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| 03/09
| VN-Kolumnen
Neues Problem. Die Truhe ist voll. Wenn die Truhe voll ist, habe ich mir gesagt, ist fertig. Wenn die Truhe voll ist, habe ich mir geschworen, ersteigerst du keine Tischtücher mehr. Jetzt ist die Truhe voll, und ich kann nicht aufhören. Aber die Truhe ist ja eine Truhen-Eckbank und wenn sich jetzt, sagen wir, zwei Erwachsene drauf setzen, geht der Sitzbrett-Deckel fast zu. Also, so gut wie; die Tischtücher blitzen ein bissel aus dem Spalt heraus, minimal. Leider hat jetzt wirklich kein einziges Tischtuch mehr in der Truhenbank Platz, dabei sind noch gar nicht alle drinnen. Also das, das ich vorgestern ersteigert habe, und das, das ich heute Abend unbedingt ersteigern muss: Un. Be. Dingt.
Ja, ich weiß, ich besitze schon ein paar bestickte Tischtücher, aber SO ein schönes Tischtuch... Aus groben, rohweißem Leinen, über und über von Hand mit Rosen bestickt. Wunderschön. Man kann so ein schönes Tischtuch nicht ignorieren, das ist bei ebay nicht wie beim Diskonter, wo man sagt: Kaufe ichs heute nicht, schlafe ich einmal oder zweimal darüber; vielleicht morgen. Oder das Schicksal bestimmt, dass nächste Woche noch eins da ist oder dass es übernächste aus China nachgeliefert wird. So ist das bei diesem Tischtuch nicht. Dieses Tischtuch gibt es genau dieses eine Mal auf der Welt, und es steht heute und nur heute um 19.41 Uhr zum Verkauf, und wenn ich es da nicht ersteigere, ist es weg, für immer und ewig.
Der Mann braucht davon nichts zu wissen. Der Mann ist der Ansicht, wir hätten jetzt aber langsam genug Tischtücher. Diese Tischtuchbesessenheit sei ihm erstens nicht mehr wurscht, zweitens hätten wir nun etwa acht Mal so viele Tischtücher wie Tische. Drittens lappe diese Tischtücherei langsam in Spießige, Verbiedermeierte, ob ich sicher sei, dass das zu mir passe. Bin ich. Und falls nicht, möchte ich es mit dem Wort des geschätzten Herrn Palfrader, auch bekannt als Kaiser Robert Heinrich I., ausdrücken: WUASCHT! Überdies habe ich am Montag bis halb vier Uhr früh in einem Lokal Platten aufgelegt, ich meine, eine zweifache Mutter meines Alters: So ein besticktes Tischtuch schafft hier einen wünschenswerten, ja notwendigen Ausgleich. Ich habe, erkläre ich dem Mann, in den letzten Monaten, sagen wir neun Mal aufgelegt und dem Auflegen noch ein paar weitere Facetten altersungemessener Würdelosigkeit hinzugefügt, auf die ich jetzt nicht näher eingehen will, das wiegen die fünf – na gut: acht – Kreuzstich- Tischtücher, der hübsche, handbemalte Wasserkrug, die riesige alte Salatschüssel mit himmelblauem Spritzdekor und die elf Blaurand-Teller, die ich während dieser Zeit ersteigert habe, ja nicht einmal annähernd auf.
Außerdem handle ich bitte im Sinne der Nachhaltigkeit. Ich schone die Ressourcen und beute keine Billiglohnarbeiter aus, wenn ich per ebay altes Zeug ersteigere: Alles, was ich da ersteigere – und es ist ja nichts darunter, was wir nicht dringendst brauchen würden –, muss nicht noch einmal hergestellt und durch die ganze Welt gekarrt werden: ich leiste einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Und, doch, auch zum Wirtschaftswachstum, indem ich die Wirtschaft zwar nicht unmittelbar, aber doch unterstütze, weil ich schließlich die Kaufkraft desjenigen erhöhe, dem ich das Tischtuch um 5, 91 Euro abkaufe. Der kauft sich dann davon ein fünf Kilo Erdäpfel oder ein Handy-Etui, was weiß ich. Und die Post, die Post braucht ja dringend meine Hilfe, sage ich. Und viertens geht die Bank nicht mehr zu, sagt der Mann. Das stimmt. Das ist ein Problem.