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Doris Knecht
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24.02.11

Der Lehrer war Schuld

| 02/11 | VN-Kolumne

Die Kinder haben Mutters Schulzeugnisse gefunden. Nicht gut. Gar nicht gut. Das kommt davon, dass man so übertrieben ordentliche Eltern hat, die derlei Papier Semester für Semester in Klarsichthüllen schoben und in einem gelben Bene-Ordner sammelten, welchen sie der Tochter nach ihrer Übersiedelung irgendwann nach Wien überstellten. Wo er jahrelang unbeachtet in einem Regal neben dem Schreibtisch stand. Fehler. Großer Fehler. Es gibt doch so schöne, verschließbare Aktenschränke, man hätte dergleichen schon vor Jahren anschaffen sollen. Aber jetzt sitzen die Kinder im Schneidersitz auf der Couch, einen gelben Bene-Ordner zwischen sich, und machen große Augen.

"Zeig her." "Was?" "Da, schau..." "MAMAAAAA! Da steht, du hattest einen Vierer in Mathematik! Und in Französisch! Und in Chemie!" Äh, ja. "Und da! Du hattest sogar in DEUTSCH einen Vierer! Und jetzt schreibst du Bücher! Wie ist das möglich?" Das lag am Lehrer, Kinder, das lag de-fini-tiv am Lehrer, auch wenn ich nicht vorhabe, diesen Grund bei euch je gelten zu lassen, und überhaupt wäre jetzt der Moment, diesen Ordner schleunigst zuzuklappen. Zuklappen!, nicht weiterblättern!!! Denn, das ist, liebe Kinder, leider noch nicht a..... "EIN FÜNFER! DU HATTEST EINEN FÜNFER! IN MATHEMATIK! UND DA WIEDER EINEN! DU BIST SITZENGEBLIEBEN!"

So. Jetzt hammas. Ja, ich bin sitzengeblieben. Wegen einer einzigen Fünf in Mathematik, was heutzutage erfreulicherweise nicht mehr möglich ist, so wie es demnächst nicht einmal mehr möglich sein soll, überhaupt sitzenbleiben zu können. Wobei: Ich bin, was die Kinder nie zu erfahren brauchen, eigentlich gern sitzengeblieben. Also, jetzt nicht im damaligen akuten Moment, als die Nachricht daheim den Eltern zu überbringen war. Aber im Rückblick und aus der Entfernung der Jahre betrachtet, hat es eigentlich überhaupt nicht geschadet. Denn, wie sich auch jetzt zeigt, wo es allmählich um die Gymnasiumswahl der eigenen Kinder geht: So lange sich Schulen ihre Lehrer nicht aussuchen dürfen, ist die Schulwahl eher zweitrangig, weil die Kinder noch in der besten Schule an einen für seinen Beruf nicht geeigneten Pädagogen geraten können. Während ein hervorragender Lehrer auch in einer Anstalt minderen Rufs der Schüler Lust an Bildung und Wissen zu wecken imstande ist. Weil ich, zum Beispiel, hatte nach dem Sitzenbleiben in Deutsch nur noch Einser, was, wie ich behaupte, meine der-Lehrer-war-Schuld-Theorie doch recht anschaulich untermauert.

Den gelben Ordner habe ich den Kindern jetzt doch entzogen, zur Abwendung verfrühter Debatten über die Anzahl von Mutters abgebrochenen Universitätsstudien. Denn im Unterschied zu Karl-Theodor zu Guttenberg fällt es mir eher leicht, an dieser Stelle folgendes zu verkünden: Ich habe mich entschlossen, auf den Doktortitel dauerhaft zu verzichten.

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