23.07.08

Was machen wir jetzt?

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Im Kaffeehaus kriegen sich der Horwath und der Lange jetzt zum Thema Sonnenengergie in die Haare. Gut, wir sind alle ein wenig aufgewühlt, weil wir eben unsere Kinder in einen Bus gesetzt und ins Sommerlager verschickt haben. Es war nicht unser Wunsch, es war der Wunsch der Mimis. Ich hatte viele Einwände, die ich ihnen gegenüber unausgesprochen ließ: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn ihr Heimweg bekommt? Weil ich hatte im Lager immer Heimweh, und es war immer schrecklich, und am zweiten oder dritten Abend musste ich immer abgeholt werden. Aber zumindest im Vorfeld zeigten die Kinder keinerlei Anzeichen von übermäßiger Sentimentalität gegenüber ihrer Herkunftsfamilie; zählten wochenlang die Nächte bis Sommerlager und wachen am Abreisetag mit leuchtenden Augen auf. HEUTE! Die Mutter hat sauschlecht geschlafen und muss sich das angemessene Strahlen mit einiger Anstrengung ins Antlitz schnitzen. Heute. Was, wenn ich Heimweh bekomme?

Dann stehen wir am Reisebus und winken unseren Kindern zu. Eins weint; zum Glück keins von unseren, sondern das von den Szene-Wirten, die ihrem Kind, obwohl ihnen gar nicht danach ist, entschlossen entgegenstrahlen: Durch die begeistert gefletschten Zähne zischt der Szene-Wirt, dass der blöde Bus jetzt bitte bitte bitte endlich fahren soll, er hälts nicht mehr aus, gleich heult er auch. Eins der Mimis winkt nicht einmal zurück; keine Zeit, aber wie der Bus endlich startet, bin ich trotzdem froh, weil lange hätte ich mein Grinsen auch nicht mehr derhalten.

In dem Moment kommt auch der Kabarettist unter Gekeuche um die Ecke gerannt und kann seinem Kind, das von dessen Mutter geliefert worden war, gerade noch zuwinken. Wir applaudieren herzlich: schöne Vorstellung, Herr Künstler, Gott zum Gruße! Der Kabarettist kommt akut von irgendwo am Land, er hat einen Rucksack mit Gehstöcken dabei, sieht aber das Gegenteil von erholt aus und formuliert im Kaffeehaus entschiedene Einwände, als der Ober findet, die Bestellung werde erst aufgenommen, wenn alle parat seien. Nix da, gleich Kaffee. Dann geraten der Horwath und der Lange aneinander: kriegt man jetzt, wo der Photovoltaik-Klimafonds leer ist, noch eine Förderung für eine Strom- oder Warmwassersolaranlage? NEIN, ruft der Horwath, JA! ruft der Lange!, und wieder einmal fallen die Worte Dummkopf, Dodel und Depp. Muss man aber nicht so ernst nehmen. Ihr seid jetzt Nachbarn, da im Waldviertel, oder?, grinst die Szene-Wirtin, und der Horwath brummt, dass, na, zum Glück noch ein alter Bauer seinen Hof dazwischen habe, der sei nämlich geistig weit flexibler als dieser Sturschädel da. Wer redet, sagt der Lange.

Denn als Nebenniederösterreicher ist man umweltbewusst, macht sich Solarzellen aufs Dach, und es werden, wie wir später recherchieren werden, beide Sturschädel Recht gehabt haben. Aber jetzt  im Kaffeehaus reden wir dann lieber wieder über die Kinder, und was wir machen, nun, wo sie nicht da sind.
09.07.08

Tut gar nicht mehr weh

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Apropos Gartenbau: In der Serie „Men in Trees“ bezog Fräulein Frist diese Woche eine eigene Hütte in ihrem Exil in Alaska, wurde infolgedessen von ihrem Love-Interest mit einem Bäumchen für ihr Gärtchen beschenkt und juchzte wiederholt, was das nun für ein wunderbarer Baum sei. Ein wunderbarer Baum sei das und noch viel wunderbarer werde er werden, wenn er erst groß sei. Daran sieht man, dass „Men in Trees“ völlig zurecht eingestellt wurde, denn der Baum war eine Thuje. Und wenn ich zum Beispiel letzte Woche mit dem Langen eine Hütte im Waldviertel gekauft hätte, hätte ich relativ schnell darauf geschaut, dass von den zehn oder zwölf Thujen bald einmal drei bis vier verschwinden. Auf jeden Fall aber die Hecke am Eingang, die den Rosen Schatten machen würde. Und die Riesenthuje hinterm Haus, die die Morgensonne beim Birnbaum verstellte, sowie die mittelgroße vor dem Schlafzimmerfenster. Schließlich die winzigkleine vor dem Flieder, die genau so aussähe wie das wunderbare Bäumchen in „Men in Trees, diesfalls aber, dank dem Supi-Turbo-Astzwicker, den der Lange erstanden hätte, in seiner Nochwunderbarerwerdung final gehindert werden würde.

Wir würden natürlich eine Hängematte oder eine Schaukel aufgehängt haben und, als weiteres Zeichen, dass nun alles einfach und easy und unkompliziert werde, einen von Mäuse- und Vogeldreck völlig versifften alten Küchentisch im Dachboden geborgen, mit viel Cif gesäubert und ihn dann in die Wiese unter den Apfelbaum gestellt haben. Dazu würden sich die abblätternden Gartenklappstühle gesellen, die schon seit Monaten in unserem Wiener Stiegenhaus im Weg gestanden haben würden. Es würde uns genau so gefallen, wir würden gar nicht daran denken, die Sachen neu zu streichen. Wir würden Kletterrosen anbinden und Rasen mähen und Bäume schneiden und Ribisel brocken und mit den Kindern Federball spielen: Es wäre ein Idyll; und an den Abenden würden wir erschöpft, aber zufrieden in der Dämmerung sitzen, mit mäßigem Erfolg Gelsen und Stechfliegen verwedeln, die Gartenschuppenfrage erörtern und uns des Eintritts in eine neue Phase der Verspießerung, sagen wirs ruhig, erfreuen.

Denn ab einem bestimmten Punkt der Aktzeptanz und Affirmation täte die Spießerei, glaube ich, nicht mehr weh. Unter anderem, weil man sich ja bereits so tief in nur noch für Fortgeschrittene bezwingbare Biederkeitsbereiche zurückgezogen haben würde:  es würden höchstens mal andere Wochenendkleinhäusler vorbei kommen, die eine Wilhelmsburger Schütte bewundern oder einem Tipps geben würden, wo in Tschechien man preiswerte Kastenfenster machen lassen könnte. Ja, so wäre das: Wir wären arm an vorzeigbaren Erlebnissen und an Interesse für die Vorgänge innerhalb der SPÖ; aber reich an kleinen Glücksmomenten. Das Glück wäre: das Licht, das durch einen Baum fällt, eine erschlagene Bremse, ein schaukelndes Kind. Eine gefällte Thuje; das wäre schon schön.
04.07.08

Ist es schon neun?

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Leser Otto Sch. will mich beleidigen, und es gelingt ihm. Ich sei nämlich, schreibt er, offenbar mit Meister Dylans Art nicht vertraut, denn entgegen meinen Behauptungen in der letzten Kolumne grinse Bob Dylan niemanden grundlos an. Ich weiß allerdings nicht, ob es mich mehr kränkt, dass mir Sch. mein in sechs Dylan-Konzerten gewachsenes Minimum an Dylanartvertrautheit abspricht, oder dass er so einen offensichtlichen Schmäh nicht kapiert. War das unklar? Dass das Wunschdenken- Witz gemeint war? Ich weiß natürlich sehr wohl, dass Dylan mich nicht angegrinst hat, erstens stand ich im Dunkeln und Dylan im Licht, zweitens wäre er aufgrund von, wie ich zu glauben glaube, Kräuterdingsinhalation gar nicht in der Lage gewesen, mein Antlitz zu fokussieren, selbst wenn ein 5000 Watt-Scheinwerfer darauf gerichtet gewesen wäre. Herr Sch. unterstellt mir außerdem, ich hätte während des Konzerts Nachrichten an meine Lieben in mein Handy gebrült, was ich natürlich eine glatte Lüge ist und ich nienienie tun würde: ich habe lediglich still Sedlaceks Nummer gewählt und ihn Dylan lausche lassen. Und schon gar nicht habe ich, wie Herr Sch. mich weiters bezichtigt, Dylan mit meinem Handy angeblitzt: mein Handy, ein Nokia Modell Xpress-Music, kann gar nicht blitzen, wenngleich ich gestehe, dass ich mich nicht zurückhalten konnte, mir ein Bildnis des Gottgleichen zu machen und es auf meinen Blog zu stellen. Es war aber völlig unscharf, was als Beweis für die totale Blitzfreiheit des Vorgangs reichen sollte. Plus, ich tat es, während Dylan mich mit einem  Altherrenblues von gefühlten 97 Strophen ein wenig - wie sags ichs, ohne Gott seinerseits zu Blitzen zu provozieren - langweilte.

Das Ländle, Xavers Wiese und die strengen Vor-neun-Uhr-Vormittags-keinen-Schnaps-Regeln in meiner Familie (der Vater: Magst einen Schnaps? Der Onkel: Ist es schon neun? Ach was, bis du eingeschenkt hast, sicher) habe ich unbeschadet überstanden, um mich zwei Tage darauf im Waldviertel zerstechen, zerkratzen und verbrennen zu lassen. Was irgendeinem unnötigen Stechviech noch nicht reichte: Es entstellte meine Visage mit einem gezielten Stich neben das rechte Auge, welches mit einer ausgeprägten und stündlich prosperierenden Schwellung reagierte, die mich nicht schöner macht. Lieber T., diese Woche geht sich ein Treffen leider doch nicht aus. Unter anderem, weil ich Mutter Urban treffen muss, in ihrer Ordination: heile mich, Mutter Urban.
01.07.08

Das geht so

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Der Lange sagt, wenn nur 50 Prozent vom dem, was ich letztes Mal über ihn behauptet habe, stimmen würden, wären es viel. Leider habe ich im Moment keine Zeit, mich mit dem Authentizitätsfanatismus vom Langen zu beschäftigen, und außerdem ist der Lange eh nicht wo ich bin. Nämlich in Xi, wo ich in die vorarlbergerischen Kernkompetenzzentren vordringe, indem ich die Großfamilie bekoche, Gartenbau bewundere und bald auch in der Kunst des Blumenkränzchenbindens reüssieren werde, pass auf. Zudem hat der Xaver, bei dem ich mich ein paar Mal beklagt habe, dass er praktisch nie Zeit für mich hat, wenn ich einmal, eh so selten, in Vorarlberg bin, beschlossen, mir einmal zu zeigen, warum er keine Zeit hat, indem er mich an seinen freizeitfressersischen Tätigkeiten teilhaben lässt. Schau, sagt, der Xaver, und drückt mir eine goldene Heugabel in die Hand, das geht so.

Wenn man mit dem Xaver dem Xaver seine Wiese heut, kriegt man ein relativ gutes Gefühl dafür, wie viel 1500 Quadratmeter sind. Es ist heiß. Es ist still. Manchmal meckert eine von Xavers Ziegen, hin und wieder blöckt eins der Schafe, die der Xaver drei Wochen in Pflege hat, zweimal legt eine von Xavers Hennen unter Gegacker ein Ei.  Der Xaver redet beim Heuen über seinen Plattenladen und über sein Kind, und ich rede über nichts, weil ich kann nicht. Denn obwohl mein Körper sich irgendwie der Bergbauerngene meiner Großmitter entsinnt und sich weniger blöd anstellt, als man von mir erwarten dürfte, erinnern mich die Blasen an den Händen und das Stechen im Rücken doch auch daran, dass es Gründe gibt, warum ich in der Stadt lebe. Zum Beispiel, um dort im Sitzen zu verweichlichen.

In der Nacht hat mich Sedlacek aufgeweckt: Er rief mich an, um mich am Meeresrauschen in Puerto Escondido teilhaben zu lassen. Schön, habe ich gesagt, ich bin ja sooooo neidig, kann ich jetzt weiterschlafen? Gut, ich habe ihn vorletzte Woche in Hongkong aufgeweckt, damit er am Dylan-Konzert teilhaben kann. Allerdings wusste ich nicht, dass Sedlacek in Hongkong war, und werde sowieso mit meiner Telefonrechnung dafür bestraft, dass er live die Hälfte von „All Along The Watchtower“ mithören durfte. Worum Sedlacek, das ist richtig, nicht gebeten hatte, weil er Dylan für einen historischen Irrtum hält, was periodisch zu ernsten Verstimmung zwischen Sedlacek und mir führt. Beim Dylan-Konzert stand ich, falls es irgendjemand noch nicht weiß, in der ersten Reihe, der allervordersten absolut nächstmöglichen Reihe,  so nah, dass ich die Schweißtropfen von Dylans Nase perlen sehen konnte; und er hat mich angegrinst. Doch. DOHOCH! Es war sehr schön.

Das erzähle ich dem Xaver beim Heuen dann doch noch, zwischen ein paar Keuchern und während mir der Schweiß ins Maul rinnt, und der Xaver sagt: Mich hättest du anrufen sollen, ich hätte das gern gehört. Aber das ist ein Witz, weil ein Handy hat der Xaver nicht. Aber eine sehr  große Wiese.
21.05.08

Danke, dass ich abwaschen darf

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In Kroatien wird immerhin die heikle Morchelnudeln-Sache endlich entschärft. So welche hat der Horwath unlängst gekocht, als der Lange unabkömmlich war. Und das war nun, wie ich dem Langen hernach berichtete, ungelogen das beste Essen seit Wochen gewesen, worauf sich der Lange tagelang entschlossen vom heimischen Herd fernhielt, weil er kann bitte auch anders. In Kroatien aber kocht der Breuß das beste Essen seit Monaten, was nicht so sehr an seiner Busara liegt und mehr an den Scampi darin, die uns der Scampi-Fischer gerade frisch aus dem Meer geholt hat. Wir haben uns diesmal schamlos an die örtlichen Fischer zubigeschmissen, und die verkaufen uns nun fast jeden Tag etwas von dem, was sie aus dem Meer geholt haben, und während wir die tropfenden Säcke ins Haus tragen, lachen sie über uns.
  Der fesche Josip, dessen hundert Meter entferntes Ferien-Haus von den Kindern final gekapert wurde, weil Josip eine nette schwäbische Hildegard zur Frau hat, die endlich gerne Oma wäre, Josip also erzählt uns, dass die Sepie, die wir heute wieder von den Fischern gekauft habe, hier nicht einmal die Fische fressen. Geschweige denn die Einheimischen. Sowas kann man nur Touristen andrehen, grinst der fesche Josip, während er auf der Bank vor seinem Haus aufs Meer schaut und raucht, und erwähnt in diesem Zusammenhang auch, wie Eskimokinder tagelang auf einer Seehundhaut herumkauen.
  Am nächsten Abend gehen wir rüber zu Josip und seiner Bank, die Breußin schnorrt Josip eine Zigarette ab, und wir sagen, Josip, wir wissen jetzt, warum nur Touristen eure Sepie hier kaufen, weil von euch hier kann sie keiner richtig zubereiten. Wenn man die Sepie nämlich nicht eine Stunde oder zwei zu Semperit kocht, sondern nur kurz z. B. in einer Rosmarin-Tomatensauce mit weißen Bohnen ziehen lässt, schmecken sie nicht wie Flipflops, sondern sind sie zart wie ein Henderl, Josip, zart wie ein Henderl.
  Am nächsten Abend laden wir Josip und Hildegard, sozusagen als Kinderbetreuungshonorar, zu uns zum Essen ein, der Horwath paniert endlich die Wiener Schnitzel, ohne die er keine zwei Wochen am Meer überlebt, und wir fragen Josip, der aus der Gegend stammt, wie er nach Deutschland kam. Die Geschichte geht so, dass Jung-Ingenieur Josip in den späten 60ern nach Deutschland ging, weil er einen Sportwagen fahren wollte, und das tat er auch, einen BMW 2500 um 18.000 Mark, den er mit einem Monatsgehalt von 600 abzahlte und bald an deutscher Maurerhandwerkswertarbeit ruinierte. Leider übernimmt Hildegard dann den Erzählfaden und gibt ihn nicht mehr her, und wir erfahren wir alles über den Karneval in einer schwäbischen Kleinstadt, und das ist leidlich verstörend. Ich schleiche in die Küche und danke dem Herrn auf Knien dafür, dass ich heute den ganzen Abwasch machen darf. Andererseits soll eine Frau, die es mir ermöglicht, im Urlaub trotz Kindern fast drei Bücher zu lesen, im Karneval ihren Spaß haben: das ist nur gerecht.
30.04.08

Du hast es versprochen

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Es war auch endlich warm. Man konnte die Hosen hochkrempeln und barfuss laufen und sich einen Sonnenbrand an den Waden holen und Bienenstiche an den Fussohlen. Das Bubenmimi hat sehr geheult, es war ihr erster Bienenstich, wir schmierten dick eine wichtig aussehende Creme darauf, und das Kind erholte sich schnell. Später gingen wir zur Waldlichtung, dort standen drei Gestalten in grotesker weißer Schutzkleidung in der Sonne und sahen aus, als drehten sie ein billiges Sequel von „Outbreak“. Spooky irgendwie. Es waren aber nur der Horwath und sein Freund, der Polz und die Freundin vom Polz an Tag eins nach der Absolvierung des Imkerkurses. Der Horwath macht jetzt auch Honig; soll mir recht sein. Wir fotografierten den Horwath und den Polz und seine Freundin mit dem Handys, später fotografierte der Horwath die Kinder und ihre Papp-Medaillen und ihr Siegerlächeln. Denn sie hatten alle die 400 Meter Ersatzmarathon geschafft, die wir ihnen ausgesteckt hatten, weil wir dann doch nicht in aller Herrgottsfrüh nach Wien gefahren waren, damit die Kinder an diesem Kinderlauf teilnehmen konnten. Stattdessen fand der Kinderlauf auf einem Waldviertler Kiesweg statt, es gab wertvolle-Panini-Preise, alle waren froh. Auch die Eltern, die sich nachher wieder in den Schatten von Horwaths Sonnenschirm in Horwaths Garten setzen, Zeitungen lesen, einen Sonnenbrand auf dem Hirn kriegen, deppert reden und überlegen konnten, was man als nächstes essen soll. Es wird viel gegessen im Garten der Horwaths.
  Später gab es eine kleine Krise, als der Horwath „elf“ antwortete, auf meine Frage, wie schrecklich das Ritterfest auf der zehnteiligen Schrecklichkeitsskala jetzt ehrlich gewesen sei. Elf! Wir hattens versprochen gehabt, aber ein gütiger Geist, der Lange nämlich, hatte mir die Klänge von Schalmeien und sich kreuzender Schwerter erspart. Und Bekleidung, neben der man sich freut, dass man eine elegante pestogrüne Wanderjacke tragen darf. Ich schaukelte auf der Hollywoodschaukel, während der Lange und der Horwath auf dem Burgfest den Horwath verfluchten, der seit Wochen am Spielplatz von diesem Burgfest geredet hatte, dass man dort unbedingt hin muss, und wie toll es die Kinder finden und alles. Der Horwath hatte wohl, wenngleich er normal nicht zu Kinderglücksverklärungsbedingter Bewusstseintrübung neigt, kurz verdrängt gehabt, wie arsch es die Erwachsenen finden. Jetzt weiß er es wieder.
  Dafür bekam ich Sonnenbrand auf den Fußssohlen, überlegte, warum verdammt ich mir eigentlich nichts kurzärmeliges Unschwarzes eingepacken hatte können, ärgerte mich über das Zeit-Magazin (Wolfgang Joop, Chef des teuersten deutschen Modelabels, in einer Geschichte über Mahlzeiten in seiner Potsdamer Villa: „Ich erzähle oft von Zeiten des Mangels und der Improvisation.“) und ein Vogel schiss mir aufs Handy. Es war ein aber kleiner Vogel, und seine Ausscheidungen trübten mein Frühlingsglück nicht.
05.09.07

War nur ein Schmäh

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Wichtige Fragen müssen erörtert werden: Wird man tot, wenn man sich das Schnitzmesser in den Bauch rammt? Oder muss man nur ins Krankenhaus, wo sie einem die Eingeweide mit langen Nadeln zusammennähen? Das Schnitzmesser ist Teil des üblichen Russisch Roulette des Kindergroßziehens, welches dadurch verkomplizierrt wird, dass hundert Eltern von Fünfjährigen hundert Vorstellungen davon haben, was Fünfjährige können müssen oder dürfen sollen. Sollen beispielsweise Fünfjährige allein eine mittelstark befahrene Landstraße überqueren dürfen? Ich bin dagegen, was aber damit zu tun haben könnte, dass ich mit fünf auf einer mittelstark befahrenen Landstraße über den Haufen gefahren wurde, vier Wochen im Krankenhaus lag, dort von meinen Eltern nur einmal die Woche besucht ... weiter lesen ...
20.07.07

Spiel schön weiter

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Eine Woche lang wurde der allgegenwärtige Vorarlberger Rasenmäher-Soundtrack von der Welt-Gymnaestrada übertönt, jetzt ist Sonntag, alles still, alle weg, enjoy the Silence. Die Gymnaestrada ist vorbei, was mir Recht ist, nachdem mich die Mimis eine Woche lang gezwungen haben, jeden Nachmittag punkt vier den örtlichen Marktplatz aufzusuchen, um dort bis lange nach Sonnenuntergang internationalen Gymnastiktruppen jeglichen Alters bei der Ausübung ihres Lieblingshobbies beizuwohnen. Eh sehr schön, aber ungefähr am vierten Tag hatte ich Gwen Stefanis bei Jazzgymnastikern über die Maßen beliebtes „Wind It up“ einmal zu oft gehört und sehnte den Sound of Rasenmäher heftig zurück. Am fünften Tag konne ich es keine Stunde länger ertragen, zwischen der Kletterluftburg und dem Kletterfelsen des Alpenvereins zu stehen, und meinen Kindern dabei zu zusehen, wie sie sich in langen ... weiter lesen ...
27.06.07

Sag es mit Binder & Krieglstein

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Diesmal sind wir einen halben Tag vor den Horwaths im Landhaus der Horwaths und hallo, ist der Garten grün. Fett. Alles explodiert in Blatt, Blüte und Frucht und, schau, die Ribisel sind auch reif, sie sind so reif und süß, dass sie die Kinder freiwillig mit vollen Händen in ihre Mäuler schaufeln. Wenn die Ribisel im Garten meiner Oma selig so reif war, plegte meine Oma uns Kinder und wen sie sonst erwischen konnte, mit Küberln zu behängen, und die Ribiseln wurden, bevor sie die Sonne vertrocknen und die Vögel fressen konnten, abgenommen, abgebeerlt, zu Marmelade verkocht, tschüss bis nächstes Jahr. Und weil ich so eine Streberin bin und immer die Suprigste und Patenteste sein will, nehm ich mir gleich ein Küberl und brock die Ribisel, und noch ein Küberl und noch eins, und während ich meinen Rücken trotz Hexenschusswarnung nicht schone, fühle ich mich unglaublich gut: Ich bin nämlich keine von denen, die ... weiter lesen ...
02.05.07

Identitätsprobleme

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Marketingtechnisch wäre es vielleicht keine schlechte Idee gewesen, sich beim Namen auf etwas Einfaches, Unzungenbrecherisches zu einigen. So wie: Sacher-Torte. Oder Mozart–Kugel; etwas das auch japanische Kindergärtler und Rednecks from Texas problemlos memorieren und artikulieren können. A Sacher-Torte, please. And twelve Mozart-Kugels.
Die werden sich in St. Pölten schwerer tun, wenn sie „das neue süße Wahrzeichen“ ordern, als das die dort frisch kreierte Nuss-Mandel-Schoko-Birnenmarmelade-Torte angepriesen wird: A Original-St.Pölten-Prandtauer-Torte, please. Und selbst, wenn man das „Ortginal“ weglässt... es bleibt ein Kampfausdruck. Was dem Erfolg der Süßspeise  abträglich sein könnte – und so dem Versuch, den Reisenden das schöne  St. Pölten mit Kuchen zu versüssen, das in der der Touristen-Gunst halt, Landeshauptstadt hin oder her, hinter dem idyllischen  Wein–Krems  liegt.
Das  Schicksal der Linksliegengelassenheit teilt St. Pölten mit Nicaragua, wenngleich nicht aus den selben Gründen. Gleichwohl hatte man in Nicaragua eine ähnliche Idee wie in St. Pölten, aber während die Niederösterreicher die Menschen nur an deren Zuckerseite packen, greifen  die Nicaraguaner auch zu viel härteren Mitteln: Neben Guaven-, Orangen- und Limonensaft, Zuckersirup, Eis und einer grünen Kirsche soll das neue nicaraguanische Nationalgetränk vor allem  weißen Rum enthalten. Der im Rahmen eines Wettbewerbs kreierte Drink heißt (St. Pöltner, aufgepasst) kurz, prägnant und  memorabel El Macua. Erfunden wurde er, so ein Jury-Mitglied, weil Nicaragua eine „neue Identität“ brauche, „die nichts mit Revolution zu tun hat“. Das Problem hat St. Pölten allerdings nicht.
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