Zweimal haben sie diese Woche angerufen, einmal aus der Schule, einmal aus dem Hort: Dem Mimi gehe es nicht gut, das Kind liege blass und still auf einer Bank und sei sichtlich krank, könnte man es in absehbarer Zeit bitte abholen kommen. Sicher kann man, man braucht dazu nur die Erwerbsarbeit zu unterbrechen. Beim zweiten Mal marschierte die Mutter, vorbei an den Hortbetreuerinnen, auf das Kind zu, das blass und still auf einem Sofa lag und sagte: Verdammt noch Mal, du bist nicht krank, ich weiß es genau! Das hat auf die Hortbetreuerinnen, zumal es offenbar neue Frischlingspraktikantinnen waren, gewiss keinen guten Eindruck gemacht. Das Mimi aber nahm sofort Farbe an und sah sich in der Lage, sich zu erheben und Mantel und Schuhe anzuziehen.
Selbstverständlich war es - ich kenne mein Kind - kaum hatten wir die heimischen vier Wände betreten, wieder pumperlgesund und machte ein großzügiges Angebot: Um es Mutter zu ermöglichen, die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, wäre es bereit, sich den Rest des Tages vor den Fernseher zu setzen und sich mit Schokokeksen und Mozartkugeln als Nahrung zu begnügen. Ja, ganz gewiss, sonst noch etwas. Du spielst oder liest, und ich koch dir ein extra gesundes Mittagessen und schnippel dir Obst, auch wenn ich dafür überhaupt keine Zeit habe.
Immerhin: Es war richtig, dieses Mimi in den Schauspielkurs zu schicken, es bringt ideale Voraussetzungen mit, vor allem aber eine Veranlagung zur Hysterie, die es ihm ermöglicht, sich in die Einbildung, es sei krank, so glaubhaft hineinzusteigern, dass es wirklich krank wird. Und auch andere von seinen Einbildungen zu überzeugen, was kürzlich dazu führte, dass ein Übernachtungskind spätabends nach Hause gefahren werden musste, weil das Mimi sich und ihm erfolgreich eingeredet hatte, im Kinderzimmer habe es purgatorische Temperaturen, man verbrenne, schmelze, verglühe, vertrockne und ersticke. Die Kinder liefen nackt und hysterisch heulend durch die Wohnung und schrien; diese Hitze!, sie verbrennten!, und niemand – NIEMAND! - hülfe ihnen!, und es hatte nicht den geringsten Sinn, auf das Thermometer zu weisen, das laue 20 Grad Celsius anzeigte. Ob man denn die Glut nicht spüre?!? Man verbrenne, man verbrenne.
Das hat es genauso wenig von mir wie das andere Mimi das im Skilager von Experten diagnostizierte Talent zum skifahren: Es gewann auch sofort das Rennen seiner Gruppe. Und es ist eine typisch revanchistische Finte des Schicksals, dass meine Kinder genau in jenen Bereichen ausgeprägte Begabungen zeigen, die mir relativ stark am Arsch vorbei gehen. Wenngleich sich mein Verhältnis zum Theater in letzter Zeit vorsichtig entspannt hat, was vor allem an Ewald Palmetshofer liegt, aber kann der auch so skifahren, dass es mir mit einem Mal reizvoll erscheint? Das glaube ich nicht. Dennoch will ich fröhlich sein.
Es hat auch Vorteile, wenn die Kinder weg sind. Also, wenn dieser Scheiß-Bus endlich abgefahren ist. Bis dieser Bus abgefahren ist, mit den Kindern darin, die unununbedingt ins Schilager wollten, aber jetzt ihre Entscheidung schluchzend bereuen, durchläuft man allerdings den puren Höllen-Horror. Ich habe von Vätern gehört, die während dieser zwanzig Minuten final ergrauten. Es war so entsetzlich, dass schließlich mehrere Eltern am Gehsteig auf die Knie fielen und den Busfahrer händeringend anflehten, sein Gefährt endlich in Bewegung zu setzen. BITTTTEEEE! Die Qual ist UNERTRÄGLICH! Und wurde leider dadurch verlängert, dass manche Eltern noch ein achtes Mal in den Bus stiegen, um ihre Kinder zu beruhigen, was selbstredend den gegenteiligen Effekt hatte. Bittebittebitte, ich halt das nicht mehr aus, fahrt endlich! Als der Bus dann um die Ecke war, gaben sich die Eltern High Five und begannen umgehend, die ersten Stationen ihres lange vorbereiteten Halligallis abzuarbeiten. Der Lange und ich zum Beispiel gingen sofort wieder ins Bett, schoben am helllichten Tag GewaltDVDs ins Gerät, bestellten Pizza und Bier und ließen uns so grauslich gehen, wie wir es in der Prä-Mimi-Epoche jedes Wochenende getan hatten.
Leider verließen wir dann in der Dunkelheit noch einmal das Haus. Es hat auch Nachteile, wenn die Kinder weg sind, man geht fahrlässig zu vorher schlecht recherchierten Veranstaltungen und trinkt dort zuviel, anstatt wie gewöhnlich beim „Tatort“ einzuschlafen. Weshalb man anderntags dann müder ist als vorgesehen. Zudem hat der Lange nicht wie üblich um halb acht mit den Kindern das Haus verlassen, sondern liegt um halb neun noch neben einem im Bett und formuliert, während man gerade verzweifelt Kolumnenthemen aus dem Internet kratzt, Sätze wie diesen: „Du kommst mir ein bissl vor wie Elvis in Vegas.“ Ja, dankeschön! So fängt man den Tag gerne an! Kommt zurück, Kinder!
Allerdings war ich auch Elvis in Vegas, als die Mimis noch da waren. Palmetshofer, Heavy Trash und dann auch noch im Schauspielhaus Popismus predigen mit meinem alten Zürcher Nachbarn, Reverend Tobi Müller. Was interessant, aber insofern irritierend war, als wir vor 150 Leuten anfingen und vor 15 aufhörten. Während das Publikum in großen Trauben den Saal verließ, erhielt ich unablässig SMS vom lustigen Fotografen und vom lustigen Verleger, ich solle dalli im Dings erscheinen. Ich smste, ich könne nicht, ich säße auf einer Bühne und verrichte Erwerbsarbeit. „schleich dich runter von der bühne!“, smste der Fotograf, und das hätte ich gerne gemacht, beziehungsweise ich hätte mich gerne sub Bühnenboden verkrochen. Ich bin nicht geschaffen für die Bühne, ich bin lieber Publikum. Als Publikum bin ich, wie die Menschen, die ich beim Heavy-Trash-Konzert im Flex mit Bier beschüttete, bestätigen werden, richtig gut. „Is uuuuuuuu I want!“ Yes, Jon Spencer, yes, yes, yes.
Tatsächlich hat der Lange, glauben Sie es oder nicht, die Lesben von vis a vis kürzlich beim Sex beobachtet, während er zum Fenster hinausrauchte. Die, die nie Pornos schauen. Hat er mir erst nach Lektüre der letzten Kolumne erzählt. Dabei waren, wie immer, die Schlafzimmervorhänge zu, aber einer zufällig im richtigen Winkel offen stehenden Tür und daraus resultierenden Spiegelungen verdankte der Lange eine Sichtung, deren Einzelheiten ich dann nicht so genau wissen wollte. Das Leben imitiert wieder einmal die Kunst; nein, die Kolportage. Sonst habe ich diese Woche nichts zu erzählen, auf Wiedersehen.
Doch, ich habe die Bühnenhemden der Fehlfarben gesehen. Das hat mich merkwürdig berührt. Die Hemden hingen an der Wand eines Ateliers, und ich hätte sie gerne fotografiert, so wie sie da hingen, habe mich aber nicht getraut. Auch nur zu fragen, wäre mir wie ein Sakrileg vorgekommen. Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an, und zwar eine, die erst gemacht wird, wenn die Fehlfarben bald ihr neues Album "Glücksmaschinen" live vorspielen. Ich habe es schon, Peter Hein hat es mir geschenkt. Hein sitzt übrigens heuer in der Jury des Protestsongcontests, was, weil ich mir keinen denken könnte, der dort mit größerer Berechtigung säße, der substantielle Grund ist, warum ich doch auch wieder dort sitze. Obwohl ich mir und jedem, der es hören wollte, ein knappes Jahr lang schwur, dass ich mir das gewiss nicht mehr antue, hundertausendprozentig nicht. Weil, wozu? Damit der junge Mensch mir wieder seinen Mittelfinger präsentieren kann? Ich habe auch andere schöne Hobbies, dankeschön; zum Beispiel backe ich einen ausgezeichneten Kärntner Reinling, und Faschingskostüme für die Kinder sind leider auch wieder zu nähen. Ich könnte dabei die kollossale neue Fehlfarben hören, die mir Peter Hein geschenkt hat, ja.
Beziehungsweise ich würde, wie ich voreilig zugesagt habe, auf die Faschingsparty von der Fischer gehen, gemeinsam mit Anna im knappen Flugbegleiterinnen-Kostümchen, das verpasst die Welt jetzt leider auch, und ich werde stattdessen nach Mitternacht in der Verkleidung eines zart angeflaschelten Protestsongcontestjurymitglieds erscheinen, wenn alle anderen schon lustig sind und ich nur ausgebuht. Ich habe mir den Anschiss von der Fischerin und der Anna schon abgeholt, wobei die Anna nur noch resigniert geseufzt hat: sie wurde jetzt schon wiederholt Opfer meiner nachlässigen Kalenderführungspolitik. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich vergesse, dass am 12. Februar immer und immer am 12. Februar Protestsongkontest im Rabenhof ist, und ich natürlich trotz gegenteiligsten Geschwörs erneut da oben auf meinen Stühlchen sitzen und Punkte vergeben werde, selbstverständlich wie stets an die falschen, jaja. Aber diesmal wird Peter Hein neben mir sitzen, dort in der Politdisko, und das Leben wird die Kunst angrinsen und die Kunst wird zurückgrinsen, und es wird gut sein, ja, es wird.
„Wann immer jemand in unserem Haus die Stimme erhebt, wird alles gestoppt, egal was wir gerade machen. Time-Out sage ich. Du hast etwas auf dem Herzen, nimm dir ein paar Minuten und rede mit mir.“
So ist das bei uns nicht. So ist das, jedenfalls berichtete das André Agassi kürzlich dem Kurier, bei den Graf-Agassis in Las Vegas. Wenn in unserem Haus jemand die Stimme erhebt, kommt gleich einer gelaufen und brüllt mit, um auf diese Weise seinen eigenen Ärger über was auch immer loszuwerden. Zu Spitzenzeiten brüllen vier Leute gleichzeitig.
Tagesanbrüche haben eine gute Anlage, Spitzenzeiten zu sein, wobei meistens ich die erste bin, die ihre Stimme erhebt, denn nach all den Jahren kapiert meine Familie noch immer nicht, dass, wer dauerhaft mit mir auskommen will, mich frühmorgends nicht anspricht. Nicht ansingt. Nicht einmal anschaut. Nicht seinen Kakao auf mein Kissen schüttet. Sich nicht darüber beschwert, dass in seinem Adventkalendersackerl schon wieder die ganz falschen Pickerl drin waren. Von mir keinen launigen Kommentar zu dieser abseitigen Zeitungsmeldung oder zur Lage der Nation erwartet. Mich nicht aus der Dusche holt, um mir eine voll lustige Stelle aus dem neuen Lottmann vorzulesen oder mich einen Gürtel suchen zu lassen. Mich nicht fragt, was ich abends essen oder kochen will. Mit mir nicht über die Autoversicherung spricht, die Gasrechnung oder einen Heftumschlag, den ich jetzt gefälligst endlich besorgen soll. Mich keine Fäden einfädeln lässt und mich nicht um Hilfe bei Häkelarbeiten bittet. Mich nicht anmotzt, weil ich schon wieder das ganz falsche Gewand herausgelegt habe und Schinken statt Salami in das Jausenbrot tue. Mich nicht fragt, wie viel kalt es heute eigentlich wird oder ob man noch schnell ein Ärzte-Video auf Youtube anschauen darf.
Auf all diese Dinge reagiere ich ab, sagen wir, elf, aufgeschlossen und gelassen, doch wer in der Früh gegen mehr als zwei meiner Gebote verstößt, muss mit einer Dezibel-Erhöhung rechnen, angesichts derer man bei Agassis sofort die Cops rufen würde. Natürlich ist das meiner rücksichtslosen Brut völlig wurscht und man lässt mich unter vier Verstößen und ohne Gebrüll keinen Tag beginnen. Dankeschön. Aber so ist das bei uns eben. Und bei uns läuft es auch nahrungsaufnahmetechnisch etwas anders als bei Agassis, wo Steffi, so erzählt André, streng auf Ausgewogenheit achte. „Die Kinder dürfen nach einer Pizza nur Proteine und Gemüse essen. Zwei Kohlehydrate-Mahlzeiten hintereinander sind nicht erlaubt.“ Ja, du. Und ich bin sicher, wenn Steffi ihre mütterliche Autorität verströmt, hat das auf ihre Familie die vorgesehene Wirkung. Auf meine nicht, aber daran werde ich jetzt arbeiten, denn auch meine Nullerjahre sind jetzt vorbei, ja, definitiv. Wünschen Sie mir also bitte ein schönes, erfolgreiches, respektgeladenes neues Jahr voller friedlicher Morgen im Kreise einer liebenden, kuschen Familie, ich wünsche es Ihnen auch.
Nachdem die Kinder tagelang kränkelten und von ihren erwerbstätigen und/oder ebenfalls kranken Eltern nervenschonend vorm Fernseher gelagert wurden, konnten wir live und vor Ort den Einfluss elektronischer Medien auf den Familienalltag überprüfen. Denn leider macht das Kinderfernsehen die Kinder nicht nur pflegeleicht und gusch, sondern auch klüger, nicht immer im Sinne der Erzeuger. Im inkriminierten Fall entlud sich die neue Kinderklugheit in einer morgendlichen Konversation zwischen einem der Mimis und dem Langen.
Der Lange „Zieh dir bitte die Jacke an.“
Das Mimi: „Glaheich.“
Der Lange: „Jetzt!“
Das Mimi: „Du hast mir gar nichts zu sagen, du hast ja nicht einmal ein Sorgerecht.“
Die Mutter, vom Langen mit einem irritierten Blick beworfen: „Ich kann nichts dafür, das hat sie aus dem Fernsehen“. Hatte sie, Kindernachrichten, Thema EU-Sorgerechtsvereinheitlichung. Das hatte Fragen aufgeworfen. Die wahrheitsgetreu beantwortet worden waren.
Andere haben jetzt was aus dem Radio, den Frenk Lebel nämlich, den FM4 jetzt löblicherweise doch spielt, nachdem ich die FM4sche Ignoranz in der letzten Kolumne bitter beklagte. Bravo, sage ich jetzt und lasse mich von diesem Erfolg natürlich sofort dazu verleiten, hier weitere unerbetene Vorschläge zu machen. Was den FM4lern sicher ungefähr so taugt wie mir, wenn einer, wie am Sonntag im phil, mit einer CD am DJ-Pult erscheint, die er bitte jetzt gern gespielt haben möchte. Tschaulitschau, baba und tschüss. Aber anhören kannst du es dir wenigstens. Nein! Jetzt nicht! Immerhin ergings mir besser als dem Kollegen R. denn der Kerl verzog sich murrend, während beim R. ein adäquater Vorgang damit endete, dass der Kerl dem R. die Pappn panierte. Das war aber auch im Flex, nicht im phil: im phil wirkt noch die Kraft des Wortes: Zupfst du dich jetzt bitte? Pfff, na gut. Danke, ich muss jetzt nämlich noch einmal "America" von Simon & Garfunkel spielen, ist gerade mein Lieblingslied. Ja, lacht doch, ist mir powidl.
Kraftderwortemäßig hat dann auch die Laokoongruppe am Sonntag hervorragend live ins phil gepasst, eine meiner diesjährigen Heimspiel-Lieblingsbands. "Walzerkönig", bitte! Unfassbar großartige Nummer. Gehört auf FM4 täglich zur Stoßzeit gespielt. (Jaja, ich zupf mich eh schon.) Habe ich auch letztens im rhiz wieder aufgelegt, leider vor praktisch leerer Hütte, denn Eugene Chadbourne hatte sein zweieinhalbstündiges Solo-Set gerade mit einer eineinhalbstündigen Banjo-Session beendet. Ein sehr höflicher Mensch, der Herr Chadbourne und ein kraftvoller Performer, solange er nur die Finger vom Banjo lässt. Danach hab ich den "Walzerkönig" gebraucht wie die drei Liter Grünen Tee gegen den Kater anderentags. Den "Walzerkönig" schaut man sich erst auf Youtube an (großartiges Video von Adnan Popovic und dann noch "Komm und tanz mit mir" und dann rennt man sofort los und kauft die CD. ("Walzerkönig", konkord). Schon, um den Gröbchen ein bisschen zu ärgern, aber das verstehen Sie jetzt nicht.
02.12.09
Dabei wirkte der Schweizer erst gestern noch so nett
Der Schweizer, bitte. Zwei Gesichter. Eben noch sitzt der Schweizer am Tisch vom Fischtürken, trinkt Rotwein, ist vergnügt, witzig (ja, doch!) smart und aufgeschlossen, zahlt die gesamte Zeche und sieht exakt so aus wie Haemmerli in einem Designer-Anzug. Und nur ein paar Stunden später schreitet der Schweizer zur Urne und verbietet fortan den Bau von Minaretten in seinem Land. Ich meine, geht’s noch? Der Schweizer, bitte? Wo will der hin? Zu Haemmerlis Ehrenrettung ist zu sagen, dass Haemmerli während des gesamten Urnenganges in einem Flugzeug saß, welches ihn von Wien in eine asiatische Metropole transportierte: Haemmerli hatte also mit dem Abstimmungsergebnis insofern nichts zu tun, als er zuverlässig nicht für das Minarett-Bauverbot gestimmt hat. Leider konnte er so auch nicht dagegen stimmen, was bei 57 Prozent aber auch nichts mehr geholfen hätte.
Haemmerli war ja die letzten Jahre Filmemacher – also er hat 1 Film gemacht, den über seine Messie-Mutter - jetzt ist Haemmerli Künstler. Künstler wurde Haemmerli im Wesentlichen durch Behauptung. Er hat sich einfach, zum Beispiel bei der Art Basel, hingestellt und gesagt: I am an Artist, bis die Leute anfingen, ihm das zu glauben und ihn in asiatische Metropolen einzuladen, wo Haemmerli jetzt Vorträge hält und seine Werke zeigt. Ich bin ja bislang nur mit zwei Haemmerlischen Werkreihen vertraut, einerseits die Stiefelbilder, für die Haemmerl das Innere vieler Stiefel fotografiert hat, andererseits die Ohrenbeißerserie, in der ich, glaube ich, auch vertreten bin. Weil darin alle vertreten sind, die mit Haemmerli einmal länger als fünf Minuten verbrachten, und während diesen von Haemmerli unvermittelt von hinten gepackt, ins Ohr gebissen und dabei fotografiert wurden. Immerhin weiß ich, dass Haemmerli ein für die Kunst gerne herangezogenes Kriterium erfüllt hat, er hat nämlich für seine Kunst gelitten. Und zwar körperlich, denn als er im Sommer während eines Geburtstagsfestes die Krautgartner von hinten packte und ins Ohr biss, haute die ihm auf der Stelle eine herunter und brüllte, dass Haemmerli eine totale Sau sei. Die Krautgartner hat mir erzählt, es war im Schock, sie konnte praktisch überhaupt nichts dafür, und Haemmerli hat ihr die Watsche auch gleich verziehen (vor allem weil, wie Haemmerli sagt, das Foto super geworden ist) und die Krautgartnerin ihm den Übergriff, den es diente ja der Kunst, und sie vertragen sich längst wieder.
Wie wir beim Fischtürken saßen, hat Haemmerli ungefähr nach der dritten Flasche Rotwein darüber zu sinnieren angefangen, dass es doch vielleicht schön wäre, einmal eine Zeitlang in Wien zu leben, wahrscheinlich besser als in Berlin. Das begrüßten wir sehr. Die Frage ist jetzt, ob die Schweizer Minarett-Entscheidung Haemmerli nach der asiatischen Metropole eher nach Wien treibt, oder ob Haemmerli, wenn er mit der Kunst fertig ist, vielleicht die Schweiz retten will. Wundern würds mich nicht.
Das passiert, wenn man sich nicht an die eigenen Regeln hält. Aktuell diese: Nie die Kinder mit ins Restaurant nehmen. Was auch hier wiederholt in missionarischer Absicht postuliert wurde. Am Samstag verstießen der Lange und ich dagegen und gingen mit ihnen – aus!nahms!wei!se! Und nur weil ihr euch immer beschwert, dass wir euch abends nie mitnehmen! - zum ersten Mal seit zwei Jahren oder so abends ins Restaurant.
Der Tisch war auf sieben reserviert. Um zehn nach sieben bettete eins der Mimis – das eine, das man sonst nur unter Einsatz schwerster, mit der Menschenrechtskonvention nicht konformen Drohungen gegen halb neun oder neun ins Bett bekommt – sein schweres Haupt auf selbigen und flüsterte matt, es sei entsetzlich müde und würde gern nach Hause und zu Bett gebracht werden. Hallo?! Geht’s noch? Um viertel nach sieben fragte das andere, ob wir sie eigentlich in böser Absicht mit in ein Restaurant nahmerten, in dem es für ein Kind absolut nichts zu essen gibt? Um zwanzig nach sieben hatten wir uns mühsam auf Nudeln mit Tomaten und auf Ravioli mit nichts geeinigt. Um fünf vor halb acht fragten sie, ob es für uns ok wäre, wenn sich die Schuhe auszögen und sich zum Schlafen auf die Bank legten. Nein! Ist es nicht! Um eins nach halb acht zwang ich ihnen die Nintendos auf, die ich eigentlich nur als allerletztes Notprogramm eingepackt hatte und dann saßen sie uns mit abgewandeten Blick gegenüber und ließen ihre Daumen sprechen.
Dafür warfen uns Leute am Nebentisch genau die Blicke zu, die wir Leuten wie uns früher vom Nebentisch aus zugeworfen haben: Was sind denn das für welche, die ihre armen Kinder abends mit in ein Restaurant zwingen und sie dann deppert Nintendo spielen lassen? Nie was von Babysittern gehört?
Zweiter Fehler: Dazu auch noch technisch anspruchsvolles Essen bestellen, mit dem man dann nicht weiß wie umgehen. Ist das die Art Artischocke, die man Blatt für Blatt auszuzelt oder isst man die mit Messer und Gabel? Dieser Stiel: Ist der Deko oder essbar, und blamiere ich mich mehr, wenn ich ihn esse oder wenn ich ihn nicht esse? Ich aß ihn nicht und blamierte mich mehr, denn der war natürlich, wie ich beim abservieren lernte, das Beste an der Sache. Selbstverständlich aßen die Leute am Nebentisch ihre Artischocke mit bravouröser Eleganz und in der richtigen Reihenfolge und es rutschte ihnen auch nicht das Besteck zweimal in die Buttersoße. Ja, danke. Noch ein Fass Wien bitte. Und der Wildschweinbraten war fantastisch, aber ich kann nicht mehr. Die Mimis hatten derweil ihre Jacken angezogen und warf uns von unter den Kapuzen stabil vorwurfsvolle Blicke zu.
Um neun waren wir draußen. Und sollte ich es wieder vergessen, erinnert mich bitte daran, dass wird die Kinder erst wieder mit ins Restaurant nehmen, wenn sie uns einladen. Und das wird teuer, ich schwöre bei Gott.
Was jetzt? Ich weiß nicht. Die letzte Woche war: Ich weiß nicht. An vielen Orten gewesen. Jägerschule, Prater-Schihütte, Büro, Hold, Laternenfest, Annas Sofa, Polly Adlers Sofa, Kunsthalle, Bett, Internet, Roter Elefant, Folio-Fest, Millis neuer Küche, Wetter, Novelli und hinter den Plattentellern vom phil. Mit vielen interessanten Leuten geredet oder leider nicht, aber ich weiß nicht. Das führt mich wieder nur geradeaus in eine Faustwatsche des Kollegen Dings, der mich rügt, dass ich neuerdings nicht einmal mehr die elementarsten Regeln des Kolumnismus berherzige, nichts als verschwommene Andeutungen, deppertes Namedropping, lose Enden und narrative Sackgassen, aus denen sich der Leser dann genervt wieder auf den Rückweg machen muss, und du kommst dabei im übrigen ziemlich unsympatisch rüber. Ja. Weiß ich. Aber wenn das nun einmal mein Leben ist?
Dann erfinde dir ein besseres, nein: erfinde mir ein besseres, ein schachtelsatzfreies, mit einer Struktur und guten Pointen an den richtigen Stellen, ist mir völlig powidl, ob das gelogen ist oder wahr. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Erst einmal frühstücken. Und an etwas Schönes denken.
Schön ist zum Beispiel das Wetter. Also das neue Lokal am Yppenplatz, von Lea Redolf und Raetus Wetter, vormals Expedit. Dort stimmt alles so wunderbar (bis auf den, so die Mimis, höchst beklagenswerten Umstand, dass es zur Weißwurst kein Ketchup gibt), ich könnte dort tagelang versacken, was allerdings elementar damit zusammenhängt, dass man sich, nachdem man eine von Wetters Appenzeller Käsefladen gegessen hat, stundenlang nicht mehr rühren und gerade noch den Arm zum Verdauungschnapsordnern lupfen kann.
Wien wird ja augenblicklich von einem Bobo-Wettrüsten in Atem gehalten: Brunnen- oder Karmeliterviertel? Wo gibt es die lässigeren Lokale, die besseren Marktstände, das Slow-Food-Futter, die Bio-Artischocken, die selbstgepupsten Marmeladen, wo wohnen die cooleren Promis? Seit der Wetter das Wetter eröffnete, steht es 103 zu 102, wenngleich ich am Yppenplatz jetzt nur einen toten Schriftsteller weiß und am Karmeliter-Platz drei lebende; dafür am Yppenplatz viel mehr Musiker, und zwar von den guten; einer tauchte im Wetter auf, als ich gerade drohte, ob der Last der Käseflade unter den Tisch zu rutschen.
Überhaupt kannte ich im Wetter die halbe Gästeschaft, was Neo-Phobiker wie ich zu schätzen wissen, die vor Neuem scheuen und es gerne haben, wenn alles vertraut ist, wenn alles so bleibt wie es ist und es eine Woche oder drei immer das gleiche großartige Essen und den gleichen fantastischen Song gibt, die nie den Mann wechseln und sich die perfekte Jeans gleich dreimal kaufen. Die Pointe für den Dings wäre jetzt, dass sich das mit den Jeans bewährt hat, weil mir noch am Samstag, vermutlich käsefladeninduziert, das Hosentürl platzte, und es wäre zudem original wahr, aber das ist mir zu aufgelegt, sorry, echt nicht.
10.11.09
Den Teil mit der Parkbank lasse ich vielleicht aus
Nur Stunden, was heißt, Minuten nach Erscheinen der letzten Kolumne erhielt ich ein freundliches Mail vom freundlichen Herrn Stermann, in dem er mir freundlicherweise folgendes schriftlich bestätigte: Ich war definitiv nicht gemeint. Mit dieser angeflaschelten Journalistin mit der Zauselfrisur. In diesem seinem Anzengruber-Sauftext. Das beruhigte mich ungemein, und ich ließ es in diversen Internet-Foren und Live-Gesprächen nicht unerwähnt, bis selbigen Abends kurz vor Mitternacht bei der Viennale-Abschlussparty, als ich, nachdem ich auch dort mehrere Menschen, die nicht danach gefragt hatten, über Stermanns Quasi-Freispruch informiert hatte, auf dessen Kumpel Grissemann traf, der irgendetwas sagte wie: Ha ha, so so, aber der Stermann hat mir gesagt, dass er beim Schreiben speziell an dich gedacht hat, doch, hat er.
Ich sagte: Sagamal, Grissemann, findest du eigentlich, dass ich eine versoffene Funzen bin?, und verließ die Viennale-Party, ohne Grissemanns Antwort abzuwarten, mit einem schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand. Dann hätte mich Grissemann eigentlich um vier Uhr früh schlafend auf einer Parkbank betreten sollen, aber ich ließ diesen Teil angesichts der frostigen Temperaturen lieber aus, sonst wäre ich jetzt erfroren und könnte diese Kolumne nicht schreiben. Und ich könnte nicht den Deutschen und ein paar Korrektoren dieser Stadt erklären, dass es sich, wie mir das Österreichische Wörterbuch schriftlich und hoffentlich stabil unwiderlegt bestätigt, beim Ausdruck „betreten“ um altes Wiener Amtsdeutsch handelt: Das ich mir letztes Mal herauskorrigieren habe lassen, weil das, falls es überhaupt existiere, kein Schwein verstehe, wie mir wiederholt versichert worden war.
Aber auf Versicherungen gebe ich sowieso nichts mehr. Man hat ja gesehen, wie viel sie wert sind. Vielleicht lässt sich die ganze peinliche Angelegenheit aber doppelt profitabel verwerten, als ich ja erstens in der göttlichen Position bin, jede mir widerfahrende Demütigung unmittelbar in bares Gerstl verwandeln zu können. Zweitens kann sie als Beweis dafür herhalten, wie ungemein rockbitchig ich im Grunde meines Herzens eben bin, also voll im Trend, wenn man sich die ganzen angejahrten Damen mit 1.-Bezirk-Strähnchen-Frisuren und voll hoaten Preis-auf-Anfrage-Motorradjacken so anschaut, die gerade überall auf cool aus der Zeitung äugen; Oida. Oder auf den Covern eigener Magazine ihre bislang mühsam unterdrückte ur-oage-Rockerbrauthaftigkeit mithilfe eines Visagisten, einer Stylistin, einer Chanel-Bikerjacke und eines professionell gestylten 300-Euro-Zauselkopfs auch endlich einmal freilegen dürfen. Eh nur diese Saison, fürs Frühjahr hat Stella McCartney Blümchen und Rüschen verordnet. Dann verräumen die Bankergattinnen die Lederjacken im Schrank und föhnen wieder; nur ich, ich bin immer noch zerzaust.
27.10.09
Insofern wäre es nur gerecht, wenn wir auch Läuse hätten
Zwei Tage, nachdem der kleine Dings bei uns war, mit den Mimis eine Kissen-und Jackenburg zum Hineinköpfeln gebaut, sich mit ihnen in alle Decken eingewickelt, über jeden Teppich gewälzt und dann mit beiden Mimis in einem Bett übernachtet hat, informiert mich sein Vater am Telefon darüber, dass der kleine Dings Läuse hat. Hallo, das ist einmal eine gute Nachricht, speziell an einem Tag, an dem mir der Lange gerade aus dem 15. Stock eines Luxushotels in einer künftigen Kulturhauptstadt am Meer eine SMS geschickt hat, um die grandiose Aussicht und den vorbildlichen Zimmerservice zu loben.
Warum bin ich nie tausend Kilometer weit weg, wenn dergleichen passiert? Weil ich immer da bin. Ich sollte viel öfter verreisen. Haemmerli zum Beispiel habe ich schon seit mehr als einem Jahr nicht gesehen, ebenso die anderen Zürcher Spezis. Und in Berlin war ich auch schon ewig nicht, wieviele Jahre war ich bitte schon nicht mehr in Berlin? Und habe ich schon mal bei Pia in Paris besucht? Habe ich nicht. Du kannst schon einmal das Gästebett herrichten, Pia, ich komme jetzt. Ich muss vorher nur noch alle Textilien in der Wohnung bei 60 Grad waschen, alle Teppiche tagelang auf den Balkon hängen, alle 200something Kuscheltiere in luftdicht verschlossenen Müllsäcken am Dachboden verstauen und alle Mimis mit scharfzinkigen Nissenkämmen zerkratzen. Dann komm ich aber sofort, Pia, verlass dich darauf.
Aber es hülfe eh nichts. Wenn ich einmal 1000 Kilometer weit weg bin, sprechen die Kinder ihr erstes Wort, machen ihren ersten Schritt, verlieren ihren ersten Zahn, haben endlich genug von der Bernhard-Fibich-CD, schießen ihr erstes Tor oder spielen erstmals fehlerfrei „Stairway to Heaven“. Wenn der Lange weg ist, bekommen sie Scharlach, fallen vom Hochbett, schlagen sich Zähne aus, verlieren ihr Lieblingskuscheltier, ihren Impfpass oder ihr Fahrrad und bringen, ich wette darauf, ihren ersten Fünfer heim. Und ihre erste Geschlechtskrankheit, irgendsowas. Sowie ihre ersten Läuse.
Natürlich sind wir eh priviliegiert. Alle anderen hatten schon Läuse, beziehungsweise: hatten schon oft Läuse. Auch die Horwaths, mit der Verschärfung, dass nicht nur der kleine, sondern auch der große Horwath Läuse hatte, was beim Horwath seiner Frisur, also dem, wasvom Horwath seiner Frisur noch übrig ist, original in der Kategorie der echten Wunder resortiert. Insofern wäre es nur gerecht, wenn wir jetzt auch einmal Läuse hätten, ja, tatsächlich sind Läuse bei uns überfällig, wie schaut das denn aus, wenn wir als einzige nie welche hatten. Und es ist ja eh schon wurscht, jetzt wo ich eh schon jedes Stück Heimtextil in geradezu lehrbuchmäßiger maternaler Präventiv-Hysterie gewaschen habe; meine Oma selig wäre mächtig stolz auf mich. Zürich, Berlin, Paris habe ich mir jedenfalls verdient; weil wann krieg ich schon einmal etwas umsonst: nie.
Ich will nichts mehr hören. Keiner von euch braucht deppert herumzutstsen, weil: IHR seid Schuld. Und IHR wart auch letztes Mal, bei der weihevollen Schalko-Buchpräsentation im Rabenhof Schuld, denn einer von EUCH hat mir jedes Mal, wenn ich gesagt habe: HEIM! JETZT!, noch einen Spritzer hingestellt, einer geht ja immer noch, und das ging, typisch Rabenhof, auch diesmal wieder so lange, bis die Grenze der Vernunft spürbar überschritten war. Und am nächsten Tag konnte ich dann im Blumenau-Journal ein Gespräch nachlesen, das ich bis zu diesem Augenblick vollständig vergessen hatte, woran IHR Schuld seid, und wenn Blumenau behauptet, ich hätte geschrien (und ich habe allerhöchstens milde gebrüllt), dann seid auch IHR daran Schuld, keine Frage, also ich will kein ts ts hören, still jetzt.
Außerdem ist nun alles besser. Ich habe am Wochenende auf den Fluss geschaut und bin im Wald marschiert. Ich habe eine komplette Staffel von „The Wire“gesehen. Ich habe entgiftet, gekocht, geräumt und dabei die neue Goldenen Zitronen gehört. Ich habe mir überlegt, wie es möglich ist, dass zwei CDs wie die neue Distelmeyer und die neue Goldenen Zitronen gleichzeitig erscheinen können, und trotzdem halten alle Distelmeyer für einen großen Dichter, ja: den Dichter der Stunde. (Entschuldigen bitte, der Mann ist nackt, und ich erlaube mir, das dem Chor der geblendeten, bäuchlings sabbernden Bewunderer zuzurufen: NAHACKT! Aber auf mich hört ja sowieso keiner. Ist ja jedem wurscht.) Immerhin die zweite Nummer, die mit dem Hass, die rockt ganz gut beim Auflegen. Also, wenn man es schafft, den Text zu ignorieren. Was bei den Zitronen nie nötig ist, niemals.
Jedenfalls war das Wochenende im Vergleich zur Vorwoche mönchisch, also ich würde fast sagen: eine Form der Meditation. Wenngleich das Besuchskind, das mit uns am Land war, zuhause schon etwas zu erzählen hat, nämlich wie laut der Lange und ich uns anbrüllen können: DAS, Blumenau, war laut, ungefähr so laut wie ein sehr großer Traktor mit einem mit Stahlrohren beladenen Anhänger, wenn er in einem Tunnel über große Steine rumpelt. Der Grund für das Gebrüll steht in so krassem Gegensatz zu meinen einleitenden Worten, dass ich mich nicht in der Lage sehe, ihn hier auszuführen, aber, wirklich, wer bitte stellt einem Kater Futter in einem handbemalten Schüsserl aus einer urseltenen, nur in Vorarlberg gebräuchlichen und dort in Museen konservierten Porzellanserie, welche die Frau seit Jahren mühsam zusammenschnorrt und -sammelt, vor die Haustür, so dass das nächstbeste Kind zuverlässig hineinsteigt? Der Lange, wer sonst. Drei Kinder standen in der Küche und hielten sich die Ohren zu, und die Besuchskindeltern haben diese Woche wieder einiges zu tstsen. Und was lernen wir daraus? Wurscht, wie ich lebe, getstst wird sowieso immer, eh egal, ich geh jetzt schwimmen.
08.10.09
Das ist doch ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt
An den Käsefladen im Madiani habe ich mir Donnerstag Nacht so das Maul verbrannt, dass ich bis heute nur lauwarmes Essen in Breiform zu mir nehmen kann; trotzdem hätte ich gerne das Rezept. Könnte ich bitte das Rezept bekommen? Die Käsefladen sind ein Parade-Winteressen; einfach, weich, warm, saugut, also genau das richtige, um eine Winter-Depression zu kalmieren. Ich meine, falls sich etwas derartiges wie ein Winter-Gefühl heuer überhaupt überhaupt einzustellen beliebt; im Moment sieht es eher wenig danach aus.
Auch der Donnerstag Abend war ein für meine derzeitige So-kann-es-unmöglich-weitergehen-Situation überaus typischer. Die Mimis schliefen bei Freunden, und zufälligerweise eröffnete der P. eine Ausstellung mit neuen Fotos in einer Galerie am Karmelitermarkt. Und wen treffe ich da? Den P., eh klar, den W. und den G., mit denen ich vor, ich will auf keinen Fall sagen, wie vielen Jahren zum Soundtrack von Sadé lange Abende in der Oskar-Bar in Feldkirch abhing. Wir waren 18, 20, 21, wir standen wie Cowboys an der Bar und ließen alle an unseren Zukunftsplänen teilhaben, denn jeder von uns war ein Künstler und würde demnächst ein berühmter Künstler sein: Der P. hat schon fotografiert, der W. hat schon Musik gemacht und damit Preise gewonnen, der G. studierte schon Architektur, der R. machte kleine Filme, die schon gezeigt wurden, und ich war hauptsächlich verwirrt und habe heimlich gedichtet. Und was ist, wie ich die jetzt treffe, aus denen geworden? Der P. ist ein super Fotograf, der W. lebt glücklich von seiner Musik, der G. ist Architekt, der R. konnte zur Vernissage leider nicht kommen, weil er grad seinen neuen Film schneidet und ich kann immer noch nichts anderes als schreiben. Ich finde, das ist ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt, speziell für Vorarlberger. Und alle können wir, wie sich im Madiani zeigt, noch immer noch bis tief in die Nacht hinein deppert sein, vor allem der G., mit dem ich gegen zwei Uhr früh mit meinem verbrannten Maul engagiert über DJ Ötzi stritt, wobei die Worte Trottel, Idiot und ungefickt fielen. Der Lange und ich gingen dann bald nach Hause, was aber nichts mehr daran änderte, dass wir vergessen hatten, dass anderntags um neun Uhr früh eine Ö1-Reporterin vor unserer Tür stehen würde, was auch geschah. Das hätte mir eine Lehre sein sollen.
War es aber nicht. Am nächsten Tag verhockte ich bei der Mimi-Abholung von einem Kindergeburtstag bei Leuten, die von steirischen Winzern abstammen. Am Samstag war phil-Geburtstag und der 30er von der H. im Espresso, Sonntag wieder Kindergeburtstag bei Leuten, die nicht von steirischen Winzern abstammen, aber trotzdem gut trinken können. Heute abend bin ich mit Sedlacek verabredet und hoffe inniglich, dass er absagt. Weil so geht das definitiv nicht weiter, definitiv nicht.
Der Plan wäre jetzt, ein bisschen fiktionale Distanz zwischen diese Kolumne und meine Wirklichkeit zu legen. Es wird auf die Dauer langweilig, wenn es jedes Mal, wenn ich was erzählen will, heißt: Weiß ich schon, hab ich schon gelesen. Plus werde ich immer harmoniesüchtiger und sehe nicht mehr so gern die hochgezogenen Augenbrauen von Leuten, die nicht darum gebeten haben, ihre privaten Angelegenheiten im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wiederzufinden.
Vielleicht sollte ich es machen wie Rubinowitz, der es macht wie Lottmann und ein paar reale Personen in ein paar fiktive Situationen schicken, aber ich glaube, ich mag Lottmann nicht. Also jetzt als Schriftsteller, privat kenne ich ihn ja nicht, obwohl es natürlich ein erster Schritt wäre, hier zu behaupten, ich sei letztes Jahr mit Lottmann und Rubinowitz aus dem Meinl am Graben geworfen worden und mit lebenslangem Hausverbot belegt worden, weil Lottmann und Rubinowitz sich dort in meinem Beisein einen Faustkampf mit Spucken und Tellerwerfen geliefert hätten. Und ich hätte einmal mit Lottmann in Darmstadt Rainald Goetz getroffen und wir hätten im Landgraf Ludwig VIII ein Hirschragout zurückgehen lassen, bevor wir im Nachtcafé-Club gemeinsam die Glieder schüttelten. Wäre aber eben ein peinlicher Abklatsch und überdies ein Schritt in die falsche Richtung; da will ich nicht hin, dort gefällt es mir nicht.
Und vielleicht kann ich ja überhaupt nur Wirklichkeit, vielleicht ist mir das Talent der Dichtung gar nicht gegeben. Aus der Wirklichkeit der letzten Woche, als ich auf einer Hochzeit beschimpft wurde, wäre noch etwas nachzureichen: Denn den Kerl hätte ich, so erklärten Braut wie Bräutigam hinterher, ruhig tüchtig zurück beschimpfen, ja von ihnen aus gerne auch mit der einen oder anderen Tätlichkeit bedenken dürfen; offenbar hätte es keinen Falschen getroffen. Und ich war wohl auch bereits der fünfte oder sechste Hochzeitsgast, der sich über den Herrn beschwert hatte. Hätte ich gern gemacht; zu spät. Aber ich habe ja regelmäßig im rhiz Gelegenheit, Gäste zu beschimpfen, die meinem Musikgeschmack erstens reserviert gegenüberstehen und das zweitens nicht für sich behalten können. Der Lange ebenfalls: Wobei ich mich frage, wie der auflegt, wenn ich nicht dabei bin, weil ich ihm letztes Mal von jeder zweiten CD die Titel vorlesen musste. „Now I’m a Fool“, welcher Track ist das? Sechs, Schatz. Zu kleine Schrift. Daran denkt die Musikindustrie wieder nicht, dass zahllose Djs bereits fortgeschrittenes Alter erreicht haben und ihre Arbeit in den Clubs und Underground-Lokalen ungern mit einer Lesebrille verrichten. Und, jajaja, ich WEISS, dass ich dir das schon einmal erzählt habe.
Doris Knecht liest am Do, 17.9., 20 Uhr, im Rahmen der unik.at-Vernissage in der Gartenvilla Albertgasse 33, 1080 Wien und legt am So, 20.9. im rhiz auf, live: Glen Meadmore
Allmählich erreiche ich den Punkt, wo es schwierig wird, etwas zu erzählen, weil das Sommerprogramm „Ereignisarmut“ seine Wirkung beängstigend effizient entfaltet. Seit zwei Monaten erschlage ich tagsüber Wespen und lausche abends dem Fluss, und es ist gut. Nichts fehlt. Ich bin soweit, dass ich dem McDings, der seine Ferien ebenfalls in vertrauter Umgebung verbracht hat, maile, ja, genau, das sei doch gut, die Menschen erlebten viel zu viel, allgemeines Mindererleben sei doch für die Menschheit und für den Klimawandel viel gesünder. Also quasi diesen Satz von Pascal, von dem Unglück, das allein daher rühre, dass die Menschen nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen, als Ökobilanzrechnung. Ich vermag das mittlerweile unglaublich gut, wenn man jetzt einmal das Zimmer etwas größer fasst und ein bisschen Wiese, den Fluss, ein paar Bäume und Kinder hineinstellt. Und etwas zu essen und zu trinken, was weil man nicht immer nur Holundersirup, Zucchini, Erdäpfel oder Paradeiser aus dem Garten zu sich nehmen mag, was zugegebenermaßen Autofahrten nach großzügig entfernten Das und Dorts erfordert. Der Dings mailte etwas überaus Bedachtes zurück, nämlich, dass das, was ich eben gemailt habe, ein kompletter Unsinn sei, man müsste im Gegenteil die Menschen dazu zwingen, viel mehr zu erleben und tüchtig was von der Welt sehen, weil das das Hirn erweitere. Ja ja! Ich meinte doch eh: uns. Wir haben uns das wenigstens temporäre Nichtserlebenmüssen unter selbstloser Gefährdung unserer Gesundheit redlich verdient. Ja, mailte der Dings. Damit war auch dieses Ereignis vorbei.
Es ist zudem schwierig, zu arbeiten, weil sich ein Arbeitszimmer hier nicht ausgeht und die Kinder sich den Satz „Ich muss jetzt arbeiten“ nicht länger als zwei Minuten merken. Merken können. Wollen. Dann verlangen sie ein Honigbrot oder stellen sich mucksmäuschenstill in einem 45-Grad-Winkel neben den Computer, treten von einem Bein auf das andere und strahlen mich mit ihren glänzenden Kinderaugen rücksichtsvoll an. WAS!!!! Es ist, weil sie diese Erstklässlerrechenaufgabe auf ihrem Nintendo nicht verstehen. Es gibt für den Nintendo ja auch pädagogisch unheimlich wertvolle Lernspiele. „Fülle die leeren Kästchen richtig aus. Rechne mit Plus oder Minus.“ Wie? Welche leeren Kästchen? Was rechnen? Versteh ich auch nicht, frag den Papa. Der Lange kapitulert ebenfalls, also spielen sie wieder Supermario.
Und zwar ohne den Nachbarsbuben, weil dem habe ich, damit es zu keiner Straftat kommt, ganz auf erwachsen eine freundliche Rede gehalten, dass er bitte ein paar Tage nicht kommen soll, weil uns das zuviel wird. Jetzt war er schon so viele Tage nicht da, dass ich Angst habe, dass ich seine zarte Nachbarsbubenseele nachhaltig gekränkt habe. Ich überlege schon, ob ich ihn mit einem Honigbrot herüberlocken soll. Nein, lieber nicht, der kommt schon wieder.
19.08.09
Ich hätte vielleicht nicht so lange schlafen sollen
Der Nachbar ist fertig mit Wiese sensen, jetzt verputzt er von morgens früh bis Abends spät sein Haus und hat auch damit nichts als Probleme. HUR! Meine Sippe ist schon wieder weg: was, HUR!, ernsthaft schade ist, denn der Besuch war sehr viel netter, als die Wirren der Vorbereitung es vermuten hatten lassen. Zudem festigte er die Kinder in ihrer politischen Sozialisation; denn um eine Verlängerung des Aufenthalts zu ertrotzen, gründeten sie eine Lobby; organisierter Widerstand in seiner unschuldigsten Form, mit Parolen, Plakaten und Sprechchören. Wer so weit fährt, bleibt länger da! Auch Kinder haben ein Recht auf Verwandschaft! Wir! Bleiben! Hier! Sie! Bleiben! Hier! Wir! Bleiben! Hier! Selbstverständlich fiel ich meinen Schwestern in den Rücken, die diese geballte Renitenz hinter ihren Prosecco-Gläsern zu ignorieren trachteten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, nämlich den prognostizierten Regentag zur Heimreise in ihre staubentstellten Häuser zu nutzen: Querulantismus, meine Kernkompetenz bitte.
Das muss man doch unterstützen, rief ich. Entschuldigung, Schwestern, habe ich gesagt, wenn ihr das jetzt abwürgt, könnt ihr euren Kindern gleich das Rückgrat herausoperieren, dann seid IHR Schuld, wenn aus ihnen devote Duckmäuser werden, mutlose, apathische Befehlsempfänger, unfähig, ihren legitimen Forderungen Gehör zu verschaffen! Stimmt!, riefen die Kinder. Wenn ihr ihnen dieses erste gemeinschaftliche Dagegensein, diesen Mut zum Einspruch jetzt zum Misserfolg macht, prägt das ihre Zukunft! Ihr macht sie schwach! Ihr macht sie klein! Ihr macht sie feig! Das könnt ihr doch nicht wollen. Ja!, riefen die Großeltern! Na gut, seufzten die Schwestern. Gib mir fünf!, brüllten die Kinder.
Allerdings hätte ich am nächsten Tag nicht so lange schlafen sollen, denn anders als tags zuvor, als ich, kein Scheiß, um 9.21 Uhr in der Früh von Sektkorkengeknalle meiner Morgenlektüre entfremdet wurde, zwangen sie diesmal, HUR!, ihre Kinder mit brutalen Bestechungmaßnahmen in einen Umdenkprozess, der in allgemeiner Abreise endete. Kinder sind ja so korrupt. Tja, schade, wenn ihr meint. Ja, wir meinen. Ich meinte dann auch, weil die Aussicht, meinen Schwestern einen Regentag lang beim anschwellenden Unrundsein Gesellschaft leisten zu dürfen, machte mir ein wenig Angst. Soviel Prosecco habe nicht einmal ich im Keller. Also stellte ich mich mit den Kindern an die Straße und wir winkten ihnen lange nach. Eins der Mimis weinte sehr, und wurde am Rückweg zum Haus, wohin ich es mit mit mütterlichen Trostworten leitete, auch noch, HUR!; von einer Wespe gestochen. Aber danach, als das Weinen mithilfe einer halben Zwiebel, zwei Packerl Gogos und einem Kinderfilm verebbte, war es: still. Ich lauschte dem Regen, den Birnen, die auf die Wiese platschten, dem Wind in den Bäumen und dem Nachbarn. HUR! Tja.
05.08.09
Du kannst natürlich nein sagen, überhaupt kein Problem
Der Lange ist nach insgesamt 18 Stunden geflüchtet; hat sich ins Auto gesetzt und ist bis auf weiteres nach Wien gefahren. 18 Stunden sind heldenhaft, 18 Stunden sind entschieden mehr, als ich ihm zugetraut habe. Ich habe gesagt, folgendes, sie kommen irgendwann am Nachmittag, dann ist eh erstmal Hausumbauen, Kuchen, Prosecoo und Bekannte ausrichten. Am Abend Grillage, und am nächsten Tag hast du, sagen wir, um zehn einen Termin in Wien. Der Lange hielt dann aber viel länger durch und verabschiedete sich erst am Abend, da aber mit Halleluja.
Ursprünglich ausgemacht war: Meine Schwestern kommen mit ihren Kindern, also zu sechst. War dann aber schon seit Wochen ein Gestöhne am Telefon: „Phhh, so ein weiter Weg von Vorarlberg zu dir, und das mit den Kindern.“ „Ich weiß, ich bin ihn in den letzten sieben Jahren im Zug mit zwei kleinen Kindern, lass mich kurz überschlagen, 25 Mal hin und 25 Mal retour gefahren.“ „Jaja, aber du bist es ja gewohnt. Es wäre jedenfalls viel einfacher, wenn man mit dem Zug ins Waldviertel fahren könnte. Mit den vier Kindern hinten im Auto, das wird furchtbar. Mit dem Zug wärs ÜBERHAUPT kein Problem.“ „Ich weiß, deswegen wart ihr, lass mich kurz überschlagen, in den letzten Jahren genau einmal bei mir in Wien.“ „Entschuldigung, wir hatten halt keine Zeit.“ „Ja, eh, für eine voll erwerbstätige Freiberuflerin wie mich ist es ja leicht, immer wieder tage- und wochenlang woanders zu sein, für zwei Hausfrauen dagegen, gar nicht auszudenken, wie eure Häuser ausschauen werden, wenn ihr sie drei Tage lang nicht gesaugt und eure Männer, wenn ihr ihnen drei Tage lang nicht die Hemden gebügelt habt.“ „Lustig.“ „Ja, ich freue mich auch total auf euch.“
Vor einer Woche haben sie mir ein Mail geschickt. Also, sie können praktisch nicht mehr schlafen, vor lauter Horror vor dieser endlosen Autofahrt, und die Eltern wollten doch eh auch demnächst einmal wieder kommen, und jetzt haben sie sich gedacht, wenn die gleich mitkämen, dann könnte man die Kinder in zwei Autos aufteilen, das wäre unendlich viel leichter, und es wäre doch so super, wenn wir wieder mal alle ein paar Tage beeinander wären, und sie haben auch schon in der Pension da bei uns im Ort angerufen, die haben noch Zimmer frei, aber man könnte sich auch so, so und so im Haus verteilen, alles überhaupt kein Problem, und der Opa mit den Kindern, da sind wir doch alle super entlastet, ich soll mir das doch überlegen und ich kann natürlich auch nein sagen, selbstverständlich, überhaupt keine Sache, wenn ich nein sage.
Ja, sicher. Nicht einmal die Schottermizzi könnte nein, sagen, wenn man ihr mit so einem Asylantrag kommt. Jetzt sind sie alle da, und wir bestaunen die interessanten Effekte, die beim Zusammenprall von einem Wiener und drei Vorarlberger Lebensstilen in einem Haus entstehen. Gut ist, dass wir genug Alkohol im Keller haben, und er geht zügig weg.
Die 85jährige Nachbarin aus dem ersten Stock fragt mich, ob sie dem Langen etwas getan hat. Oder ob der Lange sie leicht nicht mag. Nicht dass ich wüsste. Weil immer, sagt die Nachbarin, grüßt sie den Langen freundlich und immer brummt der nur unfreundlich zurück.
Ah ja. Kenn ich schon. Schon wieder nichts Neues in meinem Leben. Der meint das gar nicht so, erkläre ich der Nachbarin, der ist einfach so, der kann nicht anders, das Grummelige liegt dem in der Natur. Wenn der ganz normal aufgelegt ist, wirkt das auf andere so, als sei er auf dem Weg zu einer Bluttat, und wenn er glücklich ist, erkennt man das an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Und das Brummen, das er Ihnen aus dem Gestrüpp seiner Kinnregion schickt, bedeutet: Ihnen auch einen schönen guten Morgen, liebe Frau Weiß, ist es nicht ein herrlicher Tag?
Eins der Kinder hat das auch. Klarer Fall von Vererbung. Grundstimmung: ruppig, muffig, spröde, mit viel Ausbau-Potential ins Saugrantige. Aber sonst sehr lieb eigentlich. Ich weiß noch nicht, wie ich das Kind beim Abreagieren unterstützen soll: Der Lange hat jetzt eine Spitzhacke, aber für eine Siebenjährige ist das suboptimal. Eine Freundin probierts bei ihrem ähnlich veranlagten Kind mit Lach-Yoga, aber ich bin ja eher nicht so yoga-affin. Wenn es bei anderen wirkt, toll; bei mir greift das nicht. Der Lange reflektiert auch wenig auf meditative Selbstkalmierungstechniken, jetzt einmal abgesehen von abendlichen Naturbetrachtungen bei Bier. (Immerhin, dabei entdeckt der Lange viel Schönes: Kinder, kommt schnell, schaut, da drüber ist ein Wildschwein! Wo. Da, da drüben, am Waldrand! Wo. DAS BRAUNE DA, GENAU VIS A VIS, KRUZIFIX! Das ist ein Hund. DAS IST KEIN HUND, SEIDS IHR ALLE KOMPLETT BLIND!? Papa, das ist ein Hund, hörst du, jetzt bellt er. Grummel, brumm.)
Nicht nur aufgrund einer vom Langen strikt ignorierten Sehschwäche begrüße ich es, dass er nun die Spitzhacke als sein neues Lebenswerkzeug entdeckt hat. Viel besser, der Lange reagiert sich mit der Spitzhacke ab als mit der Kettensäge. Man kann sich zwar auch mit einer Spitzhacke weh tun, aber mit der Kettensäge effizienter. Die Kettensäge steht in des Langen Werkzeug-Rangliste jetzt zum Glück auf Platz drei, erstens Spitzhacke, zweitens Danelectro, drittens Stihl, was mich stark beruhigt, weil ich zehndäumige Doppelinkshänder mit rustikalem Charakter und ohne besonderes Talent im Technischen plus Kettensäge für eine relativ erhebliche Gefahr für Leib, Leben, Haus und Garten halte. Mit der Spitzhacke dagegen hat er jetzt schon zwölf Thujen-Wurzeln und einen einbetoierten Zaun aus der Erde gehauen und einen Stein-Weg zum Schuppen gemacht, das tut ihm richtig, richtig gut: Ich sehs an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Wenn wir jetzt noch dem Kind sein Werkzeug finden, werden wir noch eine richtig fröhliche Famile, passts auf.
Es war die Woche des Lebenswandelswandels. Zuerst deaktivierte ich mein Facebook-Konto, was von Facebook nicht akzeptiert wird. Ich werde offenbar weiter als ganz normales Mitglied geführt, allerdings als Arschloch, das mit allen seinen Freunden Schluss gemacht hat. Walter T. fragte bereits in einem traurigen Mail, warum ich ihn denn aus meiner Freundesliste entfernt habe. Habe ich nicht! Ich habe nur mich selbst entfernt; hat mich zu sehr abgelenkt.
Dann marschierte ich bei meinem Friseur ein. Friseur, sagte ich, künftig will ich glänzendes Haar. Ich will jetzt nicht mehr struppig sein. Mein Haar soll jetzt das Sonnenlicht zurückwerfen und in elastischen Naturwellen mein Antlitz umschmeicheln. Geht das?
Bei dem Friseur bin ich seit 15 Jahren. Ich fühle mich bei dem Friseur wohl. Er spielt schönen Countryfolk, während er meine Haare schneidet. Er tut, was ich will. Ich sage, so, so und so, und er schneidet so, so und so. Er quält mich nicht mit Styling-Tipps. Er ist taktvoll und erklärt mir nicht, was mir besser stehen würde, als so, so und so. Er sagt nicht, wie der Friseur der Schneebergerin, dass die Schneebergerin sich mehr pflegen sollte, langsam mal ein wengerl Sport machen, und einmal wöchentlich eine Haarkur, Minimum. Wenn mein Friseur irgendeine michbezügliche außercoiffeurliche Sorge hätte, dann wäre das höchstens etwas in der Art, ob ich eh genug trinke. Hat er aber nicht. Mit meinem Friseur rede ich über den Fink, das Waldviertel, die Kinder und die Konzerte, die man in nächster Zeit sehen sollte und nicht darüber, was für eine Frisur mir vielleicht besser stehen würde.
Und genau das problematisierte ich kürzlich im Zuge einer schlaflosen Nacht: Sollte ich andere Haare haben? Längere? Elegantere? Und das vielleicht schon längst? Laufe ich seit Jahren mit falschen Haaren herum, weil mein Friseur so ein freundlicher, taktvoller Mensch ist? Sollte man einen Friseur haben, der einem fremde Frisuren, Haarpackungen und Stylingtipps aufdrängt?
Ich ließ mir die Haare ein wenig wachsen. Ich erwog, einmal die Friseurin ums Eck aufzusuchen, die den Mimis die Haare schneidet und uns am Heimweg immer zuwinkt. Aber was, wenn das dann auch nicht passt? Hoppel ich dann reuig zu meinem alten Friseur zurück? Und muss dann jeden Tag einem Umweg machen, aus schlechtem Gewissen der netten Friseurin gegenüber?
Die Unübersichtlichkeit der Problemlage bewog mich letzten Mittwoch gegen neun dazu, mir die Haare selbst bissl zu schneiden. Gegen halb zehn rief ich meinen Friseur an und bekam einen Termin um drei. Erstens, sagte ich, ist mir ein kleinen Missgeschick passiert, und zweitens mach mir bitte glänzendes Haar, ich werde auch nicht mehr die Silikon-oder-was-Paste verwenden, die schon seit Jahren dein Misstrauen auf sich zieht. Mein Friseur sagte: Bitte gern, wie soll es sein? So, so und so, sagte ich, und wer ist das, der da singt?
Wie das Mimi aus der Schulgarderobe kommt, spritzt ihm schon das Gift aus den Augen. Es ist offensichtlich gedemütigt worden; und von wem, eh klar, von seiner Mutter. Es wurden nämlich in der Schule Eier gefärbt und seine Mutter hat ihm zweierlei: erstens braune Eier mitgegeben, was diesfalls allerdings die minderschwere Sünde bedeutet, zweitens aus Bodenhaltung. BODENHALTUNG!, heult das Kind der Mutter vom Rücksitz aus in den Nacken, meine Mutter kauft Eier aus BODENHALTUNG!, wie konntest du nur! Den ganzen Gürtel-Stau hindurch erklärt das Mimi seiner hirn- und herzlosen Mutter, was das bedeutet, wenn Hendln in BODENHALTUNG gehalten werden und wie die sich gegenseitig Löcher und in die Leiber, ja sich totpicken! Und wie sie nicht verstehen kann, wie ein Mensch so verantwortungslos, nein: BÖSE sei kann, Eier aus BODENHALTUNG zu kaufen! Wo es doch überall auch gute Bio-Freilandeier von glücklichen, artgerecht auf grünen Wiesen gehaltenen Hühnern gibt: Ist euch das alles egal?
Tatsächlich ist es natürlich so: Wenn es etwas auch in bio gibt, nehmen wirs in bio, bis auf ein paar Ausnahmen, die aber nicht ursprünglich mit unserer Bosheit zu tun haben, sondern mit unserem endenwollenden Haushaltsbudget. Wir glauben an ökologisch bestelltes Land, saubere Gewässer und gesunde Tiere, deshalb kaufen wir im Bauernladen oder radeln Freitags zu diesem suprigen kleinen Markt bei der Lerchenfelder-Kirche und verteilen unter den Händlern kleine Vermögen für glücklichen Lardo vom Mangalitzaschwein, glückliche Bio-Essiggurkerl und glücklichen Bio-Paprika. Ich mache mehrmals wöchentlich einen Umweg, um den lässigen Biohändler, mit dem ich jetzt per du bin, zu unterstützen, indem ich das Dreifache zahle wie im Supermarkt, und zwar gern, denn dafür gibt’s fantastisches Biobrot vom Kasses in Thaya, das Schremser aus der guten Waldviertler Familienbrauerei und absolut überglückliche Bio-Freilandeier, die ein grundgüter Biobauer dem glücklichen Biohuhn mit liebevollen Worten abverhandelt, gepützelt, gestreichelt, gekost und zärtlich in ihr Pappmaché-Schachterl gelegt hat. So ist es nämlich.
Aber wie ich letzten Dienstag das Biogemüse für das Bio-Wokgericht geschnippelt habe und eben die geraspelten Bioerdäpfel mit den Biozucchini zu Puffern zusammenmixen will, sind die glücklichen Eier aus. Nachbarin 1 ist nicht daheim und Nachbarin 2 ist nicht daheim, also zieh ich die Pfannen vom Ofen und mir nochmal Schuhe an, renne in den nächstgelegenen Supermarkt und kaufe die einzigen Eier, die es dort gibt. Und genau die sind noch im Kühlschrank, als die Mutter im Mitteilungsheft des Mimis die Nachricht entdeckt, das Kind habe bitte ein paar gekochte Eier zum Färben mit in die Schule zu bringen. Und jetzt sind wirs: ruchlose Hendlschänder, die marodierend durch Billigdiskounter ziehen; und das Kind gesellschaftlich ruiniert. Das pickt an uns wie Hühnerdreck, vermutlich für immer.
Am Freitag in der Früh habe ich mich über ein deppertes Mail so geärgert, dass ich drei stinkwütende Mails retournierte, worauf ich naturgemäß von etwa neun Hassmails betoniert wurde. Das passiert, wenn man sich schon um sechs Uhr früh zwischen gerechtem Zorn und buddhistischer Gelassenheit entscheiden muss. Um sieben, nach dem Kaffee, weiß man dann eh, dass man zuerst den Kaffee trinken, die buddhistische Gelassenheit wecken und dann auf das Mail nicht antworten sollte, aber tralala, zu spät. Natürlich vergiftet einem der frühe Zorn den ganzen Tag: Er macht, dass im Semmerl der falsche Leberkäs ist. Er macht, dass die Kinder im Auto aggressiv sind, weil eh, wie man in die Rückbank hineinruft, so schallt es heraus. Und er macht, dass im Waldviertel das Wasser nicht geht, und nicht nur nicht geht: es zerstört sich, während das Anstellen des Wassers misslingt, der Handpumpbrunnen vor dem Haus, und ohne den fließt im Haus kein Wasser. Haben Sie schon einmal einen Handpumpbrunnen repariert? Ich auch nicht. Es ist Freitagnachmittag, die Installateure sitzen schon in ihren warmen Whirlpools. Man wird auch dieses Wochenende, an dem man acht Leute zum Schweinsbraten-Essen und einige davon zum Übernachten eingeladen hat, kein Wasser haben. Darauf kann man auf verschiedene Arten reagieren; manche hocken sich neben den hinichen Brunnen und blatzen.
Ganz früh am nächsten Morgen kommt der Horwath mit dem großen Schraubenschlüssel. Wir schrauben den Brunnen auf, und schau an, das Leder innen ist hinüber, wir binden ein Schnürl herum, aber nix. Der Lange fährt mit dem Brunnenteil und genauen Horwath-Anweisungen zu einem Installateursladen, der zwanzig Kilometer entfernt offen hat. Der Horwath hat eine Idee und holt seine Tauchpumpe, hängt sie in den Brunnen, und hurra, das Wasser im Haus sprudelt los. Aus dem Wasserhahn und aus insgesamt sieben Frostlecks in den Rohren: vier im Badezimmer, eines im Gästezimmer, zwei im Wohnzimmer. Immerhin war das Karma damit soweit besänftigt, dass wir einen Notinstallateur erreichten, der den ganzen Samstag Nachmittag lang Rohre lötete, während wir den Indoor-See trockenlegten.
Das alles hängt, davon ich bin überzeugt, mit dem Freitagmorgenmail zusammen, und zwar nicht mit dem, das ich bekam, sondern mit dem, das ich dann zurückschrieb. Die Karmapolizei hätte gleich einschreiten müssen. Weil eh: Man muss zu allen freundlich sein, auch zu den Depperten, denn wenn man freundlich ist, kommt Freundlichkeit zurück. Selbstverständlich erfordern manche Deppertheiten energisches Gegendeppertsein; aber das war, wenn man es sich genau anschaut, eigentlich keine solche Situation. Es war eine Situation, wo man gelassen sagt, geht mir da rein, geht mir da raus und baba. Leider war der Zorn schneller wach.
Also habe ich am Montag früh ein abschließendes freundliches Mail an den geschickt, der mir das depperte geschickt hat. Und was ist passiert? Zwei Minuten später klingelt es an der Tür und die Post bringt ein Paket und es enthält ein Paar fantastische Sandalen. Und sie passen perfekt. Und das Wasser hält jetzt auch dicht.