Die Geschichte von den zwei Vorarlberger Buben am Berg, acht und vierzehn, hat mich gerührt. Eine Heidi-Geschichte, irgendwie. Die beiden Buben waren auf einer Alm im Vorarlberger Kleinwalsertal, Kühe hüten, und bekamen da so furchtbares Heimweh, dass sie sich – einer in Gummistiefeln – ganz allein zu Fuß auf einen elends langen Heimweg über einen 1900 Meter hohen Berg machten. Und erstens hatte ich als Kind auch immer so Heimweh. Zweitens sind, wie viele andere auch, die eigenen Kinder gerade im Sommerlager (sie wollten unbedingt), und ich habe schon wieder so Heimweh (die Kinder nicht). Drittens, apropos Berg, hirnt man auch ein bisschen darüber, was die beiden Männer, die noch am Nanga Parbat sind, gerade denken: An ihren Freund, den Vater dreier Kinder, der tot am Berg geblieben ist. Dass sie jetzt doch lieber daheim bei ihren Familien wären, wahrscheinlich. Und wie sie das schaffen können. (Es ist mir ja unverständlich, wieso Menschen, die zuhause Kinder und Partner haben, sich freiwillig in derartige Lebensgefahr begeben. Aber, bitte, ich bin keine Bergsteigerin.) Wandern kann ich dagegen, und daher ich kenne ungefähr die Gegend, in der die beiden Buben unterwegs waren, besser: die im Bregenzerwald, wo sie über den Berg offenbar hinwollten. Das sind wunderschöne Almen mit fettem Grün und glücklichen Kühen. Aber meine Kinder würde ich nicht ganz allein dort oben lassen, jedenfalls nicht, wenn sie acht wären. Und ich würde sie nicht erneut dort hinauf schicken – wo sie offenbar wieder sind – nachdem sie einen Berg bezwangen, um bloß wieder daheim zu sein. Heimweh ist nämlich furchtbar; das weiß ich zufällig genau.
Jetzt gibt Klara E. auf und bestellt die letzten acht noch fehlenden Panini-Pickerl für das Album ihrer achtjährigen Tochter direkt bei Panini. Einem dem Album beiliegenden Faltblatt, das Klara E. klugerweise aufgehoben hat, entnimmt sie, dass sie bis zu 50 Pickerl zum Preis 18 Cent pro Bild bestellen kann, Versandkosten zwei Euro. Klara E. klinkt sich bei panini.at ein, wo sie erfährt, dass sie Mitglied im „Panini Web Club“ werden muss, um eine Pickerlerwerbsberechtigung zu erlangen. Für die Aufnahme in den Club wird zwingend verlangt: email, Passwort, Vor- und Zuname, Nickname, Geburtsdatum, Adresse, Telefon, Geschlecht. Und das Akzeptieren der „allgemeinen Geschäftsbedinungen des Panini Web Club (obligatorisch)“, im Rahmen derer um die Berechtigung „zur Verwendung der persönlichen Daten, die auf dieser Website gesammelt werden“ gebeten wird. Klara E. wählt von den Anklickmöglichkeiten „Ich erlaube“ und „Ich erlaube nicht“, letztere. Und antwortet auf die Frage, ob sie damit einverstanden sei, dass ihre Daten für Werbezwecke verwendet werden, wahrheits gemäß mit „Nein“; ebenso auf den Wunsch der Erlaubnis der Weitergabe ihrer Daten an Dritte. Hierauf erscheint auf ihrem Bildschirm ein Warnschild: „Die Seite mit der Adresse www.paninionline.com“ meldet: Um fortzufahren, musst du die Verwendung deiner persönlichen Daten genehmigen“. Wenn nicht: keine Paninis, ein brutal enttäuschtes Kind. Klara E. macht so viele falsche Angaben wie möglich; unter anderem macht sie sich elf Jahre alt, was kein Warnschild zeitigt, also wohl kein Problem ist. Zuletzt erfährt sie, dass die Bilder für 10 Euro express in 7, für zwei Euro in 35 bis 40 Tagen geliefert werden. Kinder kann man so schön neppen.
Kollegin Vera S. möchte etwas zum Themen Kreis Straßenüberquerung beitragen, und zwar folgendes: Sie will an einem hellen, nebelfreien Vormittag gerade dazu ansetzen, den Zebrastreifen über die Auhofstraße Höhe Bossigasse zu überqueren, kommt ein Autofahrer und ignoriert ihre Absichten. Vera S. springt, um ihr Leben zu retten, eilig auf die Gehwegkante zurück. Aber es gibt eine Gerechtigkeit auf der Welt: Denn unmittelbar hinter dem Vorrangdieb folgt ein Polizeiwagen, aus welchem nun gleich die ihn chauffierende Polizistin springen, den Übeltäter stellen und bestrafen wird. Was nicht geschieht. Statt dessen zwingt auch die Polizistin die abermals zur Überquerung ansetzende Kollegin zum Zurückspringen, indem auch sie einfach weiter fährt. Merke: Es gibt doch keine Gerechtigkeit auf der Welt. Nicht einmal in der Nähe von Gerechtigkeitshütern. Noch eine Geschichte: Leser Heinz R. stand vergangenen Sonntag an einer Ampel im Bereich der Landstraßer Hauptstraße; kam ein Bus der Wiener Linien um die Ecke gebogen, wobei der Fahrer nur eine Hand zum Lenken frei hatte. Mit der anderen telefonierte er mit dem Handy. Merke: Busfahrer sind auch nur Autofahrer. Zuletzt: Ein Post-It mit folgender Nachricht fand sich kürzlich auf dem Postfach meiner Nachbarin. „Hallo Schatzi! Ich hoffe, du hattest einen sonnigen Tag! Du fehlst mir, wir hören uns!“ Die Nachbarin hat sich über die Nachricht außerordentlich gefreut, denn sie ist 84 und hat schon länger nichts mehr von ihrem Schatz gehört, da er leider vor 12 Jahren verstarb. Merke: Nicht immer erwischen Marketingspezialisten – das Zetterl bewarb ein cool sein wollendes Internetradio – exakt die Zielgruppe.
Das ist schon ein wenig jämmerlich, dass man heutzutage eine Politikerin loben will, weil sie es wagt, sich mit einer großen Tageszeitung anzulegen. Aber man will: Denn Außenministerin Ursula Plassnik zeigt derzeit der Kronenzeitung gegenüber eine Courage, die man in Zeiten, in denen ein Bundeskanzler und ein neuer SPÖ-Vorsitzender für Hans Dichand Männchen machen, kaum mehr kennt. Zuerst ließ sie sich nicht bieten, dass Dichand ein vertrauliches Gespräch verstümmelt und verzerrt in seiner Zeitung wiedergab, und antwortete in einem Brief von klirrender Sachlichkeit. (Mit einem tollen rhetorischen Kniff, den man aus dem Harrison-Ford-Polit-Thriller „Das Kartell“ kennt. Sie habe Dichand nämlich bitte keineswegs, wie unterstellt, ein Geschenk mitgebracht. Sondern derer zwei. ) Natürlich tut man derlei nicht ungestraft. Plassnik wird nun mehrmals wöchentlich von der Krone vorgeführt, und kontert auch das wieder auf ungewöhnliche Art: Sie geht nicht in sich, sie sagt nicht, dass sie es ja gar nicht so gemeint hat, sie wirft sich nicht vor der Krone in den Staub und verspricht nicht, wieder lieb zu sein. Sie geht in die Offensive. Denn völlig konträr zur Lex Gusenmann findet Plassnik nicht, dass die Krone dem Volk einfach scharf aufs Maul schaue (was eine Partei, wie die SPÖ meint, zu berücksichtigen habe). Sondern dass die Krone den Maulinhalt des Volkes kräftig vorkaue und scharf mit Anti-EU-Entzym einspeichle. Was sie durchaus kritikabel findet: Sie machte in der „Zib 2“ die Kronenzeitung für die wachsende EU-Skepsis der Österreicher verantwortlich. Das wird sie natürlich büßen. Kurzfristig: Aber auf lange Sicht lebt man mit Rückgrat besser als ohne.
Nachdem die Linth in Glarus entsprungen ist, fließt sie in den Züri-See hinein, in Zürich als Limmat wieder aus dem See heraus und dann durch die Stadt. Und sie macht, zusammen mit dem Seeufer, Zürich im Sommer zu einer Stadt mit unglaublicher hoher Lebensqualität. (Im Herbst und im Winter regnet es meistens. Im Frühling gleichfalls; das beeinträchtigt die Lebensqualität leider wieder enorm.) Und so sauber wie der See ist auch die Limmat: An ihrem Ufer drängt sich sommers Strandbar an Strandbar, ähnlich wie am Donaukanal. Aber anders als beim Donaukanal sind die Strandbars auch Strandbäder, denn im kalten, klaren, sauberen Limmatwasser kann man auch baden, schwimmen, sich ein Stück stromabwärts treiben lassen. Und das ist an heißen Sommertagen ein kaum zu übertreffendes Vergnügen. Dieses Vergnügen haben die Wiener am Donaukanal vielleicht bald auch. Tatsächlich wagen sich, an den grünen Uferabschnitten, jetzt schon einige in den Kanal: Die Wasserqualität hat sich in den vergangenen Jahren stark verbessert und entspreche jetzt, laut Stadt Wien, der Klasse II, was offenbar schon Badewasserqualität entspricht. Die Wiener Grünen finden nun, dass man dem allmählich auch durch echte Badebuchten entsprechen sollte: samt Ein- und Ausstiegshilfen, Duschen und Umkleidekabinen. Da Wien nun mal nicht am Badewasser liegt (und erst an die Donau wachsen musste), muss man das Badewasser eben nach Wien hereinholen. Den Kanal dafür haben wir, die Infrastruktur ist da, und die Strandbars schon lange: Wenn man sich jetzt noch von einer zur anderen treiben lassen kann, steht Wien Zürich nichts mehr nach. Plus, es regnet weniger.
Der Xaver ruft mich aus Xi an und sagt, er weiß echt nicht, was ich immer für ein Problem mit der Spießerei habe. Das sei ja langsam geisteskrank, diese Verspießerungsbesessenheit. Aso. Naja. Ok: Dann leite ich daraus einmal ab, dass Verspießerung eine Sache des Blickwinkels ist. Denn das habe ja wohl mit Spießerei nichts zu tun, dass man sich über eine Hütte und eine Natur drumherum freut, sagt der Xaver. Dann sei er ja auch ein Spießer.
Und das ist der Xaver nun verlässlich nicht; und hat eigentlich Recht. Es ist einfach ein hübsches, einfache Leben, da am Land. Man läuft den ganzen Tag in würdeloser Kleidung herum, ist freundlich zu den Nachbarn, füttert Tiere und richtet den Blick und die Spitzhacke in die Natur. Und den Kindern ist nie fad.
Abends grillt man im eigenen oder im Garten der Horwaths, die ihre Wochenendhütte (mittlerweile, dank etwas Anlegerglück und den nimmermüden Pratzen des Horwath, ein Wochenendgut) im gleichen Kaff haben. Am Samstag Abend beschließen wir, dass wir nun einmal der Waldviertler Umgebungsgastronomie eine Chance geben. Im ersten Gasthaus, oben am Berg, haben sie gerade ein Leich: Leider, keine warme Küche für sonstige Gäste. Im zweiten Gasthaus erklärt uns eine Tafel, dass wegen Dorffesten in der ferneren Umgebung heute geschlossen sei. Das dritte Gasthaus hat ohne Angabe von Gründen zu. Das vierte Gasthaus, irgendwo im Tobel, hat offen und wir betreten es durch das große Hinterzimmer, wo offenbar gerade eine Hochzeit zu so zu Ende geht, wie das kein Produzent einem modernen Heimatfilm-Drehbuch durchgehen lassen würde (unglaubwürdig!, Klischee!, raus!!!): In einem übertrieben erleuchteten, praktisch leeren Saal mit halb abgeräumten Tischen tanzt und knutscht ein halbes Dutzend wenig ansehnlicher Menschen zu den Klängen einer sehr angeschickerten Kapelle. Es ist spooky, und als wir den Gastraum betreten, stemmt die Wirtin ihre Fäuste in die Seite und sagt, nein, etwas Warmes zu essen hat sie nicht. Das fünfte Gasthaus fahren wir gar nicht mehr an, sondern wir fahren zurück zu den Horwaths und der Lange kocht uns ein Mangoldrisotto.
Aber trotz den örtlichen Problemen mit der Kulinarik kann ich mir irrsinnig gut vorstellen, dass wir dort nun Jahr für Jahr jedes klimatisch geeignete Wochenende und jeden Sommer verbringen; mit Ausnahme jener zwei Wochen, die wir im immergleichen Ort im immergleichen Haus in Kroatien am Meer sind. Angesichts solcher Perspektiven möchten sich andere entleiben; für mich klingt es verlockend: verlässlich, übersichtlich, großartig. Und DAS ist natürlich spießig, dieses bewusste Ausschlagen anderer Möglichkeiten.
Andererseits war Wittgenstein dann auch ein Spießer. Der aß, so las ich einmal, immer bei seiner Schwester und terrorisierte die damit, dass er, wenn ihm etwas schmeckte, wochen- und monatelang das Gleiche serviert bekommen wollte. Immer das Gleiche. Genau das will ich auch.
Früher: Früher war, besonders am Land, das Leben härter und die Dinge einfacher. Zum Beispiel Kinderbetreuung. Brauchte man nicht; man hatte die Sippe. Die Jungen arbeiteten am Hof, die Alten halfen, wo sie noch konnten und wenn nicht mehr, passten sie auf die Jüngsten auf, soweit die nicht schon selbst auf sich aufpassten. Man brauchte keine Tagesmutter, keinen Kindergarten für UnterDreijährige, keinen Hort. Man hatte die Omi. Und den Opa. Von solchen Voraussetzungen geht die sonst taddellos interessante Teuerungsgeschichte im gestrigen KURIER aus: Da wurde ermittelt, ob das Leben seit 2000 für eine Durchschnittsfamilie teurer geworden sei. Und errechnet deren Einkommen auf folgender Basis: „Familie Schneider hat Glück. Da die Omi gerne auf die Kinder aufpasst, gehen sowohl Eva als auch Stefan arbeiten.“ Praktisch; aber: Die meisten Familien, die ich kenne, haben so ein Omi-Glück nicht. Entweder weil sie im Zeitalter erzwungener beruflicher Mobilität mit ihren Familien hunderte Kilometer von Omi weg wohnen, oder weil Omi selbst noch arbeiten muss, oder weil die Eltern, wie heutzutage durchaus üblich, um die 40 waren, als sie ihre Kinder bekamen; Omi also eventuell selbst schon Betreuung braucht. Oder weil Omi findet, dass es eine zart frauenfeindliche Idee ist, davon auszugehen, dass pensionierte Frauen ruhig Tag für Tag honorarfrei auf ihre Enkel aufpassen können. (Ach ja: was macht eigentlich Opi?) Diese Eltern zahlen, wenn sie wie Eva und Stefan voll arbeiten wollen, pro Kind und Monat 250 bis 300 Euro Betreuungskosten. Die Flötenstunde, den Sportverein und gelegentliche Babysitter nicht eingerechnet. Das Familienleben ist teuer, so ganz omifrei.
Wieder einmal: Rätsel des Alltags. Anlass: Begriffstutzigkeit bei Post und Bahn. Zuerst zur Post. Verwandtschaft in Vorarlberg hatte Geburtstag, und für einmal sollte das Geschenk rechtzeitig ankommen. Also schickte ich ein kleines Paket per EMS. Am 3. Juli um 12.53, wie meine Rechnung ausweist: „1 EMS Inland, Österreich, bis 4 kg: 8,18 Euro LKW-Maut: 0,13 Euro“. Für nur einen Euro irgendwas, sagte mir der freundliche Beamte am Schalter, würde mir die Ankunft des Pakets per SMS bestätigt werden, aber ich verzichtete darauf: Die Verwandtschaft würde mich schon informieren. Und das tat sie auch: am 5. Juli, zu Mittag, da war das Paket eben geliefert worden. EMS ist übrigens die Abkuürzung von: Express Mail Service. Jetzt zur Bahn. Denn auch das Wort „Vorteilscard“ hält nicht immer, was es verspricht. Der Schüler Sebastian F. fuhr mit dem Zug von Felixdorf nach Baden, kaufte am Automaten einen Fahrschein, gestand die Inhaberschaft einer Vorteilscard (die ihn jährlich Euro 19,- kostet) und bezahlte 1,80 Euro. Vor der Rückfahrt vergaß Sebastian F. dem Automaten den Besitz der Vorteilscard zu melden, worauf da Ticket 1,70 Euro kostete. Der verblüffte Schüler wiederholte seine Eingabe mehrmals – mit und ohne Vorteilscard – und alle Versuche ergaben das Gleiche: Mit Vorteilscard war das Ticket am Automaten teurer als ohne. Ein diesbezügliches Email von Sebastian F. an die ÖBB bleib bislang unbeantwortet, dafür hörte er von einem Schalterbeamten, dass das in der Ostregion wegen fixer Zonenpreise eben so sei, wörtlich haben der Mann gesagt: „Wir wissen, es is deppat und a Schaß, owa so isses halt.“ Vom ersten bis zum zweiten Komma stimmen wir vollinhaltlich zu.
Um 16.12 ruft die K. im Rathaus an und lässt sich mit der Parkaufsicht verbinden, um etwas zu melden. Ob Gefahr im Verzug sei? Hmm: Ein eisernes Fußballtor hat sich aus seiner Verankerung gelöst, und ein paar Kinder haben uns gerade hören lassen, wie es klingt, wenn es umfällt und auf den Betonboden knallt. Es klingt nicht schön, aber schöner, als wäre ein Kind darunter begraben worden. Und es sieht auch besser aus: K. ist Ärztin und hat auf der Unfallchirurgie schon erlebt, wie das aussieht, wenn ein eisernes Fußballtor auf ein kleines Kind fällt. Also: ja; K. findet schon, dass Gefahr im Verzug ist. Gut, sagt die Dame im Rathaus, dann kommt gleich jemand. Tatsächlich steigen 40 Minuten später sechs kräftige Männer aus einem Feuerwehrauto, begutachten die Sache, heben das Tor heraus und legen es sicher an den Spielplatzrand: Da muss morgen ein städtischer Bautrupp kommen und das wieder einbetonieren. Und wir Mütter, die wir mit Mutter K. am Spielplatz auf dem Bankerl sitzen, finden, dass wir uns das merken. Gefahr im Verzug! Dann geschieht auch etwas. Leider lässt sich das nicht auf die Hundekot-Problematik anwenden. Weil die Gefahr, dass man in ein Gacki steigt, in Wien zwar allerweil in Verzug, aber halt nicht lebensbedrohlich ist. Immerhin werden Hundehalter auf den neuen Taferl mit dem süßen Hundi jetzt darüber informiert, was es kostet, wenn man dabei erwischt wird, das Trümmerl nicht wegzuräumen. Allerdings ist die Chance, erwischt zu werden, bei bisher 30 Waste Watchers in ganz Wien (150 sollen es nächstes Jahr werden) relativ überschaubar. Wie auch der Preis dafür: 36 Euro. Das ist eine Diskont-Strafe, das tut zu wenig weh: da gehört eine Zahl um die 100 drauf. Sonst geschieht nichts.
Das wird jetzt also die kürzeste Kanzleramtszeit der Zweiten-Republiksgeschichte gewesen sein: Bald muss Alfred Gusenbauer , es wird dieser Tage zur Phrase, das Kanzleramt räumen. Aber wie hat man sich das konkret vorzustellen? Wie verbringt man den letzten Arbeitstag als Regierungschef? Speziell, wenn man sein Amt nicht nach einem erfüllten Kanzlerleben als Pensionär verlässt oder wenigstens im Triumph nach ein bis zwei vollständigen Legislaturperioden? Man wird sich wohl kaum in den frühen Morgenstunden ein letztes Mal ins Kanzlerbüro und, mit einer Kanzlerbürokiste unterm Arm, wieder hinaus schleichen... Überreicht man seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Blumen und eine gute Flasche Wein? Kanzlert man noch einmal ein paar Stunden oder ist der ganze letzte Tag dem Abschiednehmen, Bedanken, Trösten, getröstet werden, Schulterntästscheln und Umtrinken gewidmet? Mit wem telefoniert ein Kanzler an seinem letzten Tag? Schreibt er noch einen letzten Brief mit der Unterschrift Alfred Gusenbauer, Bundeskanzler? Hinterlässt man seinem Nachfolger einen Gruß? Schenkt man ihm die übrig gebliebenen Weinflaschen oder nur die minderedlen oder nimmt man alles mit? Lässt auch ein scheidender Kanzler Cent-Stücke, Aspirin, Deo und den lustigen Button von der Weihnachtsfeier in der Kanzlerschublade zurück? Was behält man sich als Andenken? Macht man noch ein Foto? Schließt man die Tür hinter sich oder lässt man sie offen? Und: Fährt einen der Chauffeur ein letztes Mal nach Hause oder nimmt man schon die U-Bahn? Wie all die normalen Menschen: von denen man jetzt wieder einer ist. Und vermutlich nun für immer sein wird; baba, Bundeskanzleramt.