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| 10/06
| Mode & Design
Wenn ich mir bei Ikea einen Tisch kaufe – irgendetwas aus gepresstem Abfall um 19,90 – vermesse ich mich nicht. Der passt wie reingezimmert dorthin, wo ich ihn hinimaginiert habe. Wenn ich mir mein erstes Möbelstück maßschneidern lasse, einen schmalen Schreibtisch aus schönem Holz in einem eleganten Metallgestell, der genau in die Lücke zwischen Sofa und Wand passt, dann ist er fünf Zentimeter zu breit. Ich bin fassungslos, die Frau des Schreibtischdesigners ist fassungslos, der Schreibtischdesigner ist fassungslos, weil er nicht glauben kann, wie jemand so deppert sein kann, nur in Tischplattenhöhe zu messen und nicht am Boden, wo doch jeder Trottel die Wände in Altbauten kennt, und, sind wir uns ehrlich, selbst wenn das am Boden gemessen worden wäre, ginge sich das im Leben nicht aus. Es handelt sich hier einen eindeutigen Fall von Messversagen auf Kundenseite. Der Schreibtisch an sich ist perfekt, seine Optik leidet nur sehr darunter, dass er eher überzählig in einem Wohnzimmer herumsteht, das von einem großen Eck-Sofa, einem großen Esstisch mit sechs fetten Sesseln und meinem großen Schreibtisch bereits weitgehend zur Unbegehbarkeit verdammt ist: das Spielzeug noch nicht eingerechnet, das jeden Zentimeter der Grundflächengesamtheit unserer Wohnung knöcheltief bedeckt, ausgenommen das Spielzimmer. Das war ein Witz: das Spielzimmer auch.
Erst nachdem der Schreibtischdesigner und seine Frau mit ungesund verdrehten Augen abgezogen sind, kommt mir die Idee, und ich hole die Stichsäge und kürze das Sofa eckseitig um fünf Zentimeter. Das klingt jetzt ruinöser als es ist: Tatsächlich entspricht das Ensemble samt Schreibisch jetzt in etwa dem innenarchitektonischen Äquvivalent einer SPÖ-Regierung mit einem Gusenbauer im Kanzleramt. Als hätte er immer schon da reingepasst; ich hab doch gesagt, dass sich das schon ausgeht, und dass einer nur Kanzler wird, indem er es ist... So wie der Tisch ja auch erst Schreibtisch wird, indem der Lange ihn benutzt.
Aber der Lange braucht keinen Schreibisch. Ich brauch keinen Schreibtisch, sagte der Lange. Eh nicht, er hatte ja meinen. Aber ein Schreibtisch ist eine überaus persönliche Sache, vor allem ein derart brutal unordentlicher Schreibtisch wie meiner, ständig bringt mir der Lange meine Unordnung durcheinander, das geht so nicht weiter. Ich brauch keinen Schreibtisch, sagte der Lange, so wie er gesagt hat, dass er keinen eigenen Laptop braucht (Doch. Brauchst du. Definitiv.) und früher einmal definitiv kein so ein saublödes Schischi-Deppen-Handy gebraucht hat, wieso schenkst du mir so einen Scheiß?
Der Designerschreibtisch (der Lange: aha, schön, aber ich brauch ihn echt nicht) wird innerhalb von zwanzig Minuten unter „Substance"- und "Rave-up"-Sackerl, Zettelhaufen, alten Zeitungen, CD-Stapeln und dem Laptop des Langen samt dranmontiertem Langem faktisch unsichtbar. Jetzt fügt er sich perfekt in unser Wohnzimmer ein.
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| 08/06
| Mode & Design
Mich plagen andere Sorgen, weil ich hab zwölf Paar Jeans und davon sind augenblicklich elf Paar untragbar und die anderen sollten eher mal gewaschen werden. Neue Jeans müssen her. Aber das Jeanskaufen ist bekanntlich eine blöde Sau, weil Jeans in Jeansladenkabinen unbeurteilbar sind: Man sieht immer erst zu Hause und zu Hause erst nach drei Tagen, ob der Arschgott, an den man in der Jeansladenkabine selbstverständlich das rituelle Gebet richtete, gnädig war oder nicht. Diesmal: nicht.
Aber ich kann ja keine Jeans umtauschen, auf das eines der Mimis irrtümlich Kakao geschüttet hat, und die vom anderen irrtümlich mit einem offenen Edding gestreift wurde. Mit einem Buntstift passiert sowas übrigens nie. Mit einem Buntstift bemalen sich auch verlässlich nie den Esstisch; wahrscheinlich auf Basis der Resulate frühkindlicher Effizienzanalyse, die auch vorsieht, dass ein Kind immer erst aufs Klo muss, wenn es angezogen und angeschnallt im Auto sitzt. Und dass es sich wochentags morgens gern wecken lässt, am Wochenende aber schlag sechs Uhr munter wird. Und dass es nur dann Frühstück will, wenn man es
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| 08/06
| Mode & Design
Das Mädchen auf dem Wahlplakat wirkt nicht froh. Sie sitzt neben Wolfgang Schüssel auf der Albertinatreppe, zupft unentspannt an ihrem rotweißroten Plastikarmband rum und lacht verlegen: Es ist ihr anzusehen, dass ein begeistertes, animiertes, bisschen verführtes Lachen von ihr erwartet wird, so als hätte Schüssel gerade eine für einen Kanzler extrem locker-amüsante Bemerkung gemacht, und es ist ihr anzusehen, dass sie das dazugehörige Lachen auch ehrlich gern bringen würde, aber irgendwie gelingt es nicht. Vielleicht sagt Schüssel was Peinliches. Vielleicht sagt er was zu Nettes. Vielleicht sagt er etwas, das sie offensichtlich dazu bringen soll, begeistert zu lachen, und die Durchschaubarkeit macht sie unrund. Vielleicht rückt er zu sehr ran. Vielleicht wäre sie lieber das andere Mädchen auf der Treppe, das mit einem hübschen Burschen ihres Alters flirten darf. Vielleicht findet sie, dass so ein Plastikarmband an einem Mann über 25 etwas lächerlich aussieht. Vielleicht tut ihr Schüssel leid, weil er junge Mädchen dafür bezahlen muss, sich mit ihm auf Treppen zu setzen. Vielleicht ist sie eine unterbezahlte Altenpflegerin aus der Slowakei, die nebenbei bisschen modelt und überhaupt nicht versteht, was der merkwürdige kleine Mann mit dem
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| 08/06
| Mode & Design

Die Breussin wirkt nicht mal irritiert. Obwohl ich im Kino an ihr dranpicke, als wollte ich was von ihr: aber vermutlich kann sie den Kerl an meiner anderen Seite, von dem ich größtmöglichen Abstand zu gewinnen suche, bis zu sich rüber riechen. Himmel, die Auswahl von Deodorants in den westlichen Industriestaaten ist nun wirklich unendlich, warum gibt es immer noch Leute, die akkurat keins benutzen? Und Duschgels offenbar auch nicht?
Natürlich dauert der Film zwei Stunden, und ist ein ziemlicher Scheißfilm, weil offenbar die Kritiker, die „Volver“ praktisch durch die Bank super fanden, sich nachher an nichts erinnert haben, als an Peneolope Cruzes Melonentitten. Ja, das ist jetzt überspitzt, aber Entschuldigung, was soll an diesem Film so toll sein? Allerdings: was hab ich erwartet, der Film ist von Pedro Almodovoar. Und tatsächlich hab ich mir ja mal geschworen, mir nie wieder einen Film von Almodovar anzusehen, weil ich dem sein Frauenbild
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| 07/06
| Mode & Design
Die Hitze und ihre Folgen auf die Ästhetik im öffentlichen Raum: Was dürfen Männer alles zeigen?
Es gibt wichtigere Sachen, über die man jetzt schreiben könnte. Über den Krieg im Libanon, die vielen toten und verletzten Zivilisten, die zerstörten Existenzen. Über die in den USA entstehende öffentlich abrufbare Sexualtäter-Datenbank. Über eine hübsche Russin, die für ihren schönen Gesang eine österreichische Staatsbürgerschaft geschenkt gekriegt, während gleichzeitig Wissenschaftler aus Österreich ausgewiesen und Familien gnadenlos auseinandergerissen werden. Über Elisabeth Gehrers Drohung, als Wissenschafts- und Unterrichtsministerin auch der nächsten Regierung zur Verfügung zu stehen. Über Erwin Pröll, der immer noch nicht genug Haiderei in der Regierung hatte und über eine Fortsetzung von schwarz-orange halluziniert. Über den neuesten Skandal im Radsport und ob man Doping nicht einfach erlauben sollte.
Trotzdem diesmal: Männer in zu kurzen Hosen. Männer in Socken und Sandalen. Männer in labberigen T-Shirts. Männer ohne labberige T-Shirts, mitten im
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| 03/06
| Mode & Design
In der aktuellen „Freizeit“ hält Trend-Lady Isabella Klausnitzer mit verständlichem Besitzerstolz ihre Balenciaga-Tasche in eine Kamera und erklärt im dazugehörigen Text, solche Taschen würden vor allem von „’Ich bin im Herzen ein Punk-Rebell“-Fashionistas’ getragen. Dieses ungemein fesselnde Verständnis von Punk und Rebellentum vermag selbst eine allem Ideologischen gegenüber längst abgestumpfte Spießersau wie mich zu interessieren: Ach, das ist also Punk, diese drei verstörenden Lederriemen an einer 1150 Euro-Tasche? Ich hatte es immer für eine ungewaschene und ziemlich reiche-Schnepfen-feindliche Jugendbewegung aus den späten Siebzigern gehalten. Aber aha. Man lernt ja nie aus. So also. Aber ehrlich wahr, ich lass mir von
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