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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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6.05.10

Offiziell liest sie Arno Geiger.

| Comments (0) | 05/10 | Stadt/Land

Jetzt habe ich 60 Stunden nicht geraucht, drei komplette Aufwachphasen ohne die je drei Aufwachzigaretten überstanden; die Rauchentwöhnung ist also so gut wie vollbracht. Und es war, wie ich prophezeit hatte, kollossal hilfreich, sie unter mütterlicher Aufsicht durchzuführen, denn wenn meine Mutter sagt „wie kann man nur?“, dann will man das, was man nur kann, zuverlässig lieber so schnell wie möglich nicht mehr können. Was sich auch abseits des Nikotinentzugs wieder zeigte: Man glaubt nur, man habe bestimmte Alltags- und Kulturtechniken längst soweit perfektioniert, dass ein relativ unfallfreies und gesetzestreues Überleben in Stadt und am Land möglich ist. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Tätigkeit, die nicht massiv verbesserungswürdig wäre, kaum einen Handgriff, den man nicht sehr viel effizienter durchführen könnte. Dabei sind die meinen wirklich vorbildliche, offene, unübergriffige Eltern. Solange ihre Kinder glücklich sind, mischen sich diese Eltern nie in deren große Lebensentwürfe ein, selbst wenn die Weltanschauungsübereinstimmung ganz nahe an der Nullline herumhoppelt. Über die elementaren Ideologie-Differenzen können sie in gelassenster Großzügigkeit hinwegsehen. Über praktische Defizite nicht. So wie letzte Woche der Lange auf der Gartenbank saß und dem Gras beim Wachsen zusah, sitzt jetzt meine Mutter auf der Gartenbank und sieht ihrer Tochter beim Rasenmähen zu. Also, sie sieht nicht zu, und zwar sehr aufdringlich nicht. Offiziell liest sie Arno Geiger. Inoffiziell beäugt sie mich, und zwar so lange, bis ich den Rasenmäher abstelle und sage: Was!!! Ich will dir nicht dreinreden!, sagte meine Mutter. Was, Mutter, sage ich, werde es los. Ich will mich wirklich nicht einmischen, sagt meine Mutter, aber tätest du dir nicht leichter, wenn du nicht über das schon gemähte Gras drübermähst? Und wenn du das Ding da an der Seite vom Rasenmäher abmontierst, da verstopft sich ja immer das Gras darin. Und sie hat natürlich recht, und trotzdem oder gerade deshalb will ich die Hauswand hochgehen, weil egal, wie lange man brav bewiesen hat, dass man den Titel „erwachsen“ mit Fug und Berechtigung trägt: Kaum sitzt die Mutter auf der Gartenbank, weiß man wieder, dass man es nicht tut: Man ist nur eine Betrügerin, man hat das Erwachsensein nur vorgetäuscht und jetzt wurde man erwischt. Und es erwischt einen nicht nur Mutter, sondern auch das eigene Kind, das bei meiner moralischen Demontage etwas subtiler vorgeht, indem es seit neuestem ansprechende, kleine Geschichten verfasst, an deren Ende immer zuverlässig die Mutter stirbt: entweder aus Gram über den Tod ihrer aufgrund mütterlicher Vernachlässigung tragisch verreckten Kinder und/oder weil sie zuviel Algahol getrunken und Tschigg geraucht hat. Ja, ich weiß, dass mir das zu denken geben sollte. Immerhin, ich rauche jetzt nicht mehr.
27.04.10

Es wird alles ganz von selber gut

| Comments (0) | 04/10 | Stadt/Land

Verzeihung, es geht gerade nicht. Ich muss den Kaffee aufwischen, den ich eben über meinen ganzen Kramuri geschüttet habe, zwei Kolumnen schreiben und dann mit den Mimis zum Zahnarzt und mich vom Zahnarzt schief anschauen lassen, weil mit dem einen Zahn von dem einen Kind ist eindeutig was, und der Zahnarzt wird garantiert erkennen, dass das schon länger ist. Auch wenn die Mutter schwören wird, das sei erst vor ein paar Tagen passiert, was gelogen sein wird. Jaaaa! Meine Schuld! Ich weiß! Aber was soll ich denn noch alles schaffen?? Arbeiten, kochen, Laudatio halten, auflegen, arbeiten, Kinder antreiben, Salat pflanzen, Radieschen säen, Gästebetten beziehen, Kinderfahrräder ersteigern, Mitteilungshefte lesen, Termine ausmachen, hässige Mails mit gelassener Gutmütigkeit beantworten, rauchen aufhören, die Hängematte flicken, aufräumen, gelassen sein, den Installateur anrufen, den Strom zahlen, Schiefer ziehen, Kind trösten, arbeiten, Steuern zahlen, eine gute Mutter sein, eine gute Lebensgefährtin sein, eine gute Freundin sein, nett sein, Kaffee aufwischen: Ja, ich schaff das eh alles!! Irgendwie!! Jetzt bis auf das mit dem Rauchen. Das mach ich dann nächstes Wochenende, unter dem traurigen, sorgenvollen Blick meiner Mutter, der hilft in manchen Situationen immer noch am besten. Immerhin: Das mit der Laudatio war fein. Also, der zugehörige Anlass, weil mein Lebenswirt, der Herb Molin, das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen hat. Und mit was? Mit Recht. Viele Leute waren da und danach saßen die ganzen Nachteulen aus dem rhiz mit riesigen Sonnenbrillen am Maria-Treu-Platz, aßen Pizza und bekamen Sonnenbrand. Es war ein bisschen, wie wenn die Vampire in Rimini Urlaub machen. Nett war es. Und der Lange? Ach, der Lange. Wie ich gesagt habe. Nein, nicht ganz. Er hat mit dem Positiv-Denken nicht wieder aufgehört, er hat es diversifiziert. Er denkt jetzt spartenspezifisch positiv. Also, einerseits schimpft er wieder ganz normal. Andererseits sitzt er auf der Gartenbank, schaut in die Wiese, sieht, wie hoch das Gras steht und sagt: Der Rasen sollte dringend gemäht werden. Aber er lässt sich von derlei banalen Widrigkeiten nicht mehr belasten, soweit hat er den Glauben an die Kraft des Optimismus schon verinnerlicht. Er denkt jetzt positiv, dass der Rasen, wenn man nur mit radikaler, Richard-Fordscher-Gelassenheit daran glaubt, schon gemäht werden wird. Dass alles ganz von selber gut wird. Und das wird es auch, weil der Lange fährt jetzt erst einmal zehn Tage weg, und wenn er zurückkommt, wird vermutlich jemand den Rasen gemäht haben. Für den Erheiterungsprozess des Langen ist das natürlich gut, weil es gezeigt haben wird, dass das positive Denken zu konkreten, begrüßenswerten Resultaten führt. Für mich ist es schlecht, weil ich es getan haben werde. Aber ich mache das schon, jaja, ich schaff das irgendwie.
30.03.10

Ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut

| Comments (0) | 03/10 | Stadt/Land

Muss heute Büsche galore besorgen und eilends einpflanzen. Der nachbarliche Rohbau tut mir in den Augen weh. Sind nette Menschen, die Rohbauer, und wir schauen ihnen jetzt schon das dritte Jahr zu, wie sie Wochenende für Wochenende je drei Ziegel aufmauern und dann pro Ziegel erschöpft je zwei Bier trinken. Andere Nachbarn haben erzählt, die Rohbauer planten, ihr Haus fertig zu haben, wenn sie in Pension gehen, und die Rohbauer sind etwa in unserem Alter und arbeiten, soweit mir bekannt ist, nicht bei Post und Bundesbahn. Muss also Büsche besorgen. Wir suchten gestern abend, nach dem Essen bei Horwaths, in den Horwathschen Baumbüchern nach dichten, schnellwachsenden Bäumen, und Pfirsich, Kirsche, Zwetschke leider nein. Holunder und Haselnüsse, das wirds. Man ist wieder am Land. Die Kinder hämmern zufrieden Nägel in Bretter. Der Lange verdaute schnell die schöne Hilde-Party, die noch schöner gewesen wäre, wenn wir nicht aufgelegt hätten. No more, absofuckinglutely no more Party-DJing. Ich hatte dem Hilde-Mann gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist, ich habe noch die Mails, in denen ich ihm erklärte, dass das nicht funktioniert, denn auch wenn er und die Hilde hundert Mal sagen, dass wir spielen können, was uns Spaß macht: Die Gäste von so einer Party sehen das nie so, für die bist du Personal, das genau das zu spielen hat, zu dem sie gern tanzen, was immer irgendetwas aus den Achtziger Jahren ist, zu dem sie letztes Mal so geil getanzt haben. Und auf dieser Party gab es ein paar Gäste, äh, ja. Also, ich gab nach fünf Nummern auf und übergab an den Langen, der das normal besser drauf hat mit der Tanzmusik. Und der hätte einfach auch nach fünf Nummern aufgeben sollen, aber der Lange ist ein sturer Hund, der sich von blonden Mauserln nicht sagen lässt, was er zu tun hat. Bald konnte ich von der Bar aus beobachten, wie der Lange und der Freund von der Blonden über das DJ-Pult hinweg ein einschlägiges Gespräch führten. Mit so nach hinten gereckten Fäusten, Nase an Nase, wo man sich denkt: ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut. Der Lange hatte der Blonden wohl nach ihrem fünften spiel-gefälligst-Auftritt gesagt, sie möge sich schleichen. Der Freund von der Blonden hatte dem Langen wohl gesagt, so rede er aber nicht mit seiner Freundin. Der Lange hatte dem Freund wohl gesagt, und er schleiche sich bitte gleich mit etcetera etcetera. Daraus lernen wir dreierlei: Erstens, ich bin ein Sitzmusik-DJ, zweitens der Lange auch, drittens man bleibt am besten immer in seinem eigenen kleinen Biotop mit seinen eigenen Leuten, die auf solche Ideen gar nicht kommen. Natürlich macht man sich so keine Freunde, aber: brauchen wir auch nicht. Die paar, die uns aushalten, haben wir schon; die Hilde ist uns, glaub ich, eh nicht mehr bös, und da kommt schon der Horwath, und, schau, er hat einen Busch unterm Arm.
10.03.10

Das mit den Namen war keine gute Idee

| Comments (0) | 03/10 | Stadt/Land

Drei Wochen lang hatten wir Lazarett. Kind krank, Kind krank, Mutter krank, Kind krank, Kind krank, und jetzt sind die Mimis komplett ruiniert vom Fernsehen. Sie singen und tanzen Werbespots nach, träumen schlecht, haben das Spielen verlernt und zucken wegen jedem Scheiß aus. Die Mutter im Übrigen auch. Die Mutter würde wieder einmal gern ein paar Stunden lang nicht angesprochen werden, von niemandem, einfach nur gar nicht. Nur den Sound of Silence hören, verziert mit paar Geräuschen von der Straße und aus dem Ballkäfig, die mit mir nichts zu tun haben und an denen keine Forderungen und Beschwerden appliziert sind. Wieder ganze Tage nur unter Erwachsenen verbringen, in Ruhe in der Redaktion schreiben, Mittagessen gehen mit dem C. oder dem T. oder der B., dazu Wein trinken, statt Nutella-Brote schmieren und magenschonendes Karottensüppchen nach dem Rezept von Dr. Urban kochen, das dann sowieso abgelehnt wird. Gemoser, den ganzen Tag. Dieses wurde immerhin am Samstag unterbrochen von Horwaths 50er, im Wetter, sehr nett. Wir schmissen die Kinder in der Ecke auf einen Haufen, warfen Nintendos und Weißwürste mit Ketchup hinterher (die vorbildlich guten Wetter-Menschen haben die Ketchup-Anregung sofort aufgenommen) und konnten so mehrere Stunden ungestört mit Erwachsenendingen verbringen, aka trinken, rauchen, reden und Blut- und Leberwürste vom Metzger Fontain in Dornbirn essen, ohne dass die Kinder dazu Würgegeräusche machten. Das war sehr schön, obwohl das Geschenk für den Horwath nicht rechtzeitig angekommen war, dabei hätte es so gut zu den Würsten gepasst. Und der gute Herr Devich war extra noch am Mittwochnachmittag in Bezau, Bregenzerwald, mit einem Paar wunderhübscher, lammfellgefütterter Rindsfell-Hölzler der Größe 45 zur Post marschiert, wo man es dann genau so lange liegen ließ, dass es dann pünktlich nicht ankommen, sondern erst Montag früh geliefert werden konnte. Danke, liebe Post. Deswegen kann ich auch noch nichts über die Horwathsche Reaktion erzählen, der uns exilierte Xiberger (plus dem Langen) jetzt seit Jahren wegen dem Schuhwerk verlästert, das wir im Waldviertel praktisch ausschließlich an den Füßen tragen. Aber heuer hat ja auch Lagerfeld Holz-Clogs, das überzeugt den Horwath vielleicht von der Sinnhaftigkeit seines Geschenks. Weil: Was schenkt man einem wie dem Horwath zum Fünfziger? Das Werkzeug, damit er endlich mal eins seiner fetten Sulmtaler mordet, hat er schon gekriegt. Gut: Die Felders schenkten ihm ein Kochbuch mit Hendl-Rezepten, das wird er hoffentlich bald benützten. Er nennt die Hendln jetzt auch schon „Hendln“ und nicht mehr bei ihren Namen, wir waren von Anfang an gegen die Namen, da wird doch das Verhältnis vom Bauern zu seinem Schlachtvieh viel zu intim und vertraulich. Wir halten es für einen Schritt in die richtige Richtung, dass der Horwath dieses Verhältnis jetzt allmählich auf eine prosaischere Ebene herunterschraubt, und hoffen sehr auf Ostern.
20.10.09

Ja, schon, wenn man sehr gelenkig ist

| Comments (0) | 10/09 | Stadt/Land

Der Heizungstechiker ist, so erfahre ich, auf einem Seminar; der nächste mögliche Termin um unsere Heizung zu reparieren sei, also, warten Sie, Mittwoch zwischen zehn und zwölf. Oh, super, herzlichen Dank, das sind ja nur fünf Tage. In einer eiskalten Wohnung. Eh würde eine verantwortungsbewusste und vorausschauende Mieterin schon im Frühherbst überprüft haben, ob die Heizung funktioniert, nein, das müsste sie gar nicht, weil die Heizung schon im Spätsommer vorschriftsmäßig gewartet worden wäre. Nur frage ich mich schon auch, warum Seminare für Heizungstechniker ausgerechnet zu Beginn der Heizsaison, Punkt Kälteeinbruch, stattfinden müssen. Wie wärs im Sommer, wenn Leute wie ich sowieso nicht anrufen, um ihre Heizungen nicht warten zu lassen? Zur Strafe nicht.

 Zum Glück funktioniert der Ofen im Waldviertel, und als es uns bei 28 Grad Raumtemperatur doch etwas schwitzert wird, gehen wir über die Straße zu Künstlers, weil: „Tag der offenen Ateliers“. Künstlers haben den Hof zusammengeräumt und ihn mit eigenen und fremden Werken vollgehängt. Es handelt sich dabei überwiegend um Bilder, auf denen unglaublich geschweinigelt wird. Die Mimis schauen sich alles mit großem Interesse an und finden, das sehe aber etwas anders aus als in ihrem Wir-machen-ein-Baby-Buch. „Kann man so auch Kinder machen?“ „Ja, schon, wenn man sehr gelenkig ist.“ „Und so?“ „Nein, so eher nicht.“ „Und was machen diese Frau und dieser Wolf da?“ „Sie kuscheln.“ „Und diese Frau und dieses Schwein?“ „Kuscheln auch.“ „Sieht aber aus, als ob das Schwein....“ „Schau mal, da drüben, da ist ein riesiges Hirschgeweih.“ „Wo?“ „Da hinten.“ „Aber das Schwein...!“

 Später sitzen wir im Atelier der Künstlerin am Holzofen und trinken Wein. Ein paar Leute aus der Stadt sind da, und das ganze Dorf kommt vorbei, die Bauersfrauen, die Hippies mit den Hunden und die gesamte Freiwillige Feuerwehr in Uniform, denn der Herr Künster ist Feuerwehr-Vizeobmann. Oder Vizekommandant oder wie das heißt. Die Feuerwehrmänner und ihre Frauen schauen sich die Bilder auch alle an, besonders gern die Fotos, auf denen der Künstler nackt auf allen vieren zu sehen ist, mit prächtigem Gehänge. Man äußert die Ansicht, dass es „unterschiedliche Lebensentwürfe“ gebe. Das stimmt, zum Wohl. Zum Glück finden die Frauen dann einen Stapel ferkeleienfreier Blumenbilder der Künstlerin, die ungeteilter Meinung als schön beurteilt werden. Der Wein schmeckt auch allen, und der Nachbar-Bauer und ich sind bald per du: Franz. Doris. Zeawas. Wir stellen fest, dass wir beide den selben Prinzen kennen. Er kennt ihn von der Jagd, ich kenn ihn, weil er eine Zeitlang an der Mizzi befestigt war: Das muss dann die gewesen sein, die immer frierend im Hochstand saß und Bücher gelesen hat. Ja, das war zuverlässig die Mizzi. Apropos frieren: Ist schon zehn? Ah, gleich.

 

13.10.09

Was bei den Goldenen Zitronen nie nötig ist, nie.

| Comments (1) | 10/09 | Stadt/Land

Ich will nichts mehr hören. Keiner von euch braucht deppert herumzutstsen, weil: IHR seid Schuld. Und IHR wart auch letztes Mal, bei der weihevollen Schalko-Buchpräsentation im Rabenhof Schuld, denn einer von EUCH hat mir jedes Mal, wenn ich gesagt habe: HEIM! JETZT!, noch einen Spritzer hingestellt, einer geht ja immer noch, und das ging, typisch Rabenhof, auch diesmal wieder so lange, bis die Grenze der Vernunft spürbar überschritten war. Und am nächsten Tag konnte ich dann im Blumenau-Journal ein Gespräch nachlesen, das ich bis zu diesem Augenblick vollständig vergessen hatte, woran IHR Schuld seid, und wenn Blumenau behauptet, ich hätte geschrien (und ich habe allerhöchstens milde gebrüllt), dann seid auch IHR daran Schuld, keine Frage, also ich will kein ts ts hören, still jetzt.

Außerdem ist nun alles besser. Ich habe am Wochenende auf den Fluss geschaut und bin im Wald marschiert. Ich habe eine komplette Staffel von „The Wire“gesehen. Ich habe entgiftet, gekocht, geräumt und dabei die neue Goldenen Zitronen gehört. Ich habe mir überlegt, wie es möglich ist, dass zwei CDs wie die neue Distelmeyer und die neue Goldenen Zitronen gleichzeitig erscheinen können, und trotzdem halten alle Distelmeyer für einen großen Dichter, ja: den Dichter der Stunde. (Entschuldigen bitte, der Mann ist nackt, und ich erlaube mir, das dem Chor der geblendeten, bäuchlings sabbernden Bewunderer zuzurufen: NAHACKT! Aber auf mich hört ja sowieso keiner. Ist ja jedem wurscht.) Immerhin die zweite Nummer, die mit dem Hass, die rockt ganz gut beim Auflegen. Also, wenn man es schafft, den Text zu ignorieren. Was bei den Zitronen nie nötig ist, niemals.

Jedenfalls war das Wochenende im Vergleich zur Vorwoche mönchisch, also ich würde fast sagen: eine Form der Meditation. Wenngleich das Besuchskind, das mit uns am Land war, zuhause schon etwas zu erzählen hat, nämlich wie laut der Lange und ich uns anbrüllen können: DAS, Blumenau, war laut, ungefähr so laut wie ein sehr großer Traktor mit einem mit Stahlrohren beladenen Anhänger, wenn er in einem Tunnel über große Steine rumpelt. Der Grund für das Gebrüll steht in so krassem Gegensatz zu meinen einleitenden Worten, dass ich mich nicht in der Lage sehe, ihn hier auszuführen, aber, wirklich, wer bitte stellt einem Kater Futter in einem handbemalten Schüsserl aus einer urseltenen, nur in Vorarlberg gebräuchlichen und dort in Museen konservierten Porzellanserie, welche die Frau seit Jahren mühsam zusammenschnorrt und -sammelt, vor die Haustür, so dass das nächstbeste Kind zuverlässig hineinsteigt? Der Lange, wer sonst. Drei Kinder standen in der Küche und hielten sich die Ohren zu, und die Besuchskindeltern haben diese Woche wieder einiges zu tstsen. Und was lernen wir daraus? Wurscht, wie ich lebe, getstst wird sowieso immer, eh egal, ich geh jetzt schwimmen.
8.10.09

Das ist doch ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt

| Comments (1) | 10/09 | Stadt/Land

An den Käsefladen im Madiani habe ich mir Donnerstag Nacht so das Maul verbrannt, dass ich bis heute nur lauwarmes Essen in Breiform zu mir nehmen kann; trotzdem hätte ich gerne das Rezept. Könnte ich bitte das Rezept bekommen? Die Käsefladen sind ein Parade-Winteressen; einfach, weich, warm, saugut, also genau das richtige, um eine Winter-Depression zu kalmieren. Ich meine, falls sich etwas derartiges wie ein Winter-Gefühl heuer überhaupt überhaupt einzustellen beliebt; im Moment sieht es eher wenig danach aus.

 Auch der Donnerstag Abend war ein für meine derzeitige So-kann-es-unmöglich-weitergehen-Situation überaus typischer. Die Mimis schliefen bei Freunden, und zufälligerweise eröffnete der P. eine Ausstellung mit neuen Fotos in einer Galerie am Karmelitermarkt. Und wen treffe ich da? Den P., eh klar, den W. und den G., mit denen ich vor, ich will auf keinen Fall sagen, wie vielen Jahren zum Soundtrack von Sadé lange Abende in der Oskar-Bar in Feldkirch abhing. Wir waren 18, 20, 21, wir standen wie Cowboys an der Bar und ließen alle an unseren Zukunftsplänen teilhaben, denn jeder von uns war ein Künstler und würde demnächst ein berühmter Künstler sein: Der P. hat schon fotografiert, der W. hat schon Musik gemacht und damit Preise gewonnen, der G. studierte schon Architektur, der R. machte kleine Filme, die schon gezeigt wurden, und ich war hauptsächlich verwirrt und habe heimlich gedichtet. Und was ist, wie ich die jetzt treffe, aus denen geworden? Der P. ist ein super Fotograf, der W. lebt glücklich von seiner Musik, der G. ist Architekt, der R. konnte zur Vernissage leider nicht kommen, weil er grad seinen neuen Film schneidet und ich kann immer noch nichts anderes als schreiben. Ich finde, das ist ein relativ guter Lebenstraumverwirklichungsschnitt, speziell für Vorarlberger. Und alle können wir, wie sich im Madiani zeigt, noch immer noch bis tief in die Nacht hinein deppert sein, vor allem der G., mit dem ich gegen zwei Uhr früh mit meinem verbrannten Maul engagiert über DJ Ötzi stritt, wobei die Worte Trottel, Idiot und ungefickt fielen. Der Lange und ich gingen dann bald nach Hause, was aber nichts mehr daran änderte, dass wir vergessen hatten, dass anderntags um neun Uhr früh eine Ö1-Reporterin vor unserer Tür stehen würde, was auch geschah. Das hätte mir eine Lehre sein sollen.

 

War es aber nicht. Am nächsten Tag verhockte ich bei der Mimi-Abholung von einem Kindergeburtstag bei Leuten, die von steirischen Winzern abstammen. Am Samstag war phil-Geburtstag und der 30er von der H. im Espresso, Sonntag wieder Kindergeburtstag bei Leuten, die nicht von steirischen Winzern abstammen, aber trotzdem gut trinken können. Heute abend bin ich mit Sedlacek verabredet und hoffe inniglich, dass er absagt. Weil so geht das definitiv nicht weiter, definitiv nicht.

2.09.09

Bitte, ich bin ja kein Bauer, aber.

| Comments (1) | 09/09 | Stadt/Land

Anderswo mag eine muhende Kuh als Sinnbild ländlicher Idylle gelten, hier tut sie einem leid. Die Kuh steht mit 30 oder 40 anderen in einem sogenannten Freilaufstall. Den hat die EU den Bauern aus Gründen des Tierschutzes verordnet. Der Stall gehört dem Nachbarbauern, und die Kuh kann dort so ein bisschen herumspazieren. Das könnte sie auch  auf einer der unzähligen Wiesen, die dem Bauern rund ums Dorf herum gehören, aber der Bauer fährt lieber mit einem seiner sechs Traktoren auf die Wiesen, mäht das Gras und bringt es der Kuh in den Stall. Bitte, ich bin kein Bauer und will auch keiner sein, aber das kommt mir ein wenig schwachsinnig vor. Plus es führt dazu, dass die Kuh ihr Leben lang nie ein Stück Grün oder Himmel sieht, sondern ihre gesamte Existenz in dem kuhfreundlichen EU-Freilaufstall mit Betonboden verbringt, aus dem ihr Muhen erbarmungswürdig durch das ganze Dorf hallt. Und zwar ab sechs Uhr früh. Die armen Viecher. Die Kühe von dem anderen Bauer vis a vis grasen friedlich auf der Wiese oberhalb von seinem Hof, weshalb der Bauer hier in der Gegend als kauziger Spinner gilt. Das macht hier sonst keiner. Hier siehst du praktisch nie und nirgendwo eine Kuh. Du hörst sie nur.

 

Nicht mehr lange, wir fahren bald in die Stadt. Es ist Zeit. Ich habe unstillbare Bedürfnisse nach schlechter Luft, Autolärm, Sushi, Schuhen (im Sinne von: Schuhen, die diese Bezeichnung verdienen), speckfreier Kost, meinem Friseur, einem erfolgreichen Shoppingerlebnis, urbanem Halligalli in zwielichtigen Tränken, honigbrotfreien Mittagspausen und einem klimatisierten, Kinder- und Langenlosen Büro. Wir haben uns jetzt neun Wochen am Stück auf einer 24/7-Basis ausgehalten, es war erstaunlich friedlich, und es langt jetzt. Ich will jetzt wieder egoistisch sein, autonom und Marmeladefleckenfrei, mindestens acht Stunden am Tag, dankeschön. Und es ist jetzt auch genug idyllische Natur und Gemuhe und Viecher aller Art: obwohl, die Kinder haben gerade das Angeln entdeckt. Die Pollaks waren da, und der Pollak fuhr mit seinen Buben und den Mimis an den Fischteich, Abendessen fangen. Wir waren ein wenig besorgt, wie die Kinder das Fischeerschlagen wegstecken würden, und als sie zurückkamen, zeigte sich auch tatsächlich eine gewisse Blässe, und zwar um die Nase vom Pollak, dem das überhaupt nicht taugt. Die Kinder dagegen hielten stolz und völlig untraumatisiert ihre selbstgekillten Forellen in die Höh, grillten sie am Feuer, verspeisten sie gewissenlos und schliefen danach gut und tief. Aha. Interessant. Der Lange versucht auch etwas zu fangen, nämlich die Maulwürfe, die unsere Wiese umgraben, wird aber täglich von neuen Haufen ausgelacht. Das macht ihn aggressiv. Und drüben muht noch immer erbarmungwürdig diese Kuh. Und irgendwo kräht jetzt auch noch ein Hahn. Aus, fertig, packts eure Sachen, Kinder, wir fahren in die Stadt.

 

26.08.09

Das habe ich mir bitte redlich verdient

| Comments (0) | 08/09 | Stadt/Land

Allmählich erreiche ich den Punkt, wo es schwierig wird, etwas zu erzählen, weil das Sommerprogramm „Ereignisarmut“ seine Wirkung beängstigend effizient entfaltet. Seit zwei Monaten erschlage ich tagsüber Wespen und lausche abends dem Fluss, und es ist gut. Nichts fehlt. Ich bin soweit, dass ich dem McDings, der seine Ferien ebenfalls in vertrauter Umgebung verbracht hat, maile, ja, genau, das sei doch gut, die Menschen erlebten viel zu viel, allgemeines Mindererleben sei doch für die Menschheit und für den Klimawandel viel gesünder. Also quasi diesen Satz von Pascal, von dem Unglück, das allein daher rühre, dass die Menschen nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen, als Ökobilanzrechnung. Ich vermag das mittlerweile unglaublich gut, wenn man jetzt einmal das Zimmer etwas größer fasst und ein bisschen Wiese, den Fluss, ein paar Bäume und Kinder hineinstellt. Und etwas zu essen und zu trinken, was weil man nicht immer nur Holundersirup, Zucchini, Erdäpfel oder Paradeiser aus dem Garten zu sich nehmen mag, was zugegebenermaßen Autofahrten nach großzügig entfernten Das und Dorts erfordert. Der Dings mailte etwas überaus Bedachtes zurück, nämlich, dass das, was ich eben gemailt habe, ein kompletter Unsinn sei, man müsste im Gegenteil die Menschen dazu zwingen, viel mehr zu erleben und tüchtig was von der Welt sehen, weil das das Hirn erweitere. Ja ja! Ich meinte doch eh: uns. Wir haben uns das wenigstens temporäre Nichtserlebenmüssen unter selbstloser Gefährdung unserer Gesundheit redlich verdient. Ja, mailte der Dings. Damit war auch dieses Ereignis vorbei.

 

Es ist zudem schwierig, zu arbeiten, weil sich ein Arbeitszimmer hier nicht ausgeht und die Kinder sich den Satz „Ich muss jetzt arbeiten“ nicht länger als zwei Minuten merken. Merken können. Wollen. Dann verlangen sie ein Honigbrot oder stellen sich mucksmäuschenstill in einem 45-Grad-Winkel neben den Computer, treten von einem Bein auf das andere und strahlen mich mit ihren glänzenden Kinderaugen rücksichtsvoll an. WAS!!!! Es ist, weil sie diese Erstklässlerrechenaufgabe auf ihrem Nintendo nicht verstehen. Es gibt für den Nintendo ja auch pädagogisch unheimlich wertvolle Lernspiele. „Fülle die leeren Kästchen richtig aus. Rechne mit Plus oder Minus.“ Wie? Welche leeren Kästchen? Was rechnen? Versteh ich auch nicht, frag den Papa. Der Lange kapitulert ebenfalls, also spielen sie wieder Supermario.

 

Und zwar ohne den Nachbarsbuben, weil dem habe ich, damit es zu keiner Straftat kommt, ganz auf erwachsen eine freundliche Rede gehalten, dass er bitte ein paar Tage nicht kommen soll, weil uns das zuviel wird. Jetzt war er schon so viele Tage nicht da, dass ich Angst habe, dass ich seine zarte Nachbarsbubenseele nachhaltig gekränkt habe. Ich überlege schon, ob ich ihn mit einem Honigbrot herüberlocken soll. Nein, lieber nicht, der kommt schon wieder.

19.08.09

Wartet, ich bin gleich wieder da

| Comments (2) | 08/09 | Stadt/Land

Die Frage, ob man alle Kinder mögen muss, wird täglich virulenter. Es ist kurz nach neun, draußen auf der Schaukel sitzt der Nachbarsbub, spielt Nintendo und wartet, dass sich einer erbarmt. Wenn sich einer erbarmt haben wird, pickt er bei uns, bis wir ihn abends heimschicken. Es macht ihm nichts aus, wenn Gäste da sind. Er gibt, das sind die Regeln, den Nintendo ab, hält ersatzweise kenntnisreiche Vorträge über Super Mario, Mario Kart und  Mario Party und erkundigts sich periodisch, wann es endlich wieder etwas zu essen gibt. Wenn es endlich wieder etwas zu essen gibt, nimmt er sich von den acht Marmeladebroten sechs und schöpft er sich drei Mal, bevor die anderen Kinder auch nur einen halben Teller ausgegessen haben. Er sagt nicht bitte und nicht danke, aber vorgestern beim Mittagessen meinte er während der dritten Portion Spagetti Bolognese, dass er so eine Soße bisher nur einmal schlechter gegessen hat, und zwar letztes Jahr im Burgenland. Bei einem niedlichen Kind wäre das möglicherweise, nun ja, niedlich. Der Nachbarsbub ist kein niedliches Kind. Einmal setzte er sich bei uns uneingeladen zum Abendessen und verfiel beim Coq Au Vin in ein derartiges Weah und Würg und dass das die grausigste Soße sei, die er je gegesse habe, dass ich ein wenig ausfällig wurde. Naja, sehr ausfällig, jedenfalls entschuldigte ich mich danach bei ihm. Der Nachbarsbub verzieh mir großzügig und brachte mir andertags ein von seiner Mutter handgeschriebenes Rezept einer anständigen Champignonsoße mit zwei Rindssuppenwürfeln und einem halben Liter Schlagobers mit.

 

Wenn wir mit den Kindern ins Schwimmbad oder an den See fahren wollen, verschwindet er für zwanzig Sekunden, und kommt dann wieder mit einem Handtuch, einer Badehose und der Information, seine Mutter hätte erlaubt, dass wir ihn mitnehmen, wenn wir gut auf ihn aufpassen. Ob wir Lust haben, ihn mitzunehmen, auf ihn aufzupassen, ihn mit Sonnencreme einzuschmieren und ihm ein Eis und Pommes zu kaufen, interessiert hier niemanden.

 

Die Mutter erscheint alle vier oder fünf Tage, jeweils kurz nachdem der Nachbarsbub seine drei Mittagsportionen gegesssen hat, um mitzuteilen, dass sie ihrem Buben jetzt etwas gekocht hat. Wir sagen ihr wie immer, dass der Bub schon gegessen hat. Sie sagt, aha, dann geht der Nachbarsbub mit hinüber, um endlich wieder einmal wieder etwas Anständiges in den Magen zu bekommen. Eine Viertelstunde später ist er wieder da. Gestern nutzten wir diese Viertelstunde, um heimlich ohne ihn ins Bad zu fahren. Nach einer halben Stunde ruft die Horwathin an, ob wir schon im Bad sind, sie kommen jetzt auch, fahren danach aber weiter zu einem Heurigen, ob wir bitte den Nachbarsbub vom Bad mit heim nehmen können, der ist nämlich vorhin aufgetaucht und geht sich jetzt nur schnell ein Handtuch und eine Badehose holen. Ich muss die Regeln ändern, sonst geschieht hier eine Straftat.

 

 

19.08.09

Ich hätte vielleicht nicht so lange schlafen sollen

| Comments (1) | 08/09 | Stadt/Land

Der Nachbar ist fertig mit Wiese sensen, jetzt verputzt er von morgens früh bis Abends spät sein Haus und hat auch damit nichts als Probleme. HUR! Meine Sippe ist schon wieder weg: was, HUR!, ernsthaft schade ist, denn der Besuch war sehr viel netter, als die Wirren der Vorbereitung es vermuten hatten lassen. Zudem festigte er die Kinder in ihrer politischen Sozialisation; denn um eine Verlängerung des Aufenthalts zu ertrotzen, gründeten sie eine Lobby; organisierter Widerstand in seiner unschuldigsten Form, mit Parolen, Plakaten und Sprechchören. Wer so weit fährt, bleibt länger da! Auch Kinder haben ein Recht auf Verwandschaft! Wir! Bleiben! Hier! Sie! Bleiben! Hier! Wir! Bleiben! Hier! Selbstverständlich fiel ich meinen Schwestern in den Rücken, die diese geballte Renitenz hinter ihren Prosecco-Gläsern zu ignorieren trachteten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, nämlich den prognostizierten Regentag zur Heimreise in ihre staubentstellten Häuser zu nutzen: Querulantismus, meine Kernkompetenz bitte.


Das muss man doch unterstützen, rief ich. Entschuldigung, Schwestern, habe ich gesagt, wenn ihr das jetzt abwürgt, könnt ihr euren Kindern gleich das Rückgrat herausoperieren, dann seid IHR Schuld, wenn aus ihnen devote Duckmäuser werden, mutlose, apathische Befehlsempfänger, unfähig, ihren legitimen Forderungen Gehör zu verschaffen! Stimmt!, riefen die Kinder. Wenn ihr ihnen dieses erste gemeinschaftliche Dagegensein, diesen Mut zum Einspruch jetzt zum Misserfolg macht, prägt das ihre Zukunft! Ihr macht sie schwach! Ihr macht sie klein! Ihr macht sie feig! Das könnt ihr doch nicht wollen. Ja!, riefen die Großeltern! Na gut, seufzten die Schwestern. Gib mir fünf!, brüllten die Kinder.


Allerdings hätte ich am nächsten Tag nicht so lange schlafen sollen, denn anders als tags zuvor, als ich, kein Scheiß, um 9.21 Uhr in der Früh von Sektkorkengeknalle meiner Morgenlektüre entfremdet wurde, zwangen sie diesmal, HUR!, ihre Kinder mit brutalen Bestechungmaßnahmen in einen Umdenkprozess, der in allgemeiner Abreise endete. Kinder sind ja so korrupt. Tja, schade, wenn ihr meint. Ja, wir meinen. Ich meinte dann auch, weil die Aussicht, meinen Schwestern einen Regentag lang beim anschwellenden Unrundsein Gesellschaft leisten zu dürfen, machte mir ein wenig Angst. Soviel Prosecco habe nicht einmal ich im Keller. Also stellte ich mich mit den Kindern an die Straße und wir winkten ihnen lange nach. Eins der Mimis weinte sehr, und wurde am Rückweg zum Haus, wohin ich es mit mit mütterlichen Trostworten leitete, auch noch, HUR!; von einer Wespe gestochen. Aber danach, als das Weinen mithilfe einer halben Zwiebel, zwei Packerl Gogos und einem Kinderfilm verebbte, war es: still. Ich lauschte dem Regen, den Birnen, die auf die Wiese platschten, dem Wind in den Bäumen und dem Nachbarn. HUR! Tja.

 

5.08.09

Du kannst natürlich nein sagen, überhaupt kein Problem

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Der Lange ist nach insgesamt 18 Stunden geflüchtet; hat sich ins Auto gesetzt und ist bis auf weiteres nach Wien gefahren. 18 Stunden sind heldenhaft, 18 Stunden sind entschieden mehr, als ich ihm zugetraut habe. Ich habe gesagt, folgendes, sie kommen irgendwann am Nachmittag, dann ist eh erstmal Hausumbauen, Kuchen, Prosecoo und Bekannte ausrichten. Am Abend Grillage, und am nächsten Tag hast du, sagen wir, um zehn einen Termin in Wien. Der Lange hielt dann aber viel länger durch und verabschiedete sich erst am Abend, da aber mit Halleluja.

Ursprünglich ausgemacht war: Meine Schwestern kommen mit ihren Kindern, also zu sechst. War dann aber schon seit Wochen ein Gestöhne am Telefon: „Phhh, so ein weiter Weg von Vorarlberg zu dir, und das mit den Kindern.“ „Ich weiß, ich bin ihn in den letzten sieben Jahren im Zug mit zwei kleinen Kindern, lass mich kurz überschlagen, 25 Mal hin und 25 Mal retour gefahren.“ „Jaja, aber du bist es ja gewohnt. Es wäre jedenfalls viel einfacher, wenn man mit dem Zug ins Waldviertel fahren könnte. Mit den vier Kindern hinten im Auto, das wird furchtbar. Mit dem Zug wärs ÜBERHAUPT kein Problem.“ „Ich weiß, deswegen wart ihr, lass mich kurz überschlagen, in den letzten Jahren genau einmal bei mir in Wien.“ „Entschuldigung, wir hatten halt keine Zeit.“ „Ja, eh, für eine voll erwerbstätige Freiberuflerin wie mich ist es ja leicht, immer wieder tage- und wochenlang woanders zu sein, für zwei Hausfrauen dagegen, gar nicht auszudenken, wie eure Häuser ausschauen werden, wenn ihr sie drei Tage lang nicht gesaugt und eure Männer, wenn ihr ihnen drei Tage lang nicht die Hemden gebügelt habt.“ „Lustig.“ „Ja, ich freue mich auch total auf euch.“

Vor einer Woche haben sie mir ein Mail geschickt. Also, sie können praktisch nicht mehr schlafen, vor lauter Horror vor dieser endlosen Autofahrt, und die Eltern wollten doch eh auch demnächst einmal wieder kommen, und jetzt haben sie sich gedacht, wenn die gleich mitkämen, dann könnte man die Kinder in zwei Autos aufteilen, das wäre unendlich viel leichter, und es wäre doch so super, wenn wir wieder mal alle ein paar Tage beeinander wären, und sie haben auch schon in der Pension da bei uns im Ort angerufen, die haben noch Zimmer frei, aber man könnte sich auch so, so und so im Haus verteilen, alles überhaupt kein Problem, und der Opa mit den Kindern, da sind wir doch alle super entlastet, ich soll mir das doch überlegen und ich kann natürlich auch nein sagen, selbstverständlich, überhaupt keine Sache, wenn ich nein sage.

Ja, sicher. Nicht einmal die Schottermizzi könnte nein, sagen, wenn man ihr mit so einem Asylantrag kommt. Jetzt sind sie alle da, und wir bestaunen die interessanten Effekte, die beim Zusammenprall von einem Wiener und drei Vorarlberger Lebensstilen in einem Haus entstehen. Gut ist, dass wir genug Alkohol im Keller haben, und er geht zügig weg.
2.08.09

Man muss sich ja alles selber machen

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Letzte Woche habe ich irgendwo gelesen, ich sei für Boote ungeeignet und hätte es mehr mit Ufern an und für sich, dafür nicht mit Abenteuern. Mei. Kompletter, völlig daherfantasierter Schwachsinn, bitte. Erst diesen Samstag bin ich in einem schmalen Polyethylen-Boot zwölf Kilometer den stark wasserführenden Kamp hinabgepaddelt, von Steinegg bis Rosenburg, es gibt dafür zuverlässige Zeugen. Boote sind nämlich toll, und fester Boden unter den Füßen wird stark überschätzt. Das Paddeln war lässig, bis auf den Anfang, als ich es lernen musste und relativ sicher war, dass man mich nachher tot aus dem Fluss fischen würde. Ging dann aber gut. Das Ufer sah schön aus, so von der Flußmitte aus, einsam, waldig, tiefgrün. Fische sprangen. Enten flogen auf. Eisvögel querten. Umgestürzte Weiden ragten ins Wasser. Der Polz erwischte eine, kippte um und verlor sein Boot, der Lampl hat es dann gerade noch erwischt. Und: Ich kippte nicht. Ich konnte es einigermaßen. Ich drehte mich einmal im Kreis und rammte ein paar Felsen, aber ich blieb oben. Das Boot und ich, wir konnten miteinander, und was lernen wir daraus: Irgendwann hat man das Alter erreicht, da kann einen eigentlich nichts mehr überraschen. Überrascht man sich halt selber.

Man weilt wieder im idyllischen Waldviertel. Es ist sehr schön. Jeden Morgen, Punkt sechs, wirft einer der Nachbarn seine Motorsense an, und mäht ein großes Stück seiner Wiese. Wenn er irgendwo hängen bleibt, brüllt er. HUR! DRECKIGE HUR! So wacht man gerne auf. Um halb sieben pumpert der Nachbarsbub an die Tür, weil er ist schon lange wach und findet, wir sollten das auch sein. Wenn der Nachbarsbub einmal da ist, bleibt er das, bis es dunkel ist oder man neue Gesetze erlassen hat. Neue Regel, Stefan, sage ich, du kommst nicht vor zehn und gehst um sieben, Mittagessen, Jause, zwei Eis inklusive, und wenns sein muss, nehme ich dich auch mit zum Baden, aber vor zehn kommst du nicht. Der Nachbarsbub akzeptiert murrend und spielt dann ab neun in unserer Schaukel Nintendo, bis ihn jemand erlöst, worauf er meldet, dass sein Frühstück jetzt schon lange her ist und er nun tüchtig Hunger hat. Das ist so zuverlässig wie der Steuerbescheid, außer die Horwaths sind da, dann geht er zum kleinen Horwath, der ihn zwar gerne ein wenig schikaniert, aber immer noch besser als mit Mädchen spielen. Außerdem nimmt ihm dort niemand seinen Nintendo weg. Wenn keins von den Wiener Kindern da ist, spielt er 16 Stunden am Tag. Er SPRICHT mit dem Nintendo, und, wenn er einmal aus irgendeinem Grund Nintendo-Verbot hat, ersatzweise mit der Gebrauchsanleitung, ich habs mit eigenen Augen gesehen.

Unseren medial vergleichsweise unverwöhnten Kindern aber zeigte der Lange auf deren ausdrücklichen Wunsch Michael Jacksons „Thriller“-Video. Danach hatten wir sie drei Nächte bei uns im Bett. Das machen wir nicht mehr.
20.05.09

Diese Sache können wir abhaken.

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Das Problem mit den Süßigkeitenverstecken im Kinderzimmer hat sich jetzt insofern für alle Zeiten erledigt, als in einem davon eine Fleischfliege ihr Nest gebaut und ein paar Dutzend Eier ausgebrütet hat. Nachdem ich vor den Augen der Mimis ungefähr 40 fette und zum Glück noch nicht komplett flugtüchtige Fliegen erschlug, räumten die Mimis ihre diversen Geheimlager freiwillig aus; zumindest die, an die sie sich noch erinnern konnten. Die Liste der noch anstehenden Erziehungsaufgaben wurde also mit tatkräfitger Unterstützung der Natur um eins verkürzt. Einiges steht dagegen noch aus. Auf der Das-gewöhnen-wir-uns-ab-Seite: Nägelbeißen, Lügen, Stehlen, Zündeln, Jausenvollkornbrote gegen Milchschitten tauschen, bösartiges sams- und sonntägliches Frühaufstehen, scharfkantige Legoteile unter den frisch pedikürten Sohlen der Eltern deponieren, vorsätzliches Hausaufgabenhefte vergessen, Kreischen auf dieser Mörderfrequenz. Auf der Das-lernen-wir-noch-Seite: regelmäßige Betätigung der Klospülung, Händewaschen, Zähneputzen, Gemüseessen, Zimmeraufräumen, Befehlebefolgen, mucksmäuschen still am Rücksitz sitzen und die vorbeifliegende Natur bewundern, den guten Eltern stets dankbar sein.

Aber nicht nur die Fauna unterstützte die Erfüllung von Elternwünschen, auch der ORF. Leider ist Dancing Stars, das über die letzten Wochen in unserem Haushalt eine Blitz-Karriere als beliebtestes Druckmittel zur Durchsetzung von Forderungen machte, jetzt aus: Mit befriedigendem Ergebnis für eins der Mimis und zum sehr großen Unmut des anderen, das es extrem unlogisch fand, dass Ramesh Nair nicht Dancing Stars werden durfte, weil er tanzen konnte. Darum geht’s doch, schimpfte das Mimi und malte dem aus einer Zeitung gerissenen Inder über seinem Bett gerade extra einen Heiligenschein. Gemein!

Ach, ja, gemein: Ich habe Sedlacek ein SMS geschickt, dann hat mir Sedlacek ein SMS geschickt. Das SMS war beleidigend. Das SMS war unheimlich beleidigend. Wahrscheinlich habe ich nie zuvor in meinem ganzen Leben ein beleidigenderes SMS bekommen, nicht einmal von Sedlack, der bekanntlich sehr nah an der Beleidigung gebaut ist. Aber diese SMS war so unvorstellbar, ja obszön beleidigend, dass ich Sedlaceks nächste vierzig, nein, HUNDERTvierzig SMSe ignorieren  werde. Und mindest 200 Mal hebe ich nicht ab. Ich freue mich richtig darauf, nicht abzuheben, ein Strichelliste werde ich mir anlegen, weil ich unter keinen Umständen weniger als 200 Mal nicht abheben werde, und vielleicht werde ich danach auf 300 erhöhen oder auf 350; genetische und austrologische Voraussetzungen ermöglichen mir das. Und ganz bestimmt werde ich Sedlacek nie, nie niemals wieder an seinem Geburtstag ins Telefon singen, wie an seinem letzten, wo er vor Rührung fast ein Ei gelegt hat, das war das erste und letzte Mal, ja, ja, sagt ihm das ruhig, wenn ihr ihn seht, ist mir völlig wurscht.


15.04.09

Der Gabelbub hat wohl getrödelt

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Weil Sie gefragt haben: Das Schremser gibt’s beim Verde, in der Josefstädterstraße 27. Auch sonst gab es bezüglich der letzten Kolumne zig Fragen. Ausdrücklich beantwortet sei jene der Wahlpariserin Sigrid N., die entgeistert wissen will, ob das ernst gemeint sei, dass man von diesem Speck nur das Weiße esse, also das pure Fett? Ist es, werte Frau N., es heißt ja auch Lardo, was wir sehr leicht über das englische „lard“ also „Fett, Schmalz“ herleiten können und uns zu einer gleichnamigen Band führt, deren schönes Lied „Forkboy“ ich kürzlich nach Mitternacht im rhiz mit viel Zuspruch zur Aufführung brachte. Der Gabelbub passt mir auch thematisch gut ins Konzept, denn ich will diesmal eigentlich nur übers Essen reden. Fastenzeit: vorbei. Mein Horoskop sagt, es sei heute sowieso nicht mein Tag, ich solle mich bei Verhandlungen entschuldigen und das machen, was mir Freude bereite, und es macherte mir eine Freude, wenn ich, unter Beifügung von einem wengerl mildem Alkohol, ohne Unterlass essen könnte. Speckbrote. Lardobrote. Oder, wie die Waldviertler Marktfrau auf die Frage, wie man denn den weißen Speck da nenne, meinte: weißen Speck. Oder Speckspeck. Der Oberösterreicher nennt ihn Kübelspeck, hat es aber nicht so mit der Kräuter-Raffinesse bei seiner Herstellung, weil er serviert ihn eh mit dick darüber gestreutem Schnittlauch. Brauch ich nicht so.

Leider ist der Speckspeck aus. Die Speckjause hat hier in der Waldviertler Wochenend-WG eine so schöne Nachmittagstradition, dass man gar nicht so viel Speck im Eiskasten aufhäufen kann, wie sofort weggegessen wird. Das Gute ist, dass es davor ein Mittagessen gab und danach ein Abendessen geben wird, bei Kerzen- oder Gebrauchtwarenhändlerlichterkettenschein, je nachdem, ob wir bei den Horwaths essen oder bei uns. Letztes Mal, wie wir bei uns gegessen haben, ging mir beinahe das Besteck aus (weil das ersteigerte, typisch, nicht rechtzeitig geliefert worden war, der Gabelbub hatte wohl getrödelt) und vorübergehend standen sieben Erwachsene in unserer Küche und betrachteten versonnen ein großes, auf den Punkt gebratenes Stück Beiried. Wir vertrieben sie aber schnell, weil das große Stück Beiried wurde, nachdem es mit einer dicken Bärlauchschicht bedeckt und für kurze Zeit erneut in den Holzofen geschoben worden war, im Verbund mit einem Erdäpfelpüree und in Olivenöl gebratenem Wurzelgemüse am Tische in der lauschigen Laube tranchiert. Die Kinder verzichteten überraschenderweise auf das Gemüse und kriegten automatisch Würstel; wir wollten nicht, dass irgendwer das exorbitante Grün-Fleisch mit wäh und bäh beleidigte.

Was ich noch erzählen wollte: Unlängst habe ich, ich glaube, in der FAS, ein Tracey-Emin-Interview gelesen. Die Journalistin fragte Emin, ob sie sich denn mit dieser permanenten persönlichen Preisgabe in ihrer Kunst nicht „irrsinnig verletzlich“ mache. Tracey Emin antwortete: „Inwiefern?“
Ja. Haha.
8.04.09

Und weißt du, das zahle ich gern.

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Wie das Mimi aus der Schulgarderobe kommt, spritzt ihm schon das Gift aus den Augen. Es ist offensichtlich gedemütigt worden; und von wem, eh klar, von seiner Mutter. Es wurden nämlich in der Schule Eier gefärbt und seine Mutter hat ihm zweierlei: erstens braune Eier mitgegeben, was diesfalls allerdings die minderschwere Sünde bedeutet, zweitens aus Bodenhaltung. BODENHALTUNG!, heult das Kind der Mutter vom Rücksitz aus in den Nacken, meine Mutter kauft Eier aus BODENHALTUNG!, wie konntest du nur! Den ganzen Gürtel-Stau hindurch erklärt das Mimi seiner hirn- und herzlosen Mutter, was das bedeutet, wenn Hendln in BODENHALTUNG gehalten werden und wie die sich gegenseitig Löcher und in die Leiber, ja sich totpicken! Und wie sie nicht verstehen kann, wie ein Mensch so verantwortungslos, nein: BÖSE sei kann, Eier aus BODENHALTUNG zu kaufen! Wo es doch überall auch gute Bio-Freilandeier von glücklichen, artgerecht auf grünen Wiesen gehaltenen Hühnern gibt: Ist euch das alles egal?

Tatsächlich ist es natürlich so: Wenn es etwas auch in bio gibt, nehmen wirs in bio, bis auf ein paar Ausnahmen, die aber nicht ursprünglich mit unserer Bosheit zu tun haben, sondern mit unserem endenwollenden Haushaltsbudget. Wir glauben an ökologisch bestelltes Land, saubere Gewässer und gesunde Tiere, deshalb kaufen wir im Bauernladen oder radeln Freitags zu diesem suprigen kleinen Markt bei der Lerchenfelder-Kirche und verteilen unter den Händlern kleine Vermögen für glücklichen Lardo vom Mangalitzaschwein, glückliche Bio-Essiggurkerl und glücklichen Bio-Paprika. Ich mache mehrmals wöchentlich einen Umweg, um den lässigen Biohändler, mit dem ich jetzt per du bin, zu unterstützen, indem ich das Dreifache zahle wie im Supermarkt, und zwar gern, denn dafür gibt’s fantastisches Biobrot vom Kasses in Thaya, das Schremser aus der guten Waldviertler Familienbrauerei und absolut überglückliche Bio-Freilandeier, die ein grundgüter Biobauer dem glücklichen Biohuhn mit liebevollen Worten abverhandelt, gepützelt, gestreichelt, gekost und zärtlich in ihr Pappmaché-Schachterl gelegt hat. So ist es nämlich.

Aber wie ich letzten Dienstag das Biogemüse für das Bio-Wokgericht geschnippelt habe und eben die geraspelten Bioerdäpfel mit den Biozucchini zu Puffern zusammenmixen will, sind die glücklichen Eier aus. Nachbarin 1 ist nicht daheim und Nachbarin 2 ist nicht daheim, also zieh ich die Pfannen vom Ofen und mir nochmal Schuhe an, renne in den nächstgelegenen Supermarkt und kaufe die einzigen Eier, die es dort gibt. Und genau die sind noch im Kühlschrank, als die Mutter im Mitteilungsheft des Mimis die Nachricht entdeckt, das Kind habe bitte ein paar gekochte Eier zum Färben mit in die Schule zu bringen. Und jetzt sind wirs: ruchlose Hendlschänder, die marodierend durch Billigdiskounter ziehen; und das Kind gesellschaftlich ruiniert. Das pickt an uns wie Hühnerdreck, vermutlich für immer.
31.03.09

Die Karmapolizei müsste einschreiten

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Am Freitag in der Früh habe ich mich über ein deppertes Mail so geärgert, dass ich drei stinkwütende Mails retournierte, worauf ich naturgemäß von etwa neun Hassmails betoniert wurde. Das passiert, wenn man sich schon um sechs Uhr früh zwischen gerechtem Zorn und buddhistischer Gelassenheit entscheiden muss. Um sieben, nach dem Kaffee, weiß man dann eh, dass man zuerst den Kaffee trinken, die buddhistische Gelassenheit wecken und dann auf das Mail nicht antworten sollte, aber tralala, zu spät. Natürlich vergiftet einem der frühe Zorn den ganzen Tag: Er macht, dass im Semmerl der falsche Leberkäs ist. Er macht, dass die Kinder im Auto aggressiv sind, weil eh, wie man in die Rückbank hineinruft, so schallt es heraus. Und er macht, dass im Waldviertel das Wasser nicht geht, und nicht nur nicht geht: es zerstört sich, während das Anstellen des Wassers misslingt, der Handpumpbrunnen vor dem Haus, und ohne den fließt im Haus kein Wasser. Haben Sie schon einmal einen Handpumpbrunnen repariert? Ich auch nicht. Es ist Freitagnachmittag, die Installateure sitzen schon in ihren warmen Whirlpools. Man wird auch dieses Wochenende, an dem man acht Leute zum Schweinsbraten-Essen und einige davon zum Übernachten eingeladen hat, kein Wasser haben. Darauf kann man auf verschiedene Arten reagieren; manche hocken sich neben den hinichen Brunnen und blatzen.

Ganz früh am nächsten Morgen kommt der Horwath mit dem großen Schraubenschlüssel. Wir schrauben den Brunnen auf, und schau an, das Leder innen ist hinüber, wir binden ein Schnürl herum, aber nix. Der Lange fährt mit dem Brunnenteil und genauen Horwath-Anweisungen zu einem Installateursladen, der zwanzig Kilometer entfernt offen hat. Der Horwath hat eine Idee und holt seine Tauchpumpe, hängt sie in den Brunnen, und hurra, das Wasser im Haus sprudelt los. Aus dem Wasserhahn und aus insgesamt sieben Frostlecks in den Rohren: vier im Badezimmer, eines im Gästezimmer, zwei im Wohnzimmer. Immerhin war das Karma damit soweit besänftigt, dass wir einen Notinstallateur erreichten, der den ganzen Samstag Nachmittag lang Rohre lötete, während wir den Indoor-See trockenlegten.

Das alles hängt, davon ich bin überzeugt, mit dem Freitagmorgenmail zusammen, und zwar nicht mit dem, das ich bekam, sondern mit dem, das ich dann zurückschrieb. Die Karmapolizei hätte gleich einschreiten müssen. Weil eh: Man muss zu allen freundlich sein, auch zu den Depperten, denn wenn man freundlich ist, kommt Freundlichkeit zurück. Selbstverständlich erfordern manche Deppertheiten energisches Gegendeppertsein; aber das war, wenn man es sich genau anschaut, eigentlich keine solche Situation. Es war eine Situation, wo man gelassen sagt, geht mir da rein, geht mir da raus und baba. Leider war der Zorn schneller wach.

Also habe ich am Montag früh ein abschließendes freundliches Mail an den geschickt, der mir das depperte geschickt hat. Und was ist passiert? Zwei Minuten später klingelt es an der Tür und die Post bringt ein Paket und es enthält ein Paar fantastische Sandalen. Und sie passen perfekt. Und das Wasser hält jetzt auch dicht.
10.12.08

Das kann in einem Mann lange arbeiten

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Ich war eh brav. Einmal den Weihnachtsmarkt überlebt, zweimal mit den Kindern Kekse gebacken, drei Mal Adventlieder am Kranz gesungen. Kaum ausgewesen; Einladungen tapfer ausgeschlagen. Doch, ich war bei Peter Fox und klemmte in der Arena zwischen einer Million transpirierender Zwanzigjähriger, die alle überaus textsicher „Haus am See“ mitsangen. Daran erkennt man, dass es wurscht ist, ob der Künstler englisch oder deutsch singt, das Jungvolk versteht Songtexte nicht einmal, wenn sie in der Muttersprache vorgebracht werden.
 
Ich meine, wenn ich „Haus am See“ mitsinge: gut, das könnte man, auch wenn man es mir nicht ansieht, auf eine altersbedingte Lebenskrise schieben oder die Einsicht, dass es nun eben soweit ist, dass man sich Gedanken über Altersvorsorge macht, egal wie oft man sich in Twentysomethingskonzerte schwindelt und so tut, als gehöre man noch da dazu. Aber mit zwanzig sollte man doch eigentlich noch ein bisschen zu jung sein für utopische Fantasien über ideale Vergreisungsstrategien; diesfalls finanziell gut abgesicherte, denn bei dem von Herrn Fox bedichteten Altersheim handelt es sich eine Immobilie am Wasser. Außerdem hat Fox in seiner Fantasie eine schöne Frau und zwanzig Kinder, damit kann ich jetzt nicht soviel anfangen, wie mit dem, dass alle Freunde vorbeikommen und Schnaps trinken, während die Mamas kochen.

Wobei: Welche Mamas jetzt eigentlich? Egal. Im Prinzip kann man es aufs Waldviertel umlegen, vor allem, was den Schnaps betrifft, weil irgendwann muss man sich für die Millionen Tonnen Äpfel eh etwas Gescheites überlegen, wenngleich jetzt nicht die Jahreszeit dazu ist. Und obwohl im Waldviertel die Papas kochen, tatsächlich gibt es eine entschiedene Kochkonkurrenz zwischen den Papas, die alle einen großen göttlichen Kochauftrag in sich fühlen und sich mit ausgefeilten Gerichten, verlässlich auf zünftiger Fleisch-und-Soße-Basis, kerneske Kochturniere liefern. Die Mamas und ihre Speckrollen profitieren davon unheimlich, deshalb ist es gut, dass wir den Winter in der Stadt verbringen. Im Sommer und im Herbst, und hoffentlich auch an dem des Lebens, geht es praktisch permanent um die Frage, wer nächstes Wochenende kocht. Ich! Nein: ich! Nein, der Maurizio! Der kommt am Sonntag und bringt zwei Lammhaxen! Ich glaube zum Beispiel, dass wir nicht bei den Mosers zum Nikolaus eingeladen sind, weil wir dem Moser seine wirklich schöne Idee, auf unserem Herd sein kollossales Ossobucco zuzubereiten, versenken mussten, weil dort schon ein Hirsch im Saft simmerte. Eine derartige Zurückweisung kann in einem Mann lange arbeiten. (Ungefähr so lange wie ein misslungenes Kolumnenbild in einer Frau, die das bitte gerne geändert hätte). Zum Glück sind wir schon längst bei den Ritters eingeladen, wo wir den Leberkäse und den Erdäpfelsalat selber mitbringen, weil die reißen sich nicht ums Kochen. Über derlei müsste Peter Fox einmal dichten, mal schauen, wer da mitsingt.
29.10.08

Schön sprechen, Kleiner!

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Permanent muss man aufpassen, dass die Kinder nicht mit irgendwelchen völlig degenerierenden Medien und Medienprodukten in Kontakt kommen: es ist total nervig. Am Samstag am Land schaffen wir es endlich einen Tisch in einem der Handvoll akzeptabler Gasthäuser im Waldviertel zu bekommen; gemeinsam mit den Polzes und den Horwaths und den Hofingers, die auf Besuch sind, und wir müssen nicht einmal die Kinder mitnehmen, weil der Nachbarsvierzehnjährige hat sich zum Babysitten überreden lassen. Vierzehnjährige brauchen immer Geld. Leider beginnt der Abend suboptimal; denn der kleine Horwath ist ein liebes, nettes Kind, solange er seinen Willen bekommt. Wenn nicht, nicht. Zum Beispiel ist es nicht der Wille des kleinen Horwath, dass während der Eltern-Abwesenheit „Bullerbü“ geschaut wird, weil er der Ansicht ist, „Bullerbü“ sei etwas für Babies und kleine Mädchen; der kleine Horwath ist härteren Stoff gewohnt. Und der kleine Horwath ist gewohnt, dass geschieht, was er bestimmt, bloß steht es diesmal drei zu eins für „Bullerbü“. Der kleine Horwath hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz, und ich muss erst einmal in die Knie gehen und ihm mit großer Eindringlichkeit klarmachen, dass er zu mir sicher nicht „Blödmann“ sagt. (Früher, als der kleine Horwath drei oder vier war, bebrüllte er den jeweiligen Diskursgegner als Seistwodl: Schön sprechen, Kleiner, das heißt Scheißtrottel, und das sagst du auch nicht zu mir.) Es ist aber unwahrscheinlich, dass er mich hört, weil er gerade sehr viel Blut im Kopf hat, das rauscht in den Ohren, und die Mimis fangen auch noch an zu weinen, weil das Gederwische und Gekreisch des kleinen Horwath sie erschreckt.
Deshalb auch „Bullerbü“; die Mimis haben eine sehr niedrige Gewaltaffirmationstoleranz, medial und real, und als sie im Sommer einmal, eh gegen meine Überzeugung, „Harry Potter“ geschaut haben, weil die Mosers gesagt haben, das wäre ein total harmloser Babyfilm, den auch ihre dreijährige Tochter schon schaut, brachen Sie danach spontan in Tränen aus und hatten nächtelang Alpträume. Und ich verstehe das überhaupt nicht und werde das nie verstehen, warum aufgeklärte Eltern ihre kleinen Kinder bewusst solchen Bildern voller Bedrohung und Gewalt und Angst aussetzen. Ich bin ein großer Fan der netten Harmlosigkeiten von „Bullerbü“, und beabsichtige, es zu bleiben.
Diverse Drohungen der Horwathin später ist auch der kleine Horwath bereit für „Bullerbü“, der Nachbarsbub hat die DVD und vier Telefonummern schon in der Hand und ist über Allfälligkeiten instruiert. Wie wir drei Stunden später heimkommen, sitzen alle Kinder um des Nachbarsbuben Laptop (der vorher noch nicht da war), und als ich das Zimmer betrete, sagt der kleine Horwath gerade: „Kannst du den noch schnell töten?“ Nein, kann er nicht. Weil jetzt ist erst einmal er dran.
21.09.08

Das glaubt dir normal nicht einmal eine Zweijährige

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Wie uns der Fink am Land besuchte und doch kein Haus kaufte, trug er ein pakistanisches Nationalgewand; weiße Pluderhose, knielanges weißes Hemd, dazu Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler und eine Siebzigerjahre-Pilotenbrille. Er klapperte einmal quer durchs Dorf und wieder zurück, und jetzt großes Aha. Aha, die gehören also zu einer Sekte! Die ganze Partie, die Horwaths, der Polz und seine Freundin, und die neuen da; alle Sektenheinis! Haben wir gleich gedacht, dass mit denen was nicht hui ist.

Dabei sind wir bestensfalls eine Art WG auf ein paar Tausend statt 237 Quadratmeter wie früher; und jetzt halt eine WG mit den Mitteln einer Wochenendagargemeinschaft: Früher haben wir mit illegalen Lustigmachern experimentiert, jetzt experimentieren wir mit Honigschleudern und Saftpressen. Plus es gibt jetzt auch Kurze, das gab es früher auch nicht, weil früher hätte keine Mutter mit einem Eitzerl Verantwortungsbewusstsein einen Minderjährigen in unsere Nähe gelassen und wir keinen Minderjährigen in die Nähe unserer Gitarren-, Platten- und Fanzine- und Tätowiernadelsammlungen. Wenn du das angreifst, Kleiner, bist du erledigt. Wie Leute wie wir an eine Erziehungsberechtigung kommen, kann ich mir bis heute nicht genau erklären, aber am Wochenende saßen 13 Kinder unter der Laube vom Horwath, aßen Nudeln mit Bambisoße und ließen sich von uns belügen. Das war ein irre altes Reh, eine Rehgreisenurli! Die hatte ein urlustiges Leben mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln und ist dann von selber im Wald tot umgefallen! Das glaubt dir normal nicht einmal ein Zweijähriger, aber je hungriger das Kind, desto empfänglicher ist es für Lügen, selbst wenn sie so miserabel sind wie die. Und ich bin der Meinung, dass manche Wahrheiten noch warten können: beziehungsweise: Sie wissens in Wirklichkeit eh. Und sie finden es selber entlastend, dass sie noch so tun dürfen, als wüssten sie´s nicht. Wie beim Christkind; wenngleich meine Idee, ihnen heuer in aller Vorsicht die Wahrheit zu sagen, von der Realität bösartig hintertrieben wurde: Vorgestern in der Früh wurde uns auf nüchternen Magen mitgeteilt, man wisse übrigens wer das Christkind sei: IHR! Öh, aso, naja, hm, stimmt; seid ihr jetzt traumatisiert? Waren sie aber nicht. Scheint ihr Weltbild nicht zu ruinieren. Hätte man wohl schon früher machen können, wollte man auch, aber andere Eltern baten einen händeringend, derlei zu unterlassen, weil was eins weiß, wissen alle. Also, wenn es jetzt dann alle wissen: ich kann nichts dafür; von mir haben sie es nicht.

Was jetzt auch alle wissen, also im Dorf: Dass diese Wiener, die das Dings-Haus gekauft haben, die von der Sekte, an Sonntagen noch zu Mittag vollzählig in fleckigen Pyjamas anzutreffen sind, vor Bergen Geschirrs: der örtliche ÖVP-Mann, der mit einem pröllvollen Papiersackerl unvermittelt in unserer Küche stand, wird schon berichtet haben. (Bitte, die Pumpe hat nicht funktioniert! Wir hatten kein Wasser!) Na, ich sags euch, mit denen ist was nicht hui.
7.09.08

Hier drängen sich ein paar Fragen auf

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Es fielen in der ersten Schulwoche Entscheidungen. Erstens wählte ein Mimi für den ersten Schultag ein blumengemustertes Frottee-Kleid, das die Hofingerin, 42, im Alter von fünf Jahren sehr oft getragen hatte. Auch das andere Mimi bediente sich in den frühen Neunzehnsiebzigern und entschied sich zum Schulantritt für ein schwarzes Leiberl mit dem Bildnis eines weltberühmten Drogentoten, verschieden 1971 an einer Überdosis Heroin. Die Horwathin hat ein bisschen geschaut.

Zweitens entschied sich das eine Mimi dafür, am Religionsunterricht teilzunehmen, während das andere Mimi – Gott gibt’s ja gar nicht, ist doch alles nur ein Märchen – zum Religiösen ein kritisches Verhältnis pflegt. Es gab zu diesem Thema vor ein paar Wochen im Waldviertel einen kleinen Disput zwischen dem Horwath und mir, was die Breußin einen „kollossalen Streit“ nannte, aber Horwath und ich sehen das gelassener. Weil der Horwath sagt, bei einem korrekten Streit ginge ja die eine Seite auf die Argumente der anderen Seite ein, und ich sagte, ja, wenn es ein Argument ist, aber das war kein Argument, das du da vorgetragen hast, das war geistesgestört. Siehst du, sagt der Horwath. Es wäre jetzt zu kompliziert, die Sache zu erklären, aber der Horwath wählte ein außerordentlich drastisches Bild, um klarzumachen, wie er, der sonst mit dem kleinen Horwath einen derart liberalen Umgang pflegt, dass er selbst das Wort „Erziehung“ engagiert verachtet, nicht einmal im Traum daran denkt, sein Kind selbst entscheiden zu lassen, ob es in Religion will oder nicht. Religion und alles Religiöse lehnt der Horwath umfassend ab. Religion kommt für den Horwath und somit auch für den kleinen Horwath nicht in Frage, und das, obwohl sich der kleine Horwath in erheblichem Maß für Religion interessiert. Was freilich wiederum damit zu tun haben könnte, dass der Horwath das Badezimmer seines Landhauses mit Dutzenden alten Bildern von nicht durchwegs glücklich dreinschauenen Heiligen quasi zutapeziert hat, und während ein Kind am Klo sitzt und auf diese Heiligen blickt und die Heiligen auf ihn, drängen sich dem Kind natürlich dazu ein paar Fragen auf. Die der Horwath aber auf keinen Fall von einer Religionslehrerin beanwortet wissen will.

Drittens entschied sich das eine Mimi dann doch gegen die Religion; und zwar ganz ohne mein Zutun. Aber es ist mir, marantjosef, eher sehr Recht.
27.08.08

Wie Fink uns findet

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Aber wie uns jetzt plötzlich der Fink erschienen ist, das war schon. Spooky war das. Andererseits: Mit dem Fink ist es so. Wenn ich dem Fink die Waldviertler Adresse gesagt hätte, hätte er sich die auf keinen Fall gemerkt. Oder er hätte die Adresse, wenn er sie notiert hätte, verschmissen. Zuverlässig hätte er sich, wenn er die Adresse doch noch gehabt hätte, auf dem Weg hierher verfahren, weil der Fink verfährt sich überall, auf der ganzen Welt haben wir uns mit dem Fink schon verfahren, in Sizilien, in Vietnam, im Bregenzerwald und zwischen Wien und Wiesen. Der Fink verfährt sich, wurscht wo. Und jetzt hatte der Fink irgendwo im Waldviertel einen Termin, hat sich auf dem Weg dorthin verfahren, und sieht plötzlich ein Ortsschild, einen Bach, eine Brücke und denkt sich: Hier, hier ist etwas. Der Fink fährt weiter, da steht unser Auto am Straßenrand und dann, wie er nach links in die Bäume hinein schaut, sieht er weit hinten den Langen mit verschränkten Armen hinter einem Schremser sitzen, und darüber sinnen, was er alles umhauen könnte, jetzt wo ihm der Breuß den Umgang mit der Motorsäge beigebracht hat. Der Lange blickt dem Fink geradewegs in die Augen und der Fink dem Langen. Der Fink bremst seinen Porsche ab, siebziger Jahre, kackbraun, jault ihn an den Straßenrand, springt heraus, brüllt wie ein Stier und ist da.

Später, nachdem er noch einmal weggefahren ist und seinen Termin erledigt hat, sitzt der Fink auch hinter einem Schremser unter dem Baum. Die Horwaths kommen mit dem Polz herüber, sie haben gerade ihren Bienen den Honig geraubt und geschleudert, und niemand wurde gestochen. Die Breußes sind auch da. Weitere Gäste vom Horwath schauen vorbei und setzen sich dazu; es ist kühl, aber sonnig, wir sitzen um den Tisch und trinken Wein und Bier und essen Speckbrote und die Kinder hängen verkehrt von an den Bäumen, und der Fink verwirft schlagartig seine schon sehr weit gediegenen Pläne, sich im Bregenzerwald eine Almhütte zuzulegen. Morgen kommt er und schaut sich ein Haus am Ortsrand an. Weil etwas hat ihn geradewegs hierher geschickt: Und der Fink kann zwar keine Landkarten lesen, aber er einen göttlichen Wink erkennt der Fink, wenn er ihm so vor der Nase herumwedelt; SO nämlich.
19.08.08

Das ist immer so

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Nachdem der Lange auch eine Tonne fauliger Klaräpfel aufgehoben hat, drängen sich ihm spontan ein paar Fragen auf. Brauchen wir wirklich so viele Apfelbäume? Oder darf ich die umhauen? Vielleicht dass wir statt dessen ein paar eilige, fruchtlose Schattenbäume pflanzen? Aber darf ich dann zumindest mit dem Astzwicker alle äpfeltragenden Äste abzwicken? Also alle?

Ja, nein, nein, nein und nein; obwohl ich dich wirklich nicht frustrieren möchte, Honey, denn ich bin über dein Engagement total erfreut, ehrlich.

Obwohl es, apropos Engagement, einige unschöne Szenen in der, so der Lange, Pipifax-Abteilung von Ikea gab. Das drückt der Lange einfach nicht durch. Da zuckt er aus. Das ist immer so. Wir schaffen es relativ geräuschlos und sozial unauffällig durch den oberen Stock, ich mit einer Einkaufsliste, der Lange mit schlechter Laune und einem gelben Ikea-Sack über der Schulter. Aber unten bei den Vorratsgläsern und/oder Sofakissen dreht der Lange regelmäßig durch.

WOZUBRAUCHENWIRDENSCHEISS! Bedauerlicherweise habe ich dann auch schon nicht mehr die Nerven, um sehr gelassen folgenden Text vorzutragen: Also, Langer, wenn du mit einem Buch flach auf der Couch lägst, denkstest du dir: Wärs nicht schön, ich hätt ein Kissen, ein Kissen wär jetzt wirklich fein. Das liegt und liest sich nicht gut, so ohne Kissen. Und eine Leselampe wär auch nicht schlecht. Und genau das ist dir noch nie passiert. Noch nie bist du im Dunkeln flach auf einer Couch gelegen und musstest über Mangelwirtschaft nachdenken, weil warum. Jemand hat sich gedacht: Wärs nicht schön, man hätt ein Leselicht und ein Kissen, wenn man mit einem Buch auf dem Sofa liegt. Jemand ist in eine Scheißpipifaxabteilung gefahren, hat vor den Leselampen und den Sofakissen hin und her erwogen, hat sich dann ohne Geschrei für welche entschieden, hat sie ins Wagerl gelegt und zur Kassa gefahren. Ist weiters dort angestanden, ohne der Frau vor sich das Wagerl mit voller Absicht in die Kniekehlen zu rammen oder die Kassierien anzupflaumen, hat das bezahlt, hat das in den Kofferraum getan und heimgefahren, hat das aufs Sofa gelegt und überm Sofa montiert, und bald darauf musste sich ein Langer keinen einzigen Gedanken darüber machen, wie schön es wäre, wenn er zum Lesen ein Licht und Kissen hätte. Weil er hatte es. Das selbe gilt für Vorratsgläser, Servietten, Schmortöpfe, Besteckkästen, Kindermatratzen, Lattenroste, Spannleintücher und Duschvorhänge: Es ist nicht schlecht, wenn sich jemand überlegt hat, dass es schön wäre, wenn sie da wäre, wenn man sie braucht.

Stattdessen brülle ich: Mensch, Langer, du Depp, reiß dich ein bisschen zusammen, wir sind eh gleich durch! Und sei froh, dass du dich nur darum kümmern musst, dass du am Land auch sicher deinen feschen kleinen Übungsverstärker parat hast, was ja der zentrale fack Einrichtungsgegenstand für ein Familien-Wochenendhaus ist! Verdammt!

An der Kassa kann ich gerade noch das Wagerl abfangen, das der Lange der Frau vor uns in die Kniekehlen rammen will, übernehme die gesamte Kommunikation mit der Kassiererin und ordne das Gekaufte im Auto so an, dass ich schlussendlich doch noch mitfahren kann, was der Lange eigentlich nicht mehr vorgesehen hat. Du wolltest schließlich unbedingt die unnedigen Lattenroste für die Kinderbetten, jetzt schau, wie du heimkommst. Jaja, geh weg, ich mach das schon.
30.07.08

Es fängt immer klein an

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Man hätte, wenn man ein Haus im Waldviertel besäße, vielleicht auch eine Pumpe, weil das Wasser aus dem eigenen Brunnen käme. Und die Pumpe könnte nicht funktionieren, wenn man am Samstag das Wasser anmachen wollte; nichts, niente. Der Horwath, der sich mit Pumpen auskennt, würde erste Anzeichen von Reue zu verbergen versuchen, dass er damals mit dem Finger auf dieses Haus gezeigt haben würde, wäre das nicht etwas für euch? Jetzt musste er, weil der Lange Kettensäge nicht kann, schon Bäume fällen, dann waren seine Fähigkeiten beim Autoanschieben gefragt, dann seine Kenntnisse des Siphons, jetzt auch noch die Pumpe. Das kann ja noch bravo werden.

Doch wenngleich des Langen Fertigkeiten beim Thujenkillen und bei der Pumpeninstandsetzung stark verfeinerbar sind, ist er überraschend gerne Nebenniederösterreicher und zelebriert das mit launigen Lesungen aus der NÖN und dem regionalen Bezirksjournal. Es werden hier noch Linden und Autos gesegnet, und zärtliche Landwirte mit tiefer Sehnsucht nach Neubeginn suchen ihr Äquvivalent. Der Lange ist vom Landleben wesentlich angetaner als er prophezeit hat, er würde nämlich, hat er prophezeit, das Scheißlandleben scheißmäßig hassen und, nur damit ich mir keine Illusionen machte, alles was ich dort von ihm zu sehen bekommen würde, sei seine auf einem Liegestuhl dahingestreckte Silhouette, er rühre dort keinen Finger. Außer die, die nötig seien, dass einem die Zeitung nicht aufs Gesicht fällt. Und so weiter, der Lange halt. Seit ihm aber aufgefallen ist, dass die Kinder am Land in dem Augenblick verschwinden, in dem man dort die Autotür aufmacht und er nun jedes Wochenende keine Minute am Spielplatz und im Prater verbringen muss, ist er mit dem Landleben versöhnt. Ich würde so weit gehen zu behaupten, der Lange liebt das Landleben, und wenn er die Zeitung ausgelesen hat, greift er nun freiwillig zum Astzwicker. Denn die Möglichkeit, seinen irgendwie angeborenen Zerstörungsdrang, den er bisher nur in Familie, Freundeskreis und Beruf ausleben durfte, auf die Natur auszuweiten, hat sogar über seine natürliche Abscheu gegenüber jeglicher handwerklicher Betätigung gesiegt. Der Astzwicker ist das neue Werkzeug des Langen, und mit ihm fand der Lange sein Mantra: Das muss weg. Der Horwath sagt, er findet, der Lange ist jetzt viel ausgeglichener.

Sorgen macht mir, dass es beim Horwath, der gerade in Imkermontur auf seinem 15er Steyr-Traktor an meinem Gartentor vorbeiknattert, auch mit einem Astzwicker angefangen hat. Oder mit einer Gartenkralle oder derlei. Es fängt immer klein an, und bald wird der Lange seine Bäume mit seinem eigenen Caterpillar umschmeißen, aber das behalte ich jetzt einmal für mich.
23.07.08

Was machen wir jetzt?

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Im Kaffeehaus kriegen sich der Horwath und der Lange jetzt zum Thema Sonnenengergie in die Haare. Gut, wir sind alle ein wenig aufgewühlt, weil wir eben unsere Kinder in einen Bus gesetzt und ins Sommerlager verschickt haben. Es war nicht unser Wunsch, es war der Wunsch der Mimis. Ich hatte viele Einwände, die ich ihnen gegenüber unausgesprochen ließ: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn ihr Heimweg bekommt? Weil ich hatte im Lager immer Heimweh, und es war immer schrecklich, und am zweiten oder dritten Abend musste ich immer abgeholt werden. Aber zumindest im Vorfeld zeigten die Kinder keinerlei Anzeichen von übermäßiger Sentimentalität gegenüber ihrer Herkunftsfamilie; zählten wochenlang die Nächte bis Sommerlager und wachen am Abreisetag mit leuchtenden Augen auf. HEUTE! Die Mutter hat sauschlecht geschlafen und muss sich das angemessene Strahlen mit einiger Anstrengung ins Antlitz schnitzen. Heute. Was, wenn ich Heimweh bekomme?

Dann stehen wir am Reisebus und winken unseren Kindern zu. Eins weint; zum Glück keins von unseren, sondern das von den Szene-Wirten, die ihrem Kind, obwohl ihnen gar nicht danach ist, entschlossen entgegenstrahlen: Durch die begeistert gefletschten Zähne zischt der Szene-Wirt, dass der blöde Bus jetzt bitte bitte bitte endlich fahren soll, er hälts nicht mehr aus, gleich heult er auch. Eins der Mimis winkt nicht einmal zurück; keine Zeit, aber wie der Bus endlich startet, bin ich trotzdem froh, weil lange hätte ich mein Grinsen auch nicht mehr derhalten.

In dem Moment kommt auch der Kabarettist unter Gekeuche um die Ecke gerannt und kann seinem Kind, das von dessen Mutter geliefert worden war, gerade noch zuwinken. Wir applaudieren herzlich: schöne Vorstellung, Herr Künstler, Gott zum Gruße! Der Kabarettist kommt akut von irgendwo am Land, er hat einen Rucksack mit Gehstöcken dabei, sieht aber das Gegenteil von erholt aus und formuliert im Kaffeehaus entschiedene Einwände, als der Ober findet, die Bestellung werde erst aufgenommen, wenn alle parat seien. Nix da, gleich Kaffee. Dann geraten der Horwath und der Lange aneinander: kriegt man jetzt, wo der Photovoltaik-Klimafonds leer ist, noch eine Förderung für eine Strom- oder Warmwassersolaranlage? NEIN, ruft der Horwath, JA! ruft der Lange!, und wieder einmal fallen die Worte Dummkopf, Dodel und Depp. Muss man aber nicht so ernst nehmen. Ihr seid jetzt Nachbarn, da im Waldviertel, oder?, grinst die Szene-Wirtin, und der Horwath brummt, dass, na, zum Glück noch ein alter Bauer seinen Hof dazwischen habe, der sei nämlich geistig weit flexibler als dieser Sturschädel da. Wer redet, sagt der Lange.

Denn als Nebenniederösterreicher ist man umweltbewusst, macht sich Solarzellen aufs Dach, und es werden, wie wir später recherchieren werden, beide Sturschädel Recht gehabt haben. Aber jetzt  im Kaffeehaus reden wir dann lieber wieder über die Kinder, und was wir machen, nun, wo sie nicht da sind.
9.07.08

Tut gar nicht mehr weh

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Apropos Gartenbau: In der Serie „Men in Trees“ bezog Fräulein Frist diese Woche eine eigene Hütte in ihrem Exil in Alaska, wurde infolgedessen von ihrem Love-Interest mit einem Bäumchen für ihr Gärtchen beschenkt und juchzte wiederholt, was das nun für ein wunderbarer Baum sei. Ein wunderbarer Baum sei das und noch viel wunderbarer werde er werden, wenn er erst groß sei. Daran sieht man, dass „Men in Trees“ völlig zurecht eingestellt wurde, denn der Baum war eine Thuje. Und wenn ich zum Beispiel letzte Woche mit dem Langen eine Hütte im Waldviertel gekauft hätte, hätte ich relativ schnell darauf geschaut, dass von den zehn oder zwölf Thujen bald einmal drei bis vier verschwinden. Auf jeden Fall aber die Hecke am Eingang, die den Rosen Schatten machen würde. Und die Riesenthuje hinterm Haus, die die Morgensonne beim Birnbaum verstellte, sowie die mittelgroße vor dem Schlafzimmerfenster. Schließlich die winzigkleine vor dem Flieder, die genau so aussähe wie das wunderbare Bäumchen in „Men in Trees, diesfalls aber, dank dem Supi-Turbo-Astzwicker, den der Lange erstanden hätte, in seiner Nochwunderbarerwerdung final gehindert werden würde.

Wir würden natürlich eine Hängematte oder eine Schaukel aufgehängt haben und, als weiteres Zeichen, dass nun alles einfach und easy und unkompliziert werde, einen von Mäuse- und Vogeldreck völlig versifften alten Küchentisch im Dachboden geborgen, mit viel Cif gesäubert und ihn dann in die Wiese unter den Apfelbaum gestellt haben. Dazu würden sich die abblätternden Gartenklappstühle gesellen, die schon seit Monaten in unserem Wiener Stiegenhaus im Weg gestanden haben würden. Es würde uns genau so gefallen, wir würden gar nicht daran denken, die Sachen neu zu streichen. Wir würden Kletterrosen anbinden und Rasen mähen und Bäume schneiden und Ribisel brocken und mit den Kindern Federball spielen: Es wäre ein Idyll; und an den Abenden würden wir erschöpft, aber zufrieden in der Dämmerung sitzen, mit mäßigem Erfolg Gelsen und Stechfliegen verwedeln, die Gartenschuppenfrage erörtern und uns des Eintritts in eine neue Phase der Verspießerung, sagen wirs ruhig, erfreuen.

Denn ab einem bestimmten Punkt der Aktzeptanz und Affirmation täte die Spießerei, glaube ich, nicht mehr weh. Unter anderem, weil man sich ja bereits so tief in nur noch für Fortgeschrittene bezwingbare Biederkeitsbereiche zurückgezogen haben würde:  es würden höchstens mal andere Wochenendkleinhäusler vorbei kommen, die eine Wilhelmsburger Schütte bewundern oder einem Tipps geben würden, wo in Tschechien man preiswerte Kastenfenster machen lassen könnte. Ja, so wäre das: Wir wären arm an vorzeigbaren Erlebnissen und an Interesse für die Vorgänge innerhalb der SPÖ; aber reich an kleinen Glücksmomenten. Das Glück wäre: das Licht, das durch einen Baum fällt, eine erschlagene Bremse, ein schaukelndes Kind. Eine gefällte Thuje; das wäre schon schön.
4.07.08

Ist es schon neun?

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Leser Otto Sch. will mich beleidigen, und es gelingt ihm. Ich sei nämlich, schreibt er, offenbar mit Meister Dylans Art nicht vertraut, denn entgegen meinen Behauptungen in der letzten Kolumne grinse Bob Dylan niemanden grundlos an. Ich weiß allerdings nicht, ob es mich mehr kränkt, dass mir Sch. mein in sechs Dylan-Konzerten gewachsenes Minimum an Dylanartvertrautheit abspricht, oder dass er so einen offensichtlichen Schmäh nicht kapiert. War das unklar? Dass das Wunschdenken- Witz gemeint war? Ich weiß natürlich sehr wohl, dass Dylan mich nicht angegrinst hat, erstens stand ich im Dunkeln und Dylan im Licht, zweitens wäre er aufgrund von, wie ich zu glauben glaube, Kräuterdingsinhalation gar nicht in der Lage gewesen, mein Antlitz zu fokussieren, selbst wenn ein 5000 Watt-Scheinwerfer darauf gerichtet gewesen wäre. Herr Sch. unterstellt mir außerdem, ich hätte während des Konzerts Nachrichten an meine Lieben in mein Handy gebrült, was ich natürlich eine glatte Lüge ist und ich nienienie tun würde: ich habe lediglich still Sedlaceks Nummer gewählt und ihn Dylan lausche lassen. Und schon gar nicht habe ich, wie Herr Sch. mich weiters bezichtigt, Dylan mit meinem Handy angeblitzt: mein Handy, ein Nokia Modell Xpress-Music, kann gar nicht blitzen, wenngleich ich gestehe, dass ich mich nicht zurückhalten konnte, mir ein Bildnis des Gottgleichen zu machen und es auf meinen Blog zu stellen. Es war aber völlig unscharf, was als Beweis für die totale Blitzfreiheit des Vorgangs reichen sollte. Plus, ich tat es, während Dylan mich mit einem  Altherrenblues von gefühlten 97 Strophen ein wenig - wie sags ichs, ohne Gott seinerseits zu Blitzen zu provozieren - langweilte.

Das Ländle, Xavers Wiese und die strengen Vor-neun-Uhr-Vormittags-keinen-Schnaps-Regeln in meiner Familie (der Vater: Magst einen Schnaps? Der Onkel: Ist es schon neun? Ach was, bis du eingeschenkt hast, sicher) habe ich unbeschadet überstanden, um mich zwei Tage darauf im Waldviertel zerstechen, zerkratzen und verbrennen zu lassen. Was irgendeinem unnötigen Stechviech noch nicht reichte: Es entstellte meine Visage mit einem gezielten Stich neben das rechte Auge, welches mit einer ausgeprägten und stündlich prosperierenden Schwellung reagierte, die mich nicht schöner macht. Lieber T., diese Woche geht sich ein Treffen leider doch nicht aus. Unter anderem, weil ich Mutter Urban treffen muss, in ihrer Ordination: heile mich, Mutter Urban.
1.07.08

Das geht so

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Der Lange sagt, wenn nur 50 Prozent vom dem, was ich letztes Mal über ihn behauptet habe, stimmen würden, wären es viel. Leider habe ich im Moment keine Zeit, mich mit dem Authentizitätsfanatismus vom Langen zu beschäftigen, und außerdem ist der Lange eh nicht wo ich bin. Nämlich in Xi, wo ich in die vorarlbergerischen Kernkompetenzzentren vordringe, indem ich die Großfamilie bekoche, Gartenbau bewundere und bald auch in der Kunst des Blumenkränzchenbindens reüssieren werde, pass auf. Zudem hat der Xaver, bei dem ich mich ein paar Mal beklagt habe, dass er praktisch nie Zeit für mich hat, wenn ich einmal, eh so selten, in Vorarlberg bin, beschlossen, mir einmal zu zeigen, warum er keine Zeit hat, indem er mich an seinen freizeitfressersischen Tätigkeiten teilhaben lässt. Schau, sagt, der Xaver, und drückt mir eine goldene Heugabel in die Hand, das geht so.

Wenn man mit dem Xaver dem Xaver seine Wiese heut, kriegt man ein relativ gutes Gefühl dafür, wie viel 1500 Quadratmeter sind. Es ist heiß. Es ist still. Manchmal meckert eine von Xavers Ziegen, hin und wieder blöckt eins der Schafe, die der Xaver drei Wochen in Pflege hat, zweimal legt eine von Xavers Hennen unter Gegacker ein Ei.  Der Xaver redet beim Heuen über seinen Plattenladen und über sein Kind, und ich rede über nichts, weil ich kann nicht. Denn obwohl mein Körper sich irgendwie der Bergbauerngene meiner Großmitter entsinnt und sich weniger blöd anstellt, als man von mir erwarten dürfte, erinnern mich die Blasen an den Händen und das Stechen im Rücken doch auch daran, dass es Gründe gibt, warum ich in der Stadt lebe. Zum Beispiel, um dort im Sitzen zu verweichlichen.

In der Nacht hat mich Sedlacek aufgeweckt: Er rief mich an, um mich am Meeresrauschen in Puerto Escondido teilhaben zu lassen. Schön, habe ich gesagt, ich bin ja sooooo neidig, kann ich jetzt weiterschlafen? Gut, ich habe ihn vorletzte Woche in Hongkong aufgeweckt, damit er am Dylan-Konzert teilhaben kann. Allerdings wusste ich nicht, dass Sedlacek in Hongkong war, und werde sowieso mit meiner Telefonrechnung dafür bestraft, dass er live die Hälfte von „All Along The Watchtower“ mithören durfte. Worum Sedlacek, das ist richtig, nicht gebeten hatte, weil er Dylan für einen historischen Irrtum hält, was periodisch zu ernsten Verstimmung zwischen Sedlacek und mir führt. Beim Dylan-Konzert stand ich, falls es irgendjemand noch nicht weiß, in der ersten Reihe, der allervordersten absolut nächstmöglichen Reihe,  so nah, dass ich die Schweißtropfen von Dylans Nase perlen sehen konnte; und er hat mich angegrinst. Doch. DOHOCH! Es war sehr schön.

Das erzähle ich dem Xaver beim Heuen dann doch noch, zwischen ein paar Keuchern und während mir der Schweiß ins Maul rinnt, und der Xaver sagt: Mich hättest du anrufen sollen, ich hätte das gern gehört. Aber das ist ein Witz, weil ein Handy hat der Xaver nicht. Aber eine sehr  große Wiese.
21.05.08

Danke, dass ich abwaschen darf

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In Kroatien wird immerhin die heikle Morchelnudeln-Sache endlich entschärft. So welche hat der Horwath unlängst gekocht, als der Lange unabkömmlich war. Und das war nun, wie ich dem Langen hernach berichtete, ungelogen das beste Essen seit Wochen gewesen, worauf sich der Lange tagelang entschlossen vom heimischen Herd fernhielt, weil er kann bitte auch anders. In Kroatien aber kocht der Breuß das beste Essen seit Monaten, was nicht so sehr an seiner Busara liegt und mehr an den Scampi darin, die uns der Scampi-Fischer gerade frisch aus dem Meer geholt hat. Wir haben uns diesmal schamlos an die örtlichen Fischer zubigeschmissen, und die verkaufen uns nun fast jeden Tag etwas von dem, was sie aus dem Meer geholt haben, und während wir die tropfenden Säcke ins Haus tragen, lachen sie über uns.
  Der fesche Josip, dessen hundert Meter entferntes Ferien-Haus von den Kindern final gekapert wurde, weil Josip eine nette schwäbische Hildegard zur Frau hat, die endlich gerne Oma wäre, Josip also erzählt uns, dass die Sepie, die wir heute wieder von den Fischern gekauft habe, hier nicht einmal die Fische fressen. Geschweige denn die Einheimischen. Sowas kann man nur Touristen andrehen, grinst der fesche Josip, während er auf der Bank vor seinem Haus aufs Meer schaut und raucht, und erwähnt in diesem Zusammenhang auch, wie Eskimokinder tagelang auf einer Seehundhaut herumkauen.
  Am nächsten Abend gehen wir rüber zu Josip und seiner Bank, die Breußin schnorrt Josip eine Zigarette ab, und wir sagen, Josip, wir wissen jetzt, warum nur Touristen eure Sepie hier kaufen, weil von euch hier kann sie keiner richtig zubereiten. Wenn man die Sepie nämlich nicht eine Stunde oder zwei zu Semperit kocht, sondern nur kurz z. B. in einer Rosmarin-Tomatensauce mit weißen Bohnen ziehen lässt, schmecken sie nicht wie Flipflops, sondern sind sie zart wie ein Henderl, Josip, zart wie ein Henderl.
  Am nächsten Abend laden wir Josip und Hildegard, sozusagen als Kinderbetreuungshonorar, zu uns zum Essen ein, der Horwath paniert endlich die Wiener Schnitzel, ohne die er keine zwei Wochen am Meer überlebt, und wir fragen Josip, der aus der Gegend stammt, wie er nach Deutschland kam. Die Geschichte geht so, dass Jung-Ingenieur Josip in den späten 60ern nach Deutschland ging, weil er einen Sportwagen fahren wollte, und das tat er auch, einen BMW 2500 um 18.000 Mark, den er mit einem Monatsgehalt von 600 abzahlte und bald an deutscher Maurerhandwerkswertarbeit ruinierte. Leider übernimmt Hildegard dann den Erzählfaden und gibt ihn nicht mehr her, und wir erfahren wir alles über den Karneval in einer schwäbischen Kleinstadt, und das ist leidlich verstörend. Ich schleiche in die Küche und danke dem Herrn auf Knien dafür, dass ich heute den ganzen Abwasch machen darf. Andererseits soll eine Frau, die es mir ermöglicht, im Urlaub trotz Kindern fast drei Bücher zu lesen, im Karneval ihren Spaß haben: das ist nur gerecht.
30.04.08

Du hast es versprochen

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Es war auch endlich warm. Man konnte die Hosen hochkrempeln und barfuss laufen und sich einen Sonnenbrand an den Waden holen und Bienenstiche an den Fussohlen. Das Bubenmimi hat sehr geheult, es war ihr erster Bienenstich, wir schmierten dick eine wichtig aussehende Creme darauf, und das Kind erholte sich schnell. Später gingen wir zur Waldlichtung, dort standen drei Gestalten in grotesker weißer Schutzkleidung in der Sonne und sahen aus, als drehten sie ein billiges Sequel von „Outbreak“. Spooky irgendwie. Es waren aber nur der Horwath und sein Freund, der Polz und die Freundin vom Polz an Tag eins nach der Absolvierung des Imkerkurses. Der Horwath macht jetzt auch Honig; soll mir recht sein. Wir fotografierten den Horwath und den Polz und seine Freundin mit dem Handys, später fotografierte der Horwath die Kinder und ihre Papp-Medaillen und ihr Siegerlächeln. Denn sie hatten alle die 400 Meter Ersatzmarathon geschafft, die wir ihnen ausgesteckt hatten, weil wir dann doch nicht in aller Herrgottsfrüh nach Wien gefahren waren, damit die Kinder an diesem Kinderlauf teilnehmen konnten. Stattdessen fand der Kinderlauf auf einem Waldviertler Kiesweg statt, es gab wertvolle-Panini-Preise, alle waren froh. Auch die Eltern, die sich nachher wieder in den Schatten von Horwaths Sonnenschirm in Horwaths Garten setzen, Zeitungen lesen, einen Sonnenbrand auf dem Hirn kriegen, deppert reden und überlegen konnten, was man als nächstes essen soll. Es wird viel gegessen im Garten der Horwaths.
  Später gab es eine kleine Krise, als der Horwath „elf“ antwortete, auf meine Frage, wie schrecklich das Ritterfest auf der zehnteiligen Schrecklichkeitsskala jetzt ehrlich gewesen sei. Elf! Wir hattens versprochen gehabt, aber ein gütiger Geist, der Lange nämlich, hatte mir die Klänge von Schalmeien und sich kreuzender Schwerter erspart. Und Bekleidung, neben der man sich freut, dass man eine elegante pestogrüne Wanderjacke tragen darf. Ich schaukelte auf der Hollywoodschaukel, während der Lange und der Horwath auf dem Burgfest den Horwath verfluchten, der seit Wochen am Spielplatz von diesem Burgfest geredet hatte, dass man dort unbedingt hin muss, und wie toll es die Kinder finden und alles. Der Horwath hatte wohl, wenngleich er normal nicht zu Kinderglücksverklärungsbedingter Bewusstseintrübung neigt, kurz verdrängt gehabt, wie arsch es die Erwachsenen finden. Jetzt weiß er es wieder.
  Dafür bekam ich Sonnenbrand auf den Fußssohlen, überlegte, warum verdammt ich mir eigentlich nichts kurzärmeliges Unschwarzes eingepacken hatte können, ärgerte mich über das Zeit-Magazin (Wolfgang Joop, Chef des teuersten deutschen Modelabels, in einer Geschichte über Mahlzeiten in seiner Potsdamer Villa: „Ich erzähle oft von Zeiten des Mangels und der Improvisation.“) und ein Vogel schiss mir aufs Handy. Es war ein aber kleiner Vogel, und seine Ausscheidungen trübten mein Frühlingsglück nicht.
5.09.07

War nur ein Schmäh

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Wichtige Fragen müssen erörtert werden: Wird man tot, wenn man sich das Schnitzmesser in den Bauch rammt? Oder muss man nur ins Krankenhaus, wo sie einem die Eingeweide mit langen Nadeln zusammennähen? Das Schnitzmesser ist Teil des üblichen Russisch Roulette des Kindergroßziehens, welches dadurch verkomplizierrt wird, dass hundert Eltern von Fünfjährigen hundert Vorstellungen davon haben, was Fünfjährige können müssen oder dürfen sollen. Sollen beispielsweise Fünfjährige allein eine mittelstark befahrene Landstraße überqueren dürfen? Ich bin dagegen, was aber damit zu tun haben könnte, dass ich mit fünf auf einer mittelstark befahrenen Landstraße über den Haufen gefahren wurde, vier Wochen im Krankenhaus lag, dort von meinen Eltern nur einmal die Woche besucht ... weiter lesen ...
20.07.07

Spiel schön weiter

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Eine Woche lang wurde der allgegenwärtige Vorarlberger Rasenmäher-Soundtrack von der Welt-Gymnaestrada übertönt, jetzt ist Sonntag, alles still, alle weg, enjoy the Silence. Die Gymnaestrada ist vorbei, was mir Recht ist, nachdem mich die Mimis eine Woche lang gezwungen haben, jeden Nachmittag punkt vier den örtlichen Marktplatz aufzusuchen, um dort bis lange nach Sonnenuntergang internationalen Gymnastiktruppen jeglichen Alters bei der Ausübung ihres Lieblingshobbies beizuwohnen. Eh sehr schön, aber ungefähr am vierten Tag hatte ich Gwen Stefanis bei Jazzgymnastikern über die Maßen beliebtes „Wind It up“ einmal zu oft gehört und sehnte den Sound of Rasenmäher heftig zurück. Am fünften Tag konne ich es keine Stunde länger ertragen, zwischen der Kletterluftburg und dem Kletterfelsen des Alpenvereins zu stehen, und meinen Kindern dabei zu zusehen, wie sie sich in langen ... weiter lesen ...
27.06.07

Sag es mit Binder & Krieglstein

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Diesmal sind wir einen halben Tag vor den Horwaths im Landhaus der Horwaths und hallo, ist der Garten grün. Fett. Alles explodiert in Blatt, Blüte und Frucht und, schau, die Ribisel sind auch reif, sie sind so reif und süß, dass sie die Kinder freiwillig mit vollen Händen in ihre Mäuler schaufeln. Wenn die Ribisel im Garten meiner Oma selig so reif war, plegte meine Oma uns Kinder und wen sie sonst erwischen konnte, mit Küberln zu behängen, und die Ribiseln wurden, bevor sie die Sonne vertrocknen und die Vögel fressen konnten, abgenommen, abgebeerlt, zu Marmelade verkocht, tschüss bis nächstes Jahr. Und weil ich so eine Streberin bin und immer die Suprigste und Patenteste sein will, nehm ich mir gleich ein Küberl und brock die Ribisel, und noch ein Küberl und noch eins, und während ich meinen Rücken trotz Hexenschusswarnung nicht schone, fühle ich mich unglaublich gut: Ich bin nämlich keine von denen, die ... weiter lesen ...
2.05.07

Identitätsprobleme

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Marketingtechnisch wäre es vielleicht keine schlechte Idee gewesen, sich beim Namen auf etwas Einfaches, Unzungenbrecherisches zu einigen. So wie: Sacher-Torte. Oder Mozart–Kugel; etwas das auch japanische Kindergärtler und Rednecks from Texas problemlos memorieren und artikulieren können. A Sacher-Torte, please. And twelve Mozart-Kugels.
Die werden sich in St. Pölten schwerer tun, wenn sie „das neue süße Wahrzeichen“ ordern, als das die dort frisch kreierte Nuss-Mandel-Schoko-Birnenmarmelade-Torte angepriesen wird: A Original-St.Pölten-Prandtauer-Torte, please. Und selbst, wenn man das „Ortginal“ weglässt... es bleibt ein Kampfausdruck. Was dem Erfolg der Süßspeise  abträglich sein könnte – und so dem Versuch, den Reisenden das schöne  St. Pölten mit Kuchen zu versüssen, das in der der Touristen-Gunst halt, Landeshauptstadt hin oder her, hinter dem idyllischen  Wein–Krems  liegt.
Das  Schicksal der Linksliegengelassenheit teilt St. Pölten mit Nicaragua, wenngleich nicht aus den selben Gründen. Gleichwohl hatte man in Nicaragua eine ähnliche Idee wie in St. Pölten, aber während die Niederösterreicher die Menschen nur an deren Zuckerseite packen, greifen  die Nicaraguaner auch zu viel härteren Mitteln: Neben Guaven-, Orangen- und Limonensaft, Zuckersirup, Eis und einer grünen Kirsche soll das neue nicaraguanische Nationalgetränk vor allem  weißen Rum enthalten. Der im Rahmen eines Wettbewerbs kreierte Drink heißt (St. Pöltner, aufgepasst) kurz, prägnant und  memorabel El Macua. Erfunden wurde er, so ein Jury-Mitglied, weil Nicaragua eine „neue Identität“ brauche, „die nichts mit Revolution zu tun hat“. Das Problem hat St. Pölten allerdings nicht.
25.04.07

Second Life

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Es ist ein schöner Anblick, wie der Herr Wiener Intellektuelle die Spitzhacke in die steinige Erde rammt, im Versuch, eine kleine Birke ihrer Heimaterde zu entwurzeln. Er wirkt glücklich. Die Birke steht dem Horwath in seinem Waldviertler Hof im Weg; der Herr Wiener Intellektuelle Schnitzler hat vor seinem Waldviertler Hof eine Birke zuwenig. Die Frau Wiener Intellektuelle steht dabei, gibt komplexe Anweisungen und scheucht die kleineren Kinder aus dem Schwingradius der Spitzhacke, während der größere Intellektuellen-Bub schon mal einen perfekten Seemannsknoten an Horwaths alten 15er-Steyr seilt. Das ist unser Second Life: An Wochenenden schwingen wir gern den Spaten, rupfen Bäume aus und fahren mit dem Traktor. Nur der Lange macht unterdessen lieber Tsatstsiki; ist besser so.
  Anderntags weckt uns um viertel nach sechs eins der Kinder, um uns davon in Kenntnis zu setzen, dass wir beim Einschlafen anders lagen. In diesem Durcheinander könne sie nicht weiterschlafen. Ich dann auch nicht mehr; also helfe ich dem Horwath beim Aufräumen des ... weiter lesen ...
20.04.07

In der großen Stadt

| Comments (0) | 04/07 | Stadt/Land

Meine  Freunde sind  noch kaum aus dem Zug gestiegen, da sagen sie schon, dass sie ins Grüne wollen. Wie, ins Grüne? Ihr habt ein Mal im Jahr für einen Tag in Wien zu tun und sucht dann dort das Grüne? Lebt ihr nicht alle Tage im Grünen, in eurem alpinen Westen? Ja, sagen meine Freunde, das tun sie, und zwar aus Überzeugung, und  in Wien  sei es ja nicht auszuhalten, nichts als Häuser, Straßen und Gestank,  keine Aussicht nach nirgends,  wirklich furchtbar, sie wollen lieber an die Donau oder so, irgendwohin , wo’s grün ist und besser riecht. Ich sage, also gut, ihr Landeier, packe sie in die U-Bahn und fahre mit ihnen an den Naschmarkt.
Was es hier alles gibt. Was ist denn das? Und das da? Meine Freunde schauen, was der Ziegenkäse  kostet (der eine hat daheim Geißen und macht auch Käse), schnüffeln an Kräutln, Gewürzen, Würsten und Fischen und  kaufen eine merkwürdige Frucht, die sie mit dem Sackmesser auskratzen: Probier mal, das schmeckt nicht schlecht.
Dann setzen wir uns  vor einen kleinen Japaner, dann essen  meine Freunde, beide in den 40ern, zum ersten Mal im Leben mit Stäbchen und zum ersten Mal Sushi. Sind überrascht, wie weich das ist:  der Fisch, den sie aus dem  Bach holen, ist immer hart. Dann finden sie, dass man in so einer Stadt doch viele interessante Möglichkeiten habe, und die Häuser da drüben: sehr schön. Haha; jetzt hab ich euch.
Am Abend  gehen meine Freunde Go-Kart fahren und spielen dann mit ihrer Band im Lokal Fluc. Hinter ihnen sieht man durchs Fenster die Züge über den neuen Praterstern fahren, vor sich haben sie, wie sie auf der Bühne stehen, riesig und hell erleuchtet das Riesenrad im Blick. Und die Leute sind  nett. Schon schön eigentlich, dieses Wien. Sehr schön sogar, sag’ ich doch.
9.04.07

Tour de Ringradweg

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Unvorsichtigerweise prahlte ich hier im Herbst  einmal damit, was für eine brave, klimaschonende Radfahrerin ich doch sei, die sich leider regelmäßig über Autofahrer-Rücksichtslosigkeiten ärgern müsse. Worauf ich korbweise Leserpost erhielt, deren geringster Teil  von  applaudierenden Umweltschonern verfasst war.  Nachdem ich alles gelesen hatte, fühlte ich mich wie ein  neuer Mensch: Wie militante Außenseiterin, ja: eine gewaltbereite Minderheit unter Terrorismusverdacht.
Denn Ärger über Autofahrer, las ich, sei ein hochtouriger Motor für Tätlichkeiten gegen das Automobil, und die so viel wie ein Angriff auf Leib und Leben, denn: Das Auto ist ja nicht nur   Fortbewegungsmittel – es ist ein Symbol der Bewegungsfreiheit, ja: der Freiheit an sich! Ein Angriff auf diese Freiheit, und sei er auch rein verbaler Natur, muss also als Angriff auf das unser  Gesellschaftsprinzip u.s.w! Ketzerei allemal. Über meine Fortbewegungsmodalitäten schwieg ich seither.
Nun aber gestehe ich erneut: Ich fahre Rad! Täglich! Denn ich weiß jetzt  einen Minister an meiner offenen Pedalistenflanke: Umweltminister Josef Pröll ordnete kürzlich an, die Presse zu informieren; er wünsche  Rad zu fahren. Oho! Aha! Ein Raunen ging durch die Redaktionsstuben, und alle Fotografen eilten sogleich zum Ring, um am Ringradweg dem Minister zu lauern.  Und, pardauz!, da kam  er angeradelt und pedalte, ohne Pause und ohne einen einzigen Tropfen Transpiration, den ganzen  Weg von der Alma Mater bis zur Urania. Und wer wollte, konnte  hinter ihm in flammenden Lettern die Worte „Folget mir! Ich will euch  Vorbild sein!“ am Horizont erglühen sehen.
Seither pedale auch ich wieder stolz und erhobenen Hauptes durch die  schöne Wienerstadt.
5.04.07

Nur nicht nachgeben

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Es ist natürlich klar, warum der Bund, warum Infrastrukturminister Werner Faymann auf stur schaltet: Wer einmal nachgibt undsoweiter.  Und wer sagt: In Bregenz ist die Situation aber speziell, da muss eine Sonderregelung her, der schafft einen Präzedenzfall. Andererseits: Es nicht zu tun, ist auch verheerend. Im speziellen Fall (und richtig, ich bin gerade in der Gegend) für Bregenz.
Bregenz  ist eine Naturstadt  (der Bodensee, die Berge), eine Kulturstadt (Festspiele, Kunsthalle) und eine Autotransitstadt, und letzteres wollen die Bregenzer, nona, unbedingt ändern. 
Und das könnte man: Das enorme Verkehrsaufkommen in Bregenz entsteht durch die Vignettenpflicht im Pfänderautobahntunnel, der  im Transitverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz eine  wichtige Rolle spielt.  Bevor sich die PKW-Fahrer, die die österreichische Autobahn sonst gar nicht benutzen wollen, wegen einer Fahrt von wenigen Kilometern eine Zehn-Tages-Vignette um Euro 7,60 kaufen, weichen sie, logisch, lieber auf die mautfreien Straßen aus, die durch Bregenz und die Umlandgemeinden führen. Während andere Städte mit Citymauten autofrei gemacht werden, lotst man im Ländle die Autos von der Autobahn, durch Bregenz und die Dörfer. Danebener geht’s  kaum.
29.000 Unterschriften wurden dagegen gesammelt, die Vorarlberger Bundesräte schlugen einen Pfändertunnel-Mautbefreiungspilotversuch vor, die Grünen wollen sowieso Roadpricing statt Vignette und der jetzige  Bundeskanzler Gusenbauer zeigte sich vor den  Gemeinderatswahlen 2005 angetan von der Idee einer Tagesvignette, kann sich aber jetzt nicht mehr erinnern. Minister Faymann verspricht: eine zweite Tunnelröhre. Wieder mit Vignettenpflicht. So unlöst man Probleme.
6.02.07

Ah, es könnte Februar sein

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 Man ist in diesem Winter schon froh, wenn es mal tüchtig regnet oder man eine schlimme Erkältung hat, damit man die Jahreszeit wenigstens ungefähr spürt. Ah, meine Nase läuft, es könnte Februar sein. Dem jungen Herrn, der vor zwei oder drei Wochen in kurzen Ärmeln auf dem Fahrrad an mir vorbeipedalte, konnte ich den Januar jedenfalls nicht ansehen, wenngleich ich finde,  dass der Herr übertrieb: So warm war’s nun auch wieder nicht.
Aber wegen mir braucht’s nicht schneien. Schnee sei auch nur aufgemascherltes Wasser, las ich kürzlich so ähnlich irgendwo, und so ist es nicht nur ehrlicher, dass auch im Moment Wasser vom Himmel fällt: Aus Regen wird auch nicht im Augenblick, in dem er Wiener Grund berührt, schwarzer, kiesversetzter Match: und mit dem wird einem dann von passierenden PKWs das Paletot paniert. Plus, der Regen tut  den Rosen gut; am  Balkon wollen die ersten ja schon wieder zum Blühen anfangen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das von den Rosen eine vernünftige Idee ist. Was, wenn doch noch Frost kommt?  
Die Kinder aber sind sauer, sie finden, es ist kein Winter wenn kein Schnee fällt und kein Schnee  liegt: Sie wissen es nicht besser, sie sind halt noch nicht so viele Winter durch den Wiener Gatsch gepflügt, noch keine unbewarnten Fensterbrettlawinen  glitschten ihnen unversehens in ihre Mantelkragen, sie haben noch nicht so viele bräunliche Schneedecken wegschmelzen und langsam die darunter verborgenen Hundstrümmerl freilegen sehen, bevor der Frühlingswind sie langsam trocknet,  zersetzt, zerkrümelt, zerstäubt und als besonders leckeren Feinstaub durch die Straßen weht... Der Regen spült den Dreck wenigstens weg, runter in den Gulli: braver, guter Regen. Wegen mir braucht’s wirklich nicht schneien.

 

1.02.07

Abenteuersüchtig

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Die allabendlichen „kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener“ machen  ziemlich süchtig, was ziemlich schlecht ist, weil der Sender „Arte“ sie nur noch bis Freitag zeigt: Die Berliner Köchin aus Wien fährt darin in einem etwas prätentiösen roten Käfer-Cabrio durch Frankreich und kocht in hervorragenden kleinen Landgasthäusern für eine  kleine, lokale Auskennerjury jeweils eine  regionale Spezialität.  Ihr dabei  zuzusehen, macht jeden Tag solches Vergnügen,  dass man es  ungern verpasst, wenn  man nicht gerade durch etwas   viel Wichtiges verhindert ist; wie etwa letzten Montag durch das fantastische Konzert der fantastischen Kärntner Band Naked Lunch im Radiokulturhaus; aber ich schweife ab.
Sarah Wiener ist ein Typ Frau, der nicht bei allen Männern  gut ankommt: sie ist selbstbewusst, selbstständig, hantig, kein bisschen hilflos und aus eigener Kraft überaus erfolgreich, was manche  ältere Herren wie etwa der  deutsche FAZ-Restaurantkritiker Jürgen Dollase nicht gerne sehen: Er bezeichnete die Fernsehköchin und Restaurantbesitzerin Wiener in einer Abrechnung einmal als „Verena Pooth der Gourmandise“ . Was unrichtig ist.
Denn Wiener zeigt in ihrer „Arte“-Show genau nichts Künstliches, Geschminktes, Aufgemotztes. Sondern ansteckende Begeisterung für etwas, das die Menschen im globalisierten Absolut-alles-zu-jeder-Zeit-Supernahrungsmarkt schon fast verlernt haben: Wie man aus guten, einfachen, regionalen Zutaten der Saison etwas richtig Feines kocht, das nach dem schmeckt, aus dem es gemacht ist. Und dass es eine Rolle spielt, wie und unter welchen Umständen diese Zutaten hergestellt worden sind. Und was für eine Freude es macht, wenn das Gericht gelingt. Da freut man sich gerne mit.
25.01.07

Lob der Blasmusik

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Nichts gegen die Blasmusik, bitte. Die Blasmusik ist etwas Wunderbares, außer vielleicht, man ist Landeshauptmann oder Bürgermeisterin, hat in der Silvesternacht  ausgiebig gefeiert, und verlässlich trompetet einem, kaum ist neue Jahr  zehn Stunden alt ist, die örtliche Blasmusik  vor  der Tür das Schädelweh wach. Und außer vielleicht, man ist Blasmusiker, hat in der Silvesternacht ausführlich gefeiert, und muss, Schmerz, zwei Stunden später einen Würdenträger ins neue Jahr posaunen.
Und außer man wohnt direkt neben dem lokalen Blasmusikheim und mag keine Blasmusik. Und außer natürlich, man ist eine Blasmusikerin mit kräftigen Wadeln und wird gezwungen, diese mit weißwollenen Stulpenstutzen zu betonen.
 Aber das sind natürlich marginale Probleme im Vergleich mit dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Blasmusik. Dieser Nutzen ist unschätzbar.  Ist der junge Mensch –  und in Österreich sind das  80.000 – Mitglied einer der 2400 Blasmusikkapellen, probt er ein bis zweimal wöchentlich im Kreise Gleichgesinnter im Blasmusikheim, kann also in dieser Zeit keine Drogen nehmen, keine Killerspiele spielen, nicht ungewollt schwanger werden oder sonstigen Unfug anstellen, der ihm einfallen könnte, wäre er nicht bei der Blasmusik.
 Er hat mit der  Blasmusik schöne Gemeinschaftserlebnisse und bereist mit ihr die Welt, manchmal sogar bis nach Wien hinein, wo er  beim Blasmusik-Treffen einmal im Jahr auch Menschen wecken darf, die keine Würdenträger sind. Er ist zumindest periodisch anständig angezogen, also die Hose über  der Unterhose,  den Bauch- und Hüftspeck unter gnädiger Bedeckung. Wenn also die Blasmusik nicht gemeinnützig und studiengebührenbefreiungwürdig  sein soll, fragt man sich schon, was dann.
21.01.07

Wille und Weg

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Gegen Orkane mögen wir machtlos sein, gegen keinen Schnee sind wir es nicht. Gegen keinen Schnee können wir etwas unternehmen, denn der Schnee nährt in Österreich ganze Landstriche, wir leben vom Schnee, wir brauchen den Schnee. Liegen muss der Schnee, Schirennen müssen darauf gefahren werden, die Welt muss im TV sehen können, dass man in Österreich beim Schivergnügen nicht auf die Natur angewiesen ist.
  Die Natur machen wir uns, wenn nötig, selber, und fällt der Schnee nicht vom Himmel, schießen wir ihn aus Kanonen und schaufeln ihn auf liftuntauglichen Gipfeln zusammen, wo der Schnee ja völlig unbrauchbar herumliegt. Wir haben Bundesheersoldaten und andere Freiwillige, wir haben Hubschrauber, also fliegen wir den Schnee dort herunter, werfen ihn auf die aperen Hänge, das ist fast wie echtes Schneien, nur effizienter. Und dann Achtung, fertig, los, alle herschauen! Wir fahren Schi! Bei uns in Austria fällt nämlich Schnee!
Gut, auch der Strandtourismus läßt Volkswirtschaften blühen... Darüber sollten wir auch einmal nachdenken. Denn wenn wir fähig sind, grüne Hügel in Schigebiete zu verwandeln, wird es uns wohl gelingen, einen heimischen Ozean zu errichten, damit Österreich endlich am Meer liegt: Das wär ein Tourismus! Strandleben unten, Schihollareitulliö oben! Kann ja nicht so schwer sein! Die Mittel dafür haben wir doch, oder?
Und es würde, ta-da!, das Darabos-Problem lösen, denn wer wäre für die Ozean-Grabungen besser geeignet als die tüchtigen österreichischen Wehrdiener, und einen derartigen Einsatz befehl kann der Verteigigungminister mit seinem Ex-Zivildienergewissen tadellos vereinbaren. Grabt Männer! Grabt! Wenn die Natur nicht will, machen wir sie uns nämlich selber. ... weiter lesen ...
5.01.07

Straßenbahnlied

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Bevor ich  hier im Ländle in Schnee-Betrachtungen versinke (leider nicht im Schnee: bis ins Tal herunter hat er’s auch hier nicht geschafft, trotz schwurhafter Beteuerungen der Meteorologie. Und obwohl dieses  Tal ein wenig gnädige Schneeverdeckung ästhetisch gut vertragen würde), erinnert mich ein Freund  daran, wo ich übrigens daheim bin. In Wien.
Der Freund fuhr vorgestern mit seinem Baby gegen halb zwei in einem Wagen (Nummer bekannt) der Linie N in Richtung  Friedrich-Engels-Platz. An der Haltestelle  Heinestraße wollte er mit dem Kinderwagen aussteigen, und folgender Dialog ... weiter lesen ...
4.01.07

Wiener Winter

| Comments (1) | 01/07 | Stadt/Land

Das, was als „Wiener Winter“ in die österreichische Klima-Geschichte eingehen könnte, ist zumindest hier in Vorarlberg vorbei. Es wird schneien. Es wird jetzt ganz bestimmt endlich schneien. In Schi-Orten, wie dem Bregenzerwälder Dorf Mellau, werden die Bewohner nicht mehr   händisch den Schnee von  Wiesen und Hängen auf die Schipisten schaufeln, um den Gästen einen  echten Winter vorzugaukeln. Es wird jetzt schneien. Es wird jetzt ganz gewiss schneien, Petrus sei Dank.
 In Wien dagegen wird das große Heulen und Zähneknirschen anbrechen. Es wird geschaufelt und geflucht werden.  Denn ist der Wiener Winter – eigentlich ein Herbst voller Advent und weihnachtlicher Straßenbeleuchtung, mit trunkenem Silvester,  aber ohne  Schnee – vorbei, wird er von einem echten, schneekontaminierten Winter abgelöst: ... weiter lesen ...
27.12.06

Das wünsch ich mir

| Comments (0) | 12/06 | Stadt/Land

Weihnachten: vorbei; Geschenke: ausgepackt bzw. kaputt; Wünsche: für den Geburtstag aufsparen. Aber  halt, das neue Jahr. Da geht noch was.
Ich wünsch mir 2007 also einen Schnee, aber nur im Winter, und einen sonnigen Juni von März bis Oktober. Ich wünsche mir endlich hundegackifreie Straßen und Grünzonen und keine stinkigen Überraschungen nach der Schneeschmelze. Oder bei der Regierungsbildung. Ich wünsch mir ein Asylgesetz, das der Not von Flüchtlingen nicht mit Unbarmherzigkeit begegnet. Und eine  Bildungspolitik. Ich wünsche mir einen gerechteren Einkommensbericht, und dass auf den Spielplätzen nicht immer nur Mütter sitzen.  Mehr Bänke und Mistkübel wären fein, wobei mir vorkommt, als erfüllte die ... weiter lesen ...
7.12.06

Dann halt heimlich

| Comments (0) | 12/06 | Stadt/Land

Die Frage ist, ob es einen Sinn hat, sich dagegen zu stemmen. Und wenn ja, welchen. Und ob es, da der Druck von Unternehmern und Verbrauchern zweifellos zunehmen wird, nicht besser wäre, sich um optimale Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter zu kümmern, anstatt so zu tun, als ginge das Österreich gar nichts an.
 Mitte November, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft, fiel in Berlin der  Ladenschluss. An Werktagen gilt: Wer offen halten will, hält offen; wann er will, so lange er will. An Sonntagen gelten die alten Regelungen, zehn  Sonntage im Jahr ausgenommen.  Der Rest von Deutschland folgt.
 Österreich folgt auch, aber heimlich. In Salzburg zum Beispiel werden, wie die SN berichten, für zahlungswillige Touristen auch Sonntags die Geschäfte aufgesperrt: Die Rezeptionen der vier- bis fünf-Sterne-Hotels führen  Listen von Läden, die willig sind, ... weiter lesen ...
6.12.06

Wem gehört das Grün?

| Comments (0) | 12/06 | Stadt/Land

Nicht alle Anrainer waren prinzipiell dagegen, als bekannt wurde, die Wiener Sängerknaben planten einen eigenen Konzertsaal im Augarten. Das Parkplatzproblem, ja: aber was man von dem Projekt in Zeitungen sah, wirkte zumindest architektonisch interessant. Zudem liegt der Augartenspitz, Ecke Castellezgasse/Obere Augartenstraße, praktisch brach: aus den  oberen Etagen der Anliegerhäuser sieht man  Parkplätze, Gestrüpp, einen Wassertank. Von unten nicht: Parkbesuchern ist der Spitz verschlossen.
Ein 430-Plätze-Saal hätte  also auch eine Öffnung des Spitzes für alle bringen können: der ließe sich ja  auch  für anderes nutzen, als nur für Sängerknaben-Konzerte.
 Einige der Anrainer gingen also letzte Woche offenen Herzens ... weiter lesen ...
1.12.06

Baba, Krampus!

| Comments (0) | 12/06 | Stadt/Land

Bei uns  war Nikolo immer ein großes Fest mit vielen Kindern und vielen Großen; es gab Mandarinen bis zum Magendurchbruch (das war in den 1970ern noch was) und  Süßigkeiten und frischgebackenen Leberkäs soviel man essen konnte. Es gab keinen Krampus, nur einen lieben, harmlosen Knecht Ruprecht, der dem Nikolaus die Säcke trug. Der Nikolaus und sein Knecht waren stets Väter aus der Runde; die größeren Kinder wussten das, und die kleinen kamen auch bald drauf, und  das machte  überhaupt nichts. Das Lob für jedes Kind war  groß und reichlich und der Tadel hielt sich in engen Grenzen. Bei uns war Nikolo immer ein  schönes, großes Fest, deshalb will es mir  einfach  nicht gelingen, eine kritische Einstellung dazu zu kultivieren.
  Den Krampusbrauch dagegen könnte man, ginge es  nach mir, ganz  abschaffen. In den Tiroler ... weiter lesen ...
29.11.06

Es ist fast geschafft

| Comments (0) | 11/06 | Stadt/Land

Der Bständig ist immerhin passé. Das Lokal ist verwaist, der Bständig hat sich in die Wipplingerstraße umquartiert, das konveniert viel vorteilhafter: An den Kohlmarkt, zwischen  Burberry und  Breguet, hat der Bständig wirklich nicht mehr gepasst.
Nun ist der Kohlmarkt  fest in Luxushand; gestern eröffnete endlich – ENDLICH! – Bulgari: ohne Bulgari war Wien ja kaum mehr zu ertragen. Nach London, Paris oder Madrid musste man jetten, wenn man dringend Manschettenknöpfe um 3100 oder eine Sonnenbrille um 368 Euro brauchte, unzumutbar ist sowas und glücklicherweise jetzt Geschichte. Der Kohlmarkt ist nun endlich soweit komplett, bis auf das leere Bständig-Lokal, aber dieser Minderleister-Schandfleck, dieses Fanal ... weiter lesen ...
10.11.06

Gar nicht wie Wien

| Comments (2) | 11/06 | Stadt/Land

Manchmal ist diese Stadt viel netter als ihr Ruf. Manchmal gehen ihre Bewohner auf so freundliche Weise miteinander um, dass man sich kurz ganz woanders wähnt: Das soll Wien sein? Wien ist doch muffig, grantig, patzig und oft richtig gemein. Wien ist doch nicht nett.
Aber vorgestern  ist es mir, das  könnte Ihnen jetzt gefallen, nicht gelungen, mein Auto in diese Parklücke einzupassen; die war entschieden zu kurz für meine einparktechnischen Möglichkeiten, aber ich hatte es  entschieden zu eilig, um noch drei Runden um den Block zu cruisen.  Zefix! Da stand ein Mann vor dem Haus, wartete auf jemanden, schaute mir zu und hätte sich, weil wir in Wien sind, ganz normal schadenfreuen können, ein bisschen den Kopf schütteln,  die Augen himmelwärts verdrehen, derlei. Aber er deutete mir, das Seitenfenster runterzukurbeln, und ... weiter lesen ...
26.10.06

Stehen lernen

| Comments (0) | 10/06 | Stadt/Land

Der K. aus H. schreibt, bitte keine Beschwerden über Post und Bahn mehr: Institutionenkritik sei grauenhaft unsexy, schreibt der K., und die Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern seien übrigens auch längst   totgeschrieben und  auf Wiedersehn. Der K. wird es also nicht unbedingt goutieren, wenn ich heute eine Anregung von Leser Peter S. aufgreife , der meint, dass es in Wien nicht  nur, wie ich gestern beklagte, zu wenige Plätze gibt, sondern auch zu wenig Sitzplätze: Finde ich nämlich auch.
Wir wissen, warum, weil man es in Wien den Sandlern sehr unbequem machen will. Dass die bloß nicht auf die Idee kommen, sich  ... weiter lesen ...
25.10.06

Gescheit deppert

| Comments (0) | 10/06 | Stadt/Land

Die Erwin-Wurm-Ausstellung im MUMOK angeschaut und festgestellt: eigentlich brauchst du im Leben nur eine sehr gute Idee. Erwin Wurm hatte drei, und die sind nicht nur gut, die sind großartig. Am großartigsten sind die „Instructions on how to be politically incorrect“, so gescheit deppert wär man selber auch gern mal. Seit der Kippenberger-Retrospektive hab ich mich in keiner Ausstellung mehr so gefreut wie jetzt beim Wurm. Die Kinder übrigens auch, wenngleich die natürlich das „Fat house“, das „Fat convertible“ und die  Männer, die die Erde verschluckt haben, am tollsten fanden. Anschauen, unbedingt.
Danach hab ich mich gleich nochmal ... weiter lesen ...
1.10.06

Was ich nicht wähle

| Comments (0) | 10/06 | Stadt/Land

Was ich am Sonntag nicht wählen werde, weiß ich schon; ich weiß es, weil mir auf
den Plakaten  so viele Sachen in Aussicht gestellt und versprochen werden, die
ich auf keinen Fall will. Ich werde so froh sein, wenn diese Plakate aus der
Stadt verschwunden sind, mit ihren unanständigen Angeboten und miesen Wünschen,
und ich glaube, ich weiß jetzt auch, warum die  Gastinger erst diese Woche
zurückgetreten ist.
Denn dass sie in einer ausländerfeindlichen Partei ist, hätte der Gastinger
schon ein bissl früher ... weiter lesen ...
21.09.06

Österreicher basteln

| Comments (0) | 09/06 | Stadt/Land

Was ist das Besondere an Wien? A) Wien ist Gemeinde, Bundesland und Hauptstadt. B) Wien ist ein Vorort von Graz. C) Wien ist die Hauptstadt von Kärnten."
Da hat sich die Gemeinde Wien ein bisserl einen Karl gemacht: Die Frage ist Teil des Staatsbürgerschaftstests, der von potenziellen Österreichern seit  gestern bestanden werden muss. Und die Meinung, dass ein solcher Test  fragwürdig ist, herrscht offenbar auch in der Wiener Regierung vor.
Denn die hat sehr augenscheinlich versucht, den landesgeschichtlichen Teil dieses Test einerseits mit Fragen zu unterwandern, die vor allem dazu angetan sind, die Leistungen des sozialdemokratischen Wien zu bewerben, andererseits mit Antwortmöglichkeiten, die ... weiter lesen ...
13.09.06

Grüßgott, hier spricht die Polizei

| Comments (0) | 09/06 | Stadt/Land

Dass Kinder fantastisch im Memory-Spielen seien, ist ein kollektives Missverständnis; meine Kinder sind miserabel. Unterirdisch. Sowas von unter aller Sau, weinen könnt man. Schon nach zwei Tagen Regen in den Bergen ist mein Nervenkostümchen zart wie ein Seidenkleidchen aus der Dior-Sommerkollektion: Runde um Runde decken die Kinder die selben zwei Memory-Karten auf, stets auf neue überrascht, dass die schon wieder nicht zusammenpassen. Himmel, Himmel, Himmel! Wer würde da nicht zum Schreien und Fluchen anfangen? Ich; denn ich hab uns einen harmonischen Familienurlaub verordnet, ich will auf den Fotos nur sonnige Gesichter sehen, hab ich mich deutlich ausgedrückt? Selbstverständlich regnet es, selbstverständlich steigt der Nebel novembergleich die Kanisfluh hinan, und selbstverständlich ... weiter lesen ...
12.09.06

Wiener verwurschten

| Comments (0) | 09/06 | Stadt/Land

Merkwürdigerweise sind die Wiener nicht überall beliebt, speziell  außerhalb Wiens.  Plus, es gilt:  je außerhalber desto weniger.
Fahre ich letzte Woche mit meinem Auto mit Wiener Kennzeichen  in einem Vorarlberger Bergdorf auf einer schmalen Serpentine einen Hang hinan. Stehen dort zwei Bauern, die sind ins Gespräch vertieft und blockieren derweil mit ihren Traktoren die Straße.  Bleib ich stehen. Die Bauern tun das, nach einem kurzen Blick auf mein Nummernschild ,  ebenfalls. Drei  Minuten. Fünf Minuten. Weil: Ist ja nur eine Wienerin. Hat ja hier  eigentlich nichts verloren, sicher jedenfalls: nichts zu schaffen. Kann also ruhig  ein bisschen warten, oder. Und unseretwegen noch ein bisschen länger.
Aber wie zahlreiche andere Wiener war ich das ... weiter lesen ...
1.08.06

Dann muss ich dich fertigmachen

| Comments (6) | 08/06 | Stadt/Land

Jetzt hab ich mir gedacht, schreib ich doch mal darüber, wie letzte Woche, als wir an einem tüchtig über 30 Grad heissen Tag mit der Österreichischen Bundesbahn fuhren, in Tirol die Klimananlage des Kinderspielwaggons ausfiel und bis Wien nicht repariert wurde, und wie dann praktisch überhaupt kein Personal in dieser unbelüfteten Mobilsauna mehr erschien, schon gar nicht, um irgendwelche Hilfe anzubieten, etwa beim Finden von Plätzen in kllimatisierteren Zugzonen, oder beim Transfer von Kindern und Gepäck dort hin, und wie dann ein Mitreisender, der schon in Innsbruck aussteigen durfte, sagte, er lebt jetzt seit ein paar Jahren in der Schweiz, und irgendwie passiert sowas dort nie. Und das kann ich bestätigen: Sowas passiert in Schweizer Zügen nie, und das würde ich den österreichischen Bahnverantwortlichen gerne mitteilen, also, dass ein nahezu schikanefreies öffentliches Verkehrsnetz in anderen Ländern möglich ist, aber Honzo sagt, nichts Uncooles sei ... weiter lesen ...
28.07.06

Männer in Unterhosen

| Comments (2) | 07/06 | Stadt/Land

Die Hitze und ihre Folgen auf die Ästhetik im öffentlichen Raum: Was dürfen Männer alles zeigen?

Es gibt wichtigere Sachen, über die man jetzt schreiben könnte. Über den Krieg im Libanon, die vielen toten und verletzten Zivilisten, die zerstörten Existenzen. Über die in den USA entstehende öffentlich abrufbare Sexualtäter-Datenbank. Über eine hübsche Russin, die für ihren schönen Gesang eine österreichische Staatsbürgerschaft geschenkt gekriegt, während gleichzeitig Wissenschaftler aus Österreich ausgewiesen und Familien gnadenlos auseinandergerissen werden. Über Elisabeth Gehrers Drohung, als Wissenschafts- und Unterrichtsministerin auch der nächsten Regierung zur Verfügung zu stehen. Über Erwin Pröll, der immer noch nicht genug Haiderei in der Regierung hatte und über eine Fortsetzung von schwarz-orange halluziniert. Über den neuesten Skandal im Radsport und ob man Doping nicht einfach erlauben sollte.

Trotzdem diesmal: Männer in zu kurzen Hosen. Männer in Socken und Sandalen. Männer in labberigen T-Shirts. Männer ohne labberige T-Shirts, mitten im ... weiter lesen ...
26.07.06

Wann kommt nochmal die Moral?

| Comments (0) | 07/06 | Stadt/Land

Honzo sagt, wo Natur ist, muss man sie auch zulassen, aber mir reichts jetzt. Sie sollten mal meine Beine sehen, also lieber nicht. Rot, verbissen, verschwollen; was total gelegen kommt, jetzt, wo man sich alle Tage im Bikini präsentieren muss. Wo ich sitze und liege, werde ich von Ameisen gebissen. Sie sind überall. In Wald und Wiese: gut, soll sein. Auf meinem Balkon: gerade noch okay. Zwischen den Polstern auf der Balkon-Bank: hmmm. Im Bett: nein. Auf meinem Schreibtisessel: Es reicht.

Überhaupt, und das richtet sich an die Evolutionsbiologinnen unter meinen Lesern, weil früher wars doch so. Da haben doch nur die roten Feuerameisen gebissen, vor denen war man auf der Hut, das brannte, das juckte, aber die schwarzen waren harmlos. Die taten nichts. Aber jetzt sind auf einmal die schwarzen die üblen Giftbeisser, ja, es scheint überhaupt keine harmlosen Ameisen mehr zu geben, den Ameisen scheint die Evolotion seit den Neunzehnsiebzigern jeglichen Pazifismus und alles devote ... weiter lesen ...
24.07.06

So treibens die Jungen

| Comments (0) | 07/06 | Stadt/Land

Dann seien doch Sie mal sichtbar post 30 und sitzen in einer nicht unbelebten ländlichen Gegend an einem Freitagabend an einer Bushaltestelle. Die Blicke aus den vorbeifahrenden Autos können Sie sortieren: zu kreditunwürdig für ein Auto, zu blöd für den Führerschein, zu feig, um betrunken heimzufahren. Oder: letztes Mal dabei erwischt worden. Dass man aus der Stadt kommt und lieber öffentliche Verkehrsmittel benutzt, auch wenn man gar nicht muss, kann sich dort draußen keiner vorstellen. Im Bus sitzen dann auch praktisch nur Jugendliche, Kleinkriminelle und Mitbürger mit Migrationshintergrund und ein Betrunkener, der periodisch vom Sitz fällt. Später steigt noch eine Blasmusikantin mit faszinierenden Waden zu, die fährt, wie mir bald klar wird, zur Arbeit, denn in Feldkirch ist Weinfest, was weit önologischer klingt, als es ist: Es geht hier keineswegs um die Qualität des verkosteten Weins, sondern um die dem Individuum gerade noch zumutbare Menge.

Begleitend spielen in der Fussgängerzone alle Blasmusiken des Rheintals gleichzeitig, wenngleich nicht dasselbe, und weil das noch nicht schlimm genug ist, wird mir auch noch ... weiter lesen ...
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