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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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 moblog  picture - 17. June 2008 08:08 
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15.03.10

Wir machen die Mauer, wir halten dicht

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Die Reaktion des Vatikan zum Missbrauchsskandal entspricht genau der Bunker-Athmosphäre, in der er stattgefunden hat: Man schweigt sich aus. Das ist unsere Sache, das besprechen wir intern, geht keinen etwas an, niemand von außen hat sich einzumischen, wir machen die Mauer, wir halten still. Genau so entsteht auch das Umfeld, in dem etwas derartiges wie kollektiver Missbrauch und akzeptierte Misshandlung von Kindern überhaupt möglich wird: eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen und einer eigenen Weltanschauung, in der Dinge möglich sind, die draußen, im wirklichen Leben, verpönt und verboten sind. Eines dieser eigenen Gesetze heißt Zölibat: eine Lebensform, deren Regeln nicht unbedingt der Natur des Menschen entsprechen. In diesem Zusammenhang ist die auch Haltung der Kirche zur Homosexualität interessant, und zwar doppelt. Denn Homosexualität habe, heißt es von kirchlicher Seite her gerne, Gott in der Schöpfung nicht vorgesehen: die Menschen, Mann und Frau, seien dazu geschaffen, sich fortzupflanzen. Der Zölibat entspricht, wenn man sich dieser Sichtweise verschreiben will, wohl auch nicht den göttlichen Vorgaben, speziell wenn er seine Anhänger dazu treibt, sich an Minderjährigen zu vergreifen. Dafür ist sicher nicht nur der Zölibat verantwortlich zu machen; bekanntlich tun das, da es ja mehr mit Macht als Sex zu tun hat, auch nicht zölibatär lebende Männer. Aber Männer, die ihre Sexualität unterdrücken müssen, sind sicher gefährdeter – und wieder schützt sie das geschlossene System – ihre durch ein lebensfernes Reglement stillgelegten Triebe an denen auszuleben, die eigentlich ihres Schutzes bedürften. Die Abschaffung des Zölibats, Peter Rabl hat es gestern an dieser Stelle geschrieben, wäre ein wichtiger Schritt zur Verhinderung weiterer Opfer. Verjährung oder nicht? Ein anderer Schritt, aktuell sowohl in Deutschland als auch hierzulande erwogen, ist die Aufhebung oder Verlängerung der Verjährungsfristen für Kindesmissbrauch. Der Schriftsteller Josef Haslinger, selbst ein Opfer des Missbrauchs durch katholische Pater, der sich aber nicht nur als Opfer sehen möchte, äußert sich dazu in einem bemerkenswerten Beitrag für die deutsche Welt. Er warnt davor, „jetzt eine Hexenjagd“ zu inszenieren. Es habe „einen guten Sinn“ dass es im Gesetz Verjährungsfristen gebe. „Das Hauptaugenmerk kann doch nicht Tätern gelten, deren Straftaten verjährt sind“, schreibt Haslinger: „Das Hauptbestreben der derzeitigen Thematisierung von Pädophilie und Pädosexualität muss es sein, heutige Fälle aufzudecken und künftige zu verhindern.“ Die Opfer aber hätten einen uneingeschränkten Anspruch auf Aufarbeitung der Geschichte. Und genau hier müssen sich jetzt vor allem der Vatikan und der Papst bewegen. Denn eines ist sicher: Nur die schonungslose Offenheit, nur die Wahrheit wird auch die innerkirchliche Realität verändern. Und eine Veränderung ist unumgänglich.
13.03.10

Am Beispiel Vorderdings

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Ihre Kolumnistin lernt gerade die Eigenheiten ihrer schönen Nebenwahlheimat Niederösterreich kennen. Und ist, siehe letzte Kolumne, ein wenig verwundert über die Direktwahl-Besonderheiten bei den Gemeinderatswahlen. Was Leser-Reaktionen bewirkte: Einige zeigten sich über die niederösterreichischen Demokratie-Spezialitäten gleichfalls irritiert, andere schimpften mich „ahnungslos“, reimten mir „Gepolter“ an und begrüßten die Regelung. Eine Gemeinderätin berichtete mir, was das System in der Praxis bewirkt – und um das zu veranschaulichen, erfinden wir hier einmal eine niederösterreichische Gemeinde. Nennen wir sie Vorderdings. In Vorderdings gibt es 70 Wahlberechtigte, und die sind mit ihrem Bürgermeister so zufrieden, dass er von 60 der 70 wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern wiedergewählt wird. Von den 60 haben – und genau das komme, berichtet die Gemeinderätin, in der Realität ständig vor – 20 nicht nur mit dem amtlichen Stimmzettel gewählt, sondern auch noch den Direktwahl-Zettel dazugesteckt. Bei der Auszählung werden nun alle Kuverts aus- und alle Zettel auf einen Haufen geleert. Die Auszählung ergibt: Von den 70 wahlberechtigten Vorderdingsern haben 90 – amtlich und direkt – gewählt, zehn davon stimmten für die andere Partei: 80 der 70 Wahlberechtigten wählten also den Bürgermeister. 114 Prozent: Das ist ein Resultat, das normalerweise nicht einmal von Diktatoren totalitärer Ein-Partei-Regime erreicht wird. In weniger zivilisierten Ländern mit Demokratie-Defiziten würde eine Wahl mit einem derartigen Ergebnis von OSZE-Wahlbeobachtern vermutlich als ungültig betrachtet werden. In Niederösterreich geht so etwas.

SOS Mitmensch
13.03.10

Kandidat sticht Partei

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Ihre Kolumnistin lernt gerade die Eigenheiten ihrer schönen Nebenwahlheimat Niederösterreich kennen. Und ist, siehe letzte Kolumne, ein wenig verwundert über die Direktwahl-Besonderheiten bei den Gemeinderatswahlen: die Kandidaten können Direktwahlstimmzettel mit nur ihrem Namen darauf ausgeben, auf denen man nichts mehr anzukreuzen braucht und die den amtlichen Stimmzettel ersetzen. Was Leser-Reaktionen bewirkte: Einige zeigten sich über die niederösterreichischen Demokratie-Spezialitäten gleichfalls irritiert: das sei „obskur“, und „verunsichernd“. Andere schimpften mich „ahnungslos“, reimten mir „Gepolter“ an und begrüßten die Regelung: Das sei bitte die niederösterreichische Wahlordnung und gut so, und jegliche Verwunderung darüber sei höchst unangebracht. Was noch interessant ist an dem System, und es ist gut, wenn Neo-und Nebenniederösterreicher wie ich das wissen: Man sollte sich besser entscheiden, ob man den amtlichen Stimmzettel verwendet oder den Parteienstimmzettel, also den Direktwahlzettel mit dem Namen eines Kandidaten darauf. Wenn man beide hineinsteckt, ist das kein Problem, so lange das Kreuz auf dem amtlichen und die Partei des direkten übereinstimmen. Wenn man aber auf dem amtlichen Stimmzettel die Partei ankreuzt, die man z. B. bei Nationalratswahlen favorisiert, aber noch den Direktwahlzettel des Bürgermeisters einer anderen Partei dazu steckt – beispielsweise als, wie ein Leser mailt, „Ausdruck der Wertschätzung“ – sticht der Direktwahlzettel den amtlichen Stimmzettel: der verliert seine Gültigkeit und die Stimme geht an die Partei des Bürgermeisters. Puhh, Demokratie ist schwer.
11.03.10

Demokratie, leicht gemacht

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

So, zugeklebt, fertig, muss nur noch in die Post. Ihre Autorin, Neben-Niederösterreicherin, hat gerade gewählt: Entschied sich für eine von zwei Parteien und vergab ihre Vorzugsstimme. In vielen niederösterreichischen Gemeinden wird einem diese Entscheidung erleichtert. Leser R. aus Langenlois etwa erhielt einen Brief seines ÖVP-Bürgermeisters: Es sei kommenden Sonntag eine wichtige Entscheidung für die nächsten fünf Jahre zu treffen, man habe viel geleistet. Wahlkampf halt, und im üblichen Ton geht es weiter, Werbung um die Stimme und so fort. Interessant wird’s beim P.S. ganz unten, da fand Herr R. nämlich diesen Satz: „Mit den beiliegenden Stimmzettel ist es möglich, mich direkt zu wählen, dieser ersetzt den amtlichen Stimmzettel. Herzlichen Dank!“ Und dieser Stimmzettel enthält dann, zwischen den Hinweisen „ersetzt den amtlichen Stimmzettel“ und „Bitte stecken Sie diesen persönlichen Stimmzettel bei der Gemeinderatswahl am 14. März 2010 ins Wahlkuvert. Danke.“ nur noch in fetten Versalien den Namen des Bürgermeisters. Ankreuzen nicht mehr nötig. So erleichtert man dem Wahlvolk die Demokratie. Service an den Bürgerinnen und Bürgern, denen man das verwirrende Auswählen und quälende Kreuzerl-Malen abnimmt. Von niederösterreichischen Kolleginnen höre ich, das sei in ihren Orten auch so üblich. Und als Nicht-Juristin würde ich gerne wissen: Sieht das österreichische Wahlgesetz vor, dass Bürgermeister einfach eigenmächtig den amtlichen Stimmzettel durch einen Zettel mit nur ihrem Namen darauf ersetzen dürfen? Oder ist das einfach Usus, den man gegenseitig toleriert? Demokratie: langweilig wird sie nie.
10.03.10

Vater sein dagegen sehr

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Anlässlich des Frauentags las der Kollege H. im KURIER diesen Satz der ÖVP-Parlamentarierin Silvia Fuhrmann: „Wenn ein Mann einfach nicht in Karenz gehen will, kann auch die Politik nichts tun.“ Und er erzählte dann folgendes: Im Jänner bekamen der Kollege und seine Freundin ihr erstes Kind: einen Sohn. Und gleich, nachdem dieser auf die Welt kam, bekamen die beiden schon im Krankenhaus eine Sozialberatung der Wiener Mag 11, auch bekannt als: Amt für Jugend und Familie. Der Kollege H., ein wacher, aufgeschlossener junger Vater, berichtete der Sozialarbeiterin von seinem Plan, ein paar Monate in Karenz gehen zu wollen; also konkret: vier Monate von insgesamt 14 in der einkommensabhängigen Kindergeld-Version. Was meinte dazu die Sozialarbeiterin? Die Sozialarbeiterin meinte, das sei keine gute Idee. Der Kollege habe erst kürzlich eine Anstellung gekriegt? Dann rate sie ihm eher davon ab, in Karenz zu gehen; denn auch wenn Chefs sagten, man könne danach zurückkommen, sei das keineswegs immer sicher, und in Zeiten wie diesen sei eine Anstellung doch viel Wert. Stattdessen riet die Frau H.s Freundin, die längstmögliche Karenzvariante in Anspruch zu nehmen, damit habe man die größte Sicherheit. Die Höhe des Verdiensts der jungen Mutter oder das Karriere-Risiko , das sie mit 14 Monaten Karenz eingeht, interessierte die Frau von der Mag 11 nicht. Und ließ die jungen Eltern verdattert zurück. Und die, beide Akademiker, fragen sich nun, wie junge Eltern aus weniger bildungsnahen Schichten wohl auf so eine Beratung reagieren. Es ist nicht nur die Schuld der Väter, dass die Väter–Karenz so unpopulär ist.
09.03.10

Wie Missbrauch am besten funktioniert

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Das gab’s immer schon. Und jetzt wird – wenn nötig auch gegen den Widerstand der Kirche,– endlich auch darüber geredet, was in deutschen katholischen Internaten vorgefallen ist. Und vermutlich noch immer vorfällt. Der deutsche Missbrauchsskandal weist erstaunliche Parallelen zu einem österreichischen auf, nämlich jenem der Mühl-Kommune. Das beweist erstens, dass Kindesmissbrauch nichts mit Ideologie zu tun hat: Die 68er und ihre lockere Sexual-Moral sind an derartigen Vergehen keineswegs schuld. Überhaupt hat die Sache, wie auch Kollege Tartarotti schon deutlich formulierte, mit Sex eigentlich nichts zu tun. Es geht beim Kindesmissbrauch nur vordergründig um das Ausleben von Sexualität: Es geht um Macht und die billigste, brutalste Form ihres Missbrauchs. Die Parallelen zeigen zweitens, dass kollektiver Missbrauch in hermetisch geschlossenen Systemen am reibungslosesten funktioniert, deren Mitglieder sich ihre eigene Realität, ihre eigenen Codizi etablieren und legitimieren. Dass der Mensch – speziell der männliche – in von äußerer Kontrolle geschützten Labor-Sitationen dazu neigt, sich sein eigenes Wertesystem außerhalb der rechtlichen Normen und des sozialen Konsenses zu errichten. Frauen übernehmen in solchen Systemen – genauso wie beim innerfamiliären Missbrauch – häufig den traurigen Part der Komplizinnen, der Schweigerinnen und Wegschauerinnen, die sich in ihrer Machtlosigkeit so gemütlich eingerichtet haben, dass sie die Gewalt-Hierarchie nicht mehr sehen: Und die noch viel Schwächeren, die sie als Erwachsene zu schützen hätten. Da wie dort hielt die Schweigemauer über Jahre und Jahrzehnte. Jetzt stürzt sie ein: Und mit ihr hoffentlich das System dahinter.
08.03.10

Einmal im Jahr

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: „D ie Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ.“ Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statisken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weiter gehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z.B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so. Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm!, und jetzt zu Wichtigerem. Und genau das ist systemstabilisierend. Einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
08.03.10

Einmal im Jahr

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: „D ie Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ.“ Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statisken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weiter gehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z.B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so. Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm!, und jetzt zu Wichtigerem. Und genau das ist systemstabilisierend. Einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
06.03.10

Älter, milder, bärtiger

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Weil wir gestern übers Speiben sprachen: Das provokative Kokettieren einer Präsidentschaftskandidatin mit rechtsextremem Gedankengut verlängert den Brechreiz weit über die virale Infektion hinaus. Es ist das alte Dilemma: Einerseits kann man derartige Ungeheuerlichkeiten nicht unerwidert lassen, anderseits signalisiert jede Reaktion auch Gesprächsbereitschaft... Es ist ein ewiges Elend, dass diese Strategie immer wieder Erfolg hat. Auch deshalb dachte ich diese Woche lieber über Alex James nach. James war – und ist es bei Bedarf noch – Bassist der britischen Band Blur, die das Lebensgefühl, mit dem meine Generation erwachsen wurde, präzise, politisch und extrem erfolgreich in Popmusik übersetzte. (Oasis gaben die dumpfen, begabten Bauchmenschen, Blur die wachen, sensiblen Schlauköpfe.) Blur waren so etwas wie der kürzeste Weg von Punk zu Pop, mit allen exzessiven Begleiterscheinungen, die der Rock‘n‘Roll-Lifestyle so im Repertoire hat. Dafür wird man irgendwann zu alt und zu gescheit. (Naja, die meisten; Oasis nicht.) Damon Albarn, der geniale Blur-Frontman, rannte in die Welt hinaus und nahm von überall Sounds mit, die er in verschiedenen Formationen einbrachte. Gitarrist Graham Coxon wandelte solo und in der Kunst. Und Alex James wandte sich ab und zog aufs Land. Zog aufs Land, bekam fünf Kinder und begann auf seiner Farm Käse zu zu produzieren. Und schrieb darüber ein Buch, dessentwegen er jetzt Interviews gibt, und das Konzentrat ist: Der Mann hat wieder den richtigen Ort zur richtigen Zeit gefunden, den Ort an dem er ungestört älter, milder und bärtiger werden kann. Der Mann ist glücklich. Und er weiß, warum.
05.03.10

The Sound of Frühling

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Um fünf Uhr früh spieb das Kind zum vierten Mal, und als es wieder schlief, ging ich hinaus auf den Balkon, frische Luft atmen. Und dann hörte ich es. Die Vögel. Die Vögel sind wieder da. Wenn die Vögel wieder da sind, ist der Winter vertragsgemäß vorbei. Leider kommt der Lenz heuer nicht nur mit dem Geräusch zwitschernder Vögel, sondern mit (Achtung! Ab hier 50%iges Gustiositätsgefälle!) einem weiteren: Dem Sound von plötzlich sich entleerenden Mägen. Jeder um mich herum speibt, hat gespieben – oder wird demnächst speiben, weil er schon angesteckt wurde. Ich habe es gerade hinter mir und trachte jetzt, während ich das Kind versorge und tröste, allmählich meinen Kreislauf wieder... (Kurze Unterbrechung. Die Schule hat angerufen. Das andere Kind sähe so aus, als würde es gleich speiben und sei deshalb pronto abzuholen. Bin gleich wieder da.) Bin wieder da. Die Kinder sehen fern, um sich vom Bauchweh abzulenken, und wenn ich das oben erwähnten Geräusch vernehme, laufe ich los, um mütterlichen Beistand zu leisten und dann eiskaltes Wasser in klitzekleinen Schlucken zu verabreichen, wie es die Hausärztin meines Vertrauens empfohlen hat. Sie händigte mir zudem ein Rezept für eine Rossi-Kur aus (¼ l Schwarztee, ¼ l frischen Orangensaft, ¼ l abgekochtes Wasser und eine Prise Salz mischen, im Tiefkühlfach kühlen und eiskalt löffelweise über den Tag verteilt verabreichen), aber das akzeptieren meine nicht einmal, wenn ihnen brechschlecht ist. Hoffentlich wird es auch so besser. Dann geh ich hinaus auf den Balkon, nehme meinen Kreislauf langsam wieder in Betrieb und seh mir den Frühling an. Vielleicht zeigt sich ja ein Vogel.
05.03.10

The Sound of Frühling

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Um fünf Uhr früh spieb das Kind zum vierten Mal, und als es wieder schlief, ging ich hinaus auf den Balkon, frische Luft atmen. Und dann hörte ich es. Die Vögel. Die Vögel sind wieder da. Wenn die Vögel wieder da sind, ist der Winter vertragsgemäß vorbei. Leider kommt der Lenz heuer nicht nur mit dem Geräusch zwitschernder Vögel, sondern mit (Achtung! Ab hier 50%iges Gustiositätsgefälle!) einem weiteren: Dem Sound von plötzlich sich entleerenden Mägen. Jeder um mich herum speibt, hat gespieben – oder wird demnächst speiben, weil er schon angesteckt wurde. Ich habe es gerade hinter mir und trachte jetzt, während ich das Kind versorge und tröste, allmählich meinen Kreislauf wieder... (Kurze Unterbrechung. Die Schule hat angerufen. Das andere Kind sähe so aus, als würde es gleich speiben und sei deshalb pronto abzuholen. Bin gleich wieder da.) Bin wieder da. Die Kinder sehen fern, um sich vom Bauchweh abzulenken, und wenn ich das oben erwähnten Geräusch vernehme, laufe ich los, um mütterlichen Beistand zu leisten und dann eiskaltes Wasser in klitzekleinen Schlucken zu verabreichen, wie es die Hausärztin meines Vertrauens empfohlen hat. Sie händigte mir zudem ein Rezept für eine Rossi-Kur aus (¼ l Schwarztee, ¼ l frischen Orangensaft, ¼ l abgekochtes Wasser und eine Prise Salz mischen, im Tiefkühlfach kühlen und eiskalt löffelweise über den Tag verteilt verabreichen), aber das akzeptieren meine nicht einmal, wenn ihnen brechschlecht ist. Hoffentlich wird es auch so besser. Dann geh ich hinaus auf den Balkon, nehme meinen Kreislauf langsam wieder in Betrieb und seh mir den Frühling an. Vielleicht zeigt sich ja ein Vogel.
04.03.10

Kundendienst, so und anders

| Comments (0) | 03/10 | Kurier-Kolumne

Klara K. startet ihr MacBook neu: graue Fläche. Nichts. Bei dem Apple-Händler am Getreidemarkt, bei dem sie das MacBook vor zwei Jahren und drei Monaten gekauft hat, erklärt ihr ein Herr, der Kostenvoranschlag koste 66 Euro, und nein, keine Ahnung, was das Gerät haben könnte, aber vor in zwei Wochen sei nichts zu machen. Klara K. erklärt dem Mann, ihre Erwerbstätigkeit hänge von dem Gerät ab. Der Mann zeigt professionelles Desinteresse. Ob es denn einen Expressdienst gäbe? Ja, das koste 59 Euro extra. Der Mann ruft einen Techniker an, legt sein Ohr ans Gerät und bescheidet Frau K. dann: derzeit kein Expressdienst. Frau K. erklärt, dass sie in diesem Laden bereits zwei ibooks für je 1000 Euro gekauft habe, was dem Mann nicht gleichgültiger sein könnte. Klara K. zieht ab: Schön, dass es Unternehmen gibt, die es sich noch leisten können, auf Kunden zu verzichten. Klara K. geht dann zum Apple-Reparaturservice MyMac in der Margaretenstraße, und dort geschieht folgendes: Ein freundlicher Mitarbeiter hört sich ihr Problem aufmerksam an, fragt nach, sagt, was es sein könnte und dass es sich gewiss beheben lasse; eventuell sei sogar eine Kulanz von Apple drin. Der Kostenvoranschlag kostet zwar 86 Euro, aber die Frage nach der Reparatur-Dauer wird befriedigend beantwortet: zwei bis vier Tage. Noch am späten Nachmittag wird sie angerufen und das Problem wird ihr erklärt. Und schon am nächsten Tag bekommt Frau K. den Bescheid, das Gerät sei repariert, und sie habe Glück, das koste sie gar nichts, das Problem trete öfter auf, Apple mache das in Kulanz. Und so ist es auch. Sie bekommt sogar die 86 Euro zurück. Noch schöner, dass es auch Unternehmen gibt, für die das Wort Kundendienst kein Witz ist.
25.02.10

Was machen die da den ganzen Tag?

| Comments (1) | 02/10 | Kurier-Kolumne

Und jetzt zu etwas ganz anderem. Einer Sache, über die im Freundinnenkreis seit einiger Zeit diskutiert wird, ohne schlüssiges Ergebnis. Die Tiger-Woods-Geschichte nämlich, der Aufenthalt in der Sex-Klinik, diese traurige TV-Beichte, dieses mea culpa am Medien-Pranger. Tatsächlich ist so ein öffentlicher Kniefall doch etwas, was man sich in einer religiösen Diktatur erwarten würde, aber doch nicht im Land of the Free. Dem Land mit der blühenden Porno-Industrie. Und es ist schon absurd, dass etwas, das sich zwei erwachsene Menschen doch an und für sich untereinander ausmachen müssten, coram publico vor dem nationalen Moral-Gericht verhandelt wird. Was uns allerdings mehr interessiert: Was genau machen diese Männer in der Sex-Klinik? Sitzen die den ganzen Tag in Therapien, die sie mit der Idee versöhnen sollen, dass ein Leben ohne ständigen Sex mit wechselnden Partnern einen Sinn hat? Lernen sie Meditationstechniken, die ihnen zur besseren Kontrolle ihres primären Geschlechtsorgans verhelfen sollen? Wird ihnen Brom verabreicht? Testosteron abgesaugt? Der Freundinnenkreis ist zum Schluss gekommen: Wahrscheinlich spielen die Sexsüchtigen den ganzen Tag Karten. Und Playstation. Und Golf. Trinken mit den neuen Haberern, und unterhalten sich über die geilsten Automodelle. Surfen auf YouPorn. Üben gemeinsam eine schöne Sex-Beichte ein. Und trainieren den schuldsatten Blick der Läuterung, unter viel Schenkelgeklopfe der anderen Sexsüchtigen. Wir stellen es uns als eine Art Pfadi-Lager für große Buben vor. Haben wir hierzulande nicht. Hierzulande kann ein ÖVP-Bundespräsident eine Geliebte haben, ohne dass es seinen Ruf übermäßig beschädigt. Und das ist uns, ehrlich gesagt, lieber.
25.02.10

Jeder ist ein "Künstler"

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„Der unverzichtbare Anspruch auf volle innere und äußere Freiheit der Kunst wird nur durch die allgemeingültige Rechtsordnung eingeschränkt.“
So steht es im Parteiprogramm der Freiheitlichen. Und: „Eine begriffliche Festlegung würde den Anspruch der Kunst auf volle innere und äußere Freiheit einengen.“ Und so steht es in einer FPÖ-Aussendung zur aktuellen Ausstellung in der Secession (ja, die mit dem Swingerclub): „Die Rathaus-SPÖ muss schon völlig durchgeknallt sein, wenn sie öffentlichen Gruppensex mit 90.000 Euro, die der Umbau für die Realiserung der verschwitzten Phantasien eines „Künstlers“ aus der Schweiz verschlungen hat, unterstützt.“ Abgesehen davon, dass die Ausstellung sich selbst finanziert: Wenn man sich mit der „begrifflichen Festlegung“ schwer tut, engt man den Begriff der Kunst und des Künstlers einfach mit Anführungzeichen ein.
Welche Kunst die FPÖ unverschwitzt findet, zeigt sie in ihrem Sitzungssaal, dessen Wänden zahlreiche Bildnisse von Damen, gerne auch mit Exotik-Hintergrund, in unterschiedlichen Stadien der Unbekleidetheit schmücken.
Und was signiert Strache da auf dem Foto? Ein Kunstwerk gar? „Jeder Mensch“ erkläre für sich selbst, „was er als künstlerischen Ausdruck betrachtet“, heißt es im FP-Programm. Womit wieder einmal der alte Spruch bewahrheitet wird, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Auch Strache.

20.02.10

Reden übers Leben

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Zwingende abendliche Verpflichtungen führten dazu, dass „In Treatment“ gestern ausgelassen werden musste: sehr ungern. Die mehrfach preisgekrönte HBO-Serie, von der 3sat momentan täglich um 21 Uhr zwei Folgen zeigt, hat nämlich die Wirkung, die der Droge „Crystal Meth“ zugeschrieben wird: Man wird davon schlagartig süchtig.
Was eher erstaunlich ist bei diesem Plot: „In Treatment“ widersetzt sich allen Gesetzen des Fernsehens. So wenig ist in einer Serie vermutlich  noch nie passiert. Faktisch passiert überhaupt nichts. Es wird eigentlich nur geredet, mit einem Minimum an Nebenhandlung.
„In Treatment“ (übersetzt: in Behandlung) zeigt Sitzungen des Gesprächstherapeuten Paul Weston. Nicht, wie man es erst erwartet, in jeder Folge verschiedene Ausschnitte aus verschiedenen Sitzungen; nein: In Echtzeit wird je eine Therapiesitzung abgehandelt, fünf Patienten pro Staffel, Sitzung um Sitzung. Die Jugendliche, die sich nicht eingestehen will, dass sie suicidal ist, der Soldat, der im Irak ohne es zu wissen eine Schule bombardiert hat, die Frau, die  sich nicht zur Hochzeit entschließen kann, weil sie in Wirklichkeit in den Therapeuten verliebt ist, das Paar, das nicht weiß, ob es ein Kind bekommen soll oder nicht: Und der Therapeut selbst, der Hilfe bei einer Supervisorin sucht, zu der er ein schwieriges Verhältnis hat. Alle reden, über sich und ihre Rolle im Kontext ihrer Realität. Und diese Gespräche fesseln einen mehr als drei Teile „Die Hard“.
Und das passt irgendwie sehr gut in die Fastenzeit: Man sitzt nüchtern zuhause und denkt unabgelenkt über sein Leben nach. Und ab neun sieht und hört man anderen dabei zu, wie sie über ihres reden... Fein.
17.02.10

Das begreift man auch so

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So, der Fasching ist vorbei. Gestern sind noch Legionen kleiner, rosafarbener Prinzessinnen in Satin und Tüll an mir vorbeiparadiert, Hexen und Harry Potters, eine paar Charaktere aus Star Wars und ein paar Piraten. 
Daheim, in der Früh, große Krise; die Zähne des kleinen Familien-Vampirs waren verschwunden, final verschwunden: die Oma war da und hatte ein bisschen aufgeräumt. Und dabei offenbar das zerknüllte Taschentuch auf meinem Schreibtisch für ein zerknülltes Taschentuch gehalten und es mit spitzen Fingern entsorgt, ohne zu bemerken, dass der Vater darin nach der Samstags-Faschingsparty die Vampirzähne eingewickelt hatte. Der Vampir wollte heulen, konnte aber mit dem Hinweis auf drohendes Make-Up-Desaster an einem gröberen Nervenzusammenbruch gehindert werden: Und später wurden neue Vampirzähne in die Schule nachgeliefert. Ein Vampir  braucht Zähne; muss sein.
Jetzt ist der Fasching vorbei, und es ist fast eine Erleichterung. Nein, es ist eine Erleichterung. Auch wenn man nicht katholisch ist, begreift man den Sinn einer Fastenzeit: das Herunterfahren des Organismus, das dringend notwendige Kurieren überreizter Nervenenden durch temporäre Entsagung, den Aspekt der Reinigung und der Konzentration auf Innerlichkeit. Und die Idee, so eine Zeit mit einem asketischen Ritual zu beginnen und zu beenden.
Es ist ja auch außerhalb der Faschingszeit manchmal alles viel zu viel. Der Überfluss ist dem Menschen ja auch eine stete Überforderung: Es ist heilsam, wenn er sich hin und wieder eine Zeitlang davon  distanziert und konzentriert auf das, was für ihn selber richtig und gut ist.
Das muss nicht unbedingt in der christlichen Fastenzeit passieren. Aber sie  bietet sich an: Auch weil man da beim Entsagen zwar trotzdem allein ist, aber nicht allein. So, der Fasching ist vorbei: zum Glück.
16.02.10

Kinder müssen draußen bleiben

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Der Kollege K. war kürzlich im Café Engländer und durfte beobachten, wie eine Frau mit Kinderwagen des Lokals verwiesen wurde. Was K., demnächst Vater, entsetzte, während ihre Autorin, die die Kinderwagenzeit schon hinter sich hat, kaum mit den Mundwinkeln zuckte: Wenn man ein paar Jahre mit einem Kinderwagen, im Extremfall mit einem Zwillingswagen, durch Wien marschiert ist und diverse Lokale aufsuchte, macht man sich über seine Beliebtheitswerte keine großen Illusionen mehr. Und außerdem: es gibt löbliche Ausnahmen, Cafés und Restaurants, in denen Kleinkindern sogar eigene Spielecken eingerichtet werden.
Ich habe ja nichts dagegen, wenn kleine Kinder abends – wenn nötig halt unter Babysitter-Aufsicht – daheim in ihren Betten liegen, weil ich  gelernt habe, dass das allen am besten tut: den  Kindern, ihren Eltern und den anderen Restaurantbesuchern, die nach einem anstrengenden Tag in Ruhe essen wollen.
Aber dennoch, und schon sowieso tagsüber, haben Mütter und Väter mit Kindern das Recht, genau gleich behandelt zu werden wie alle anderen Gäste. Sonst haben wir hier bald Verhältnisse wie in Zürich, wo es mittlerweile an Lokalen tatsächlich gedruckte Aufkleber gibt, die nicht nur einen roten Kreis mit durchgestrichenem Hund zeigen, sondern darunter auch einen mit durchgestrichenem Kinderwagen. Gibt’s in Wien aber sicher auch schon.
Und das ist inakzeptabel. Kinder werden nun einmal nicht brav und still hergestellt, das wäre schön fad.  Kinderlärm gehört zum Alltag wie Gläserklirren, Gelächter, Geplauder, Autolärm und Bim-Geklingel. Wer in ein Lokal geht, sollte das aushalten. Und wer eins führt, erst recht.
15.02.10

To sit or not to sit

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Am ersten Sonntag der Semesterferien fuhren die beiden 10- und 12-jährigen Kinder von Familie N. mit ihrer Oma von St. Pölten nach Jenbach, um dort Skifahren zu lernen. Um der Oma für ihre  Unterstützung zu danken, spendierten die N.s ihr und den Kindern für hin und retour Plätze in der Businessclass der ÖBB, im vielbeworbenen Railjet. Im Angebot enthalten: ein „cold towel“, ein Begrüßungsgetränk und eine Auswahl an Zeitungen.
Kinder und Oma bestiegen am 31.1. den Zug und setzten sich auf ihre Plätze. In der sehr, sehr kalten Business-Class: Die Heizung war ausgefallen, worum sich bis Linz niemand kümmerte. Erst in Salzburg habe eine Zugbegleiterin etwas unternommen und kurz vor Jenbach sei es dann endlich warm gewesen. Das ominöse „cold towel“ (was ist das eigentlich?) gab es nicht, vielleicht wegen der eh schon unterirdischen Temperaturen, der „Begrüßungsdrink“ sei kurz vor dem Aussteigen serviert worden, Zeitungen wurden nicht gebracht.
Und das war nur die Hinfahrt. Bei der Rückfahrt nämlich durfte die Oma nach langem Suchen feststellen, dass es die teuer bezahlten Businessclass-Plätze gar nicht erst gab: ,Sie stand mit Skiern und Gepäck am Gang, bis sie, wie die anderen Businessclass-Kunden, für sich und  die  Kinder endlich in verschiedenen Wagen einzelne freie Plätze zwischen reservierten gefunden hatte. Auf Nachfrage habe der Zugbegleiter erklärt, tja, die Oma könne bei der Ankunft in St. Pölten am Schalter für die Unannehmlichkeiten vier Euro zurückerstattet bekommen. Vier Euro?
Herr N. versuchte eine Beschwerdestelle zu erreichen, was am Wochenende nicht gelang. Die N.s fahren  künftig lieber wieder mit dem Auto.
13.02.10

Das geht zuverlässig vorbei

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Mit Interesse die „Albtraum Rosa“-Geschichte im gestrigen KURIER gelesen. Eine britische Filmproduzentin hat eine Kampagne mit dem Titel „Pink Stinks“ losgetretreten: Denn es käme, erfahre ich da, nur schwer von der „rosa Rolle“ los, wer sich von klein auf nur mit rosa umgibt. Das deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Die  mir bekannten Mädchen spielen alle circa bis sechs, sieben, höchstens acht  pink Prinzessin:  dann dürfen  ihre glücklichen Mütter schlagartig drei Viertel des Schrankinhalts ausräumen und alles, dass auch nur irgendwie rosa oder lila schimmert, schnurstracks an jene bedauernswerten Mütter weiterreichen, deren Töchter diese Phase noch nicht überwunden haben. (Und das Barbie–Zeug gleich mit dazu.) Aber überwinden tun es alle kleinen Mädchen, die ich kenne – was aber möglicherweise auch damit zusammenhängt, dass deren Mütter durchwegs Lichtjahre entfernt von einem Prinzessinnendasein samt dazu passender Ausstattung leben.
In Edward St. Aubyns wunderbar moderner Familienstudie „Muttermilch“ (Dumont) unterhalten sich Eltern an einer Stelle darüber, was man tun muss, um aus  Kindern erfolgreiche Menschen zu machen, und eine Mutter meint: „Wenn du willst,dass deine Kinder Fernsehproduzenten oder Vorstandsmitglieder werden, bringt es nichts, ihre kleinen Köpfe mit Vorstellungen von Vertrauen, Wahrheitsliebe und Verlässlichkeit zu füllen. Dann werden sie nämlich als Assistenten enden.“
Was zeigt, wie  schwierig es ist, Kinder richtig zu erziehen und ihre Entwicklung angemessen zu fördern. Trotzdem; ich glaube, dass Liebe, Vertrauen und verlässliche Strukturen für Kinder das Beste sind: plus die Chance, ihre  Prinzessinnenphasen ausleben zu dürfen. Auch wenn ihre Mütter die Farbe Rosa noch so zum Würgen finden.
10.02.10

Kenn ich von irgendwo

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In „Californication“, einer der aktuell besten und pointiertesten US-Fernsehserien, hat Hank Moody, ein einst erfolgreicher Schriftsteller in anhaltender Schaffenskrise, Sex mit einer jungen Frau, die ihn in einem Laden auf seinen Roman angesprochen hatte. Wie sich hernach herausstellt, hat er sich dabei strafbar gemacht: Denn die Frau ist erst 16 (und zudem die Tochter des neuen Lebensgefährten seiner Ex-Gattin). Moody verarbeitet das Erlebnis zu einer Novelle, die 16-jährige (ein ziemlich cleveres Luder) fladert ihm das Manuskript, veröffentlicht es geringfügig verändert unter eigenen Namen und lässt sich fortan von den Feuilletons als literarisches Fräuleinwunder feiern. Kommt Ihnen bekannt vor. Mir auch; denn wieder einmal imitiert das Leben die Kunst, indem es andere Kunst imitiert hat. Oder besser: plagiiert. Ungefähr eine Woche hat es gedauert, bis aus der begabten deutschen Teenagerin Helene Hegemann, 17, ein vom Feuilleton des gesamten deutschsprachigen Raums gefeierter Literatur-Jungstar wurde. Nun muss sich der Ullstein-Verlag mit Plagiatsvorwürfen herumschlagen, denn im Unterschied zur TV-Vorlage gab das junge Genie im richtigen Leben recht zügig zu, dass es einige Teile seines Romans „Axolotl Roadkill“ relativ eins zu eins aus dem Buch eines Berliner Bloggers übernommen hatte. Schade. Wäre schön gewesen. Ein Talent ist Hegemann trotzdem. Und sie hat ja Recht, wenn sie sagt, dass etwas derartiges wie Originalität in Wirklichkeit nicht exisitert, schon gar nicht in der Kunst: Eine Künstlerin, ein Werk sind immer Produkte der Einflüsse, die auf sie wirken. Den Unterschied zwischen Zitat und Kopie wird Hegemann allerdings nochlernen müssen.
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