Jetzt habe ich 60 Stunden nicht geraucht, drei komplette Aufwachphasen ohne die je drei Aufwachzigaretten überstanden; die Rauchentwöhnung ist also so gut wie vollbracht. Und es war, wie ich prophezeit hatte, kollossal hilfreich, sie unter mütterlicher Aufsicht durchzuführen, denn wenn meine Mutter sagt „wie kann man nur?“, dann will man das, was man nur kann, zuverlässig lieber so schnell wie möglich nicht mehr können.
Was sich auch abseits des Nikotinentzugs wieder zeigte: Man glaubt nur, man habe bestimmte Alltags- und Kulturtechniken längst soweit perfektioniert, dass ein relativ unfallfreies und gesetzestreues Überleben in Stadt und am Land möglich ist. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Tätigkeit, die nicht massiv verbesserungswürdig wäre, kaum einen Handgriff, den man nicht sehr viel effizienter durchführen könnte. Dabei sind die meinen wirklich vorbildliche, offene, unübergriffige Eltern. Solange ihre Kinder glücklich sind, mischen sich diese Eltern nie in deren große Lebensentwürfe ein, selbst wenn die Weltanschauungsübereinstimmung ganz nahe an der Nullline herumhoppelt. Über die elementaren Ideologie-Differenzen können sie in gelassenster Großzügigkeit hinwegsehen. Über praktische Defizite nicht.
So wie letzte Woche der Lange auf der Gartenbank saß und dem Gras beim Wachsen zusah, sitzt jetzt meine Mutter auf der Gartenbank und sieht ihrer Tochter beim Rasenmähen zu. Also, sie sieht nicht zu, und zwar sehr aufdringlich nicht. Offiziell liest sie Arno Geiger. Inoffiziell beäugt sie mich, und zwar so lange, bis ich den Rasenmäher abstelle und sage: Was!!!
Ich will dir nicht dreinreden!, sagte meine Mutter.
Was, Mutter, sage ich, werde es los.
Ich will mich wirklich nicht einmischen, sagt meine Mutter, aber tätest du dir nicht leichter, wenn du nicht über das schon gemähte Gras drübermähst? Und wenn du das Ding da an der Seite vom Rasenmäher abmontierst, da verstopft sich ja immer das Gras darin.
Und sie hat natürlich recht, und trotzdem oder gerade deshalb will ich die Hauswand hochgehen, weil egal, wie lange man brav bewiesen hat, dass man den Titel „erwachsen“ mit Fug und Berechtigung trägt: Kaum sitzt die Mutter auf der Gartenbank, weiß man wieder, dass man es nicht tut: Man ist nur eine Betrügerin, man hat das Erwachsensein nur vorgetäuscht und jetzt wurde man erwischt.
Und es erwischt einen nicht nur Mutter, sondern auch das eigene Kind, das bei meiner moralischen Demontage etwas subtiler vorgeht, indem es seit neuestem ansprechende, kleine Geschichten verfasst, an deren Ende immer zuverlässig die Mutter stirbt: entweder aus Gram über den Tod ihrer aufgrund mütterlicher Vernachlässigung tragisch verreckten Kinder und/oder weil sie zuviel Algahol getrunken und Tschigg geraucht hat. Ja, ich weiß, dass mir das zu denken geben sollte. Immerhin, ich rauche jetzt nicht mehr.
Verzeihung, es geht gerade nicht. Ich muss den Kaffee aufwischen, den ich eben über meinen ganzen Kramuri geschüttet habe, zwei Kolumnen schreiben und dann mit den Mimis zum Zahnarzt und mich vom Zahnarzt schief anschauen lassen, weil mit dem einen Zahn von dem einen Kind ist eindeutig was, und der Zahnarzt wird garantiert erkennen, dass das schon länger ist. Auch wenn die Mutter schwören wird, das sei erst vor ein paar Tagen passiert, was gelogen sein wird. Jaaaa! Meine Schuld! Ich weiß! Aber was soll ich denn noch alles schaffen?? Arbeiten, kochen, Laudatio halten, auflegen, arbeiten, Kinder antreiben, Salat pflanzen, Radieschen säen, Gästebetten beziehen, Kinderfahrräder ersteigern, Mitteilungshefte lesen, Termine ausmachen, hässige Mails mit gelassener Gutmütigkeit beantworten, rauchen aufhören, die Hängematte flicken, aufräumen, gelassen sein, den Installateur anrufen, den Strom zahlen, Schiefer ziehen, Kind trösten, arbeiten, Steuern zahlen, eine gute Mutter sein, eine gute Lebensgefährtin sein, eine gute Freundin sein, nett sein, Kaffee aufwischen: Ja, ich schaff das eh alles!! Irgendwie!! Jetzt bis auf das mit dem Rauchen. Das mach ich dann nächstes Wochenende, unter dem traurigen, sorgenvollen Blick meiner Mutter, der hilft in manchen Situationen immer noch am besten.
Immerhin: Das mit der Laudatio war fein. Also, der zugehörige Anlass, weil mein Lebenswirt, der Herb Molin, das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen hat. Und mit was? Mit Recht. Viele Leute waren da und danach saßen die ganzen Nachteulen aus dem rhiz mit riesigen Sonnenbrillen am Maria-Treu-Platz, aßen Pizza und bekamen Sonnenbrand. Es war ein bisschen, wie wenn die Vampire in Rimini Urlaub machen. Nett war es.
Und der Lange? Ach, der Lange. Wie ich gesagt habe. Nein, nicht ganz. Er hat mit dem Positiv-Denken nicht wieder aufgehört, er hat es diversifiziert. Er denkt jetzt spartenspezifisch positiv. Also, einerseits schimpft er wieder ganz normal. Andererseits sitzt er auf der Gartenbank, schaut in die Wiese, sieht, wie hoch das Gras steht und sagt: Der Rasen sollte dringend gemäht werden. Aber er lässt sich von derlei banalen Widrigkeiten nicht mehr belasten, soweit hat er den Glauben an die Kraft des Optimismus schon verinnerlicht. Er denkt jetzt positiv, dass der Rasen, wenn man nur mit radikaler, Richard-Fordscher-Gelassenheit daran glaubt, schon gemäht werden wird. Dass alles ganz von selber gut wird. Und das wird es auch, weil der Lange fährt jetzt erst einmal zehn Tage weg, und wenn er zurückkommt, wird vermutlich jemand den Rasen gemäht haben. Für den Erheiterungsprozess des Langen ist das natürlich gut, weil es gezeigt haben wird, dass das positive Denken zu konkreten, begrüßenswerten Resultaten führt. Für mich ist es schlecht, weil ich es getan haben werde. Aber ich mache das schon, jaja, ich schaff das irgendwie.
Am Donnerstag hat mich die Hausverwaltung angerufen: Ob bei uns zufällig eingebrochen worden sei, unten bei der Haustür sei die Scheibe neben dem Türknauf eingeschlagen worden, die WEGA sei bereits alarmiert. Das ist... Das ist saudeppert, weil die Koinzidenz es will, dass mir der Lange abends zuvor berichtet hat, er habe beim Heimkommen irrtümlich eine Scheibe an der Haustür eingedrückt, und jajaja, er werde die Hausverwaltung umgehend, sofort und gleich informieren. Eine Aufgabe, die nun an mir pickt, und die ich bravourös mit vielen Ähs, Öhs und Entschuldigen’S manage. Ich erledige auch den kurz darauf via Haussprech-Anlage einlangenden Auftrag, über die die Nachbarin freundlich anfragt, ob wir, wenn wir schon das ganze Haus in Einbruchspanik versetzen, wenigstens bitte die Scherben zammkehren könnten. Sicher. Können wir. Kann ich. Ich meine, ein normaler Mensch, der irrtümlich eine Scheibe im Haus einschlägt, würde danach wieder hinuntergehen und das Gescherbs entfernen. Aber.
Man kann ersatzweise auch zweimal drübersteigen, und damit unseren Ruf als beliebteste Hausbewohner zementieren. Wir sind die, die bei der Balkonwässerung Hauswände, offene Fenster und ungünstig geparkte Cabrios mitgießen. Wir sind die, in deren Stockwerk aufgrund nachlässig geschlossener Lift-Türen immer der Aufzug steckt. Wir sind die, die den Aufzug ruinieren, in dem wir widerrechtlich das Wochenend-Gepäck damit hinunterfahren lassen, worauf dieses zwischen zwei Stockwerken umkippt, worauf der Lift stecken bleibt, worauf der Wochenend-Aufzugsnotdienst undsofort. Wir sind die, die immer vergessene Schlüssel vom Balkon werfen, die dann nicht in unserem Besitz befindliche Autodächer eindellen; die Cabrios parken in so einem Fall zuverlässig woanders. Wir sind die, die dafür verantwortlich sind, dass in allen Blumenkisteln des Hauses nur noch Löwenmäuler in allen Farben blühen. Wir sind die, die morgens um halbacht alle, die das noch nicht sind, wach machen, weil sich Erziehungsberechtige und Kinder durchs Treppenhaus noch etwas nach- beziehungsweise retourzubrüllen haben. Wir sind die, vor deren Tür sich ein Berg aus kaputten Elektrogeräten, ausrangierten Regalen, alten Rollern und zu klein gewordenen Kindergummistiefeln auftürmt, was, wie ich der Nachbarin mit mäßigem Erfolg klarzumachen versuche, Einbrecher keineswegs anlocke, sondern final abschrecke.
Insofern ist es überaus bedauerlich, dass die zwei Depperten aus dem dritten Stock letztes Jahr ausgezogen sind und durch eine dezente, freundliche und ordentliche Familie ersetzt wurden, die, anders als die zwei Depperten, nicht beim Kochen einschläft, nie die Tschick auf der Stiege austritt, nie nicht grüßt und nie nachts betrunken durchs Treppenhaus marodiert. Jetzt hängt es an uns, die allgemeine Lebensqualität im Haus konsequent zu nivellieren. Und, yo, wir schaffen das.
Muss heute Büsche galore besorgen und eilends einpflanzen. Der nachbarliche Rohbau tut mir in den Augen weh. Sind nette Menschen, die Rohbauer, und wir schauen ihnen jetzt schon das dritte Jahr zu, wie sie Wochenende für Wochenende je drei Ziegel aufmauern und dann pro Ziegel erschöpft je zwei Bier trinken. Andere Nachbarn haben erzählt, die Rohbauer planten, ihr Haus fertig zu haben, wenn sie in Pension gehen, und die Rohbauer sind etwa in unserem Alter und arbeiten, soweit mir bekannt ist, nicht bei Post und Bundesbahn. Muss also Büsche besorgen. Wir suchten gestern abend, nach dem Essen bei Horwaths, in den Horwathschen Baumbüchern nach dichten, schnellwachsenden Bäumen, und Pfirsich, Kirsche, Zwetschke leider nein. Holunder und Haselnüsse, das wirds.
Man ist wieder am Land. Die Kinder hämmern zufrieden Nägel in Bretter. Der Lange verdaute schnell die schöne Hilde-Party, die noch schöner gewesen wäre, wenn wir nicht aufgelegt hätten. No more, absofuckinglutely no more Party-DJing. Ich hatte dem Hilde-Mann gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist, ich habe noch die Mails, in denen ich ihm erklärte, dass das nicht funktioniert, denn auch wenn er und die Hilde hundert Mal sagen, dass wir spielen können, was uns Spaß macht: Die Gäste von so einer Party sehen das nie so, für die bist du Personal, das genau das zu spielen hat, zu dem sie gern tanzen, was immer irgendetwas aus den Achtziger Jahren ist, zu dem sie letztes Mal so geil getanzt haben. Und auf dieser Party gab es ein paar Gäste, äh, ja.
Also, ich gab nach fünf Nummern auf und übergab an den Langen, der das normal besser drauf hat mit der Tanzmusik. Und der hätte einfach auch nach fünf Nummern aufgeben sollen, aber der Lange ist ein sturer Hund, der sich von blonden Mauserln nicht sagen lässt, was er zu tun hat. Bald konnte ich von der Bar aus beobachten, wie der Lange und der Freund von der Blonden über das DJ-Pult hinweg ein einschlägiges Gespräch führten. Mit so nach hinten gereckten Fäusten, Nase an Nase, wo man sich denkt: ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut. Der Lange hatte der Blonden wohl nach ihrem fünften spiel-gefälligst-Auftritt gesagt, sie möge sich schleichen. Der Freund von der Blonden hatte dem Langen wohl gesagt, so rede er aber nicht mit seiner Freundin. Der Lange hatte dem Freund wohl gesagt, und er schleiche sich bitte gleich mit etcetera etcetera. Daraus lernen wir dreierlei: Erstens, ich bin ein Sitzmusik-DJ, zweitens der Lange auch, drittens man bleibt am besten immer in seinem eigenen kleinen Biotop mit seinen eigenen Leuten, die auf solche Ideen gar nicht kommen. Natürlich macht man sich so keine Freunde, aber: brauchen wir auch nicht. Die paar, die uns aushalten, haben wir schon; die Hilde ist uns, glaub ich, eh nicht mehr bös, und da kommt schon der Horwath, und, schau, er hat einen Busch unterm Arm.
Man muss die Dinge genau so lange liegen lassen, bis man vor Angst kurz vor dem Herzinfarkt steht und keine Nacht mehr durchschläft. Die Angst muss einem auf der Seele liegen und auf den Magen schlagen. Der Selbsthass muss einem bis einen Millimeter unter den Nasenlöchern stehen. Praktisch ist, wenn man in so einem Fall über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt, die einen gelehrt hat, dass es dann, unmittelbar bevor man mit einer Panik-Attacke eingeliefert wird, auf einmal geht. Darauf vertraue ich jetzt erst einmal. Das große, das zukunftsweisende Projekt wurde projektiert, dingfest gemacht und auch letzte Woche wieder offensiv vertrödelt, ist ja noch Zeit. Der Selbsthass steht auch erst knapp bei den Brustwarzen, das reicht nicht, das ist für einen kreativen Schub noch lang nicht genug, da geht noch was.
Das kleinere Projekt dagegen ist so gut wie im Kasten, nur eins der Mimis, die dafür je zwei völlig unschuldige Körperteile für ein Buch-Cover in eine Kamera halten sollten, ist jetzt doch nicht bereit, bei dem Unsinn mitzumachen. Sicher nicht, such dir ein anderes Kind. Will ich nicht, ich brauch dich. Nein. Du kriegst einen Euro. Hahaha. Drei Euro. Nein. Fünf! Trotzdem nicht. Aber der Fotograf hat schon gaaanz berühmte Leute fotografiert, zum Beispiel die Christina Stürmer und den Bundespräsidenten! Mir wurscht. Du machst da mit, Herrschaftszeiten! Nein.
Ich werde Anna auf das Mimi ansetzen müssen, von Anna fühlt das Kind sich verstanden, ganz anders als von seiner blöden Mutter, die immer nur herumkeppelt, einen zum Essen, zum Baden und zum Schlafen zwingt, einen in der Früh aus dem Traum reißt, nie mit einem das "Frühlingsfest der Volksmusik" anschaut und einem nicht einmal Geschenke mitbringt, wenn sie verreist. Dabei ist es ein klares Geburtsrecht jedes Kindes, dass Eltern, die mit Koffern das Haus verlassen, mit Geschenken wiederzukommen haben. Das ist ein DJ-Koffer, Schatzl, ich verreise nicht, ich lege nur im phil auf. Es ist ein Koffer, bring mir was mit. Anna bringt mir auch immer was mit.
Anna wird das machen, das mit der Fotosache, das ist sie mir auch schuldig, wenn sie schon unbedingt ihre perverse Veranlagung an den Mimis ausleben muss. Denn Anna schaut so gern das Dingsfest der Volksmusik, aber sie schaut es nicht gern allein, und außer den Mimis, die sich alles anschauen, solange es nicht gruselig ist, macht das ja keiner mit. Ich habe versucht, den Kindern zu erklären, dass das aber wohl gruselig ist, Entschuldigung, das ist womöglich das Gruseligste, was das Fernsehen überhaupt zu bieten hat, aber ich finde wie stets kein Gehör. Und in Anna diesmal keine Komplizin, sondern darf mir jetzt 24/7 volkstümliche Lieder aus Kinderkehlen anhören, Schwerpunkt Liebe im Frühling. Herrlich, vergeltsgott. Dafür regelst du das mit dem Foto, dankeschön, dann bin ich eventuell bereit, das zu verzeihen, e-ven-tu-ell.
Nicht nur die Kirche muss derzeit darüber nachdenken, was man mit Kindern alles nicht tun darf, auch ich. Der Wunsch, mein Kind zu hauen, ist dieser Tage überwältigend. Ich tue es, wie immer, nicht, würde aber sehr gern. Es ist nämlich nicht so, dass Trotzphasen kommen und gehen und irgendwann aufhören, nein, das Kind performt jetzt einen Trotzphasen-Remix mit besonderem Engagement in den hohen Frequenzen. Die, bei denen ich leicht die Beherrschung verliere, was, wie mir einer meiner Psychiater am Samstag bei Wirtens erklärt hat, wahrscheinlich von einem selektiven Hörschaden herkommt: Wenn im Lokal der Geräuschpegel hoch ist, höre ich meinen Gesprächspartner zu wenig, wenn das Kind mich angreint, leider zu viel. Immerhin haben sie uns bei Wirtens das fantastische Abendessen zu Ehren von Horwaths nichtendenwollendem 50er nicht ruiniert, sie waren im Kinderzimmer damit beschäftigt, ihre Strategien im Geschlechterkampf zu verfeinern und Schuhe anzuzünden: nicht meine Wohnung, geht mich nichts an, ich muss mich mit dem Rindfleischsalat, den scharfen Garnelen-Nudeln, dem Steak mit Garnitura Dalmatinska, dem Tiramisu und der Jogurt-Panacotta beschäftigen, ich habe gerade keinen Kopf für etwas anderes.
Und ich war auch zu dankbar, überhaupt endlich stabil an Wirtens Tisch zu sitzen, die Kinder wollten ja zuerst nicht hin. Nachdem sie sich die ganze Woche über bitter beklagt hatten, dass ihre grausamen Eltern ihnen ständig aus purem Egoismus den Kontakt zu anderen Kindern verwehrten, den und die und die und den hätten sie jetzt schon seit ewig, was heißt: seit Jahren praktisch nicht gesehen, NIE führe man sie anderen Kindern zu. Und wie wir am Samstag zu Wirtens und ihren Kindern aufbrechen wollten, erscholl großes Geheul, das sei ja wieder eine spezielle Grausamkeit, einem überarbeiteten, erschöpften Schulkind seine verdiente Wochenend-Freizeit zu rauben, nie könne man sich ausruhen, nie erholen, nie in Ruhe spielen (aka fernsehen), es sei eine unablässige Quälerei. Und nein, man gehe auf keinen Fall mit und ziehe sich jetzt sicher nicht die Schuhe an; überhaupt, was sei das für eine Art der Kommunikation, den ganzen Tag nur Befehle, Befehle, Befehle. Natürlich vernahmen wir, als wir sie um elf bei Wirtens einpackten, das gleiche, nur in anderen Worten, aber da hatte das viele Essen und Trinken meinen selektiven Hörschaden derart verstärkt, dass ich gar nichts mehr hörte.
Der Horwath hatte bei Wirtens zu unser aller Erstaunen die Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler an den Füßen, in die er, gegen alle Prognosen - außer meiner - offenbar sofort nach Überreichung eingezogen ist. Der Horwath sagt, super, alles, was das Leben verlangsame, sei ihm gerade sehr recht. Mein Leben würde derzeit schon von einer partiellen Verleiserung massiv profitieren, und den Kindern ist das wieder einmal komplett powidl.
Drei Wochen lang hatten wir Lazarett. Kind krank, Kind krank, Mutter krank, Kind krank, Kind krank, und jetzt sind die Mimis komplett ruiniert vom Fernsehen. Sie singen und tanzen Werbespots nach, träumen schlecht, haben das Spielen verlernt und zucken wegen jedem Scheiß aus. Die Mutter im Übrigen auch. Die Mutter würde wieder einmal gern ein paar Stunden lang nicht angesprochen werden, von niemandem, einfach nur gar nicht. Nur den Sound of Silence hören, verziert mit paar Geräuschen von der Straße und aus dem Ballkäfig, die mit mir nichts zu tun haben und an denen keine Forderungen und Beschwerden appliziert sind. Wieder ganze Tage nur unter Erwachsenen verbringen, in Ruhe in der Redaktion schreiben, Mittagessen gehen mit dem C. oder dem T. oder der B., dazu Wein trinken, statt Nutella-Brote schmieren und magenschonendes Karottensüppchen nach dem Rezept von Dr. Urban kochen, das dann sowieso abgelehnt wird. Gemoser, den ganzen Tag.
Dieses wurde immerhin am Samstag unterbrochen von Horwaths 50er, im Wetter, sehr nett. Wir schmissen die Kinder in der Ecke auf einen Haufen, warfen Nintendos und Weißwürste mit Ketchup hinterher (die vorbildlich guten Wetter-Menschen haben die Ketchup-Anregung sofort aufgenommen) und konnten so mehrere Stunden ungestört mit Erwachsenendingen verbringen, aka trinken, rauchen, reden und Blut- und Leberwürste vom Metzger Fontain in Dornbirn essen, ohne dass die Kinder dazu Würgegeräusche machten. Das war sehr schön, obwohl das Geschenk für den Horwath nicht rechtzeitig angekommen war, dabei hätte es so gut zu den Würsten gepasst. Und der gute Herr Devich war extra noch am Mittwochnachmittag in Bezau, Bregenzerwald, mit einem Paar wunderhübscher, lammfellgefütterter Rindsfell-Hölzler der Größe 45 zur Post marschiert, wo man es dann genau so lange liegen ließ, dass es dann pünktlich nicht ankommen, sondern erst Montag früh geliefert werden konnte. Danke, liebe Post. Deswegen kann ich auch noch nichts über die Horwathsche Reaktion erzählen, der uns exilierte Xiberger (plus dem Langen) jetzt seit Jahren wegen dem Schuhwerk verlästert, das wir im Waldviertel praktisch ausschließlich an den Füßen tragen. Aber heuer hat ja auch Lagerfeld Holz-Clogs, das überzeugt den Horwath vielleicht von der Sinnhaftigkeit seines Geschenks.
Weil: Was schenkt man einem wie dem Horwath zum Fünfziger? Das Werkzeug, damit er endlich mal eins seiner fetten Sulmtaler mordet, hat er schon gekriegt. Gut: Die Felders schenkten ihm ein Kochbuch mit Hendl-Rezepten, das wird er hoffentlich bald benützten. Er nennt die Hendln jetzt auch schon „Hendln“ und nicht mehr bei ihren Namen, wir waren von Anfang an gegen die Namen, da wird doch das Verhältnis vom Bauern zu seinem Schlachtvieh viel zu intim und vertraulich. Wir halten es für einen Schritt in die richtige Richtung, dass der Horwath dieses Verhältnis jetzt allmählich auf eine prosaischere Ebene herunterschraubt, und hoffen sehr auf Ostern.
Zweimal haben sie diese Woche angerufen, einmal aus der Schule, einmal aus dem Hort: Dem Mimi gehe es nicht gut, das Kind liege blass und still auf einer Bank und sei sichtlich krank, könnte man es in absehbarer Zeit bitte abholen kommen. Sicher kann man, man braucht dazu nur die Erwerbsarbeit zu unterbrechen. Beim zweiten Mal marschierte die Mutter, vorbei an den Hortbetreuerinnen, auf das Kind zu, das blass und still auf einem Sofa lag und sagte: Verdammt noch Mal, du bist nicht krank, ich weiß es genau! Das hat auf die Hortbetreuerinnen, zumal es offenbar neue Frischlingspraktikantinnen waren, gewiss keinen guten Eindruck gemacht. Das Mimi aber nahm sofort Farbe an und sah sich in der Lage, sich zu erheben und Mantel und Schuhe anzuziehen.
Selbstverständlich war es - ich kenne mein Kind - kaum hatten wir die heimischen vier Wände betreten, wieder pumperlgesund und machte ein großzügiges Angebot: Um es Mutter zu ermöglichen, die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, wäre es bereit, sich den Rest des Tages vor den Fernseher zu setzen und sich mit Schokokeksen und Mozartkugeln als Nahrung zu begnügen. Ja, ganz gewiss, sonst noch etwas. Du spielst oder liest, und ich koch dir ein extra gesundes Mittagessen und schnippel dir Obst, auch wenn ich dafür überhaupt keine Zeit habe.
Immerhin: Es war richtig, dieses Mimi in den Schauspielkurs zu schicken, es bringt ideale Voraussetzungen mit, vor allem aber eine Veranlagung zur Hysterie, die es ihm ermöglicht, sich in die Einbildung, es sei krank, so glaubhaft hineinzusteigern, dass es wirklich krank wird. Und auch andere von seinen Einbildungen zu überzeugen, was kürzlich dazu führte, dass ein Übernachtungskind spätabends nach Hause gefahren werden musste, weil das Mimi sich und ihm erfolgreich eingeredet hatte, im Kinderzimmer habe es purgatorische Temperaturen, man verbrenne, schmelze, verglühe, vertrockne und ersticke. Die Kinder liefen nackt und hysterisch heulend durch die Wohnung und schrien; diese Hitze!, sie verbrennten!, und niemand – NIEMAND! - hülfe ihnen!, und es hatte nicht den geringsten Sinn, auf das Thermometer zu weisen, das laue 20 Grad Celsius anzeigte. Ob man denn die Glut nicht spüre?!? Man verbrenne, man verbrenne.
Das hat es genauso wenig von mir wie das andere Mimi das im Skilager von Experten diagnostizierte Talent zum skifahren: Es gewann auch sofort das Rennen seiner Gruppe. Und es ist eine typisch revanchistische Finte des Schicksals, dass meine Kinder genau in jenen Bereichen ausgeprägte Begabungen zeigen, die mir relativ stark am Arsch vorbei gehen. Wenngleich sich mein Verhältnis zum Theater in letzter Zeit vorsichtig entspannt hat, was vor allem an Ewald Palmetshofer liegt, aber kann der auch so skifahren, dass es mir mit einem Mal reizvoll erscheint? Das glaube ich nicht. Dennoch will ich fröhlich sein.
Es hat auch Vorteile, wenn die Kinder weg sind. Also, wenn dieser Scheiß-Bus endlich abgefahren ist. Bis dieser Bus abgefahren ist, mit den Kindern darin, die unununbedingt ins Schilager wollten, aber jetzt ihre Entscheidung schluchzend bereuen, durchläuft man allerdings den puren Höllen-Horror. Ich habe von Vätern gehört, die während dieser zwanzig Minuten final ergrauten. Es war so entsetzlich, dass schließlich mehrere Eltern am Gehsteig auf die Knie fielen und den Busfahrer händeringend anflehten, sein Gefährt endlich in Bewegung zu setzen. BITTTTEEEE! Die Qual ist UNERTRÄGLICH! Und wurde leider dadurch verlängert, dass manche Eltern noch ein achtes Mal in den Bus stiegen, um ihre Kinder zu beruhigen, was selbstredend den gegenteiligen Effekt hatte. Bittebittebitte, ich halt das nicht mehr aus, fahrt endlich! Als der Bus dann um die Ecke war, gaben sich die Eltern High Five und begannen umgehend, die ersten Stationen ihres lange vorbereiteten Halligallis abzuarbeiten. Der Lange und ich zum Beispiel gingen sofort wieder ins Bett, schoben am helllichten Tag GewaltDVDs ins Gerät, bestellten Pizza und Bier und ließen uns so grauslich gehen, wie wir es in der Prä-Mimi-Epoche jedes Wochenende getan hatten.
Leider verließen wir dann in der Dunkelheit noch einmal das Haus. Es hat auch Nachteile, wenn die Kinder weg sind, man geht fahrlässig zu vorher schlecht recherchierten Veranstaltungen und trinkt dort zuviel, anstatt wie gewöhnlich beim „Tatort“ einzuschlafen. Weshalb man anderntags dann müder ist als vorgesehen. Zudem hat der Lange nicht wie üblich um halb acht mit den Kindern das Haus verlassen, sondern liegt um halb neun noch neben einem im Bett und formuliert, während man gerade verzweifelt Kolumnenthemen aus dem Internet kratzt, Sätze wie diesen: „Du kommst mir ein bissl vor wie Elvis in Vegas.“ Ja, dankeschön! So fängt man den Tag gerne an! Kommt zurück, Kinder!
Allerdings war ich auch Elvis in Vegas, als die Mimis noch da waren. Palmetshofer, Heavy Trash und dann auch noch im Schauspielhaus Popismus predigen mit meinem alten Zürcher Nachbarn, Reverend Tobi Müller. Was interessant, aber insofern irritierend war, als wir vor 150 Leuten anfingen und vor 15 aufhörten. Während das Publikum in großen Trauben den Saal verließ, erhielt ich unablässig SMS vom lustigen Fotografen und vom lustigen Verleger, ich solle dalli im Dings erscheinen. Ich smste, ich könne nicht, ich säße auf einer Bühne und verrichte Erwerbsarbeit. „schleich dich runter von der bühne!“, smste der Fotograf, und das hätte ich gerne gemacht, beziehungsweise ich hätte mich gerne sub Bühnenboden verkrochen. Ich bin nicht geschaffen für die Bühne, ich bin lieber Publikum. Als Publikum bin ich, wie die Menschen, die ich beim Heavy-Trash-Konzert im Flex mit Bier beschüttete, bestätigen werden, richtig gut. „Is uuuuuuuu I want!“ Yes, Jon Spencer, yes, yes, yes.
Tatsächlich hat der Lange, glauben Sie es oder nicht, die Lesben von vis a vis kürzlich beim Sex beobachtet, während er zum Fenster hinausrauchte. Die, die nie Pornos schauen. Hat er mir erst nach Lektüre der letzten Kolumne erzählt. Dabei waren, wie immer, die Schlafzimmervorhänge zu, aber einer zufällig im richtigen Winkel offen stehenden Tür und daraus resultierenden Spiegelungen verdankte der Lange eine Sichtung, deren Einzelheiten ich dann nicht so genau wissen wollte. Das Leben imitiert wieder einmal die Kunst; nein, die Kolportage. Sonst habe ich diese Woche nichts zu erzählen, auf Wiedersehen.
Doch, ich habe die Bühnenhemden der Fehlfarben gesehen. Das hat mich merkwürdig berührt. Die Hemden hingen an der Wand eines Ateliers, und ich hätte sie gerne fotografiert, so wie sie da hingen, habe mich aber nicht getraut. Auch nur zu fragen, wäre mir wie ein Sakrileg vorgekommen. Es deuchte mich, Geschichte wehe mich an, und zwar eine, die erst gemacht wird, wenn die Fehlfarben bald ihr neues Album "Glücksmaschinen" live vorspielen. Ich habe es schon, Peter Hein hat es mir geschenkt. Hein sitzt übrigens heuer in der Jury des Protestsongcontests, was, weil ich mir keinen denken könnte, der dort mit größerer Berechtigung säße, der substantielle Grund ist, warum ich doch auch wieder dort sitze. Obwohl ich mir und jedem, der es hören wollte, ein knappes Jahr lang schwur, dass ich mir das gewiss nicht mehr antue, hundertausendprozentig nicht. Weil, wozu? Damit der junge Mensch mir wieder seinen Mittelfinger präsentieren kann? Ich habe auch andere schöne Hobbies, dankeschön; zum Beispiel backe ich einen ausgezeichneten Kärntner Reinling, und Faschingskostüme für die Kinder sind leider auch wieder zu nähen. Ich könnte dabei die kollossale neue Fehlfarben hören, die mir Peter Hein geschenkt hat, ja.
Beziehungsweise ich würde, wie ich voreilig zugesagt habe, auf die Faschingsparty von der Fischer gehen, gemeinsam mit Anna im knappen Flugbegleiterinnen-Kostümchen, das verpasst die Welt jetzt leider auch, und ich werde stattdessen nach Mitternacht in der Verkleidung eines zart angeflaschelten Protestsongcontestjurymitglieds erscheinen, wenn alle anderen schon lustig sind und ich nur ausgebuht. Ich habe mir den Anschiss von der Fischerin und der Anna schon abgeholt, wobei die Anna nur noch resigniert geseufzt hat: sie wurde jetzt schon wiederholt Opfer meiner nachlässigen Kalenderführungspolitik. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich vergesse, dass am 12. Februar immer und immer am 12. Februar Protestsongkontest im Rabenhof ist, und ich natürlich trotz gegenteiligsten Geschwörs erneut da oben auf meinen Stühlchen sitzen und Punkte vergeben werde, selbstverständlich wie stets an die falschen, jaja. Aber diesmal wird Peter Hein neben mir sitzen, dort in der Politdisko, und das Leben wird die Kunst angrinsen und die Kunst wird zurückgrinsen, und es wird gut sein, ja, es wird.
Jetzt schaue ich abends beim Abwaschen immer Lesbenpornos. Gegenüber sind zwei eindeutig zusammengehörige Damen eingezogen und der Fernseher steht wieder da, wo er schon stand, als noch eine alte Frau dort lebte, die immer Kinderfernsehen sah. Die ist wohl jetzt im Heim, und ich schaue beim Abwaschen immer Lesbenpornos, und brauche fürs Abwaschen eine Stunde. Boah. Da schau. Manchmal komme ich aber gar nicht dazu, weil der Lange eine Stunde lang genau aus diesem Küchenfenster rauchen muss; dabei haben wir einen Balkon, aber nein, dieses Fenster muss es sein.
Gar nicht wahr. Ich wollte nur, wie letztes Mal leichtfertig angekündigt, mehr Sex ins neue Jahr bringen; es wird aber doch wieder nur das Sudern und das Streiten übrigbleiben. In Wahrheit tragen die Lesben von gegenüber immer Jogginghosen und sehen den ganzen Tag amerikanisches Sportfernsehen, ununterbrochen, sogar wenn sie gar nicht zu Hause sind.Sie haben einen Mops, der ist so fett, dass er für den Weg zwischen der Couch und der Tür 18 Sekunden braucht, ich habe einmal mitgezählt, aber nicht während des Abwaschens, sondern während ich darauf wartete, dass das Teewasser kocht. Wir haben eine Spülmaschine, ich wasche eigentlich selten ab. Nur, dass der Lange, das Lulu, aus diesem Fenster raucht, stimmt, was ich total unsportlich finde. Wer rauchen kann, kann auch am Balkon frieren, habe ich bitte fast den ganzen letzten Winter gemacht, bis ich das Rauchen aus div. Gründen wieder aufgab, u.a., weil mich der Lange, der jetzt immer zum Fenster hinaus raucht, mit seinem ständigen Genörgle genervt hat, weil ich schon wieder rauche, hatte ich nicht eben gerade geraucht? Ja. Und?!?
Heuer streiten wir ersatzweise darüber, dass ich zu oft vor dem Computer sitze und sonntags immer arbeite, ja, Entschuldigung, damit verdiene ich nun einmal mein Geld. Und darüber, dass ich abends vor dem Einschlafen keine Filme sehen will, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, eigentlich will ich überhaupt nie mehr Filme sehen, in denen Frauen und Kinder niedergeballert werden, weshalb ich auch in Zukunft von dem Wissen ausgeschlossen sein werde, wofür genau Christoph Waltz den Golden Globe bekommen hat. Ich möchte lieber nur noch warmherzige, gutgläubige Filme sehen wie Woody Allens "Whatever works", der sich in jede aufgelegte Pointe schmeißt und sich darin wälzt, wie eine verspielte Sau in einem warmen Schlammloch, was natürlich irgendwie nur bei Woody Allen funktioniert und lustig ist. Und wo am Ende die Schöne den Schönen abkriegt und der Schwule den Schwulen und die Künstlerin zwei Künstler und der Suderant die Nette, und der ist dann sogar so etwas ähnliches wie glücklich.Schön. So will ich das, und natürlich hat der Lange nur gesudert, wie wir wieder aus dem Kino raus sind, kein Geballere nichts, aber ich habe gar nicht hingehört.
„Wann immer jemand in unserem Haus die Stimme erhebt, wird alles gestoppt, egal was wir gerade machen. Time-Out sage ich. Du hast etwas auf dem Herzen, nimm dir ein paar Minuten und rede mit mir.“
So ist das bei uns nicht. So ist das, jedenfalls berichtete das André Agassi kürzlich dem Kurier, bei den Graf-Agassis in Las Vegas. Wenn in unserem Haus jemand die Stimme erhebt, kommt gleich einer gelaufen und brüllt mit, um auf diese Weise seinen eigenen Ärger über was auch immer loszuwerden. Zu Spitzenzeiten brüllen vier Leute gleichzeitig.
Tagesanbrüche haben eine gute Anlage, Spitzenzeiten zu sein, wobei meistens ich die erste bin, die ihre Stimme erhebt, denn nach all den Jahren kapiert meine Familie noch immer nicht, dass, wer dauerhaft mit mir auskommen will, mich frühmorgends nicht anspricht. Nicht ansingt. Nicht einmal anschaut. Nicht seinen Kakao auf mein Kissen schüttet. Sich nicht darüber beschwert, dass in seinem Adventkalendersackerl schon wieder die ganz falschen Pickerl drin waren. Von mir keinen launigen Kommentar zu dieser abseitigen Zeitungsmeldung oder zur Lage der Nation erwartet. Mich nicht aus der Dusche holt, um mir eine voll lustige Stelle aus dem neuen Lottmann vorzulesen oder mich einen Gürtel suchen zu lassen. Mich nicht fragt, was ich abends essen oder kochen will. Mit mir nicht über die Autoversicherung spricht, die Gasrechnung oder einen Heftumschlag, den ich jetzt gefälligst endlich besorgen soll. Mich keine Fäden einfädeln lässt und mich nicht um Hilfe bei Häkelarbeiten bittet. Mich nicht anmotzt, weil ich schon wieder das ganz falsche Gewand herausgelegt habe und Schinken statt Salami in das Jausenbrot tue. Mich nicht fragt, wie viel kalt es heute eigentlich wird oder ob man noch schnell ein Ärzte-Video auf Youtube anschauen darf.
Auf all diese Dinge reagiere ich ab, sagen wir, elf, aufgeschlossen und gelassen, doch wer in der Früh gegen mehr als zwei meiner Gebote verstößt, muss mit einer Dezibel-Erhöhung rechnen, angesichts derer man bei Agassis sofort die Cops rufen würde. Natürlich ist das meiner rücksichtslosen Brut völlig wurscht und man lässt mich unter vier Verstößen und ohne Gebrüll keinen Tag beginnen. Dankeschön. Aber so ist das bei uns eben. Und bei uns läuft es auch nahrungsaufnahmetechnisch etwas anders als bei Agassis, wo Steffi, so erzählt André, streng auf Ausgewogenheit achte. „Die Kinder dürfen nach einer Pizza nur Proteine und Gemüse essen. Zwei Kohlehydrate-Mahlzeiten hintereinander sind nicht erlaubt.“ Ja, du. Und ich bin sicher, wenn Steffi ihre mütterliche Autorität verströmt, hat das auf ihre Familie die vorgesehene Wirkung. Auf meine nicht, aber daran werde ich jetzt arbeiten, denn auch meine Nullerjahre sind jetzt vorbei, ja, definitiv. Wünschen Sie mir also bitte ein schönes, erfolgreiches, respektgeladenes neues Jahr voller friedlicher Morgen im Kreise einer liebenden, kuschen Familie, ich wünsche es Ihnen auch.
Leider sehe ich mich gezwungen, folgendes zu verlautbaren: Ich bin nicht die „Journalistin“ in Dirk Stermanns „Bottle-in-a-Message“-Text von vor zehn Tagen im Standard-Album. Ich bin niemand in Stermanns Text, ich komme Gottseilobunddank in dem Text überhaupt nicht vor, auch wenn ich sonst gerne in Texten vorkomme, in diesem: nicht.
Tatsächlich habe ich dem Stermann sofort ein Mail geschickt: „Ha! Lustiger Text! Wurde in der Sekunde zur Temperenzlerin!“, nachdem ich seinen Anzengruber-Alkoholismus-Aufsatz gelesen hatte: Einen von Mitleid unverstellten Blick auf Stermanns unmittelbares Tschecheranten-Umfeld, der dieser Tage bei Czernin in dem Buch „Wir sind gekommen um zu bleiben: Deutsche in Österreich“ erscheint. Jedenfalls sitze ich ein paar Tage später anlässlich einer anderen Buchpräsentation mit der Herausgeberin des Werks, der ansonsten klugen und unbestechlichen Eva Steffen im Jin´s, als sie mir über die Tafel hinweg zuruft, sie habe jetzt übrigens wiederholt das Gerücht gehört, ich sei die „Journalistin“ in Stermanns Text, stimme das denn. Himmel, Heiliger, Kruzitürken, nein, das stimmt natürlich nicht!Allein dafür, dass du das fragst, müsste ich dich schon verklagen, Steffen!
Die Journalistin in dem Text ist, wer ihn noch nicht gelesen hat, eine Post-40erin mit zerzausten Haaren, die im Anzengruber abwechselnd Rot- und Weißwein trinkt. Im Laufe der Geschichte tritt sie an Stermanns Tisch, um ihn zu fragen, ob er glaube, dass sie eine versoffene Funze sei, verlässt dann mit einem „schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand“ das Lokal und wird später von Stermann schlafend auf einer Parkbank betreten. Ganz langsam, zum Mitschreiben: diese Frau hat mit mir nichts gemein als das ungefähre Alter und an schlechten Tagen die Frisur. Ich mische keine Weinsorten, ich bin so gut wie neverever im Anzengruber anzutreffen, ich schlafe nicht auf Parkbänken, ich schleppe keine Männer ab und ganz gewiss keine dünnen, und ich bin, soweit ich weiß, auch nicht die direkte Nachfahrin eines „ranghohen Sozialdemokraten aus dem Burgenland“, wie Stermann ausdrücklich schreibt. Also ich glaube, das ist jetzt geklärt, Steffen. Meinen Ruf ruiniere ich mir nämlich, wenns Recht ist, immer noch selber.Und ich bin in Wirklichkeit eine nette - ja: nett, in seinem ganzen, diffamierten Wortsinn - dezente, diskrete, schüchterne und im Grunde langweilige Person, die jetzt gleich noch ein Scheitchen ins Feuerchen werfen und ihren Liebsten ein Süppchen kochen wird
Aber es war überhaupt eine ziemlich lausige Woche. Ich zankte mit Hans Hurch über die Bedeutung des Wortes „Gala“, kam nur einmal zum Schwimmen, verlor meinen Kalender, und als der Lange nach fünf Tagen Halligalli aus Istanbul zurückkam, legte er sich sofort drei Tage mit Husten ins Bett. Wenns diese Woche ein bissl lustiger wird, hätte ich im Prinzip nichts dagegen.
Ich will nichts mehr hören. Keiner von euch braucht deppert herumzutstsen, weil: IHR seid Schuld. Und IHR wart auch letztes Mal, bei der weihevollen Schalko-Buchpräsentation im Rabenhof Schuld, denn einer von EUCH hat mir jedes Mal, wenn ich gesagt habe: HEIM! JETZT!, noch einen Spritzer hingestellt, einer geht ja immer noch, und das ging, typisch Rabenhof, auch diesmal wieder so lange, bis die Grenze der Vernunft spürbar überschritten war. Und am nächsten Tag konnte ich dann im Blumenau-Journal ein Gespräch nachlesen, das ich bis zu diesem Augenblick vollständig vergessen hatte, woran IHR Schuld seid, und wenn Blumenau behauptet, ich hätte geschrien (und ich habe allerhöchstens milde gebrüllt), dann seid auch IHR daran Schuld, keine Frage, also ich will kein ts ts hören, still jetzt.
Außerdem ist nun alles besser. Ich habe am Wochenende auf den Fluss geschaut und bin im Wald marschiert. Ich habe eine komplette Staffel von „The Wire“gesehen. Ich habe entgiftet, gekocht, geräumt und dabei die neue Goldenen Zitronen gehört. Ich habe mir überlegt, wie es möglich ist, dass zwei CDs wie die neue Distelmeyer und die neue Goldenen Zitronen gleichzeitig erscheinen können, und trotzdem halten alle Distelmeyer für einen großen Dichter, ja: den Dichter der Stunde. (Entschuldigen bitte, der Mann ist nackt, und ich erlaube mir, das dem Chor der geblendeten, bäuchlings sabbernden Bewunderer zuzurufen: NAHACKT! Aber auf mich hört ja sowieso keiner. Ist ja jedem wurscht.) Immerhin die zweite Nummer, die mit dem Hass, die rockt ganz gut beim Auflegen. Also, wenn man es schafft, den Text zu ignorieren. Was bei den Zitronen nie nötig ist, niemals.
Jedenfalls war das Wochenende im Vergleich zur Vorwoche mönchisch, also ich würde fast sagen: eine Form der Meditation. Wenngleich das Besuchskind, das mit uns am Land war, zuhause schon etwas zu erzählen hat, nämlich wie laut der Lange und ich uns anbrüllen können: DAS, Blumenau, war laut, ungefähr so laut wie ein sehr großer Traktor mit einem mit Stahlrohren beladenen Anhänger, wenn er in einem Tunnel über große Steine rumpelt. Der Grund für das Gebrüll steht in so krassem Gegensatz zu meinen einleitenden Worten, dass ich mich nicht in der Lage sehe, ihn hier auszuführen, aber, wirklich, wer bitte stellt einem Kater Futter in einem handbemalten Schüsserl aus einer urseltenen, nur in Vorarlberg gebräuchlichen und dort in Museen konservierten Porzellanserie, welche die Frau seit Jahren mühsam zusammenschnorrt und -sammelt, vor die Haustür, so dass das nächstbeste Kind zuverlässig hineinsteigt? Der Lange, wer sonst. Drei Kinder standen in der Küche und hielten sich die Ohren zu, und die Besuchskindeltern haben diese Woche wieder einiges zu tstsen. Und was lernen wir daraus? Wurscht, wie ich lebe, getstst wird sowieso immer, eh egal, ich geh jetzt schwimmen.
Der Plan wäre jetzt, ein bisschen fiktionale Distanz zwischen diese Kolumne und meine Wirklichkeit zu legen. Es wird auf die Dauer langweilig, wenn es jedes Mal, wenn ich was erzählen will, heißt: Weiß ich schon, hab ich schon gelesen. Plus werde ich immer harmoniesüchtiger und sehe nicht mehr so gern die hochgezogenen Augenbrauen von Leuten, die nicht darum gebeten haben, ihre privaten Angelegenheiten im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wiederzufinden.
Vielleicht sollte ich es machen wie Rubinowitz, der es macht wie Lottmann und ein paar reale Personen in ein paar fiktive Situationen schicken, aber ich glaube, ich mag Lottmann nicht. Also jetzt als Schriftsteller, privat kenne ich ihn ja nicht, obwohl es natürlich ein erster Schritt wäre, hier zu behaupten, ich sei letztes Jahr mit Lottmann und Rubinowitz aus dem Meinl am Graben geworfen worden und mit lebenslangem Hausverbot belegt worden, weil Lottmann und Rubinowitz sich dort in meinem Beisein einen Faustkampf mit Spucken und Tellerwerfen geliefert hätten. Und ich hätte einmal mit Lottmann in Darmstadt Rainald Goetz getroffen und wir hätten im Landgraf Ludwig VIII ein Hirschragout zurückgehen lassen, bevor wir im Nachtcafé-Club gemeinsam die Glieder schüttelten. Wäre aber eben ein peinlicher Abklatsch und überdies ein Schritt in die falsche Richtung; da will ich nicht hin, dort gefällt es mir nicht.
Und vielleicht kann ich ja überhaupt nur Wirklichkeit, vielleicht ist mir das Talent der Dichtung gar nicht gegeben. Aus der Wirklichkeit der letzten Woche, als ich auf einer Hochzeit beschimpft wurde, wäre noch etwas nachzureichen: Denn den Kerl hätte ich, so erklärten Braut wie Bräutigam hinterher, ruhig tüchtig zurück beschimpfen, ja von ihnen aus gerne auch mit der einen oder anderen Tätlichkeit bedenken dürfen; offenbar hätte es keinen Falschen getroffen. Und ich war wohl auch bereits der fünfte oder sechste Hochzeitsgast, der sich über den Herrn beschwert hatte. Hätte ich gern gemacht; zu spät. Aber ich habe ja regelmäßig im rhiz Gelegenheit, Gäste zu beschimpfen, die meinem Musikgeschmack erstens reserviert gegenüberstehen und das zweitens nicht für sich behalten können. Der Lange ebenfalls: Wobei ich mich frage, wie der auflegt, wenn ich nicht dabei bin, weil ich ihm letztes Mal von jeder zweiten CD die Titel vorlesen musste. „Now I’m a Fool“, welcher Track ist das? Sechs, Schatz. Zu kleine Schrift. Daran denkt die Musikindustrie wieder nicht, dass zahllose Djs bereits fortgeschrittenes Alter erreicht haben und ihre Arbeit in den Clubs und Underground-Lokalen ungern mit einer Lesebrille verrichten. Und, jajaja, ich WEISS, dass ich dir das schon einmal erzählt habe.
Doris Knecht liest am Do, 17.9., 20 Uhr, im Rahmen der unik.at-Vernissage in der Gartenvilla Albertgasse 33, 1080 Wien und legt am So, 20.9. im rhiz auf, live: Glen Meadmore
Anderswo mag eine muhende Kuh als Sinnbild ländlicher Idylle gelten, hier tut sie einem leid. Die Kuh steht mit 30 oder 40 anderen in einem sogenannten Freilaufstall. Den hat die EU den Bauern aus Gründen des Tierschutzes verordnet. Der Stall gehört dem Nachbarbauern, und die Kuh kann dort so ein bisschen herumspazieren. Das könnte sie auch auf einer der unzähligen Wiesen, die dem Bauern rund ums Dorf herum gehören, aber der Bauer fährt lieber mit einem seiner sechs Traktoren auf die Wiesen, mäht das Gras und bringt es der Kuh in den Stall. Bitte, ich bin kein Bauer und will auch keiner sein, aber das kommt mir ein wenig schwachsinnig vor. Plus es führt dazu, dass die Kuh ihr Leben lang nie ein Stück Grün oder Himmel sieht, sondern ihre gesamte Existenz in dem kuhfreundlichen EU-Freilaufstall mit Betonboden verbringt, aus dem ihr Muhen erbarmungswürdig durch das ganze Dorf hallt. Und zwar ab sechs Uhr früh. Die armen Viecher. Die Kühe von dem anderen Bauer vis a vis grasen friedlich auf der Wiese oberhalb von seinem Hof, weshalb der Bauer hier in der Gegend als kauziger Spinner gilt. Das macht hier sonst keiner. Hier siehst du praktisch nie und nirgendwo eine Kuh. Du hörst sie nur.
Nicht mehr lange, wir fahren bald in die Stadt. Es ist Zeit. Ich habe unstillbare Bedürfnisse nach schlechter Luft, Autolärm, Sushi, Schuhen (im Sinne von: Schuhen, die diese Bezeichnung verdienen), speckfreier Kost, meinem Friseur, einem erfolgreichen Shoppingerlebnis, urbanem Halligalli in zwielichtigen Tränken, honigbrotfreien Mittagspausen und einem klimatisierten, Kinder- und Langenlosen Büro. Wir haben uns jetzt neun Wochen am Stück auf einer 24/7-Basis ausgehalten, es war erstaunlich friedlich, und es langt jetzt. Ich will jetzt wieder egoistisch sein, autonom und Marmeladefleckenfrei, mindestens acht Stunden am Tag, dankeschön. Und es ist jetzt auch genug idyllische Natur und Gemuhe und Viecher aller Art: obwohl, die Kinder haben gerade das Angeln entdeckt. Die Pollaks waren da, und der Pollak fuhr mit seinen Buben und den Mimis an den Fischteich, Abendessen fangen. Wir waren ein wenig besorgt, wie die Kinder das Fischeerschlagen wegstecken würden, und als sie zurückkamen, zeigte sich auch tatsächlich eine gewisse Blässe, und zwar um die Nase vom Pollak, dem das überhaupt nicht taugt. Die Kinder dagegen hielten stolz und völlig untraumatisiert ihre selbstgekillten Forellen in die Höh, grillten sie am Feuer, verspeisten sie gewissenlos und schliefen danach gut und tief. Aha. Interessant. Der Lange versucht auch etwas zu fangen, nämlich die Maulwürfe, die unsere Wiese umgraben, wird aber täglich von neuen Haufen ausgelacht. Das macht ihn aggressiv. Und drüben muht noch immer erbarmungwürdig diese Kuh. Und irgendwo kräht jetzt auch noch ein Hahn. Aus, fertig, packts eure Sachen, Kinder, wir fahren in die Stadt.
Fk: Super Mario. Die aktuelle Niederlage im meinem niederlagsreichen Leben. Das kann ich nämlich auch nicht, wie ich Sudoku nicht kann, und den Zauberwürfel nicht. Die Mimis, und das sind die einzigen Konversationen, die wir derzeit mit ihnen führen, versuchen eh, es mir zu erklären: Da musst du hüpfen, das musst du kriegen, da pack es, neeeeiiiiiiin! Wieder keine zwei Leben erwischt, wieder kein Riese geworden, wieder nicht alles niedertrampeln dürfen. Wieder tot. Auch Super Mario ist nichts für mich.
Und Nintendos sind nichts für Kinder: Seit die Mimis je einen besitzen, weiß ich das noch besser. Nintendos sind etwas für Erwachsene, weil die sich nämlich, wie wir schon bei der Mimi-Geburtstagsparty feststellen konnten, in Ruhe alkoholisieren und anderen Erwachsenensachen widmen können, während sich alle Kinder in Trauben um die zwei oder drei versammeln, die auf einem Nintendo herumdrücken. Sie sehen dabei weit weniger intelligent aus, als wenn sie jetzt zum Beispiel eine Sandburg bauen; auch das weiß ich genau, denn davor waren wir mit der ganzen Party-Partie am Spielplatz. Einem kleinen Spielplatz. Die Siebenjährigen stellten sich an den Rand der Sandkiste und sprachen: Entschuldigung, aber was mache ich hier? Du spielst. Du meinst, ich soll da reingehen und mich schmutzig machen wie ein Kleinkind? Das wäre eine Möglichkeit; wir können aber auch Topfklopfen. Die Siebenjährigen starrten mich mit einem Was-will-die-Geisteskranke?-Blick an, weil Topfklopfen, Entschuldigung, babyischer geht’s ja wohl nicht. Rück die Süßigkeiten einfach so raus; und holst du bitte die Nintendos herunter? Nein. Dann gib den Topf her, wir brauchen Wasser, wir müssen den Dings einbetonieren. Bitte gern. Es wurde eine ausgefieselt schöne Sandburg, mit Wassergräben und Türmen und statisch einwandfreien Tunneln, und zwar völlig ohne mein Zutun.
Seit danach sind die Mimis praktisch nicht mehr da: Sie sitzen abwesend auf dem Sofa und sprechen mit ihren Computern. Jetzt geh da! Juchuuu! Scheiße, ich bin schon wieder tot! Es ist beängstigend, aber der Plan geht so: Eine Woche spielen sie, soviel sie wollen, danach brutales Reglement. Selbstverständlich hegte ich die Illusion, dass meine Kinder, meine Kinder nämlich, das Gerät schon nach wenigen Stunden weglegen und bekannt geben würden, das werde ihnen jetzt allmählich zu blöd, sie wöllen nun wieder etwas Kreatives tun. Passiert natürlich überhaupt nicht, und wieso auch, sie entstammen schließlich einer Klein-Dynastie von Computernerds und Süchtlern, denen das Talent zur Mäßigung nicht gegeben ist. Also zum Beispiel ihre Mutter musste sich mit schmerzhaften Schnitten zuerst vom Rauchen und danach vom Facebook abschneiden, weil ein bisschen geht einfach nicht. Es geht nur volle. Bis Mittwoch noch, Mimis. Dann will ich eure Gesichter wieder sehen, auch wenn schmerzverzerrt sein werden.
Der Lange liegt mit dem kranken Mimi im Bett und zeigt ihm am Laptop AC/DC-Videos. Das Kind wirkt so glücklich, wie ich es von unseren Kindern, wenn sie ein AC/DC-Video sehen, erwarte, und will nun doch Gitarre lernen. Das ist gut; denn wenn sie im Herbst Gitarrenunterricht nehmen, muss ich nicht mehr mit dem schlechten Gewissen leben, dass ich meine Kinder vor allem zum Fußball und zum Judo schicke. Statt mich um die Förderung ihres musischen Talents zu kümmern, wie es gute, verantwortungsvolle Eltern tun würden, und zwar egal, ob in ihrem Kind ein musisches Talent verborgen liegt oder nicht. Und ich hätte ja gerne, dass die Mimis ein, zwei und dann vielleicht sieben Instrumente beherrschen, dass sie irgendwann virtuos Klavier oder in einem Orchester spielen können. Aber damit sie irgendwann virtuos Klavier spielen können, müsste ich sie schon jetzt jeden Tag vom Spielen, Fußballen, Balgen und Herumdüsen abhalten, und stattdessen mit ihnen das Instrument üben. Ich finde aber, dass siebenjährige Kinder ihre Nachmittage lieber mit Herumgespiele und sozialer Interaktion verbringen sollen, als mit konzentriertem Lernen und Üben, nur führt es halt wahrscheinlich dazu, dass sie keine Konzertpianisten werden. Allerdings können sie sich von ihrem Vater abschauen, dass es komplett unnötig ist, ein Instrument zu beherrschen oder auch nur singen zu können, um Frontman einer Band zu werden und wiederholt Tonträger zu veröffentlich; ja, dass zu große Kunstfertigkeit am Instrument im Gegenteil den Geist des Rock`n`Roll übel kontaminiert, wie der Lange gerne predigt. Oder hat man am Konservatorium je die Hells Bells erklingen hören? Eben. Es hat alles zwei Seiten.
Weil ich gerade die Zahl sieben erwähnte. Es naht das Wiegenfest der Mimis, und was ist? Am Tag der Feierlichkeiten, die dieses Jahr in einem Freibad stattfinden sollen, ist mit schweren Stürmen und Temperaturen unter zwanzig Grad zu rechnen. Das heißt, dass ich in der Wohnung Platz für ca. 22 Kinder plus ihre Erziehungsberechtigen schaffen muss. Wobei, das geht alles noch, richtig schwierig wird es, dann den heiteren und gelassenen Eindruck zu erwecken, den man von einer alltagsgestählten Mutter während der Party ihrer eh nur zwei Kinder erwartet, und leider sollte sie dabei nicht lallen. Und nicht mir ihrem Lebensgefährten streiten, was sich im Kinderpartystress gerne aufdrängt, wenn der Lange schließlich findet, er habe nun genug geschuftet, sich auf seine seine Kernkompetenz besinnt und mit den anderen Vätern beim Bier lustig plaudert. Die Eltern, die uns davor noch nicht gekannt haben, werden am Heimweg finden, dass der Vater ein heiterer und gelassener Kerl ist, aber die Mutter stresst leider entsetzlich, und hat die nicht gelallt? Die hat doch gelallt! I´m direkt on the highway to hell, aber das ist jetzt auch nichts Neues.
Das Problem mit den Süßigkeitenverstecken im Kinderzimmer hat sich jetzt insofern für alle Zeiten erledigt, als in einem davon eine Fleischfliege ihr Nest gebaut und ein paar Dutzend Eier ausgebrütet hat. Nachdem ich vor den Augen der Mimis ungefähr 40 fette und zum Glück noch nicht komplett flugtüchtige Fliegen erschlug, räumten die Mimis ihre diversen Geheimlager freiwillig aus; zumindest die, an die sie sich noch erinnern konnten. Die Liste der noch anstehenden Erziehungsaufgaben wurde also mit tatkräfitger Unterstützung der Natur um eins verkürzt. Einiges steht dagegen noch aus. Auf der Das-gewöhnen-wir-uns-ab-Seite: Nägelbeißen, Lügen, Stehlen, Zündeln, Jausenvollkornbrote gegen Milchschitten tauschen, bösartiges sams- und sonntägliches Frühaufstehen, scharfkantige Legoteile unter den frisch pedikürten Sohlen der Eltern deponieren, vorsätzliches Hausaufgabenhefte vergessen, Kreischen auf dieser Mörderfrequenz. Auf der Das-lernen-wir-noch-Seite: regelmäßige Betätigung der Klospülung, Händewaschen, Zähneputzen, Gemüseessen, Zimmeraufräumen, Befehlebefolgen, mucksmäuschen still am Rücksitz sitzen und die vorbeifliegende Natur bewundern, den guten Eltern stets dankbar sein.
Aber nicht nur die Fauna unterstützte die Erfüllung von Elternwünschen, auch der ORF. Leider ist Dancing Stars, das über die letzten Wochen in unserem Haushalt eine Blitz-Karriere als beliebtestes Druckmittel zur Durchsetzung von Forderungen machte, jetzt aus: Mit befriedigendem Ergebnis für eins der Mimis und zum sehr großen Unmut des anderen, das es extrem unlogisch fand, dass Ramesh Nair nicht Dancing Stars werden durfte, weil er tanzen konnte. Darum geht’s doch, schimpfte das Mimi und malte dem aus einer Zeitung gerissenen Inder über seinem Bett gerade extra einen Heiligenschein. Gemein!
Ach, ja, gemein: Ich habe Sedlacek ein SMS geschickt, dann hat mir Sedlacek ein SMS geschickt. Das SMS war beleidigend. Das SMS war unheimlich beleidigend. Wahrscheinlich habe ich nie zuvor in meinem ganzen Leben ein beleidigenderes SMS bekommen, nicht einmal von Sedlack, der bekanntlich sehr nah an der Beleidigung gebaut ist. Aber diese SMS war so unvorstellbar, ja obszön beleidigend, dass ich Sedlaceks nächste vierzig, nein, HUNDERTvierzig SMSe ignorieren werde. Und mindest 200 Mal hebe ich nicht ab. Ich freue mich richtig darauf, nicht abzuheben, ein Strichelliste werde ich mir anlegen, weil ich unter keinen Umständen weniger als 200 Mal nicht abheben werde, und vielleicht werde ich danach auf 300 erhöhen oder auf 350; genetische und austrologische Voraussetzungen ermöglichen mir das. Und ganz bestimmt werde ich Sedlacek nie, nie niemals wieder an seinem Geburtstag ins Telefon singen, wie an seinem letzten, wo er vor Rührung fast ein Ei gelegt hat, das war das erste und letzte Mal, ja, ja, sagt ihm das ruhig, wenn ihr ihn seht, ist mir völlig wurscht.
Weil Sie gefragt haben: Das Schremser gibt’s beim Verde, in der Josefstädterstraße 27. Auch sonst gab es bezüglich der letzten Kolumne zig Fragen. Ausdrücklich beantwortet sei jene der Wahlpariserin Sigrid N., die entgeistert wissen will, ob das ernst gemeint sei, dass man von diesem Speck nur das Weiße esse, also das pure Fett? Ist es, werte Frau N., es heißt ja auch Lardo, was wir sehr leicht über das englische „lard“ also „Fett, Schmalz“ herleiten können und uns zu einer gleichnamigen Band führt, deren schönes Lied „Forkboy“ ich kürzlich nach Mitternacht im rhiz mit viel Zuspruch zur Aufführung brachte. Der Gabelbub passt mir auch thematisch gut ins Konzept, denn ich will diesmal eigentlich nur übers Essen reden. Fastenzeit: vorbei. Mein Horoskop sagt, es sei heute sowieso nicht mein Tag, ich solle mich bei Verhandlungen entschuldigen und das machen, was mir Freude bereite, und es macherte mir eine Freude, wenn ich, unter Beifügung von einem wengerl mildem Alkohol, ohne Unterlass essen könnte. Speckbrote. Lardobrote. Oder, wie die Waldviertler Marktfrau auf die Frage, wie man denn den weißen Speck da nenne, meinte: weißen Speck. Oder Speckspeck. Der Oberösterreicher nennt ihn Kübelspeck, hat es aber nicht so mit der Kräuter-Raffinesse bei seiner Herstellung, weil er serviert ihn eh mit dick darüber gestreutem Schnittlauch. Brauch ich nicht so.
Leider ist der Speckspeck aus. Die Speckjause hat hier in der Waldviertler Wochenend-WG eine so schöne Nachmittagstradition, dass man gar nicht so viel Speck im Eiskasten aufhäufen kann, wie sofort weggegessen wird. Das Gute ist, dass es davor ein Mittagessen gab und danach ein Abendessen geben wird, bei Kerzen- oder Gebrauchtwarenhändlerlichterkettenschein, je nachdem, ob wir bei den Horwaths essen oder bei uns. Letztes Mal, wie wir bei uns gegessen haben, ging mir beinahe das Besteck aus (weil das ersteigerte, typisch, nicht rechtzeitig geliefert worden war, der Gabelbub hatte wohl getrödelt) und vorübergehend standen sieben Erwachsene in unserer Küche und betrachteten versonnen ein großes, auf den Punkt gebratenes Stück Beiried. Wir vertrieben sie aber schnell, weil das große Stück Beiried wurde, nachdem es mit einer dicken Bärlauchschicht bedeckt und für kurze Zeit erneut in den Holzofen geschoben worden war, im Verbund mit einem Erdäpfelpüree und in Olivenöl gebratenem Wurzelgemüse am Tische in der lauschigen Laube tranchiert. Die Kinder verzichteten überraschenderweise auf das Gemüse und kriegten automatisch Würstel; wir wollten nicht, dass irgendwer das exorbitante Grün-Fleisch mit wäh und bäh beleidigte.
Was ich noch erzählen wollte: Unlängst habe ich, ich glaube, in der FAS, ein Tracey-Emin-Interview gelesen. Die Journalistin fragte Emin, ob sie sich denn mit dieser permanenten persönlichen Preisgabe in ihrer Kunst nicht „irrsinnig verletzlich“ mache. Tracey Emin antwortete: „Inwiefern?“ Ja. Haha.
Wie das Mimi aus der Schulgarderobe kommt, spritzt ihm schon das Gift aus den Augen. Es ist offensichtlich gedemütigt worden; und von wem, eh klar, von seiner Mutter. Es wurden nämlich in der Schule Eier gefärbt und seine Mutter hat ihm zweierlei: erstens braune Eier mitgegeben, was diesfalls allerdings die minderschwere Sünde bedeutet, zweitens aus Bodenhaltung. BODENHALTUNG!, heult das Kind der Mutter vom Rücksitz aus in den Nacken, meine Mutter kauft Eier aus BODENHALTUNG!, wie konntest du nur! Den ganzen Gürtel-Stau hindurch erklärt das Mimi seiner hirn- und herzlosen Mutter, was das bedeutet, wenn Hendln in BODENHALTUNG gehalten werden und wie die sich gegenseitig Löcher und in die Leiber, ja sich totpicken! Und wie sie nicht verstehen kann, wie ein Mensch so verantwortungslos, nein: BÖSE sei kann, Eier aus BODENHALTUNG zu kaufen! Wo es doch überall auch gute Bio-Freilandeier von glücklichen, artgerecht auf grünen Wiesen gehaltenen Hühnern gibt: Ist euch das alles egal?
Tatsächlich ist es natürlich so: Wenn es etwas auch in bio gibt, nehmen wirs in bio, bis auf ein paar Ausnahmen, die aber nicht ursprünglich mit unserer Bosheit zu tun haben, sondern mit unserem endenwollenden Haushaltsbudget. Wir glauben an ökologisch bestelltes Land, saubere Gewässer und gesunde Tiere, deshalb kaufen wir im Bauernladen oder radeln Freitags zu diesem suprigen kleinen Markt bei der Lerchenfelder-Kirche und verteilen unter den Händlern kleine Vermögen für glücklichen Lardo vom Mangalitzaschwein, glückliche Bio-Essiggurkerl und glücklichen Bio-Paprika. Ich mache mehrmals wöchentlich einen Umweg, um den lässigen Biohändler, mit dem ich jetzt per du bin, zu unterstützen, indem ich das Dreifache zahle wie im Supermarkt, und zwar gern, denn dafür gibt’s fantastisches Biobrot vom Kasses in Thaya, das Schremser aus der guten Waldviertler Familienbrauerei und absolut überglückliche Bio-Freilandeier, die ein grundgüter Biobauer dem glücklichen Biohuhn mit liebevollen Worten abverhandelt, gepützelt, gestreichelt, gekost und zärtlich in ihr Pappmaché-Schachterl gelegt hat. So ist es nämlich.
Aber wie ich letzten Dienstag das Biogemüse für das Bio-Wokgericht geschnippelt habe und eben die geraspelten Bioerdäpfel mit den Biozucchini zu Puffern zusammenmixen will, sind die glücklichen Eier aus. Nachbarin 1 ist nicht daheim und Nachbarin 2 ist nicht daheim, also zieh ich die Pfannen vom Ofen und mir nochmal Schuhe an, renne in den nächstgelegenen Supermarkt und kaufe die einzigen Eier, die es dort gibt. Und genau die sind noch im Kühlschrank, als die Mutter im Mitteilungsheft des Mimis die Nachricht entdeckt, das Kind habe bitte ein paar gekochte Eier zum Färben mit in die Schule zu bringen. Und jetzt sind wirs: ruchlose Hendlschänder, die marodierend durch Billigdiskounter ziehen; und das Kind gesellschaftlich ruiniert. Das pickt an uns wie Hühnerdreck, vermutlich für immer.
Sie können mit dem Getstse wieder aufhören. Die letzte Woche war geprägt von überwältigender, ja einschläfernder Ereignislosigkeit. Nichts passiert. Keine peinlichen Performances. Nie ausgewesen, außer das eine Mal, wo ich mit den „Literats“ geprobt habe, und einmal Hauskonzert; Haus- nicht House-, ganz genau. Vor allem: Nicht geraucht, schon neun vollständige Tage nicht eine einzige Zigarette geraucht. Ich habe nämlich aufgehört, und nach sechs sehr kurzfristig gescheiterten Versuchen diesmal ernsthaft. Ich werde meinen Turm aus den nichtgerauchten Zigaretten-Schachteln jetzt weiterbauen, im November war er 173 Meter hoch, dann Baustopp, nun wächst er wieder täglich um 2,3 cm. Ich stinke weniger aus dem Maul, und mein Handekzem hat sich stark gebessert, seit ich mir nicht mehr alle halbe Stunde den Zigaretten-Gestank mit Seife von den Händen waschen muss, damit die Kinder meine Missetaten nicht erriechen. Allerdings habe ich jetzt nicht mehr so einen guten Überblick darüber, was unter meinem Balkon passiert. Nicht, dass viel Spannendes passiert wäre in der Zeit, einmal hab ich in der Nacht einen Mann gesehen, der Fahrräder fotografierte, das war, glaube ich, das Aufregendste. Abreagieren durch Anbrüllen von Hundebesitzern war auch nicht, weil die jetzt meistens ein Sackerl dabei haben, jedenfalls bei Tageslicht, und in der Nacht kann man aus der Distanz leider nicht genau sehen, was der Hund jetzt da gemacht hat, und es ist, das weiß ich zufällig, saupeinlich, wenn man einen Gassigeher mit Chili in der Stimme auffordert, dass er das gefälligst wegmachen soll, und der Hund hat nur gebrunzt.
Aber nicht einmal so eine kleine Peinlichkeit habe ich mir diese Woche zuschulden kommen lassen. Und sehen Sie, schon ist Ihnen fad. Und es geht so weiter: Gleich werde ich Ihnen erzählen, wie ich brav jeden Tag mit dem Kind Flöte geübt habe, wie die Mimis ihr erstes Buch ganz allein ausgelesen haben, wie ich bei ebay vier Thonet-Sessel um kein Geld ersteigert habe, wie ich ein paar neue Sofakissenbezüge nähte und wie mir vorgestern ein Kärntner Reindling gelungen ist: und man wird das Weiße in Ihren Augen sehen und Atemluft wird explosionsartig zwischen Ihren Lippen entweichen. Phhh, ist das öd. Und mitleiderregend; diese bemühte Beweiserballung braver Bürgerlichkeit. Und diese traurigen Alliterationen, meinerseel.
Bitte, wenn Sie mir bei echten Peinlichkeiten zusehen wollen, das geht, das können Sie, lesen Sie bitte das Kleingedruckte. Und die Thonet-Sessel sind in Wirklichkeit wahrscheinlich eh keine, so ein Pickerl ist ja schnell aufgepickt, und schon am Donnerstag oder so wird der Horwath mich deswegen schallend belachen. Es wird schon wieder alles normal hier, passen Sie auf.
Doris Knecht liest und singt am 1. April mit The Literats, Josef Haslinger, Mieze Medusa u.a. in der Roten Bar im Volkstheater, 22 Uhr.
Am Dienstag wollte ich zur Vernissage von der Frau Widauer gehen, Babysitter organisiert, mit einer Freundin ausgemacht, alles, wusch mir in der Früh die Haare, und die waren dann so fluffig und ganz abnormal ansehnlich, dass ich mir die Frisur nicht mit einer Haube runieren wollte, ich radelte also ohne Haube ins Büro und ging dann nicht zu der Vernissage, weil ich den Abend dann doch lieber mit hundert Schneuztüchern, einem Thermophor und einem Fieberthermometer im Bett verbrachte. Aber ich hatte dabei die Haare sehr schön.
Immerhin musste ich wegen Heiserkeit auch nicht mit meinem Kind herumstreiten, das mit sechseinhalb in die Pubertät gekommen ist und nicht mehr mit uns spricht. Also noch weniger mit uns spricht als vorher schon nicht. Es schmust nicht mehr, es will nicht mehr gekitzelt werden, es will nur noch in seiner Hängematte liegen und ganz für sich und ganz laut „Was-ist-was“-CDs-hören, und wenn ich ihm zwischendurch eins von Schiepeks hübschen Melamintellerchen mit einem Buttertöstchen ins Zimmer stelle, brummt es: Hm, und jetzt geh wieder. Und mach die Tür hinter dir zu. Zuweilen kuschelt es sich an mich und drückt mir warme Küsse auf die Backe, dann will es außerhalb der verabredeten Zeiten einen Film anschaun. Wenn sich diese Investition nicht lohnt, reduziert es den Kontakt wieder auf böses Geschau und pampigen Befehlston. Jetzt heult es gerade „Papa, du verlangst zuviel!!“, und zwar, weil der Lange nicht und nicht einsehen will, dass einmal in der Woche baden völlig reicht.
Ich will nicht undankbar sein, aber andere Eltern haben nettere Kinder. Und oft zudem noch begabtere. Wo immer wir derzeit hinkommen, haben Eltern nette, begabte Kinder, die auf dem Klavier unaufgefordert fehlerfreie kleine Etüden spielen, anstatt gemein zu ihren Eltern zu sein. Na, gut, es sind auch welche darunter, die vorher und nachher gemein zu ihren Eltern sind, wofür die Etüden aber einigermaßen entschädigen. Was habe ich? Ich habe zwei Kinder, die sich an den Gastgeber-Tisch setzen und sagen, es tue ihnen leid, aber jedes der angebotenen Gerichte sei auf seine spezielle Weise grauslich und ungenießbar, verzehren oder auch nur probieren sei ganz ausgeschlossen. Nein, stimmt nicht, das tut-mir-leid lassen sie weg, sie sagen nur das mit dem ungenießbar und dem grauslich.
Auch im Unterschied dazu haben andere Eltern Kinder, die ihnen permanent Anlass geben, verzückt über diese zu sprechen, ungefragt zu betonen, wie gut sie dies und das können, diese Eltern zeigen auf ihre Kinder und rufen: Ist er nicht süß? Ure. Dabei sind meine Kinder schon auch süß, auf ihre ganz eigene Weise, und deppert sind sie auch nicht, sie können auch Sachen total gut, aber das Verklären von Kindern ist, finde ich, eher eine Oma-Disziplin. Ich komme ja mehr vom Sudern; und das, bei dem Weg, können meine Kinder absolut prima. Plus, sie haben sehr schöne Haare; nicht, dass Sie glauben.
Der Protestsongcontest manövrierte mich letzte Woche in einen Generationskonflikt hinein, und noch nie war es so definitiv: ich stehe jetzt auf der anderen Seite. Ich stehe jetzt bei den alten Säcken, die Jugendkultur nicht verstehen und Jugendkultur verhindern und sich deshalb bitte nicht über Jugendkultur äußern sollen. Auf keinen Fall sollten alte Säcke wie ich in der Jury des Protestsongcontests sitzen. Was hat die da verloren, lese ich bei den Postings (Postings lesen: immer ein Fehler) auf der FM4-Website.
Zum Beispiel: Alte Säcke wie ich haben ihn erfunden. Ohne uns alten Säcke gäbs den Protestsongcontest gar nicht, so ist es nämlich, und ihr kleinen Scheißer könntet nicht im Publikum stehen und uns ausbuhen, weil unsere Altesackheit so krass nervt, und euch danach darüber ausheulen, dass alte Säcke gewonnen haben. Woran ich übrigens völlig unschuldig bin, weil ich meine neun Punkte an die tüchtig jungen Squishy Squid gegeben habe. (Und nirgends steht, dass der PSC ein Kiddy-Kontest mit anderen Mitteln sei. Oder? Nein.)
Natürlich hat es überhaupt keinen Sinn, in dieser Kolumne Botschaften an die Jugend zu richten, weil die Falter-Kolumnen sowieso nicht liest. Um ein Uhr früh stand ich vor dem Rabenhof auf der Straße und wartete auf ein Taxi, schnorrten mich drei Zwanzigetwasse um Tschik an. Und ich war, ich sage es ungern, in der Position, ihrem Wunsch zu entsprechen; aber gerne, wo ihr mich doch vorher so nett ausgebuht habt. Oh, na, sagte der junge Herr, das sei er nicht gewesen, das war sein Bruder, könnten sie vielleicht zwei haben? Aber klar. Man begehrte zu wissen, was ich denn so mache, normalerweise? Ich sagte wahrheitsgemäß, ich schrübe Kolumnen. Wo denn? Kurier und Falter. Kannten sie nicht, aber eine der jungen Frauen meinte, Kolumnen, aha, dazu müsse sie sagen, wir fladerten ja doch nur ihre Ideen, also die der Jungen. Sie trug dazu eine putzige Brille aus den 1970er Jahren.
Aha. So also. Unablässig wird einem vorgeworfen, man verspießere, das sei, gerade angesichts dessen, wie man früher einmal gewesen sei, richtig gruselig, dieses aggressive Verspießern jetzt. Aber kaum tut man es einen Abend lang nicht, ist es auch nicht recht. Gar nicht recht ist es. Einmischung ist es, feindliche Übernahme von Ideen, die uns nichts mehr angehen. Geht’s heim, Greise, haltet euch raus.
Ich habe eine eigene Idee: Machts euch euren Protestsongcontest doch selber, in eurem eigenen, selbsteroberten altesäckefreien Jungemenschenlokal und überträgts ihn in eurem eigenen Radio. Derlei haben wir alten Säcke in eurem Alter gemacht, aber das braucht euch nicht zu interessieren. Uns ists eh wurscht, wir sind mit dem Verspießern hübsch ausgelastet und mit der Aufzucht jener Generation, die euch den alten Sack überstülpen wird, lange bevor ihr mit dem Jungsein auch nur annähernd fertig seid. Huachts zua: das ist bälder, als ihr denkt.
Neuer Plan. Die Mimis kriegen den Nintendo DS jetzt nicht mit acht oder zehn oder nie, sondern zum siebenten Geburtstag. Das beruht keineswegs auf innerer Überzeugung oder neugewonnener Einsicht, sondern ich weiche dem Druck all der anderen, vollkommen verantwortungslosen Eltern, die ihren Kindern längst Nintendo Dses gekauft haben und die jetzt meinen Kindern mit den Benefizien mehr oder weniger verkofferter Computerspiele das Hirn nachhaltig verbrennen. Wochenlang habe ich nichts anderes gehört als Nintendo DS, Nintendo DS und Mario Kart und Pokemonfürnintendo, und dass es übrigens auch ein Jamie-Oliver-Kochkurs-Spiel gebe, das sei ja wohl überhaupt nicht deppert, den ganzen Scheiß, wochenlang, und das gebe es jetzt auch in rot, so schön!, und kriege ich dann auch eins, vielleicht mit acht?, zum Geburtstag?, kriege ich?, kriege ich?, bittebittebittebittebittebitte!, und jetzt kann ich einfach nicht mehr. Der Lange auch nicht. Man wird es zeitlich beschränken. Sie dürfen aber nicht jeden Tag. Zwei Spiele pro Kind, und aus. Und für die Fahrten ins Waldviertel ist es sicher ganz praktisch. Undundund. So weichgedögelt sind wir, dass wir uns jetzt schon Gründe überlegen, warum das Klumpert auch noch gut sein sein soll, und in Wirklichkeit sind wir einfach alt und haben die Nerven nicht mehr. (Soviel dazu, dass man das Richtige tun muss: meistens sagen einem jetzt die Sechsjährigen, was richtig ist, so lange und hochfrequent, dass mans schließlich glaubt.)
Apropos richtig, falsch und ins Hirn einigedingst: Als Folge der Folge der Folge von war es am Sonntag notwendig, wieder einmal mit der Nikotin-Entwöhnung zu beginnen. Ist es nicht schön, wenn die schlimmsten Eiferer, die eiferndsten Bekehrten wieder Gefallen an ihren alten Lastern finden? Was heißt: wieder so voll hineinkippen, dass schon nach wenigen Wochen erneut ein Entzug notwendig wird. Nach mehreren schlaflosen Nächten, in denen mich verzweifelte, echoverzerrte Kinderstimmmen („Davon wird man touhouhout!“) peinigten und ich mir ein Lungenkarzinom in seiner ganzen, grausigen Schönheit imaginierte, besorgte ich mir Nikotinkaugummi, Geschmacksrichtung Freshmint. Die armen Mimis die davon nicht einmal etwas ahnen, weil ihnen Mutter ihren Rückfall in die Sucht aus Moralpredigtvermeidungsgründen („Davon wird man toooooot!!!!“) verheimlichte, werden nun ein paar Tage lang übel angegrantelt werden. Der Lange auch, aber da triffts wenigstens keinen Falschen.
Der Lange raucht heimlich auch schon längst wieder, besitzt aber offenbar ein Suchtkontrollgen, das es ihm erlaubt, zwischendurch jeweils tagelang ohne Zigarette überleben zu können. Dieses Gen fehlt mir, wie ich nach sieben Jahren totaler Nikotinfreiheit, die auf zwanzig Jahre totale Nikotinsucht gefolgt waren, erneut erfahren durfte. Und Sie werden gleich die Folgen davon kennenlernen, wenn Sie mir jetzt also bitte lieber aus dem Weg gingerten, ich bin gerade gar nicht gut drauf.
Du kriegst nicht immer was du willst. Das hat, hier ist eine kleine Rückschau in die überwundene festliche Saison nötig, eins der Mimis unterm Christbaum bemerkt: Es saß vor einem Geschenkberg vom Ausmaß der Aiger Nordwand und heulte wie ein Iltis, denn das Christkind brachte ihm keine Stifte und keinen Teddy. Erklärungen, dass es 47 Kuscheltiere besitzt und Stifte jeweils in der Sekunde bekommt, in der es darum fragt, erwiesen sich als unfruchtbar. Das hat es extra auf den Wunschzettel geschrieben! Ja, möglich dass ich einen der 116 Wünsche auf den 44 Wunschzetteln nicht so ernst genommen habe. Fehler. Immerhin kriegte auch seine Mutter nicht, was sie wollte, obwohl sie nur einen Wunsch immer wieder in ihren Wunschzettel hineingeschrieben hat: dass ihr Kolumnenbildnis weniger wie Cedric, 16 und mehr wie sie selbst aussehen möge. Aber der Falter heilte mich von meinem Irrglauben. Du glaubst noch ans Christkind? Hahaha. Ha. Jetzt nicht mehr.
Ich glaube aber auch nicht mehr daran, dass es einen Sinn hat, weitere höfliche Mails an den verantwortlichen Künstler, den Artdirektor und den Stv. Chefredakteur zu richten, da diese in jüngster Zeit die 100prozentige Tendenz zeigen, unbeantwortet zu bleiben. Auch die Idee, mich mit der Bitte, gemeinsam eine jeden begeisternde Lösung zu finden, freundschaftlich an den Chefredakteur und Herausgeber zu wenden, habe ich verworfen, seit ich den Chefredakteur und Herausgeber bei der Weihnachtsfeier nach langer Zeit wieder einmal traf und ein Gespräch begann, während welchem er die Lektüre der Zeitung nicht unterbrach.
Und jetzt glaube ich, ich will Cedric behalten. Denn je ohrenbetäubender das Schweigen wird, das meine Anfragen auslösen, desto weniger glaube ich, dass eine Kolumnenbildüberarbeitung zu meinen Gusten ausfallen würde. Erstens. Zweitens bin ich nun endlich in die Phase der Akzeptanz getreten: Nach den Phasen Ungläubligkeit, Realtiätsverweigerung, Wut und Trauer akzeptiere ich jetzt. Ich bin nun bereit, den unausgeschlafenen, extasyverkaterten kleinen Cedric da anzunehmen, ja: Cedric, ich nehme dich an. Denn drittens habe ich mich jetzt an den Kleinen gewöhnt. Was soll ich sagen, ich gewinne ihn lieb. Ich will, dass es ihm gut geht, ich will ihn beschützen. Wer wird sich um ihn kümmern, wenn er nicht mehr in meiner Kolumne wohnt? Wird ihn jemand aufnehmen, ihm Obdach geben? Der Falter? Glaube ich noch ans Christkind? Eben. Und viertens habe ich in letzter Zeit angefangen, zu reagieren, wenn ich mit Cedric angesprochen werde, Cedric? Ja?, er geht mir allmählich ins Blut über, er wird ein Teil von mir, meine Nasolabialfalte passt sich der seinen schon an und solange er nicht mehr als 49 Prozent von mir fordert, ist es ok mit mir.
Deswegen muss ich die freundlichen Offerte von mehreren Künstlern, die sich meiner erbarmten und die Anfertigung neuer Kolumnenbildnisse anboten, leider ablehnen. Danke, sehr nett. Aber Cedric und ich, wir sind jetzt eins.
Einmal mehr werden meine Toleranz und meine liberale Grundtendenz von zwei Sechsjährigen tüchtig strapaziert. Die Mimis wollen so Haube, wie sie der Joey und der Joel und sogar der Franz auch haben, so eine, die aussieht, als würden oben dicke Haare herauswachsen. Die Proll-Haube schlechthin also, und ich habe gesagt, was eine tolerante, tendenziell liberale Mutter in einer derartigen Situation sagt, ich habe gesagt: Nie. Im. Leben. Und dass das überhaupt nicht in Frage kommt. Und wie absolut beschissen diese Hauben aussehen. Und richtig, beschissen darf man nicht sagen, und auch deshalb brauchen wir gar nicht länger darüber reden. Und zwar selbst dann nicht, wenn es die Oma, mit der sich die Mimis geschickt auf ein Packerl gehaut haben, finanziert. Und auch dann nicht, wenn sie es aus ihrem eigenen Sparschweingeld bezahlen. Und nicht einmal dann, wenn ich mir jetzt jeden Tag anhören muss, was für eine herzlose, egoistische Mutter ich bin, die die Grundrechte ihrer Kinder auf selbstbestimmtes Aussehen beschneidet; das ist immer noch weit weniger schlimm, als wenn ich mich jeden Tag grausen und genieren muss, wenn ich meine Kinder mit diesen Hauben sehe.
Dabei ist es mir im Prinzip einerlei, was sie anziehen, solange es im Rahmen der klimatischen Vorgaben stattfindet, also keine Glitzerballerinas bei Schneelage und keine Schipullis bei Temperaturen über dreißig Grad, selbst wenn es sich jeweils um das einzige Kleidungsstück handelt, in dem ein Kind in Würde vor seine Schulkameraden treten kann. Und keine Leiberl, die in Bauchmitte aufhören, aber das ist meine Schuld, weil ich es nie schaffe, das zu kleine Zeug rechtzeitig auszusortieren. Es ist einer der Vorsätze fürs neue Jahr, ein, wenn schon nicht ordentlicher, so doch ein Mensch zu werden, der allen Ballast von sich und seiner Familie ab- und aus seiner Wohnstatt, wirft, sich immer auf der Stelle von allem losmacht, das nicht gebraucht wird und es umgehend guten Zwecken oder der städtischen Müllabfuhr zuführt. Was unsere Wohnung um gute 25 Quadratmeter vergrößern würde.
Allerdings handelt es sich dabei um den guten Vorsatz der letzten 15 Jahre mit bislang unterdurchschnittlicher Erfolgsbilanz. Immerhin habe ich kürzlich eine Tonne Spielzeug aussortiert, für das die Mimis längst zu groß sind, leider steht es jetzt seit drei Wochen vor der Tür und wartet darauf, dass ich es endlich dem dafür vorgesehenen guten Zweck zuführe. Was, wie ich glaube, einer der Gründe dafür ist, dass ich seit gestern mit brutalen Rückenschmerzattacken zu kämpfen habe. Das Unerledigte, so lernte ich es von meiner Osteopatin, konzentriert sich beim mir in der Wirbelsäule: Andere machen über das Unerledigte lustige Prokrastinationswitze und schreiben heitere Wie-mogle-ich-mich-durch-Ratgeber; ich komme nicht mehr vom Sessel hoch. Aber sobald ich wieder aufstehen kann, erledige ich das und werde ein besserer Mensch, keine Frage, gar keine Frage.
Ich war eh brav. Einmal den Weihnachtsmarkt überlebt, zweimal mit den Kindern Kekse gebacken, drei Mal Adventlieder am Kranz gesungen. Kaum ausgewesen; Einladungen tapfer ausgeschlagen. Doch, ich war bei Peter Fox und klemmte in der Arena zwischen einer Million transpirierender Zwanzigjähriger, die alle überaus textsicher „Haus am See“ mitsangen. Daran erkennt man, dass es wurscht ist, ob der Künstler englisch oder deutsch singt, das Jungvolk versteht Songtexte nicht einmal, wenn sie in der Muttersprache vorgebracht werden.
Ich meine, wenn ich „Haus am See“ mitsinge: gut, das könnte man, auch wenn man es mir nicht ansieht, auf eine altersbedingte Lebenskrise schieben oder die Einsicht, dass es nun eben soweit ist, dass man sich Gedanken über Altersvorsorge macht, egal wie oft man sich in Twentysomethingskonzerte schwindelt und so tut, als gehöre man noch da dazu. Aber mit zwanzig sollte man doch eigentlich noch ein bisschen zu jung sein für utopische Fantasien über ideale Vergreisungsstrategien; diesfalls finanziell gut abgesicherte, denn bei dem von Herrn Fox bedichteten Altersheim handelt es sich eine Immobilie am Wasser. Außerdem hat Fox in seiner Fantasie eine schöne Frau und zwanzig Kinder, damit kann ich jetzt nicht soviel anfangen, wie mit dem, dass alle Freunde vorbeikommen und Schnaps trinken, während die Mamas kochen.
Wobei: Welche Mamas jetzt eigentlich? Egal. Im Prinzip kann man es aufs Waldviertel umlegen, vor allem, was den Schnaps betrifft, weil irgendwann muss man sich für die Millionen Tonnen Äpfel eh etwas Gescheites überlegen, wenngleich jetzt nicht die Jahreszeit dazu ist. Und obwohl im Waldviertel die Papas kochen, tatsächlich gibt es eine entschiedene Kochkonkurrenz zwischen den Papas, die alle einen großen göttlichen Kochauftrag in sich fühlen und sich mit ausgefeilten Gerichten, verlässlich auf zünftiger Fleisch-und-Soße-Basis, kerneske Kochturniere liefern. Die Mamas und ihre Speckrollen profitieren davon unheimlich, deshalb ist es gut, dass wir den Winter in der Stadt verbringen. Im Sommer und im Herbst, und hoffentlich auch an dem des Lebens, geht es praktisch permanent um die Frage, wer nächstes Wochenende kocht. Ich! Nein: ich! Nein, der Maurizio! Der kommt am Sonntag und bringt zwei Lammhaxen! Ich glaube zum Beispiel, dass wir nicht bei den Mosers zum Nikolaus eingeladen sind, weil wir dem Moser seine wirklich schöne Idee, auf unserem Herd sein kollossales Ossobucco zuzubereiten, versenken mussten, weil dort schon ein Hirsch im Saft simmerte. Eine derartige Zurückweisung kann in einem Mann lange arbeiten. (Ungefähr so lange wie ein misslungenes Kolumnenbild in einer Frau, die das bitte gerne geändert hätte). Zum Glück sind wir schon längst bei den Ritters eingeladen, wo wir den Leberkäse und den Erdäpfelsalat selber mitbringen, weil die reißen sich nicht ums Kochen. Über derlei müsste Peter Fox einmal dichten, mal schauen, wer da mitsingt.
Sedlacek macht mich in seinen Mails zur Sau, es ist kein Spaß mehr. Nicht, dass Spaß eine Kategorie wäre. Spaß ist etwas für Anfänger, für Großraumdiskobesucher. Wir Postspaßgesellschafter haben schon lange keinen Spaß im Sinne von Spaß mehr, wir packen höchstens den Moment, wir spüren uns höchstens, wir lassen uns höchstens einmal so richtig gehen; mit großer Ernsthaftigkeit und Hingabe und Respekt für den Kater danach. Großer Exzess, großer Kater, großer Schmerz. Ehrliche katholische Büßerei; dem ein nahezu ritueller Zwang zu neuerlichem Exzess, Kater, Schmerz immanent ist. Entsagung aus Vernunft, abwaschbarer Spaß ist etwas für Protestanten und andere Schweizer. Ich: Ich spaße nicht. Also, nicht, dass ich allzu häufig nicht spaßte; eine Selbstmörderin bin ich auch wieder nicht. Außerdem, zugegeben, das Problem von so einen ausgewachsener Kater ist, dass er vielleicht ganz gut im Kreise derer kommt, mit denen man ihn großgezogen hat, und die sind für gewöhnlich andernfrühs um sechsfünfzehn nicht anwesend; plus man muss zwischen neun und elf zum Buchstabentag in eine der Mimi-Klassen, um dort mit Erstklässlern zu lesen und als Buchstabenimpersonator kläglich zu vesagen. Verdammt, das hatte ich vergessen. Mehr Kaffee. Wo sind die scharfen Kaugummi.
Er ist wütend auf mich, Sedlacek, er hat mir ein langes, betrunkenes Mail aus Moskau geschickt, das war so ernsthaft und ehrlich und berührend und tiefsinnig, dass ich darauf nichts zu erwidern wußte. Es ist leicht mit Sedlacek zu kommunzieren, solange er an der Oberfläche bleibt, wo er sich normalerweise so aufgehoben und sicher fühlt, dass er sie nach Möglichkeit nie verläßt: das ist seine Matrix, seine natürliche Umgebung. Da ist er leicht zu parieren und seine Angriffe prallen an mir ab wie meine Angriffe an ihm abprallen wie Tischtennisbälle, es ist ein leichtes Spiel, für uns beide. Das Moskau-Mail passte nicht dazu, plötzlich war ich die Oberflächliche, die Geistlose, die die nicht fähig und willens war, sich auf einen komplexeren Gedankengang einzulassen, und das ist nicht, wie sich Sedlacek und ich uns die Welt aufgeteilt haben. Das war so nicht ausgemacht. Ich habe nicht darauf geantwortet, zehn Tage nicht, und dann habe ich geantwortet, und zwar auf dieses Mail und damit das Falsche, weil Sedlacek war längst wieder da und wieder woanders und wieder da, und jetzt prügelt er mich in durch Sonne und Mond, beschimpft mich, bestraft mich: erstens für meine Ignoranz, zweitens natürlich dafür, dass ich ihn beim Tiefgang ertappt und den Beweis für seine Zurechnungsfähigkeit immer noch in meiner Mailbox habe. Wenn das jemand erfährt, dass Sedlacek einen Charakter hat. Nicht auszudenken.
Permanent muss man aufpassen, dass die Kinder nicht mit irgendwelchen völlig degenerierenden Medien und Medienprodukten in Kontakt kommen: es ist total nervig. Am Samstag am Land schaffen wir es endlich einen Tisch in einem der Handvoll akzeptabler Gasthäuser im Waldviertel zu bekommen; gemeinsam mit den Polzes und den Horwaths und den Hofingers, die auf Besuch sind, und wir müssen nicht einmal die Kinder mitnehmen, weil der Nachbarsvierzehnjährige hat sich zum Babysitten überreden lassen. Vierzehnjährige brauchen immer Geld. Leider beginnt der Abend suboptimal; denn der kleine Horwath ist ein liebes, nettes Kind, solange er seinen Willen bekommt. Wenn nicht, nicht. Zum Beispiel ist es nicht der Wille des kleinen Horwath, dass während der Eltern-Abwesenheit „Bullerbü“ geschaut wird, weil er der Ansicht ist, „Bullerbü“ sei etwas für Babies und kleine Mädchen; der kleine Horwath ist härteren Stoff gewohnt. Und der kleine Horwath ist gewohnt, dass geschieht, was er bestimmt, bloß steht es diesmal drei zu eins für „Bullerbü“. Der kleine Horwath hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz, und ich muss erst einmal in die Knie gehen und ihm mit großer Eindringlichkeit klarmachen, dass er zu mir sicher nicht „Blödmann“ sagt. (Früher, als der kleine Horwath drei oder vier war, bebrüllte er den jeweiligen Diskursgegner als Seistwodl: Schön sprechen, Kleiner, das heißt Scheißtrottel, und das sagst du auch nicht zu mir.) Es ist aber unwahrscheinlich, dass er mich hört, weil er gerade sehr viel Blut im Kopf hat, das rauscht in den Ohren, und die Mimis fangen auch noch an zu weinen, weil das Gederwische und Gekreisch des kleinen Horwath sie erschreckt. Deshalb auch „Bullerbü“; die Mimis haben eine sehr niedrige Gewaltaffirmationstoleranz, medial und real, und als sie im Sommer einmal, eh gegen meine Überzeugung, „Harry Potter“ geschaut haben, weil die Mosers gesagt haben, das wäre ein total harmloser Babyfilm, den auch ihre dreijährige Tochter schon schaut, brachen Sie danach spontan in Tränen aus und hatten nächtelang Alpträume. Und ich verstehe das überhaupt nicht und werde das nie verstehen, warum aufgeklärte Eltern ihre kleinen Kinder bewusst solchen Bildern voller Bedrohung und Gewalt und Angst aussetzen. Ich bin ein großer Fan der netten Harmlosigkeiten von „Bullerbü“, und beabsichtige, es zu bleiben. Diverse Drohungen der Horwathin später ist auch der kleine Horwath bereit für „Bullerbü“, der Nachbarsbub hat die DVD und vier Telefonummern schon in der Hand und ist über Allfälligkeiten instruiert. Wie wir drei Stunden später heimkommen, sitzen alle Kinder um des Nachbarsbuben Laptop (der vorher noch nicht da war), und als ich das Zimmer betrete, sagt der kleine Horwath gerade: „Kannst du den noch schnell töten?“ Nein, kann er nicht. Weil jetzt ist erst einmal er dran.
Zwei Wochen lang fanden die Kinder die Schule supsi: neu, spannend, interessant, uraufregend. In der dritten wurde ihnen klar, dass das jetzt immer so sein wird. Immer so früh aufstehen, immer rechtzeitig da sein, immer vier oder fünf Stunden Unterricht und danach immer Hausaufgaben. Es ist praktisch ein Schock. Macht sie muffig, patzig, aggressiv und wenn man einmal die Stimme auch nur ein halben Milimeter erhebt, fangen sie hysterisch an zu heulen, aber so hysterisch. Dabei sind sie Lautstärke gewohnt, bei uns sind alle laut, aber jetzt muss man als Erziehungsberechtige ganz leise sein. Ganz sanft. Meine Mutter sagt, das schadet nichts, das senkt euren Gebrüllpegel endlich ein bisschen, und dass ich vom Hinunterschlucken von dringlich veräußerungswürdigem Hochdruckgekeppel wahrscheinlich ein Magengeschwür kriege, ist ihr wurscht. Und die Mimis geben mir zu Gekeppel vielerlei Anlass: Ess ich nicht, trink ich nicht, mach ich nicht, will ich nicht, zieh ich nicht an, räum ich nicht auf. Nein, nein, nein, nein; wenn man überhaupt eine Antwort kriegt. Eine der Mimis hieß mich gestern dumme Kuh, das hätte sie früher nie gemacht, ich bin bitte ihr Idol, und ich habe sie, wie ich es aus der TV-Debatte HC gegen VdB gelernt habe, hypotisch angeflüstert: wenn ich das noch einmal höre, gibt’s kein kein kein... kein Irgendwas, du wirst du es jedenfalls bereuen. Die Schule macht uns fertig. Führt dazu, dass ich mir Sanktionen ausdenken muss. Aber wie sanktionierst du Kinder, die sowieso nicht computerspielen dürfen.
Computer, by the way, Abt. Gameboy: Es gibt im Hort einmal im Monat einen Gameboytag, da dürfen alle, die einen haben, ihren Gameboy mitbringen, und alle die keinen haben, wollen am Abend auch einen. Ich habe beim Elternabend gesagt, wenn ich einmal etwas sagen darf, ich bin unheimlich dagegen. Alle anderen schauten nicht mal hoch; nächster Punkt. Ich sagte noch einmal, ich bin übrigens strikt gegen den Gameboytag, und da erbarmte man sich meiner und erklärte mir in mitleidigem Ton, wie wichtig es sei, die Kinder einen vernünftigen Umgang mit modernen Massenmedien zu lehren. Gehöre nun mal zum Alltag; verbieten bringe nichts. Verbieten bringt wohl was, ich verbiete seit Jahren mit großem Erfolg und beabsichtige nicht, mein Konzept zu ändern, was durch den Gameboytag allerdings massiv verkompliziert wird. Im Gegenzug werde ich beim nächsten Elternabend vorschlagen, auch einen monatlichen Drogen-Tag einzuführen, an dem die Kinder ihre Zigaretten und Alkopops mit in den Hort bringen dürfen, was ich circa gleich schädlich finde wie Computerspiele: aber sie kommen ja doch früher oder später doch in Kontakt damit, besser man lehrt sie rechtzeitig einen vernünftigen Umgang mit dem Zeug. Verbieten bringt doch nichts.
Und Sie brauchen jetzt gar nicht zu sagen, dass die Kinder ihren Hang zum Hysterischen schon irgendwo herhaben... Ich habe schon eine Mutter, die mir revanchistische Referate hält, herzlichen Dank.
21.09.08
Das glaubt dir normal nicht einmal eine Zweijährige
Wie uns der Fink am Land besuchte und doch kein Haus kaufte, trug er ein pakistanisches Nationalgewand; weiße Pluderhose, knielanges weißes Hemd, dazu Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler und eine Siebzigerjahre-Pilotenbrille. Er klapperte einmal quer durchs Dorf und wieder zurück, und jetzt großes Aha. Aha, die gehören also zu einer Sekte! Die ganze Partie, die Horwaths, der Polz und seine Freundin, und die neuen da; alle Sektenheinis! Haben wir gleich gedacht, dass mit denen was nicht hui ist.
Dabei sind wir bestensfalls eine Art WG auf ein paar Tausend statt 237 Quadratmeter wie früher; und jetzt halt eine WG mit den Mitteln einer Wochenendagargemeinschaft: Früher haben wir mit illegalen Lustigmachern experimentiert, jetzt experimentieren wir mit Honigschleudern und Saftpressen. Plus es gibt jetzt auch Kurze, das gab es früher auch nicht, weil früher hätte keine Mutter mit einem Eitzerl Verantwortungsbewusstsein einen Minderjährigen in unsere Nähe gelassen und wir keinen Minderjährigen in die Nähe unserer Gitarren-, Platten- und Fanzine- und Tätowiernadelsammlungen. Wenn du das angreifst, Kleiner, bist du erledigt. Wie Leute wie wir an eine Erziehungsberechtigung kommen, kann ich mir bis heute nicht genau erklären, aber am Wochenende saßen 13 Kinder unter der Laube vom Horwath, aßen Nudeln mit Bambisoße und ließen sich von uns belügen. Das war ein irre altes Reh, eine Rehgreisenurli! Die hatte ein urlustiges Leben mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln und ist dann von selber im Wald tot umgefallen! Das glaubt dir normal nicht einmal ein Zweijähriger, aber je hungriger das Kind, desto empfänglicher ist es für Lügen, selbst wenn sie so miserabel sind wie die. Und ich bin der Meinung, dass manche Wahrheiten noch warten können: beziehungsweise: Sie wissens in Wirklichkeit eh. Und sie finden es selber entlastend, dass sie noch so tun dürfen, als wüssten sie´s nicht. Wie beim Christkind; wenngleich meine Idee, ihnen heuer in aller Vorsicht die Wahrheit zu sagen, von der Realität bösartig hintertrieben wurde: Vorgestern in der Früh wurde uns auf nüchternen Magen mitgeteilt, man wisse übrigens wer das Christkind sei: IHR! Öh, aso, naja, hm, stimmt; seid ihr jetzt traumatisiert? Waren sie aber nicht. Scheint ihr Weltbild nicht zu ruinieren. Hätte man wohl schon früher machen können, wollte man auch, aber andere Eltern baten einen händeringend, derlei zu unterlassen, weil was eins weiß, wissen alle. Also, wenn es jetzt dann alle wissen: ich kann nichts dafür; von mir haben sie es nicht.
Was jetzt auch alle wissen, also im Dorf: Dass diese Wiener, die das Dings-Haus gekauft haben, die von der Sekte, an Sonntagen noch zu Mittag vollzählig in fleckigen Pyjamas anzutreffen sind, vor Bergen Geschirrs: der örtliche ÖVP-Mann, der mit einem pröllvollen Papiersackerl unvermittelt in unserer Küche stand, wird schon berichtet haben. (Bitte, die Pumpe hat nicht funktioniert! Wir hatten kein Wasser!) Na, ich sags euch, mit denen ist was nicht hui.
Es fielen in der ersten Schulwoche Entscheidungen. Erstens wählte ein Mimi für den ersten Schultag ein blumengemustertes Frottee-Kleid, das die Hofingerin, 42, im Alter von fünf Jahren sehr oft getragen hatte. Auch das andere Mimi bediente sich in den frühen Neunzehnsiebzigern und entschied sich zum Schulantritt für ein schwarzes Leiberl mit dem Bildnis eines weltberühmten Drogentoten, verschieden 1971 an einer Überdosis Heroin. Die Horwathin hat ein bisschen geschaut.
Zweitens entschied sich das eine Mimi dafür, am Religionsunterricht teilzunehmen, während das andere Mimi – Gott gibt’s ja gar nicht, ist doch alles nur ein Märchen – zum Religiösen ein kritisches Verhältnis pflegt. Es gab zu diesem Thema vor ein paar Wochen im Waldviertel einen kleinen Disput zwischen dem Horwath und mir, was die Breußin einen „kollossalen Streit“ nannte, aber Horwath und ich sehen das gelassener. Weil der Horwath sagt, bei einem korrekten Streit ginge ja die eine Seite auf die Argumente der anderen Seite ein, und ich sagte, ja, wenn es ein Argument ist, aber das war kein Argument, das du da vorgetragen hast, das war geistesgestört. Siehst du, sagt der Horwath. Es wäre jetzt zu kompliziert, die Sache zu erklären, aber der Horwath wählte ein außerordentlich drastisches Bild, um klarzumachen, wie er, der sonst mit dem kleinen Horwath einen derart liberalen Umgang pflegt, dass er selbst das Wort „Erziehung“ engagiert verachtet, nicht einmal im Traum daran denkt, sein Kind selbst entscheiden zu lassen, ob es in Religion will oder nicht. Religion und alles Religiöse lehnt der Horwath umfassend ab. Religion kommt für den Horwath und somit auch für den kleinen Horwath nicht in Frage, und das, obwohl sich der kleine Horwath in erheblichem Maß für Religion interessiert. Was freilich wiederum damit zu tun haben könnte, dass der Horwath das Badezimmer seines Landhauses mit Dutzenden alten Bildern von nicht durchwegs glücklich dreinschauenen Heiligen quasi zutapeziert hat, und während ein Kind am Klo sitzt und auf diese Heiligen blickt und die Heiligen auf ihn, drängen sich dem Kind natürlich dazu ein paar Fragen auf. Die der Horwath aber auf keinen Fall von einer Religionslehrerin beanwortet wissen will.
Drittens entschied sich das eine Mimi dann doch gegen die Religion; und zwar ganz ohne mein Zutun. Aber es ist mir, marantjosef, eher sehr Recht.
Wieder Stadt. Und fängt ja gut an, denn die Pfeifen aus dem dritten Stock haben inzwischen den Aufzug ruiniert, fanden es aber unnedig, wegen so einer Kleinigkeit die Hausverwaltung zu informieren. Sechs mal sechs Stockwerke mit Gepäck: sehr gesund, vor allem nach einem Monat Bier, Brot, Speck, über offenem Feuer verbrannten Käsekrainern im Dutzend und Serien-Nudelessen. Das Landleben ist nur punktuell gesund; spitzenmäßiger Frischluftfaktor, aber ernährungsmedizinisch eher im bedenklichen Bereich. Das muss jetzt anders werden, dafür gibt es zahlreiche Gründe, über die ich nicht sprechen möchte, plus sind die Mimis ab sofort Schulmimis.
Das Wochenende verbrachten wir damit, in der Stadt die letzten zwei verstaubten Schultüten aus einem Schaufenster heraus zu erobern, weil Schulantritt ohne Schultüte ist heutzutage undenkbar, und mit einer selbergebastelten Schultüte zu erscheinen gilt unter Schulbeginnern, wie mir die Mimis erklärten, während sich in ihren Augen Tränen der Enttäuschung zu Glühbirnengröße aufbliesen, eine Schmach, die in ihrer zarten Kinderseele bis minimum Matura untilgbare Flecken hinterließe. Die Mimiseelenunversehrtheit kostet mich Euro 25,80, die Füllung der Monsterstanitzeln nicht eingerechnet, aber mit mir kann mans ja machen. Danach pickten wir stundenlang winzige Etiketten mit den Namen der Mimis auf jeden einzelen Blei-, Bunt-, Wachsmal- und Filzstift, das muss man heute, die Lehrerinnen habens in ihren teilweise mehrseitigen Manuals, was für die 1. Klasse zu besorgen sei, ausdrücklich befohlen.
Und, apropos Ernährung, wir testeten, wie das in gesunden Familien zu Schulbeginn gang und gäbe ist, gesunde Jausen, mit dem Ergebnis, dass die Mimis nun Montags, Mittwochs und Freitag Salamivollkornbrote mit Gurkerl und Dienstags und Donnerstags Putenschinkenvollkornbrote mit Gurkerl schuljausnen werden, mehr Diversifizierung ins Gesunde ist nicht drin, die anderen acht Probebeläge waren nämlich, so die Mimis, einem Schulkind absolut nicht zumutbar. Eventuell noch eine Traube und ein winziges Streiferl Karotte dazu, okay. Nein, den Thunfischaufstrich probier ich nicht, ich bin ja nicht lebensmüde. Nein, Avocado auch nicht. Käse?! Topfen mit frischen Kräutern?!? Spinnst du? Nein, koste ich sicher nicht. Nein, auch nicht, wenn ich dafür Schokolade bekomme. Nein, ich geh jetzt in mein Zimmer und heule dort so lange laut und elendiglich, bis mein guter Vater sich erbarmt, und mir die Schokolade auch ohne vorangehende Makrobiotikfolter verabreicht. Aber immerhin: Sie hätten auch den Putenschinken ablehnen können. Läuft doch gut.
Nachdem der Lange auch eine Tonne fauliger Klaräpfel aufgehoben hat, drängen sich ihm spontan ein paar Fragen auf. Brauchen wir wirklich so viele Apfelbäume? Oder darf ich die umhauen? Vielleicht dass wir statt dessen ein paar eilige, fruchtlose Schattenbäume pflanzen? Aber darf ich dann zumindest mit dem Astzwicker alle äpfeltragenden Äste abzwicken? Also alle?
Ja, nein, nein, nein und nein; obwohl ich dich wirklich nicht frustrieren möchte, Honey, denn ich bin über dein Engagement total erfreut, ehrlich.
Obwohl es, apropos Engagement, einige unschöne Szenen in der, so der Lange, Pipifax-Abteilung von Ikea gab. Das drückt der Lange einfach nicht durch. Da zuckt er aus. Das ist immer so. Wir schaffen es relativ geräuschlos und sozial unauffällig durch den oberen Stock, ich mit einer Einkaufsliste, der Lange mit schlechter Laune und einem gelben Ikea-Sack über der Schulter. Aber unten bei den Vorratsgläsern und/oder Sofakissen dreht der Lange regelmäßig durch.
WOZUBRAUCHENWIRDENSCHEISS! Bedauerlicherweise habe ich dann auch schon nicht mehr die Nerven, um sehr gelassen folgenden Text vorzutragen: Also, Langer, wenn du mit einem Buch flach auf der Couch lägst, denkstest du dir: Wärs nicht schön, ich hätt ein Kissen, ein Kissen wär jetzt wirklich fein. Das liegt und liest sich nicht gut, so ohne Kissen. Und eine Leselampe wär auch nicht schlecht. Und genau das ist dir noch nie passiert. Noch nie bist du im Dunkeln flach auf einer Couch gelegen und musstest über Mangelwirtschaft nachdenken, weil warum. Jemand hat sich gedacht: Wärs nicht schön, man hätt ein Leselicht und ein Kissen, wenn man mit einem Buch auf dem Sofa liegt. Jemand ist in eine Scheißpipifaxabteilung gefahren, hat vor den Leselampen und den Sofakissen hin und her erwogen, hat sich dann ohne Geschrei für welche entschieden, hat sie ins Wagerl gelegt und zur Kassa gefahren. Ist weiters dort angestanden, ohne der Frau vor sich das Wagerl mit voller Absicht in die Kniekehlen zu rammen oder die Kassierien anzupflaumen, hat das bezahlt, hat das in den Kofferraum getan und heimgefahren, hat das aufs Sofa gelegt und überm Sofa montiert, und bald darauf musste sich ein Langer keinen einzigen Gedanken darüber machen, wie schön es wäre, wenn er zum Lesen ein Licht und Kissen hätte. Weil er hatte es. Das selbe gilt für Vorratsgläser, Servietten, Schmortöpfe, Besteckkästen, Kindermatratzen, Lattenroste, Spannleintücher und Duschvorhänge: Es ist nicht schlecht, wenn sich jemand überlegt hat, dass es schön wäre, wenn sie da wäre, wenn man sie braucht.
Stattdessen brülle ich: Mensch, Langer, du Depp, reiß dich ein bisschen zusammen, wir sind eh gleich durch! Und sei froh, dass du dich nur darum kümmern musst, dass du am Land auch sicher deinen feschen kleinen Übungsverstärker parat hast, was ja der zentrale fack Einrichtungsgegenstand für ein Familien-Wochenendhaus ist! Verdammt!
An der Kassa kann ich gerade noch das Wagerl abfangen, das der Lange der Frau vor uns in die Kniekehlen rammen will, übernehme die gesamte Kommunikation mit der Kassiererin und ordne das Gekaufte im Auto so an, dass ich schlussendlich doch noch mitfahren kann, was der Lange eigentlich nicht mehr vorgesehen hat. Du wolltest schließlich unbedingt die unnedigen Lattenroste für die Kinderbetten, jetzt schau, wie du heimkommst. Jaja, geh weg, ich mach das schon.
Man hätte, wenn man ein Haus im Waldviertel besäße, vielleicht auch eine Pumpe, weil das Wasser aus dem eigenen Brunnen käme. Und die Pumpe könnte nicht funktionieren, wenn man am Samstag das Wasser anmachen wollte; nichts, niente. Der Horwath, der sich mit Pumpen auskennt, würde erste Anzeichen von Reue zu verbergen versuchen, dass er damals mit dem Finger auf dieses Haus gezeigt haben würde, wäre das nicht etwas für euch? Jetzt musste er, weil der Lange Kettensäge nicht kann, schon Bäume fällen, dann waren seine Fähigkeiten beim Autoanschieben gefragt, dann seine Kenntnisse des Siphons, jetzt auch noch die Pumpe. Das kann ja noch bravo werden.
Doch wenngleich des Langen Fertigkeiten beim Thujenkillen und bei der Pumpeninstandsetzung stark verfeinerbar sind, ist er überraschend gerne Nebenniederösterreicher und zelebriert das mit launigen Lesungen aus der NÖN und dem regionalen Bezirksjournal. Es werden hier noch Linden und Autos gesegnet, und zärtliche Landwirte mit tiefer Sehnsucht nach Neubeginn suchen ihr Äquvivalent. Der Lange ist vom Landleben wesentlich angetaner als er prophezeit hat, er würde nämlich, hat er prophezeit, das Scheißlandleben scheißmäßig hassen und, nur damit ich mir keine Illusionen machte, alles was ich dort von ihm zu sehen bekommen würde, sei seine auf einem Liegestuhl dahingestreckte Silhouette, er rühre dort keinen Finger. Außer die, die nötig seien, dass einem die Zeitung nicht aufs Gesicht fällt. Und so weiter, der Lange halt. Seit ihm aber aufgefallen ist, dass die Kinder am Land in dem Augenblick verschwinden, in dem man dort die Autotür aufmacht und er nun jedes Wochenende keine Minute am Spielplatz und im Prater verbringen muss, ist er mit dem Landleben versöhnt. Ich würde so weit gehen zu behaupten, der Lange liebt das Landleben, und wenn er die Zeitung ausgelesen hat, greift er nun freiwillig zum Astzwicker. Denn die Möglichkeit, seinen irgendwie angeborenen Zerstörungsdrang, den er bisher nur in Familie, Freundeskreis und Beruf ausleben durfte, auf die Natur auszuweiten, hat sogar über seine natürliche Abscheu gegenüber jeglicher handwerklicher Betätigung gesiegt. Der Astzwicker ist das neue Werkzeug des Langen, und mit ihm fand der Lange sein Mantra: Das muss weg. Der Horwath sagt, er findet, der Lange ist jetzt viel ausgeglichener.
Sorgen macht mir, dass es beim Horwath, der gerade in Imkermontur auf seinem 15er Steyr-Traktor an meinem Gartentor vorbeiknattert, auch mit einem Astzwicker angefangen hat. Oder mit einer Gartenkralle oder derlei. Es fängt immer klein an, und bald wird der Lange seine Bäume mit seinem eigenen Caterpillar umschmeißen, aber das behalte ich jetzt einmal für mich.
Im Kaffeehaus kriegen sich der Horwath und der Lange jetzt zum Thema Sonnenengergie in die Haare. Gut, wir sind alle ein wenig aufgewühlt, weil wir eben unsere Kinder in einen Bus gesetzt und ins Sommerlager verschickt haben. Es war nicht unser Wunsch, es war der Wunsch der Mimis. Ich hatte viele Einwände, die ich ihnen gegenüber unausgesprochen ließ: Was, wenn etwas passiert? Was, wenn ihr Heimweg bekommt? Weil ich hatte im Lager immer Heimweh, und es war immer schrecklich, und am zweiten oder dritten Abend musste ich immer abgeholt werden. Aber zumindest im Vorfeld zeigten die Kinder keinerlei Anzeichen von übermäßiger Sentimentalität gegenüber ihrer Herkunftsfamilie; zählten wochenlang die Nächte bis Sommerlager und wachen am Abreisetag mit leuchtenden Augen auf. HEUTE! Die Mutter hat sauschlecht geschlafen und muss sich das angemessene Strahlen mit einiger Anstrengung ins Antlitz schnitzen. Heute. Was, wenn ich Heimweh bekomme?
Dann stehen wir am Reisebus und winken unseren Kindern zu. Eins weint; zum Glück keins von unseren, sondern das von den Szene-Wirten, die ihrem Kind, obwohl ihnen gar nicht danach ist, entschlossen entgegenstrahlen: Durch die begeistert gefletschten Zähne zischt der Szene-Wirt, dass der blöde Bus jetzt bitte bitte bitte endlich fahren soll, er hälts nicht mehr aus, gleich heult er auch. Eins der Mimis winkt nicht einmal zurück; keine Zeit, aber wie der Bus endlich startet, bin ich trotzdem froh, weil lange hätte ich mein Grinsen auch nicht mehr derhalten.
In dem Moment kommt auch der Kabarettist unter Gekeuche um die Ecke gerannt und kann seinem Kind, das von dessen Mutter geliefert worden war, gerade noch zuwinken. Wir applaudieren herzlich: schöne Vorstellung, Herr Künstler, Gott zum Gruße! Der Kabarettist kommt akut von irgendwo am Land, er hat einen Rucksack mit Gehstöcken dabei, sieht aber das Gegenteil von erholt aus und formuliert im Kaffeehaus entschiedene Einwände, als der Ober findet, die Bestellung werde erst aufgenommen, wenn alle parat seien. Nix da, gleich Kaffee. Dann geraten der Horwath und der Lange aneinander: kriegt man jetzt, wo der Photovoltaik-Klimafonds leer ist, noch eine Förderung für eine Strom- oder Warmwassersolaranlage? NEIN, ruft der Horwath, JA! ruft der Lange!, und wieder einmal fallen die Worte Dummkopf, Dodel und Depp. Muss man aber nicht so ernst nehmen. Ihr seid jetzt Nachbarn, da im Waldviertel, oder?, grinst die Szene-Wirtin, und der Horwath brummt, dass, na, zum Glück noch ein alter Bauer seinen Hof dazwischen habe, der sei nämlich geistig weit flexibler als dieser Sturschädel da. Wer redet, sagt der Lange.
Denn als Nebenniederösterreicher ist man umweltbewusst, macht sich Solarzellen aufs Dach, und es werden, wie wir später recherchieren werden, beide Sturschädel Recht gehabt haben. Aber jetzt im Kaffeehaus reden wir dann lieber wieder über die Kinder, und was wir machen, nun, wo sie nicht da sind.
Apropos Gartenbau: In der Serie „Men in Trees“ bezog Fräulein Frist diese Woche eine eigene Hütte in ihrem Exil in Alaska, wurde infolgedessen von ihrem Love-Interest mit einem Bäumchen für ihr Gärtchen beschenkt und juchzte wiederholt, was das nun für ein wunderbarer Baum sei. Ein wunderbarer Baum sei das und noch viel wunderbarer werde er werden, wenn er erst groß sei. Daran sieht man, dass „Men in Trees“ völlig zurecht eingestellt wurde, denn der Baum war eine Thuje. Und wenn ich zum Beispiel letzte Woche mit dem Langen eine Hütte im Waldviertel gekauft hätte, hätte ich relativ schnell darauf geschaut, dass von den zehn oder zwölf Thujen bald einmal drei bis vier verschwinden. Auf jeden Fall aber die Hecke am Eingang, die den Rosen Schatten machen würde. Und die Riesenthuje hinterm Haus, die die Morgensonne beim Birnbaum verstellte, sowie die mittelgroße vor dem Schlafzimmerfenster. Schließlich die winzigkleine vor dem Flieder, die genau so aussähe wie das wunderbare Bäumchen in „Men in Trees, diesfalls aber, dank dem Supi-Turbo-Astzwicker, den der Lange erstanden hätte, in seiner Nochwunderbarerwerdung final gehindert werden würde.
Wir würden natürlich eine Hängematte oder eine Schaukel aufgehängt haben und, als weiteres Zeichen, dass nun alles einfach und easy und unkompliziert werde, einen von Mäuse- und Vogeldreck völlig versifften alten Küchentisch im Dachboden geborgen, mit viel Cif gesäubert und ihn dann in die Wiese unter den Apfelbaum gestellt haben. Dazu würden sich die abblätternden Gartenklappstühle gesellen, die schon seit Monaten in unserem Wiener Stiegenhaus im Weg gestanden haben würden. Es würde uns genau so gefallen, wir würden gar nicht daran denken, die Sachen neu zu streichen. Wir würden Kletterrosen anbinden und Rasen mähen und Bäume schneiden und Ribisel brocken und mit den Kindern Federball spielen: Es wäre ein Idyll; und an den Abenden würden wir erschöpft, aber zufrieden in der Dämmerung sitzen, mit mäßigem Erfolg Gelsen und Stechfliegen verwedeln, die Gartenschuppenfrage erörtern und uns des Eintritts in eine neue Phase der Verspießerung, sagen wirs ruhig, erfreuen.
Denn ab einem bestimmten Punkt der Aktzeptanz und Affirmation täte die Spießerei, glaube ich, nicht mehr weh. Unter anderem, weil man sich ja bereits so tief in nur noch für Fortgeschrittene bezwingbare Biederkeitsbereiche zurückgezogen haben würde: es würden höchstens mal andere Wochenendkleinhäusler vorbei kommen, die eine Wilhelmsburger Schütte bewundern oder einem Tipps geben würden, wo in Tschechien man preiswerte Kastenfenster machen lassen könnte. Ja, so wäre das: Wir wären arm an vorzeigbaren Erlebnissen und an Interesse für die Vorgänge innerhalb der SPÖ; aber reich an kleinen Glücksmomenten. Das Glück wäre: das Licht, das durch einen Baum fällt, eine erschlagene Bremse, ein schaukelndes Kind. Eine gefällte Thuje; das wäre schon schön.
Leser Otto Sch. will mich beleidigen, und es gelingt ihm. Ich sei nämlich, schreibt er, offenbar mit Meister Dylans Art nicht vertraut, denn entgegen meinen Behauptungen in der letzten Kolumne grinse Bob Dylan niemanden grundlos an. Ich weiß allerdings nicht, ob es mich mehr kränkt, dass mir Sch. mein in sechs Dylan-Konzerten gewachsenes Minimum an Dylanartvertrautheit abspricht, oder dass er so einen offensichtlichen Schmäh nicht kapiert. War das unklar? Dass das Wunschdenken- Witz gemeint war? Ich weiß natürlich sehr wohl, dass Dylan mich nicht angegrinst hat, erstens stand ich im Dunkeln und Dylan im Licht, zweitens wäre er aufgrund von, wie ich zu glauben glaube, Kräuterdingsinhalation gar nicht in der Lage gewesen, mein Antlitz zu fokussieren, selbst wenn ein 5000 Watt-Scheinwerfer darauf gerichtet gewesen wäre. Herr Sch. unterstellt mir außerdem, ich hätte während des Konzerts Nachrichten an meine Lieben in mein Handy gebrült, was ich natürlich eine glatte Lüge ist und ich nienienie tun würde: ich habe lediglich still Sedlaceks Nummer gewählt und ihn Dylan lausche lassen. Und schon gar nicht habe ich, wie Herr Sch. mich weiters bezichtigt, Dylan mit meinem Handy angeblitzt: mein Handy, ein Nokia Modell Xpress-Music, kann gar nicht blitzen, wenngleich ich gestehe, dass ich mich nicht zurückhalten konnte, mir ein Bildnis des Gottgleichen zu machen und es auf meinen Blog zu stellen. Es war aber völlig unscharf, was als Beweis für die totale Blitzfreiheit des Vorgangs reichen sollte. Plus, ich tat es, während Dylan mich mit einem Altherrenblues von gefühlten 97 Strophen ein wenig - wie sags ichs, ohne Gott seinerseits zu Blitzen zu provozieren - langweilte.
Das Ländle, Xavers Wiese und die strengen Vor-neun-Uhr-Vormittags-keinen-Schnaps-Regeln in meiner Familie (der Vater: Magst einen Schnaps? Der Onkel: Ist es schon neun? Ach was, bis du eingeschenkt hast, sicher) habe ich unbeschadet überstanden, um mich zwei Tage darauf im Waldviertel zerstechen, zerkratzen und verbrennen zu lassen. Was irgendeinem unnötigen Stechviech noch nicht reichte: Es entstellte meine Visage mit einem gezielten Stich neben das rechte Auge, welches mit einer ausgeprägten und stündlich prosperierenden Schwellung reagierte, die mich nicht schöner macht. Lieber T., diese Woche geht sich ein Treffen leider doch nicht aus. Unter anderem, weil ich Mutter Urban treffen muss, in ihrer Ordination: heile mich, Mutter Urban.
Bereits im ersten Drittel der ersten Halbzeit des ersten EURO-Matches erleide ich einen Hörsturz, dank ununterbrochenen Freudengeheuls der Mimis. Erstens, sie dürfen fernsehen. Zweitens, sie dürfen Fußball fernsehen; was vor allem das Bubenmimi in einen Begeisterungstaumel versetzt, für den ich Unterhaltungschemie im Gegenwert eines Designersofas benötigte.
Das Bubenmimi spricht von morgens um sechs bis abends um acht ohne Unterbrechung nur noch über Fußball. Mein Tag beginnt mit der Anhörung glühender Referate über tschechische Torwarte und schwedische Stürmer und endet mit der Akklamation aller fixfertigen Mannschaftspuzzles im Panini-Album. (Es sind acht. Ich weiß es. Sie hat mir die freudvolle Neuigkeit schon etwa 600 Mal überbracht.) Dieses verfluchte Panini-Album; das ich zugegebnermaßen selbst ins Haus geschleppt habe, und zwar mit einem kecken Grinsen, das, wie ich jetzt weiß, meine komplette, lückenlose Ahnungslosigkeit darüber illustrierte, was dieses Teufelszeug aus Kindern macht.
Kollegin B. hat mir erzählt, dass ihr Neunjähriger kürzlich vom Telefon der Lehrerin anrief, weinend, weil er den Aufhauser verloren hat, und beides ist im normalen Alltag eines Neunjährigen undenkbar: Weinen, die Mama anrufen, wie ein Baby. Ein Pickerl mit dem Antlitz eines österreichischen Nationalspielers machts möglich. Wir hatten den Aufhauser; spontan erklärten die Kollegin und ich die Tauschbörse „Mürbe Mütter, die wollen, dass es aufhört“ für gegründet und mailen uns seither gegenseitig lange Zahlenlisten zu, wie Verschlüsselungsspezialisten. Wie Verrückte.
Wobei ich sagen muss, dass das andere Mimi nicht unbedingt den nötigen Ernst für den Panini-Irrsinn mitbringt; einerseits: halleluja, lobet den Herrn. Andererseits zwingt das die Mutter dazu, in der ganzen Wohnung nachlässig gehortete Fussballstars einzusammeln und einzupicken: Sie schlafen in den Betten des Puppenhauses, lächeln nach Frisuren sortiert vom Badezimmerregal und rütteln am Gitter des Playmobil-Gefangenentransporters. Und sie erfüllen in keiner Weise mehr den Zweck, dessentwegen sie überhaupt mit den Mimis bekannt gemacht wurden: Denn sie waren, pro 5-Stück-Packerl, dazu rekrutiert, die Mimis dazu zu kriegen, freiwillig ihr Zimmer aufzuräumen. (Spießerin! Spießerin! Hören Sie auf. Ich bin bei der „Wunder von Wien“-Premiere von Herrn Rubinwitz deswegen bereits erschöpfend gedögelt worden, dankeschön.) Allerdings hat es sich als wenig moralisierend erwiesen, ein Kind eine halbe Stunde aufräumen zu lassen und ihm dann gönnerhaft ein Packerl Paninis zu überreichen, von dem es jedes einzelne schon hat; „Hysterie“ beschreibt die Folgen überaus unzureichend. Nun schmeiße ich ihnen jeden Tag freiwillig und ungebeten drei Packerl in den Rachen, renn mit ihnen auf Tauschbörsen und schreibe lange Zahlenlisten in emails und Blog. Es muss endlich aufhören; es reicht.
Das ist eine glückliche Familie auf Fahrrädern, Vater, Mutter, Kleinkind, sie strahlen, das Kind winkt, sie lachen, und das sehe ich alles nicht. Ich sehe: Das Kind trägt keinen Helm, und ich will rufen: Verantwortungslos! Total verantwortungslos! Aber ich habe das mal bei den Finks gemacht, als sie das Kind für eine Strecke von 200 Metern oder so nicht angeschnallt haben, und das kam nicht gut an. Auch Vater Breuß verdreht periodisch die Augen, er sagt, ich muss mehr Vertrauen zu meinen Kindern haben, weil ich tendenziell hysterisch werde, wenn die Kinder am Rande eines 100-Meter-Abgrunds Fangerl spielen. Der Breuß sagt, ich übertrage meine eigenen Ängste auf meine Kinder, und das kann schon sein, aber erklär das mal einer, die mit fünf von einem Auto überfahren wurde und vier Wochen im Spital liegen musste, Elternbesuchszeit zwei Stunden pro Woche. Das hat relativ hohes Angstübertragungspotential, was soll ich machen. Vielleicht hat auch mein Herumgeeiere mit der Schule der Mimis mit alten Traumata
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Diese Woche brachte die erfreuliche Nachricht, dass die Mimis einen Platz an dieser kuscheligen, kleinen Schule haben. Es sind dort alle sehr nett und engagiert und pro Klasse gibt es, schätze ich, ungefähr zwei Ausländer, Schweizer oder Dänen oder so, deren Eltern vermutlich im Management eines BioFood-Distributors arbeiten. Oder bei der UNO. Wir haben den Kindern auch realitätsnähere Schulen gezeigt, mit rauchenden, kraftwörterspuckenden Hauptschülern am Schulhof, in die sie trotzdem nicht wollten. Zugegeben, es ist leicht, zwei Sechsjährige dazu zu kriegen, unbedingt an die kleine, engagierte Schule zu wollen, wenn sie dort beim Tag der offenen Tür zehn frühere Kumpels aus dem Kindergarten in den Klassen treffen und die Kinder der Freunde, der Nachbarn und anderer bildungsnaher Eltern, die ihren Nachwuchs ebenfalls gern an einer kuscheligen, kleinen, engagierten Volksschule ohne gewaltaffine 14jährige wissen. Und wo das schlimmste Wort, das die Erstklässler nach Hause bringen, etwas ist wie wie wie... wie Nutella. Mama, was bedeutet das: Nutella? Das, Kind, ist ein ganz böses
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Ich bin mit dem Sedlacek zum Frühstück verabredet, und zur Begrüßung sagt er, das sei jetzt schwer zu glauben, aber er hat vorhin auf der Straße einen großen Mann mit einem Kind im Genick und Brillen wie zwei kleinen Fernsehern gesehen, war das vielleicht der Horwath? Das war zuverlässig der Horwath. Coole Brille, sagt der Sedlacek, sehr einprägsam. Sagte ich doch, sage ich, wie geht es dir? Einen doppelten Espresso und ein großes Glas Wasser, sagt der Sedlacek, nein, zum Essen nichts.
Es geht dem Sedlacek gut. Der Sedlacek ist zufrieden. Naja, bis auf die Weiber. Aber über die Auftragslage kann sich der Sedlacek nicht beschweren. Es ist natürlich anstrengend. Diese Woche war er schon in London, letzte Woche in Kopenhagen und in Mailand und vorletzte Woche in Hongkong. Und die ewige Fliegerei macht dir nichts aus?, sage ich. Nein, sagt Sedlacek. Ich flieg nicht mehr gern, sage ich. Ich bin auch nicht gern länger als zwei Tage weg von der Familie, es ist wie früher, als Kind, ich bekomme Heimweh. Echt, sagt Sedlacek. Ja, sage ich, wie damals im Jungscharlager: Weißt du, der Schmerz ist nicht kleiner geworden, nur die Person rundherum größer. Der Sedlacek schaut mich
Maria ruft an und sagt, sie glaubt, es heißt DIE Tabuleh. Philipp smst, es gehören aber unbedingt Rosinen rein. Mark mailt, schön und gut, aber ein Tabuleh wär doch schon eher ein Sommeressen. Die E. sagt bei der Geburtstagsparty vom D., danke, jetzt kann sie sich beim Tabulehmachen endlich das depperte Couscous-Einweichen ersparen, das hat sie eh immer so genervt.
Und sehen Sie, genau das ruiniert den Journalismus. Genau das korrumpiert die Journalisten, die hunderte messerscharfe Hintergrundanalysen über politische Ereignisse in die Zeitung schreiben können, tausende blitzblanke Blicke auf die Aktualitäten der Realität werfen oder in Millionen Kolumnenzeilen die diversen Elende in der Welt beprangern: Auf all das kriegt man kaum ein Reaktiönchen. Nichts, praktisch. Man ist wie gar nicht da. Aber schreiben Sie einmal ein Rezept in Ihre Kolumne, dann wird
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Ich sitze mit dem Kollegen X, der gerade aus der Schweiz auf Besuch ist, im Finstern Stern, wir haben prächtig gegessen, Wein getrunken und uns den ganzen Abend über streng berufliche Dinge unterhalten. Kein Mutterblabla, ich kann auch anders. Ich habe, ganz nebenbei, meine ungebrochene, wenngleich ruhende Blattmacher-Kompentenz durchscheinen lassen, journalistische Hochprofessionalität verströmt, Trittsicherheit auf den Gebieten Politik, Literatur und Philosophie bewiesen und insgesamt gezeigt, dass ich immer noch ein Mover und Shaker bin. Oder sein könnte, wenn mir danach wäre. Nebenbei habe ich dem Kollegen mit hellwachem Interesse gelauscht, an den richtigen Stellen blitzgescheite Kompaktkommentare deponiert, und wie gerade das Dessert abserviert wird, düdelt mein Telefon und es ist Mutter Urban, und sie braucht für ihren morgigen Kindergeburtstag mein super Tabuleh-Rezept.
Hierbei handelt es sich nun um die klassische „Kann ich dich morgen früh zurückrufen“-Situation, aber ich lasse keine Mutter
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Nun wurde das neue, in Venedig erstandene Ledernotizbuch eröffnet: Eine herrliche und dabei preiswerte Handarbeit aus gutem, erstklassig gebundenen Papier innen und dickem, geprägtem Rindsleder außen, in das ich nur mit dem Akkuschrauber zwei Löcher bohren musste; für das Gummiband. Das Gummiband ist das einzige, was das alte Moleskine-Notizbuch dem venezianischen voraus hatte, ansonsten ist dieses gesamte Moleskine-Zeug völlig überschätzt und überpreist. Bei meinem musste ich schon nach wenigwöchiger Nutzung die Außenhülle mit Gaffertape reparieren, was nicht wundert, ist ja keine Maulwurfshaut, sondern offenbar chinesisches Polyester, und innen rissen die Fäden. Man müsste meinen, dass ein mit dem Etikett „legendär“ erworbenes Notizbuch die regelmäßige Aufnahme von Notizen verkraften können müsste. Allerdings stehen, was ich von dem venezianischen noch nicht behaupten kann, im alten Fetzenbuch verwendbare Notizen drin, und zwar nicht nur deswegen, weil ich sie
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Mitten in Dornbach und unmittelbar nachdem mir eine nette Dame erklärt hat, der Zirkus sei von hier noch ungefähr einen Kilometer entfernt, kriege ich einen derartigen Zornanfall, dass eines der Kinder schließlich sagt, wenn ich jetzt nicht gleich zum Fluchen aufhöre, geht es keinen Schritt mehr weiter. Nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte. Das würde mir nämlich den blöden Zirkus ersparen, in den ich mich von Mutter Urban hatte schwatzen lassen. Zirkus macht mich narrisch, da bin ich wie der Horwath. Immerhin, und das wird Sie jetzt überraschen, das Adventkranzbinden war lässig; und wir haben jetzt
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Die Breussin ruft an; ich hebe ab und sage, Breussin, tut mir leid, ich kann grad gar nicht. Das ist untertrieben. Tatsächlich passiert gerade folgendes gleichzeitig: Das Mädchenmimi, das mit dem Langen im steckengebliebenen Lift gefangen ist, will mit einem Strohhalm durchs Gitter mit Saft gefüttert werden, die erste der drei eingeladenen Freundinnen hat gerade meine Küche betreten und ist zur Begrüßung spontan in Tranen ausgebrochen, die zweite Freundin begehrt unten an der Haustür Einlass, die Zwiebeln von den Kässpätzle sind am Herd gerade in ihrer kritischen Phase und der Mann von der Liftfirma ruft, unmittelbar nach dem ich der Breussin aufgelegt habe, nochmal an, um sich zu erkundigen, ob der Techniker schon da ist. Zum Glück sind nicht alle Abende so. An anderen Abenden werde ich einfach ganz normal von Theaternerds beschimpft. Das ist in Ordnung: Niemand
In Venedig gibt es keine Diskussionen. In Venedig gibt es meistens Pizza, Pasta oder Fisch; Pizza, Pasta oder Fisch sind offenbar ok., trotz der Salami auf der Pizza. Woraus wird Salami gemacht? Schwein, glaub ich. Die Phase der Moral ist angebrochen, der ethischen Bedenken gegen das Töten und Verzehren von Lebenwesen: aber Schwein ist ok, denn Schweine fallen, so die Mimis, wie die Fische in die Kategorie der nutzlosen Tiere, wohingegen Hühner Eier legen, Kühe Milch geben, Hasen kuschelig und Lämmer süß sind, also alle auf ihre Weise nützlich, also nicht mehr verzehrt werden dürfen. Also neue Probleme in einem Haushalt, dem ein Oberösterreicher angehört. Denn ein Oberösterreicher braucht seine regelmäßige Zufuhr großer Fleischstücke, er wird sonst unrund. Der Oberösterreicher isst an fleischlosen Tagen Huhn, und Fisch nennt er
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Schön, dass man Brunnenmarkt immer Leute trifft, die man kennt, mal gekannt und schon lange nicht mehr gesehen hat, und damals war es oft dunkel und man war eventuell nudelfett. Jetzt steht man beim Yip-Hint an der Kassa oder im Biofritz-Lager mit einem Randig in der einen und einem Ziegenkäse in der anderen Hand, und, ah, du auch hier! Und freut sich ure, sich zu sehen, nur behindert der Umstand, dass man sacknüchtern ist und sich so so so samstagvormittäglich fühlt, die Konversation stark. Also, man weiß überhaupt nicht, was reden, entscheidet sich aber (ein weiterer gravierender Unterschied zu den einstigen Begegnungen) für: Süße Kinder! Du auch! Was ist denn das für eins? Und dann: hmm. Man will das Gegenüber ja nicht mit halbhirntotem Samstagsblabla fertigmachen. Ein Konversationskanon für Einkaufsvormittage am Brunnenmarkt wäre überfällig, aber bis dahin dreht man schließlich mit freundlichem Genicke ab zum Speck-Bauern, steckt die Nase
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Nachdem jetzt auch noch einer behauptet hat, die Oberösterreicher hättens erfunden (haha! Ausgerechnet die Oberösterreicher! Als hätten die Oberösterreicher je!), beende ich die Provenienz-Diskussion um den (na gut: das Biertrinken vielleicht. Und den Schweinsbraten.) Ausdruck „Die gelbe Sau“ mit dem Debatten-Beitrag der klugen (und das Stöcklkraut. Das Stöcklkraut ist okay.) Frau M., die mir ein Mail mit einem Zitat schickt: „The sun´s not yellow it´s chicken“. Ja, danke. Die Hühnersau, nämlich. Und erfunden hats, wie alle guten Sachen, Bob Dylan. Und weil der Himmel heute so chicken ist, muss ich das SMS der Finks abschlägig beantworten: Nein, wir können leider nicht im Kent frühstücken, wir müssen baden gehen, ich habs versprochen. Dabei wäre ich mit baden dann langsam durch, das Baden reicht mir, beziehungsweise das Herumsitzen am Rand von Nichtschwimmerbecken, in denen die Mimis gerade so
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Jetzt hab ich mir bei ebay einen Küchenlampenschirm aus denn 30er Jahren um einen Euro ersteigert, 1 Euro!, womit ich schlagartig zum Mitglied der ekelhaftesten Sekte der Welt wurde, der Schnäppchenjäger. Weah. Aber ich muss, weil bald eine Inspektion von Spießer-Experte Schnitzler droht, eine paar der schlimmsten Leiner- und XXX-Lutz-Teile durch altes Zeug ersetzen, das so ausschaut, als hätte ich es von Oma selig geerbt, von der ich in Wirklichkeit als einzige Erinnerung eine elektrische Zitruspresse von Philipps, ca. 1982, besitze. Oder als hätte ich es mit unbestechlichem Geschmack spottbillig bei einem kleinen Tandler ums Eck und in New York und Odessa gekauft, wie zum Beispiel dieser
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Jetzt, wo Madonna und Al Gore die Welt gerettet haben, können wir uns wieder den wichtigen Dinge zuwenden, also meinen. Wobei, ich rette die Welt auch, ich reise mit dem Zug, was nicht alle Mitreisenden der 1. Klasse im gleichen Maße akklamierenswert finden, als sie unser ansichtig werden. Zwei kleine Kinder mit glockenhellen Stimmen und eine Mutter in fleckigen Hosen und mit einem wenig vertrauenserweckenden Mae-West-Spruch quer über der Brust: Wenn ich gut bin, bin ich gut, wenn ich schlecht bin, bin ich besser. Mehrere Passagiere springen auf, Panik im Blick, um sich dann des Umstands gewahr zu werden, dass die 1. Klasse bis auf den letzten Platz besetzt ist. Was eine kurze, trügerische Hoffnung in ihnen weckt, aber ätschibätsch, wir haben drei reservierte (und, falls mir wieder wer Journalistenprivilegien unterstellen will, mit meinem selbstverdienten Geld finanzierte) Plätze. Wieder einmal wabert dick wie Pudding die Frage durch den Waggon, ob man das eigentlich darf, Kinder in der 1. Klasse mitführen, und falls ja, wann das endlich verboten wird. Aber die Mimis geben ihren Mitreisenden allen Grund, taub vor schlechtem Gewissen über ihre miesen und grundfalschen Vorurteile Kindern gegenüber in ihren Ledersitzen
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Diesmal sind wir einen halben Tag vor den Horwaths im Landhaus der Horwaths und hallo, ist der Garten grün. Fett. Alles explodiert in Blatt, Blüte und Frucht und, schau, die Ribisel sind auch reif, sie sind so reif und süß, dass sie die Kinder freiwillig mit vollen Händen in ihre Mäuler schaufeln. Wenn die Ribisel im Garten meiner Oma selig so reif war, plegte meine Oma uns Kinder und wen sie sonst erwischen konnte, mit Küberln zu behängen, und die Ribiseln wurden, bevor sie die Sonne vertrocknen und die Vögel fressen konnten, abgenommen, abgebeerlt, zu Marmelade verkocht, tschüss bis nächstes Jahr. Und weil ich so eine Streberin bin und immer die Suprigste und Patenteste sein will, nehm ich mir gleich ein Küberl und brock die Ribisel, und noch ein Küberl und noch eins, und während ich meinen Rücken trotz Hexenschusswarnung nicht schone, fühle ich mich unglaublich gut: Ich bin nämlich keine von denen, die
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Eben hab ich für mein Müsli eine Orange geschält, filetiert, kleingehackt und in den Mistkübel geschmissen. Ich war in Gedanken. Ich dachte über Schopenhauer nach, weil mich Honzo dieser Tage mit Aphorismen eindeckt, und in diesen ging es darum, dass einem beim Lesen die Arbeit des Denkens zum Großteil abgenommen werde, Lesen also eher dumm mache, womit Honzo mich zu beruhigen trachtete. Ich weiß aber, dass Honzo es nicht begrüßen wird, wie ich Schopenhauers Gedanken, wie Rainald Goetz in seinem Blog schreibt, „brutalisiert und auf die letzte Banalität runter-reduziert“ habe. Das schreibt Goetz aber über die Unfähigkeit eines Spiegel-Redakteurs, einen komplexen Sachverhalt wiederzugeben, und das lesen Sie bitte selbst nach, sowie alles, was Goetz in den letzten Monaten geschrieben hat, und was ich jeden Tag wie süchtig einsauge, ohne dass es meine fortschreitende Verdummung aufzuhalten im Stande wäre. Ich glaube aber nicht, dass es Alzheimer
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Das kühlste, was ich diesen Monat oder dieses Jahrtausend gesehen habe, war, wie Amy Winehouse bei den MTV Movie Awards „Rehab“ vortrug. Ich glaube nicht, dass das in absehbarer Zeit zu übertreffen sein wird, auch wenn das, was Vesely über Dylans Zürcher Hallenstadion-Auftritt berichtet, auf einen schönen Lauf des Meisters schließen lässt. Gut, Amy Winehouse ist zu dünn, was in ihrem Fall aber eine maximierende Wirkung auf ihre eh schon riesige Stimme hat und ihr zudem ermöglicht, winzige, schwarze Kleider zu tragen, die ihre Millionen Peckerl prächtig zur Geltung bringen. Unten turmhohe High Heels, oben turmhohe Haare, dazwischen Tanzminimalismus und schlechte Laune, bloß nicht lächeln, könnte als Anbiederung ausgelegt werden. Zum Schluss klatscht Winehaus seitlich dreimal in die Hände, mit ihren ziemlich outen Friseurinnenfingernägelfingern, und es ist so sagenhaft lässig, dass man sich fragt: Weiß sie das? Woher weiß sie das? Hat sie das wo gesehen? Oder hat ihr das wer beigebracht, ein Choreograph, hat er gesagt, du, Amy, schau, ganz zum Schluss klatscht du dir dreimal in die Hände, so seitlich neben der Hüfte, das schaut endkrass cool aus, und wir machen dir vorher noch eine total oute Friseurinnenfrenchmanicüre, damit machst du sie alle platt, und sie hat gesagt, na gut, wenn du das sagst, dann mach ich das halt? Über so Zeug hirne ich, vermutlich, um mich
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Kommt mir auch schon wieder ewig her vor, dass ich von unserem Strand zur lokalen Konoba geschwommen bin, um einen Tisch zu reservieren: aus dem Wasser krabbeln, Bauch einziehen, über die Terrasse tropfen – 13 Personen, bitte – zurücktropfen, heimschwimmen. Kam gut an bei der restlichen Urlaubsgesellschaft. Brachte Boah-Punke. Es war aber überhaupt.... also, das beste an diesem Urlaub war: Alle Freunde, mit denen ich ihn machte, waren es hinterher immer noch. Das ist bitteschön nicht selbstverständlich und ein schönes Signal dafür, dass meine selbstgebastelten Demissbilligungs- und Ärgermanagementstrategien allmählich greifen. Immerhin kann man in so einem Urlaub auch andere Aggressionsbewältigungsmethodiken studieren, zum Beispiel am Horwath. Die ganze Woche lacht und scherzt der Horwath. Witzelt es klein, wenn er schon wieder den ganzen Planschbedarf allein vom Strand ins Haus geschleppt hat. Tut es mit einem Grinsen ab, wenn der Lange oder der Breuss schon wieder den ganzen Tag in dem einzigen Gartenklappsessel im Schatten kleben, den der Horwath aus einem Sperrgutcontainer rettete und extra für sich mit nach Kroatien nahm. Scherzt nur darüber, dass er schon zum dritten Mal an diesem Morgen die Espressokanne gefüllt und auf den Herd gestellt, aber selber noch keinen einzigen Kaffee erwischt hat. Zuckt völlig aus, als wir ihn an einem Mittag mit gefühlten 46 Grad im Schatten vorsichtig fragen, ob es schon der richtige Tag
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Weil Hauen, Prügeln und Liebesentzug nicht funktioniert haben, wurde jetzt ein Belohnungssystem eingeführt und es gibt Sternchen fürs Zimmeraufräumen und Sternchen für Probieren exotischer Gemüse wie Karfiol und Sternchen fürs Schieferziehen (wobei ich glaube, sie jagen sich die Dinger jetzt selber rein; das Schieferaufkommen stieg in den letzten Wochen eklatant) und Sternchen dafür, dass sie bei Autofahrten nicht mehr fragen, wie weit es jetzt noch ist. Wie wir jetzt aus Kroatien heimgefahren sind, gab es davon acht pro Kind, was es zu einer weisen, weitsichtigen Idee machte, dass ich die Belohnung, die es für zehn Sternchen gibt, schon lange besorgt hatte. Ich gute, vorausschauende Mutter, ich. Wie wir daheim ankommen, ist die Belohnung nicht auffindbar, nicht im Dachboden, wo ich sie hundertprozentig versteckt habe, nicht in meiner Unterhosenlade und nicht auf einem der oberen Regalbretter, was unsere Heimkehr zu einer wenig idyllischen Angelegenheit macht. Ganz abgesehen davon, dass es in Wien kein Meer gibt und keinen Strand und nicht mehr drei Mal täglich Schleckeis, und dass der kleine Horwath und der kleine Breuss nicht bei uns wohnen, wodurch sich die Lebensqualität der Mimis ja sowieso schlagartig minimierte. Und obwohl die Mimis, nachdem sie mit Süssigkeiten und morgen-ein-Film-Versprechungen sediert wurden, mittlerweile schlafen, hirne ich noch immer darüber nach, wo diese verdammte Belohnung hingekommen ist. Das war so ein flaches
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Natürlich wundert es überhaupt nicht, dass, wie eine Umfrage des ÖAMTC ergab, jeder fünfte österreichische Autobesitzer seinem Kraftfahrzeug einen Namen gibt. Da uns die große Kennzeichen-Reform vor bald 20 Jahren die europaweit weiterhin eher unüblichen Wunschkennzeichen beschert hat, werden wir beim Autofahren ja eh permanent öffentlich über die Art der Beziehung der Österreicher zu ihren PKWs informiert: S-CHATZ8, FK-YOU2, W-ASTI1, W-ILLIG7. Der französische Essayist Michel de Montaigne schreibt in seinem Aufsatz „Über die Macht der Phantasie“: „Wahrscheinlich entspringt die Tatsache, dass man den Wundern, Gesichten, Zaubereien und dergleichen außergewöhnlichen Erscheinungen Glauben schenkt, hauptsächlich der Macht der Phantasie, vor allem auf die knetbaren Seelen des einfachen Volkes einwirkt: Dessen Leichtgläubigkeit hat man sich derart zunutze gemacht, dass es, was es nicht sieht, zu sehen meint.“ Also etwa, dass ein Auto eine Seele hat und deshalb einen Namen braucht, wovon de Montaigne allerdings 1572 noch nichts ahnen konnte. Aber ein Auto ist vielen eben nicht nur ein Transportmittel, sondern ein Familienmitglied: Das würde erkären, warum laut ÖAMTC nur 20 Prozent der Autobesitzer ihr Auto verleihen wollen. Weil ihnen ihr Auto mehr ist, als eine ersetzliche Dose auf Rädern. Mir ist es, wie der Polizist bestätigen wird, der kürzlich routinemäßig mein Warndreieck sehen wollte, ein Mittelding aus Kellerabteil und Mistkübel. Unter all den Gummistiefeln, Flaschen, Kinderrädern, Regenjacken, Matten, Schlafsäcken, Büchern, CDs und Springseilen blieb das Dreieck unauffindbar. Es war aber ein netter Polizist. Mein Auto heißt übrigens Auto.
Also lieg ich am Sofa auf meinem kleinen alte-Damen-Thermophor, Stufe 2, manchmal Stufe 3, lese Zeitschriften und sehe fern, weil ich nach den tollen Büchern der Damen Marisha Pessl und A. M. Homes ums Verrecken nicht in die „Dorfpunks“ von Rocko Schamoni reinfinde, so schnuckinger der Herr sonst auch sein mag. Ich sehe, was so kommt. Egal, was kommt. Ist nicht viel Erhebendes dabei, außer „Ellen“, „Dr. House“ und, darüber muss ich mich sehr wundern, „Vier Frauen und ein Todesfall“. Das ist lustig, entschieden lustiger als früher, ich lache mindestens sieben Mal, ein Spitzenschnitt für eine österreichische TV-Produktion, wofür, wie ich dann recherchiere, offenkundig Rupert Henning zur Verantwortung zu ziehen ist, bzw. seine Coautorenschaft. Das erklärt alles. Nach vier Tagen strengem Liegen, zwei Infusionen und ein paar feinen Pillen, die mir die gute Mutter Urban aus ihrer Arztpraxis vorbeigebracht hat, erlaubt mir mein Hexenschuss
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Peter Parker entdeckt nun also seine dunkle Seite: Gestern lief in Österreich der dritte Teil von „Spider-Man“ an, und das ist mir völlig egal. Moment, falsch: relativ egal. Denn eben wollte ich behaupten, dass ich nicht zu den Leuten gehöre, die dazu beitragen, dass die Produktionskosten des teuersten Films aller Zeiten wieder hereinkommen, und das wäre gelogen. Meine Kinder sorgen dafür, dass ich brav mitzahle, denn vom Puzzle bis zur Badehose werden Spider-Man-Devotionalien zum Geburtstag und als Reisemitbringsel bestellt oder müssen anderen Kindern zum Geburtstag geschenkt werden: Ich bin Teil der Maschine, auch wenn ich den Film frühestens im TV sehen werde Interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Geschichte von dem netten Bankräuber, den die Polizei vorgestern erwischt hat: Ein sympathischer 25-jähriger Mann mit unbeflecktem Leumund und aus, wie die Polizei sagt, „hochanständigem Haus“. Auch der scheint vor einiger Zeit seine dunkle Seite entdeckt zu haben, worauf er begann, mit einer Spielzeugpistole Banken zu überfallen. Dalibor S. sei, so die Polizei , „ein Getriebener“ gewesen, und ähnlich wie bei Peter Parker ahnten Familie und schwangere Frau offenbar nichts vom Nebenleben des Waschmaschinenmechanikers. Anders als Parker wurde S. allerdings nicht von einem Spinnenbiss zu seinem Doppelleben getrieben, sondern von purer Geldnot. Der verschuldete Spieler wurde Vater, er brauchte ein Auto, er konnte es nicht bezahlen. Der Gebrauchtwagen wurde jetzt doppelt beschlagnahmt: Erstens vom Händler, weil er nicht fertig bezahlt war, zweitens von der Polizei weil er mutmaßlich mit der Beute finanziert wurde. Für „Spider-Man“ gibt es vermutlich ein Happy End. Für Dalibor S. leider vorläufig nicht.
Es ist ein schöner Anblick, wie der Herr Wiener Intellektuelle die Spitzhacke in die steinige Erde rammt, im Versuch, eine kleine Birke ihrer Heimaterde zu entwurzeln. Er wirkt glücklich. Die Birke steht dem Horwath in seinem Waldviertler Hof im Weg; der Herr Wiener Intellektuelle Schnitzler hat vor seinem Waldviertler Hof eine Birke zuwenig. Die Frau Wiener Intellektuelle steht dabei, gibt komplexe Anweisungen und scheucht die kleineren Kinder aus dem Schwingradius der Spitzhacke, während der größere Intellektuellen-Bub schon mal einen perfekten Seemannsknoten an Horwaths alten 15er-Steyr seilt. Das ist unser Second Life: An Wochenenden schwingen wir gern den Spaten, rupfen Bäume aus und fahren mit dem Traktor. Nur der Lange macht unterdessen lieber Tsatstsiki; ist besser so. Anderntags weckt uns um viertel nach sechs eins der Kinder, um uns davon in Kenntnis zu setzen, dass wir beim Einschlafen anders lagen. In diesem Durcheinander könne sie nicht weiterschlafen. Ich dann auch nicht mehr; also helfe ich dem Horwath beim Aufräumen des
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Bis drei lege ich auf und trinke Bier, um halb vier bin ich im Bett, gegen vier kann ich endlich einschlafen, um acht schickt mir der Lange die Kinder ins Zimmer, um neun fahren wir ins Waldviertel. Die ganze Fahrt hindurch stellen die Kinder hinter mir ohne Unterlass Fragen aus dem wie-lange-wie-weit-Komplex. Mämäääää? Ja, Kinder. Müssen wir noch tausend Kilometer fahren? Nein, Kinder. Nur zweihundertzweiundzwanzig Kilometer?Oder sieben Miniarden? Mämäää, wie weit ist es noch? Etwa 80 Kilometer, Kinder. Ist das weit, 80 Kilometer?, wie lange dauert das?, 1000 Stunden?, oder zweihundertzweiundzwanzig? Oder sieben Miniarden?, Mämäääää!, wie lange ist eine Stunde? Zweihundertzweiundzwanzig Minuten? Oder zwölfundachtzig Sekunden? immer mit diesen glockenhellen Stimmen in der sicheren Schmerzfrequenz. Der Lange konzentriert sich stur auf den Verkehr und spielt dazu in tüchtiger Lautstärke das gesamte neue Fehlfarben-Album „Handbuch für die Welt“, zwölf lange Lieder lang quäkt mir Peter Hein das Gehirn schlammig, hinten die Kinder, vorne Hein und als wir nach eineinhalb Stunden endlich ankommen, macht der Lange mit den Kindern gleich einen Spaziergang zum Bach hinunter und rettet so sein Leben. Das war wohl die Rache. Der Lange fand, er habe mit dem abflussgebrechensbedingten Küchenumbau genug gelitten, während ich ja am Land zehn Tage Halligalli
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Bei den Finks gibt man nicht so viel auf Formen, das weiß ich zu schätzen. Wir sind zum Essen eingeladen, und Fink öffnet in gestreiften Pyjama-Hosen, einem Footballshirt und einem saublöden Tirolerhut, und bis auf den Tirolerhut, der irgendwann auf den Kopf von Finks Tochter wechselt, ändert sich daran den ganzen Abend nichts. Finks Aufzug konterkariert schön das Finksche Heim, das man sich ungefähr als 1-Million-m2-Loft vorstellen muss, in dem alle 30 Meter ein Grüppchen ausgesucht schöner Möbel auf einem fantastischen Parkettboden herumsteht und so weiter; es treibt mir unschöne Neidwimmerl auf. Fink flackt auf seiner100-Meter-Küchen-Leder-Bank hinterm 100-Meter-Eichentisch, während die schöne Frau Fink kocht, hervorragend übrigens. lmmerhin ist die Akustik scheiße, das kalmiert mich ein wenig. Zudem knallt mir die Finksche immer noch eine Dose von diesem Paris-Hilton-Häppchenprosecco
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Der Horvath hat in seinem neuen Specksteintopf ein Kaninchen alla Cacciatore gekocht, von dem werde ich noch träumen. Mit Erbsen. Und selbstgemachten Nudeln. Die Nudeln macht der Horvath mit einem Gerät, das ich bei ihm bislang nicht gesehen habe: einer nagelneuen, zitronengelben Kitchen-Aid, sehr schick. Sehr schick, Horvath, sag ich, neu? Hab ich der Gattin zu Weihnachten geschenkt, sagt der Horvath, und das ist interessant, denn die Gattin ist berühmt für viele volkswichtige Fähigkeiten, und die Zubereitung von Nahrung gehört nicht dazu. Schicke Küchenmaschine hast du da gekriegt, sag ich zur Horvathischen, schon mal was damit gemacht? Nein, strahlt die Horvath, aber der Horvath! Du schenkst deiner Frau, die niemals kocht, eine Küchenmaschine?, sag ich zum Horvath. Ja, sagt der Horvath, und zwar weil: Letztes Jahr hab ich ihr Inline-Skates zu Weihnachten geschenkt, die hat sie noch kein einziges Mal benutzt, und vorletztes Jahr einen sauteuren Rock, den hat sie noch kein einziges Mal getragen, und heuer hab ich mir gedacht, schenk ich ihr doch was, das wenigstens ich brauchen kann, und sie hat ja auch was davon. Und wir auch, sag ich, und lob den Horvath sehr für seine Schenkentscheidung. Dann essen wir glücklich das Kaninchen (die Kinder glauben, es ist Huhn, essen aber trotzdem nichts davon), und führen
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Die Leser raten mir, die Sache mit dem Essen nicht so verbissen anzugehen; die Leserinnen auch. Ein bisschen lockerer solle ich werden, ein wenig entkrampfen. Kinder würden verblüffenderweise trotz Verstößen gegen das 5-mal-täglich-Obst-und-Gemüse-Paradigmas groß, und angesichts meines muckibepackten1,90-Meter großen kleinen Bruders, der bis über die Pubertät hinaus nur Nutellabrot und Nudeln mit nichts zu sich nahm, muss ich dem zustimmen. Leider neige ich nicht zur Lockerheit. Auch eines meiner Kinder tut das nicht, teilt vielmehr meinen Hang zum Missionarischen und marschiert jetzt, nachdem meine Gehirnwäsche vorübergehend bei ihm verfangen hat, durch den Kindergarten und erklärt den anderen Kinder, dass sie verlässlich blöd würden, ja, die Mutter habe gesagt, man werde ganz dumm, wenn man kein Müsli und kein Gemüse und Obst isst, sie esse jetzt immer Müsli und Obst und Gemüse und werde es deshalb dereinst vermutlich als Einzige ins Kanasium schaffen, leiderschneider, ätschibätsch. Das ist natürlich sehr peinlich für mich. Aber wie seine Mutter tendiert nun mal auch das Kind zur Fetischierung von
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In Wirklichkeit essen unsere Kinder nämlich nichts. Was viel ist, verglichen mit den anderen Kindern, die gar nichts essen. Von all den Kindern, die ihren Eltern zufolge beim Essen total unkomplizert sind und eigentlich alles essen, kenne ich keines, das angesichts eines vollen Tellers nicht so lange meckert, bis sich darauf nur noch Pommes, Würstel, Pizza oder Nudeln mit nichts befinden. Mit nichts, hab ich gesagt! Weg die grausige Soße! Mein ganzes Elternleben lang hab ich noch kein Kind gesehen, das ein von den Eltern ohne Rücksicht auf die vertraglich fixierten Cateringvorlieben collagiertes Menü widerstandslos isst, außer es wurde zuvor mit schweren Drohungen eingedeckt, die Weihnachten und alle Geburtstage bis zur Volljährigkeit einschlossen. Und nie im Leben sah ich ein Kind vor einem vollen Teller sitzen, ohne umgehend mit dem Gemüsemanagement zu beginnen: Wenn ich statt dem Lauch,
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Das Abwasser steht, schlimm genug, und es steht, wo es nicht stehen sollte. Das Küchenabwasser steht in der Badewanne, und was sehen wir: gestern gab es Coq au Vin mit tüchtig Petersilie, dazu Reis und grünen Salat. War gut, nur ziehe ich es vor, die Reste davon nicht in der Badewanne wiederzusehen, was ich dem Installateur am Telefon erkläre. Ich erkläre ihm nicht, noch nicht, dass ich nicht beabsichtige, die Rechnung für die Abflussreinigung vom Juli zu zahlen, ja, dass ich es ziemlich gewagt von ihm finde, diese Rechnung für die letzte Abflussreinigung überhaupt zu schicken. Aber der Installateur ist ein mutiger Mann, das konnte man schon letztes mal an seinen kecken, neuen Strähnchen sehen, sehr hübsch an einem Kerl, der wie ein Viva-Moderator aussieht, aber der Installateur sieht aus wie Elmar Oberhauser. Die letzte Abflussreinigung, für die der Installateur sich anschließend erlaubte, Euro 259, 20 in Rechnung zu stellen (Abwasserleitung mit Motorfeder gereinigt, Verstopfung dadurch behoben, Sifone bei Abwäsche, Badewanne und Waschtisch zerlegt, gereinigt und wieder zusammengebaut.) hatte zur Folge, dass der Sifon (Dichtheits- und Funktionskontrolle durchgeführt ) weiter tropfte, was allerdings zugegebenermaßen nicht der Grund dafür war, dass den Nachbarn unter uns wenig später zum zweiten Mal in zwei Jahren unser
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Weihnachten: vorbei; Geschenke: ausgepackt bzw. kaputt; Wünsche: für den Geburtstag aufsparen. Aber halt, das neue Jahr. Da geht noch was. Ich wünsch mir 2007 also einen Schnee, aber nur im Winter, und einen sonnigen Juni von März bis Oktober. Ich wünsche mir endlich hundegackifreie Straßen und Grünzonen und keine stinkigen Überraschungen nach der Schneeschmelze. Oder bei der Regierungsbildung. Ich wünsch mir ein Asylgesetz, das der Not von Flüchtlingen nicht mit Unbarmherzigkeit begegnet. Und eine Bildungspolitik. Ich wünsche mir einen gerechteren Einkommensbericht, und dass auf den Spielplätzen nicht immer nur Mütter sitzen. Mehr Bänke und Mistkübel wären fein, wobei mir vorkommt, als erfüllte die
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In „Das weiße Album“, ihrer Essaysammlung aus 1979, beschreibt die amerikanische Autorin Joan Didion auch die psychischen Probleme, die ihr in den turbulenten 1960er-Jahren in Los Angeles, zu schaffen machten. Ihr Arzt habe ihr, schreibt Didion, geraten „ein einfaches Leben“, zu führen, wenngleich er nicht sagen konnte, ob es ihr helfen würde und wie. Es schien einfach ratsam. Didions Prosa-Band gehört zum Besten, was ich 2006 (wieder)gelesen habe, und seither denke ich über das „einfache Leben“ nach. Ein einfaches Leben: Das hat so eine klare, saubere Poesie, die würde man gern ins eigene Leben einbringen. Bloß, wie macht man das. Kann man das lernen oder geht das so? Was wär dafür zu opfern: Dinge? Gewohnheiten? Vorstellungen? Ideale? Und
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Also heuer hab ich mir gedacht, machen wir doch Weihnachten mal meine alten Eltern glücklich. Obwohls enorm unalte Eltern sind, von der Sorte energetischer Pensionisten, die selbst für das Adjektiv „rüstig“ zu übermütig sind, pro Tag 30 Kilometer wegradeln, im Durchschnitt, bei der Schwester am Bau mithelfen und nebenbei noch die Buchhaltung vom kleinen Bruder erledigen. Trotzdem: Die Natur hat es so eingerichtet, dass am Heiligabend Eltern ihre Kinder und Großeltern ihre Enkel um sich scharen wollen, im Elektrokerzenschein, das ist Glück, oder. Also hab ich mir heuer gedacht, machen wir doch mal meine alten Eltern glücklich, fahren wir doch mal drei Tage früher raus, verbringen wir doch mal den Heiligabend bei ihnen, das erste Mal seit ewig. Und sonst sind die am Heiligabend ja immer allein. Wie ich das dem Langen mitteile, machen seine Mundwinkel naturgemäß keinen Hopser, was nicht am Verhältnis des Langen zu seinen Schwiegereltern liegt, sondern am Verhältnis des Langen zu Humanoiden aller Art. Je weniger davon um ihn sind, desto besser; am
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Eines der Probleme, die aus dem totalen Kinder-TV-verzicht resultieren: man kann den Kindern nicht mehr mit Fernsehverbot winken, wenn. Oder wenn nicht. Die Erpressung mit drohendem Privilegien-Entzug muss also substituiert werden, und mit was, mit Belohnung für wenn nicht. Oder für wenn. Zum Beispiel könnte ein Kind Gefallen am Rülpsen finden, und weil eine rülpsende Vierjährige im Moment putzig und überhaupt nicht wie eine Person wirkt, die das Rülpsen, kaum dass sie es perfekt beherrscht, zu einer Vollbeschäftigung macht, wird ihr von ihrer dummen Mutter beigebracht, wie sich die Sache man mit einem bisschen Luftgeschlucke optimieren lässt. Natürlich bereue ich das in der Minute. Seit ich Kinder habe, bereue ich ständig, zum Beispiel, dass ich ihnen das Sprechen beigebracht habe. Jedenfalls rülpst das Kind dann den ganzen Tag, obwohl es selbst weiß, dass das umhöflich ist; dass das umhöflich, ist hat es im Kindergarten gelernt, aber es hat auch schon gelernt, dass die Regeln, die im Kindergarten gelten, nicht zwingend auch zu Hause gelten müssen. Es rülpst also und rülpst in einer Frequenz, die selbst Eltern überfordert, die in ihrem früheren Leben einer Religion anhingen, in der es als normal galt, periodisch auf
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Heuer verzichten 80 Prozent der britischen Unternehmen auf Weihnachtsfeiern, 74 Prozent verbieten Weihnachtsschmuck: muslimische Mitarbeiter sollen nicht mit christlichen Ritualen vergrätzt werden. Dass man aus Rücksicht auf die Gefühle der muslimischen oder jüdischen Kollegen Weihnachten auslässt: das ist hier eher unvorstellbar. Dabei ist Idee, sich eine gewisse Sensibilität im Umgang mit den Gepflogenheiten anderer Religionen anzueignen, an sich nicht übel. Allerdings ist die Abschaffung der
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"Die Menschen, die mit dir leben, die dich lieben: Das ist deine Familie.“ Das sagt der 19jährige Cooper, der mit zwei Müttern aufgewachsen ist; einem lesbischen Paar, das sich seinen Kinderwunsch mit Hilfe einer Samenspende erfüllt hat. Meistens sendet MTV nur noch Füllmaterial zwischen Klingelton-Reklame, aber manchmal ist der Musiksender so gut, dass man gefesselt davor sitzt: wie am Donnerstag, am Abend des MTV-„Gay Day“, an dem sich alles um Homosexualität drehte. Die Doku-Serie „True Life“ zeigte das Leben von Kindern gleichgeschlechtlicher Paare: Drei normale amerikanische Teenager, in normalen Teenager-Situationen: Die 17jährige Aidan, Tochter eines lesbischen Paares, braucht ein Kleid für ihren Abschlussball. Die 18jährige
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Der „Club 2“ war, wer das Alter hat, sich zu erinnern, eine ORF-Diskussionssendung, die ihre besten Zeiten in einer Epoche hatte, als es noch kein Privatfernsehen gab. Das, und der Umstand, dass die junge Nina Hagen im „Club 2“ einmal vorgezeigt hat, wie man masturbiert, führt bis heute dazu, dass der selige „Club 2“ gottgleiche Verehrung erfährt. Der „Club 2“! Das war noch was. Tatsächlich war der „Club 2“, und ich hab das Alter, mich zu erinnern, in fünf von zehn Fällen so fad, dass einem die Füße einschliefen, was natürlich immer noch eine Spitzenquote ist, im Vergleich zu „Offen gesagt“, bei dem einem während elf von zehn Sendungen die Füße einschlafen. Und anderes. Das ist der eine Grund, wieso sich so viele Menschen an
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Großes, dramatisches Gehtsdirnoch, Jetzthatsdichaberkomplett plus extensives Vogelgezeige nach der letzten Kolumne. Bei der Glockenmarkt-Eröffnung* wurde ich tüchtig verlacht, der Freundeskreis ist genervt wegen der gestörten Kochangeberei und aufgebracht wegen meines Feldzugs gegen fernsehende Kinder; spinnst denn du, du gräbst uns doch die letzten Ruhe-Reserven ab, was soll jetzt plötzlich schlecht sein an pädagogisch wertvollem Kinder-TV. Das: dass ich pädagogisch wertvolles TV zwischenzeitlich für eine Contradictio in adjecto halte. Und dass ich finde, es könnten ruhig wieder mal ein paar frische Mindeststandards eingezogen werden, und wenn die bitte in meiner Umgebung nicht allzu offensiv unterschritten wü... Ja, ich halt eh schon mein Maul. Mit meiner Kocherei aber liege ich, wie mir die „Zeit“ diese Woche bestätigt, im Trend, denn „das Bürgertum“, so steht dort geschrieben, „inszeniert sich heute an seinen Herdplatten“. (So fertig bin ich, dass ich mich mittlerweile vom Begriff „Bürgertum“ erfasst fühle.) Die „Zeit“ hat ein gutes
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Meine Verwinterung schreitet fort. Weil Sonntag ist, habe ich mit den Kindern Kekse gebacken (harte Sache, immer noch, und das bezieht sich nicht auf die Kekse). Rindfleisch in Rotwein und Knoblauch geschmort, für Montag, wenn die Horvaths und die Breusses nach dem Kindergarten kommen, dazu, thanks to „Babette´s“-Chefin Nathalie Pernstich und ihrem suprigen neuen Kochbuch „Schummelküche“ (avbuch), eine pipifeine Angeber-Hühnerleber-Paté, nur so als Vorspeise. Genauer: Nur so, mit etwas Weißbrot, als Nachmittagshappen zu den selbst eingelegten Balkontomaten, für die zwei Stunden, in denen die Eltern sich fürs richtige Essen warmmachen, während die Kinder... Ich möchte noch gar nicht daran denken, was die Kinder wieder vorzeigen weden. Der Breuss-Bub geht gerade durch eine ziemlich monomanische Epoche, eins meiner Kinder regrediert bei jedem Widerstand zum Schluchz- Baby: die Werdarfwas- und Wermitwem- und WeristderBestimmer-Agressionen bergen für das Publikum ein ähnliches Begeisterungspotential wie die Koalitionsverhandlungen. Das ist es, was mit Speisen und Fürs sonntägliche Familienessen bastle ich dann noch ein paar Ravioli mit ... weiter lesen ...
Der Lange zum Beispiel gehört nicht zu den letztes Mal hier bemühten Matulesken, Gott seis in jeder Hinsicht gedankt, außer im Zusammenhang mit Rohrzangen u.ä. Der Lange hat zu den üblichen männerkonnotierten Feierabendexpressionismen eine eher kulturrelativistische Einstellung. Das Bubenmädchen hat eine Belohnung für ich weiß nicht mehr was verdient und wünscht sich einen Matchbox-Audi, der Lange geht los und kommt mit einem Matchbox-Subaru zurück. Audis habe es keine gegeben, das sei aber fast das Gleiche. Ja, insofern es auch vier Räder hat: Das Bubenmädchen natürlich plärr, und mit was, mit Recht. Sogar mir, die ich zu unserem Auto ein extrem unverspanntes Verhältnis pflege (fährt es: gut, fährt es nicht: Taxi), ist der Unterschied zwischen einem Audi und einem Subaru klar, und Entschuldige, Langer, aber das kannst du echt nicht bringen. Wieso nicht, es ist eh blau. Blau?, du redest wie ein
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Weil ich letztes mal gesagt habe, ich bin ähh 40 (sehen Sie? Es geht schon viel leichter): Grad bin ich auf das neue NoMeansNo-Album gestoßen, das sagt dir jetzt nix, Bubi, aber Ihnen vielleicht schon, weil, eben: die müssen doch auch schon 60 sein, beziehungsweise, die waren doch schon an die 50 wie wir 25 waren, aber nach wie vor: keine Gnade. Absolut keine Gnade. Nicht ein Mikrogramm Altersmilde. Man muss das bewundern. Ich jedenfalls bewundere das, wie diese Herren Kanadier an ihrer Jugendmaxime festgehalten haben, dass Musik sehr laut, sehr schnell und unglaublich knüppelig zu sein hat, TFTFTFTFTF, unabhängig von der Zahl der Lebensjahre ihrer Erzeuger. Mild ist man, wie ihr 2004er-Album zeigt, höchstens mit Lausern, die das sowieso nie kapieren werden. Das Cover zeigt das Foto eines krakeligen Toilettengrafitis: „How fucken old are NoMeansNo? Give it up Grandaddys!“ Aber: No paseran, Buberls; und sowas gefällt mir natürlich. Immer schön renitent und deppert bleiben, die Herren; auch wenn ich zugebenermaßen auch meistens lieber Weicheier-Musik höre, also im Vergleich zum NoMeansNow-Sound jetzt. Während der Lange, wie ich letztens Damenabend hatte, draufkommen mußte, dass er den Lebensabschnitt, in dem er Zombiefilme tolltolltoll fand, auch schon vor längerem verlassen hat. An jenem Damenabend zeigten sich die Grenzen meiner Akzeptanz geriatrischer
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Wie wir kürzlich auf diesem Kindergeburtstag eingeladen waren, kam ich neben einer Mutter zu sitzen. Nona. Wir plauderten so. Man ist ja höflich, man will ja nicht schon beim Anschnitt des Geburtstagskuchens den schlechten Eindruck hinterlassen. Den schlechten Eindruck hinterlass ich lieber später, wenn die braven Mütter schon heimgegangen sind, während man selbst gerade mal deutlich eine Meinung formuliert, zu zu zu, ich weiß nicht: zu Elitekindergärten, zu den Koalitionsverhandlungen, zur Fischqualität in Wien, zu Müttern ohne Makel. Ja, zu Müttern ohne Makel, weil in irgendeinem Magazin hat immer grad eine wieder ihre fleckenlose Entspanntheit hergezeigt: ach, drei, vier Kinder, Haushalt und Beruf, das schafft man mit einem bisschen guten Willen, etwas Organisationstalent und vor allem ganz, ganz viel Liebe doch wie nix. Die zwei bis drei Kindermädchen und/oder Euromillionen, die der Gatte jährlich heimträgt, bleiben unerwähnt, weil die haben mit der Gelassenheit nichts zu tun, denn so eine Gelassenheit kommt von innen, wissen Sie: von ganz, ganz innen. Aber noch plaudern wir höflich; die Mutter neben mir ist sogar derart höflich, mich zu fragen, was ich so mache. Ich sags ihr halt, und sie sagt, ach Sie sind die?, und dass sie das manchmal liest, und mich, also jetzt vom Foto her, gar nicht erkannt hätte. Das ist schon ok, aber nicht ok ist, dass sie dann sagt, aber, naja, auf dem Foto sei ich halt doch wohl EINIGE Jährchen jünger als jetzt. Ich zeige ein fleckenloses gelassene-Mutter-Lächeln und sage jaja, stimmt, haha. In Wirklichkeit ist das Foto knapp zwei Jahre alt und ich bin ehrlich gesagt, schockiert, weil ich offenbar akkurat die Realität
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Und nachdem Geena Davis die Welt vor einem Atomkrieg bewahrt hat, geht sie rüber in den Kinderflügel des weißen Hauses und liest ihrer jüngsten Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte vor. „Ist jetzt alles wieder gut, Mami?“, fragt das Kind, und während sie das Licht ausmacht, sagt Mrs. President, „ja, Mausi, jetzt ist alles wieder gut.“ Denn Mami hat den Planeten gerade nochmal gerettet, das Böse in die Schranken gewiesen, dem Guten zum Sieg verholfen und jetzt gute Nacht und schlaf schön. Sowas geschieht natürlich nur im Fernsehen, in Sat1, wo in „Welcome Mrs. President“ US-Präsidentin Mackenzie Allen immer Dienstag Nacht beweist, dass es durchaus möglich ist, Kinder und Weltherrschaft unter einen
Schimpft mich gestrig, heißt mich technologiefeindlich, unterstellt mir ein gestörtes Verhältnis zur Moderne: Aber Computerspiele machen mir Angst. Genauer, die Computerspielerei, wie sie Besitz von Menschen ergreift, wie sie in der Lage ist, Menschen von der Realität zu entfremden. Wie sie ihnen den Eindruck vermittelt, die Teilnahme an dieser altmodischen und technologisch ziemlich überholten Realität sei nicht verpflichtend, wo es doch eine schöne Auswahl an weit attraktiveren neuen Realitäten gibt, ganz easy per Konsole zu bedienen. Ein neues Online-Rollenspiel nennt sich extrem folgerichtig „Second Life“ und ermöglicht es den Mitspielern, sich
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Wenn ich geschrieben hätte, meine Freundinnen und ich würden gern öffentlich, ich weiß nicht, Parkbänke in Brand stecken, kleine Katzen foltern oder an fremde Wände wischerln, die Reaktionen hätten kaum empörter ausfallen können. Wir haben aber nur öffentlich gelacht. Die praktisch einhellige Lesermeinung (Leser diesmal akkurat im Sinne von männlicher Leser): Lachen Sie zu Hause! Der Beislbesucher habe ein natürliches Recht auf Unbelachtheit! Rücksichtslos, egoistisch und eine Zumutung sei das, anderen Leuten die eigene gute Laune aufzuzwingen! Und ein bissl einen Anstand müsste man sich selbst von einer wie mir erwarten dürfen. Na na na na. Jetzt aber. Drängt sich nämlich die Frage auf: In diesem öffentlichen Raum – im inkriminierten Fall das Innere eines Beisls – wer hat da die stärkeren Rechte? Die Ruhebedürftigen oder
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Sitz ich mit meinen Freundinnen beim Skopik & Lohn, sehr feines neues Beisl in der Leopoldstadt, übrigens. Wir haben uns länger nicht gesehen, dementsprechend wird sich gefreut, und gut, wir tun das eventuell minimal über Zimmerlautstärke. Aber echt minimal. Ja, es mag stimmen, dass das glockenhelle Lachen der Polly Adler an einem windstillen Tag von hier bis in die Schreyvogelgasse (haha: Witz.) zu vernehmen ist, aber gerade auch deshalb bin ich so gern ihre Freundin. So ein herrliches Lachen. An einem Tisch in der Nähe sitzt ein Hans-Peter-Martinfarbener Herr mit zwei Damen und dem Rücken zu uns; und noch bevor das erste Veltliner-Achterl ausgetrunken ist, lange, bevor wir vom Aufwärmgekicher zum ernsthaften Gelächter übergegangen sind, also im Prinzip, bevor überhaupt irgendwas geschehen ist, erhebt sich.
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Und jetzt schlafen die Kinder ein zur Stimme von Beth Orton, die drüben im Zimmer, in dem die Mutter sitzt und arbeitet, wieder und wieder Leonhard Cohens „Sisters of Mercy“ singt, und eine schönere Art, einen langen Tag zu beenden, kann es doch gar nicht geben, oder. Und eine lange, anstrengende Woche, eine Woche, nach der ich mir sage: es muss anders werden. Die Kinder haben zu viele Termine. Die Kinder haben zuwenig Zeit, um einfach zuhause zu sein und zu spielen und sich zu langweilen. Aber. Wir sind so viel eingeladen. Und wir sind von so netten Menschen eingeladen, wo man nicht nein sagt, wenn die sagen: wie gings euch am Montag? Sondern wo man sagt, super, am Montag gings uns gut. Am Dienstag, als ich mit Lotte und der Kaiserin vorm Palmenhaus in der Sonne sitze, radelt der Roger vorbei und bleibt stehen und trägt dabei eine sagenhaft lässige
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Der K. aus H. schreibt, bitte keine Beschwerden über Post und Bahn mehr: Institutionenkritik sei grauenhaft unsexy, schreibt der K., und die Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern seien übrigens auch längst totgeschrieben und auf Wiedersehn. Der K. wird es also nicht unbedingt goutieren, wenn ich heute eine Anregung von Leser Peter S. aufgreife , der meint, dass es in Wien nicht nur, wie ich gestern beklagte, zu wenige Plätze gibt, sondern auch zu wenig Sitzplätze: Finde ich nämlich auch. Wir wissen, warum, weil man es in Wien den Sandlern sehr unbequem machen will. Dass die bloß nicht auf die Idee kommen, sich
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Eist ist schon ein paar Tage her, dass „Viennale“-Direktor Hans Hurch in einem Falter-Interview gemeint hat, er mache jetzt „Bobo-Bashing: Man darf denen diesen he-donistischen, halbkritischen Genuss nicht durchgehen lassen.“ Das beschäftigt mich immer noch. Ich mag den Hurch: Ich mag, wie er die „Viennale“ als Ereignis zelebriert, wie er sich nichts schert um Geschmäcker und Generalmeinungen, und dass er dennoch als möglicher Kulturminister gehandelt wird. Aber die Sache mit den Bobos ärgert mich, weil diese grad so schicke Bobo-Miesmacherei ist mir etwas zu billig. Vor allem, wenn sie von einem Hurch kommt, der es sonst nicht billig gibt. Bobo ist, falls Ihnen das noch nicht bekannt ist, ein Mischwort aus
Sie haben mir doch eh nicht geglaubt, dass ich es schaffe, mich nicht mehr in Sachen einzumischen, die mich eigentlich nichts angehen (wobei „eigentlich“ in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext natürlich sowieso relativ ist), die Hofingers auch nicht, und die Kaiserin sowieso nicht. Ha ha ha, hat die Kaiserin gesagt. Die Breussin hat es auch nicht geglaubt, allerdings musste ich die zurechtweisen, weil eine blöde Bemerkung über einen Vierjährigen, der noch immer nach den Brüsten seiner Mutter langt, wenn ihm das Essen wo nicht schmeckt, kein Einmischen ist, sondern deppertes Reden. Das muss man bitteschön unterscheiden, und dass ich nie mehr deppert reden will, habe ich nie gesagt. Ich muss auch von was leben. Geglaubt – besser: gehofft - haben es die Horvaths, die luden uns zum Essen ein, und die Vorspeise verlief reibunglosmit einer Konversation über den freundlichen und überaus kompetenten Herrn Manfred aus der lokalen Metzgerei, mit dem der Horvath und der Lange immer befriedigende Unterhaltungen über steirische Mufflons und ostschweizer Charolais-Kälber führen. Aber wenn ich beim Einkaufen an den Herrn Manfred gerate, brauche ich verlässlich gerade zwei Kilo Leberkäsbrät oder80 Deka gemischtes Faschiertes, und jedesmal hab ich ein total schlechtes Gewissen, dass ich den kompetenten Herrn Manfred, der sich mit so vielen Dingen auskennt, mit so einem Mist belästige, und ich werde total nervös, vor allem, wenn hinter mir ein paar Leute anstehen, die sich unbedingt mit dem Herrn Manfred über die Beiried vom steirischen Biorind beraten müssen. Letztes Mal hat der Herr Manfred gesagt, ich soll nicht so nervös sein, so eilig hat er es ja nicht, da ist mir dann auch noch der Schweiß ausgebrochen. Das erzählte ich, obwohl bei den Horvaths auch Dinge geschahen, die einen Kommentar erfordert hätten, aber. Dann öffnete der Horwath einen unglaublichen Brunello und servierte ein herrliches Kalbsgulasch mit Nockerl, jeder Fleischbrocken hundertprozentig vom Herrn Manfred persönlich erwählt. Dann schenkte er vom Brunello nach, und am nächsten Morgen, wie ich mit Lotte und der Kaiserin schwimmen gehe, muss ich sagen, liebe Kaiserin, danke, dass du exakt um 19 Uhr 34 angerufen hast, weil das Gespräch war gerade an einem sehrsehr kritischen Punkt. Die Kaiserin sagt, lass mich raten, du hast dich in was eingemischt, was dich nichts anging, und ich hab gesagt, was heißt eingemischt, die Königsdisziplin vom Einmischen: Kindererziehung, Spezialgebiet: wieviel soll ein Vierjähriger fernsehen, und die Kaiserin sagt: Ich. Will. Es. Nicht. Wissen. Aber Lotte sagt, sie begrüßt, dass ich jetzt zumindest den Willen zeige zu reflektieren, wie ich mich eingemischt habe, da schimmere doch ein Charakteroptimierungswunsch durch, sagt Lotte, Babyschritte zwar, sagt Lotte, aber immerhin, dreißig Längen heute?, und die Kaiserin und ich sagen, okay, los.
Ich sitze noch keine Stunde mit der Gerti im Kaffeehaus, wird mein Tyranneibewältigungstraining schon arg auf die Probe gestellt. Mein Entschluss, nicht immer so rechthaberisch und erbarmunglsos missionarisch zu sein und nicht immer anderen Leuten meine Lebensprinzipien aufzuzwingen, ist nämlich unumstößlich. Aber der Weg dorthin ist hart und wird durch das Frühstück mit Gerti nicht leichter. In der Stunde, die wir jetzt hier sitzen, hat Gerti drei doppelte Espressi geext und vier oder fünf Tschick geraucht, normales Gerti-Programm, nur, Gerti ist jetzt schwanger. Bist du sicher, dass du das Kind willst, sage ich, und Gerti schaut so, denn sie ist, auch wenn sie bislang nur etwa 35 Gramm zugenommen hat, im sechsten Monat, die Frage stellt sich also nicht mehr. Aus medizinischer Sicht sind drei Espressi, hebe ich an, lass es dann aber, weil es saublöd ist, wenn eine Schreibse einer Ärztin etwasMedizinisches erläutert. Im Einklang mit meinem Toleranzexpanderprogramm sage ich dann also etwas wie: aber was geht’s mich an, und Gertis Blick läßt keinen Zweifel dran, dass sie das auch findet.
Bloß ist es mit der Besserwisserei so eine Sache, man kann es schlecht dabei belassen. Also still. Weil wenn ichs nunmal besser weiß - und heilige Hölle, ich kann auch nicht sagen, woran das liegt, aber das tu ich nun mal häufig - ist es praktisch unumgänglich, dass ich andere daran teilhaben und davon profitieren lasse. Das hat zwar, wie sich auch beim letzten Kindergarten-Elternabend wieder mal zeigte, eine suboptimale Wirkung auf meine Sympathiewerte, aber an irgendeinem Punkt der eigenen Biografie muss man einfach akzeptieren, wozu man also auf der Welt ist und wozu nicht. Also dass, jetzt zum Beispiel, Kate Moss auf der Welt ist, um als Stilikone angebetet zu werden und komme was wolle Pete Doherty zu vögeln, und nicht, um sie mit neuen Erkenntnissen in der Teilchenphysik oder im theoretischen Feminismus zu bereichern. Und ich sitze eben im Kindergarten-Elternabend, und ich weiß, es wäre jetzt viel gemütlicher, nicht das Maul aufzureißen und nichts beizutragen und mal keine Meinung zu haben, aber dann sage ich mir, dass ich nicht hier auf diesem Kinderstuhl hocke, um mein Harmoniebedürfnis auszuleben. Weil: mein Harmoniebedürfnis lebe im daheim aus. Soweit es der Lange und die Kinder halt zulassen, und wenn nicht, unter einem Kopfhörer. Elternabendbezüglich ist nun dagegen eine kleine Besserwisserei unvermeidlich, es geht hier um etwas Prinzipielles, und, Glück gehabt, Mutter Breuß und Mutter Rohrer springen mir bei, egal, wie sehr uns die Mütter von Jenny, Joey und Joel dafür verachten. Kritik ist nun mal kein Beliebtheitwettbewerb. Das wollte ich den Literaturkritikern letztes Mal und den Kabarettisten immer schon sagen, aber hier ist es jetzt zugegebenermaßen sau deplatziert.
Dem Kanzler aber, der den Unentschlossenen ganz zum Schluß noch 40 Gründe nennt, warum sie ihn wählen sollen, teile ich folgendes mit: Die in Grund 21 („Weil er mit Begeisterung Musik macht“) verpackte Anspielung an die schlechten Menschen, die keine Lieder kennen, ist seit HipHop und Musikantenstadl unbrauchbar. Und dass Sie „ein Freund“ (39) sind, ist schön, aber als Information unvollständig, weil: von wem? Und wie zeigt sich das? Dass sie Elisabeth Gehrer wieder zur Unterrichtsministerin machen? Schön für Freundin Gehrer, sehr sehr schlecht für Österreich. Soviel weiß ich sicher besser.
Und auch, dass eine Schwangere definitiv keine drei doppelten Espressi hintereinander trinken und auch nicht so viel rauchen sollte. Auch wenns mich überhaupt nichts angeht und extrem gegen den gesamten Antirechthaberismuskanon verstößt, aber schmecks.
Hören tu ich zur Zeit am liebsten Metric, das ist ein musikalisch sehr vorteilhaft kanalisiertes Frauengegrantel from Canada, auf unkindische Weise postpunkig, so dass man das, das rede ich mir wenigstens ein, auch als Erwachsene gut finden kann. Darf. Also. Dieses Erwachsensein bleibt ein schwieriges Terrain, vor allem aufgrund des Fehlens eines verbindlichen Kanons. Beziehungsweise, falls einer existiert – und ich denke, meine Mutter denkt, dass das das der Fall ist – weiß ich ihn zu ignorieren. Lieber bin ich, anders als etwa Sedlacek, praktisch permanent verunsichert. Denn während Sedlacek, dessen Handy mir heute nachmittag unablässig MMSe aus dem Inneren seines Hosensacks schickte, die gängigen Reife-Aspekte wie Würde, Distinguiertheit oder die Fähigkeit, die Tastensperre seines Handys zu aktivieren, für keine erstrebenswerten Erwachsenentugenden hält, wünsche ich mir auf meinem Weg in den Pflegenotstand immer noch etwas derartiges wie eine Etappe eleganter Reife. Aber jedesmal wenn ich die Bergwertung dorthin faktisch
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Das Mädchen auf dem Wahlplakat wirkt nicht froh. Sie sitzt neben Wolfgang Schüssel auf der Albertinatreppe, zupft unentspannt an ihrem rotweißroten Plastikarmband rum und lacht verlegen: Es ist ihr anzusehen, dass ein begeistertes, animiertes, bisschen verführtes Lachen von ihr erwartet wird, so als hätte Schüssel gerade eine für einen Kanzler extrem locker-amüsante Bemerkung gemacht, und es ist ihr anzusehen, dass sie das dazugehörige Lachen auch ehrlich gern bringen würde, aber irgendwie gelingt es nicht. Vielleicht sagt Schüssel was Peinliches. Vielleicht sagt er was zu Nettes. Vielleicht sagt er etwas, das sie offensichtlich dazu bringen soll, begeistert zu lachen, und die Durchschaubarkeit macht sie unrund. Vielleicht rückt er zu sehr ran. Vielleicht wäre sie lieber das andere Mädchen auf der Treppe, das mit einem hübschen Burschen ihres Alters flirten darf. Vielleicht findet sie, dass so ein Plastikarmband an einem Mann über 25 etwas lächerlich aussieht. Vielleicht tut ihr Schüssel leid, weil er junge Mädchen dafür bezahlen muss, sich mit ihm auf Treppen zu setzen. Vielleicht ist sie eine unterbezahlte Altenpflegerin aus der Slowakei, die nebenbei bisschen modelt und überhaupt nicht versteht, was der merkwürdige kleine Mann mit dem
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Die Breussin wirkt nicht mal irritiert. Obwohl ich im Kino an ihr dranpicke, als wollte ich was von ihr: aber vermutlich kann sie den Kerl an meiner anderen Seite, von dem ich größtmöglichen Abstand zu gewinnen suche, bis zu sich rüber riechen. Himmel, die Auswahl von Deodorants in den westlichen Industriestaaten ist nun wirklich unendlich, warum gibt es immer noch Leute, die akkurat keins benutzen? Und Duschgels offenbar auch nicht? Natürlich dauert der Film zwei Stunden, und ist ein ziemlicher Scheißfilm, weil offenbar die Kritiker, die „Volver“ praktisch durch die Bank super fanden, sich nachher an nichts erinnert haben, als an Peneolope Cruzes Melonentitten. Ja, das ist jetzt überspitzt, aber Entschuldigung, was soll an diesem Film so toll sein? Allerdings: was hab ich erwartet, der Film ist von Pedro Almodovoar. Und tatsächlich hab ich mir ja mal geschworen, mir nie wieder einen Film von Almodovar anzusehen, weil ich dem sein Frauenbild
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Jetzt hab ich mir gedacht, schreib ich doch mal darüber, wie letzte Woche, als wir an einem tüchtig über 30 Grad heissen Tag mit der Österreichischen Bundesbahn fuhren, in Tirol die Klimananlage des Kinderspielwaggons ausfiel und bis Wien nicht repariert wurde, und wie dann praktisch überhaupt kein Personal in dieser unbelüfteten Mobilsauna mehr erschien, schon gar nicht, um irgendwelche Hilfe anzubieten, etwa beim Finden von Plätzen in kllimatisierteren Zugzonen, oder beim Transfer von Kindern und Gepäck dort hin, und wie dann ein Mitreisender, der schon in Innsbruck aussteigen durfte, sagte, er lebt jetzt seit ein paar Jahren in der Schweiz, und irgendwie passiert sowas dort nie. Und das kann ich bestätigen: Sowas passiert in Schweizer Zügen nie, und das würde ich den österreichischen Bahnverantwortlichen gerne mitteilen, also, dass ein nahezu schikanefreies öffentliches Verkehrsnetz in anderen Ländern möglich ist, aber Honzo sagt, nichts Uncooles sei
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Die Hitze und ihre Folgen auf die Ästhetik im öffentlichen Raum: Was dürfen Männer alles zeigen?
Es gibt wichtigere Sachen, über die man jetzt schreiben könnte. Über den Krieg im Libanon, die vielen toten und verletzten Zivilisten, die zerstörten Existenzen. Über die in den USA entstehende öffentlich abrufbare Sexualtäter-Datenbank. Über eine hübsche Russin, die für ihren schönen Gesang eine österreichische Staatsbürgerschaft geschenkt gekriegt, während gleichzeitig Wissenschaftler aus Österreich ausgewiesen und Familien gnadenlos auseinandergerissen werden. Über Elisabeth Gehrers Drohung, als Wissenschafts- und Unterrichtsministerin auch der nächsten Regierung zur Verfügung zu stehen. Über Erwin Pröll, der immer noch nicht genug Haiderei in der Regierung hatte und über eine Fortsetzung von schwarz-orange halluziniert. Über den neuesten Skandal im Radsport und ob man Doping nicht einfach erlauben sollte.
Trotzdem diesmal: Männer in zu kurzen Hosen. Männer in Socken und Sandalen. Männer in labberigen T-Shirts. Männer ohne labberige T-Shirts, mitten im
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Die Kinder sind fünf Tage bei Oma in den Ferien, und selbstverständlich machen wir all die Sachen, die Erwachsenen in Anwesenheit ihrer Kinder streng verboten sind: Wir sitzen jeden Tag schon um halbsieben in Unterhosen vor dem Fernseher, zupfen mit fettigen Fingern Pizza und Cheeseburger aus dem Karton und schauen uns acht bis zehn Folgen von „Curb your Enthusiasm“ in Serie an. Ja, geil. Es geht da um Larry David, einen „Seinfeld“-Produzenten mit ungesundem Hang zur Rechthaberei, und in Anbetracht eines Konflikts um einen Liegestuhl im Kongressbad ein paar Tage zuvor, konstatierte ich beunruhigende Parallelen zu meiner eigenen Charakterkonstruktion. Ja, ich hab den Streit angefangen. Ja, ich war im Unrecht, obwohl andererseits wirklich alle Welt weiß, dass ein Liegestuhl ohne Badetuch ein freier Liegestuhl ist, egal ob er zwischen zwei akut bewohnten Liegestühlen eingekeilt ist oder nicht. Ja, die beiden dummen Schnepfen hatten Recht, als sie sich den Liegestuhl, kaum dass ich mich für zwanzig Sekunden von ihm entfernte, wieder
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Die Wohnungen, in die ich dieser Tage eingeladen werde, sind dazu angetan, die ungutesten Aspekte meiner eh schon beklagenswerten Tierkreisdisposition zu herauszuarbeiten. 150 qm Architekten-Neubau mit Riesenterrasse und grünem Rieseninnenhof, 200 qm Loft mit Terrasse und Garten, 400 qm Altbau mit einer Art Privat-Au. Neid. Willauch. Warumhabendiewasichnichthabe. WarumistdasSchicksalsogemeinzumir. Das Übliche. Aber das Wohnen mit Wiese steht im Moment nun Mal in meiner Prioritätenliste ganz oben; hat wohl was mit der Hitze zu tun und damit, dass mir die Kinder alle Tage zur Kenntnis bringen, dass sie auch so einen Garten wollen wie der Jakob und die Fritzi, nicht nur so einen popeligen kleinen Balkon wie wir. Einen Gar-ten. Ja, ich habs kapiert. Mir steht der Sinn allerdings mehr nach einer Wochenendhütte am Land, in der richtigen Natur sozusagen, und Honzo
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Das ist der Sommer, in dem ich nicht mehr aufstehe. Diesen Sommer bleibe ich sitzen. Diesen Sommer wate ich nicht mehr knietief durch das seichte, verseichte Wasser städtischer Kinderbecken: Ich bleibe sitzen und schaue meinen planschenden Kindern zu, und solange nicht geröchelt und leblos auf dem Wasser getrieben wird, sehe ich keinen Grund, mich vom Liegestuhl zu erheben. Diesen Sommer tauche ich nicht mehr stundenlang Schaukeln an, höcher! noch höcher! Nein. Ich sitze auf einer Bank im Schatten, lese Feuilletons oder unterhalte mich mit den anderen Müttern, die diesen Sommer auch sitzen bleiben. Gut, heuer laufen wir gebückt hinter Kinderfahrrädern her, jaaa! supaaaaa!, priiiiiiima machst du das, ganz toll, du musst nur lenken!, lenken!!, LEN-KEN!!!, aber sonst bleiben wir sitzen. Und ok, wir dürfen noch einmal die schon vergessenen Wonnen der Wasserrutschen erleben, und noch einmal, und noch einmal, und noch einmal, und
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