Was kostet die Unschuld? Eben noch sahen wir den österreichischen Waffenlobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly verhaftet und im grauen Jogginganzug in London, schon trägt er wieder eleganten Wams und ist ein freier Mann. Das kommt vor. Nur liegt zwischen zwei derartigen Bildern üblicherweise ein rechtsstaatliches Verfahren. In diesem Fall genügte eine Überweisung, um aus einem Verdächtigen einen Unschuldigen zu machen: 34 von insgesamt 328 Millionen Euro zahlt das Rüstungsunternehmen BAE Systems im Zusammenhang mit Mensdorff-Pouilly an die britische und die amerikanische Justiz dafür, dass alle Ermittlungen eingestellt werden und BAE Systems weder Korruption noch Bestechung eingestehen muss. Denn genau das hätte den Rüstungskonzern vom wichtigsten Rüstungsmarkt der Welt, dem amerikanischen, final ausgeschlossen. „Die gesamte Operation des Bestrafens hat sich mit außerjuristischen Elementen und Personen aufgeladen. Man könnte sagen, dass daran nichts Ungewöhnliches ist, da das Recht nun einmal fremde Elemente zu absorbieren pflegt“, schrieb der französische Philosoph Michel Foucault 1975 in seinem Werk „Überwachen und Strafen“. „Funktion und Rechtfertigung der Kriminaljustiz liegen heute nur mehr in diesem ständigen Bezug auf etwas anderes als sie selber, in ihrer ständig erneuerten Integration in nichtrechtliche Systeme.“
Ökonomisierung statt Auslöschung. Im 21. Jahrhundert heißt das nichtrechtliche System, das sich jetzt offenbar ungeniert auch die Justiz einverleibt: Ökonomie. Die Londoner Börse habe, hieß es anderntags in den Medien, erleichtert auf den Handel zwischen Rüstung und Justiz reagiert. Thank God. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass sich die meisten gesellschaftlichen Institutionen ökonomischen Bedingungen unterzuordnen haben – beziehungweise ihre Ökonomisierung ihrer Auslöschung wohl oder übel vorziehen. Sport, Kultur, Charity, Medien: Ohne Sponsoren, ohne Finanziers geht nichts mehr; weil das eine, da der Staat als Subventionsgeber immer mehr ausfällt, überhaupt nur mehr durch die anderen stattfinden und existieren kann. Und dass es nichts umsonst gibt, dass Investition und Einfluss nun einmal Schwester und Bruder sind, haben wir längst akzeptiert. Vor allem die, deren Arbeitsplätze davon abhängen. Aber die Justiz? Nun ja: Die 34 Millionen Euro, derentwegen Alfons Mensdorff-Pouilly in Großbritannien unangeklagt bleibt, dienen, wie es heißt, wohltätigen Zwecken in Tansania. Wer wollte da etwas dagegen haben? Jetzt einmal außer Herr und Frau Durchschnittsbürger, die sich ihre Unschuld nicht so einfach kaufen können und auch über keine amikalen Kontakte innerhalb der Justiz verfügen, durch die ja hierzulande schon auch einmal belastende Akten weggezaubert werden. Wie wird die österreichische Justiz nun mit Mensdorff-Pouilly verfahren? Sein Anwalt glaubt: gar nicht. Wir Durchschnittsbürgerinnen harren gespannt.
Heute: kleiner Exkurs über das Es-gibt-auch-andere-Problem. Denn als ich Anfang der Woche kritisierte, dass manche Hundebesitzer sich nicht an die Gesetze halten, rüttelte ich damit nicht nur erfolgreich am Watschenbaum, sondern wurde auch dafür gescholten, dass ich nicht erwähnt hätte, dass es auch brave Hundebesitzer gibt. Richtig. Die Frage ist nur: Muss man das? Existiert ein dialektischer Kodex, der vorschreibt, dass jede Kritik an einer zufälligen Gruppe verpflichtend zu ergänzen ist mit der Feststellung, es existiere aber auch deren Gegenteil? Wenn jetzt zum Beispiel kritisiert wird, dass eine Hundezeitschrift gegen den Hundeführerschein mobil macht, in dem sie auf Flyern Welpen mit einem gelben, sechszackigen Stern versah, um nach Protesten zu behaupten, die Ähnlichkeit mit dem Judenstern sei rein zufällig: Muss dann extra erwähnt werden, dass nicht alle Hundefreunde so ruch- und hirnlos sind? Nein, weil die meisten Hundehalterinnen und Hundehalter an derartige Entgleisungen nicht einmal anstreifen wollen. Und weil sie keine homogene Gruppe mit Solchen und Solchen sind, sondern weil halt zufällig Solche Hunde halten und Solche auch. Genauso wie auch Hohlköpfe gerne Ski fahren, und trotz eindringlichster Lawinenwarnungen gerade extra abseits der sicheren Pisten fahren. Und derart nicht nur ihr Leben, sondern auch das Dutzender Helfer in Gefahr bringen: Muss da extra dazugesagt werden, dass die meisten Schifahrer das nicht tun? Kann man, muss man aber nicht. Ein gemeinsames Merkmal schafft noch keine gemeinsame Identität. Skifahrer, Hundebesitzerinnen, Politiker, Homosexuelle, Autofahrerinnen, Asylwerber: Solche und Solche, da wie dort.
Ja, gut! Das Café Ritter und das Café Museum sollen gerettet werden. Denn die Kaffeehäuser: die sind ein substanzieller Teil des Wiener Lebensgefühls. Alles da, in so einem Kaffeehaus. Und eine Institution, die nur in Wien funktioniert, aber da perfekt. Und solche Kellner, wie die typischen Wiener Kaffeehaus-Ober, werden in anderen Ländern ja auch gar nicht hergestellt. Und auch wenn man manche ob ihrer Arroganz verflucht, sie gehören irgendwie zum kaffeehäuslerischen Lebensgefühl: Fühlen Sie sich wohl, aber bitte nicht zu sehr. Interessant ist, dass es überhaupt nicht funktioniert hat, das Café Museum wieder im Looschen Original-Format herzurichten. Die Gäste des 21. Jahrhunderts nahmen das nicht an. Was ein Signal sein sollte für die Zukunft des Kaffeehauses, ach, für Wien: Loos war wegweisend für Wien, aber Loos ist schon ziemlich lange tot. Und wenngleich es wichtig ist, das Gute zu bewahren: Das kann auch zu Stumpfheit führen. Und nicht jeder Wind, der den Looses und Hoffmanns und Wagners entkam, ist in Wien des 21. Jahrhunderts noch funktionell. Vor allem: Es kommt neues Wegweisendes nach. Was es in Wien aber traditionell schwer hat, weil man hier – Dutzende international gefeierte und in Wien ignorierte Architekten können davon ein Wienerlied dudeln – gern irrtümlich glaubt, man schütze die Tradition am wirksamsten, indem man neues Gutes und Richtiges, ja für die Gegenwart Besseres und Richtigeres verhindere. Ein Irrtum, der zu Versteinerung führt und zu historisch korrekter Leblosigkeit. Und, siehe Café Museum, zu einem Kaffeehaus ohne Gäste. Dort will man jetzt behutsam wieder Leben hineinbringen. Was für ein Kaffeehaus doch wichtiger ist, als 100 Prozent original Loos.
Als ich das Fenster aufmache, steht vis a vis ein Mann auf dem Dach und grüßt freundlich. Er steht einfach nur so auf dem Ziegeldach eines fünfstöckigen Hauses, Hände in den Hosentaschen, und blickt in die blaue Luft. Die Sonne scheint, während gleichzeitig ein paar Schneeflocken zwischen den Häusern tanzen. Es ist schön. Heute früh habe ich mich mit einem Schweizer Freund unterhalten, während der weit über den Hafen von Hongkong schaute, durch das Fenster seines Hotelzimmers. Er schrieb in seinen Computer, ich in meinen. Es geht ihm gut. Er war weit weg und er war nah, und es war schön. Wenngleich ich müde war, gestern habe ich wieder Musik aufgelegt in meinem alten Stammlokal, und wie immer – die Gäste liefen trotzdem nicht davon – nur das, was ich augenblicklich für die beste Musik der letzten 70 Jahre halte. Und davon gibt es viel. Es war schön, sehr schön. Und das ist Glück, irgendwie. Das ist auch Glück: Dass es verlässlich Frühling werden wird. Eine Aufgabe im Leben haben. Mit dem Taxi durch die stille nächtliche Stadt nach Hause fahren. Kinder, die quietschend an der Tür vorbeirennen. Menschen, die einen in der Bim grundlos anlächeln. Eine Meinung haben zu dürfen. Diskutieren, streiten können. Zu wohnen. Freunde zu haben, die einem „Wo-bleibst??“-Smse schicken. Und kritisieren. Und korrigieren. Und da sind. Etwas tun zu dürfen, was einem Freude macht. Musik, die einen versteht. Literatur, die einen schweben lässt. Filme, die einen lachen machen. Zu wissen, dass man Glück hat. Der Mann steht jetzt nicht mehr auf dem Dach, er hat etwas repariert und war dann plötzlich weg. Aber die Sonne scheint noch, und es ist schön.
Seit gestern früh wurde ich mit folgenden Attributen belegt: „dumm“, „faschistoid“, „volksverhetzend“ und natürlich „Hundehasserin“. Ich hatte („Frechheit, diese Forderung!“) darauf gedrungen, dass Hundehalter sich an die bestehende Gesetze halten. Und dass die Exekutive einschreiten möge, wenn sie es nicht tun. „Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, was Sie für einen Sch... schreiben?“, schreibt Leserin Lisi L. Leser Thomas J. fordert die Einstampfung aller meiner Bücher. Alexander F. formuliert wörtlich, dass „immer mehr Hass und Aggression von widerlichen tierfeindlichen Gutmenschen und Dummmenschen gegen jegliche Art von Tierhalter in dieser Stadt entfacht wird wie in den guten alten Zeiten als die Tierhalter noch die Juden waren“. Lassen Sie mich das präzisieren: Der Leser vergleicht die Kritik an Hundebesitzern, die ihre Hunde frei und ohne Maulkorb herumlaufen lassen, mit der Vernichtung von sechs Millionen Menschen. Entschuldigung: Das ist ein ungeheuerlicher Vergleich. Allerdings offenbar unter manchen Hundehaltern üblich, nicht nur in Wien: eine Berliner Freundin berichtete mir von Berliner Hundebesitzern, die im Zuge der Debatte über ein Verbot gefährlicher Hunderassen ihren Tieren Judensterne anhefteten. Zum Glück gibt es auch Hundehalter, die nicht mit religiösem Fanatismus auf Vorschläge reagieren, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Hunde optimieren könnten. Herrl und Frauerl H. sind ebenso meiner Meinung wie Hundebesitzerin Alexandra W., und es sei hier wieder einmal gesagt: Die meisten Hundebesitzer gehen verantwortungsvoll mit ihrem Tier um. Aber manche eben nicht. Und es sollte erlaubt bleiben, das zu kritisieren.
Eh klar, sind nicht die Hunde schuld. Es liegt an den Besitzern, es liegt immer an den Besitzern, wenn etwas passiert. Wenn ständig wieder etwas passiert. Schon geht es los mit der Fragerei: Wie gehen wir damit um? Tolerieren wir, dass immer wieder etwas passiert? Legen wir das in der Schublade mit den minderen, überschaubaren Risiken des Alltags? Oder in die mit den intolerablen Vergehen? Wir haben Gesetze, an die Hundebesitzer sich zu halten haben: Die Pflicht, das Tier artgerecht zu halten. Leinenpflicht, Beißkorb-Pflicht, die Pflicht, die Hinterlassenschaften ihrer Hunde von öffentlichen Plätzen zu entfernen. Nur: Man nimmt es nicht immer so genau. Unter anderem deshalb, weil, wie man aus nebenstehender Geschichte erfährt, die Polizei nicht wirklich willig sei, sich um Hundehalter zu kümmern. Die Gefahr, belangt zu werden, ist also eher gering. Wo sich die steuerzahlende, von unangeleinten Hunden bedrohte Autorin eben mal fragt: Ach ja? Darf sich die Polizei aussuchen, gegen welche Gesetzesbrecher sie gerne vorgeht und gegen welche nicht? Gibt es in den Wachzimmern eine Liste von Lieblingsverbrechen, um die man sich gerne kümmert sowie von Vergehen, über die man hinwegsieht? Zur Erinnerung: Es geht hier um Gesetzesverstöße mit mitunter tödlicher Konsequenz. Was das Vertrauen der Bevöllkerung in seine Kontrollorgane nicht eben stärkt. Und schon gar nicht das Schuldbewusstsein der Hundehalter: Denn was nicht bestraft wird, ist wohl auch nicht richtig verboten. Auch deshalb bin ich eine entschiedene Anhängerin des Hundeführerscheins. Damit Hundehalter wenigstens einmal erfahren, was sie dürfen. Und was sie müssen.
Nachdem die österreichischen Töchter sich jetzt wiederholt belehren lassen mussten, es gäbe beileibe wichtigere Probleme, als sie in die Bundeshymne aufzunehmen, wollte man sie jetzt zum Bundesheer locken. Mit Hilfe eines Werbespots, der die emanzipatorische Zurückgebliebenheit Österreichs ungeheuer drastisch dokumentiert. Und dessen aufdringliche Amateurhaftigkeit so viel Hohn und Spott auf sich zog, dass das Heer das Video umgehend wieder aus dem Netz nahm. Man kann den Spott-Spot aber auf youtube – Stichwort: Bundesheer 4U – anschauen und tausendfach auf Facebook, wo er begeistert und fassungslos kolportiert wurde. Und das Anschauen lohnt sich: Allmächtiger! Wem fällt so etwas ein? Wer schreibt so etwas? Wer nimmt so etwas ab? Wer gibt so etwas frei? Und wer bezahlt so etwas? Die ukrainische Armee. Das österreichische Bundesheer hat den dilettantischen Schwachsinn dann einfach nur noch praktisch eins zu eins nachgedreht. Dabei sah schon das Orignal so aus, als hätte der geistesgestörte Neffe eines Generals nach seinem Rausschmiss aus Filmschule und Werbe-Praktikum dringend eine Beschäftigung gebraucht. Waren wir in der Evolution nicht eigentlich schon ein ganzes Stück weiter? Wenn man sich den Bundesheer-Spot anschaut, bekommt man daran starke Zweifel. Schon die Idee hinter dem Film ist betörend paradox: Die Erhöhung der Frauenquote im Bundesheer mit den Mitteln des Sexismus. „Wir wollen mit große Dinger fahren!“ ruft eine der vier Frauen, die am Ende einem Panzer hinterherlaufen. Wenn man das gesehen hat, ist man ehrlich dankbar, dass man nur in der Bundeshymne nicht vorkommt. Denn wir haben viel schlimmere Probleme, stimmt.
Opernball ist auch schon bald. Ich gehe auch heuer nicht hin, beziehungsweise wie immer in Jogginghosen und Patschen, via TV. Dafür habe ich mich auf einen maskierten Gschnas einladen lassen: Allerdings hatte ich einen unaufschiebbaren Termin vergessen und erspare mir damit auch heuer, mich in ein Flugbegleiterinnenkostümchen aus 100 Prozent Polyester zu zwängen oder mich als Stehlampe zu verkleiden. Immerhin: Meine Entscheidung, mich ausnahmsweise in lustiges Gewand zu hüllen, hätte ich zumindest eigenmächtig gefällt. Während Legionen bedauernswerter Verkäuferinnen und Verkäufer auch heuer wieder mit lustigen Hütchen, Perücken und Clownnasen zwangsentstellt werden. Und mit „Hossa-hossa“-Partymusik beschallt – obwohl, das war ja geradezu würdevoll im Vergleich zu dem, was heutzutage als lustige Musik gilt. Immerhin, die Leute könnten argumentieren, dass, leider, für heuer keine Faschingskostüme mehr erhältlich seien, weil die Geschäfte jetzt Bademoden und Grill-Party-Bedarf im Sortiment führen, ist ja logisch. So wie ich letzte Woche erst im dritten Laden Kinder-Skihosen auftrieb, was Körbe voller So-gings-mir-auch!-Mails zeitigte. Denn es gibt unter den Leserinnen und Lesern offenbar zahlreiche Nulpen wie mich, die ebenfalls nicht im Spätsommer ihren Skibedarf erwarben: Leser Martin H. brauchte deshalb jetzt drei Tage und sieben Geschäfte, bis er eine Skihose für seine Tochter fand. Während Leserin Petra K. schon im November keine Skianzüge mehr für ihre Kinder auftrieb. Aber sie hat einen guten Tipp für alle, die auch jetzt noch keine haben: Gehen Sie in die Second-Hand-Läden. Dort gibt’s merkwürdigerweise im Winter noch Wintersachen.
Zuerst die gute Nachricht: Die P.S.K. kassiert keine Gebühren mehr für Haiti-Spenden. Noch am Tag, an dem hier diese Praxis kritisiert wurde, traf ein Mail der P.S.K. ein: Es sei bereits beschlossen worden, wie schon bei früheren Spenden-Gelegenheiten auf die Gebühren zu verzichten. Die bereits verrechneten Entgelte würden den Erdbeben-Opfern gespendet. Sehr gut.
Und jetzt die schlechte: Mir ist kalt. Ja, völlig richtig, nach der Eröffnung ist das nicht nur ein minderschweres, sondern ein vollumfänglich marginales Problem. Dennoch: Mich friert.
Was tun? Hmm. Warme Musik hören; Dylan vielleicht, „Blood On the Tracks“ vielleicht, oder die schönen Bootlegs auf „Tell Tale Signs“. M. Ward oder Ryan Adams. Ryan Adams geht immer, Bright Eyes auch. Mark Olson und Gary Louris, Cat Power, Beirut, und, weil es gar so bitter kalt ist, „April Come She Will“ von Simon & Garfunkel und „America“. Und die neue Tindersticks. Und die neue Get Well Soon. Und die neue Robert Rotifer. Und die neue Richard Hawley; und die alte. Und alles von Ann Peebles. Und alles von Al Green.
Und heiße, scharfe Suppe essen. Und literweise Tee mit Ingwer trinken. Und sich nicht zu jung dafür sein, eine Wärmeflasche auf dem Bauch zu plazieren. Und Lammfellpatschen tragen, was heißt: Lammfellstiefel, über die von der Mama gestrickten Socken. Und unter die Decke kriechen. Und Urlaubsfotos anschauen, aber nicht die von der Hundeschlittentour am Polarkreis, sondern die mit den fetten, grünen Almen. Und die mit dem warmen, blauen Meer. Und die, auf denen man die Hitze so richtig flimmern sieht. Und überhaupt an den Sommer denken, und an noch etwas Schönes.
Wird schon wärmer; ja, wird schon wärmer.
Die Bundeshymne: Ist das nicht das Lied, das Fussballer bei Länderspielen gemeinsam nicht singen, weil sie es nicht können? Für ein Lied, das ein Großteil der östereichischen Bevölkerung nicht kann, ist die Bundeshymne in den letzten Tagen ganz schön auffällig geworden: Wegen der Töchter, die man jetzt dazugedichtet hat, und die Christina Stürmer dazusang. Große Aufregung, Klagsdrohung, Skandal: Wobei mir der Umstand, dass Stürmer – im Auftrag des Bildungsministeriums – die österreiche Bundeshymne in radikalem Preussendeutsch intontiert, weitaus skandalträchtiger zu sein scheint. Doch wenn im Zusammenhang mit der Bundeshymne schon so erbittert über das Wie gestritten wird, kann man auch gleich einen Schritt weitergehen, und nach dem Ob fragen. Nämlich, ob etwas derartiges wie ein gemeinsames National-Lied heutzutage überhaupt noch eine Bedeutung hat. Und wenn ja für wen. Moooment, nein, ich will hier keineswegs die Abschaffung der Bundeshymmne anregen. Aber wem gehört das Lied? Und was soll es bezwecken? Es gehört allen Österreicherinnen und Österreichern und soll ihr Gemeinschaftsgefühl wecken und stärken. Was natürlich eine weitere Frage aufwirft: Ob das von einem Lied nicht eh zu viel verlangt ist. Aber wenn man es schon verlangt, dann wäre es doch überaus hilfreich, das Lied so zu formulieren, dass sich alle Mitglieder der identitätssuchenden Gemeinschaft darin vorfinden. Also, bitte, lasst die Töchter herein. Und lasst auch die Chöre in der letzten Strophe freudig – bzw. freud’g – statt nur brüderlich erklingen. Dafür motschgern wir auch nicht am „Vaterland“ herum, versprochen.
Kaum jemand, der jetzt noch nicht für die Erdbebenopfer in Haiti gespendet hat. Leser Werner M., wollte das auch und beteiligte sich an der KURIER-Caritas-Spendenaktion. Er ging zur PSK und überwies seine Spende an die Caritas, und was erlebte er dabei? Dass die PSK-Bank von Werner M.s Spende tatsächlich 55 Cent Gebühren einbehält. Bzw. er die 55 Cent extra bezahlte. Die Frage, ob das ernst gemeint sei, wurde Herrn M. positiv beschieden: was ihn empört. 2004, nach der Tsunami-Katastrophe, verzichtete die Bawag-PSK auf Gebühren auf Spenden. Es ist schwer zu begreifen, dass sie nun am Leid der Opfer der Katastrophe von Haiti etwas verdienen will. Harscher Themawechsel. Denn ihrer Autorin sind in den vergangenen Tagen zwei Fehler unterlaufen, ein lässlicher und ein peinlicher. Fehler Nr. eins: Bei dem Werkzeug, das der FPK-Chef am Ende des Parteitags in Händen hielt, handelte es sich, wie zahlreiche Leserinnen und Leser anmerkten, nicht um eine Spitzhacke, sondern um einen Eispickel, im Verein mit einem Hanfseil ein Symbol für Kamerad- und Seilschaft. Kann allerdings, wie die Geschichte beweist, ebenfalls zur Waffe umgedeutet werden; siehe Trotzki. Der zweite Fehler unterlief mir bei meiner Tatort-Kritik, die unter der Leserschaft erbitterte Ablehnung und euphorische Zustimmung hervorrief und nichts dazwischen. Der Konschtanz-Tatort, Sie erinnern sich: ich behauptete, die Schauspieler schwäbelten unerträglich. Das ist nun ein mörder peinlicher Fehler für eine, die aus eben der Gegend – halt von rechts unterhalb des Bodensees – stammt und also, genauso wie die Bewohner von Konstanz, eine Alemannin ist. Wenn das bloß meine Mutter nicht erfährt.
Die Debatte um Eberau und die Inhaftierung von Asylwerbern hat wieder einmal gezeigt, wie dringend es ein Staatssekretariat für Integration und Asylfragen braucht. Im Innenministerium von Maria Fekter sind diese Themen nicht gut aufgehoben: Fekters Umgang mit Asylwerbern nimmt immer deutlichere Züge echter Feindseligkeit an. Sie geht so leidenschaftlich aggressiv gegen Asylwerber vor, dass man sich allmählich fragt, ob das noch professionell ist. Oder ob ein Asylwerber ihr persönlich etwas angetan hat: Vielleicht hat sie ja den, der ihr damals das Handtaschl gefladert hat, eindeutig als Asylsuchenden identifiziert, und anstatt effizient gegen die Einbruchskriminalität loszugehen, müssen jetzt Asylwerber daran glauben. Lenkt erstens von den wenig dekorativen Resultaten bei der Einbruchsbekämpfung ab. Ist zweitens viel einfacher, wenn sich der Gegner nicht versteckt, sondern man ihn vorführen kann: Da isser, fremd schaut er aus. Und es hat drittens einen viel höheren Populismusquotienten, denn es ist ja doch angenehmer, wenn man in der Pressestunde mit originellen Ideen auftrumpfen kann, als wenn man in der ZiB2 keine hat, wie man etwa mit den Einbrechern fertigwerden soll. Fekter kriminalisiert sehr erfolgreich die Asylsuche als solche und denunziert damit relevante, international anerkannte Asylgründe wie etwa politische Verfolgung. Bei jenen Volksgruppen, die nur einfache Botschaften verstehen, kommt das natürlich gut an; Asylwerber böse: passt. Ist so schön einfach. Versteht jeder. Braucht man nix differenzieren. Es braucht dringend ein Ressort für Asylfragen, das Asylpolitik wieder ojektiviert. Dringend.
Auf der Suche nach gutem TV stieß ich am Sonntag irrtümlich auf „Im Zentrum“. Kurz hineingeschaut, viele rechte Herren erblickt, die über ihre Probleme mit sich selbst und untereinander redeten, und gleich erkannt: Ah, der ORF will mich nicht. Folgsam weitergezappt und dann aufgegeben, ich habe ja eh gerade ein großartiges Buch in Lektüre: Edward St. Aubyns „Muttermilch“, wo es zwar ebenfalls um Männerprobleme geht, aber um solche, die mich interessieren. Warum macht sich der ORF die Mühe, eine teure Sendung auszustrahlen, deren mittlerweile einziges Ziel die aggressive Publikumsvertreibung zu sein scheint? Baba! Alle! Vor allem: Pfiat eich die Madln! Braucht’s ja nicht. Ein paar „In Zentrum“-Ankündungen der letzten Monate: „Sonderfall Kärnten: Haiders Erben auf dem Weg in die Sackgasse? Es diskutieren u.a. der Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler (BZÖ), Wirtschaftsexperte Gottfried Haber und Christian Rainer (Profil)“. Oder: „Über die aktuellen Turbulenzen bei der AUA diskutieren Niki Lauda (angefragt), Flugunternehmer, Alfred Junghans, AUA-Betriebsrat und ÖIAG-Aufsichtsrat, Mario Rehulka, der ehem. AUA-Vorstand und Präsident des Österr. Luftfahrtverbandes, Kurt Hofmann, Luftfahrtexperte, Hans Schmid, ehem. AUA-Aktionär.“ Oder: „Österreichs Wirtschaft bricht ein - leichte Hoffnung erst für 2010. Es diskutieren Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ), Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP), Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts Karl Aiginger und Johannes Kopf (AMS).“ Wecken Sie mich bitte morgen um 6 Uhr 20. Oder ich schalte um auf den „Columbo“ am Einser. Sogar der ist zuverlässig spannender als „Im Zentrum“.
Am 19.5. 2006 bezahlte Klara K. – sie hat die Rechnung noch – dem freundlichen Herrn vom Waschmaschinen-Service 64,80 Euro für die Mitteilung, ihre Waschmaschine sei defekt. Und jetzt? Irreparabel defekt, da müssen Sie wohl eine neue kaufen. Ja, bravo. Am 29.5.06 wurde – Klara K. hat den Lieferschein noch – eine neue Elektra Bregenz Waschmaschine geliefert; Kaufpreis 499 Euro, inklusive Liefer-Zuschlag und Altgeräte-Rücktransport: 558,79 Euro. Letzten Freitag, am 8.1. 2010, erschien ein Elektra-Bregenz-Techniker, griff in die Maschine, drehte die Trommel zwei Mal rundherum, blickte traurig und kassierte – Klara K zürnt noch immer über der Rechnung – 85,20 Euro für die Auskunft „Lager defekt, Reparatur unrentabel“. Natürlich wurde Klara K. nicht einmal ausgelacht, als sie bei der Service-Abteilung von Elektra-Bregenz anrief, sich über die Halbwertszeit ihrer Waschmaschine beschwerte und fragte, was man da zu tun gedenke. Ja, nichts natürlich, die Gewährleistung war doch längst abgelaufen. Kulanz? Was für eine Kulanz? Ja, eh klar, war ein Versuch. Aber hielten Waschmaschinen, fragt sich Klara K., früher nicht 15, 20, ja manchmal 30 Jahre lang durch? Warum tun sie das heutzutage nicht mehr? Und warum sind Reparaturen so teuer, dass sie sich für die Kunde niemals rentieren, so dass man die Trümmer jedes Mal abtransportieren, wegschmeißen und entsorgen muss? Am 9.1. bezahlte Klara K. für die neue Waschmaschine (anderer Hersteller, na sicher), Lieferung und Anschluss 437,99 Euro. Den Lieferschein wird sie – man wird sehen, wie wenige Jahre diesmal – sicher verwahren. Auch wenn es sowieso keinen Sinn hat.
Der Fall Kampusch ist also abschlossen. Der Endbericht ist da, und damit ist alles erzählt, was es, im Sinne der Staatsanwaltschaft, zu erzählen gibt. Das ist auf vielen Seiten nicht viel neues: Ermittlungspannen werden eingeräumt, die Einzeltäter-Theorie wird betoniert.
Natürlich wird das weitere Spekulationen nicht verhindern. Die Außerordentlichkeit des Verbrechens an Natascha Kampusch trägt dazu ebenso bei, wie die merkwürdigen Aussagen von Ludwig Adamovic, dem Leiter der Evaluierungskommission und das ambivalente Verhältnsi des Opfers zur Öffentlichkeit.
Natascha Kampusch war, wie nicht nur ihr eigenes anhaltendes Leiden, sondern auch der völlig andere Umgang mit den Opfern von Josef Fritzl zeigte, von Beginn an schlecht beraten: Die konzentrierte öffentliche Neugier fokussierte gleich auf das Opfer, dass sich bis heute nicht recht entscheiden kann, ob es seine Traumata aus der Isolation seines achtjährigen Gefangenschaft öffentlich oder ganz für sich verarbeiten will. Kampusch befeuert diese Neugier selbst immer wieder, indem sie die Hoffung der Medien, dass bei ihr doch noch etwas Neues, Sensationelles zu holen sei, periodisch durch Interviews nährt.
Ganz anders verlief der ansonsten ähnlich gelagerte, aber noch grausigere Amstettner Kriminalfall; unter anderem deshalb, weil es da einen lebendigen, angemessen diabolischen und letztlich seiner Strafe zugeführten Täter gab, an dem sich die Öffentlichkeit abreagieren konnte. Und weil man die Opfer, soviel hatte man aus demFall Kampusch gelernt, von der Neugier der Öffentlichkeit entschieden und erfolgreich abschirmte, bis deren Interesse nach dem schnellen, kurzen Gerichtsverfahren allmählich erlahmte.
Diese Glück hat Natascha Kampusch nicht. Der Fall ist abgeschlossen, aber ihre Geschiche ist wohl nie vorbei.
Leser Florian K. ist an einem Einkaufstag mit seinem kleinen Neffen im ersten Bezirk unterwegs, als der Bub ganz dringend auf die Toilette muss. Also geht K. mit dem Kind in das Hotel am Stephansplatz (Eigenwerbung: „Es gefällt, Sie werden sich wohlfühlen!“), das man eben passiert, erklärt das Problem und bittet darum, mit dem Buben ein WC aufsuchen zu dürfen. Der Bescheid: abschlägig, dafür dekoriert mit dem bekannten Wo-kämen-wir-da-hin-wenn-wir-jeden...-Hinweis. In der U-Bahnstation Stephanplatz darf das Kind das WC dann sogar gratis benützen. Dafür hat mir Leserin Emma B. anlässlich der Postbus-Geschichte von letzter Woche eine zwar nicht ganz aktuelle, aber ganz andere Postbus-Geschichte erzählt. Ihr Sohn, damals Volksschüler, war in den falschen Bus gestiegen, der ihn statt nach Rehberg nach Gföhl fuhr. Der Bub bemerkte das zwar, aber in seiner Schüchternheit sagte er nichts, sondern blieb bis zur Endstation einfach sitzen. Der Busfahrer, der eigentlich schon frei hatte, entdeckte das ratlose Kind: Er nahm sein Handy, rief die Mutter des Buben an und teilte seine Jause mit ihm, bis die eintraf. Auch Jutta O. aus Oberwart, Mutter von siebenjährigen Drillingen, hat nicht nur gute, sondern sehr gute Erfahrungen mit den Postbus-Chauffeuren, die ihre Kinder täglich fahren: „Niemals“ schreibt sie, würde einer dieser stets freundlichen Fahrer ein Kind nicht mitnehmen, weil es seinen Ausweis vergessen hat. Sondern die fragen, erzählt Frau O., sogar nach, wenn eines der Kinder, die sie täglich befördern, einmal fehlt. Wofür sie ihnen gern ein großes Lob aussprechen möchte: dem man sich gerne anschließt.
Jetzt fanden, Halleluja!, die ersten Verpartnerungen (ein Bastard, dieser neue Begriff, aber ein gelungener, brauchbarer) statt. In Wien: feierliche Zeremonien in festlichem, offiziellen Rahmen. Denn hier dürfen sich homosexuelle Paare überall dort verpartnern, wo andere Paare heiraten dürfen. Und zwar, wer das will, mit dem gleichen feierlichen Pomp und Juchee, auf dass der Tag für alle Beteiligten unvergesslich bleibe. Ein Lob der großen Stadt! In der dergleichen Liberatlität ungeniert gepflogen wird. Erstens einfach so, zweitens weil es den gesellschaftlichen Realitäten entspricht. Drittens um die Ungerechtigkeiten des neuen Homo-Partnerschaftsgesetzes ein wenig auszugleichen. Denn das wirft sich bekanntlich entschlossen vor die Tore der österreichischen Standesämter, auf dass diese lesbischen und schwulen (pfui!) Paaren auch weiterhin verschlossen bleiben. Zum Beispiel in Graz, das ihren homosexuellen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, Wählerinnen und Wählern, Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern eine feierliche Zeremonie verwehrt. Nein, unserern Trauungssal kriegt ihr nicht! Grad extra! Das ist unnett, kleinlich, kleingeistig und schäbig. Und wie auch in Vorarlberg, wo man Verpartnerungen offenbar gar nicht durchzuführen bereit ist, kommt das ausgerechnet von jener Partei, die sich christlichen Werten wie Verantwortungsbewusstsein und Nächstenliebe verpflichtet fühlt, aber halt – über das Gesetz hinaus – mitbestimmen will, wer und wie dieser geliebte Nächste zu sein hat. Was diese Paare, zumindest viele von ihnen, tun werden, ist klar: Die zelebrieren ihre Verpartnerung eben feierlich in Wien. Wo sie erwünscht und willkommen sind. Ja, gut so.
Die Regierung sollte sich fürs neue Jahr u. a. das Studium der Himmelsrichtungen (Nie Ohne Seife Waschen) verordnen, mein ganz persönlicher Vorsatz lautet hingegen: zählen lernen. Ja, Sie zahlreichen, aufmerksamen Leser (wirklich, nur: Leser), Sie haben völlig Recht, das war Unsinn, dass am 1. Jänner das neue Jahrzehnt anfing, das tat es überhaupt nicht. Das fängt erst nächsten 1. Jänner an, denn ordnungsgemäß zählen wir von Eins weg und nicht von Null. Das Jahrzehnt, dass ich hier fälschlicherweise abschloss, war ein gefühltes Jahrzehnt, ein Bauchjahrzehnt quasi, während die Kopfdekade korrekterweise noch ein ganzes Jahr andauert. Ok. Und hierfür gleich noch ein weiterer Vorsatz, den ich, völlig eigennützig, sehr gern verallgemeinert seherte: Nett sein, netter werden. Denn nett ist (ich entschuldige mich bei der feinfühligeren Leserschaft, aber exakt so geht nun mal der momentan viel bemühte Spruch), nett also ist mitnichten die Schwester von scheiße. Nett ist mit der inkriminierten Materie nicht einmal entfernt verwandt, es gäbe, tatsächlich, einige einschlägige Verwandte, die man hier aufzählen könnte, aber nett ist definitiv nicht darunter. Nett ist, wenn überhaupt, eine Tochter von positiv, die Schwester von freundlich und zuvorkommend, eine Cousine von heiter und tolerant und eine Nichte von gelassen. Überdies steht nett in einer ernsthaften Liaison mit Gutmensch, der gleichfalls völlig zu unrecht in Verruf geraten ist. Denn gäbe es mehr Paare wie Nett und Gutmensch, wäre die Welt ein freundlicherer, besserer und gerechterer Ort. Lasset uns also nett zueinander und zu anderen sein; denn Nettigkeit vermehrt und potenziert sich und kehrt zurück. Genau wie Aggression; nur: Es ist sehr viel angenehmer.
Bevor ich mich hier inbrünstig in eine pathetische Eloge auf die Nullerjahre werfe und das neue Jahrzehnt in ein euphorisch-optimistisches Visier nehme, noch ein kurzer Nachtrag zur gestrigen Kolumne. In der wies ein Postbusfahrer Sechs- und Siebenjährige, die ihre Freifahr-Ausweise vergessen hatten, bei Minusgraden aus dem Bus. (www.kurier.at, blogs) Ein paar Leser fanden, die Eltern hätten bitte dafür zu sorgen, dass die Kinder ihre Ausweise dabei haben: der Busfahrer habe zu Recht ein Exempel statuiert. Abgesehen davon, dass ich mich schon frage, wie es jemanden geht, der es richtig findet, sechsjährige Mädchen schutzlos auf der Straße ihrem Schicksal zu überlassen: Es besteht ein Beförderungsvertrag zwischen den Kindern – vertreten durch ihre Eltern – und der ÖBB-Postbus-GmbH. Diese Kinder fahren ja immer mit dem Postbus. Und der Busfahrer ist für die Kinder, die er befördert, mitverantwortlich – auch wenn ihnen etwas passiert, weil er die Beförderung verweigert. In Deutschland wurden zwei Kontrolleure suspendiert, die eine 12-jährige Schülerin an einer Station aus der S-Bahn wiesen, weil sie falsch gestempelt hatte. Die Deutsche Bahn entschuldigte sich: Es gebe eine strikte Anweisung, dass Minderjährige nicht aus Zügen geworfen werden dürften. Derlei fehlt bei den ÖBB offenbar. Und jetzt zum Pathos: geschafft! Das Jahr; das Jahrzehnt. Was sich, da es das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends war, irgendwie gewichtiger anfühlt als sonst. Wo war man nochmal zu Millennium? Wer war man zu Millennium? Und wer ist man geworden in diesen letzten zehn Jahren? Jetzt jedenfalls: auf ins neue Jahr! Prosit und alles: Möge 2010, Leserinnen und Leser, ein schönes, befriedigendes Jahr für Sie werden.
Stellen Sie sich vor, Ihr siebenjähriges Kind kommt nicht von der Schule nach Hause. Die Schule ist ein paar Kilometer entfernt, das Kind hätte den Post-Bus nehmen sollen, um 11.59 ab Maria Enzersdorf Schulplatz Richtung Gießhübl. Aber das Kind kommt nicht. Das passierte am 14. Dezember der Familie W. und mehreren anderen Familien. Denn der Fahrer des Busses hatte den 7-jährigen Sohn der W.s, fünf weitere Siebenjährige und eine sechsjährige Erstklässlerin unter Geschimpfe wieder aus dem Bus aussteigen lassen, weil die Kinder ihre Schülerfreifahr-Ausweise vergessen hatten. Der Busfahrer ließ die Kinder einfach unbeaufsichtigt an der Straße stehen und fuhr davon. Es hatte an diesem Tag minus zwei Grad Celsius. Keines der Kinder hatte ein Mobiltelefon dabei. Sie marschierten dann halt ganz allein Richtung nach Hause. Das Wort „skandalös“ wurde in dieser Kolumne noch nie verwendet, heute geschieht es: Der Vorfall ist skandalös. Das Verhalten des Busfahrers: skandalös. Das fand auch Herr W.. Er schrieb an die ÖBB-Postbus-Servicestelle eine Sachverhaltsdarstellung mit Ersuchen um Aufklärung, und erhielt bald eine Antwort. Man verstehe den Ärger, aber: „Der Fahrer hat sich in der Situation streng an die Dienstvorschrift gehalten.“ Denn er habe bei einer Kontrolle des Verkehrsverbundes „mit Konsequenzen zu rechnen, wenn er wissentlich Fahrgäste ohne gültigen Fahrausweis befördert.“ Man habe den Fahrer aber angewiesen, „mit Kunden in entsprechendem Umgangston zu kommunizieren.“ Die Dienstvorschrift der ÖBB-Postbus-GmbH verlangt von ihren Fahrern allen Ernstes, Erstklässler mit freundlichen Worten aus dem Schulbus zu weisen und ganz allein an der Straße zurück zu lassen? Skandalös.