das Leben schon verloren haben: „Etwa, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Aber so ab 18 machen dann ja die meisten die Erfahrung, dass es eben überhaupt nicht so ist.“
Vermutlich geht es den Besetzerinnen und Besetzern des Audimax – mittlerweile vieler solidarischer Audimaxe, auch im Ausland – nicht anders. Nur dass sie beschlossen haben, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, indem sie die Voraussetzungen dafür verbessern wollen; und jener der Generationen nach ihnen. Sie tun es, weil es niemand anderer für sie tut, und weil die, die es in der jüngeren Vergangenheit tun hätten sollen, das Gegenteil taten, indem sie die Universitäten finanziell aushungerten und ihre augenscheinlichen Probleme ignorierten. (Dass man jetzt ausgerechnet den rebellierenden Studierenden vorwirft, ihre Forderungen seien – wie? – schwammig, ist betörend im Kontext einer Bildungspolitik, für die das Prädikat schwammig noch als Kompliment gelten darf.)

Antriebslos und karrieregeil. Wie können es die heutigen Jungen überhaupt richtig machen? Man wirft ihnen vor, sie seien antriebslos und sie seien egoistisch nur auf ihre Karriere fixiert, sie seien völlig unpolitisch und sie seien viel zu ideologisch. Aber in was für eine Gegenwart wurden sie gestellt? In eine Gegenwart eines schulischen Zweiklassen-Systems, in der Eltern ihre Erziehungsveranwortung immer mehr an Fernseher, Computer und darauf nicht vorbereitete Bildungsinstitutionen abgeben. In eine Krise, in der Arbeitsplätze etwas sind, das man nur noch verlieren und kaum noch bekommen kann. In eine Zeit, in der die eigentlichen Privilegien des Jungseins – Fehler machen, Dinge ausprobieren, rebellisch sein, das Maul aufreißen und dabei auch einmal nicht Recht haben zu dürfen – zu Zukunftsrisiken wurden, die sich keiner mehr leisten kann. Dieser Jugend bleibt im Prinzip zweierlei: ein unbestechliches Gespür für das Hier und Jetzt, welches sagt: ungeheuer suboptimal. Und Bildschirmablenkungen, die sie das vergessen lässt.
In Habbels Video sagt  einer: „Besser haben es die, die keine Fragen stellen.“ Genau. Aber eine Gesellschaft entwickelt sich nur, wenn elementare Fragen gestellt werden: Die Studierenden tun das gerade. Sie haben ernsthafte Antworten verdient.
5.11.09

Das gehört halt auch zur Stadt

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Was eine große Stadt aushalten können sollte: Ein bisschen Durcheinander. Ein wenig Lärm: Autolärm, Kinderlärm, Schanigartenlärm, Ballkäfiglärm. Ein bisschen – nicht zuviel – Dreck, also soweit er sich nicht von den Verursachern entfernen lässt. Ein bissl Kriminalität, realistischerweise. Solche und solche Gegenden. Unterschiedliche bis sehr unterschiedliche Menschen und Lebensentwürfe. Schön neben schiarch, reich neben arm. Angenehme und nicht so angenehme Dinge, und dass man auch manchmal Sachen und Menschen zu sehen bekommt, die man Ruhekissengewissensmäßig lieber nicht sehen würde: Drogenabhängige, Bettlerinnen, Obdachlose. Aber gerade auch das, weil derzeit soviel von Quasi-Sozialschmarotzereien die Rede ist, sollte eine Stadt aushalten können; die gibt es, die sind da, die gehören zur Stadt dazu, weil sie nämlich auch von der Stadt und ihren Zwängen und Lebensumständen bedingt werden. Die Stadt könnte die natürlich, um das Gewissen der anderen rein zu halten, vertreiben oder verstecken: Besser, sie sorgt dafür, dass diese Leute nicht verhungern, an heilbaren Krankheiten sterben oder erfrieren. Was derzeit das Thema ist: ein paar hundert Menschen schlafen in Wien im Freien. Die Caritas mit dem Canisbus versorgt bis zu 250 Menschen täglich mit Suppe, Tee und Brot und verteilt einmal wöchentlich warme Wolldecken. Das akute Problem: Das Wolldeckenlager für obdachlose Menschen ist fast leer, auch in der Gruft gibt es zu wenige Decken, es müssen dringend und schnell welche her. 15 Euro kostet eine Wolldecke, die Caritas bittet um Spenden: PSK 7.700.004, Blz 60.000, Kennwort Wolldecken. Es schneit schon, nachts friert es: Obdachlosig ist eine urbane Realität; wenn möglich, helfen wir.
3.11.09

Ideologisch statt logisch

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Die Studenten sollen gefälligst arbeiten statt protestieren, da die Allgemeinheit schließlich für ihr Studium bezahle. So  ruft es aus manchen  Kommentaren zur Audimax-Besetzung. Und das ist mit voller Absicht fuzzikurz gedacht, denn es ist natürlich ein sozialstaatliches Prinzip, dass die eine  Generation der nächsten die Ausbildung vorschießt und damit für die eigene bezahlt. Wer das ignoriert, argumentiert nicht logisch – sondern ideologisch in den Sack jener, die sich für ewig zu kurz gekommen halten. Und fordert hintenherum, dass höhere Bildung wieder wohlhabenden Eliten vorbehalten sein solle.
Basierend auf einem ähnlich ideologisch statt logisch motivierten Denkprinzip legalisiert das ÖVP-Justizministerium die Homo-Ehe nun einerseits,  und verbietet ihr andererseits en Festakt am Standesamt. Das ist ein bockiges Beharren auf tradierten Vorurteilen. Was hier schon öfter zu lesen war, völlig sinnloserweise: Denn in dieser Frage verfangen vernünftige Argumente bei der ÖVP ebenso wenig wie Verweise auf die Verfassung („Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetz gleich“). Die Volkspartei erlaubt sich auch weiterhin den stillen Zusatz: „Außer sie lieben Partner des gleichen Geschlechts, dann sind sie nicht gaaaanz gleich“; man gönnt sich  ja sonst nichts.
Das ähnelt im Kern ein wenig jener Nachricht, dass die britische Regierung ihren Drogenbeauftragen gefeuert hat, weil er auf streng wissenschaftlicher Basis die Gefährlichkeit von Extasy und Canabis und die Ungefährlichkeit von Tabak und Alkohol relativierte. Das passt nicht ins  Konzept der Dämonisierung einzelner Drogen, also weg mit dem Mann.
Ideologie statt Logik; das hat halt nach wie vor immer und überall Saison.
1.11.09

Dann wird es noch viel schlechter

| 11/09 | Kurier-Kolumne

Gestern um 14.35 Uhr hatte die Facebook-Seite „Audimax-Besetzung in der Uni Wien!“ 20.778, nein: 20.779 Fans. Auf der Seite lassen sich in Echtzeit der Stand der Aktion und der Diskussion mitverfolgen: Es wird angekündigt, rekapituliert, informiert, diskutiert: Und aus dem In- und Ausland tüchtig solidarisiert. Zu Recht: Es ist  schwer zu begreifen, dass in einem so reichen Land die Bildungsinstitutionen finanziell derart ausgehungert werden. Und der Politik auf überrannte Universitäten kaum eine andere Antwort einfällt als  Studiengebühren  und andere Zugangsbeschränkungen.
Die 34 Millionen Euro für den  gesamten heimischen Universitätsbetrieb, die Minister Hahn  jetzt zugesagt hat,  sind ein höchstens Anfang, nicht viel mehr als der berühmte Tropfen.
Man muss diesen Protest unterstützen. Denn wenn sich nicht jetzt endlich etwas verbessert, wird es noch viel schlechter werden. Wenn  nicht jetzt  massiv in Bildung investiert wird, dann werden wir alle bald mit den Folgen leben müssen: Denn irgendwann wird sich das akademische Desaster weit abgeschlagen gerankter Universitäten auch in der Realität spiegeln.
Auch deshalb geht das alles nicht nur die aktuell Studierenden an – und wir sollten sie nicht die ganze Protest-Arbeit alleine machen lassen: Das Problem wird, wenn sich nichts ändert, auch die jetzigen Kindergärtler und Schulkinder betreffen. Und die sollten  wir Eltern an der Hand nehmen und mit ihnen bei der nächsten Demonstration mitmarschieren. Auch wenn am nächsten Tag Schule ist: Denn irgendwann , bald, ist am nächsten Tag Universität, und es wäre besser, wir hätten dann eine, die diesen Namen auch verdient.


29.10.09

Zur Strafe Fernsehverbot

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Die 80-jährige Mutter von Leserin Ulrike S. lebt auf deren Bauernhof in Niederösterreich. Dort verbringt sie viel Zeit vor dem Fernseher, während ihre Tochter, die ihren Hauptwohnsitz noch nicht von Wien nach Niederösterreich verlegt hat, die meiste Zeit in Wien wohnt. Die Mutter, die am liebsten die Programme und Serien im ORF schaut, kaufte sich einen neuen Flachbild-Fernseher, und weil Ulrike S. in Wien eh nicht viel zum Fernsehen kommt, schenkte sie ihrer Mutter ihren Receiver mitsamt der ORF-Karte. Alles funktionierte. Und nach ein paar Wochen mit einem Mal nicht mehr: Die Mutter konnte, trotz mehrerer, von technisch versierten Bekannten unterstützten Einstell- und Einrichtversuche, die ORF-Programme nicht mehr empfangen. Einer dieser Helfer erklärte der alten Dame schließlich, er kenne es als gängige ORF-Praxis, dass man den Empfang einfach kappe: Sie müsse erst dort anrufen, damit das wieder rückgängig gemacht werde. Das tat Ulrike S.’ Mutter, und nachdem sie viel Zeit in einer Tonbandschleife verbracht hatte, erklärte man der Frau, es sei nicht möglich, den Empfang wieder herzustellen, da die Karte, die sie verwende, nicht ihre eigene sei. Ulrike S. rief nun ihrerseits an, beschwerte sich und erfuhr: Ja, es sei egal, dass sie und ihre Mutter brav GIS-Gebühren zahlen, weil, nein, sie könne ihren Receiver und ihre Karte nicht schenken, wem sie wolle, sondern müsse eine Umschreibe-Gebühr von 18 Euro errichten. Und während, im Unterschied zu allen anderen Programmen, die des ORF für die alte Dame weiterhin nicht zu empfangen waren, traf der Zahlschein dafür schon am nächsten Tag ein. Zumindest das lässt sich ja prompt einrichten.
28.10.09

Vor den Vorhang, bitte

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Den ersten Schnee erlebte Leserin Birgit M. heuer an einer Straßenbahnstation, nämlich jener der Linie 31 am Floridsdorfer Markt. Es war kalt, es stürmte und durch das erste Schneetreiben bahnte sich eine Truppe Kindergartenkinder mit roten Backen den Weg Richtung Haltestelle: In der eine Bim, die Türen schon geschlossen, gerade bereit war, abzufahren.
Normal ergeht es einem Fahrgast da so, wie es erst letzten Freitag Ihrer Autorin erging, die in unglaublich unvernünftigen Stöckelschuhen auf dem Weg zu einer Veranstaltung war. Die Bim fuhr ein, als ich noch etwa 100 Meter von der Straßenbahnhaltestelle entfernt war. Nie hat die Welt eine Frau in zehn-Zentimeter-Stöckeln schneller rennen sehen, selten waren zwei Knöchel in größerer Gefahr, aber: ich schaffte es. Und genau, ganz genau in dem Augenblick, in dem ich in keuchendem Triumph meinen Finger auf den Türöffner drückte, exakt als meine Fingerspitze nur noch einen knappen Hundertstelmillimeter von der Türöffner-Oberfläche entfernt war, erlosch dessen Licht und die Bim fuhr ohne die Frau mit den Mörder-Absätzen los.
Das ist eine Art Wiener Gesetz. Im ersten Schneetreiben am Floridsdorfer Markt war die Kindergartengruppe noch nicht einmal an der Haltestelle, als die Bim abfahren wollte, und was geschah? Die Fahrerin sah die kleinen Kinder, öffnete die Türen wieder, wartete, bis sich alle durch das Wetter über die Straße und in die Straßenbahn gerettet hatten und fuhr erst dann los.
Und sowohl Leserin M. als auch Ihre halsbrecherische Autorin finden: Dergleichen unvorschriftsmäßiges Nettsein gehört einmal gründlich gelobt. Was hiermit geschieht.
25.10.09

Lieber gar nichts sagen

| Comments (1) | 10/09 | Kurier-Kolumne

Wir haben jetzt auch welche. Also eins der Kinder hatte gestern welche: Kopfläuse, zwei Stück. Ich habe sie ihm aus dem Haar gekämmt, und dann haben wir halt getan, was zu tun ist. Das Kind mit einem Spezial-Shampoo entlaust. Die Köpfe der Restfamilie mit einem Nissenkamm kontrolliert. Alle Betten und Kissen abgezogen. Die benutzten Hauben, Schals und Jacken eingesammelt. Alles bei 60 Grad gewaschen. Alle Kuscheltiere in luftdichte Säcke gepackt. Alle Bürsten und Kämme eingeweicht. Die Schule und den Hort informiert. Mehr kann man fürs Erste nicht tun. Wobei immer mehr Eltern lausbefallener Kinder auf eins verzichten: auf die Meldung an Schule, Kindergarten oder Hort. Das hat einen einleuchtenden Grund: In Österreich schreiben die meisten Schulen vor, dass man ein Kind erst wieder zum Unterricht schicken darf, wenn man ein amtsärztliches Attest über dessen völlige Lauslosigkeit vorlegt. D.h., dass sich mindestens ein Elternteil einen halben Tag frei nehmen und mit dem Kind zu einem Arzt oder gleich in die Desinfektionsanstalt im Arsenal gehen muss. Wenn derlei einmal vorkommt: gut. Viele Schulkinder, die ich kenne, hatten aber nicht ein Mal Läuse, sondern zwei, drei, fünf, acht Mal. Und zwar – typisch Teufelskreis – unter anderem deshalb, weil ihre Eltern nicht darüber informiert wurden, dass es an der Schule oder im Hort Läuse gibt: Weil sich andere Eltern den fünften Arztbesuch ersparen wollten. Denn das ist ein bissl wie eine Strafe. In Deutschland wird kein ärztliches Attest verlangt, man muss Läuse nur melden. Es meldet sich leichter, wenn es keine Konsequenzen hat, also, jetzt außer der ganzen Wascherei. Das sollte man hier vielleicht lieber auch so halten.
23.10.09

In der SVA-Schildburg

| 10/09 | Kurier-Kolumne

In drei Pensionskassen hat der Augenarzt und gerichtlich beeidete Sachverständige Dr. D. eingezahlt, bevor er 2005 in Pension ging. An allen drei Stellen erkundigte er sich damals nach den steuerfreien Zuverdienstgrenzen, wenn er weiter als Gutachter tätig bleibt. Die Antwort war überall gleich: „unbegrenztes“ Jahreseinkommen.
2008 fordert die SVA von Dr. D. den Betrag von 376,08 Euro „für nachträgliche Krankenversicherung inkl. Strafzuschlag“: Die Auskunft über die unbegrenzte Zuverdienstgrenze sei leider falsch gewesen. Dr. D. zahlt nach; und bekommt die Mitteilung, er habe ein Guthaben von 376,08 und könne dies zurückerhalten. Dr. D. stellt den Antrag,  nichts passiert.
2009 informiert ihn die SVA über ein Guthaben von 97,68 Euro. Dr. D. spricht persönlich vor, um sich über die  verschwunden 278,40 Euro zu erkundigen und erfährt, es handle sich um eine „ungerechtfertigte Forderung seitens der SVA“. Er solle einen Rückforderungsantrag für die ganze Summe stellen: Und tatsächlich wird der Betrag überwiesen.
Sechs Wochen später fordert die SVA  376,08 Euro zurück. Dr. D. spricht erneut vor und erfährt, es handle sich um einen Irrtum; die Vorschreibung wird  storniert. Worauf Dr. D. von der SVA eine Zahlungsaufforderung über, tadaaa, 376,08 Euro erhält. Dr. D. sucht seinen SVA-Betreuer auf, welcher Fehler eingesteht; man verweist ihn an den SVA-Ombudsmann. Und dieser nun unterstellt Dr. D., er habe falsche Angaben gemacht: Er muss zahlen.
Dr. D. ,der so korrekt ist, dass er  den ganzen Vorgang vom ersten Telefonat weg schriftlich dokumentierte, wurde nicht nur falsch informiert und  zwei Jahre lang an der Nase herumgeführt: Man bezichtigte ihn zum Schluss auch noch der Lüge. Das  erzürnt ihn furchtbar: Und mit was? Mit Recht.
16.10.09

Aber Erwachsene auch.

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Es war etwas später geworden als geplant und bereits finster, deshalb rief die Kollegin B. der 15jährigen Freundin ihrer Kinder ein Taxi und steckte ihr für die Heimfahrt einen Zehn-Euro-Schein zu. Das Mädchen ist diesen Weg vom 1. in den 7. Bezirk schon öfter im Taxi gefahren, und es hat immer etwa acht Euro gekostet. Diesmal kostete es, oje, 10,20. Was tat der Taxifahrer? Er beschimpfte das Kind so lange, bis dieses schließlich verzweifelt die Tante, die auch im Haus wohnt, anrief. Aber bis die unten ankam, hatte der Taxler das Mädchen – „Schleich di!“ – schon aus dem Taxi geworfen. Die ganz, ganz feine Art. Eine solche erlebte auch ein gleichfalls 15jähriger Schüler des Lycee. Der spielte nach der Schule mit Freunden Fußball am Bauernfeldplatz, und es passierte, was manchmal passiert: Der Ball traf ein Schaufenster, das äußere Fenster ging zu Bruch. Als der Bub deswegen zerknirscht in das Geschäft ging, sperrte ihn der aufgebrachte Inhaber prompt darin ein und ließ ihn nicht mehr hinaus. (Die Schultasche des Schüler stand noch draußen.) Er ließ den Schüler, dem langsam ungut wurde, auch nicht telefonieren, erst nach langem Verhandeln durfte er schließlich seine Mutter anrufen: Die auch sofort kam, und die Sache regelte. Was lernen wir daraus? Jugendliche sind oft Gfraster. Aber Erwachsene auch. Zum Schluss noch ein Nachtrag zur Bim-Kolumne von vorgestern: Die Druckerschwärze war praktisch noch feucht, erhielt Ihre Autorin gestern früh schon ein Mail der Wiener Verkehrsbetriebe: Man untersuche bereits den Vorfall mit der gehbehinderten Frau und bitte um nähere Infos zur „weiß-nix“-Sache, denn: „Mit dem Verhalten des Mitarbeiters sind auch wir nicht zufrieden.“ Halleluja: Das nenne ich Kundendienst.
15.10.09

Seh nix, weiß nix

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Heute im Angebot: zweimal Bim. Zuerst die Geschichte wie Klara K. kürzlich des Abends in der Josefstadt einen Zweier Richtung Dr.-Karl-Renner-Ring bestieg und gleich merkte, das etwas nicht stimmt, denn er fuhr in eine andere Richtung. Klara K. stieg an der Alser Straße wieder aus, wo soeben ein 43er  einfuhr, welchen Klara K. beherzt besprang. Viele sportlich bekleidete Passagiere ließ in Frau K. einen Verdacht aufkeimen, und sie fragte den Fahrer, ob denn der Ring an diesem Abend überhaupt mit Bims befahren werde, und bekam, schon fast am Ring, die  Auskunft: Das wisse er nicht, sie müsse schon die Aushänge an den Stationen lesen. Es  fuhr, wie Frau K. bald merkte, nichts am Ring, denn es war, wie jeder außer ihr und dem Fahrer wusste, Night-Run.  Klara K. findet, ein Bim- Fahrer sollte derlei wissen. Na.
Jetzt die Geschichte, die mir Dr. B. erzählt hat: Dieser trachtete letzten Sonntag am Dr. Karl-Renner-Ring den 49er durch die zweite Tür von vorne zu besteigen, so wie vor ihm eine gehbehinderte ältere Dame mit Stock . Mit mäßigem Erfolg, denn die Tür schloss sich, quetschte die Dame ein und öffnete sich, nach sinnlosem Knopfgedrücke,  erst wieder, als  Dr. B. sie mit Gewalt und beiden Händen aufdrückte. Danach marschierte er zur Fahrerin und fragt, wieso niemand reagiere, wenn so etwas passiert. Die zucktedie Achsel, grinste und sagte: „I sitz da vurn, i hob nix gsehn.“
Dr. B. schreibt mir jetzt: „Ich finde es ja löblich, dass die Wiener Linien auch behindertes Personal beschäftigen, aber eine blinde Fahrerin ist wohl doch etwas ungewöhnlich. Leicht hätte sich wieder eine Schlagzeile für die Morgenzeitungen ergeben können.“ Ist dem etwas hinzuzufügen? Nein.
14.10.09

Binnen-I-Tüpferlreiten

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Zuerst aufgefallen ist es einer Neunjährigen: „Warum geht es im Fragebogen nur um Schüler und Lehrer? Und nicht auch um Schülerinnen und Lehrerinnen?“ Ja, warum? Soeben läuft „Wiens größte Schulbefragung“. Die Kinder haben Fragebogen aus der Schule mitgebracht: grüne für Eltern, rosafarbene für Volksschülerinnen und Volksschüler. Die Erziehungsberechtigte findet es spontan eine gute Idee, dass sie über ihre Meinung zur Schulsituation ihrer Kinder befragt wird – und dass man auch die Kinder einbezieht. Leider zielt die Frage „Wie kommst du mit deinen Lehrern aus?“ weit an deren Lebensrealität vorbei: Weil es an ihrer Volksschule nämlich keinen einzigen Klassenlehrer gibt, nur Lehrerinnen und einen Direktor. Und weil ihre „Mitschüler“ zu etwa 60 Prozent Mitschülerinnen sind. Auch die Frage an die Eltern, „Wie würden Sie in der Schule Ihres Kindes den Umgang der Schüler miteinander beurteilen?“ lässt sich kaum im freundschaftlich-weniger-freundschaftlich-Multiple-Choice-Verfahren beantworten: Weil wer ist da gemeint? Die Schulbuben untereinander? Oder auch die Schülerinnen? I-Tüpferlreiterei? Sicher. Ist aber wichtig, speziell in einem Fragebogen der SPÖ-Stadtregierung, deren Frauenstadträtin Gender Mainstreaming zu einem Hauptanliegen erklärt hat: Was ja u.a. bedeutet, Frauen – und Mädchen – auch in der Sprache sichtbar zu machen. Worauf zweitens schon neunjährige Mädchen sensibilisiert sind, die sich zurecht fragen, wo in diesem Bild sie sind. Drittens muss es nicht unbedingt das Binnen-I-sein, man kann auch einmal von Schülerinnen und das andere Mal von Schülern sprechen. Aber die Schülerinnen und die Lehrerinnen einfach komplett ignorieren: Das geht nicht mehr.
13.10.09

Haus, Auto, Sessel, Frau

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Keine Models mehr: Das ist das neue Konzept der deutschen Frauen-Zeitschrift „Brigitte“: Man will eigene Fotostrecken – Mode, Schönheit, Lifestyle - künftig nur noch mit „normalen“ Frauen produzieren. Das tut man unter anderem deshalb, um das stete Sinken der Leserinnenzahlen aufzuhalten: Offenbar ist man zu dem Schluss gekommen, dass Frauen „Brigitte“ eher kaufen werden, wenn sie nicht mehr mit idealisierten Geschlechtsgenossinnen vollgestopft ist. Das könnte funktionieren.
Ideale Wesen, ideale Körper: schön anzuschauen, ja. Aber der Mensch ist nun einmal so gebaut, dass es ihm besser geht, wenn er seine eigene Unvollkommenheit bei anderen wiederfindet und wiedererkennt. Er fühlt sich dann weniger allein und nicht so erfolglos, wenn auch andere jene Messlatte nicht erreichen, die uns irgendwer oder wir selbst weit oben angeschraubt haben. Es ist ja nicht so, dass wir anderen ein bisschen Perfektion nicht gönnen, aber es ist auch ok, wenn man nicht der/die Einzige ist, die/der sich mit Perfektion schwertut, was heißt: sie mit zusammengekniffenen Augen irgendwo am Rande der eigenen Existenz gerade noch ausmachen kann.
Natürlich kann man das einerseits als  faule Nivellierung ästhetischer Positionen kritisieren; ein allgemeines Einrichten im garstigen Mittelmaß. Andererseits kann man ästhetische Mindestanforderungen für, sagen wir,  Architektur diskutieren und fordern, für Möbel, für Autos, auch für Mode: aber für Frauen?
Am Schönheitsideal wird ein Vorstoß wie jener von „Brigitte“ so schnell nichts ändern: Die Frauen werden trotzdem jung, schön und dünn sein wollen. Aber er hilft ihnen vielleicht dabei, sich weniger schlecht zu fühlen, wenn es eh nicht funktioniert.
10.10.09

Wie jedes Jahr

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Nicht schon wieder!!! Philip Roth hat wieder nicht den Literaturnobelpreis bekommen. Schon! Wieder! Nicht! Und das ist: eine Kultur-Schande, wie jedes Jahr. Ein literaturhistorischer Irrtum, wie jedes Jahr. Ein Schlag ins Gesicht der mündigen Roth-Leser, wie jedes Jahr.
Ja, ich nehme das allmählich persönlich. Ich fühle mich als Leserin missachtet; als Roth-Leserin, die, wie Millionen anderer Roth-Leser, jedes seiner Bücher in der ersten Erscheinungswoche beim Buchhändler kauft und sofort liest.
Und man kann über Roth viel sagen (dass er ein wehleidiger Lustgreis ist und dergleichen) aber er hat noch nie ein schlechtes Buch geschrieben. Er hat fantastische und weniger fantastische geschrieben, aber keins war je schlecht. Und wenn er einmal ein weniger fantastisches schreibt,  heißt das nie, dass nicht das nächste wieder ein  Meisterwerk sein kann. Und zwar auch, weil Roth’ Themen immer wieder auch um die eigene Vergänglichkeit kreisen, das eigene Hadern mit dem Alter und der wachsenden Distanz zu Sex. Denn auch darüber muss einer schreiben, und  zwar exakt so.
Nichts gegen Herta Müller. Und nicht, dass Herta Müller den Literaturnobelpreis nicht verdient hätte. Aber irgendwie halt erst, wenn ihn Philip Roth endlich hat. Die ignorante Jury tut mit dieser jährlichen Beschämung ja auch den Preisträgern nichts Gutes. Die müssen sich ja immer denken: Schön, dass ich den Literaturnobelpreis gekriegt habe, aber eigentlich hätte ihn endlich Philip Roth verdient.
Und deshalb steht auch heute hier, was hier jedes Jahr an diesem Tag steht und so lange stehen wird, bis Philip Roth endlich den Preis gekriegt hat: Der Literaturnobelpreis ist bedeutungslos, so lange Philip Roth ihn nicht hat. Jawohl.
9.10.09

Ohne Quote ändert sich nichts

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Endlich fordern die SPÖ-Frauen eine Frauenquote im Parlament, und endlich fordern sie eine realistische: 50 Prozent der Abgeordneten sollen weiblich sein. Vor ein paar Monaten wollte man sich noch mit 40 Prozent zufriedengeben, wobei man sich als Frau  nicht für voll genommen fühlte: Warum sollte sich die Gruppe, die 51 Prozent der Bevölkerung stellt, mit 40 Prozent der Parlamentssitze zufrieden geben? Unlogisch, das erkannten jetzt offenbar auch die SPÖ-Frauen. (Und die Erkenntnis überdauert hoffentlich parlamentarische Enquete von gestern.)
Der Ist-Zustand jedenfalls ist ein trauriger: Nur 27,9  Prozent der Nationalratsabgeordneten sind weiblich. Und  auch wenn das besonders Männer gerne negieren: das Geschlecht von Abgeordneten spielt im politischen Alltag sehr wohl eine Rolle: denn da, und nur da, wo viele Frauen sind, werden die sogenannten  Frauenthemen auch  als wichtig erachtet.
Es ist ja klar und durchaus verständlich, dass die Männer sich nicht von sich aus darum bemühen werden, Privilegien abzugeben und sich Verpflichtungen aufzubürden. Und naturgemäß neigen Männer gerne der Meinung zu, dass es wichtigere Themen gebe als Einkommensscheren, Kinderbetreuung, Arbeitszeitverteilung oder Halbe halbe: Weil die meisten Männer dabei nichts zu gewinnen haben; im Gegenteil.
Die Frauen aber schon. Denn das Leben ist für die Frauen noch lange nicht gerecht. Genug Frauen gibt es leider immer nur dort, wo  es man viel persönliches Engagement nötig ist und es wenig zu verdienen gibt: Im Pflegebereich, in der Kinderbetreuung, an Volksschulen, im eigenen Haushalt. Und auch weil dort Männerquoten gefragt wären, brauchen wir  eine Frauenquote, nicht nur im Parlament. 
7.10.09

Moderne Aussteiger

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Der Kollege F. bekommt jeden Tag ungefähr 100 Mails. Von denen kann er, sagt er, jeweils etwa 60 oder 70 ungelesen löschen, und vom Rest bleiben nach Lektüre vielleicht sieben oder zehn mit relevanten Inhalten übrig. Die auszusortieren kostet ihn endlos Zeit. Mir geht es so ähnlich; in meiner Box finden sich zwar nicht ganz so viele, aber immer mehr unverlangt eingesandte Mails: Einladungen zu Veranstaltungen, die ich nicht besuchen werde, Hinweise auf Bücher, die mich nicht interessieren, Einladungen zu Pressekonferenzen und Führungen, die meine Themenbereiche nicht einmal am Rande streifen, Reisetipps. Und natürlich Spam, jede Menge Spam. Und darüber übersehe ich permanent die wichtigen Nachrichten: denn bis ich Zeit habe, mich um die zu kümmern, sind sie längst unter unverlangt eingesandten Massenmails verschütt gegangen. Der Kollege F. erwägt jetzt etwas ganz Abartiges: auf seine Mailbox zu verzichten. Seine Mailbox zu löschen, ganz abzuschaffen. Das klingt so gegen die neue Zeit, dass man sich unwillkürlich fragt: Darf man das? Darf man sich aus der modernen Kommunikation einfach ausklinken? Na, sicher. Ich kenne einen sehr erfolgreichen Anwalt, der besitzt kein Handy. Mein Verleger hat seins so programmiert, dass man ihm keine Nachrichten mehr aufsprechen kann. Und der Kollege F. ist sich gewiss, dass sein Leben leichter wird, wenn ihm die wichtigen Sachen per Telefon mitgeteilt werden und die anderen gar nicht. Was mich ein bissl ängstigt, denn der Kollege ist ein berüchtigter Argumentierer. Das kann man in der Mailbox wegklicken, am Telefon aber nicht. Und ich telefoniere ja so ungern. Vielleicht sollte ich...? Eine Überlegung wäre es Wert.
6.10.09

Schauen wir einmal, wie's ankommt

| 10/09 | Kurier-Kolumne

m Sonntag hat die SPÖ die Oberösterreich-Wahl dramatisch verloren. Am Montag wurde der Landesvorsitzende in seinem Amt bestätigt. Am Dienstag trat er zurück und wurde, ein schönes Signal an die Jungwähler, durch einen 63-jährigen Nachfolger ersetzt. Am Mittwoch rüttelte ein Kritiker ein bisserl am Kanzler, am Donnerstag saß der wieder stabil im Amt. Am Freitag hatte Michael Häupl die Idee für ein Integrationsressort, welche am Samstagvormittag von SPÖ-Geschäftsführer Kräuter begrüßt wurde, und der schon Samstagmittag Kanzler Faymann wieder baba sagte.

Die ganze Woche ist ein schöne Beispiel für das Gewirks, in dem die SPÖ momentan steckt. Die Wähler laufen ihr davon, hauptsächlich Richtung FPÖ, aber auch zur ÖVP. Personaldebatten muss sie vermeiden, weil sie vor allem den Mangel an Alternativen deutlich machen. Und die Sache mit dem Integrationsressort wurde wieder einmal typisch auf schauma-mal-wie's-ankommt in die Öffentlichkeit geschupft.

Ungeliebtes Kind

Wobei die Idee einerseits ja richtig ist: Denn erstens kann es naturgemäß nicht funktionieren, wenn die Agenden "Einwanderer abschrecken und so schnell wie möglich aus dem Land entfernen" und "Einwanderer integrieren" so wie jetzt in einem Ressort, dem Innenministerium, vereint sind. Da bleibt eins der Kinder ungeliebt, und anhand der Streichung der Gelder für die Asylwerberbetreuung haben wir wieder recht deutlich gesehen, welches.

Zweitens ist die Integrationsfrage eigentlich eine der SPÖ-Kernkompetenzen, wurde allerdings so vernachlässigt, dass sich viele Wähler jetzt lieber jener Partei zuwenden, der sie zutrauen, das Problem effizienter zu lösen. Dass der Wiener Bürgermeister seinen Wahlkampf mit der Botschaft beginnt, dass sich die SPÖ jetzt doch wieder mehr mit dem Ausländer-Thema beschäftigen will, ist sinnvoll. Allerdings hätte er vier Jahre Zeit gehabt, sich so um die Probleme in Gemeindebauten und in Schulen mit knapp hundertprozentigem Ausländeranteil zu
kümmern, dass die Betroffenen etwas davon merken. Oder mehr Projekte wie das Viertel um den Brunnenmarkt zu fördern, mit denen sich beweisen lässt, dass Integration im Verbund mit Stadtentwicklung eine Gettoisierung nachhaltig rückgängig machen und verhindern kann.

Andererseits drohte einem Integrationsressort ein ähnliches Schicksal wie dem Good-Will-Ressort Frauenministerium, wo zwar mit viel Engagement Überzeugungsarbeit geleistet wird - aber aufgrund fehlender Kompetenzen und Durchgriffsmöglichkeiten nicht viel mehr als das. Trotzdem wäre es schon aus psychohygienischen Gründen wichtig, wenn Migranten durch einen Staatssekretär eine Art Pflichtverteidiger zugewiesen bekämen, bei all den Anklägern, die sich gerade im Wahlkampf wieder vordrängen. Das zeigte vielleicht ein wenig von den "Konturen", die der neue OÖ-Landesvorsitzende am Sonntag bei seiner Partei forderte. Durch solche Forderungen allein schärfen sie sich eher nicht.

4.10.09

Keins davon in Wien

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Wie geht noch einmal dieser alte Spruch? Ach ja, so: Pass auf, was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen. Thomas Glavinic’ neuer Roman „Das Leben der Wünsche“ handelt davon, und die heutige Kolumne auch, weil: Das Stadthallenbad wird ab Mai renoviert, am Montag wird es im Gemeinderat beschlossen. Halleluja! Denn das Hygiene-Defizit in den Sanitärbereichen ist – wie auch an dieser Stelle immer wieder vermerkt wurde – schon lange nicht mehr feierlich. Da schaut’s aus... Viel zu eng ist es auch, bei den zahllosen Schulklassen und Kindergartengruppen, die dort täglich durch müssen. Also: endlich, gut. Aber auch: schlecht! Weil wo geht man dann schwimmen, die ganzen eineinhalb Jahre lang, in denen umgebaut wird? Nämlich schwimmen im Sinne von schwimmen und sporteln, nicht von plantschen. Tatsache ist: Wenn das Stadthallenbad wegen Umbau geschlossen sein wird, gibt es in ganz Österreich nur noch zwei überdachte 50-Meter-Becken, und keins davon ist in Wien. (Was im Stadthallenbad jeden Morgen zwischen sieben und zehn dazu führt , dass in den beiden Sportler-Bahnen mitunter ein Verkehr herrscht wie zur gleichen Zeit am Wiener Gürtel.) Das ist für eine Großstadt ein wenig wenig und hat bereits zu Überlegungen geführt, das 50-Meter-Becken im Stadionbad mit einer Traglufthalle zu überdachen. Davon hört man allerdings nichts mehr. Aber zumindest den Sommer über kann man dann ja dorthin ausweichen. Oder ins Kongressbad, das auch über ein 50-Meter-Becken verfügt – welches einst sogar ein 100-Meter-Becken war. Von derlei träumen Wiens Schwimmer heute nur.
2.10.09

Denn sie sind überall

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Sie bedienen uns in Restaurants. Sie zahlen uns auf Banken Geld aus. Sie vertreten uns vor Gericht. Sie nehmen unsere Anzeigen auf und sorgen für unsere Sicherheit. Sie bauen unsere Häuser. Sie managen unsere Unternehmen. Sie vertreten uns in Gemeinderäten, Landtagen, Parlamenten. Sie fahren unsere Straßenbahnen, Züge und Taxis. Sie predigen uns von der Kanzel. Sie regeln unsere Versicherungsangelegenheiten. Sie spielen auf unseren Bühnen. Sie behandeln unsere Gastritis und unsere Rückenleiden. Sie singen unsere Lieder. Sie unterrichten unsere Kinder. Sie sind überall, den ganzen Tag; und nachts sitzen sie vor ihren Computern und holen sich, während sie sich Bilder und Filme ansehen, in denen Babies und Kinder brutal vergewaltigt werden, einen herunter. Ganz normale Männer von nebenan: Und sie werden mehr. Man will gar nicht darüber nachdenken. Weil man, wenn man darüber nachdenkt, nicht mehr gut schläft. Weil der Schlaf vor der Angst und dem Grausen kapituliert; und dem ungeheuren Mitleid mit diesen Kindern. Und weil die Frage unbeantwortet bleibt: Wie können diese Männer kleinen Kindern so etwas antun, so etwas tun? Wie kann das offensichtliche Elend, das Leid, die grauenhafte Angst, der Schmerz schutzbedürftiger Kinder so viele Männer sexuell erregen? Wie wird man emotional und sozial so gestört und menschlich kaputt, dass man angesichts eines vergewaltigten Kindes keinen Schutzimpuls spürt: sondern Lust? Und die sind überall,: Wir und unsere Kinder haben täglich mit ihnen zu tun. Man kann gar nicht mehr schlafen, wenn man daran denkt.
1.10.09

So etwas dauert nun einmal

| 10/09 | Kurier-Kolumne

Aus der Passagiercharta der ÖBB Personenverkehr AG: „Hat ein Fernverkehrszzug bei Tagesreisen am Zielbahnhof des Reisenden mehr als 60 Minuten bzw. bei Nachreisen mehr als 120 Minuten Verspätung, erhält der Fahrgast eine Entschädigung in Höhe von 20 Prozent des Fahrkartenwertes.“ Am 23. August entstieg die Familie O. – Sie erinnern sich vielleicht – am Zielbahnhof Wien mit 229 Minuten Verspätung einem Zug aus Rumänien. Am 26. August stellte Herr O. den schriftlichen Antrag auf Rückerstattung der 20 Prozent bei der Personenverkehr AG: Die O.‘s hatten schließlich etwa 500 Euro für die Reise bezahlt. Er erhielt keine Antwort. Nach 14 Tagen fragte O. telefonisch nach, geriet aber an eine Dame, die von nichts wusste. Am Nachmittag wurde er zurückgerufen: Man könne sein Ansuchen nicht bearbeiten, da er nur Kopien der Fahrkarten geschickt habe: Was stimmt, allerdings enthielten die Kopien alle nötigen Informationen, zudem hatte O. auch den Original-Lieferschein beigelegt. Plus er hatte die Karten telefonisch unter seiner Kundennummer erworben, wo die Daten gespeichert sein müssen. O. schickte sofort die Original-Fahrkarten, worauf wiederum dasselbe geschah, nämlich nichts. Als er am 23. September nachfrug, erfuhr er, die Bearbeitung dauere leider vier bis sechs Wochen, man müsse ja die Angaben überprüfen: Man braucht bei den ÖBB also vier bis sechs Wochen um herauszufinden, ob ein bestimmter Zug tatsächlich verspätet war. Aus der ÖBB-Passsagiercharta: „Die ÖBB Personenverkehr AG hat sich zum Ziel gesetzt, Kundenbeschwerden innerhalb von 15 Arbeitstagen nach Eingang abschließend zu erledigen.“ Das klappt momentan noch nicht so gut.
30.09.09

Ich bin dann mal in der Schmollecke

| Comments (1) | 09/09 | Kurier-Kolumne

Das ging jetzt aber nach hinten los. Schrieb mir doch Leser Mag. Johannes W., dass er, „dank Ihnen“ bei der Wien-Wahl der FPÖ seine Stimme geben werde: „H.C. Strache wird‘s freuen...“. Zwar verstehe ich auch nach wiederholter Lektüre seines Mails (und der inkriminierten „Desto-erfolgreicher“-Kolumne) nicht genau, warum er das tut, aber das entspricht ziemlich genau dem Standard-Verständnis zwischen FPÖ-Wählern und mir. Die Frage, die die Leserinnen und Leser beschäftigt: Darf man ein Viertel der Wählerschaft als dumm und allerdümmst bezeichnen, weil sie der FPÖ ihre Stimme gibt? Nein, schreibt Leser Dieter H., „das sei billig“. „Ja“, meint dagegen Leser Gerd T.: denn Dummheit werde durch ihre prosperierende Massenhaftigkeit ja nicht weniger dumm, sondern höchstens gesellschaftsfähiger. Dieser Ansicht neigt auch Ihre Autorin zu. Trotzdem, dumm oder nicht, können die anderen Parteien diesen Wählern natürlich nicht einfach freundlich nachwinken, wenn sie sich in ihre rechte Schmollecke verziehen. Und die große Frage, die Wien bis nächsten Herbst zu beantworten hat, lautet: was dann. Denn der kritische Leser-Einwand, dass auch, oder gerade diese Wähler nach komplexen Lösungen für gesellschafliche Probleme gierten, stimmt halt nicht. Diese Wähler wollen simple Heilsversprechen, sie wollen ihre Probleme frei Haus gelöst bekommen und nicht gemeinsam lösen. Bleiben zwei Möglichkeiten: Die Heilsversprechen auch links und mittig versimplifizieren. Oder ehrlich und mutig sein und sagen, so billig geht‘s nun mal nicht: Wenn unsere Stadt/unser Land besser werden soll, müssen wir gemeinsam ran. Obama hat damit Amerika auf seine Seite gebracht. Möglicherweise klappt das ja auch in Wien.
29.09.09

Wer ja sagt, muss auch ja sagen

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Ein bisserl schwanger gibt’s nicht. Ein bisserl diskriminiert auch nicht. Es gibt auch nicht halb-, viertel- oder achtelgerecht: Gerechtigkeit und Gleichberechtigung sind unteilbar. Entweder es ist gerecht oder ungerecht, entweder man gleichberechtigt oder benachteiligt, nicht diskriminiert oder diskriminiert.
Aber kaum geht es um Homosexualität, wird die ÖVP irrational, nagen an ihr alle Ängste und Vorurteile, die sie offiziell längst nicht mehr hat. Allerdings kann man nicht auf der einen Seite sagen: Alle Menschen, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung,  haben gleiche Rechte – um ihnen auf der anderen, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, die Institutionen zu versperren, die sonst allen Österreicherinnen und Österreichern, die sich an die Gesetze halten, offen stehen. Zum Beispiel: das Standesamt.
Dass die ÖVP die Familie als solche gefährdet sieht: geschenkt, bei diesen Scheidungsraten. Und es ist legitim, nach Gründen und Auswegen zu suchen. Aber: Es sind nicht die  die heiratswilligen lesbischen und schwulen Paare, die  das System Familie bedrohen. Familien zerbrechen aus vielerlei Gründen; weil der Alltag sie zerreibt, weil sich die Partner nicht mehr lieben, wegen Betrugs, wegen Gewalt, wegen Überforderung. Aber niemals deshalb, weil auch lesbische und schwule Paare am Standesamt heiraten dürfen. Der Homo-Ehe das Standesamt zu verweigern, rettet das System Familie nicht.
Mag sein, dass unser traditionelles Wertesystem in Gefahr ist, aber  gewiss nicht wegen homosexueller Paare, die ihre Liebe  legalisieren  und sich vor der Öffentlichkeit zueinander bekennen wollen.
Wer JA sagt, Volkspartei, soll wirklich JA sagen: auch zum und am Standesamt.
25.09.09

Desto erfolgreicher

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Michael Häupl fürchtet einen „grauslichen“ Wiener Wahlkampf und ist damit nicht allein. Man kann fix davon ausgehen, dass die FPÖ alle Provokationsregister ziehen wird: immer knapp an der Grenze zur Rechtswidrigkeit, stets im Graubereich von knackiger Dichtung und komplizierter Wahrheit. Es werden Gruppen und einzelne Menschen durch den Dreck gezogen werden. Es wird brutal. Die Frage ist, ob man sich gegen derlei wappnen kann, bzw: wie man damit umgeht. Die üblichen Reflexe des Buh-Rufens und scharf Abgrenzens von links haben in der Vergangenheit nicht besonders gut funktioniert. Sondern führten fast stets dazu, dass alle, die sich übergangen, unverstanden, zu kurz gekommen, entrechtet, ungeliebt und ausgegrenzt fühlen, sich in der rechten Ecke, dort wo die ganz simplen Lösungen verkauft werden, eng zusammenkuscheln. Und sich hinter noch ärgeren Parolen verbarrikadieren: je menschenverachtender, rassistischer, antisemitischer und grauslicher, desto erfolgreicher. In Vorarlberg haben gerade 44.122 Wählerinnen und Wähler goutiert, dass FPÖ-Chef Egger den Direktor eines jüdischen Museums diffamiert hat. Es hat nichts genützt, dass die anderen Parteien sich gegen diese Form des Antisemitismus verwehrten, oder dass Egger schamloser Lügen überführt wurde, im Gegenteil: Ein Viertel der Wahlberechtigen sagte: super, gut so, ganz in unserem Sinn. So ein undifferenzierter Sündenbock-Wahlkampf mit extremen Parolen wird bald auch in Wien beginnen. Und das werden, wie im Ländle, auch hier nicht nur die Allerdümmsten akklamieren. Wogegen man realistischerweise wenig tun kann. Es ist wie bei einer Fliegenplage: Man wedelt sie weg, sie kommen wieder.
24.09.09

Das ist vielleicht wichtig

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Josef B. wohnt am Wiener Flötzersteig, und der ist bekanntlich oben. Stellenweise sogar ziemlich hoch oben. Dort oben erreichte ihn ein eingeschriebener Brief, besser, er erreichte ihn nicht, denn Josef B. war nicht daheim. Als er von der Arbeit kam, fand er einen gelben Zettel, der ihn zwar über den eingeschriebenen Brief, hinterlegt bei der Post-Filiale Wiental, informierte, aber nicht über den Absender: Woraus Josef B. erlesen hätte können, ob der Brief wichtig ist oder nicht. Das ist ihm schon öfter passiert, und weil die Post-Filiale Wiental gute zwei Kilometer entfernt und sehr weit unten liegt, hat er auch schon öfter versucht, in der Filiale anzurufen und den Absender zu erfahren, was ihm, da es keine filialinternen Abgabestellen mit zugehörigen Abgabe-Leitern mehr gibt, stets misslang. Und an den Schaltern haben sie immer so viel zu tun, dass sie meistens nicht abheben. Auch diesmal nicht, also stieg Josef B. auf sein Radl, fuhr zwei Kilometer hinunter, behob den Brief, stellte fest, dass er für ihn völlig unwichtig ist, und radelte die zwei Kilometer im kleinsten Gang wieder hinauf: So oben wohnt er nämlich. Und ärgerte sich mächtig: Dass der Postler das Feld mit dem Absender nie ausfüllt. Dass er deshalb keine Möglichkeit hat zu erfahren, ob sich der Weg zum Postamt lohnt. Und nun hat Josef B. eine Idee, die er dem Rest der gelbzettel-geplagten Welt nicht vorenthalten möchte: Er wird jetzt jeden dieser gelben, absenderfreien Zettel einscannen, und bei www.post.at, Kundenservice uploaden, und wird schriftlich darum bitten, ihn innerhalb der Abholfrist über den Absender zu informieren.Weil er hat das sinnlose Hinunter- und Hinaufgeradle tüchtig satt. Ob das etwas bringt? Werden wir schon sehen.
20.09.09

Die Bezahler-Generation

| Comments (1) | 09/09 | Kurier-Kolumne

Kürzlich nach dem Hort-Elternabend: großes Gemurre. Es war wegen des Platzgeldes; jener ziemlich geschmalzene Betrag, den man trotzdem bezahlt, wenn das Kind vier Wochen in den Ferien ist. Nebenan, im Kindergarten, den fast alle der Hortkinder die letzten zwei, drei oder vier Jahre lang besuchten, ist jetzt alles gratis, auch die Ferien: Während wir für den Kindergarten pro Kind über die Jahre bis zu insgesamt 14.000 Euro ausgegeben haben. Wir fühlen uns ein bissl verhöhnt.
Deshalb wird jetzt einmal ein wenig gejammert, denn: Wir sind die Bezahler-Generation. Wir sind diejenigen, die immer voll brennen. Die 30- bis 50jährigen, die jetzt Schul- oder studierende Kinder haben: Für uns gabs kein Geburtengeld mehr und kein Heiratsgeld; das wurde abgeschafft, kurz, bevor wir’s nutzen konnten. Wir, die Frauen vor allem, durften die Kinderbetreuung nicht absetzen, dafür bezahlen wir, anders als in anderen Ländern, unsere Verhütungsmittel komplett selber; dafür fühlt sich die Krankenkassa nicht zuständig.   Wir bezahlen Länge mal Breite die Renten der jetzigen Pensionisten, haben aber keine Garantie, dass wir selber einmal Pensionen bekommen. Viele von uns bezahlten zwischendurch auch noch Studiengebühren für ihre Kinder. Wir müssen länger arbeiten. Wir zahlen hohe Steuern, hohe Zinsen, hohe Mieten, hohe Gebühren, hohe Selbstbehalte: für Schulbücher,  für Schülerfreifahrten, für Arztbesuche, für Medikamente. Denn wenn eine öffentliche Institution wie die Krankenkassa Finanzprobleme hat, selbstverschuldet oder nicht: Wir zahlen die Rechnung.
Immerhin: Wir müssen nicht mehr fürs Erben bezahlen. Und Fliegen ist billiger als früher. Aber sonst: zahlen wir.
17.09.09

Die Eleganz des Simplen

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Der Fahrradmechaniker ist der Meinung, ich brauche einen neuen Lenker. Wieso, mein Lenker ist tadellos, der passt mir genau,  ich mag meinen Lenker. Jaja, sagt der Fahrradmechaniker, aber der Lenker ist, wie der Rest vom Rad, wenigstens zwanzig Jahre alt, und obwohl es ein gutes, stabiles Rad ist, Qualitätsarbeit aus dem Ländle, brauche ich, wenn es mich nicht demnächst auf die Pappn hauen soll, einen neuen Lenker. Der da könnte brechen. Na gut, bald. Und meine Güte, die Kette schaut wieder aus, seufzt der Mechaniker, du musst die Kette öfter ölen, die ist ja schon wieder total rostig. Ja, gut, gut, versprochen.
Während der Mechaniker meine Kette ölt und dann die halbaufgelösten alten Griffe vom Lenker schneidet und mir neue hinaufmurkst, schaue ich mir die Helme an. Ob ich einen Helm will, fragt der Fahrradmechaniker, der auch ein Rad- und Zubehörhändler ist. Nein, eigentlich nicht. Die Vernunft sagt mir, ich sollte einen wollen, aber ein paar andere Dränge sind derzeit noch stärker.
Es sieht einfach zu deppert aus; der Helm, mit dem man nicht deppert aussieht, ist noch nicht erfunden. Natürlich ist es noch depperter, auf derlei Wert zu legen, trotzdem. Und, so sieht das auch der Mechaniker, das Lässige am Fahrrad ist doch seine Einfachheit, die Eleganz des Simplen. Man steigt auf und fährt los. Man springt runter und ist da. Kein Stauen, kein Treibstoff, keine Parkplatzsuche. Keine teuren Reparaturen. (Und kein Stöckelschuh-Fußweh.) Alles was die Sache auch nur minimal verkompliziert, stört, passt irgendwie nicht dazu; selbst wenn es etwas so Vernünftiges ist, wie seinen Blutzer zu schützen.
Fünf Euro, sagt der Fahrradmechaniker. Danke, sage ich, und wegen demLenker komme ich dann.
13.09.09

Sah von weitem wie ein Rennpferd aus

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Das haben wir ja gleich gesagt. Das roch doch schon vor Wochen komisch. Und zwei Stunden vor der endgültigen Absage des Jackson-Tribute-Konzerts hat sich dann auch die Stadt Wien aus der Sache zurückgezogen, aber: zu spät. Den Scherben haben die Gemeinde, die Wiener SPÖ und Finanzstadträtin Renate „Wonderful, wonderful, wonderful“ Brauner jetzt auf, und zwar zu Recht. Denn das war sehr unprofessionell. Jede Kindertheater-Gruppe muss für 1500 Euro Subvention konkretere inhaltliche Konzepte vorlegen, als das, wofür die Gemeinde Wien hier zickezacke bereit war, die Westeinfahrt zu sperren und 600.000 Euro auf den Tisch zu legen. Der Schaden, den sie sich hier selbst zugefügt hat, lässt sich auch mit dem Rückzug um fünf vor zwölf und der daraus resultierenden Absage nicht so leicht reparieren. Denn auch wenn die Jackson-Fans das Geld für die teuren Tickets – gewiss nicht ohne Umstände – jetzt retourniert bekommen: Es bleibt eine Enttäuschung und ein Vertrauensbruch. Weil wenn sich eine verantwortungsbewusste Kommune mit soviel Geld hinter eine Veranstaltung stellt, dann sollte man sich ja wohl darauf verlassen können, dass das auch was wird. Da hat man sich aber getäuscht. Anstatt (wie die anderen Jacksons) zu fragen, was Jacko mit Wien zu tun hatte und umgekehrt, und wie lange im Voraus internationale Superstars üblicherweise gebucht werden, wollte die Wiener SPÖ auch ein bissl Kapital aus der weltweiten Trauer um den King of Pop schlagen: Man erhoffte sich von von dem vermeintlichen Welt-Ereignis ein wenig glamourösen Image-Transfer für den Wien-Wahlkampf. Und hat deshalb dem Gaul, der von weitem wie ein rassiges Rennpferd aussah, nicht so genau ins Maul geschaut.
11.09.09

Den Hunden geht's eh gut

| Comments (2) | 09/09 | Kurier-Kolumne

Die Hunde dürfen bleiben: Das entschied die Bezirkshauptmannschaft Lilienfeld, nachdem drei Pitbull-Terrier letzte Woche eine Dreijährige fast totgebissen hatten: Die Hunde rissen dem Kind ein Ohr ab und verletzten es so schwer, dass es noch immer im Krankenhaus liegt. Die Mutter des Kindes und der Sohn der Hundebesitzerin, die insgesamt fünf Kampfhunde hält, wurden wegen Körperverletzung und Vernachlässigung der Aufsichtspflicht angezeigt. Die Hundebesitzerin und ihre Hunde aber bleiben unbehelligt. Die Frau sei ja, argumentiert die Bezirkshauptmannschaft nach einem Lokalaugenschein, während des Angriffs gar nicht zuhause gewesen, und die Hunde würden gut versorgt. Ja, prima, dann ist ja alles bestens. Entschuldigen schon, aber sollte es hier nicht in allererster Linie darum gehen, wie gefährlich diese Hunde sind, anstatt darum, wie gut es ihnen geht? Und schließt „gute Vorsorgung“ gute Erziehung nicht ein?: Drei dieser Hunde haben eben eine Dreijährige angefallen, weil sie stolperte. Ist es nicht wesentlich relevanter, dass diese Hunde so schlecht erzogen sind, dass sie auf Kleinkinder losgehen? Offenbar wusste die Bezirkshauptmannschaft auch erst aus der KURIER-Geschichte, dass diese Frau mehr als drei, nämlich fünf Kampfhunde hält. Sollte das nicht bekannt sein? Vor allem, weil das offenbar nicht der erste Vorfall mit diesen Hunden war. Beschimpfen Sie mich ruhig wie üblich als herz-lose Hunde-Hasserin, aber: Ein Hundebesitzer, der seine Hunde so miserabel erzieht, dass sie grundlos Kleinkinder anfallen, hat als Hundehalter vollkommen versagt. Und ein Hund, der ein kleines Kind zerfleischt, gehört auf der Stelle eingeschläfert.
8.09.09

Brief an die Bundesbahn

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Wieder einmal eine ÖBB-Geschichte, und diesmal eine mit Ganslhaut-Faktor; passen Sie auf. Herr S., sah sich nämlich, wie so viele Bahnkunden, gezwungen, einen Brief an den ÖBB Kundendienst zu schreiben.Und zwar deshalb: An einem Freitag Nachmittag bestieg Herr S. am Südbahnhof am Bahnsteig 14 einen Waggon des EC 159. Herr S. ist 79 Jahre alt, und wie viele ältere Herrschaften ist er lieber zu früh am Bahnhof, im konkreten Fall: eine Stunde zu früh.
Der Waggon, den er bestieg, wurde gerade von einem Putztrupp gereinigt. Das wunderte Herr S. schon ein  wenig, und er wunderte sich noch viel stärker, als die Garnitur, in der er saß, sich unversehens bewegte: Sie wurde geschoben, und zwar weit vom Bahnsteig 14  weg,  auf ein Abstellgleis. Und dort gneißte Herr S. kurz vor der Abfahrtszeit endlich, dass er im falschen Zug  saß. Also im falschen Waggon, nämlich in einem, der erst am nächsten Tag wieder eingesetzt werden würde.
Der alte Herr war auch den beiden Mitarbeitern des Reinigungstrupps  aufgefallen, die den Waggon gerade saubermachten, und sie sahen auch: Der Mann hat ein Problem. Und was taten sie?
Herr S. schildert es in seinem Brief so: „Sie halfen mir (hoben mich!) aus dem Waggon und geleiteten mich (trugen mich!) alle Vorsicht beachtend über die vielen Geleise zum Bahnsteig 14 des Südbahnhofs“, wo der richtige EC 159 gerade abfahren wollte. Mit dem Handy riefen die beiden Herren die Zugbegleiterin des Zuges an, und die sorgte tatsächlich dafür, dass der Zug noch den Augenblick am Bahnhof wartete, den alte Herr brauchte, um sicher einzusteigen.
So kann’s einem auch gehen mit der  ÖBB. Gansl-haut, ich sagte es doch.

6.09.09

Die Fäuste von heute

| Comments (2) | 09/09 | Kurier-Kolumne

Der „Faust“ also. Gestern war Hartmann-Premiere im Burgtheater: Mit dem Stück über den einflussreichen, alten Gelehrten, der  auf einmal feststellt, dass er überm Studieren greis geworden ist, die Juhu-Abteilung des Lebens übersehen hat und jetzt darin keinen Sinn mehr erkennt. Da möcht er sich entleiben. Mephistopheles macht ihn wieder jung. Worauf er ein unschuldiges Mädchen mit Hilfe von Gold und Edelstein erst zu seiner Geliebten und dann unglücklich macht, was ihm aber, da er auf dem Blocksberg von geilen Hexen abgelenkt ist, zu spät auffällt.
 Goethes Stück ist so aktuell, dass man es jeden Tag im Fernsehen sehen und in den Zeitungen lesen kann; bei Heinzl, in den „Seitenblicken“, auf den Gesellschaftsseiten. Die Fäuste von heute heißen Briatore, Bohlen und Berlusconi, Lugner, Gibson, Wood, Rourke und Hefner, wohlhabende Männer mit Macht und/oder einem ansehnlichen Lebenswerk, was ihnen das Altern aber offenbar nicht erleichtert. Die Mephistos, die sie wieder jung machen, sind  keine Teufel, sondern Schönheitschirurgen, Haar-Transplanteure, Personal Trainer, Pharma-Hersteller und Sportwagenhändler, die die Fäuste fit machen für die Walpurgisnächte in Discotheken, Golf-Ressorts und Privat-Clubs.
Nur eins hat sich seit Goethe definitiv geändert: Die jungen Greteln haben ihre Unschuld längst verloren und sind nicht  mehr  so leicht herumzukriegen. Und wenn doch, dann wissen die Noemis, Ekaterinas, Hollys, Carinas und Bambis ganz genau, was sie tun und wie sie davon profitieren.
Was lernen wir also vom „Faust“?  Die jungen Frauen sind gescheiter geworden; die alten Männer nicht. Aber das ist jetzt vermutlich etwas zu kurz gegriffen.

4.09.09

Ich bins, kein Fernseher

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Was es noch gab, diesen Sommer: keinen Fernseher. Hier, wo wir die Ferien verbracht haben, gibt es keinen und auch nach neun Wochen totaler TVlosigkeit verspürt keiner den  Wunsch, dass es einen geben sollte. Na gut, die Oma. Ich glaube, die Oma scheut diesen abseitigen Ort ein wenig, sie war einmal ein paar Tage da, besucht uns aber lieber in Wien, wo es Geschäfte gibt, Öffis, keine Spinnen und einen Fernseher, vor dem sie abends einschlafen kann. Und der ihr hier das Gefühl gäbe, nicht ganz aus der Welt zu sein.
Den Kinder, die auch am Wiener Fernsehgerät (bis auf Ausnahmen wie, ähm, „Dancing Stars“) nicht fernsehen, sondern ab und zu Filme und Serien auf DVD sehen dürfen, fehlte er auch nicht: Allerdings wurde ich zugegebenermaßen bei anhaltendem Regenwetter gezwungen, meinen Laptop zu entfremden und mit Kinder-DVDs zu füttern. Reicht auch. Geht eh. Geht  auch nachts, wenn die Kinder schlafen und die Großen  sich hin und wieder via DVD staffelweise die großartigen der amerikanischen TV-Serien einsaugen, „The Wire“, „Curb Your Enthusiasm“, „West Wing“ oder „Deadwood“ die der ORF hartnäckig ignoriert und in denen man, da hat Daniel Kehlmann vollkommen recht, meistens sehr viel mehr vom Leben sieht und spürt als im Theater. Wer braucht bitte zum abertausendsten Mal den „Faust“? Jaja, sollen derartige Wiederundwieder-Inszenierungen freuen, wen mag; jeder nach seinem Geschmack. Aber schauen Sie sich einmal „The Wire“ an: ganz großes Drama, realistisch, zeitgemäß,  präzise und kollossal spannend.
Trotzdem: Wieder ein bisschen ganz normales Durchschnittsfernsehen an Herbstabenden... Darauf freue ich mich jetzt auch.






3.09.09

Dumme Idee

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Am Samstag wurde an dieser Stelle der SPÖ-Vorstoß begrüßt, Asylwerbern den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Es gab ein paar Leserbriefe, die dem zustimmten, ein paar, die das verantwortungslos oder huschi fanden und einen, auf den ich hier näher eingehen möchte.
An und für sich eh kein schlechter Kommentar, schrieb Frau I.-T., bis auf den Umstand, dass ich ihn mit einem einzigen Satz zerstört hätte. Denn ich behauptete, dass Menschen, die man zur Untätigkeit verdamme, eventuell auf „dumme  Ideen“ kämen, zum Beispiel sich die Zeit mit häuslicher Gewalt zu vertreiben. Und das sei nun, meint Frau I.-T., Vorstandsfrau eines österreichischen Frauenhauses, erstens völlig falsch, zweitens in seiner Falschheit auch noch verharmlosend. Und was soll ich sagen, sie hat Recht.
Denn, so Frau I.-T., zig Studien weisen nach, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen harten Lebensbedingungen und Gewalt gegen Frauen gibt. Weder Alkohol, noch Arbeitslosigkeit seien die Ursache dafür, dass Männer ihre Frauen und Kinder schlagen, „sie können“, schreibt Frau I.-T., „vorhandenes Gewaltpotential verschärfen, ja: aber Auslöser sind sie nicht.“ Diese Männer hätten die Grundeinstellung, dass es in Ordnung sei, Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung einzusetzen. Im Prinzip: patriarchale Verhaltensmuster. Und: Viele Asylwerberinnen kämen genau aus solchen partriarchalischen Gesellschaften, in denen die Gesetze die Untaten der Männer auch noch legitimieren.
So ist es. Und mit einer „dummen Idee“ hat Gewalt gegen Frauen und Kinder, wie Frau I.-T. richtig kritisiert,  nichts zu tun. Sagen wir so: Das war dumm.
2.09.09

Gefühlter Unterschied

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Fangen wir einmal mit denjenigen  der neuen Straßenverkehrsregeln an, die, so vom Zebrastreifen aus betrachtet, nicht ganz stimmig wirken.
Erstens: die Strafen fürs Schnellfahren. Wer 30 Stundenkilometer zu schnell erwischt wird, zahlt künftig mindestes 70 Euro Strafe. Dabei ist es egal, ob man im Ortsgebiet oder auf der Autobahn erwischt wird. Und genau das wirkt ein bisschen unverhältnismäßig, weil zwischen einem Auto, das 160 km/h auf der Autobahn rast und einem, das mit 80 km/h durch eine Ortschaft kracht, in der Kinder und alte Leute die Straße überqueren, ein deutlich fühlbarer Unterschied besteht. Der wird dann  ab der nächsten Straf-Stufe von 150 Euro evident, die der Gesetzgeber ab 40 km/h innerorts und ab 50 km/h außerorts verrechnet.
Zweitens: Wer mit 1,6 Promille im Blut beim Fahren erwischt wird, muss seinen Führerschein künftig  ein halbes Jahr statt  vier Monate abgeben. Ein halbes Jahr? Auf 1,6 Promille komme ich circa, wenn ich innerhalb von zwei Stunden sieben Krügel Bier oder acht Achterl Wein trinke und dann sofort ins Auto steige und  losfahre. Dafür kommt mir ein halbes Jahr Führerscheinentzug fast ein bissl wenig vor.
Aber wie die meisten Autofahrer verfüge ich ja „über keine juristische Ausbildung, und es ist fraglich“, ob ich „die strafrechtliche Tragweite“ meiner „Handlungen einzuschätzen“ vermag (ganz besonders nach neun Bier): Man kann diese  Begründung für die Einstellung des Verfahrens gegen  Ortstafel-Verrücker Dörfler gar nicht oft genug aus dem Zusammenhang reißen.
Denn wenn das Justizministerium sich und die Verfügungen seiner Mitarbeiter ernst nimmt, wird es sowieso nicht viele Verkehrsstrafverfahren geben.
1.09.09

Lüsterne Siebenjährige

| 09/09 | Kurier-Kolumne

Leserin W. war allein mit ihrem siebenjährigen Sohn im Laaerbergbad. Am Ende des Bade-Tages nahm sie ihn  mit in den Umkleideraum und war grob erstaunt, als eine Bad-Mitarbeiterinihr erklärte, der Bub habe hier nichts verloren. Frau W. fragte, wie das gemeint sei. Die Frau sagte, der Bub müsse in den Herren-Umkleidebereich. Frau W. fragte, ob sie den Siebenjährigen ernsthaft mit einem eigenen Kästchenschlüssel (samt vierstelligem Code) allein zu den Männern schicken solle? So verlange es die Badeordnung, sagte die Frau, und jedenfalls müsse er hier raus.
Raus: das bedeutet im Laaerbergbad die unmittelbare Nähe zum Schwimmbereich. Frau W. tat dennoch wohl oder übel wie geheißen, bat den Sohn, draußen zu warten und zog sich dann so schnell wie möglich um.
Beim Hinausgehen wies sie die Dame noch darauf hin, dass sie als Mutter eine Aufsichtspflicht für ihr Kind habe, was sie eigentlich vordringlicher erscheine, als die Damen in der Umkleide vor den lüsternen Blicken eines Siebenjährigen zu schützen. Badeordnung, sagte die Frau. Die las Frau W. dann ganz genau und fand dort  auch folgenden Passus: „Unsere MitarbeiterInnen sind stets bemüht, unseren Badegästen freundlich und hilfsbereit gegenüberzutreten.“ Aha. Die Kinderregel gehört aber geändert.
Apropos: Auf die „Kinder-an-die-Leine“-Kolumne gab es zahlreiche Reaktionen. Die meisten von Eltern, denen ähnliches passiert war; eine von einer Hundebesitzerin, die mein fehlendes Verständnis für Tiere beklagte. Dennoch, sie selbst nehme  ihren Hund immer an die Leine, bevorzuge aber den Ausdruck „Band der Liebe und des Schutzes“. Passt, Hundebesitzerinnen und -besitzer, nennen Sie es wie Sie belieben: Hauptsache, Ihre Hunde hängen daran.
30.08.09

Ohne Würde lebt es sich nicht gut

| 08/09 | Kurier-Kolumne

Das Sommerloch ist fruchtbar. Und es wächst darin, Überraschung, nicht nur Unkraut.  Zum Beispiel dieser SPÖ-Vorstoß, Asylwerbern den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen: Das. Ist. Gescheit.
Und zwar deshalb: Alle Versuche, Asylwerber in Österreich unsichtbar zu machen, sind bislang gescheitert. Wenn sie doch funktionieren, harmonieren sie  leider durchwegs überhaupt nicht mit der Menschenrechten oder der Genfer Konvention, und sind einem aufgeklärten, vergleichsweise wohlhabenden westlichen Sozialstaat schlicht unwürdig. (Zum Beispiel die Idee, Kinder und Jugendliche in Schubhaft zu nehmen: schäbig, obszön, zum Schämen.)
Menschen (tüchtige, ausgebildete Menschen, die vielleicht ihr Leben lang nichts als geschuftet  haben) nicht arbeiten zu lassen, zur Untätigkeit zu verdammen und zu Almosenempfängern zu degradieren, heißt nämlich auch: ihnen Ihre Würde nehmen. Und so ohne Würde lebt es sich nicht gut, das ist schlecht für den Charakter,  man wird auch leicht depressiv. Da kommt man eher einmal auf dumme Ideen. Zum Beispiel, sich die Zeit mit häuslicher Gewalt vertreiben oder das Almosen durch eigenes, illegales Zutun aufzubessern. Wollen wir das? Das  können wir nicht wollen, und zwar, weil es uns allen schadet.
Ja,  auch unter Asylwerbern  gibt es solche und solche. Aber die Solchenen, die sich an die Gesetze halten, die sollen auch nicht bestraft werden.  So sieht das auch die EU-Kommission und will die Wartezeitauf eine Arbeitserlaubnis für Asylwerber generell auf sechs Monate verkürzen. Ein Teil der SPÖ will das jetzt auch. Das Sommerloch ist fruchtbar noch: Möge die Saat aufgehen.
28.08.09

Ungarisch reisen (II)

| 08/09 | Kurier-Kolumne

Weiter in der Geschichte der O.s, die gestern hier begonnen wurde (kurier.at, blogs). Die sollen also um  vier Uhr früh von Rumänien kommend von einem ungarischen Schaffner  ein neues Ticket kaufen, denn das, das die O´.s über das ÖBB-Callcenter gebucht haben, ist abgelaufen. Ein Fehler der ÖBB, der den Ungarn aber powidl sein kann, weil bezahlt wurde ja: Von den O.s an die ÖBB, von der ÖBB an die ungarische Bahn. 
Die O.s erklären und erklären, der Schaffner bleibt stur.Schließlich sind die O.s mürbe und zahlungsbereit, allein der Schaffner akzeptiert keine Euro, nur Forint. Irgendwann verschwindet er.
Der nächste Schaffner erscheint, offenbar instruiert, der ist nun bereit, das Ticket in Euro zu kassieren: zu einem tüchtig überhöhten Kurs und ohne Quittung. Das  kommt für die O.s nicht in Frage, schließlich hat die ÖBB das Problem verursacht und soll dafür die Rechnung zahlen. Der Schaffner holt die Polizei.
Der Zug hat inzwischen die Grenzstation Hegyeshalom erreicht, die O.s werden von der Polizei aus dem Zug geholt, es wird gebrüllt, die Kinder, 3 und 7, weinen. Drei ÖBB-Schaffner kommen dazu.
Der Zug steht wegen des Vorfalls schon eine Dreiviertelstunde am Bahnhof. Die Polizei will die O.s  mitnehmen. Da stellen sich die drei ÖBB-Schaffner vor die O.s und sagen, dass das nicht in Frage kommt, dass die Familie O. jetzt wieder einsteigen und mit nach Wien fahren wird.
Und das tut sie auch. Denn das Eingreifen der beherzten Schaffner wirkt, und die O.s besteigen, ohne dass Geld gewechselt wird, wieder den Zug und fahren nach Wien, wo sie glücklich mit vier Stunden Verspätung ankommen. Aber das sind sie eh gewohnt.
26.08.09

Verpasste Chance, klassisch

| Comments (1) | 08/09 | Kurier-Kolumne

Vor einem Jahr wurde am Dach vom Waldviertler Haus eine Warmwasser-Solaranlage montiert. Das dauerte keinen Tag, und hat etwas gekostet, wurde aber von Land und Gemeinde gut und erstaunlich unbürokratisch gefördert. Und trotz des eh logischen  Prinzips ist es jedes Mal wieder lässig: Die Sonne scheint, und wir haben warmes Wasser, einfach so, ohne Einsatz von Energie. Wenn die Sonne länger nicht scheint, muss man fürs Warmwasser halt den Küchenholzofen anheizen, was diesen Sommer aber trotz vieler Regentage praktisch nie notwendig war. Und im Winter, wenn die Sonne sich rar macht, heizt man ja sowieso.
Es ist eine bestechende und rundum vernünftige Idee, dass die Österreicher mit Mini-Sonnenkraftwerken auf ihren Dächern nicht nur ihr eigenes Wasser warm machen, sondern auch Strom für sich und andere erzeugen: indem überschüssiger Strom einfach ins Netz eingespeist wird. Sowohl die Technologie als auch der Wille der Österreicher ist reichlich vorhanden: Letzterer zeigt sich jedes Jahr, wenn sie den  Klimafonds mit ihren Förderanträgen innerhalb von wenigen Minuten bis auf den letzten Cent leeren. Und wenn danach tausende enttäuschte Dachbesitzer ihre Anträge in den Papiermüll knüllen.
Und das ist natürlich die klassische verpasste Chance: Hier würden die Österreicher gemeinsam und total öko zumindest ein bisschen etwas von dem Strom erzeugen, den wir alle täglich verbrauchen. Das wäre nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch pädagogisch wertvoll, denn was man selber gemacht hat, schätzt man mehr. Das gilt auch für den Strom.
Dass Österreich dafür nicht genug genug Geld zur Verfügung stellt, ist völlig unverständlich.

26.08.09

Ungarisch reisen (I)

| 08/09 | Kurier-Kolumne

 Die Familie O. kennen Sie schon. Die unbeirrbaren Bahn-Kunden, Sie wissen schon, Mutter, Vater, zwei kleine Kinder an denen  die Bahn quasi repräsentativ regelmäßig ihre Defizit-Exempel statuiert. Die haben sich  trotzdem  kein Auto gekauft, sondern fahren weiterhin mit dem Zug. Unlängst in die Ferien nach Rumänien, was einen  Eklat zeitigte, in der ÖBB-Mitarbeiter eine un- und drei Schaffner sehr rühmliche Rollen spielten.
Schon Anfang Juni buchte Herr O. telefonisch Schlafwagen-Plätze und Tickets für sich und seine Familie für die Rumänien-Reise Mitte August. Was aber weder Herrn O auffiel, noch dem Herrn am Schalter, bei dem er die Reise umbuchte, noch allen Schaffnern während der problemfreien Hinreise, noch den ersten beiden Schaffnern am Rückweg: Der Mitarbeiter im ÖBB-Callcenter hatte die Tickets nicht wie die Schlafwagenplätze für das Datum der Reise ausgestellt, sondern ab dem Moment der Buchung. ÖBB-Tickets sind bekanntlich nur zwei Monate gültig. Ein ungarischer Schaffner bemerkte das im Nachtzug „Dacia» von Bukarest über Sighisoara und Budapest nach Wien, bei der Rückreise, so um vier Uhr früh herum.
Was dann geschah, hat mit der Krise zu tun und dem Umstand, dass die ungarische Bahn dringend sparen muss, weshalb aus dem Schnellzug „Dacia“ an der rumänischen Grenze bereits ein Bummelzug mit bald dreistündiger Verspätung geworden war. Um vier Uhr früh fand der ungarische Schaffner, dass sich mit der Familie O. noch etwas verdienen lasse. Die fand das nicht.
Lesen Sie morgen wie die Familie O. von der ungarischen Polizei aus dem Zug geholt und von beherzten ÖBB-Schaffnern gerettet wird. Ehrlich, kein Witz.

23.08.09

Obama ist quasi so gut wie fix

| 08/09 | Kurier-Kolumne

Geschätzter Bürgermeister, verehrte Frau Vizebürgermeisterin, liebe Freunde! Folgendes: Es war ja unlängst die Tragödie mit dem X, der fast ein Freund von mir war; jedenfalls habe ich ihn einmal von der VIP-Tribüne aus gesehen, wo seine Großnichte nur zwei Reihen vor mir saß. Hab ich sie natürlich angetalkt, und schau an sie ist ein mörder Sissi-Fan. Und wie ich  der Shirley (so heißts) jetzt wegen der  Trauer  einen Sentimental-Award donated hab, ist uns die Idee zu einer Show für den X gekommen: The Memory.
Und zwar, passts auf, Mitte September im ganzen Rathaus.  Das wird eine Einsershow.  Eintrittspreise wegen der exklusiven Location und der intimen Atmo zwischen 200 und 600 Euro, im Prater Public Viewing auf Riesenscreens mit nochamal zwischen 30 und 80 Euro Eintritt. Weil wir das Event trauermäßig schnell daten müssen, haben wir momentan  noch keine Signings. Aber die Shirley war ja 1982 selber die Nr. 192 in den Billboard-Charts und durch den X   mit dem US-Showbusiness  auf so: Das Line-Up signt sich quasi von selbst.
Aber jetzt das Beste:  die Shirley kennt eine, die hatte ein Pantscherl mit einem, der war einmal im Häfn mit einem Halbbruder vom Obama. (Ein) Obama ist also fix. Weshalb wir ums Rathaus herum eine Bannmeile brauchen, es muss alles gesperrt und geräumt werden. Über die Umwegrentabilität via Wien-Tourismus und Memorabilia brauchen wir aber eh nicht reden. Ich seh uns drei schon beim Jay Leno. Und beim Gottschalk!
Und selbstverständlich habe ich euch schon als Nominees beim Leaders-of-the-Heart-Award gefixed (und ich bin die Jury :))), den ich ja 2010 in der Location Fernheizwerk stagen werde und für den der Fidel Castro so gut wie zugesagt hat. No? Friendship! Eure

21.08.09

Armut schützt vor Bildung

| 08/09 | Kurier-Kolumne

Hier schon einmal die Kontonummer: 207477417, Raiffeisenbank, BLZ 32 000, Aktion Schulanfang. Denn auch heuer sieht sich die Diakonie Österreich  gezwungen, ein Spendenkonto für Familien einzurichten, die sich den Schulstart ihrer Kinder nicht leisten können. 112 Euro, so errechnete eben die AK, kostet der Schulbeginn pro Kind, Ranzen noch nicht eingerechnet.
Weil die Mindestsicherung und ihre konsequente Abwirtschaftung durch die Politik gerade Thema ist: Die Mindestsicherung hilft ja nicht  vorwiegend alleinstehenden, erwachsenen Minderleistern, wie das gerne suggeriert wird. Am armutsgefährdetsten sind alleinerziehende Mütter. Wenn die 733 Euro also nur 12 statt 14 Mal ausbezahlt werden, trifft das vor allem Kinder.
In Deutschland sah sich jetzt der Verband der Kinderärzte gezwungen, von Bund und Ländern die Finanzierung von Schulobst zu fordern, weil immer mehr deutsche Familien zu arm sind, um ihre Kinder vernünftig zu ernähren. 1,6 Millionen Kinder leben dort von Hartz IV. In Österreich leben, so die Diakonie, 228.000 Kinder in Wohnungen, in denen sie zuwenig Platz zum Spielen und Lernen haben, 53.000 in Räumen, die nicht ausreichend beheizt werden können. Zwar sei die Kinderarmut in Österreich vergleichsweise gering, dafür sind die sozialen Aufstiegschancen von Kindern aus unterprivilegierten Familien nur durchschnittlich.
Was im übrigen ein betörendes Argument für eine neue Mittelschule ist, das allerdings denen, die das schulische Zweiklassensystem mit Verve verteidigen, naturgemäß eher powidl ist. Armut schützt noch immer ziemlich gut vor Bildung. Und sie macht vielen Eltern Jahr für Jahr Angst vorm Schulanfang. Spendenkontonummer siehe oben.

20.08.09

Orientierungsschwächen

| 08/09 | Kurier-Kolumne

Ausnahmsweise leiden einmal nicht die Kärntner Slowenen unter der periodischen Verhaltensoriginalität des BZÖ sondern  die Vorarlberger. Im Ländle findet gerade Landtagswahlkampf statt, und auch das BZÖ macht mit. Und zwar mit der auf 30 riesigen, zentral plazierten Plakatständern affichierten Parole: „Wir passen auf dein Kärnten auf“.
Die Vorarlberger sind etwas irritiert. Allerdings wissen wir ja, dass BZÖ-Mitglieder zu gröberen Schwächen mit korrekten Ortsangaben auf großen Tafeln und bei juristischem Kleingedruckten neigen. Dieses Defizit beschäftigt schließlich gerade das Justizministerium, und zwar auf eine Weise, dass man sich am Montag dort gedrängt fühlte, den Privat-Blog des Justizskandal-Aufdeckers Florian Klenk für Justizministeriumsmitarbeiter zu sperren. Mit der Begründung, die inkriminierte Website enthalte „Inhalte aus den Bereichen Glückspiel,
Computerkriminalität, Pornografie, Soziale Netzwerke und Phishing.“
Tatsächlich kann man dort justizkritische Artikel zu den Vorgängen um BZÖ-Landeshauptmann Dörfler nachlesen: Was den den Pornografie-Verdacht insofern legitimiert, als normale, strafmündige Bürger die Gründe für die Verfahrenseinstellung für durchaus obszön halten. Aber diesmal fand nicht einmal das Justizministerium ausreichende Gründe für die Blogsperre und hob sie gleichentags auf.
Zurück nach Vorarlberg: Dort lebten, so die Begründung des BZÖ, schließlich 20.000 Kärnten-Stämmige. Mag sein; möglicherweise sind die aber nach Vorarlberg geflüchtet. Denn seit 1919 müssen sich die Vorarlberger dafür verlachen lassen, dass sie einst den Anschluss an die Schweiz wollten. Eins ist aber sicher: Zu Kärnten wollten sie nie.
19.08.09

Kinder an die Leine

| 08/09 | Kurier-Kolumne

Sommers fährt Klara K. gerne mit den Kindern an einen See. Es gibt dort einen Gasthof, da kaufen sich die Kinder immer ein Eis. Diesmal ist eine noch eine Freundin samt Kindern mit, und wegen der vielen Wespen holen sich die Kurzen, drei Siebenjährige mit einem Dreijährigen an der Hand, ihr Eis diesmal erst am Rückweg zum Auto.  Klara K. und ihre Freundin wollen derweil schon einmal die Badesachen im Kofferraum verstauen.
Als die Kinder den Gastgarten  betreten, rennen drei Hunde auf sie zu, ein großer, ein mittelgroßer und ein kleiner. Die Hunde bellen und springen an den Kindern hoch. Die Kinder schreien. Die Mütter lassen alles fallen und rennen los, während sie in Richtung des Gasthauses brüllen, dass man die Hunde einfangen soll. Ein Mann, offensichtlich einer der Hundebesitzer, steht auf und beobachtet das Geschehen  mit heiterer Gelassenheit. Schließlich kommt eine Frau gelaufen, fängt die Hunde ein und entschuldigt sich sehr, während der Mann und weitere Leute, denen  einer der Hunde gehört, stabil und reaktionslos am Tisch sitzen bleiben.
Die Mütter beruhigen die Kinder, dann geht Klara K. ziemlich aufgebracht zu dem Tisch und sagt zu den Sitzengebliebenen: Entschuldigung, aber eigentlich ist sie der Meinung, dass die Hundebesitzer ihre Hunde einfangen müssen,  nicht die Eltern ihre Kinder. Der Mann sagt, er hatte eine Knieoperation. Okay, die andern auch? Eine der sesshaft gebliebenen Damen sagt: Sehen Sie sich den Hund an, der ist ja noch ein Baby. Klara K. sagt, das sehe sie, aber ein Dreijähriger nicht, und dass Hunde in einem Gastgarten an die Leine gehören. Die Frau sagt: Nehmen Sie doch Ihre Kinder an die Leine. Da geht Klara K. Manchmal bringt Reden überhaupt nichts.

2.08.09

So hilft die ÖBB beim Klimawandel

| 08/09 | Kurier-Kolumne

Es sind die O.s, die in der letzten Kolumne mit ihren Kindern einen Sonntagvormittag am Floridsdorfer Bahnsteig verbrachten, tapfere und furchtlose Menschen. Denn nur drei Tage später traten sie wieder eine Bahnreise an; diesmal von Wien Westbahnhof nach Bad Aussee. Bzw: Bernhard O. war beruflich bereits in Linz und wartete dann dort auf Frau und Kinder, die um 9.44 Uhr den Zug bestiegen.
Bernhard O. sagt eh: Pech. Das kann natürlich passieren, dass ein Bagger mit seiner Schaufel irrtümlich die Oberleitung herunterholt und so einen Zug  ausbremst. Da kann die ÖBB als solche  nichts dafür. Aber wenn  eine ereignislose Fahrt mit der ÖBB mittlerweile die vollkommene Ausnahme geworden ist, dann liegt es schon an den ÖBB. Wenn es praktisch nicht mehr vorkommt, dass alles ganz normal funktioniert, weil es zuverlässig immer Probleme gibt: Verspätung, Zugausfall, Desinformation, kaputte Toiletten, ausgefallene Klimaanlagen, verpasste Anschlüsse, frustriertes, uninformiertes Personal.
Wie jenes in Linz, das nicht einmal benachrichtigt worden war, dass der 9.44-Zug nicht kommt.
Gleichentags gab die ÖBB-Führung zu, dass momentan viel schief laufe und man bemüht sei, wieder Verlässlichkeit in den Fahrplan zu bringen: Ohne zu erklären, wie man das erreichen will, wenn man gleichzeitig Züge einstellt und Personal abbaut, so dass z. B. defekte Lokomotiven nicht rechtzeitig repariert und ausfallende Lokführer  nicht ersetzt werden können.
Die O´s. kamen in Bad Aussee, wohin man mit dem Auto circa zweieinhalb Stunden braucht, um 16.50 Uhr an. Sie werden sich jetzt entgegen ihre Überzeugung vielleicht  doch ein Auto zulegen. Weil mit der ÖBB, das geht einfach nicht mehr.
31.07.09

9.11 Uhr ab Chaos

| 07/09 | Kurier-Kolumne

Am Samstag trachtete Margit V. mit ihrem kleinen Sohn nach Gars zu fahren. Sie suchte sich in der Früh auf der ÖBB-Website einen Zug heraus  – 9.28 ab Wien Mitte – buchte, bezahlte und druckte gleich das zugehörige Ticket und begab sich mit Kind zum Bahnsteig.
Dort: Baustelle, alles verspätet, worüber per Durchsage und Anzeige informiert wurden. Nur nicht über ihren Zug, weshalb Frau V. und viele andere Mitreisende allmählich nervös wurden. Man suchte und fand den einzigen Fahrplan-Aushang, auf dem Züge, die an bestimmten Tagen ausfallen, rot markiert waren, darunter der Zug, für den Frau V. ein Ticket hatte. Sie fuhr dann mit ihrem Sohn über den Praterstern nach Floridsdorf, wo sie schließlich einen Zug nach Gars-Thunau besteigen konnten.
Bernhard O., Mitteleuropa-Korrespondent und trotzdem entschiedener Bahnfahrer, hatte tags darauf ebendort weniger Glück. Sonntag früh wartete er mit seiner Familie auf den 9.11-Uhr-Zug nach Retz, den er sich eigens aus den Baustellenfahrplänen am Praterstern und Wien-Mitte herausgesucht hatte.
Der Zug kam nicht. Es gab  am Bahnsteig keine Information darüber. Die Zuginformation 1717 wusste, dass es den Zug, anders als auf den Fahrplänen angegeben, nur wochentags gebe: Aber tatsächlich gibt es den Zug überhaupt nicht mehr – sondern erst wieder einen zwei Stunden später. Die O.s verbrachten mit ihren drei- und siebenjährigen Kindern einen idyllischen Sonntag Vormittag am Bahnsteig Floridsdorf.
Die ÖBB würden sich nicht auf ihren Loorbeeren ausruhen, sagte der neue ÖBB-Chef Mitte Juni auf Ö1. Bei der Lorbeer-Menge schafft das momentan nicht einmal ein Marienkäferl.


30.07.09

Dann passiert es doch.

| 07/09 | Kurier-Kolumne

Ein bisschen feig sein hilft. Angst macht vorsichtig. Wenn man zum Beispiel zum ersten Mal in ein  mageres Plastik-Kajak steigt und vom sicheren Ufer ins Wasser geschoben wird. Marantjosef. Angst! Zum Glück gibt’s da ein ruhiges Becken, in dem man lernt, wie das Kajak worauf reagiert, bevor man in den reißenden, unheimlich aussehenden Fluss hinaus muss.  Und zum Glück ist da der erfahrene Bootsführer, hinter dem man hernach in Schwimmweste und Helm zwölf Kilometer den Fluss hinunter paddelt, und der einen an Felsen und umgestürzten Bäumen sicher vorbeileitet.
Und der, während man auf die anderen wartet, erzählt, wie viele Leute völlig  blank und untrainiert in so ein Boot steigen und einfach losfahren. Und zwar nicht nur diese, die relativ ruhige Strecke, sondern auch weiter oben das gefährliche Stück, wo der Strom schnellt und man nach scharfen Kurven unvermutet auf brutale Felsen trifft. Sie fahren dort mit Billig-Schlauchbooten hinunter, mit Kindern darin, die nicht einmal Schwimmwesten tragen.  Es sei, sagt der Mann, ein Wunder, dass nicht mehr passiert.
Und dann passiert doch einmal etwas. Der Tourist verschwindet im Berg. Der Paraglider streift eine Tanne. Der Fallschirm öffnet sich nicht. Das Boot prallt gegen einen Felsen.
Wie gefährlich darf Freizeitvergnügen sein? Besser: wie gefährlich muss es sein, dass man davon diesen Kick erhält, der einen den  öden Alltag überstehen lässt? Auch das kann passieren, dass man vor lauter  Durchschnittlichkeit, vor lauter Vorsicht, vor lauter Feigheit innerlich verfault und das Leben verpasst. Auch davor kann man sich fürchten.
So oder so: Ein bisschen Angst  ist gar nicht schlecht.




29.07.09

"Meinten Sie: Ovarien?"

| 07/09 | Kurier-Kolumne

Man lernt nie aus. Es habe, hieß es am Montag frühmorgens auf orf.on, in Bayreuth Buhrufe für die Regisseurin Katharina Wagner gegeben, aber auch „Ovatien für Klaus Vogt“ – beziehungsweise wurde der Sänger ein paar Zeilen später „mit Ovatinen gefeiert“. Aha. Termini, die man noch nicht kennt, also schnell einmal im Internet recherchiert. „Meinten Sie: Ovarien?“ fragt Google. Nein, meinte ich eher nicht. Auch orf.on meinte offenbar etwas anderes: Ein paar Stunden später hat man sich dort dann für den geläufigeren Begriff „Ovationen“ entschieden.
Ähnlich wie im KURIER, wo in einer Abendausgabe der vergangenen Woche im Zusammenhang mit einem Begräbnis zu lesen war, zahlreiche Menschen hätten bei hochsommerlichen Temperaturen „ausgehaart“. Auch hier griffen beherzte RedakteurInnen schließlich ein: Bis zum Morgen hatte ein a einem r großzügig den Platz überlassen und verharrte dort..
Auch selbst ist man, auch wenn es nur schwer zu glauben ist, vor Fehlern nicht gefeit. Letzte Woche behauptete ich, ich hätte die Leserpost bisher  „erst teilweise“ gesichtet, was der strenge, aber gerechte Leser Otto N. nicht glauben wollte.  Er vermutete, was ich eigentlich sagen hätte wolle, wäre  mit dem Begriff  „zum Teil“ korrekt ausgedrückt gewesen. Na gut, stimmt: siehe erster Satz.
Den Irrtum der Saison lieferte allerdings  das britische „Q“-Magazin. Das titelte:  „Michael Jackson Unmasked. Inside His Mad, Bad World.“ Im Heft findet sich eine riesige Geschichte über das „Comeback des Jahres“. Erscheinungsdatum des Magazins: „August 2009“. Wenn der King of Pop das geschafft haben wird, ist seine Unsterblichkeit nicht mehr nur eine Behauptung seiner Fans.
 
26.07.09

Kann gar nicht sein

| 07/09 | Kurier-Kolumne

Was macht man am heißesten Tag des Jahres? Zuerst macht man alle Fensterläden zu. Dann geht man schwimmen und sitzt, so lange es geht, bis zum Hals im Wasser. Dann lädt man Freunde zum Grillen ein. Der Wetterbericht hatte nichts dagegen einzuwenden; Regen erst wieder Samstag Nacht.
Das heißt, das finstere Grau, dass da von Nordwesten her den Himmel überzieht, wird sich auflösen, man kann ruhig schon einmal Holz zu fürs Feuer heranschaffen. Die erste Wetterwarnung in Radio Niederösterreich hört man nicht, weil man, ungeachtet der schwarzen Wand da hinten, gerade dabei ist, das Feuer anzuzünden. Alles weitere hört man auch nicht, weil es dann nur noch donnert, prasselt, heult, grollt und scheppert: Letzteres kommt vom Geschirr, das man rennend, fluchend, waschelnass vom Gartentisch zurück in Innenräume verfrachtet.
Soll schlimmeres passieren, als dass man eine Grillage an den Küchenherd verlegen muss. Anderen flogen zu diesem Zeitpunkt die Gartenstühle um die Ohren oder drang das Wasser in die Keller, bis zum Katastrophenalarm: völlig unvermutet,  weitgehend ungewarnt.  Das hatte offenbar niemand kommen sehen. Jedenfalls nicht, bis es eh alle selbst sehen konnten, aber das was sie sahen – in blindem Vertrauen in die Meteorologie – erst einmal nicht glaubten. Wenn es nicht im Wetterbericht steht, kann es definitiv nicht sein.
Manchmal eben doch. In der Früh: Strahlend blauer Himmel,  Vogelgezwitscher, Sonnenschein, der sich im Morgentau bricht, als wär nichts gewesen. Für heute Abend hat wetter.at nur ein paar Wölkchen angesagt. Diesmal probieren es die Nachbarn mit Grillerei. Schaumer einmal.
24.07.09

Heute gibts Spanplatte mit Pommes

| 07/09 | Kurier-Kolumne

Natürlich haben es die Kinder nicht gegessen, das gesunde, ganz frische Bio-Grünzeug aus dem Garten, obwohl es ihnen extra mit Faschiertem, Nudeln und Soße aufgemascherlt worden war: Was ist denn das Gelbe da im Fleisch? Dieses Gelbe da ist Mangold und das Gelbe da Zucchini, und es ist in deinem Beet gewachsen. Trotzdem weah, nö, kommt original nicht in Frage.
Es soll Kinder geben –  ich habe erst kürzlich mit eigenen Augen welche gesehen – die gierig alles Neue probieren. Meine gehören zu den anderen. Egal was wir versuchen: Bestechung, Erpressung, schwere Drohung, Partizipation, alles für die Fisch. Es gibt kleine Erfolge bei Brokkoli, Erbsen und Fisolen, immerhin. Aber dazu noch etwas Neues, einmal etwas Anderes ? Auf. Gar. Keinen. Fall.
Wir  lassen uns von Rückschlägen aber nicht entmutigen. Wer, wenn nicht die Eltern können Kindern den Unterschied zwischen richtigem und unvernünftigem, zwischen gutem und vergiftetem und jetzt auch: zwischen echtem und gefälschtem Essen beibringen? Denn das ist der neue Irrsinn des Verpflegen-statt-Ernähren-Zeitalters. Der Schinken ist vielleicht gar kein Schinken. Und das, was auf der Pizza wie Käse aussieht und schmeckt, ist ziemlich sicher keiner.
Obwohl, so neu ist der Irrsinn gar nicht, denn bei den Hendl-und  Fisch-Nuggets handelt es sich  schon lange um keine Stücke vom Tier mehr, sondern um das kulinarische Äquivalent zur gemeinen Spanplatte: gehäckselter, in Form gepresster Abfall. Lebensmittelhygienisch sicher einwandfrei, trotzdem: Früher hat man daraus vermutlich Tierfutter gemacht.
Jetzt füttert man es uns, und mit was? Mit Recht, weil wir fressen es. Am liebsten die Kinder. Auch meine, leider.



23.07.09

Testosteron-Politik

| 07/09 | Kurier-Kolumne

Nachdem Anita Alleinerziehberger die Reste von gestern mit Diskont-Nudeln aufmunitioniert hat, stopft sie die Löcher im Gewand ihrer Kinder und sinniert über ihr verspekuliertes Steuergeld. Martin Mindestpensionius, der nie Brot wegwirft und noch immer die Weste vom 50. Geburtstag aufträgt, ebenfalls. Und auch Kurt Kurzarbeiter, der jeden Monat  seine Steuern zahlt, zahlen muss, auch wenn er kaum die Miete für die Familienwohnung aufbringt, überlegt, was das für Leute sind, die sein erschuftetes Geld auf den Cayman-Islands und sonstwo verspekulieren.
Testosteron-Politik. Nur zu, man trägt ja selbst nicht das Risiko. Nein, halt es gab ja gar kein Risiko. Es wurden ja nur ursichere Geschäfte gemacht, Triple-Dings und Mega-Bonität. Aber warum ist es dann jetzt weg?, fragt sich Trudi Teilzeitler, während sie  beim Billig-Diskonter die billigsten Erdäpfel und die billigsten Kekse für ihre drei Kinder kauft. Und wenn ja, wie jetzt alle, allen voran Ex-Minister Grasser versichern, überhaupt nicht spekulativ, sondern nur hoch professionell gearbeitet wurde, warum braucht es dann jetzt ein Risikomanagement und strengere Investionsregeln?
Gleichzeitig stehen zig soziale Organisationen vor dem Aus und müssen sich von ihren Subventionsgebern, den Ländern, dem Bund, anhören, man würde ja gerne helfen, es sei aber leider kein Geld mehr da, Budgets ausgeschöpft, Kassen leer. Wenn man keine Sozialinitiativen, sondern Banken retten muss, dann ist  schon Geld da, und Eva Ehrenamtlichpointner täte, während sie statt Urlaub zu machen, in der Flüchtlingsbetreuung mithilft, gern einmal wissen, woher. Von den Cayman-Islands vielleicht... Soll übrigens schöne Strände geben dort.


22.07.09

Ab ins Sommerloch

| Comments (1) | 07/09 | Kurier-Kolumne

Zurück nach zwei Wochen  Urlaub und, schalalalala, es ist Sommer. Nein, nicht Sommer, denn im Sommer schneit es nicht. Aber Sommerloch, ein schwarzes, bodenloses Sommerloch, in das der ORF sehr lange geblickt haben muss.
Eine der Hauptnachrichten auf orf.on am Montag früh: „Ansturm auf magischen Hochzeitstag“. Denn es naht   der 9.  9. 09, und – totale Sensation, megaexklusiv – die Standesämter werden überrannt. So wie sie letztes Jahr vor dem 8. 8. und vorletztes Jahr vor dem 7. 7. und vorvorvorvorletztes Jahr vor dem 2. 2. überrannt wurden, und, google beweist’s, jedes Jahr lässt sich daraus eine Exklusivmeldung basteln. Und zur Not auch eine Hauptnachricht. Ist ja nix los, wie auch die stündlichen Nachrichten auf Ö1 beweisen. Die erste, also wichtigste Meldung am Montag um 10 Uhr: Vor 40 Jahren betrat der erste Mensch den Mond. Boah! Danach dann Minderneuigkeitsträchtiges wie der Spitzel-Untersuchungsausschuss und die Opel-Rettung. Es ist Sommer; schön.
Bei meiner Rückkehr fand ich auch, recht schönen Dank, reichlich Leserpost vor, die ich bisher erst teilweise sichten konnte. Herr C. zum Beispiel fände es schön, wenn ich mir eine „andere Beschäftigung aussuchen“ taterte: „Ohnehin mit de Schreiberei lassen Sie es gut sein.“ Dagegen schreibt mir Herr N., eigentlich gefalle ihm meine Glosse ganz gut, nur könnte ich bitte in Zukunft keine Begriffe wie „Damenfußballfrauschaft“ mehr verwenden. Danke!, und ja, könnte ich, und zwar insofern, als ich mir schon in der Vergangenheit eher meinen Lieblingstippfinger abgehackt hätte, als ein derartiges Gruselwort zu verwenden.  Und auch jetzt werfe ich es gleich ins Sommerloch: da, schon weg.
1.07.09

Vier Mal gehen sich immer aus

| 07/09 | Kurier-Kolumne

Jetzt einmal abgesehen von den, siehe oben, verheerenden Folgen: Der permanente Regen nervt. So gehören Sommer nicht. Sommer haben anders zu sein, sonnig, heiß, schwitzig, und man soll sommers freibaden können. Weil ich eine klug vorausblickende Mutter bin, kaufte ich bereits Anfang Mai Monatskarten für zwei Kinder und mich für die städtischen Bäder: Mit vier Mal Eintritt rechnet sich das, und man muss sich an glühenden Nachmittagen, wenn alle Mütter Wiens mit ihren Kindern schwimmen gehen, nicht in den endlosen Reihen vor dem Bad anstellen. Und, tadaa, wir haben es innerhalb von dreißig Tagen genau zwei Mal ins Bad geschafft, und das lag nicht an uns. Sondern am Regen und am Regen und am Regen. Anfang Juni habe ich trotzdem wieder drei Monatskarten gelöst. (Ein langwieriges und mistträchtiges Unterfangen übrigens, weil da nicht einfach ein neues Pickerl aufgeklebt wird, nein, die penibel von Hand ausgefüllten und schön laminierten Karten werden mittels Schere von den Fotos getrennt und weggeschmissen, worauf die Fotos auf neue Karten geklebt, penibel von Hand ausgefüllt und schön laminiert werden.) Ich dachte: vier Mal geht sich immer aus; seither waren wir nicht mehr im Bad. Und werden, wenn der Wetterbericht, dieser üble Pessimist, Recht behält, vor Anfang Juli auch nicht mehr hinkommen. Bleibt das hygienisch originelle Stadthallenbad (gschmackige Fotos unter dem Suchbegriff „Ekelbad“ in www.dorisknecht.com), das, wie mir versichert worden war, direkt nach der EURO 08 renoviert werden hätte sollen. Einzige Neuerung: Man kann jetzt in der Dusche schwarzen Schimmel von den Wänden kratzen. Schön, das. Es soll BITTE endlich Sommer werden.
30.06.09

So wird man getrieben

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Bevor Leserin Klara E. ins Büro fuhr, wollte sie in der Post noch einen Brief aufgeben. Als sie durch die Tür trat, schob ein Mann gerade ein zweites mannshohes Wagerl voller Kuverts an einen der Schalter. Es gebe an dieser Post, berichtet Frau E., zwei Mal zwei Schalter, zwei vorne, zwei hinten. Es standen zwei Mitarbeiter an den hinteren Schaltern, einer begann, sich um den Geschäftspost-Herrn zu kümmern, der andere bediente eine Kundin. Eine alte Dame mit einem Brief wartete schon, Klara E. stellte sich hinter ihr an.
Als die alte Dame an der Reihe war, schloss der Beamte vor ihrer Nase den Schalter zu; er müsse jetzt seinem Kollegen mit der Geschäftspost helfen, man möge sich an die vorderen Schalter begeben. Klara E. schimpfte, wollte aber tun wie geheißen, bis sie sah, dass von den vorderen Schaltern einer geschlossen war und vor dem anderen  acht Kunden warteten. Sie verließ die Filiale unerledigter Dinge. Auf der Straße begegnete ihr eine Post-Mitarbeiterin, sie trug ein Feinkost-Sackerl. Klara E. schmuggelte ihren Brief dann in die Firmenpost: So treibt einen die Post in die Kleinkriminalität.
Leser Mark S.  ging mit seinem Kind einkaufen und  vorher in die lokale Bäckerei, damit es sich dort – und nicht im Supermarkt – ein Kipferl aussuche. Das Kind deutete auf das gewünschte Kipferl, Mark S. beugte sich, las das Schild davor und erbat  „ein Butterkipferl“. „Sind aus“, sagte die Verkäuferin. „Da liegen sie doch!“, sagte Mark S. „Das sind MÜRBE Kipferl!“, herrschte die Verkäuferin. „Steht aber Butterkipferl dran“, beharrte Mark S. Worauf die Verkäuferin geschimpft habe, dass es dann halt jemand falsch eingeordnet habe. So treibt gerade der Kontakt zum Kunden diesen in die Arme anonymer Großmärkte.
28.06.09

Millimeterarbeit

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Die guten Nachrichten der Woche: Erstens hat der Regen endlich aufgehört, für viele gerade noch rechtzeitig. Der Wettergott bewies beim Einsehen Talent zur Millimeterarbeit; zum Beispiel in Mauthausen, fünf Zentimeter mehr, Katastrophe. Mein Freund C. hat den Fluss zum Glück auch nicht mehr in  kommoder Blasenentleerungsdistanz, was Leser Günter S. allerdings von vornherein zu bezweifeln wagte. „Ein Meter achtzig?!“ mailte er,  „nehme ich Ihnen nicht ab.“ Öh. Muss den C. noch einmal fragen.
Zweitens: Das Donauinselfest findet augenblicklich wie geplant statt, was wahrscheinlich nicht alle Anrainer im gleichen Maße begeistert; die Besucher, Veranstalter und Standler dagegen schon.
Drittens ist es eben doch eine Beleidigung, wenn einer einen anderen in – no na – beleidigender Absicht „Berufsschwuchtel“ nennt. Gery Keszler hat in zweiter Instanz Recht bekommen, „Zur Zeit“ muss ihm 4000 Euro zahlen. Gut, denn Österreich ist, siehe die im neuen Familienrecht völlig überraschend vergessene Homoehe, auch so schon homophob genug.
Viertens, danke Niki Lauda. Lauda sprach im Zusammenhang mit dem Umfeld des rechten Nationalratspräsidenten Martin Graf wörtlich von „brauner Scheiße“, kritisierte den parteilichen „Usus“ und wurde im Interview mit News.tv dann derart explizit, dass er gleich dreimal überpiepst werden musste. Yo. Jugendliche sollten sich, so Lauda, lieber „genau überlegen, (...) wohin sie gehen wollen: Zurück in die fürchterliche Vergangenheit mit Hassparolen und Diskriminierung und anderen Dingen, oder sich einen vernünftigen Weg zu suchen. Aber der Weg, den uns der Herr Strache im Moment vorlebt, ist hundert Prozent der falsche.“
Fünftens Sonne. Jjjjjja.
26.06.09

Hoffentlich hört es auf

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Und die Flüsse schwellen. Und das Wasser steigt. Und es regnet immer noch. Im Wetterbericht hieß es, es hört auf, aber es regnet nach wie vor. Am Abend soll es aufhören, heißt es jetzt. Hoffentlich. Ich habe den C. angerufen, und er hat gesagt, er kann schon von der Veranda aus in den Fluss schiffen; der Kerl hat Nerven. Der Fluss ist normalerweise gute fünfzehn Meter weit weg, und jetzt noch ungefähr, schätzt der C., einen Meter achtzig. Trotzdem bleibt der C., sagt er, noch ganz gelassen, denn dieser Fluss ist, im Moment jedenfalls, keiner von den Sorgen-Flüssen, diesmal nicht. Und wird es hoffentlich auch nicht. Während des Hochwassers 2002 konnte der C. nicht stehen, wo er jetzt steht, weil dort alles unter Wasser stand, Schuppen, Häuser, Höfe, Ställe. Das Wasser riss die Brücke weg und trieb Autos vorbei, Möbel, Tierkadaver und sogar, der C. schwört es, einen Mähdrescher. Danach haben sie tagelang den Schlamm aus den Häusern geschaufelt, aus den Küchen und den Stuben und den Schlafzimmern. Sie rissen die Böden heraus. Sie warfen die zerstörten Einrichtungen in die Gärten. Die Häuser sind innen längst alle wieder schön. Die Brücke wurde neu gebaut. Und der Fluss hat ein tieferes Bett bekommen. Aber an manchen Hauswänden zeigt der Fassadenputz immer noch, wie hoch das Wasser damals stand. Im Moment sieht noch alles gut aus, sagt der C. Also vergleichsweise gut. An den Sorgen-Flüssen haben die Leute schon die Gummistiefel an, pumpen ihre Keller aus und werfen kaputte Möbel vor die Häuser. Man sieht schon Zillen, wo sonst Autos fahren. Am Abend soll es zu regnen aufhören. Ein Meter siebzig, sagt der C. am Telefon. Hoffentlich hört es auf.
25.06.09

ALLE ist eben relativ

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Gratiskindergarten, zigtes Kapitel. Alexandra G. s fünfjährige Tochter besucht einen Privat-Kindergarten in Mariahilf. Einen zweisprachigen Privat-Kindergarten, denn der Vater der Kleinen lebt im Ausland, spricht nicht Deutsch und die Mutter möchte, dass ihre Tochter mit ihrem Vater kommunizieren kann. Der Kindergartenplatz kostet Frau G. bisher 421 Euro pro Monat: Aufgrund Ihrer Einkommenssituation erhielt sie allerdings einen Zuschuss von der Gemeinde Wien. Ab Herbst werden nun die städtischen Kindergärten gratis sein. Eltern, deren Kind einen Privat-Kindergarten besucht, erhalten einen Zuschuss von mindestens 226 Euro. Daneben hat die Gemeinde die Förderung der Privat-Kindergärten umgestellt: Und zwar so, dass der Kindergarten von Frau G.s Kind ab Herbst weniger Fördergeld erhält, was zur Folge hat, dass die Preise für jedes einzelne Kind erhöht werden müssen. Da der Zuschuss, den Frau G. bislang bekam, nun durch den neuen Zuschuss ersetzt wird, kostet der Kindergartenbesuch für Frau G.s Tochter um 100 Euro im Monat mehr als bisher. Alexandra G. schrieb deshalb an Stadtrat Christian Oxonitsch, dessen Büro sie auch zurückrief: Man wisse über Fälle wie den ihren Bescheid, könne aber im Moment nichts tun. Vielleicht werde sich aber in einem Jahr etwas ändern. Soviel zum Gratiskindergarten für ALLE. Nein, halt, noch mehr: Denn ich weiß mittlerweile von mehreren Müttern von Kleinkindern, u.a. alleinerziehenden Unternehmerinnen, die für alle Kindergarten-Plätze, für die sie ihr Kind angemeldet hatten, Absagen erhielten. Alles ausgebucht. Kein Platz in vernünftiger Distanz zu Wohnung oder Arbeitsplatz mehr frei. Gratis ja, Kindergartenplatz leider nein. Was tun die nun?
24.06.09

Das geht jetzt ein bisschen zu schnell

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Meine Freundinnen und ich fühlen uns als Frauen komplett nicht ernst genommen. Und zwar ausgerechnet von der Frauenministerin und neuen SPÖ-Frauenchefin Gabriele Heinisch-Hosek nicht. Und zwar gerade weil sie sich seit ihrer Amtseinführung immer wieder eine 40prozentige Frauenquote in Führungspositionen der Privatwirtschaft wünscht. Einmal abgesehen davon, dass ich mir vom Christkind hundertmal einen Ferrari wünschen kann und ihn trotzdem nie kriegen werde: Warum gerade 40 Prozent, Frau Ministerin? Woher kommen diese 40 Prozent? Hat das etwas mit dem Frauenanteil in der Bevölkerung zu tun? Oder damit, dass die Frauenbenachteilungsproblematik gerade eben erst gestern über uns hereingebrochen ist und man jetzt nicht so plötzlich so maßlos viel Gerechtigkeit fordern kann? Nicht einmal als Frauenministerin? Ja, Frau Ministerin, Quoten bitte, unbedingt. Meine Freundinnen und ich finden aber, dreiviertelgerecht gibts nicht; also 50 Prozent. Aber da das offenbar unzumutbar ist, würden wir gerne wissen, was in Richtung 40-Prozent-Quote unternommen wurde. Hat schon irgendein großes Unternehmen beschlossen hat, sie 2010 einzuführen? Wird demnächst dem Parlament ein Gesetzesentwurf vorgelegt? Irgendwas? Seit den 1970er Jahren kämpft die SPÖ jetzt vehement für die volle Gleichberechtigung der Frauen, mit dem Erfolg, dass, laut spoe.at, von 92 SPÖ-Abgeordneten in Nationalrat, Bundesrat und Europaparlament 30 weiblich sind. Schimpfen Sie uns Pessimistinnen, aber meine Freundinnen und ich haben jetzt schon viele Frauenministerinnen kommen und gehen sehen. Und wetten jetzt einmal: Auch am Ende dieser Amtszeit werden wir keine Quote haben. Weder da, noch dort.
23.06.09

Na dann, Prost und Mahlzeit

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Also was jetzt!? Jahre-, ja, jahrezehntelang predigte man uns jetzt, wir sollen weniger essen, dann blieben wir gesund. Man legte uns Studien vor, die bewiesen, dass Dünne länger leben und langsamer altern. Man riet uns aus Anti-Aging-Gründen nach 17 oder 16 oder 15.30 Uhr zu fasten oder wenigstens zwei oder dreimal in der Woche auf das Abendessen zu verzichten. Mindestens zwei, nein drei Liter Wasser oder ungesüßten Tee pro Tag. Wenig Fett. Nicht zuviele Kohlehydrate. Auf keinen Fall Fett in Verbindung mit Kohlehydraten. Kein Zucker. Und unter keinen Umständen Alkohol.  Oder höchstens ein Achterl Rotwein pro Tag. Nein,  zwei. Fünf Mal am Tag Obst und Gemüse. Halt, doch nur dreimal am Tag essen und dazwischen unbedingt fünf Stunden nichts, gar nichts, auch kein Grünzeug, weil sonst unser Fett nicht effizient verbrenne.
Denn das Fettt galt nun, nachdem die Aufpasser bei der Drogenbekämpfung ein wenig ermüdeten, neben Nikotin als die große Geißel der Menschheit. Das lehrte uns auch immer wieder der Blick ins rurale Amerika, wo man Autos und Schulbänke und Särge  verbreitern muss, weil die Leute immer zahlreicher aus der Form gehen.
Und jetzt? Neue Studie: Wir sollen jetzt wieder dicker werden. Mollig sollen wir sein, ja sogar ein wenig übergewichtig: Dann lebten wir, so heißt es jetzt, fünf Jahre länger als die Mageren. Andererseits: Die Kontrollgruppe, an der das festgestellt wurde, bestand aus 50.000 Nordjapanern. Und was in Japan als dick gilt, halten die Amerikaner vermutlich für auszahrt, während das, was die Amerikaner essen, in Japan schätzomativ großteils zum Sondermüll getragen wird.
Im Prinzip sagt uns die neue Untersuchung also genau eins: Mahlzeit.  Jeder, was ihm schmeckt und gut tut: Denn die neue Appetitverderber-Studie ist garantiert schon irgendwo in Arbeit.

21.06.09

Nichts hat mehr Kraft

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Auf dem Weg zu einem Termin geriet ich vorgestern beim Parlament  unversehens in eine Lichterkette: Tausende junge Menschen hatten sich im Zeichen der Zivilcourage versammelt. Später, nach Mitternacht, saßen noch immer Gruppen junger Menschen bei Kerzenlicht und Bier auf dem Ring-Rundweg. Das war sehr schön. Das erinnerte sehr an die Sit-Ins der 1960-er Jahre, in denen sich Protest und Pop glücklich vereinten. Und das überrascht, dass die Generation Facebook Gefallen an Protestformen findet, mit denen sich schon ihre  Großeltern Gehör, besser: Geseh verschafft haben.
Denn nichts transportiert Anliegen wirksamer  als eine unübersehbare Menschenmenge. Und nichts hat mehr Kraft: wie die mittlerweile Millionen Demonstranten in Teheran täglich beweisen.
Soziale Internet-Netzwerke wie Facebook und Twitter ermöglichen  heutzutage zudem eine unglaublich schnelle und effiziente Mobilisierung von Menschenmassen. Das Internet führt jetzt nicht mehr nur Vereinzelung und Isolation seiner Nutzer, im Gegenteil: Es bringt die Menschen zusammen, und, wenn nötig, sehr schnell gemeinsam auf die Straße. (Oder ins Museumsquartier.) Ausgerechnet via Internet repolitisiert sich endlich die Jugend, deren Gleichgültigkeit gegenüber politischen Prozessen so lange beklagt wurde.
Das Beispiel Iran zeigt zudem, wie wichtig etwa Twitter als Informationsdienst geworden ist: Die etablierten Medienvertreter konnte das Regime einschüchtern oder ausweisen, die Menschen vor Ort,  die direkt aus dem  Geschehen Nachrichten in die Welt twittern, nicht. Das mag kein objektiver Journalismus sein, aber  es ist der O-Ton des Widerstands. Hier findet eine doppelte Revolution statt; und vielleicht verändert sie die Welt.
18.06.09

Bitte HIER einbrechen

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Die Geschichte erinnert stark an die vom Feuerwehrmann, der seine Aufgabe so sehr liebt, dass er heimlich selbst Brände legt, um sie dann löschen zu dürfen. Sie geht so: Herr N. wohnt in einem von der Einbruchswelle nicht verschonten Wiener Innenbezirk und wollte zu Fronleichnam gerade ins verlängerte Wochenende abreisen. Als er gegen zehn Uhr vormittags seine Wohnung verließ und die Tür versperren wollte, fand er vor dieser gut sichtbar platziert ein Flugblatt, das offenbar kurz zuvor abgelegt worden war. Natürlich auch vor den Türen der Nachbarn, die längst an ihre Wochenendzielorte abgereist waren, – und da selbst vor jenen mit offiziellen „Bitte-kein-Reklamematerial“-Pickerl. So oder so würden die Folder tagelang vor den Wohnungen liegen bleiben. Ein schönes Signal an alle Einbrecher, dass mit der Rückkehr der Bewohner vermutlich nicht vor Sonntag Nachmittag zu rechnen ist: Bitte HIER einbrechen. Das ärgerte Herr N. sehr, also sah er sich den Flugblatt-Verursacher genauer an und musste tüchtig staunen: „ACHTUNG WICHTIGE MITTEILUNG“ stand da in roten Versalien. Darunter wurde Herr N. über die „Aktion sicheres Wohnen in Wien“ des Ebreichsdorfer Sicherheitstüren-Herstellers R. informiert. „In Wien werden schon über 50 Einbrüche täglich verübt!“ Um diesen „wirksam entgegenzutreten“, las Herr N., förderten die Stadt Wien und die Firma R. „den Tausch Ihrer Wohnungseingangstüre gegen eine Sicherheitstüre“. Austria Gütesiegel, Önorm Auszeichnung, und: empfohlen „vom kriminalpolizeilichen Beratungsdienst“. Soso. Dass der kriminalpolizeiliche Beratungsdienst diese Art der Werbung empfiehlt, ist allerdings unheimlich unwahrscheinlich.
17.06.09

Weniger wird mehr

| 06/09 | Kurier-Kolumne

In den USA macht man zur Rettung der Städte jetzt Folgendes: Man planiert sie. Eine gute Idee, die, wie Kollege Mauch vor einiger Zeit im steirischen Eisenerz feststellte, auch hierzulande Anhänger findet: Denn wenn, wie in den amerikanischen Industriestädten, Arbeitsplätze weniger werden, verwaisen die sog. Rost-Gürtel, in denen Berg- und Fabriksarbeiter gelebt haben. Diese Quartiere sollen nun nicht mehr Verfall und Kriminalität preisgegeben, sondern weggerissen und durch Grünraum ersetzt werden, während die Bevölkerung wieder in den Innenstädten zusammenrückt. Gesundschrumpfung mit Öko-Effekt, bestechend logisch. Vermutlich ist Verkleinerung sowieso das einzig zielführende Modell, die Welt noch zu retten. Zurücknahme, Zurückhaltung, Selbstbescheidung, radikale Reduktion. Wir sehen ja, was es gebracht hat, immer alles mehr und größer machen zu wollen. 925 Millionen Menschen auf der Welt hungern, und sie geht kaputt und versinkt im Müll. Apropos kaputt, das passt gerade: Der iPod von Kollegin K.s Sohn ging kaputt. Er brachte ihn zu seinem iPod-Händler, um ihn reparieren zu lassen. Der Herr, bei dem er diesen Wunsch deponierte, sagte: Machen wir nicht, wegschmeißen; reparieren lohnt sich nicht. Und zwar sagte er das, ohne das Gerät auch nur angefasst zu haben. Der Sohn insistierte, also schloss der Mann das Gerät an einen Computer an, Resultat: kaputt, wegschmeißen. Meine Mutter hatte 22 Jahre lang den selben Herd, und wenn er einmal nicht funktionierte, wurde er repariert. Aber das Modell hat wohl keine Zukunft: Der iPod war genau zwei Jahre alt. Er kommt jetzt auf den globalen Handy-, Notebook-, Aufladegeräte- und iPod-Misthaufen.
16.06.09

Wir haben uns doch ganz gut gehalten

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Beispiele für nicht so gelungenes Marketing: a) „Im Keller hat es schon wieder SO große Spinnen“. b) „Das geht sich super aus, es müssen nur etwa 3000 von deinen Platten aussi“.

Beispiele für gelungenes Marketing: a) Die aktuelle Gogo-Hysterie unter Kindern beiderlei Geschlechts: das Glumpert ist in ganz Wien ausverkauft. b) Die Präsentation der neuen Ernst-Molden-CD „Ohne di“ (Monkey), unter einem Nussbaum, in einem rosenberankten Weinviertler Hof, an einem lauen Sonntag Nachmittag, bei Bier, Wein und Kuttelsuppe; Kinder erwünscht. So macht man das. So holt man uns alte Säcke ab. Solche Nachmittage versöhnen uns doch sehr mit dem Älterwerden. Lauter Leute da, mit denen man einst in unterschiedlicher Intensität jung war und denen die Zeit mehr oder weniger zusetzt, und es ist gerade was? Wuascht ist es: Schau uns an, es geht uns doch ganz gut. Wir haben uns doch gar nicht schlecht gehalten. Wir sind immer noch beieinander. Der Schmäh rennt wie früher. Unsere Kinder, so wir welche haben, sind uns doch prächtig gelungen. Und die Musik vermag noch immer unsere Herzen zu rühren.

Das Molden-Konzert ermöglicht mir zudem ein Privatmarketing im Familienkreis: Denn anhaltend bohrt in mir das schlechte Gewissen, dass es meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld ist, wenn meine Kinder dereinst zig Computergames spielen können und null Instrumente, weil ich mich genau jetzt darum kümmern sollte, dass sie endlich eine anständige musikalische Ausbildung erhalten. Gut, das eine Kind bläst mit verhaltener Begeisterung Flöte, aber nun müsste dann einmal ein richtiges Instrument ins Auge gefasst werden. Geige, Klavier oder Gitarre, das ist hier die Frage, und natürlich ist es falsch, diese Entscheidung auf pragmatischer Basis zu treffen, aber: ein Geige lernendes Kind hält schon keiner aus und ich hab zwei, außerdem interessiert es sie nicht. Klavier dagegen schon, und wir würden in dieser Wohnung auch noch ein Piano unterbringen, wenn der Lange nur etwa 3000 Langspielplatten daraus verschwinden lässt. Bleibt also Gitarre, was für ein Kind im Moment ein maximal semiattraktives Instrument ist, weil man nicht draufhauen und damit unmittelbar Lärm erzeugen kann.

Es ist also gut, wenn der Molden mit seiner Gitarre und dem Resetarits und dem Soyka eine Musik macht, die nicht nur die Herzen der Alten rührt: „Vü föd ned und i waan“, um es in Moldens genialer Übersetzung eines Hank-Williams-Songs zu sagen. Sondern auch die Kinder am Boden vor der ersten Reihe praktisch annagelt. Boah. Ja, schön. Die Mimis sehen nie Konzerte; weil wir sie schlecht um neun mit in die Arena nehmen können oder  um zehn ins Chelsea oder um zwölf ins Flex, um sie an die Schönheit des Live-Gitarrespiels am Beispiel Sonic Youth oder Reverend Peyton oder Kreisky  heranzuführen. Aber am frühen Abend unter den Nussbaum: passt. Gitarre lernen jetzt auch.
16.06.09

Schaden & Scham

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Frau R. möchte, sagt sie, lieber anonym bleiben. Dabei hat sie nur versucht, ein paar Kilo wegzuzaubern. Ein TV-Shop hatte ihr nämlich ein verlockendes Angebot gemacht: Einen figurformenden „Dream Slim Body“, der die Speckrollen so über Bauch und Hüfte verteilt, dass man eine ganze Kleidergröße spart. Frau R. wollte das, auch weil das Angebot eine „Aktion“ enthielt: Bei Erwerb eines Bodys bekomme man einen weiteren gratis dazu. Kosten: Euro 44,95.
Frau R. bestellte, bezahlte per Kreditkarte, und erhielt kurze Zeit später ein Paket der Firma K. aus Liechtenstein, das zwei Bodies enthielt. Frau R.  probierte einen und scheiterte bereits am Versuch, ihn vorsichtig über den Schenkel zu streifen.Und sie staunte über die Abrechnung, die sich folgendermaßen  zusammensetzte:
Bearbeitung für GRATIS Body            8,32
Dream Slim Body                         74,97
Rabatt                                                –37,48
Kreditkartengebühr                         0,83
Handling Gebühr                          0,83
Porto                                           12,46
Transportversicherung                     2,46
Umsatzsteuer                               12,47
Rechnungs-Betrag                        74,84
 Sie packte die Bodys wieder ein und schickte das Paket zurück. Bald darauf wurde ihr auch Geld retourniert: Und zwar genau 9,98 Euro.
Frau R. rief bei der Firma an und erfuhr, sie habe den bezahlten Body probiert, dieser sei damit wertlos, sie erhalte aber ja die Bearbeitungsgebühr für den Gratis-Body refundiert. Frau R. verlangte, dass ihr die Bodys wieder zugeschickt werden. Das wurde ihr zugesagt und geschah bis heute nicht. Die Firma rechnet offenbar damit, dass ihre beschämten Kundinnen das Recht eher nicht bemühen. 
Wenn Sie sich also zu dick fühlen: Nehmen Sie ab, sporteln Sie, irgendetwas. Aber kaufen Sie  bloß keinen Wunderbody im TV.
14.06.09

Der tollste Platz der Stadt

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Die Aufregung um das Getränke-Mitbring-Verbot im Museumsquartier hat  auch einen Meta-Grund: Wien ist mit großen, zentralen Plätzen nicht gesegnet.  Die großen Plätze gehören entweder den Touristen (Stephansplatz) oder den Hunden (Heldenplatz) oder den Autos. Wenn nicht, mangelt es ihnen meist an der gastronomischen und kulturellen Infrastruktur, die längeres Verweilen attraktiv macht – wie am Rathausplatz: Außer er ist bespielt, dann ist er aber jeweils  auch komplett verbaut und überlaufen.
Deshalb war das Museumsquartier ja  von Beginn an so ungeheuer beliebt bei praktisch jeder Bevölkerungsgruppe: Man kann sich dort treffen und/oder Kultur, Essen und Bier konsumieren. Es gibt Sanitäranlagen und für kleine Kinder   kein Entkommen. Man sieht von einem zum anderen Ende, und wen das beängstigt, der verschafft sich im Zoom- oder im AZW-Hof  mehr Intimität.
Dazu haben PPAG das einzigartige Stadtmöbel Enzi entworfen, das zigfache Bespielung ermöglicht und mittlerweile in den Rang eines zeitgenössischen Wiener Wahrzeichens rückte. Der MQ-Hof erfüllt einfach absolute jede Voraussetzung dafür, der tollste Platz Wiens zu sein. Und als solcher wird er von immer mehr Menschen angenommen.
Jetzt kann man sich auf freien, öffentlichen Plätzen das Publikum nicht aussuchen: je größer, desto Querschnitt der Gesellschaft. Da es sich beim MQ-Hof aber streng genommen um einen privater Platz handelt, kann seine Direktion natürlich einen privaten Sicherheitsdienst engagieren, der den Querschnitt Richtung brave Konsumenten verkleinert, indem er  für Ordnung sorgt. Aber er sorgt eben auch für das Ende des Frei-Raums.
Die Moral ist aus der Geschicht leicht herausdestilliert: Mehr große, freie Plätze braucht die Stadt.
12.06.09

Der Fluch der Gogos

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Das Elternquäldepartement hat sich eine neue Gemeinheit ausgedacht. Besser: Es hat eine alte Gemeinheit wieder ausgegraben. Denn Ende der 90er Jahre taumelten Kinder schon einmal im Gogo-Wahn, und jetzt wollen sie sie wieder: diese  kleinen Plastik-Knochen, abgepackt zu 3 Stück um je 1,50 Euro. Es gibt 80 Modelle in je fünf Farben, damit das Sammeln, Tauschen und Kaufen nie ein Ende nehmen möge. Denn auch wenn man damit prima pfitschigogerln kann, geht es natürlich darum, möglichst viele verschiedene davon zu besitzen.
In der Schule haben sich die Gogos innerhalb von einer Woche wie eine Seuche ausgebreitet. Und, Überraschung!, meine Kinder wollen auch welche.  Zum Beispiel als Belohnung für Zahnarzt-Tapferkeit am Nachmittag. Wo gibt’s das Glumpert? In jeder Trafik. Na gut, ich besorg’s.
Das Versprechen war übereilt: Trafik eins hat keine, in Trafik zwei sind sie ausverkauft, Trafik drei informiert darüber, die Dinger seien nicht nur ausverkauft, sondern momentan wegen übergroßer Nachfrage nicht lieferbar. Der Schreibwarenhändler hat auch keine mehr. Trafik vier: ausverkauft. Trafik fünf: nix. Die Mutter rechnet schon einmal aus, was es sie kosten wird, wenn sie ohne diese Gogos ankommt. Trafik sechs im mittlerweile dritten Bezirk rettet ihren Tag.
Der Sohn von Kollegin B. hat auch schon ein Dutzend. Und pfefferte, um seiner Mutter die Stabilität, also Sinnhaftigkeit des Spielzeugs zu beweisen, eins der Gogos gegen den  Fußboden. Kunststoff made in China traf auf 60-jährigen Parkett made in Niederösterreich. China gewann. Jetzt sind wir schon zwei, die flehentlich hoffen, der Gogo-Fluch möge bald weiterziehen.
10.06.09

Hofieren statt tolerieren

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Schon in Ordnung, schimpfen sie mich ruhig lästig. Denn es geht schon wieder los mit Radfahr-Verklärung, weil: a) hat es bis jetzt schmerzlich wenig genützt. B) liege ich im Trend, auch wenn immer noch viele Autofahrer hoffen, dass das Radfahren schon baldt verboten wird. C) wegen Kopenhagen. Die Innenstädte der europäischen Metropolen haben ja alle das selbe Problem. Zu viele, viel zu viele und immer mehr Autos, und alle daraus resultierenden Unter-Probleme: verstopfte Straßen, zu wenige Parkplätze, Stau, Lärm, giftiger Gestank. Rezepte dagegen sind zahlreich: von Zuwarten, ob es von selbst weniger wird, über City-Maut bis zu innerstädtischen Fahrverboten. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen probiert etwas Neues: Sie stellt die Radfahrer ins Zentrum innerstädtischen Verkehrs. Die Bewegung der Innenstadt soll sich der Bewegung der Radfahrer anpassen – und ihrem Tempo, was konkret heißt: Tempo 40 in der ganzen Stadt, Ampelphasen, die sich an der Geschwindigkeit der Radfahrer orientieren. Und das ist einmal ein neuer, spontan vernünftig klingender Ansatz. Dass man nicht da und dort ein bissl Platz macht für die Radfahrer, sondern dass man sagt: Der öffentliche und der Radverkehr sollen unsere Hauptverkehre werden. Schon jetzt fahren 36 Prozent der Kopenhagener mit dem Rad zur Arbeit und es sollen bald 50 Prozent werden. Der Radverkehrsanteil in Wien liegt aktuell bei fünf Prozent und will bis 2012 acht Prozent erreichen. Das ist vergleichsweise traurig, und könnte sich ab dem Moment ändern, da Radfahrer werden nicht mehr nur toleriert, sondern hofiert werden. Und warum? Weil es funktionieren könnte. Und weil ganz Wien davon profitieren würde: Siehe Stau, Lärm, Giftgestank.
9.06.09

Danke, Bruno

| Comments (1) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Brüno! Österreich hat einen neuen Botschafter in der Welt. Bruno, der österreichische Reporter, hat sich mit seinen berührenden Interviews in kurzer Zeit ein derartiges internationales Renommee verschafft, dass Sacha Baron Cohen nun eine biografische Dokumentation über ihn gedreht hat, die bald in die Kinos kommt: „Bruno“.
Es ist allerdings zu befürchten, dass auch Bruno das Schicksal international erfolgreicher Österreicher ereilt, die in Aus- und Deutschland gemeinhin als Deutsche wahrgenommen werden. Wie aktuell Michael Haneke, dessen Goldene-Palme-Film als deutsches Werk verkauft wird (und zwar, nun ja, zu Recht) oder wie Daniel Kehlmann, der von Vanity-Fair-online ohne einen Genierer in die Wahl zum „wichtigsten Deutschen“ aufgenommen wurde. Dass Deutschland sich auch des kolossalen Brunos bemächtigt, der, wie man im Film sehen wird, auf seinen ipod verzichtete, um sich eines schwarzen Adoptivbabys annehmen zu können, muss partout verhindert werden.
Denn es wäre von unabsehbarem Schaden für Österreich, ist Bruno doch ein typischer, ja  freudscher Charakter, der unser Land in der Welt perfekt repräsentiert: Als einer seiner Interview-Partner seine Rechte zum Hitlergruß ausstreckt, ignoriert Bruno das nicht einmal; der Mann mit der Hautperücke will, wir kennen das,  ja wahrscheinlich nur ein Bier bestellen. Oder seine Mami grüßen.
Wir alle können viel von Bruno lernen: Stil, Lebensfreude, Vielseitigkeit, Furchtlosigkeit. Und dass man nie seine Herkunft verleugnen soll: Fast jeden seiner Interview-Partner bittet er um eine „Botschaft an die österreichische Gay-Community“. Dieser Mann ist stolz auf seine Heimat. Seien auch wir stolz auf ihn.


5.06.09

Das Glück ist ein Radieschen

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Es ist ein Zufall oder es ist kein Zufall, dass zwei große deutsche Magazine diese Woche das Glück im Titel führen.  ,Der Spiegel weiß jetzt  „Was Glück ist“. Focus findet das „Glück, selbstgemacht“: Die Geschichte über die neue Do-It-Yourself-Bewegung  spürt einem Selbermachen-und-Selberpflanzen-Trend nach, der hier in diesem Kasterl auch schon erschnuppert und frech behauptet wurde: Weil gerade sehr viele Menschen, auch wenn sie gar nicht müssten, die Dinge lieber wieder selber in die Hand nehmen und sich ihre Erfolgs- und Glückserlebnisse buchstäblich basteln.
Die hier aufgestellte These, dass es  zumindest das Selbstvertrauen stärkt, wenn man sich einiger Fertigkeiten sicher sein kann, wird in Focus löblicherweise von einem Neurobiologen  untermauert: Der Do-It-Yourself-Trend, sagt der Doktor, sei „vielleicht eine Rückbesinnung auf diejenigen Bereiche im Leben, wo man noch wirklich etwas gestalten kann“. Und  wissenschaftlich betrachtet: „Wenn man mit den Händen arbeitet, wird das Denken, Handeln und Fühlen wieder eins.“
Plus: Wenn man es selbst gemacht hat, weiß man, aus was es ist. Und muss sich nicht, wie jetzt zum Beispiel beim Erdbeerjoghurt oder beim Käse auf der Pizza  fragen, ob das, was man sieht, auch wirklich da ist. Bei dem, was im Joghurt wie Erdbeeren aussieht und schmeckt, handelt es sich bekanntlich häufig um Baumrinde.  Der Pizzakäse dagegen ist, wie ich erst letzte Woche lernte, oft gar keiner, sondern etwas, das man  als Analog-Käse bezeichnet. Danke, sehr gschmackig.
So gesehen ist das Glück auch ein Radieschen. Z.B. das, das ich vorhin aus dem Blumenkistl zog: mitleiderregend klein, aber sehr mein. Und hundertprozentig original Radieschen.
4.06.09

Der ist doch schön!

| 06/09 | Kurier-Kolumne

Der Hocker ist ja hinich, sagt der Mann. Ist er natürlich nicht; er hat nur am Rand einen kleinen, relativ unerheblichen Riss. Er ist kaputt, sagt der Mann. Stimmt nicht, sage ich, weil du sitzt gerade darauf, und wenn er hundert Kilo aushält, bedeutet das, dass er in tadellosem Zustand ist.
Aber er wackelt, sagt der Mann, da schau, er wackelt wie verrückt, und er ist fleckig, warum schmeißt du immer Geld für  altes und hinüberes Zeug hinaus? Das ist Patina, sage ich, und es waren nur zehn Euro. Du hast, sagt der Mann, für dieses Krawukel im Ernst zehn Euro bezahlt? Dieser einwandfreie Hocker ist, sage ich, für zehn Euro überaus wohlfeil, denn er ist von Thonet. Er war von Thonet, sagt der Mann, jetzt ist er ein unbrauchbares Gesprießel. Er ist keineswegs unbrauchbar, sage ich. Das würde ich aber gerne wissen, wofür man den noch brauchen kann, sagt der Mann. Du kannst zum Beispiel einen deiner 18 Zeitschriften-Türme darauf abstellen. Oder, wie jetzt, darauf sitzen. Oder ich könnte ihn zum Sperrmüll bringen, sagt der Mann.
Garantiert nicht. Dieser Hocker und die anderen schönen, alten, so gut wie unkaputten Sachen bringen Geschichte in unser Heim: Dieses Holz hat jemand vor vielen Jahrzehnten ehrlich gebogen und geleimt, geschmirgelt und eingelassen, da hat jemand diese kleine Zierkerbe gefräst und die Sitzfläche mit einem Blumenmuster geprägt, zugeschnitten und angenagelt. Gut, jemand anderer hat ihn ein wengerl mit Lack beschmiert, dennoch: Das ist ein hervorragender Hocker, und obwohl er sichtlich einiges mitgemacht hat, hält er immer noch einen Hundert-Kilo-Kerl aus. Ich meine, bitte: zehn Euro? Geschenkt, absolut geschenkt.
3.06.09

Passen Sie halt auf

| 06/09 | Kurier-Kolumne

An der Kreuzung  Josefstädter Straße / Bennogasse kracht es immer wieder. Kein Wunder, wie Leser Matthias C. meint: Aus vier Straßen queren Autos die Kreuzung in  drei Richtungen, dazu kommen drei Straßenbahnlinien. Eine  unübersichtliche, ungeheuer gefährliche Stelle: Vor allem für viele kleine Fußgänger, denn unweit dieser Kreuzung befindet sich die Volks- und Hauptschule Pfeilgasse. Und es gibt nur einen Zebrastreifen über die Bennogasse.
In der Früh regeln Polizisten die Kreuzung und zwar, wie Matthias C., Vater einer Pfeilgassen-Schülerin beklagt, in etwa einem Fünftel der Fälle auf der schulfernen Seite: Was bedeutet, dass die Kinder trotz Polizist von den Autos aus der Bennogasse, der Stolzenthalergasse und aus Gürtel-Richtung bedroht werden. Als seine Tochter anfing, allein zur Schule zu gehen, habe er, erzählt Matthias C., buchstäblich von Hinz zu Kunz telefoniert, um eine verlässliche Sicherung der Kreuzung zu erreichen; erfolglos. Er erfuhr nur, dass es im Ermessen der jeweiligen Beamten läge, wo die gerne regeln möchten. Matthias C. sprach darauf hin immer wieder die diensthabenden Polizisten an; meistens mit dem einzigen  Resultat, dass er angeschnauzt oder ignoriert wurde. (Manche  Polizisten bevorzugen überhaupt einen Standpunkt am Straßenrand: Mehrere Eltern berichten, wie manche Polizisten gelassen zuschauen, wie  Eltern sich mit ihren Kindern selber einen Weg durch den Frühverkehr bahnen.)
Letzten Mittwoch wurden an der Kreuzung drei Schülerinnen von einer Straßenbahn angefahren: es war schon neun Uhr und kein Polizist mehr da. Zwei der Kinder mussten ins Krankenhaus. Besser aufpassen?  Das genügt an dieser Kreuzung einfach nicht mehr.


29.05.09

Antworten dringend gesucht

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Zweierlei wird neu im Herbst: Die Wiener Kindergärten werden gratis und das letzte Kindergartenjahr wird österreichweit halbtags verplichtend. Heißt: dass viel, sehr viel mehr Kinder  die Kindergärten besuchen werden. Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen – der KURIER berichtete – fragen   immer lauter, wie das denn bitte gehen soll. Denn schon jetzt haben Kindergärten Schwierigkeiten, genug gut ausgebildetes Personal zu bekommen, und es ist eher unwahrscheinlich, dass es diesen Sommer unversehens doppelt so viele Absolventen von Kindergartenschulen geben wird wie bisher.
Und es ist auch nicht wahrscheinlich, dass sich, weil es die Situation plötzlich erfordert, überraschend doppelt so viele junge Frauen und Männer wie bisher entschließen werden, eine Kindergartenpädagogik-Ausbildung zu beginnen:
Zwar sind die Arbeitsplatz-Aussichten trotz Krise traumhaft, aber die Gehälter, vor allem die Einstiegsgehälter, sind es nicht. Die sollen nun sukzessive erhöht werden, allerdings betrifft das kaum jene Pädagoginnen, die schon länger unglaublich wichtige und – man lernt das, sobald man selbst Kindergärtler zuhause hat – großteils hervorragende Gesellschaftsarbeit leisten. Die haben jetzt nur Angst vor dem Herbst. Und  das mit Recht.
Denn die Antworten, wie das alles genau gehen soll, blieb uns die Stadt bisher schuldig. Werden die bewährten Pädagoginnen das schon irgendwie schupfen? Wird ihnen vom AMS blitz-geschultes Hilfspersonal beigestellt? Wird an die bestehenden Kindergärten zugebaut oder werden neue eröffnet? Wann und wo?
Es soll noch einmal gesagt werden: Es ist prächtig, dass der Gratiskindergarten endlich kommt. Aber ohne die nötige Infrastruktur  wird es ein Desaster.
27.05.09

Und jetzt zurück ins graue Haus

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Susan Boyle, 48, wohnt in einem schiarchen, dunkelgrauen Haus, hat dicke Augenbrauen, tüchtig Übergewicht und in Styling-Fragen ein extrem unglückliches Händchen. Trotzdem ist Boyle Englands neuer Superstar, seit sie kürzlich in einem erschreckenden Kleid und mit Horror-Haaren auf eine TV-Bühne trat, sich von einer Jury verspotten ließ und dann den Mund aufmachte. Die Menschen im Publikum und vor den Fernsehern weinten, als Boyle mit einer ungeheuer großen Stimme einen Musical-Ballade zum Vortrag brachte.
Jetzt steht sie im Finale der TV-Show „Britain’s Got Talent“  und wenn sie nicht gewinnt, wird es in England vermutlich zu Straßenschlachten kommen. Denn Boyle ist die neue Identifikationsfigur der britischen Unterschicht, und anders als Jade Goody, die ihr Leben in Big-Brother-Containern verbrachte und öffentlich starb, kann sie tatsächlich etwas. Und zwar richtig gut.
Und das kann man von Susan Boyle lernen: Glaub an dein Talent, auch wenn es nicht ins Schema passt. Sonst allerdings leider weit weniger, als uns Sozialromantiker verkaufen wollen: Denn die Zentral-Botschaft des Boyle-Märchens ist doch, dass man es unbedingt ins Fernsehen schaffen muss – und das eignet sich als genuines Lebensprinzip nur sehr bedingt. Vor allem haben uns zwei Jahrzehnte Doku-Soap-und Casting-Tralala-Erfahrung gelehrt, dass der dort produzierte Ruhm etwa das gleiche Ablaufdatum hat wie ein Liter Vollmilch. Und was passiert, wenn man es in dieser Zeit nicht schafft, tüchtig Geld zu scheffeln, haben schon viele Big-Brother-, Taxi-Orange-, Ekel-Camp und Starmania-Teilnehmer vorexerziert: Dann muss man leider zurück ins dunkelgraue Haus. Und die von Stylisten gezupften Augenbrauen wachsen sofort nach.


24.05.09

Es ist nicht nur die FPÖ

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Jahrelang waren Neonazis in Österreich kaum ein Thema, jetzt sind sie wieder derart sichtbar, dass man sich fragt: Wo kommen die jetzt plötzlich her? Wurden hier harmlose Kinder über Nacht in gewaltbereite Neonazis verzaubert? Oder warum hat das sonst keiner bemerkt? Wollte man nicht? Wurden die Anlagen für eine gewaltbereite rechte Szene  übersehen oder heruntergespielt?
Ebensee hat ein winziges Gutes: Die Öffentlichkeit ist wieder dafür senisbilisiert, dass es vom bleden Buam mit interessanter Weltanschauung zum kriminellen Straftäter oft nur ein kleiner Schritt ist. Ein Schritt, den man verhindern muss.
Auch wenn die FPÖ die Ebensee-Geschehnisse in ihrem EU-Wahlkampf sehr offensiv als Streiche von Buben abtat, die sich, so FPÖ-Chef Strache durch „ein paar Tachteln“ von ihrem Übermut heilen lassen. Womit Strache die Täter von Ebensee nicht nur in Schutz nimmt, sondern ihnen und anderen Jugendlichen mit ähnlichen Interesen eine Heimat in einer Partei anbietet, bei der es schon einmal vorkommen kann, dass man in eine Wehrsportübung u.ä. verwickelt wird. Und wo Verirrungen dieser Art nicht zu gesellschaftlicher Ächtung führen, sondern mit etwas Glück zu einem angesehenen und gut bezahlten Job bei einem Nationalratspräsidenten.
Und an dieser Stelle muss es wieder  gesagt werden: Es verharmlost nicht nur die FPÖ. 109 von 183 Parlamentsabgeordeten, also mehrheitlich Abgeordnete der SPÖ und der ÖVP, haben einen Nationalratspräsidenten gewählt, der nach wie vor Mitglied einer rechtsextremen Burschenschaft ist. Man will jetzt endlich einmal einige von denen sagen hören, dass das ein Fehler war. Und zwar so, dass es auch Jugendliche vernehmen.
22.05.09

Unter Zehn-Däumlern

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Der G.  hat eher harsch auf die gestrige  Selbstversorger- und Selbermacher-Kolumne (www.kurier.at/interaktiv/blog) reagiert: Diese Schollenromantik! Bitte! Also er fände das direkt ein bissl faschistoid. Und dieses Handwerkspathos; also das sei doch wohl ein ziemlich bildungsfeindliches, ja antiintellektuelles Konzept.
Er wolle, Krise hin oder her, auch künftig nicht verzückt an Eigenbau-Karotten schnuppern und ganz gewiss kein Brot backen. Er sei ein großer Anhänger der arbeitsteiligen Gesellschaft und beabsichtige, es  zu bleiben: Er benütze den Inhalt seines Kopfes für Denk-Arbeit und der Bäcker backe das Brot. Das sei richtig  so und solle unter allen Umständen auch in Zukunft so bleiben. Im Übrigen, sagt G., sei es gerade in der Krise total unverantwortlich, wenn ich meine Dienstleistungen von nun an selbst erledige, weil das dem Dienstleistungssektor die Existenzgrundlage noch weiter entzöge.
Ja. Hm. Allerdings gehen jetzt zum Beispiel die Bäcker nicht wegen der paar Hansln ein, die ihr Brot selber backen, sondern wegen der Masse, die lieber im Supermarkt konserviertes, folienverschweißtes oder gebähtes Brot kauft als richtig gebackenes vom Bäcker. Und es geht ja gar nicht darum, sich vom Dienstleistungssektor ganz unabhängig zu machen, das funktionierte sowieso nicht, sondern es geht darum, ein bisschen mehr aus sich herauszuholen. Verborgene Talente auszugraben, einfache Dinge wiederzuerlernen, mit den eigenen zwei Händen etwas zu schaffen (und ja, ich spreche hier als eine, deren Hände vor allem mit der Tastatur vertraut sind).
Ja, eben, sagt der G., welche Lobby vertritt denn eigentlich uns Zehn-Däumler, die für jegliches  Handwerkliche einfach zu ungeschickt sind? Ja, das ist ein Problem. Aber das kann ja der Kopf vom G. lösen.
21.05.09

Rezepte gegen die Krise

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Das Krisengemüse, also die Erdäpfel, die ich vor einigen Wochen in die Erde gesteckt habe, wachsen schon, nur falls es jemanden interessiert. Und die  Paradeiser blühen. Und der Mangold explodiert. Und den Salat haben die Schnecken gefressen. Eh nicht den ganzen; aber die Selbstversorgung mit Blattgrün ist derzeit absolut nicht gewährleistet.
Apropos Selbstversorgung. Leserin Veronika H. rät, einmal sein Brot selbst zu backen, und die Autorin schließt sich dem nach mehrmonatigem Selbstversuch an: Einen halben Würfel Germ in ein halbes Kilo Mehl bröseln, 3/8 Liter warmes Wasser, einen Löffel Salz, ein Schuss Öl oder einen halben Becher Joghurt dazu. Gut kneten, Minimum eine Stunde gehen lassen. Irgendetwas daraus formen. Im heißen Rohr 20 Minuten bei 240 Grad backen, dann ca. zehn Minuten bei 200 bis 220 Grad; mehrmals mit Wasser bestreichen. Raustun, fertig; kostet keinen Euro.
Und klingt nach einer Einladung zur Spießbürgerei, ja, aaaber: Ich glaube, dass es in schwierigeren Zeiten Sinn macht, sich Kulturtechniken anzueignen  oder zu entsinnen, deren Beherrschung in Fertig- und Instant-Zeiten entbehrlich war. Jetzt gar nicht aus einer Überlebensnotwendigkeit heraus, sondern aus psychologischen Gründen. Es stärkt das Selbstvertrauen, wenn man sich einiger Talente sicher sein kann, wenn man etwas bauen, herstellen, wachsen lassen, reparieren, denken, kochen, und, ja, backen kann. Selber machen. Wenn man nicht in absolut jedem Lebensbereich die Fähigkeiten anderer zukaufen muss oder auf fremde Hilfe angewiesen ist.
Nein, das ist gewiss kein Rezept gegen die Krise: Aber vielleicht gegen die Krise in sich selbst.
20.05.09

Fünf auf einen Streich

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Weil die Männer zusehends ins bequemere und preisgünstigere Internet abwandern, muss der Beate-Uhse-Konzern sich eine neue Zielgruppe erschließen, und wer bleibt übrig, solange die Buben unter 18 sind: die Frauen. Die sollen nun die Gewinne nicht mehr ausschließlich durch Aktivitäten im Bereich männlicher Triebbefriedigung maximieren, sondern selber kaufen. Leider ist es bislang nicht gelungen, erfolgreich einen Markt für Frauen-Pornos zu schaffen, darauf sprechen die Mädels einfach nicht richtig an. Muss man ihnen etwas anderes verkaufen. Jetzt hat man sich gedacht, was tun Weiber am liebsten: Sie tun gern shoppen, sie tun gern hübsche Sachen anprobieren, sie tun gern mit Freundinnen tratschen, sie tun gern Prosecco trinken und sie tun gern Leute ausrichten. Und wenn man diese fünf weiblichen Kernkompetenzen in einem, sagen wir, Home-Event zusammenfasst, kann das nur ein Erfolg werden. Reizwäsche-Partys für Hausfrauen! Weil wie soll das nicht funktionieren, wenn es die Firma Tupperware mit ungleich unsexieren Waren schon seit je erfolgreich betreibt? Dabei hat man bei einem Plastikgeschirr im Unterschied zu einem Negligé nicht einmal den Sekundär-Effekt, dass die Frauen danach lästern können, wie gruselig die Dings damit ausgesehen hat. Und ihre Mutter erst! Nein, wir wollen uns jetzt nicht ausmalen, wie das in der Realität westeuropäischer Durchschnittswohnzimmer konkret vonstatten geht: es ist zu beängstigend. Zudem ist zu befürchten, dass auch noch das Privat-Fernsehen mitdreht. Und damit eine neue, erfolgreiche Form des Frauen-Porno-Films kreiert. Beängstigend!; aber das sagte ich, glaub ich, schon.
19.05.09

Der Fluch des Purismus

| 05/09 | Kurier-Kolumne

So ein schönes Land, dieses Österreich. Gerade bin ich durch die Steiermark gefahren: So ein schönes Land! So ein fettes Grün! So dichte Wälder. So liebliche Almen. So fleißige Menschen. So ein schönes Land. Dann Radio gehört, eine Reportage über den EU-Wahlkampf der rechten Parteien und sofort gedacht: Wo kann ich anrufen und mich über diese Aussagen beschweren? Und darüber, wie hier rücksichtlos Gift über dieses schöne Land versprüht wird?
Das meiste Unheil entsteht aus dem Streben nach Purismus und Perfektion. Das macht die Menschen unrund und unglücklich: Wenn man das Wohnzimmer durchgängig in einem Stil eingerichtet hat, dann stört einen der alte Sessel von der Großmutter, bis man ihn endlich durch den stilistisch einwandfreien ersetzt hat, und dann stört einen die Lampe, die nicht ganz passt, und dann die Nase der Frau, die überhaupt nicht mit der Form des Diwan harmoniert. Beim Streben nach Purismus hat das Stören nie ein End, weil das Leben sehr dem Chaos zuneigt und dem Durcheinander. Und falls es doch gelingt, falls doch endlich alles einheitlich  ist, dann muss man den Rest seiner Tage dem Aufpassen und Bewahren widmen: Weil was, wenn vom exklusiven 108-teiligen Komplettservice eine Tasse hinich wird? Was wenn einer herein will, der farblich oder kulturell nicht zur Einrichtung passt und die ganze reine, überschaubare Einheitlichkeit zerstört? Das macht schlechten Schlaf. Und häufig schlimmeres.
Wenn man über Österreich fliegt: Ein Fleckerlteppich. Eine totale Unordnung von Wiesen und Felder, Seen und Wäldern, von Besiedelung und Natur: Das pure Durcheinander, die perfekte Uneinheitlichkeit: Und so schön, so schön; genau deshalb.


15.05.09

Nichts weiter zu tun II

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Er hoffe, schreibt Leser Erich H., „dass sich nicht ein Versandhaus diese Methode abschaut, mir einen Katalog mit schönen Sachen schickt und dann sagt: ,Sie brauchen nichts weiter zu tun, wenn Sie nicht innerhalb von 6 Wochen Widersproch erheben, schicken wir Ihnen die Waren und buchen den Preis von Ihrem Konto ab’“. Nicht nur Erich H., sondern zahlreiche weitere Leserinnen und Leser reagierten erbost auf die merkwürdigen Geschäftspraktiken der BAWAG PSK Bank, über die hier am Montag berichtet wurde. (www.kurier.at/blogs) Einige nahmen die Kolumne zum Anlass, bei ihrer Bank entschiedenen Einspruch gegen die Änderung der Konto-Modalitäten zu erheben, andere hatten das schon gemacht. Vor allem, weil die automatische Umstellung von PSK-Konten – u.a. in ein Konto für Preisbewusste – ihren Kunden teils erhebliche Mehrkosten verursacht, wenn sie nicht von sich aus innerhalb von sechs Wochen schriftlichen Widerspruch einlegen: Ein Konto, das bisher 0 Euro gekostet hat, kostet dann 104 Euro im Jahr, es gibt plötzlich eine Buchungsgebühr von 15 Cent, die Überweisungsgebühr wird von € 0,27 auf € 1,- angehoben. Auch die im Schreiben an Leser Reinhard Sch. angepriesene Konto-Box neu „ab € 0,-/ Quartal“ kostet, wie sich aus dem Kleingedruckten ersehen lässt, 13,50 Euro pro Quartal, sobald sich auf diesem Konto weniger als 880 Euro befinden. Was vor allem Pensionsten sehr stark treffen dürfte. Ob das Vorgehen der BAWAG PSK durch deren Allgemeine Geschäftsbedingungen gedeckt ist, sollten dringend die Rechtsabteilungen der Arbeiterkammer oder des Ministeriums für Konsumentenschutz klären. Dass ihre Kunden sich hinterrücks abgezockt fühlen, ist jetzt schon geklärt.
14.05.09

Spesenabrechnung

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Hochverehrter Chef, lieber Freund!
Im Zuge der Berichterstattung über die Spesen der britischen Minister ist mir brennheiß eingefallen, dass ich Dir meine Spesenabrechnung für die Monate Jänner bis April 2009 noch nicht habe zukommen lassen. Wird hiermit übermittelt! (Begründungen habe ich in Klammer angefügt, nur falls es bei der Weiterleitung nach „oben“ harken sollte.)
Espressomaschine plus Kapseln plus Accessoires 929,40,- (Eh klar.)
Diverse Garten-Produkte: 727,80 (Ich kann nicht dichten, wenns draußen ausschaut wie in einem rumänischen Hinterhof, das vergiftet mir den Text.)
Rasentraktor: 2.790,- (Ich kann den Karl mit seinem Rückenleiden ja nicht stundenlang einen Rasenmäher herumschieben lassen).
Schallschutzfenster inkl. Einbau: 4.870,- (Nona. Der Rasentraktor ist  dezibelmäßig nicht gerade ein Lercherlschaß.)
24 Kisten Wein: 1.528,28 (viel von die F.X.-Smaragder, die Du auch so gern trinkst und  ein paar Rote; es schreibt sich bei einem Achterl afach lockerer.)
12 Flaschen Gin  plus 40 Flaschen Tonic 391,60 (s.o.)
Neuer Kühlschrank mit Eiswürfelautomat: 4.299,-. (Du wirst verstehen, dass man einen  Gin Tonic nicht ohne Eis trinken kann und das ständige Nachladen des Gefrierfaches ein konzentriertes Durcharbeiten unmöglich gemacht hat.)
Kinderbetreuung: 2.600,- (Wie soll man denken, wenn einem die Gfraster unablässig belästigen.)
Diverse Lieferservice-und Restaurant-Rechnungen: 2.142,- (Also zum Kochen komm ich neben der Arbeit wirklich ned auch noch, das verstehst.)
Das macht ges. 20.278,08. Bitte um bäldigste Überweisung auf mein Konto. MwSt ned vergessen! Danke!, dere, Doris.


 




13.05.09

Wie man Ausländerin wird

| Comments (1) | 05/09 | Kurier-Kolumne

Anfang Oktober 2008 wurde Frau G. arbeitslos. Sechs Monate suchte sie erfolglos nach einem neuen Arbeitsplatz in ihrem erlernten Beruf als Flugbegleiterin, dann setzte sie sich ein neues Ziel:  Architektur zu studieren.
Dafür benötigt man eine Matura. Frau G. holte beim AMS die Erlaubnis ein, bei der Maturaschule Roland einen Halbtagskurs zur Berufsreifeprüfung besuchen zu dürfen. Die Kostenübernahme wurde zwar abgelehnt, aber das AMS hatte vorerst keine Einwände gegen den Kursbesuch. Frau G.  schrieb sich ein,  verpflichtete sich zu einer Ratenzahlung, der Kurs sollte am 11. Mai beginnen.
Anfang März wies das AMS Frau G. einer eigene Beraterin zu: die war  gegen  den Matura-Halbtagskurs, und schlug Frau G. eine Berufsorientierungskurs vor.  Frau G.  wollte das nicht, da er mit dem Maturakurs kollidierte, welcher wiederum, aus Sicht des AMS, verhinderte, dass Frau G. Arbeit vermittelt werden konnte. Kurz: Es gab  unterschiedliche Auffassungen über Frau G.s Zukunft. Das kommt vor.
Aber kurz darauf erhielt Frau G. vom AMS ein Schreiben, in dem ihr vorgeschlagen wurde, an dem Projekt „Arbeitsintegration für Frauen mit türkischem Migrationshintergrund“ teilzunehmen. Denn das vergaß ich zu erwähnen: Frau G. kam als siebenjährige Türkin nach Österreich. Sie spricht perfekt Deutsch, war Klassenbeste in ihrer Berufsschule und bestand die Lehre als Restaurant-Fachfrau mit Auszeichnung. Seit 2002 ist sie österreichische Staatsbürgerin.
Es handle sich, so das AMS auf KURIER-Nachfrage, um ein Pilot-Projekt, das Frauen helfen soll, die durch ihren migrantischen Hintergrund am Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Daran ist nicht auszusetzen, außer, dass Frau G. sich bisher nicht benachteiligt fühlte. Aber  jetzt; und sie schrieb Sozialminister Hundsdorfer deshalb einen bitteren Brief. Das Sozialministerium will sich der Sache annehmen. 
12.05.09

Nichts weiter zu tun

| Comments (2) | 05/09 | Kurier-Kolumne

Diesmal, Überraschung, nicht die Post. Diesmal die PSK-Bank. Gleich zwei meiner Leser, beide PSK-Bank-Kunden, ließen mir  gleichlautende Briefe zukommen, die sie im April von der Bank ihres Vertrauens erhalten hatten.
Die PSK-Bank hatte  für die sehr geehrte Frau R. und den sehr geehrten Herr Sch. „eine wichtige Konto-Nachricht“: „Wir bieten Ihnen an, mit 1.7.2009 Ihr bisheriges Konto auf das neue PSK BANK Komplett-Konto umzustellen.“ Das Ziel sei, „Ihnen damit eine Lösung zu bieten, die speziell auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist: ein Inklusiv-Konto mit einer Maestro-Bankomatkarte und einer Gold Master-Card für mehr Unabhängigkeit. Und das um nur E 26,- / Quartal.“
Das ist ein interessantes Angebot, ja. Das überlegt man sich als Kunde. Allerdings sollte man lieber nicht zu lange überlegen,  keinesfalls länger als sechs Wochen, denn die PSK-Bank bietet ihren Kontoinhabern einen Spezial-Service. Sie „brauchen nichts weiter zu tun“: Denn das bisherige Konto wird Anfang Juli automatisch in das neue 26-Euro-pro-Quartal-Konto umgewandelt, wenn die p.t. Kundschaft nicht „schriftlichen Widerspruch innerhalb von 6 Wochen ab Zustellungsdatum“ erhebt. „Die Unterlassung des Widerspruchs gilt als Zustimmung zu diesem Angebot.“ Weitere Infos finde man im beiliegenden Folder, im Internet, beim PSK Bank Berater und unter einer Service-Nummer. Mit freundlichen Grüßen.
Die Briefe wurden übrigens nicht per Einschreiben zugestellt, sondern auf dem ganz normalen Postweg. PSK-Bank-Kunden sollten sich derzeit also lieber nicht in einem längeren Urlaub befinden: Die PSK-Bank schneidet möglicherweise  gerade ihre Bedürfnisse zu.
8.05.09

Misstrauensbildende Maßnahmen

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Auf www.youtube.com kann man sich jetzt einen kleinen Film vom 1. Mai anschauen. Er spielt in Linz. Er zeigt Polizisten bei einer Demonstration: Am Anfang packen etwa sieben oder acht Polizisten einen Demonstranten, während ein weiterer sehr engagiert auf diesen einprügelt. (Bis der Mann brüllt, er sei „ein Beamter“ und daraufhin losgelassen wird.) Dann sieht man mehrere Polizisten sich auf einen weiteren Demonstranten stürzen; eine Frau geht dazwischen und ruft, man solle ihn in Ruhe lassen. Am Ende sieht man zwei Polizisten, die schluchzend an einem Bauzaun hocken. Der Film ist natürlich einseitig und zeigt nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens, aber eines lässt sich problemlos aus den Szenen herauslesen: Diese Beamte sind massiv überfordert. Diese Beamte wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Dabei handelt sich offenbar nicht um eine Extremsituation, sondern um eine normale Demonstration, in der sich wohl auch ein paar Vermummte befinden, wie das bei den meisten Demonstrationen der Fall ist.
Die Bilder sind nicht eben vertrauensbildend: Denn gut ausgebildete Polizisten sollten auf solche Situationen physisch und mental so gut vorbereitet sein, dass sie erstens nicht panisch mit dem Schlagstock auf Personen eindreschen. Und zweitens danach nicht vor lauter Schock in Tränen ausbrechen.
Apropos Schock. In Wien wurde heuer bereits 3600 Mal eingebrochen; am Dienstag auch beim Wiener Polizei-Chef. Deshalb sei er nun, sagte Karl Mahrer, „besonders motiviert“ gegen Einbrecher vorzugehen. Ähm: Ist die Exekutive nur dann besonders motiviert, wenn sie persönlich von Verbrechen betroffen ist? Das stärkt das Vertrauen in die Polizei auch nicht unbedingt.
7.05.09

Im Krisengemüsegarten

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Zum Beispiel: Schälen, halbieren, auf ein Blech legen, Salz, Olivenöl und Rosmarin darauf, eine gute halbe Stunde bei 220 Grad backen. Oder: kochen, schälen, stampfen, Milch, Butter, Salz und Muskat dazu. Oder grob stifteln und frittieren. Oder raspeln, Kümmel hinein, braten. Oder cirka 1000 weitere  Möglichkeiten.
Es kann schon keiner mehr hören, aber es ist nun einmal so: Erdäpfel sind das perfekte Krisengemüse. Sieht nach nichts aus, gibt’s überall, kostet praktisch nichts, ist zubreitungstechnisch extrem niederschwellig, macht unhungrig und  – unter Beistellung von, nur zum Beispiel, einem Hendl oder ein paar Fleischlaberl  – überaus glücklich.
Weshalb die Menschen jetzt zusehends auf die Idee verfallen, ihre Erdäpfel - weiter westlich bekannt als Grumpara, also Grundbirnen – am eigenen Grund zu ziehen: Selbst wenn der nur so groß ist wie ein  Blumenkistl.  Offenbar werden heuer im Handel sogar eigene Topf-Erdäpfel für den Balkon angeboten; die Nachfrage hat’s wohl bestimmt.
Überhaupt liegt der private Gemüseanbau mörder im Trend, wie die Menschenmassen vermuten lassen, auf die ich am Wochenende im Schaugarten der „Arche Noah“ in Schiltern traf:  Dort werden  alte und seltene Gemüse- und Obstsorten gerettet, vermehrt und verkauft (www.arche-noah.at). Ich erstand Tomatensetzlinge mit  abenteuerlichen Namen, Ananas-Erdbeeren-, Spagetti-Kürbis- und fünffärbige Mangold-Pflanzerl und keine Saat-Erdäpfel, weil ich die nämlich von der Nachbarin bekam: mehlige und Ditta, violette und rosarote. Die stecken jetzt in der Erde, wo sie sich tüchtig vermehren mögen. Die violetten schmecken übrigens – korrigieren Sie mich, falls ich mich irre – am besten gekocht mit Butter und Salz.
6.05.09

Du, das hab ich sagen vergessen

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Wir hier haben nur Rogan-Reilers, die sich, so die Gerüchte, nach zwei Jahren Beziehung getrennt haben sollen. Kamen einem wie sieben vor, so oft durften wir via Society-Funk an ihrem Glück teilhaben. Wir hier haben keine Berlusconis, was den Unterhaltungsquotienten senkt, für die politische Hygiene aber von Vorteil sein dürfte. Vom professionellen Standpunkt lässt sich freilich darüber streiten, ob TV-Moderatorinnen, Regional-Missen und Big-Brother-Teilnehmerinnen die Interessen der Bevölkerung in Brüssel schlechter vertreten als Versicherungskaufleute, Rechtspopulisten, Journalistinnen, Berufspolitikerund Investment-Banker. Wegen der „Showgirls“, die Berlusconi auf die EU-Liste seiner Partei „Volk der Freiheit“ (bumm!) setzte und nach dem öffentlichen Prostest seiner Gemahlin eh wieder entfernte, will die nun trotzdem die Scheidung. Natürlich gönnt man einem Gockel wie Silvio Berlusconi die öffentliche Demontage durch seine Frau. Andererseits hätte sie Berlusconi zunächst einmal gar nicht ehelichen müssen, es ist ja unwahrscheinlich, dass so einer früher charakterlich völlig anders war. Und schon gar nicht hätte Veronika Lario fast zwanzig Jahre lang mit ihm verheiratet bleiben und ihm drei Kinder gebären müssen, sie soll ja so eine intelligente, streitbare Frau sein, die können sich normal entscheiden. Aber was weiß man. Zudem fragt man sich, worüber sich dieses Ehepaar beim Frühstück oder abends so unterhält, wenn Kleinigkeiten wie Scheidungsabsichten glatt untergehen und deshalb anderntags über die Medien ausgerichtet werden: Du, übrigens, das hab ich gestern sagen vergessen... Sowas haben wir hier nicht. Macht aber eigentlich nichts.
5.05.09

Linz - Wien retour - retour

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Die Post, Damen und Herrn: Diesmal hat sie der Kollegin B. und besonders dem Importeur Arno P. das Leben ziemlich schwer gemacht.
Der schickte der Kollegin B. am 17. März  vier Flaschen griechisches Olivenöl von Linz nach Wien, worauf ihn einige Zeit später die Kollegin anrief und sagte: Sei so gut und schick mir doch bitte vier Flaschen Olivenöl. Die waren nämlich nicht angekommen. Herr P. bemühte das Internet-Tracking-System der Post und erfuhr, dass zwei Zustellversuche erfolglos gewesen seien. Leider hatte man die Kollegin über die Zustellversuche nicht benachrichtigt, weshalb das Packerl nun wieder auf dem Rückweg nach Linz war.
Herr P. rief bei der Post an und bat um sofortige Rückleitung des Pakets nach Wien, was geschah. Allerdings erhielt Herr P.  bald einen Anruf, das Paket sei leider kaputt geworden, er könne es in Linz wieder abholen. Das wollte er, nur war das Paket unauffindbar. Anderntags tauchte es wieder auf; Herr P.  ging erneut zur Post, um die „Restware“ – zwei der vier Flaschen waren noch ganz – zu übernehmen, sie in ein spezielles Weinpaket zu packen und dieses erneut an Kollegin B. zu schicken: Und erneut wurde es weder zugestellt, noch Frau B. über eventuelle Versuche informiert.
Letzten Mittwoch nun fand Herr P. eine Benachrichtigung in seinem Linzer Postfach, er möge sein Paket wieder abholen und auch gleich die 5,21 Euro Rückporto begleichen. Herr P. kontaktierte aufgebracht die posteigene Beschwerde-Managerin, die sehr nett war und  ihm den  Schaden begleichen wollte. Aber P.  und B. wollen ja nur eins: Dass das Olivenöl endlch ankommt. Allerdings: In der Zeit, die er jetzt mit der Post vertan hat, hätte P. es auch selber von Linz nach Wien fahren können.
2.05.09

Jetzt noch einmal Kind sein

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Jetzt ins Bad. Jetzt lässig mit der Saison- oder Monatskarte wedeln und an der Schlange vor dem Eingang vorbeigockeln. Jetzt sich den besten Platz suchen, da! Nein, dort drüben hat man einen besseren Blick auf’s Geschehen. Jetzt  das Gewand vom Körper gleiten lassen, jetzt ein bisschen einschmieren, wie es die Mutter befohlen hat, jaja, Mama, jajaja.
Jetzt vom Dreimeterbrett springen. Jetzt über die Wiese rasen. Jetzt einmal anfangen, sich an der Rutsche anzustellen, jetzt sich in der Schlange langsam die Treppe hinaufarbeiten. Jetzt die Vordrängler abdrängen. Jetzt die Freunde begrüßen. Jetzt den Sebastian, die Anna bemerken. Jetzt schnell die Badekleidung in Position zupfen, jetzt eine möglichst lässige Haltung einnehmen. Jetzt nur nicht rot werden.
Jetzt sich am Beckenrand versammeln. Jetzt den Bademeister im Auge behalten. Jetzt die Julia packen, an Armen und Beinen schaukeln lassen, jetzt in hohem Bogen werfen, bevor das Gekreisch den  Badewaschl alarmiert. Jetzt illegal vom Beckenrand köpfeln, verwegen und trotzdem elegant.
Jetzt mit der Alex in der Wiese auf dem Badetuch auf dem Bauch liegen liegen, tuscheln, und unter Gekicher den Sebastian mit dem Tom vergleichen. Jetzt schimpfend aufspringen, weil der Tom einem das Handtuch über die Schenkel pfeifen lässt, der blöde Kindskopf. Aber schöne Haare hat er. Jetzt wieder ins Wasser. Jetzt das Obst in der Sonne verfaulen lassen, das einem die Mutter eingepackt hat. Jetzt nämlich ein Eis holen, jetzt vor der Eistafel auf dem glühenden Beton trippeln und das Idealeis des Tages wählen. Jetzt auf der Mauer hocken, Beine baumeln lassen, schlecken.
Jetzt wieder Kind sein: Die Bäder haben offen, jetzt ist es Sommer.
1.05.09

Hätte ja sein können

| 05/09 | Kurier-Kolumne

Erstens, die Schweinegrippe heißt nicht mehr Schweinegrippe. Sie heißt jetzt Neue Grippe, die WHO hat’s angeordnet, um noch größeres Unheil von den jetzt doppelt krisengeschüttelten Schweinezüchtern abzuwenden. Zweitens lässt sich im Kontext der Neuen Grippe in Österreich durchaus eine Lust an der Katastrophe beobachten: Wir wollen auch! Wir wollen auch Angst haben! Schlottern wollen wir vor Angst! Denn lange, bevor der erste Verdacht bestätigt wurde, befiel das „Killervirus“ Österreich schon in dreieinhalb Zentimeter hohen Lettern, ja, wurde gar „im Taxi verschickt“: wobei die Frau, deren Abstrich „quer durch Österreich“ (von Steyr nach Wien) geschickt wurde, gar nicht mit dem H1N1-Virus infiziert war. Hätte aber sein können. War sogar praktisch sicher. Die Chancen standen extrem gut. Wohl deshalb war auch ein kleineres Titelblatt schon über die „ersten Fälle“ informiert, bevor es die Ärzte waren. Ja, klar: Hätte sich der Verdacht nicht bestätigt, hätte man, sicher ist sicher, lieber einmal zu viel gewarnt gehabt als einmal zu wenig. Jetzt, wo er sich bestätigte, hat man es zuerst gewusst. Drittens ist die Neue Grippe für manche offenbar sogar begrüßenswert. Der Immunologe Wolfgang Graninger sagte gestern dem Standard: „Wir haben ja alle das Medikament gebunkert und warten nur darauf, dass wir es auch einsetzen können, zudem läuft es bald ab. Roche, dem Hersteller von Tamiflu, hätte nichts besseres passieren können.“ Da ist sie wieder: Die Lust an der Katastrophe, jetzt noch geiler. Denn auch von der Neuen Grippe werden viele profitieren. Und winken ihr jetzt freudig entgegen: Hallotschi!, endlich da!, wir schlottern schon.
30.04.09

Ganz wuggi könnt man werden

| Comments (1) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Angst könnt’ man kriegen. Vor der Schweinegrippe. Vor der Vogelgrippe. Vor der Erfindung der Fischgrippe. Vor der Grippe als solche. Vor Viren. Vor Computerviren.  Vor dem Stau auf der Tangente. Vor dem Stau am Gürtel. Vor dem Dickmaulrüssler. Vor Fett. Vor Zucker. Vor dem Winter. Vor dem Frühling. Vor dem Sommer. Vor dem Herbst. Vor Krankheit und Tod.
 Vor einer Benzinpreiserhöhung. Vor der Gasrechnung. Vor der Gesamtschule. Vor der Bildungsreform. Vor der Reichensteuer. Vor HC Strache. Vor Andi und Alex. Vor Dominic Heinzls Frisur. Vor  Parkverboten. Vor Radfahrern. Vor Autofahrern. Vor Fußgängern. Vor Kinderlärm. Vor Kampfhunden. Vor Pollen. Vor Milch. Vor Schulterpolstern. Vor Länderspielen. Vor einem Händedruck. Vor einer Reunion der Zillertaler Schürzenjäger. Vor einer Reunion von Kajagoogoo.  Vor noch einer Staffel „Starmania“. Vor Heidi Klum. Vor Florian Silbereisen. Vor Seife. Vor Menschen, die sich vor Seife fürchten.
Vorm Fliegen. Vor Piraten. Vor einem leeren Akku. Vor dem neuen Bob-Dylan-Album. Vor allem Fremden.  Vor der Dunkelheit. Vor zu viel Sonne. Vor der Champions League. Vor dem Ende der Champions League. Vor deutschem Humor. Vor Mundgeruch. Vor Irren. Vor Falten. Vor der Post. Vor der Inflation. Vor dem Finanzamt. Vor Haarausfall. Vor der Krise. Vor Zugluft. Vor einem Kratzer im Auto. Vor Unfällen. Vor Spinnen. Vor dem Urlaub. Vor dem Ende des Urlaubs. Vor dem leeren Blatt. Vor dem Kleingedruckten.
Man kann vor  vielem Angst haben. Man könnte vor lauter Angst sogar ganz wuggi werden und übers Fürchten  aufs Leben vergessen.Und das ist tatsächlich  zum Fürchten.
29.04.09

Und das ganz ohne See

| 04/09 | Kurier-Kolumne

Die Zürcher sind schwer geschockt. „Für Zürich ist der Rückschlag bitter“ klagte der Tagesanzeiger nur Stunden nach Bekanntwerden der Nachricht. Was ist passiert: Zürich wurde eben vom Lebensqualitätsrankingsthron verdrängt und zwar, tadaa!, von Wien. Laut der jährlich veröffentlichten Umfrage der Personalberatungsfirma Mercer gilt Wien ab sofort als die Stadt mit der international höchsten Lebensqualität – vor Zürich, Genf, Vancouver, Kanada und Auckland, Neuseeland. Das ist für die Zürcher schwer zu packen: Sieben Jahre lang führte Zürich die Rangliste an, jetzt muss man sich einer Stadt geschlagen geben, die nicht einmal eine See hat. Nicht einmal einen See! Allerdings haben sich Menschen wie ich, die in beiden Städten gelebt haben, schon früher gefragt, was eine Stadt eigentlich konkret lebenswert macht. Welche Faktoren spielen da eine Rolle? Lebensqualität heißt ja nicht nur schöne Natur, schönes Wasser, schöne Aussicht, schöne Altstadt, schöne Restaurants. Und, wie Mercer vermerkt, beruhigende Friedlichkeits-, Sicherheits- und politische-Stabilitätswerte. Zur Lebensqualität gehört schon auch, dass man sich die Wohnungsmieten und Lebenshaltungskosten leisten kann. Dass es ein vielfältiges Kinderbetreuungsangebot, auch für kleinere Kinder, gibt. Dass man auch in preiswerteren Restaurants gutes bis sehr gutes Essen bekommt. Und in all diesen Kategorien hatte Wien schon längst die Nase vorn. Während es in den Bereichen Kultur, ausländerfeindliche Wahlkämpfe und schwer verständlicher Dialekt ziemlich pari steht. Nur so einen schönen See haben wir nicht. Aber das ist jetzt auch egal.
24.04.09

Erfolgsmodell Kirch-Amt

| 04/09 | Kurier-Kolumne

Die Post macht es so: Sie schließt Postämter in B-Lagen und eröffnet Briefmarkenläden in A-Lagen,  unlängst erst ein neues in der Wiener Josefstädterstraße. „Philatelie-Shops“ heißen die, was ein wenig ungeschickt ist, weil sich die Bezeichnung „Post-Philialen“ natürlich unglaublich aufgedrängt hätte.
Das hätte nämlich Infrastruktur-Ministerin Doris Bures die Möglichkeit verschafft, in Radio-Interviews völlig wahrheitsgemäß zu verkünden, dass bitte keineswegs nur Postämter geschlossen würden, nein, es werden sogar neue Post-Philialen eröffnet. Aber  bei der gespannten Budget-Situation heutzutage müssen die Ministerien ja bei allem sparen, auch bei den Ideen.
Diese Chance ist also vertan. Die Kirche dagegen will jene, die sie selbst in der Filialen-Schließung erkennt, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Das ist gescheit. Denn wer kommt besser an die Leute heran, als die Mitarbeiter der Post? Beziehungweise zu  wem wollen die Leute dringender zubi, als an den Post-Mitarbeiter hinterm Schalter? Offenbar hat die Kirche beim Lokalaugenschein in einer Post-Filiale erkannt: Da schau her, dafür stellen sich die Menschen sogar in langen Schlangen geduldig an! Das wollen wir auch, diese Gelegenheit müssen wir nutzen: die Kirche muss  Post-Partner werden!
Der Kollege Schwarzer hat die möglichen Synergieeffekte gestern schon aufgezeigt, und auch ich glaube fest an den Erfolg der Kirch-Ämter. Eine Kirche, die nicht mehr nur Seelenheil verspricht, sondern auch Packerl, verzahnt mit einer Post, die nicht mehr nur Dienstleistung anbietet, sondern auch spirituellen Beistand: Die alttestamentarische Endlosigkeit der Schlangen vor den Kirchen will man sich gar nicht vorstellen.
23.04.09

Bitte,Herr Lehrer,eine Frage!

| Comments (2) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Auf die Gefahr hin, dass sofort wieder Körbe voller Abokündigungsdrohungen und anderen Watschen eintreffen, wage ich es, noch einmal meine Hand zu erheben: Bitte, ich möchte noch etwas zum Lehrer-Streit wissen. Doch, sicher, Herr Professor, Sie haben mir bereits klipp und klargemacht, dass ich mich nicht in Sachen einmischen darf, die mich nichts angehen und von denen ich nichts verstehe: Ja, ich habe jetzt eingesehen, dass 13 Jahre Schulbank, die Aufzucht zweier Schulkinder und die eingehende Lektüre der Konflikt-Berichte mich noch lange nicht dazu befähigen, über die Lehrer eine Meinung zu haben. Dafür möchte ich mich nachträglich ausdrücklich entschuldigen. Und ja, ich habe jetzt auch endlich kapiert, dass die Lehrer die einzige Berufsgruppe sind, die sich auch zu Hause mit ihrer Arbeit beschäftigt und sich vorbereitet. Nein, eine Meinung habe ich siche